358. Wie die Wirksamkeit der Körper im physischen, so ist die

Wirksamkeit der durch Complication oder Verschmelzung entstandenen

Vorstellungsmassen im psychischen Leben auf einander dreifacher

Art. Dieselbe erfolgt nach Art der mechanischen Wirksamkeit zwischen

Körpern, wenn die vorhandenen Vorstellungsmassen ohne Rücksicht

auf die Beschaffenheit ihres Inhalts lediglich auf Grund einer

äusseren Veranlassung mit einander verbunden oder von einander

getrennt werden; dagegen nach Art der chemischen Wirksamkeit zwischen

Körpern, wenn dieselben mit Rücksicht und in Folge der Beschaffenheit

ihres Inhalts mit einander verknüpft oder getrennt werden, endlich

nach Art der organischen Wechselwirkung zwischen den Körpern, wenn

durch zwei oder mehrere Bewusstseinsgebilde mit Rücksicht auf deren

Inhaltsbeschaffenheit ein neues hervorgebracht wird. Erstere Art

der Wirksamkeit findet bei der durch blosse Gleichzeitigkeit oder

Aufeinanderfolge veranlassten Vereinigung gewisser Vorstellungen zu

Begriffen, eben solcher Begriffe als Subjects- und Prädicatsbegriff

zu Urtheilen, eben solcher Urtheile als Prämissen und Schlusssatz

zu Schlüssen statt. Da dieselbe nicht durch den Inhalt des zu

Verknüpfenden, sondern lediglich durch die Thatsache bedingt wird, dass

das zu Verknüpfende gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein

erlebt, also erfahren wurde, so wird um der empirischen Natur des

Grundes der Verknüpfung halber die vollzogene Verknüpfung selbst eine

empirische und werden die durch eine solche zu Stande gekommenen

Begriffe, Urtheile und Schlüsse deshalb empirische genannt. Die

zweite Art der Wirksamkeit findet bei der durch Homogeneität bewirkten

Verschmelzung gewisser Anschauungen zu sinnlichen Vorstellungen, so

wie der durch Verschmelzung der identischen Bestandtheile gewisser

Vorstellungen verursachten Entstehung von Begriffen, endlich bei

der mit Rücksicht auf den Inhalt herbeigeführten Vereinigung bisher

getrennt gewesener, aber zusammengehöriger Begriffe als Subjects- und

Prädicatsbegriff im bejahenden, so wie durch Trennung bisher verbunden

gewesener, aber nicht zusammengehöriger Begriffe im verneinenden

Urtheil statt. Die dritte Art der Wirksamkeit aber zeigt sich,

wenn, wie z. B. im einfachen oder zusammengesetzten Syllogismus,

aus zwei (oder mehreren dem Inhalte nach verwandten d. i. theilweise

identischen, theilweise entgegengesetzten) Urtheilen (major, minor) ein

neues, dem Inhalte nach mit keinem der Vordersätze für sich, aber mit

allen zusammengenommen (wie die Folge mit der Summe ihrer Theilgründe)

identisches Urtheil erzeugt wird. Letztere beiden Arten der Wirksamkeit

werden zusammengenommen im Gegensatz zu der ersten, da dieselbe mit

Rücksicht, die erste dagegen ohne Rücksicht auf den Inhalt erfolgt,

um der logischen Natur des Grundes der Verknüpfung willen logische und

die auf diesem Wege zu Stande kommenden Bewusstseinsgebilde logische

Begriffe, logische Urtheile und logische Schlüsse genannt. Während die

erste den durch Erfahrung gegebenen Stoff in Folge der Gleichzeitigkeit

oder der Aufeinanderfolge desselben zu einem Ganzen verknüpft,

welches als solches ein blosses Aggregat des Erfahrenen d. h. eine

durch Wiederholung sich stets vermehrende Häufung einzelner Erfahrungen

ausmacht, verfährt die zweite Art der Wirksamkeit dem durch Erfahrung

gegebenen Bewusstseinsinhalt gegenüber kritisch (sichtend), indem

sie dasselbe mit Rücksicht auf dessen Inhalt prüft, das Verwandte

verbindet, das Verträgliche duldet, das Unverträgliche ausscheidet, die

dritte Art der Wirksamkeit aber begründend (constructiv), indem sie auf

Grund der im gegebenen Bewusstseinsmaterial gegebenen Bedingungen in

jenem nicht Gegebenes, aber durch diese Bedingtes folgert d. h. aus dem

Vorhandenen Nichtvorhandenes, aus dem Alten Neues erzeugt. Ersteres,

das rein empirische Verfahren, aus dem die sogenannte "Praxis" im Leben

und der "Empirismus" in der Wissenschaft sich entwickeln, kann auch

als "Juxtaposition" d. i. als Nebeneinanderreihung von Thatsachen,

das zweite als "Analyse", aus der die sogenannte Verstandesthätigkeit

im Leben und die zersetzende Kritik in der Wissenschaft hervorgeht,

die dritte als "Synthese", auf welcher die sogenannte Vernünftigkeit

im Leben und die aufbauende Deduction in der Wissenschaft beruht,

bezeichnet und je nach dem Vorherrschen der einen oder der andern

das individuelle Bewusstseinsleben als überwiegend empirisches

(mechanisches), verständiges (auflösendes) oder vernünftiges

(organisches) benannt werden. Sowol durch das empirische wie durch

das analytische Verfahren werden zwar nicht dem Stoff, aber doch der

Form nach neue Bewusstseinsbildungen, durch das organische werden

anstatt und auf Grund alter Bewusstseinsbildungen neue, denselben

gleichartige wiedererzeugt. Wie durch das Summirung vorangegangener

Bewusstseinsacte ein neuer entsteht, der eben nur die Summe der

früheren ist (z. B. das copulative Urtheil als Summe der copulirten

Urtheile; der auf vollständiger Induction ruhende Schlusssatz als

Summe der vollständig aufgezählten Prämissen), so kommen durch die

Verbindung des Zusammengehörigen aber Getrenntgewesenen, und durch

die Trennung des Nichtzusammengehörigen aber Verknüpftgewesenen

neue Bewusstseinsgebilde zu Stande, die von den früheren nicht

dem Stoff, aber der Form nach verschieden sind (z. B. das Urtheil:

die Erde bewegt sich um die Sonne, durch die Auflösung des früheren

Urtheils: die Sonne bewegt sich um die Erde). In beiden Fällen bestehen

diejenigen Bewusstseinsbildungen, aus welchen die neue entstanden ist,

neben dieser in der Weise fort, dass dieselben im ersten Fall Theile

der neu entstandenen ausmachen d. h. in derselben einbegriffen sind,

im zweiten Fall dagegen nur die Stelle gewechselt haben und, wie im

obigen Beispiel von dem Verhältniss der Erde zur Sonne, das frühere

Subject zum Prädicat, das frühere Prädicat zum Subjecte geworden

ist. Dagegen gehen bei der organischen Bewusstseinsthätigkeit

die Bewusstseinsbildungen, auf Grund welcher eine neue, denselben

gleichwerthige entstehen soll, in letzterer unter; die neue (z. B. der

Schlusssatz) tritt nicht blos neben die alten, sondern an die Stelle

der alten (der Prämissen); letztere werden durch die neu entstandene

Bewusstseinsbildung weder vermehrt, noch ergänzt, sondern im vollen

Sinne des Wortes ersetzt und wie die Schildwache von ihrem Posten

durch deren Nachfolger abgelöst. Wie die Summe nicht mehr enthält

als ihre Summanden, das Product nicht mehr als seine gleichviel in

welcher Ordnung multiplicirten Factoren, so enthält auch das neue auf

Grund seiner Vorgänger organisch entstandene Bewusstseinsgebilde,

die Folge, nicht mehr und nicht weniger als diese (die Gründe)

zusammengenommen, mit dem Unterschied, dass die Summanden in der

Summe, die Factoren im Product unverändert fortbestehen, während

die Theilgründe in der Folge fortan ununterscheidbar mit dieser

zur Einheit zusammenfliessen. Letztere Art des Zusammenhanges

unter Bewusstseinsgebilden stellt gleichsam eine fortlaufende

Kette von Gründen und Folgen dar, in welcher jedes einzelne Glied

alle vorangegangenen in sich schliesst und seinerseits von allen

folgenden umschlossen wird, und welche sich mit der organischen

Kette vergleichen lässt, welche durch Fortpflanzung geschlechtlich

geschiedener Organismen von Generation zu Generation hin gebildet

wird. Wie in jeder der letzteren die Spur aller Stammeltern, so

erhält sich in jedem Gliede der ersteren, als Folge betrachtet, die

Spur aller Stammgründe. Und wie jene durch die organische Umbildung

sämmtlichen in den vorangegangenen elterlichen Organismen enthaltenen

Stoffs entstanden, so ist diese durch das causale Zusammenwirken

aller in den vorangegangenen Gliedern der Kette wirksam gewesenen

Theilgründe begründet.

359. Alle bisher in Betracht gezogenen Bewusstseinsvorgänge waren

entweder primitive Bewusstseinsacte, oder solche, welche aus

diesen in Folge der zwischen ihnen herrschenden quantitativen und

qualitativen Beziehungen entstanden sind. Machen nun jene Beziehungen,

von den mittels derselben hervorgerufenen Bewusstseinsgebilden

abgesehen, abgesondert für sich im Bewusstsein sich geltend, so

entsteht eine neue Classe von psychischen Phänomenen, die von der

ersteren zwar insoweit abhängig ist, als sie ohne Vorhandensein

jener überhaupt nicht entstände, sich aber zugleich dadurch

von jener unterscheidet, dass ihre Veranlassung nicht, wie bei

den primitiven Bewusstseinsacten, ausser dem Bewusstsein (in

Nervenreizen), sondern im Bewusstsein selbst liegt d. i. in den

Beziehungen, welche zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden

im Bewusstsein selbst herrschen. Solche Beziehungen sind z. B. die

relative Unterdrückung oder im Gegensatz dazu die relative Befreiung,

welche Gebilde im Bewusstsein durch andere in demselben Bewusstsein

erleiden oder erleben, und die Bewusstseinsvorgänge, welche durch

solche veranlasst werden, z. B. die Unlust bei der Einklemmung,

die Lust bei der Erlösung eines Bewusstseinsgebildes durch andere,

werden Gefühle genannt. Während alle primitiven Bewusstseinsacte und

in Folge dessen alle aus denselben in directer Reihe gewordenen, wenn

auch in noch so entfernter und sinnlich abgeblasster Weise zu ihrem

Gegenstand ein äusseres Object haben, ist das Object der Gefühle,

das relative Verhältniss der Bewusstseinsgebilde im Bewusstsein zu

einander, im eminenten Sinne ein inneres und der Inhalt derselben dem

Inhalt der (sinnlichen wie unsinnlichen) Vorstellungen (Anschauungen

oder Begriffe) durchaus unähnlich. Dieselben lassen sich als psychische

Phänomene mit jenen physischen vergleichen, deren Ursache nicht in den

physikalischen Atomen und deren Verknüpfung zu Körpern, sondern in dem

die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Weltäther und

dessen Beziehungen zu dem physischen Stoffe zu suchen ist. Licht,

Wärme, Magnetismus und Elektricität stellen Erscheinungen dar,

deren Grund nicht in den Atomen, sondern zwischen denselben liegt;

Lust und Unlust, Freude und Schmerz Phänomene, deren Grund nicht

oder doch wenigstens nicht immer in dem Inhalt, sondern in der Lage

gewisser Vorstellungen oder Vorstellungsmassen im Bewusstsein zu

finden ist. Die Vorstellung des abwesenden Freundes ist von einem

Unlustgefühl begleitet; nicht weil uns die Vorstellung des Freundes

unangenehm, sondern weil dieselbe durch das Bewusstsein seiner

Abwesenheit gedrückt und dadurch in eine Klemme gerathen ist, aus

welcher dieselbe zu befreien wir uns ausser Stande wissen. Dieselbe

Vorstellung tritt aber sogleich in Begleitung eines Lustgefühls

auf, wenn die Erscheinung des Freundes dieselbe aus dem Banne der

Vorstellung seiner Abwesenheit erlöst. Dieselben zerfallen (wie

die Aetherphänomene) von vornherein in zwei Classen, je nachdem

die Entstehung des Gefühls von der Beschaffenheit des Inhalts der

Vorstellung, an die es sich heftet (wie dort die Beschaffenheit des

Aetherphänomens von der Qualität der Körper, deren Zwischenräume er

ausfüllt) unabhängig, oder durch denselben (wie dort das Aetherphänomen

durch die specifische Natur der Körper) bedingt ist. Gefühle ersterer

Art, weil sie durch Vorstellungen jedes beliebigen Inhalts veranlasst

werden können, werden (von Herbart) treffend als "vage", solche,

die einen bestimmten Vorstellungsinhalt voraussetzen, als "fixe"

bezeichnet. Jene entsprechen in dieser Hinsicht den Licht- und

Wärme-, diese den magnetischen und elektrischen Phänomenen. Jene,

da sie nicht nur bei jeder Vorstellung andere, sondern auch bei

derselben Vorstellung verschiedene, um so mehr in verschiedenen mit

Bewusstsein ausgerüsteten Individuen immer wieder andere sein können

(indem nicht nur Demselben dasselbe bald süss bald bitter, sondern auch

Verschiedenen dasselbe verschieden schmeckt), haben mit Recht zu dem

Sprichwort, dass sich über den Geschmack (eigentlich das Gefühl) nicht

streiten lasse, Veranlassung gegeben und sind ihrer "Subjectivität"

halber auch wohl "subjective Gefühle" genannt worden. Diese, die

fixen Gefühle, trifft zwar obiges Sprichwort nicht, weil die an dem

Inhalt gewisser Vorstellungen haften und daher stets nicht nur im

einzelnen, sondern in jedem Bewusstsein im Gefolge dieser Vorstellungen

auftreten, also im Gegensatz zu den subjectiven Gefühlen "objectiv"

(allgemein d. i. allen gemein) sind; dafür tritt bei ihnen, wenn nicht

besonders Rath geschafft wird, der allgemeine Uebelstand des Gefühls,

dass es sich, statt auf Objecte, auf das Subject d. i. statt auf

Vorgestelltes, auf den Vorstellenden selbst bezieht (in Bezug auf

jenes also "dunkel" ist, nicht weiss, was es fühlt) so sehr in den

Vordergrund, dass dasselbe darum mit Misstrauen betrachtet und von dem

Versuch, auf dasselbe eine Wissenschaft zu gründen, ausgeschlossen

zu werden pflegt. Dieser Uebelstand schwindet, wenn das Gefühlte

(die Vorstellung) nicht, wie es bei dem sogenannten Angenehmen und

Unangenehmen der Fall ist, mit dem Gefühl in eins zusammenrinnt,

sondern, wie es bei dem Schönen und Hässlichen der Fall ist, von

dem Gefühl abgesondert vorgestellt d. h. nicht nur gefühlt, sondern

auch gewusst und als Subject eines ästhetischen Urtheils d. i. eines

solchen, dessen Prädicat ein Wohlgefallen oder Missfallen ausdrückt,

im Verhältniss zu einem andern Gleichartigen (ganz oder theilweise

Identischen oder Gegensätzlichen) seiner Uebereinstimmung oder

Nichtübereinstimmung nach mit diesem und dadurch seinem Werthe nach

beurtheilt wird. Wie der Inbegriff der Gefühle (der vagen wie der

fixen) überhaupt das Gemüth, so wird der Inbegriff der ästhetischen

Urtheile, die ihrer logischen Natur nach identische, also unfehlbare

Urtheile sind, der Geschmack, in dem besonderen Fall, wenn das Object

des ästhetischen Urtheils ein Wollen ist, das Gewissen genannt.

360. Wie die Aetherphänomene zeigen auch die Gemüthserscheinungen

Gegensätze und Intensitätsunterschiede, die bei jenen durch die

Bezeichnungen Helligkeit und Finsterniss einerseits, Hitze und Kälte

andererseits, bei diesen durch die Begriffe Lust und Unlust einer-,

Freude (gesteigerte Lust) und Schmerz (gesteigerte Unlust) andererseits

ausgedrückt werden. Wie unter den ersteren die magnetischen und

elektrischen Erscheinungen insofern eine besondere Stellung einnehmen,

als sie zu ihrem wirksamen Hervortreten der Gegenwart eines anderen

Körpers bedürfen, welcher entweder angezogen oder abgestossen

wird, so spielen unter den Gefühlen diejenigen, welche zu ihrem

Hervortreten der Gegenwart eines zweiten Bewusstseins bedürfen,

in welchem ähnliche oder entgegengesetzte Gefühle entweder wirklich

vorhanden sind oder doch vorhanden zu sein scheinen, die sogenannten

sympathetischen oder Mitgefühle, eine eigenthümliche Rolle. Dieselben

stellen als Mitleid und Mitfreude die Wiederholung eines wirklichen

oder vermeintlichen Leid- oder Lustgefühles des fremden im eigenen

Bewusstsein, dagegen als Neid und Schadenfreude die Begleitung eines

wahren oder vermeintlichen Lust- oder Leidgefühles im andern durch

ein dem Inhalt nach entgegengesetztes Gefühl im eigenen Bewusstsein

dar. Fremdes und eigenes Gefühl sind im ersten Fall gleich-, im

letzteren ungleichnamig. Wie der elektrische Strom durch sogenannte

Induction einen ihn in gleicher oder entgegengesetzter Richtung

begleitenden, so erzeugt fremdes wirkliches oder vermeintliches

Gefühl durch Nachahmung das ihm gleiche oder entgegengesetzte

im eigenen Bewusstsein. Leid und Freude wirken ansteckend wie

Weinen und Lachen und pflanzen sich unwillkürlich, ja wider Willen

von einem zum andern fort. Sympathetische Gefühle haben daher,

auch wenn sie wie Mitleid und Mitfreude einen guten oder wie Neid

und Schadenfreude einen schlimmen Charakter zu haben scheinen und

Veranlassung zu wohlthätigen wie zu feindseligen Handlungen werden

können, im Grunde weder den einen noch den andern, sondern entstehen

durch einen blossen Naturprocess. Da dieselben jedoch, um zu Tage

zu treten, der Gegenwart eines zweiten Individuums bedürfen, so

weisen dieselben über den Umkreis des einzelnen hinaus und stellen

zwischen diesem und dem andern eine zunächst blos ideelle d. h. nur

im Bewusstsein des Mitfühlenden vorhandene Verbindung her, die aber,

wenn das Gefühl Willensentschliessungen und in deren Folge Handlungen

nach sich zieht, zu einer realen, den andern entweder anziehenden

(sympathische Annäherung) oder von sich entfernenden (antipathische

Abstossung) Beziehung werden, daher die Gesellung der Individuen

entweder befördern oder hemmen kann, daher die sympathetischen

Gefühle auch als sociale oder gesellige Gefühle bezeichnet und die

aus denselben entspringenden Attractionen und Repulsionen zwischen

den Individuen mit den Wirkungen zwischen den physikalischen Atomen

wirksamer Anziehungs- und Abstossungskräfte verglichen werden.

361. Wie plötzlich zu grosser Intensität gesteigerte und über

einen ausgedehnten Raum sich verbreitende Aetherphänomene als

(magnetisches, elektrisches) "Ungewitter", so werden plötzlich

hochgesteigerte Gefühle, wenn dieselben sich über den grössten

Theil des Bewusstseins oder über das ganze Bewusstsein in der Weise

ausbreiten, dass die Ich-Vorstellung unterdrückt und die von dieser

ausgehende, beherrschende Macht vorübergehend aufgehoben wird,

als Affecte bezeichnet. Wie jene ihres keineswegs unvorbereiteten,

aber unvermutheten Auftretens halber Ausnahmen von dem gewohnten

Naturlauf, so scheinen diese, da sie, obgleich nicht ohne Grund,

doch ohne bekannten Grund erfolgen, gesetzlose Unterbrechungen

des regelmässigen Bewusstseinsverlaufs zu bilden, daher sie, wie

jene als elementare, so als psychische Zufälle betrachtet zu werden

pflegen. Dort scheint die Natur, hier ist in Folge der Unterdrückung

der Ich-Vorstellung der im Affect Befindliche ausser sich und

die durch das aussergewöhnliche Ereigniss in der Natur (Erdbeben,

Sturmflut, Blitzstrahl u. s. w.) etwa angerichteten Verheerungen

können eben so wenig den (vorübergehend ausser Wirksamkeit gesetzt

zu sein scheinenden) Naturgesetzen, als die etwa im Zorn verübten

unerlaubten oder gemeinschädlichen Handlungen dem (vorübergehend

seiner Herrschaft über das Bewusstsein beraubten) Ich des Zornigen

zur Last gelegt werden. Folge der plötzlichen Lösung des Bandes

zwischen der Ich-Vorstellung und dem bis dahin von dieser beherrschten

Bewusstseinsinhalt ist es auch, dass die etwa bestehenden Associationen

zwischen inneren Gemüths- und äusseren Körperbewegungen widerstandslos

zum Ablauf kommen und daher der vorhandene Gemüthszustand z. B. des

Zornes, dessen Aeusserung sonst durch die Schranken des Wohlanstandes

gehemmt oder doch gezügelt würde, sich rücksichtslos in masslose

Reden und Handlungen umsetzt. Je nachdem die Ursache, durch welche die

Ich-Vorstellung und deren Herrschaft unterdrückt wird, darin besteht,

dass plötzlich eine zu grosse Menge von Vorstellungen auf einmal ins

Bewusstsein eindringt, neben welchen jene sich nicht zu behaupten

vermag, oder dass Umstände eintreten, welche bewusstes Vorstellen

(also auch das der Ich-Vorstellung) überhaupt unmöglich machen,

werden die Affecte in sthenische (Affecte der Stärke) und asthenische

(Affecte der Schwäche) eingetheilt. In jenen wird die Ich-Vorstellung

gehemmt, während die durch den Affect herbeigeführten Vorstellungen

einander gegenseitig unterstützen; in diesen werden die letzteren

sich zugleich unter einander selbst hemmen. Ersterer Art ist der Zorn,

welcher beredt, letzterer der Schrecken, welcher stumm macht.

362. Wie das in der Zeit vor sich gehende wirkliche Geschehen

in der physischen, so ist auch das in der psychischen Welt ein

dreifaches. Wie die erste Art desselben in der Körperwelt darin

besteht, dass der Körper sich bewegt d. h. seinen Ort im Raume, so

besteht die erste Art des Geschehens in der Bewusstseinswelt darin,

dass der Bewusstseinsact aus seinem gegenwärtigen in einen anderen,

also zukünftigen Zustand überzugehen strebt d. h. seinen "Ort"

im Bewusstsein verändert. Von dieser Art ist das Aufstreben einer

durch andere verdunkelten d. h. unter die Schwelle des Bewusstseins

gedrückten Vorstellung aus der Tiefe nach oben gegen die hemmenden

Widerstände. Jede auf diese Weise im Streben begriffene Vorstellung

stellt ein Begehren dar, dessen Gegenstand, der zu erreichende Zustand

der Vorstellung, abwesend, und dessen Befriedigung eben die Erreichung

jenes Zustandes der Vorstellung selbst ist. Folge des Gesagten ist,

dass ohne Vorstellung des Begehrten keine Begierde entstehen (ignoti

nulla cupido), aber auch, dass jede Vorstellung Sitz einer Begierde

werden kann. Dieselbe wird gesteigert, je mehr Hindernisse sich der

Erreichung ihres Ziels in den Weg stellen d. h. je grösser die Zahl

und der Druck derjenigen Vorstellungen ist, welche dem Inhalt der

aufstrebenden Vorstellung des Begehrten entgegengesetzt sind. Die

Vorstellung der Nahrung erzeugt in dem Hungrigen eine Begierde, weil

sich dieselbe durch die Abwesenheit ihres Gegenstandes (den Mangel

an Nahrung) in gedrücktem Zustande befindet. Dieselbe strebt nach

Befriedigung, indem der Hungrige diejenigen Hindernisse zu beseitigen

sucht, welche der Anwesenheit des Begehrten (der Herbeischaffung von

Nahrungsmitteln) im Wege stehen. Sind dieselben beseitigt d. h. ist

die Nahrung nicht nur herbeigeschafft, sondern der Hungrige wirklich

in deren Genuss begriffen, so hört die Begierde auf. Die Befriedigung

ist erreicht, die Vorstellung der Nahrung, die bis dahin eine blosse

Einbildung war, ist zur Empfindung, die bis dahin nur "imaginirte"

zur "geschmeckten" Speise geworden d. h. die Vorstellung der Nahrung

hat sich aus dem Zustande einer Fiction in den einer sinnlichen

Wahrnehmung bewegt, also ihren "Ort" im Bewusstsein wirklich verändert.

363. Je nachdem der Gegenstand einer aufstrebenden Vorstellung

ein sinnlicher oder nicht-sinnlicher (intellectueller), kann

das Begehren selbst ein sinnliches oder intellectuelles, je

nachdem dasselbe von einer Vorstellung über Erreichbarkeit oder

Nichterreichbarkeit, Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Begehrten

nicht nur begleitet, sondern von dieser abhängig gemacht wird oder

nicht, wird es verständiges oder verstandloses, vernünftiges oder

vernunftloses Begehren heissen. Das verständige Begehren ist Wollen,

wenn es begehrt, weil das Begehrte ihm erreichbar, dagegen blosser

Wunsch, wenn es begehrt, ungeachtet das Begehrte ihm unerreichbar

scheint. Das vernünftige Begehren ist vernünftiges Wollen, wenn es

begehrt, was und weil dasselbe nicht nur erlaubt, sondern geboten,

dagegen verblendetes Wollen (Leidenschaft), wenn ihm, was es begehrt,

erlaubt, vernunftwidriges (böses) Wollen, wenn es begehrt, was und

obgleich es ihm selbst unerlaubt, ja verboten scheint. Die Gesammtheit

des innerhalb eines individuellen Bewusstseins enthaltenen Begehrens

macht dessen (psychisches) Naturell, die Gesammtheit des innerhalb

desselben eingeschlossenen verständigen und vernünftigen oder verstand-

und vernunftlosen Wollens dessen (im psychologischen Sinne des Worts)

Charaktermässigkeit oder Charakterlosigkeit aus.

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 25 / 31 段