Wirksamkeit der durch Complication oder Verschmelzung entstandenen
Vorstellungsmassen im psychischen Leben auf einander dreifacher
Art. Dieselbe erfolgt nach Art der mechanischen Wirksamkeit zwischen
Körpern, wenn die vorhandenen Vorstellungsmassen ohne Rücksicht
auf die Beschaffenheit ihres Inhalts lediglich auf Grund einer
äusseren Veranlassung mit einander verbunden oder von einander
getrennt werden; dagegen nach Art der chemischen Wirksamkeit zwischen
Körpern, wenn dieselben mit Rücksicht und in Folge der Beschaffenheit
ihres Inhalts mit einander verknüpft oder getrennt werden, endlich
nach Art der organischen Wechselwirkung zwischen den Körpern, wenn
durch zwei oder mehrere Bewusstseinsgebilde mit Rücksicht auf deren
Inhaltsbeschaffenheit ein neues hervorgebracht wird. Erstere Art
der Wirksamkeit findet bei der durch blosse Gleichzeitigkeit oder
Aufeinanderfolge veranlassten Vereinigung gewisser Vorstellungen zu
Begriffen, eben solcher Begriffe als Subjects- und Prädicatsbegriff
zu Urtheilen, eben solcher Urtheile als Prämissen und Schlusssatz
zu Schlüssen statt. Da dieselbe nicht durch den Inhalt des zu
Verknüpfenden, sondern lediglich durch die Thatsache bedingt wird, dass
das zu Verknüpfende gleichzeitig oder nach einander im Bewusstsein
erlebt, also erfahren wurde, so wird um der empirischen Natur des
Grundes der Verknüpfung halber die vollzogene Verknüpfung selbst eine
empirische und werden die durch eine solche zu Stande gekommenen
Begriffe, Urtheile und Schlüsse deshalb empirische genannt. Die
zweite Art der Wirksamkeit findet bei der durch Homogeneität bewirkten
Verschmelzung gewisser Anschauungen zu sinnlichen Vorstellungen, so
wie der durch Verschmelzung der identischen Bestandtheile gewisser
Vorstellungen verursachten Entstehung von Begriffen, endlich bei
der mit Rücksicht auf den Inhalt herbeigeführten Vereinigung bisher
getrennt gewesener, aber zusammengehöriger Begriffe als Subjects- und
Prädicatsbegriff im bejahenden, so wie durch Trennung bisher verbunden
gewesener, aber nicht zusammengehöriger Begriffe im verneinenden
Urtheil statt. Die dritte Art der Wirksamkeit aber zeigt sich,
wenn, wie z. B. im einfachen oder zusammengesetzten Syllogismus,
aus zwei (oder mehreren dem Inhalte nach verwandten d. i. theilweise
identischen, theilweise entgegengesetzten) Urtheilen (major, minor) ein
neues, dem Inhalte nach mit keinem der Vordersätze für sich, aber mit
allen zusammengenommen (wie die Folge mit der Summe ihrer Theilgründe)
identisches Urtheil erzeugt wird. Letztere beiden Arten der Wirksamkeit
werden zusammengenommen im Gegensatz zu der ersten, da dieselbe mit
Rücksicht, die erste dagegen ohne Rücksicht auf den Inhalt erfolgt,
um der logischen Natur des Grundes der Verknüpfung willen logische und
die auf diesem Wege zu Stande kommenden Bewusstseinsgebilde logische
Begriffe, logische Urtheile und logische Schlüsse genannt. Während die
erste den durch Erfahrung gegebenen Stoff in Folge der Gleichzeitigkeit
oder der Aufeinanderfolge desselben zu einem Ganzen verknüpft,
welches als solches ein blosses Aggregat des Erfahrenen d. h. eine
durch Wiederholung sich stets vermehrende Häufung einzelner Erfahrungen
ausmacht, verfährt die zweite Art der Wirksamkeit dem durch Erfahrung
gegebenen Bewusstseinsinhalt gegenüber kritisch (sichtend), indem
sie dasselbe mit Rücksicht auf dessen Inhalt prüft, das Verwandte
verbindet, das Verträgliche duldet, das Unverträgliche ausscheidet, die
dritte Art der Wirksamkeit aber begründend (constructiv), indem sie auf
Grund der im gegebenen Bewusstseinsmaterial gegebenen Bedingungen in
jenem nicht Gegebenes, aber durch diese Bedingtes folgert d. h. aus dem
Vorhandenen Nichtvorhandenes, aus dem Alten Neues erzeugt. Ersteres,
das rein empirische Verfahren, aus dem die sogenannte "Praxis" im Leben
und der "Empirismus" in der Wissenschaft sich entwickeln, kann auch
als "Juxtaposition" d. i. als Nebeneinanderreihung von Thatsachen,
das zweite als "Analyse", aus der die sogenannte Verstandesthätigkeit
im Leben und die zersetzende Kritik in der Wissenschaft hervorgeht,
die dritte als "Synthese", auf welcher die sogenannte Vernünftigkeit
im Leben und die aufbauende Deduction in der Wissenschaft beruht,
bezeichnet und je nach dem Vorherrschen der einen oder der andern
das individuelle Bewusstseinsleben als überwiegend empirisches
(mechanisches), verständiges (auflösendes) oder vernünftiges
(organisches) benannt werden. Sowol durch das empirische wie durch
das analytische Verfahren werden zwar nicht dem Stoff, aber doch der
Form nach neue Bewusstseinsbildungen, durch das organische werden
anstatt und auf Grund alter Bewusstseinsbildungen neue, denselben
gleichartige wiedererzeugt. Wie durch das Summirung vorangegangener
Bewusstseinsacte ein neuer entsteht, der eben nur die Summe der
früheren ist (z. B. das copulative Urtheil als Summe der copulirten
Urtheile; der auf vollständiger Induction ruhende Schlusssatz als
Summe der vollständig aufgezählten Prämissen), so kommen durch die
Verbindung des Zusammengehörigen aber Getrenntgewesenen, und durch
die Trennung des Nichtzusammengehörigen aber Verknüpftgewesenen
neue Bewusstseinsgebilde zu Stande, die von den früheren nicht
dem Stoff, aber der Form nach verschieden sind (z. B. das Urtheil:
die Erde bewegt sich um die Sonne, durch die Auflösung des früheren
Urtheils: die Sonne bewegt sich um die Erde). In beiden Fällen bestehen
diejenigen Bewusstseinsbildungen, aus welchen die neue entstanden ist,
neben dieser in der Weise fort, dass dieselben im ersten Fall Theile
der neu entstandenen ausmachen d. h. in derselben einbegriffen sind,
im zweiten Fall dagegen nur die Stelle gewechselt haben und, wie im
obigen Beispiel von dem Verhältniss der Erde zur Sonne, das frühere
Subject zum Prädicat, das frühere Prädicat zum Subjecte geworden
ist. Dagegen gehen bei der organischen Bewusstseinsthätigkeit
die Bewusstseinsbildungen, auf Grund welcher eine neue, denselben
gleichwerthige entstehen soll, in letzterer unter; die neue (z. B. der
Schlusssatz) tritt nicht blos neben die alten, sondern an die Stelle
der alten (der Prämissen); letztere werden durch die neu entstandene
Bewusstseinsbildung weder vermehrt, noch ergänzt, sondern im vollen
Sinne des Wortes ersetzt und wie die Schildwache von ihrem Posten
durch deren Nachfolger abgelöst. Wie die Summe nicht mehr enthält
als ihre Summanden, das Product nicht mehr als seine gleichviel in
welcher Ordnung multiplicirten Factoren, so enthält auch das neue auf
Grund seiner Vorgänger organisch entstandene Bewusstseinsgebilde,
die Folge, nicht mehr und nicht weniger als diese (die Gründe)
zusammengenommen, mit dem Unterschied, dass die Summanden in der
Summe, die Factoren im Product unverändert fortbestehen, während
die Theilgründe in der Folge fortan ununterscheidbar mit dieser
zur Einheit zusammenfliessen. Letztere Art des Zusammenhanges
unter Bewusstseinsgebilden stellt gleichsam eine fortlaufende
Kette von Gründen und Folgen dar, in welcher jedes einzelne Glied
alle vorangegangenen in sich schliesst und seinerseits von allen
folgenden umschlossen wird, und welche sich mit der organischen
Kette vergleichen lässt, welche durch Fortpflanzung geschlechtlich
geschiedener Organismen von Generation zu Generation hin gebildet
wird. Wie in jeder der letzteren die Spur aller Stammeltern, so
erhält sich in jedem Gliede der ersteren, als Folge betrachtet, die
Spur aller Stammgründe. Und wie jene durch die organische Umbildung
sämmtlichen in den vorangegangenen elterlichen Organismen enthaltenen
Stoffs entstanden, so ist diese durch das causale Zusammenwirken
aller in den vorangegangenen Gliedern der Kette wirksam gewesenen
Theilgründe begründet.
359. Alle bisher in Betracht gezogenen Bewusstseinsvorgänge waren
entweder primitive Bewusstseinsacte, oder solche, welche aus
diesen in Folge der zwischen ihnen herrschenden quantitativen und
qualitativen Beziehungen entstanden sind. Machen nun jene Beziehungen,
von den mittels derselben hervorgerufenen Bewusstseinsgebilden
abgesehen, abgesondert für sich im Bewusstsein sich geltend, so
entsteht eine neue Classe von psychischen Phänomenen, die von der
ersteren zwar insoweit abhängig ist, als sie ohne Vorhandensein
jener überhaupt nicht entstände, sich aber zugleich dadurch
von jener unterscheidet, dass ihre Veranlassung nicht, wie bei
den primitiven Bewusstseinsacten, ausser dem Bewusstsein (in
Nervenreizen), sondern im Bewusstsein selbst liegt d. i. in den
Beziehungen, welche zwischen den einzelnen Bewusstseinsgebilden
im Bewusstsein selbst herrschen. Solche Beziehungen sind z. B. die
relative Unterdrückung oder im Gegensatz dazu die relative Befreiung,
welche Gebilde im Bewusstsein durch andere in demselben Bewusstsein
erleiden oder erleben, und die Bewusstseinsvorgänge, welche durch
solche veranlasst werden, z. B. die Unlust bei der Einklemmung,
die Lust bei der Erlösung eines Bewusstseinsgebildes durch andere,
werden Gefühle genannt. Während alle primitiven Bewusstseinsacte und
in Folge dessen alle aus denselben in directer Reihe gewordenen, wenn
auch in noch so entfernter und sinnlich abgeblasster Weise zu ihrem
Gegenstand ein äusseres Object haben, ist das Object der Gefühle,
das relative Verhältniss der Bewusstseinsgebilde im Bewusstsein zu
einander, im eminenten Sinne ein inneres und der Inhalt derselben dem
Inhalt der (sinnlichen wie unsinnlichen) Vorstellungen (Anschauungen
oder Begriffe) durchaus unähnlich. Dieselben lassen sich als psychische
Phänomene mit jenen physischen vergleichen, deren Ursache nicht in den
physikalischen Atomen und deren Verknüpfung zu Körpern, sondern in dem
die Zwischenräume der physikalischen Atome ausfüllenden Weltäther und
dessen Beziehungen zu dem physischen Stoffe zu suchen ist. Licht,
Wärme, Magnetismus und Elektricität stellen Erscheinungen dar,
deren Grund nicht in den Atomen, sondern zwischen denselben liegt;
Lust und Unlust, Freude und Schmerz Phänomene, deren Grund nicht
oder doch wenigstens nicht immer in dem Inhalt, sondern in der Lage
gewisser Vorstellungen oder Vorstellungsmassen im Bewusstsein zu
finden ist. Die Vorstellung des abwesenden Freundes ist von einem
Unlustgefühl begleitet; nicht weil uns die Vorstellung des Freundes
unangenehm, sondern weil dieselbe durch das Bewusstsein seiner
Abwesenheit gedrückt und dadurch in eine Klemme gerathen ist, aus
welcher dieselbe zu befreien wir uns ausser Stande wissen. Dieselbe
Vorstellung tritt aber sogleich in Begleitung eines Lustgefühls
auf, wenn die Erscheinung des Freundes dieselbe aus dem Banne der
Vorstellung seiner Abwesenheit erlöst. Dieselben zerfallen (wie
die Aetherphänomene) von vornherein in zwei Classen, je nachdem
die Entstehung des Gefühls von der Beschaffenheit des Inhalts der
Vorstellung, an die es sich heftet (wie dort die Beschaffenheit des
Aetherphänomens von der Qualität der Körper, deren Zwischenräume er
ausfüllt) unabhängig, oder durch denselben (wie dort das Aetherphänomen
durch die specifische Natur der Körper) bedingt ist. Gefühle ersterer
Art, weil sie durch Vorstellungen jedes beliebigen Inhalts veranlasst
werden können, werden (von Herbart) treffend als "vage", solche,
die einen bestimmten Vorstellungsinhalt voraussetzen, als "fixe"
bezeichnet. Jene entsprechen in dieser Hinsicht den Licht- und
Wärme-, diese den magnetischen und elektrischen Phänomenen. Jene,
da sie nicht nur bei jeder Vorstellung andere, sondern auch bei
derselben Vorstellung verschiedene, um so mehr in verschiedenen mit
Bewusstsein ausgerüsteten Individuen immer wieder andere sein können
(indem nicht nur Demselben dasselbe bald süss bald bitter, sondern auch
Verschiedenen dasselbe verschieden schmeckt), haben mit Recht zu dem
Sprichwort, dass sich über den Geschmack (eigentlich das Gefühl) nicht
streiten lasse, Veranlassung gegeben und sind ihrer "Subjectivität"
halber auch wohl "subjective Gefühle" genannt worden. Diese, die
fixen Gefühle, trifft zwar obiges Sprichwort nicht, weil die an dem
Inhalt gewisser Vorstellungen haften und daher stets nicht nur im
einzelnen, sondern in jedem Bewusstsein im Gefolge dieser Vorstellungen
auftreten, also im Gegensatz zu den subjectiven Gefühlen "objectiv"
(allgemein d. i. allen gemein) sind; dafür tritt bei ihnen, wenn nicht
besonders Rath geschafft wird, der allgemeine Uebelstand des Gefühls,
dass es sich, statt auf Objecte, auf das Subject d. i. statt auf
Vorgestelltes, auf den Vorstellenden selbst bezieht (in Bezug auf
jenes also "dunkel" ist, nicht weiss, was es fühlt) so sehr in den
Vordergrund, dass dasselbe darum mit Misstrauen betrachtet und von dem
Versuch, auf dasselbe eine Wissenschaft zu gründen, ausgeschlossen
zu werden pflegt. Dieser Uebelstand schwindet, wenn das Gefühlte
(die Vorstellung) nicht, wie es bei dem sogenannten Angenehmen und
Unangenehmen der Fall ist, mit dem Gefühl in eins zusammenrinnt,
sondern, wie es bei dem Schönen und Hässlichen der Fall ist, von
dem Gefühl abgesondert vorgestellt d. h. nicht nur gefühlt, sondern
auch gewusst und als Subject eines ästhetischen Urtheils d. i. eines
solchen, dessen Prädicat ein Wohlgefallen oder Missfallen ausdrückt,
im Verhältniss zu einem andern Gleichartigen (ganz oder theilweise
Identischen oder Gegensätzlichen) seiner Uebereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung nach mit diesem und dadurch seinem Werthe nach
beurtheilt wird. Wie der Inbegriff der Gefühle (der vagen wie der
fixen) überhaupt das Gemüth, so wird der Inbegriff der ästhetischen
Urtheile, die ihrer logischen Natur nach identische, also unfehlbare
Urtheile sind, der Geschmack, in dem besonderen Fall, wenn das Object
des ästhetischen Urtheils ein Wollen ist, das Gewissen genannt.
360. Wie die Aetherphänomene zeigen auch die Gemüthserscheinungen
Gegensätze und Intensitätsunterschiede, die bei jenen durch die
Bezeichnungen Helligkeit und Finsterniss einerseits, Hitze und Kälte
andererseits, bei diesen durch die Begriffe Lust und Unlust einer-,
Freude (gesteigerte Lust) und Schmerz (gesteigerte Unlust) andererseits
ausgedrückt werden. Wie unter den ersteren die magnetischen und
elektrischen Erscheinungen insofern eine besondere Stellung einnehmen,
als sie zu ihrem wirksamen Hervortreten der Gegenwart eines anderen
Körpers bedürfen, welcher entweder angezogen oder abgestossen
wird, so spielen unter den Gefühlen diejenigen, welche zu ihrem
Hervortreten der Gegenwart eines zweiten Bewusstseins bedürfen,
in welchem ähnliche oder entgegengesetzte Gefühle entweder wirklich
vorhanden sind oder doch vorhanden zu sein scheinen, die sogenannten
sympathetischen oder Mitgefühle, eine eigenthümliche Rolle. Dieselben
stellen als Mitleid und Mitfreude die Wiederholung eines wirklichen
oder vermeintlichen Leid- oder Lustgefühles des fremden im eigenen
Bewusstsein, dagegen als Neid und Schadenfreude die Begleitung eines
wahren oder vermeintlichen Lust- oder Leidgefühles im andern durch
ein dem Inhalt nach entgegengesetztes Gefühl im eigenen Bewusstsein
dar. Fremdes und eigenes Gefühl sind im ersten Fall gleich-, im
letzteren ungleichnamig. Wie der elektrische Strom durch sogenannte
Induction einen ihn in gleicher oder entgegengesetzter Richtung
begleitenden, so erzeugt fremdes wirkliches oder vermeintliches
Gefühl durch Nachahmung das ihm gleiche oder entgegengesetzte
im eigenen Bewusstsein. Leid und Freude wirken ansteckend wie
Weinen und Lachen und pflanzen sich unwillkürlich, ja wider Willen
von einem zum andern fort. Sympathetische Gefühle haben daher,
auch wenn sie wie Mitleid und Mitfreude einen guten oder wie Neid
und Schadenfreude einen schlimmen Charakter zu haben scheinen und
Veranlassung zu wohlthätigen wie zu feindseligen Handlungen werden
können, im Grunde weder den einen noch den andern, sondern entstehen
durch einen blossen Naturprocess. Da dieselben jedoch, um zu Tage
zu treten, der Gegenwart eines zweiten Individuums bedürfen, so
weisen dieselben über den Umkreis des einzelnen hinaus und stellen
zwischen diesem und dem andern eine zunächst blos ideelle d. h. nur
im Bewusstsein des Mitfühlenden vorhandene Verbindung her, die aber,
wenn das Gefühl Willensentschliessungen und in deren Folge Handlungen
nach sich zieht, zu einer realen, den andern entweder anziehenden
(sympathische Annäherung) oder von sich entfernenden (antipathische
Abstossung) Beziehung werden, daher die Gesellung der Individuen
entweder befördern oder hemmen kann, daher die sympathetischen
Gefühle auch als sociale oder gesellige Gefühle bezeichnet und die
aus denselben entspringenden Attractionen und Repulsionen zwischen
den Individuen mit den Wirkungen zwischen den physikalischen Atomen
wirksamer Anziehungs- und Abstossungskräfte verglichen werden.
361. Wie plötzlich zu grosser Intensität gesteigerte und über
einen ausgedehnten Raum sich verbreitende Aetherphänomene als
(magnetisches, elektrisches) "Ungewitter", so werden plötzlich
hochgesteigerte Gefühle, wenn dieselben sich über den grössten
Theil des Bewusstseins oder über das ganze Bewusstsein in der Weise
ausbreiten, dass die Ich-Vorstellung unterdrückt und die von dieser
ausgehende, beherrschende Macht vorübergehend aufgehoben wird,
als Affecte bezeichnet. Wie jene ihres keineswegs unvorbereiteten,
aber unvermutheten Auftretens halber Ausnahmen von dem gewohnten
Naturlauf, so scheinen diese, da sie, obgleich nicht ohne Grund,
doch ohne bekannten Grund erfolgen, gesetzlose Unterbrechungen
des regelmässigen Bewusstseinsverlaufs zu bilden, daher sie, wie
jene als elementare, so als psychische Zufälle betrachtet zu werden
pflegen. Dort scheint die Natur, hier ist in Folge der Unterdrückung
der Ich-Vorstellung der im Affect Befindliche ausser sich und
die durch das aussergewöhnliche Ereigniss in der Natur (Erdbeben,
Sturmflut, Blitzstrahl u. s. w.) etwa angerichteten Verheerungen
können eben so wenig den (vorübergehend ausser Wirksamkeit gesetzt
zu sein scheinenden) Naturgesetzen, als die etwa im Zorn verübten
unerlaubten oder gemeinschädlichen Handlungen dem (vorübergehend
seiner Herrschaft über das Bewusstsein beraubten) Ich des Zornigen
zur Last gelegt werden. Folge der plötzlichen Lösung des Bandes
zwischen der Ich-Vorstellung und dem bis dahin von dieser beherrschten
Bewusstseinsinhalt ist es auch, dass die etwa bestehenden Associationen
zwischen inneren Gemüths- und äusseren Körperbewegungen widerstandslos
zum Ablauf kommen und daher der vorhandene Gemüthszustand z. B. des
Zornes, dessen Aeusserung sonst durch die Schranken des Wohlanstandes
gehemmt oder doch gezügelt würde, sich rücksichtslos in masslose
Reden und Handlungen umsetzt. Je nachdem die Ursache, durch welche die
Ich-Vorstellung und deren Herrschaft unterdrückt wird, darin besteht,
dass plötzlich eine zu grosse Menge von Vorstellungen auf einmal ins
Bewusstsein eindringt, neben welchen jene sich nicht zu behaupten
vermag, oder dass Umstände eintreten, welche bewusstes Vorstellen
(also auch das der Ich-Vorstellung) überhaupt unmöglich machen,
werden die Affecte in sthenische (Affecte der Stärke) und asthenische
(Affecte der Schwäche) eingetheilt. In jenen wird die Ich-Vorstellung
gehemmt, während die durch den Affect herbeigeführten Vorstellungen
einander gegenseitig unterstützen; in diesen werden die letzteren
sich zugleich unter einander selbst hemmen. Ersterer Art ist der Zorn,
welcher beredt, letzterer der Schrecken, welcher stumm macht.
362. Wie das in der Zeit vor sich gehende wirkliche Geschehen
in der physischen, so ist auch das in der psychischen Welt ein
dreifaches. Wie die erste Art desselben in der Körperwelt darin
besteht, dass der Körper sich bewegt d. h. seinen Ort im Raume, so
besteht die erste Art des Geschehens in der Bewusstseinswelt darin,
dass der Bewusstseinsact aus seinem gegenwärtigen in einen anderen,
also zukünftigen Zustand überzugehen strebt d. h. seinen "Ort"
im Bewusstsein verändert. Von dieser Art ist das Aufstreben einer
durch andere verdunkelten d. h. unter die Schwelle des Bewusstseins
gedrückten Vorstellung aus der Tiefe nach oben gegen die hemmenden
Widerstände. Jede auf diese Weise im Streben begriffene Vorstellung
stellt ein Begehren dar, dessen Gegenstand, der zu erreichende Zustand
der Vorstellung, abwesend, und dessen Befriedigung eben die Erreichung
jenes Zustandes der Vorstellung selbst ist. Folge des Gesagten ist,
dass ohne Vorstellung des Begehrten keine Begierde entstehen (ignoti
nulla cupido), aber auch, dass jede Vorstellung Sitz einer Begierde
werden kann. Dieselbe wird gesteigert, je mehr Hindernisse sich der
Erreichung ihres Ziels in den Weg stellen d. h. je grösser die Zahl
und der Druck derjenigen Vorstellungen ist, welche dem Inhalt der
aufstrebenden Vorstellung des Begehrten entgegengesetzt sind. Die
Vorstellung der Nahrung erzeugt in dem Hungrigen eine Begierde, weil
sich dieselbe durch die Abwesenheit ihres Gegenstandes (den Mangel
an Nahrung) in gedrücktem Zustande befindet. Dieselbe strebt nach
Befriedigung, indem der Hungrige diejenigen Hindernisse zu beseitigen
sucht, welche der Anwesenheit des Begehrten (der Herbeischaffung von
Nahrungsmitteln) im Wege stehen. Sind dieselben beseitigt d. h. ist
die Nahrung nicht nur herbeigeschafft, sondern der Hungrige wirklich
in deren Genuss begriffen, so hört die Begierde auf. Die Befriedigung
ist erreicht, die Vorstellung der Nahrung, die bis dahin eine blosse
Einbildung war, ist zur Empfindung, die bis dahin nur "imaginirte"
zur "geschmeckten" Speise geworden d. h. die Vorstellung der Nahrung
hat sich aus dem Zustande einer Fiction in den einer sinnlichen
Wahrnehmung bewegt, also ihren "Ort" im Bewusstsein wirklich verändert.
363. Je nachdem der Gegenstand einer aufstrebenden Vorstellung
ein sinnlicher oder nicht-sinnlicher (intellectueller), kann
das Begehren selbst ein sinnliches oder intellectuelles, je
nachdem dasselbe von einer Vorstellung über Erreichbarkeit oder
Nichterreichbarkeit, Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Begehrten
nicht nur begleitet, sondern von dieser abhängig gemacht wird oder
nicht, wird es verständiges oder verstandloses, vernünftiges oder
vernunftloses Begehren heissen. Das verständige Begehren ist Wollen,
wenn es begehrt, weil das Begehrte ihm erreichbar, dagegen blosser
Wunsch, wenn es begehrt, ungeachtet das Begehrte ihm unerreichbar
scheint. Das vernünftige Begehren ist vernünftiges Wollen, wenn es
begehrt, was und weil dasselbe nicht nur erlaubt, sondern geboten,
dagegen verblendetes Wollen (Leidenschaft), wenn ihm, was es begehrt,
erlaubt, vernunftwidriges (böses) Wollen, wenn es begehrt, was und
obgleich es ihm selbst unerlaubt, ja verboten scheint. Die Gesammtheit
des innerhalb eines individuellen Bewusstseins enthaltenen Begehrens
macht dessen (psychisches) Naturell, die Gesammtheit des innerhalb
desselben eingeschlossenen verständigen und vernünftigen oder verstand-
und vernunftlosen Wollens dessen (im psychologischen Sinne des Worts)
Charaktermässigkeit oder Charakterlosigkeit aus.