als physischem Gebilde insofern überein, als er, wie dieser, einen
bleibenden unveränderlichen und einen veränderlichen, wechselnden
Bestandtheil in sich schliesst. Vermöge des ersteren bleibt das
Gemeinbild: Baum, das aus den sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche,
Tanne, Apfelbaum, Palme u. s. w. durch Verschmelzung der diesen allen
gemeinsamen Bestandtheile entstanden ist, immer dasselbe, während
die Merkmale, welche der Birke oder der Buche eigenthümlich sind,
beliebig mit einander vertauscht werden und so das Gemeinbild bald
in das Bild einer Birke, bald in das einer Buche u. s. w. verändern
können. Letztere, die sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Fichte
u. s. w. machen den Umfang, die ihnen allen gemeinsamen Merkmale den
Inhalt des Begriffs Baum aus. Dieser als identischer Vereinigungspunkt
des dem ganzen Umfang Gemeinsamen stellt gleichsam "die Seele"
dieses ganzen Kreises von Vorstellungen dar, in welchen derselbe
als allen gemeinsamer Bestandtheil erscheint. Mit der sinnlichen
Vorstellung hat der Begriff als psychisches Gebilde gemein, dass
er wie diese durch Verschmelzung homogener Elemente entstanden
ist. Er unterscheidet sich aber von ihr durch den Umstand, dass die
Anschauungen, aus welchen die sinnliche Vorstellung erwächst, keine
andern als durchaus homogene Elemente in sich schliessen, während die
sinnlichen Vorstellungen, aus welchen der Begriff erwächst, neben den
homogenen d. i. in allen identischen Bestandtheilen, die im Begriff mit
einander verschmelzen, noch heterogene ja einander entgegengesetzte
Bestandtheile in sich schliessen, die im Begriff einander hemmen und
gegenseitig in Spannung versetzen. So hat die Vorstellung Birke mit
der Vorstellung Tanne alle diejenigen Merkmale gemein, die der Begriff
Baum enthält, aber in jener ist zugleich das Merkmal des belaubten,
in dieser das des Nadeln tragenden Baumes enthalten, die sich unter
einander ausschliessen. Da sich nun niemals vorhersagen lässt, ob
nicht künftig ins Bewusstsein eintretende Anschauungen sinnliche
Vorstellungen herbeiführen werden, welche zwar unter denselben
bereits vorhandenen Begriff fallen, aber zugleich Elemente in sich
schliessen, welche mit jenen aller bisherigen sinnlichen Vorstellungen
des Umfangs jenes Begriffs im Widerspruch stehen, so muss der Umfang
des Gemeinbildes und dadurch dieses selbst ein gewisses Schwanken
zeigen, von welchem die sinnliche Vorstellung, die nichts anderes
als die Verschmelzung sämmtlicher ihr zu Grunde liegenden homogenen
Anschauungen zu einem einzigen Ganzen ist, sich frei erhält. Je
nachdem der Zusammenhang des Begriffs mit den Vorstellungen, aus
denen er stammt, mehr oder minder lose d. h. entweder ein solcher
ist, bei welchem die gemeinsamen Bestandtheile von den sich unter
einander ausschliessenden sich noch nicht so weit losgemacht haben,
dass nicht mit dem Vorstellen der ersteren zugleich eines oder einige
der letzteren (mit Ausschluss der übrigen) vorgestellt würden,
während im anderen Falle die Verbindung zwischen den gemeinsamen
und den individuellen Bestandtheilen bereits so weit gelockert ist,
dass die ersteren rein und ohne Begleitung eines oder mehrerer der
letzteren vorgestellt werden, scheiden sich die Begriffe als psychische
Gebilde in eine niedere und eine höhere Ordnung, welche zugleich an
die entsprechende der organischen Körperwelt erinnern. Im ersten Fall,
so lange das Gemeinbild nicht rein, sondern jedesmal unter Begleitung
eines oder mehrerer Merkmale, die nicht dem ganzen Umfang, sondern
nur einem Theile desselben eigen sind, vorgestellt wird (z. B. der
Baum nur als belaubt, während es doch auch Coniferen gibt, oder nur
als ästig, während es doch auch astlose Bäume wie die Palmen gibt),
erscheint dasselbe gleichsam wie die Pflanze an den Boden, aus dem
es erwachsen ist d. i. an die sinnlichen Vorstellungen geheftet,
die dessen Unterlage im Bewusstsein bilden, ohne sich von der
"Scholle" losmachen und frei (wie das Thier in seinen Bewegungen)
über die sinnlich anschauliche Basis, in welcher es seine Wurzel hat,
erheben zu können. Auf dieser Stufe wird z. B. das Dreieck, weil es
aus den Vorstellungen eines recht-, stumpf- oder spitzwinkeligen,
eines gleichseitigen, gleichschenkligen oder ungleichseitigen, eines
ebenen oder sphärischen Dreiecks erwachsen ist, jedesmal unter dem
Bilde eines von diesen d. h. es wird entweder als spitzwinklig oder
als rechtwinklig, als gleichseitig oder als ungleichseitig, niemals
aber als keines von diesen d. i. rein als Dreieck (in abstracto)
vorgestellt. Die Eierschale der sinnlichen Vorstellungen, aus
denen es erwachsen ist, klebt dem aus dem Ei geschlüpften Küchlein
des psychischen Begriffs in diesem Stadium der psychologischen
Entwickelung gleichsam noch auf dem Rücken an. Dasselbe erhält sich
um so länger, je kleiner und homogener der Kreis der sinnlichen
Vorstellungen ist, aus welchen das Gemeinbild seine Nahrungssäfte
zieht. Denn je gleichartiger die sinnlichen Vorstellungen unter
einander d. h. je geringer an Zahl und Intensität die unter einander
entgegengesetzten Bestandtheile derselben sind, desto weniger hemmen
und verdunkeln sich dieselben unter einander; desto weniger wird der
Zusammenhang zwischen den identischen und den particulären Merkmalen
d. i. zwischen dem Begriff und seinem Umfang aufgehoben, und desto
leichter werden mit den gemeinsamen auch eines oder einige besondere
Merkmale d. h. wird das Gemeinbild selbst in einer besonderen Färbung
(in concreto) vorgestellt. Je reicher und mannigfaltiger dagegen
der Umkreis der sinnlichen Vorstellungen wird, um desto grössere
Gegensätze finden zwischen den letzteren statt, um so mehr löschen die
einander entgegengesetzten Merkmale sich unter einander völlig aus,
um desto mehr wird der Zusammenhang zwischen den allen gemeinsamen
und den individuell besonderen Merkmalen gelockert, um desto weniger
tritt eine Nöthigung ein, im Gemeinbilde nebst den gemeinsamen
auch noch eines oder einige nur particuläre Merkmale vorzustellen,
um desto mehr löst sich das Gemeinbild als ein abstractes von der
ihm zu Grunde liegenden Vorstellungsunterlage im Bewusstsein ab und
schwebt als ein auf dieser zwar erwachsenes, aber nicht mehr mit ihr
verwachsenes Gebilde frei über der Sphäre concreter Vorstellungen. Erst
das auf diese Stufe der Entwickelung erhobene Gemeinbild ist wahres
Allgemeinbild d. h. stellt nicht blos eines, einige oder viele Theile
des Umfangs, sondern im eminenten Sinn den ganzen Umfang vor und kann,
statt wie bisher an einem Theile desselben mit Ausschluss des übrigen
zu haften, über alle Theile desselben ohne Ausnahme frei hin und her
sich bewegen. Das so geläuterte Gemeinbild ist wirklich Begriff, denn
es begreift sämmtliche Glieder seines Umfangs unter sich, zugleich in
dieser abstracten Reinheit aber auch ein blosses "Ideal", dem sich das
wirklich vorhandene Gemeinbild zwar zu nähern, welches dasselbe jedoch
niemals vollkommen zu erreichen vermag, weil der Zusammenhang zwischen
den gemeinsamen und zum Begriff verschmolzenen und den individuellen,
den sinnlichen Vorstellungen angehörigen Merkmalen zwar vermindert,
aber niemals zerrissen werden kann und daher der thatsächliche Begriff
eine, wenn auch noch so leichte Färbung auf Grund seines Ursprungs
immer an sich tragen muss. Letzteres ist um so weniger zu verwundern,
als ja auch der thierische Organismus, seiner, mit der Sesshaftigkeit
der Pflanze verglichen, frei erscheinenden Beweglichkeit ungeachtet,
dem Boden seiner Heimat und den Bedingungen seiner Geburt verhaftet
bleibt und sich fremden Himmelsstrichen entweder gar nicht, oder nur
höchst allmälig durch Acclimatisation einverleibt.
352. Die höchste Stufe erreicht der Begriff, wenn er sich selbst
begreift d. h. wenn er das auf dem Grunde der sinnlichen Vorstellungen
erwachsene Gemeinbild sich selbst vorstellt. Dieses geschieht, wenn
das im Bewusstsein vorhandene Gemeinbild jedes andere in demselben
Bewusstsein auftauchende homogene, psychische Gebilde in Folge dieser
seiner Homogeneität als gleichartig erkennt, vermöge seiner überlegenen
Intensität an sich zieht und mit sich selbst verschmelzt. Dasjenige
Gebilde, von welchem die Verschmelzung ausgeht (das thätige), spielt
dabei die herrschende, dasjenige, welches mit demselben verschmolzen
wird, das leidende, die unterthänige Rolle. Jenes erscheint als
das überlegene, das sich des anderen bemächtigt; gleichsam als
der Krystallisationspunkt, an welchen das andere anschliesst, oder
als der Organismus, welchem das andere zur Nahrung dient. Wie der
thierische Organismus den pflanzlichen (die vegetabilische Nahrung)
sich assimilirt, so wird von dem mächtigeren psychischen Gebilde das
ihm homogene schwächere appercipirt d. h. nicht blos als vorhanden
wahrgenommen (percipirt), sondern als verwandt d. h. ihm zugehörig
erkannt und als das seinige in Besitz genommen (appercipirt). Hat
sich einmal der Begriff Baum im Bewusstsein festgesetzt, so reisst
derselbe jede später in dasselbe eintretende homogene Erscheinung
d. i. jede künftige Wahrnehmung irgend eines Baumes sofort als
ihm zugehörig an sich und fügt sie als ihm Gleichartiges zu sich
als bereits vorhandenem psychischem Gebilde hinzu, welches dadurch
naturgemäss zu immer grösserer Stärke und dem entsprechender Macht
im Bewusstsein anwachsen muss.
353. Psychische Bildungen dieser letzten Art, welche nicht mehr weder
zunächst noch entfernt blosse Perceptionen d. h. wie die primitiven
Bewusstseinsacte durch extensive (äussere) veranlasste intensive
(innere) Zustände oder, wie die Anschauungen, sinnlichen Vorstellungen,
niederen und höheren Gemeinbilder aus jenen durch Complication oder
durch Verschmelzung entstanden, sondern Apperceptionen d. h. andere
ihresgleichen beherrschende Phänomene sind, lassen sich als im
Bewusstsein vertheilte Centralmassen betrachten, deren jede zahlreichen
andern zum Mittel-, Sammel- und Vereinigungspunkte dient. Da die Macht
derselben über andere ihresgleichen von ihrer eigenen, relativ diesen
überlegenen Intensität abhängt, indem jede Vorstellungsmasse eine ihr
ähnliche desto leichter sich aneignen wird, je stärker sie selbst
und je schwächer die letztere ist, so ist es klar, dass diejenige,
welche durch die Umstände begünstigt, nothwendig von allen die stärkste
werden, zugleich die stärkste Anziehungskraft erlangen und schliesslich
die übrigen alle oder doch fast alle sich aneignen muss. Eine solche
aber ist diejenige Vorstellungsmasse, welche sich auf den Vorstellenden
d. i. auf den Träger des Bewusstseins selbst bezieht und deshalb
als "Ich" bezeichnet wird. Während z. B. die Vorstellung des Baumes
nur dann im Bewusstsein vorhanden sein kann, wenn die Anschauungen,
aus welchen dieselbe erwächst, wirklich in das Bewusstsein jemals
eingetreten sind, und demnach jenem nothwendig fehlen muss, dem jene
Anschauungen mangeln (eben so wie dem Blinden die Farben, dem Tauben
die Töne u. s. w.), kann eine auf sich selbst bezügliche Vorstellung
dem Vorstellenden niemals abgehen, weil die Anschauungen, auf deren
Grund dieselbe erwächst (zunächst die Empfindungen des eigenen
Leibes) demselben nie fehlen können; und dieselbe muss nothwendig
unter allen übrigen die relativ höchste Intensität erreichen, weil
die Veranlassungen zu derselben mit jenen aller andern Vorstellungen
verglichen die häufigsten und, wie der eigene Leib, dem Bewusstsein
beinahe ununterbrochen gegenwärtig sind. Zwar durchläuft dieselbe
als psychisches Gebilde eine Reihe von Entwickelungsstadien, in
deren Verfolge sich dieselbe immer mehr von überflüssigen d. h. zur
reinen Ich-Vorstellung wesentlich nicht erforderlichen Bestandtheilen
befreit und aus einer Vorstellungsmasse, welche zunächst aus den
Vorstellungen des eigenen Leibes und seiner Bestandtheile besteht,
allmälig zu jener des reinen Sichselbstwissens im Selbstbewusstsein
hinauf läutert; allein ihre bevorzugte Stellung und in deren Folge
ihre appercipirende Macht über die übrigen Bildungen im Bewusstsein
bleibt immer dieselbe und bewirkt, dass zuletzt nur dasjenige als im
Bewusstsein wirklich vorhanden angesehen wird, was, weil vorhanden,
durch das Ich appercipirt und als das Seinige angeeignet worden ist.
354. In dieser appercipirenden Macht, welche die Ich-Vorstellung
über die Gebilde des Bewusstseins im weitesten Umfange ausübt,
liegt der Grund, weshalb der sich selbst begreifende Begriff
d. i. das zur appercipirenden Vorstellungsmasse gewordene Gemeinbild
"Ich-ähnliche" Vorstellung genannt werden kann. Derselbe kann,
während er für die Vorstellungen seines Kreises im Bewusstsein
das Centrum bildet, seinerseits von der Ich-Vorstellung, welche
das Centrum des individuellen Bewusstseins ausmacht, als zu ihrem
Kreise gehörig appercipirt werden. Jeder derselben lässt sich mit
einem jener kleineren Centralkörper, im Weltraum vergleichen, welcher
seinerseits wieder einem grösseren ein ganzes Weltsystem beherrschenden
Centralkörper unter- und in dessen Umkreis eingeordnet ist. So wenig
die Abhängigkeit von diesem die relative Selbstständigkeit jenes ersten
anderen gegenüber, so wenig schliesst die Apperception des zum Begriff
gewordenen Gemeinbilds durch das Ich die Fähigkeit des ersteren aus,
seinerseits zu seinem Kreise gehörige Vorstellungen als die seinigen
zu appercipiren. Wie die Ich-Vorstellung den appercipirenden Begriff
im Grossen, so stellt jeder für sich ein Ich im Kleinen dar und öffnet
dadurch die Möglichkeit, unabhängig vom Ich als ein solches für sich
d. h. als ein anderes Ich im Bewusstsein sich geltend zu machen.
355. Abnorme Erscheinungen des Bewusstseinslebens, in welchen neben
der herrschenden Ich-Vorstellung eine zweite deren Rolle usurpirende
Vorstellungsmasse ihrerseits einen Theil des Bewusstseinsinhalts an
sich reisst, so dass in Folge dessen, wie etwa in einem und demselben
Weltsystem zwei Centralkörper, so in einem und demselben Bewusstsein
zweierlei Ich sich in die Herrschaft über dasselbe getheilt zu haben
scheinen, lassen sich auf die übermächtig gewordene Apperception
solcher "Neben-Iche" zurückführen. In dem Geisteskranken, der sich in
seinem Delirium für Gott Vater hält und als solcher beträgt, während
er in den sogenannten lichten Zwischenräumen bei gutem Verstande
ist und seinem eigentlichen Ich gemäss denkt, will und handelt, ist
jene fixe Idee zum ichartigen Mittelpunkt geworden, um welchen herum
der mit demselben harmonirende Theil des Bewusstseinsinhalts sich
krystallisirt, während der mit ihm disharmonirende von demselben
abgestossen wird. Folge davon ist, dass der Kranke während seiner
gesunden Momente von dem, was er während seines "Aussersichseins"
geredet und gethan, kein Bewusstsein haben kann, da die betreffenden
Bewusstseinsphänomene nicht von seiner d. i. von der Ich-Vorstellung
seines gesunden Bewusstseinslebens, sondern von einer dieser fremden,
wenngleich innerhalb desselben "Bewusstseinsraums" befindlichen,
ihrerseits als Ich-Vorstellung fungirenden Vorstellungsmasse
appercipirt worden sind. Folge aber auch, dass ein solcher Kranker
von der Haltlosigkeit seiner Selbsttäuschung niemals überzeugt werden
kann, da ja derjenige, der Ueberzeugungsgründen zugänglich ist, mit
demjenigen, welcher derselben bedarf, zwar real d. i. insofern deren
beiderseitigem Bewusstsein derselbe atomistische Träger zu Grunde
liegt, identisch, dem Bewusstsein d. h. dem von einer und derselben
Ich-Vorstellung appercipirten Umkreis psychischer Vorgänge nach aber
von demselben gänzlich verschieden ist.
356. Mit dem Erwachen und allmäligen Heranwachsen der Ich-Vorstellung,
welches nicht mit dem Erwachen des Bewusstseins d. h. mit dem
Auftauchen psychischer Vorgänge zu verwechseln ist, tritt in der
Entwicklungsgeschichte des psychischen Lebens ein Wendepunkt ein. Das
neugeborne Kind hat ein Bewusstsein d. h. in demselben finden nicht
nur primitive Bewusstseinsacte, sondern bereits aus solchen durch
Complication und Verschmelzung sich bildende Empfindungen, Anschauungen
und sinnliche Vorstellungen, aber es hat keine Ich-Vorstellung und
in Folge dessen findet keine Apperception der in ihm vorgehenden
Bewusstseinsacte als der seinigen statt. Wie die Processe in
der Körperwelt des Weltraums vor dem Auftreten des Menschen zwar
gesetzmässig ihren Verlauf nahmen, aber weder als solche gewusst, noch
von irgend einem Wesen als zu ihm in irgend einem Verhältniss stehend
auf sich bezogen werden, so wickeln sich die Processe im Bewusstsein
vor dem Auftreten der Ich-Vorstellung in diesem zwar gesetz- und
regelmässig ab, ohne jedoch als solche gewusst und von irgend einer
auf den Träger des Bewusstseins bezüglichen Vorstellungsmasse als die
ihrigen angeeignet zu werden. Während der leblose Naturkörper den
ihn bewegenden Impulsen der Naturkräfte Widerstand und bewusstlos
Folge leistet, ist es für den belebten Naturkörper, sobald er
sich, wie im Menschen, nicht blos zur Vorstellung, sondern zur
Vorstellung seiner selbst erhoben hat, charakteristisch, dass er das
Vorgestellte, die ihn umgebende Körperwelt, in ein Verhältniss zu
sich, dem dieselben und sich selbst vorstellenden Wesen setzt und
nicht blos als daseiend, sondern als um seinetwillen und für ihn
daseiend d. h. als sein "Eigenthum" betrachtet, Sonne und Mond als
bestimmt, ihm zu leuchten, Früchte und Thiere als bestimmt, ihn zu
nähren und zu kleiden, sich selbst als den Ziel- und Endpunkt des
gesammten sichtbaren Weltalls ansieht. In der Entwicklungsgeschichte
des Bewusstseins stellt der vor dem Erwachen und Mächtigwerden der
Ich-Vorstellung ablaufende Zeitraum gleichsam die vorgeschichtliche
(wie in der Entwicklungsgeschichte des Weltalls die vormenschliche)
Periode dar; innerhalb desselben sind zwar Bewusstseinsphänomene
verschiedenster Art (Vorstellungen, Gefühle, Begierden und Wünsche)
bereits vorhanden, aber erst mit dem Auftreten der Ich-Vorstellung in
ihrer Mitte werden sie von der letzteren als um ihretwillen vorhanden,
als zu ihr in Beziehung stehend und ihr zugehörig angesehen und dadurch
aus "unbewussten" d. h. von keinem Ich als die seinigen gewussten zu
"bewussten" d. h. zu nicht nur im Bewusstsein vorhandenen, sondern
auch von dem Ich dieses Bewusstseins als vorhanden gewussten und
als die seinigen anerkannten Bewusstseinsacten erhoben. Wie jener
Zeitraum, in welchem nur unbewusste Phänomene im Bewusstsein vor
sich gehen, gleichsam die Nachtseite, so macht derjenige, innerhalb
dessen nach dem Erwachen und Mächtigwerden der Ich-Vorstellung auch
bewusste psychische Zustände, und zwar in immer steigender Menge
auftreten, die Tagseite des psychischen Lebens aus. Letztere kann
durch vorübergehendes Erlöschen der Ich-Vorstellung (wie es z. B. in
der Ohnmacht, im Affect, im Delirium und periodisch wiederkehrend im
Schlafe stattfindet) eben so vorübergehende Unterbrechungen (gleichsam
Rückfälle in die Nacht des unbewussten Daseins), aber nur mit dem
bleibenden Aufhören der Ich-Vorstellung ein bleibendes Ende erfahren.
357. Wie die elementaren Bewusstseinsacte, so üben die durch
Complication oder Verschmelzung aus denselben entstandenen
Bewusstseinsgebilde höherer Ordnung, durch die Einheit des
atomistischen Trägers gezwungen, der kein Ausweichen gestattet,
gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Jene vereinigen sich zu einer
Complication, wenn sie gleichzeitig oder succedirend, verschmelzen
mit einander, wenn sie dem Inhalt nach gleichartig sind. Letzterer
Act geht ohne Aufenthalt und widerstandslos vor sich, wenn die zu
verschmelzenden dem Inhalt nach identisch, dagegen zögernd und erst
nach vorausgegangenem Sichsträuben, wenn dieselben dem Inhalt nach
entgegengesetzt sind. In ersterem Falle verstärken, im zweiten Falle
schwächen die mit einander verschmelzenden Bewusstseinsacte einander,
indem in jenem Fall die Intensität des einen zu der Intensität des mit
ihm identischen andern einfach hinzugefügt, dagegen im zweiten Fall
ein Theil der Intensität des einen durch einen Theil der Intensität
des andern "gebunden" und dadurch sowol der gebundene Theil der
Intensität des einen, wie der ihn bindende Theil der Intensität des
anderen unwirksam gemacht, folglich die ursprüngliche Intensität
beider um diesen beziehungsweisen Bruchtheil vermindert wird. Der auf
diese Weise an Intensität gewachsene Bewusstseinsact ist, bildlich
gesprochen, heller, diejenigen, deren Intensität abgenommen hat,
sind beziehungsweise dunkler geworden, als sie vorher waren; der
Inhalt derselben aber ist derselbe geblieben. Geht die Verdunkelung
so weit d. h. hat die Intensität eines Bewusstseinsactes so sehr
abgenommen, dass die Gegenwart desselben im Bewusstsein unmerklich
wird (in ähnlichem Sinn, wie ein gleichwol vorhandener Lichtreiz
für die Netzhaut, ein vorhandener Schallreiz für den Gehörsnerv
unmerklich werden kann), so hat der Act die äusserste Grenze im
Bewusstsein, die sogenannte "Schwelle des Bewusstseins" (wie der
Licht- und Schallreiz die Reizschwelle) erreicht; sinkt sie noch
tiefer herab, letztere überschritten. Das sogenannte Vergessene
ist diesem Grade der Verdunkelung anheimgefallen, indem dasselbe,
da nichts, was einmal geschah, ungeschehen gemacht werden kann,
zwar ("als Spur") nach wie vor im Bewusstsein vorhanden, aber, weil
unmerklich geworden, seiner Wirksamkeit nach so gut wie nicht vorhanden
ist und sich von dem im Bewusstsein wirklich nicht vorhandenen, weil
niemals vorhanden gewesenen, nur dadurch unterscheidet, dass es unter
günstigen Umständen wieder hell zu werden d. h. sich im Bewusstsein
wieder bemerklich zu machen vermag. Geschieht letzteres, so heisst
der Bewusstseinsact ein erneuerter (z. B. die schon vergessen
gewesene Vorstellung eine Erinnerung), kein neuer, weil es der
frühere "latent" gewordene Zustand ist, welcher neuerdings "patent"
d. i. als wirksamer auftritt. Bewusstseinsacte dieser Art werden
im Gegensatz zu den ursprünglichen auf Veranlassung äusserer Reize
erzeugten (producirten) wiedererzeugte (reproducirte) genannt und,
je nachdem sie den ursprünglichen ganz oder nur zum Theile gleichen,
als unverändert (Gedächtnissacte) oder als verändert reproducirte
(Phantasieacte) unterschieden. Die Reproduction selbst erfolgt entweder
mit oder ohne Hilfe von Seite anderer Bewusstseinsacte; in letzterem
Fall erhellt sich der verdunkelt gewesene Bewusstseinsact gleichsam
von selbst, sobald und weil die bisherige Ursache seiner Verdunkelung
(z. B. der von Seite eines dem Inhalt nach entgegengesetzten Acts
ausgeübte Druck) aufgehört hat zu wirken; in ersterem Falle wird
der unter die Schwelle herabgedrückte Bewusstseinsact durch einen
andern über derselben befindlichen, welcher mit jenem, sei es durch
Gleichzeitigkeit oder Succession, associirt oder durch Gleichartigkeit
des Inhalts verwandt ist, wieder emporgezogen. Unmittelbar reproducirte
Vorstellungen, welche nach Herbart "freisteigende" heissen, machen,
wenn sie während des Schlafes auftreten, als Träume, wenn sie mitten
unter heterogenen Vorstellungskreisen im Wachen auftauchen, als
sogenannte Einfälle sich geltend, die, wenn sie dem Inhalt nach
als besonders überraschend oder glücklich erscheinen, wol auch
für "Eingebungen" (Inspirationen) gehalten zu werden, Veranlassung
geben. Mittelbar reproducirte Vorstellungen bilden, wenn sie zugleich
unverändert reproducirte sind, die Grundlage des auf Gedächtniss
und Ueberlieferung beruhenden sogenannten historischen Wissens; wenn
sie zugleich zum Theil verändert reproducirte sind, das wirksamste
Hilfsmittel eines nicht nur das vorhandene Vorstellungsmaterial frei
umformenden (dichtenden), sondern jede erregte Vorstellung durch
eine Fülle begleitender Vorstellungen bereichernden und dadurch die
gesammte Vorstellungsthätigkeit belebenden (phantasievollen) Schaffens.