351. Derselbe kommt als psychisches mit dem belebten Naturkörper

als physischem Gebilde insofern überein, als er, wie dieser, einen

bleibenden unveränderlichen und einen veränderlichen, wechselnden

Bestandtheil in sich schliesst. Vermöge des ersteren bleibt das

Gemeinbild: Baum, das aus den sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche,

Tanne, Apfelbaum, Palme u. s. w. durch Verschmelzung der diesen allen

gemeinsamen Bestandtheile entstanden ist, immer dasselbe, während

die Merkmale, welche der Birke oder der Buche eigenthümlich sind,

beliebig mit einander vertauscht werden und so das Gemeinbild bald

in das Bild einer Birke, bald in das einer Buche u. s. w. verändern

können. Letztere, die sinnlichen Vorstellungen Birke, Buche, Fichte

u. s. w. machen den Umfang, die ihnen allen gemeinsamen Merkmale den

Inhalt des Begriffs Baum aus. Dieser als identischer Vereinigungspunkt

des dem ganzen Umfang Gemeinsamen stellt gleichsam "die Seele"

dieses ganzen Kreises von Vorstellungen dar, in welchen derselbe

als allen gemeinsamer Bestandtheil erscheint. Mit der sinnlichen

Vorstellung hat der Begriff als psychisches Gebilde gemein, dass

er wie diese durch Verschmelzung homogener Elemente entstanden

ist. Er unterscheidet sich aber von ihr durch den Umstand, dass die

Anschauungen, aus welchen die sinnliche Vorstellung erwächst, keine

andern als durchaus homogene Elemente in sich schliessen, während die

sinnlichen Vorstellungen, aus welchen der Begriff erwächst, neben den

homogenen d. i. in allen identischen Bestandtheilen, die im Begriff mit

einander verschmelzen, noch heterogene ja einander entgegengesetzte

Bestandtheile in sich schliessen, die im Begriff einander hemmen und

gegenseitig in Spannung versetzen. So hat die Vorstellung Birke mit

der Vorstellung Tanne alle diejenigen Merkmale gemein, die der Begriff

Baum enthält, aber in jener ist zugleich das Merkmal des belaubten,

in dieser das des Nadeln tragenden Baumes enthalten, die sich unter

einander ausschliessen. Da sich nun niemals vorhersagen lässt, ob

nicht künftig ins Bewusstsein eintretende Anschauungen sinnliche

Vorstellungen herbeiführen werden, welche zwar unter denselben

bereits vorhandenen Begriff fallen, aber zugleich Elemente in sich

schliessen, welche mit jenen aller bisherigen sinnlichen Vorstellungen

des Umfangs jenes Begriffs im Widerspruch stehen, so muss der Umfang

des Gemeinbildes und dadurch dieses selbst ein gewisses Schwanken

zeigen, von welchem die sinnliche Vorstellung, die nichts anderes

als die Verschmelzung sämmtlicher ihr zu Grunde liegenden homogenen

Anschauungen zu einem einzigen Ganzen ist, sich frei erhält. Je

nachdem der Zusammenhang des Begriffs mit den Vorstellungen, aus

denen er stammt, mehr oder minder lose d. h. entweder ein solcher

ist, bei welchem die gemeinsamen Bestandtheile von den sich unter

einander ausschliessenden sich noch nicht so weit losgemacht haben,

dass nicht mit dem Vorstellen der ersteren zugleich eines oder einige

der letzteren (mit Ausschluss der übrigen) vorgestellt würden,

während im anderen Falle die Verbindung zwischen den gemeinsamen

und den individuellen Bestandtheilen bereits so weit gelockert ist,

dass die ersteren rein und ohne Begleitung eines oder mehrerer der

letzteren vorgestellt werden, scheiden sich die Begriffe als psychische

Gebilde in eine niedere und eine höhere Ordnung, welche zugleich an

die entsprechende der organischen Körperwelt erinnern. Im ersten Fall,

so lange das Gemeinbild nicht rein, sondern jedesmal unter Begleitung

eines oder mehrerer Merkmale, die nicht dem ganzen Umfang, sondern

nur einem Theile desselben eigen sind, vorgestellt wird (z. B. der

Baum nur als belaubt, während es doch auch Coniferen gibt, oder nur

als ästig, während es doch auch astlose Bäume wie die Palmen gibt),

erscheint dasselbe gleichsam wie die Pflanze an den Boden, aus dem

es erwachsen ist d. i. an die sinnlichen Vorstellungen geheftet,

die dessen Unterlage im Bewusstsein bilden, ohne sich von der

"Scholle" losmachen und frei (wie das Thier in seinen Bewegungen)

über die sinnlich anschauliche Basis, in welcher es seine Wurzel hat,

erheben zu können. Auf dieser Stufe wird z. B. das Dreieck, weil es

aus den Vorstellungen eines recht-, stumpf- oder spitzwinkeligen,

eines gleichseitigen, gleichschenkligen oder ungleichseitigen, eines

ebenen oder sphärischen Dreiecks erwachsen ist, jedesmal unter dem

Bilde eines von diesen d. h. es wird entweder als spitzwinklig oder

als rechtwinklig, als gleichseitig oder als ungleichseitig, niemals

aber als keines von diesen d. i. rein als Dreieck (in abstracto)

vorgestellt. Die Eierschale der sinnlichen Vorstellungen, aus

denen es erwachsen ist, klebt dem aus dem Ei geschlüpften Küchlein

des psychischen Begriffs in diesem Stadium der psychologischen

Entwickelung gleichsam noch auf dem Rücken an. Dasselbe erhält sich

um so länger, je kleiner und homogener der Kreis der sinnlichen

Vorstellungen ist, aus welchen das Gemeinbild seine Nahrungssäfte

zieht. Denn je gleichartiger die sinnlichen Vorstellungen unter

einander d. h. je geringer an Zahl und Intensität die unter einander

entgegengesetzten Bestandtheile derselben sind, desto weniger hemmen

und verdunkeln sich dieselben unter einander; desto weniger wird der

Zusammenhang zwischen den identischen und den particulären Merkmalen

d. i. zwischen dem Begriff und seinem Umfang aufgehoben, und desto

leichter werden mit den gemeinsamen auch eines oder einige besondere

Merkmale d. h. wird das Gemeinbild selbst in einer besonderen Färbung

(in concreto) vorgestellt. Je reicher und mannigfaltiger dagegen

der Umkreis der sinnlichen Vorstellungen wird, um desto grössere

Gegensätze finden zwischen den letzteren statt, um so mehr löschen die

einander entgegengesetzten Merkmale sich unter einander völlig aus,

um desto mehr wird der Zusammenhang zwischen den allen gemeinsamen

und den individuell besonderen Merkmalen gelockert, um desto weniger

tritt eine Nöthigung ein, im Gemeinbilde nebst den gemeinsamen

auch noch eines oder einige nur particuläre Merkmale vorzustellen,

um desto mehr löst sich das Gemeinbild als ein abstractes von der

ihm zu Grunde liegenden Vorstellungsunterlage im Bewusstsein ab und

schwebt als ein auf dieser zwar erwachsenes, aber nicht mehr mit ihr

verwachsenes Gebilde frei über der Sphäre concreter Vorstellungen. Erst

das auf diese Stufe der Entwickelung erhobene Gemeinbild ist wahres

Allgemeinbild d. h. stellt nicht blos eines, einige oder viele Theile

des Umfangs, sondern im eminenten Sinn den ganzen Umfang vor und kann,

statt wie bisher an einem Theile desselben mit Ausschluss des übrigen

zu haften, über alle Theile desselben ohne Ausnahme frei hin und her

sich bewegen. Das so geläuterte Gemeinbild ist wirklich Begriff, denn

es begreift sämmtliche Glieder seines Umfangs unter sich, zugleich in

dieser abstracten Reinheit aber auch ein blosses "Ideal", dem sich das

wirklich vorhandene Gemeinbild zwar zu nähern, welches dasselbe jedoch

niemals vollkommen zu erreichen vermag, weil der Zusammenhang zwischen

den gemeinsamen und zum Begriff verschmolzenen und den individuellen,

den sinnlichen Vorstellungen angehörigen Merkmalen zwar vermindert,

aber niemals zerrissen werden kann und daher der thatsächliche Begriff

eine, wenn auch noch so leichte Färbung auf Grund seines Ursprungs

immer an sich tragen muss. Letzteres ist um so weniger zu verwundern,

als ja auch der thierische Organismus, seiner, mit der Sesshaftigkeit

der Pflanze verglichen, frei erscheinenden Beweglichkeit ungeachtet,

dem Boden seiner Heimat und den Bedingungen seiner Geburt verhaftet

bleibt und sich fremden Himmelsstrichen entweder gar nicht, oder nur

höchst allmälig durch Acclimatisation einverleibt.

352. Die höchste Stufe erreicht der Begriff, wenn er sich selbst

begreift d. h. wenn er das auf dem Grunde der sinnlichen Vorstellungen

erwachsene Gemeinbild sich selbst vorstellt. Dieses geschieht, wenn

das im Bewusstsein vorhandene Gemeinbild jedes andere in demselben

Bewusstsein auftauchende homogene, psychische Gebilde in Folge dieser

seiner Homogeneität als gleichartig erkennt, vermöge seiner überlegenen

Intensität an sich zieht und mit sich selbst verschmelzt. Dasjenige

Gebilde, von welchem die Verschmelzung ausgeht (das thätige), spielt

dabei die herrschende, dasjenige, welches mit demselben verschmolzen

wird, das leidende, die unterthänige Rolle. Jenes erscheint als

das überlegene, das sich des anderen bemächtigt; gleichsam als

der Krystallisationspunkt, an welchen das andere anschliesst, oder

als der Organismus, welchem das andere zur Nahrung dient. Wie der

thierische Organismus den pflanzlichen (die vegetabilische Nahrung)

sich assimilirt, so wird von dem mächtigeren psychischen Gebilde das

ihm homogene schwächere appercipirt d. h. nicht blos als vorhanden

wahrgenommen (percipirt), sondern als verwandt d. h. ihm zugehörig

erkannt und als das seinige in Besitz genommen (appercipirt). Hat

sich einmal der Begriff Baum im Bewusstsein festgesetzt, so reisst

derselbe jede später in dasselbe eintretende homogene Erscheinung

d. i. jede künftige Wahrnehmung irgend eines Baumes sofort als

ihm zugehörig an sich und fügt sie als ihm Gleichartiges zu sich

als bereits vorhandenem psychischem Gebilde hinzu, welches dadurch

naturgemäss zu immer grösserer Stärke und dem entsprechender Macht

im Bewusstsein anwachsen muss.

353. Psychische Bildungen dieser letzten Art, welche nicht mehr weder

zunächst noch entfernt blosse Perceptionen d. h. wie die primitiven

Bewusstseinsacte durch extensive (äussere) veranlasste intensive

(innere) Zustände oder, wie die Anschauungen, sinnlichen Vorstellungen,

niederen und höheren Gemeinbilder aus jenen durch Complication oder

durch Verschmelzung entstanden, sondern Apperceptionen d. h. andere

ihresgleichen beherrschende Phänomene sind, lassen sich als im

Bewusstsein vertheilte Centralmassen betrachten, deren jede zahlreichen

andern zum Mittel-, Sammel- und Vereinigungspunkte dient. Da die Macht

derselben über andere ihresgleichen von ihrer eigenen, relativ diesen

überlegenen Intensität abhängt, indem jede Vorstellungsmasse eine ihr

ähnliche desto leichter sich aneignen wird, je stärker sie selbst

und je schwächer die letztere ist, so ist es klar, dass diejenige,

welche durch die Umstände begünstigt, nothwendig von allen die stärkste

werden, zugleich die stärkste Anziehungskraft erlangen und schliesslich

die übrigen alle oder doch fast alle sich aneignen muss. Eine solche

aber ist diejenige Vorstellungsmasse, welche sich auf den Vorstellenden

d. i. auf den Träger des Bewusstseins selbst bezieht und deshalb

als "Ich" bezeichnet wird. Während z. B. die Vorstellung des Baumes

nur dann im Bewusstsein vorhanden sein kann, wenn die Anschauungen,

aus welchen dieselbe erwächst, wirklich in das Bewusstsein jemals

eingetreten sind, und demnach jenem nothwendig fehlen muss, dem jene

Anschauungen mangeln (eben so wie dem Blinden die Farben, dem Tauben

die Töne u. s. w.), kann eine auf sich selbst bezügliche Vorstellung

dem Vorstellenden niemals abgehen, weil die Anschauungen, auf deren

Grund dieselbe erwächst (zunächst die Empfindungen des eigenen

Leibes) demselben nie fehlen können; und dieselbe muss nothwendig

unter allen übrigen die relativ höchste Intensität erreichen, weil

die Veranlassungen zu derselben mit jenen aller andern Vorstellungen

verglichen die häufigsten und, wie der eigene Leib, dem Bewusstsein

beinahe ununterbrochen gegenwärtig sind. Zwar durchläuft dieselbe

als psychisches Gebilde eine Reihe von Entwickelungsstadien, in

deren Verfolge sich dieselbe immer mehr von überflüssigen d. h. zur

reinen Ich-Vorstellung wesentlich nicht erforderlichen Bestandtheilen

befreit und aus einer Vorstellungsmasse, welche zunächst aus den

Vorstellungen des eigenen Leibes und seiner Bestandtheile besteht,

allmälig zu jener des reinen Sichselbstwissens im Selbstbewusstsein

hinauf läutert; allein ihre bevorzugte Stellung und in deren Folge

ihre appercipirende Macht über die übrigen Bildungen im Bewusstsein

bleibt immer dieselbe und bewirkt, dass zuletzt nur dasjenige als im

Bewusstsein wirklich vorhanden angesehen wird, was, weil vorhanden,

durch das Ich appercipirt und als das Seinige angeeignet worden ist.

354. In dieser appercipirenden Macht, welche die Ich-Vorstellung

über die Gebilde des Bewusstseins im weitesten Umfange ausübt,

liegt der Grund, weshalb der sich selbst begreifende Begriff

d. i. das zur appercipirenden Vorstellungsmasse gewordene Gemeinbild

"Ich-ähnliche" Vorstellung genannt werden kann. Derselbe kann,

während er für die Vorstellungen seines Kreises im Bewusstsein

das Centrum bildet, seinerseits von der Ich-Vorstellung, welche

das Centrum des individuellen Bewusstseins ausmacht, als zu ihrem

Kreise gehörig appercipirt werden. Jeder derselben lässt sich mit

einem jener kleineren Centralkörper, im Weltraum vergleichen, welcher

seinerseits wieder einem grösseren ein ganzes Weltsystem beherrschenden

Centralkörper unter- und in dessen Umkreis eingeordnet ist. So wenig

die Abhängigkeit von diesem die relative Selbstständigkeit jenes ersten

anderen gegenüber, so wenig schliesst die Apperception des zum Begriff

gewordenen Gemeinbilds durch das Ich die Fähigkeit des ersteren aus,

seinerseits zu seinem Kreise gehörige Vorstellungen als die seinigen

zu appercipiren. Wie die Ich-Vorstellung den appercipirenden Begriff

im Grossen, so stellt jeder für sich ein Ich im Kleinen dar und öffnet

dadurch die Möglichkeit, unabhängig vom Ich als ein solches für sich

d. h. als ein anderes Ich im Bewusstsein sich geltend zu machen.

355. Abnorme Erscheinungen des Bewusstseinslebens, in welchen neben

der herrschenden Ich-Vorstellung eine zweite deren Rolle usurpirende

Vorstellungsmasse ihrerseits einen Theil des Bewusstseinsinhalts an

sich reisst, so dass in Folge dessen, wie etwa in einem und demselben

Weltsystem zwei Centralkörper, so in einem und demselben Bewusstsein

zweierlei Ich sich in die Herrschaft über dasselbe getheilt zu haben

scheinen, lassen sich auf die übermächtig gewordene Apperception

solcher "Neben-Iche" zurückführen. In dem Geisteskranken, der sich in

seinem Delirium für Gott Vater hält und als solcher beträgt, während

er in den sogenannten lichten Zwischenräumen bei gutem Verstande

ist und seinem eigentlichen Ich gemäss denkt, will und handelt, ist

jene fixe Idee zum ichartigen Mittelpunkt geworden, um welchen herum

der mit demselben harmonirende Theil des Bewusstseinsinhalts sich

krystallisirt, während der mit ihm disharmonirende von demselben

abgestossen wird. Folge davon ist, dass der Kranke während seiner

gesunden Momente von dem, was er während seines "Aussersichseins"

geredet und gethan, kein Bewusstsein haben kann, da die betreffenden

Bewusstseinsphänomene nicht von seiner d. i. von der Ich-Vorstellung

seines gesunden Bewusstseinslebens, sondern von einer dieser fremden,

wenngleich innerhalb desselben "Bewusstseinsraums" befindlichen,

ihrerseits als Ich-Vorstellung fungirenden Vorstellungsmasse

appercipirt worden sind. Folge aber auch, dass ein solcher Kranker

von der Haltlosigkeit seiner Selbsttäuschung niemals überzeugt werden

kann, da ja derjenige, der Ueberzeugungsgründen zugänglich ist, mit

demjenigen, welcher derselben bedarf, zwar real d. i. insofern deren

beiderseitigem Bewusstsein derselbe atomistische Träger zu Grunde

liegt, identisch, dem Bewusstsein d. h. dem von einer und derselben

Ich-Vorstellung appercipirten Umkreis psychischer Vorgänge nach aber

von demselben gänzlich verschieden ist.

356. Mit dem Erwachen und allmäligen Heranwachsen der Ich-Vorstellung,

welches nicht mit dem Erwachen des Bewusstseins d. h. mit dem

Auftauchen psychischer Vorgänge zu verwechseln ist, tritt in der

Entwicklungsgeschichte des psychischen Lebens ein Wendepunkt ein. Das

neugeborne Kind hat ein Bewusstsein d. h. in demselben finden nicht

nur primitive Bewusstseinsacte, sondern bereits aus solchen durch

Complication und Verschmelzung sich bildende Empfindungen, Anschauungen

und sinnliche Vorstellungen, aber es hat keine Ich-Vorstellung und

in Folge dessen findet keine Apperception der in ihm vorgehenden

Bewusstseinsacte als der seinigen statt. Wie die Processe in

der Körperwelt des Weltraums vor dem Auftreten des Menschen zwar

gesetzmässig ihren Verlauf nahmen, aber weder als solche gewusst, noch

von irgend einem Wesen als zu ihm in irgend einem Verhältniss stehend

auf sich bezogen werden, so wickeln sich die Processe im Bewusstsein

vor dem Auftreten der Ich-Vorstellung in diesem zwar gesetz- und

regelmässig ab, ohne jedoch als solche gewusst und von irgend einer

auf den Träger des Bewusstseins bezüglichen Vorstellungsmasse als die

ihrigen angeeignet zu werden. Während der leblose Naturkörper den

ihn bewegenden Impulsen der Naturkräfte Widerstand und bewusstlos

Folge leistet, ist es für den belebten Naturkörper, sobald er

sich, wie im Menschen, nicht blos zur Vorstellung, sondern zur

Vorstellung seiner selbst erhoben hat, charakteristisch, dass er das

Vorgestellte, die ihn umgebende Körperwelt, in ein Verhältniss zu

sich, dem dieselben und sich selbst vorstellenden Wesen setzt und

nicht blos als daseiend, sondern als um seinetwillen und für ihn

daseiend d. h. als sein "Eigenthum" betrachtet, Sonne und Mond als

bestimmt, ihm zu leuchten, Früchte und Thiere als bestimmt, ihn zu

nähren und zu kleiden, sich selbst als den Ziel- und Endpunkt des

gesammten sichtbaren Weltalls ansieht. In der Entwicklungsgeschichte

des Bewusstseins stellt der vor dem Erwachen und Mächtigwerden der

Ich-Vorstellung ablaufende Zeitraum gleichsam die vorgeschichtliche

(wie in der Entwicklungsgeschichte des Weltalls die vormenschliche)

Periode dar; innerhalb desselben sind zwar Bewusstseinsphänomene

verschiedenster Art (Vorstellungen, Gefühle, Begierden und Wünsche)

bereits vorhanden, aber erst mit dem Auftreten der Ich-Vorstellung in

ihrer Mitte werden sie von der letzteren als um ihretwillen vorhanden,

als zu ihr in Beziehung stehend und ihr zugehörig angesehen und dadurch

aus "unbewussten" d. h. von keinem Ich als die seinigen gewussten zu

"bewussten" d. h. zu nicht nur im Bewusstsein vorhandenen, sondern

auch von dem Ich dieses Bewusstseins als vorhanden gewussten und

als die seinigen anerkannten Bewusstseinsacten erhoben. Wie jener

Zeitraum, in welchem nur unbewusste Phänomene im Bewusstsein vor

sich gehen, gleichsam die Nachtseite, so macht derjenige, innerhalb

dessen nach dem Erwachen und Mächtigwerden der Ich-Vorstellung auch

bewusste psychische Zustände, und zwar in immer steigender Menge

auftreten, die Tagseite des psychischen Lebens aus. Letztere kann

durch vorübergehendes Erlöschen der Ich-Vorstellung (wie es z. B. in

der Ohnmacht, im Affect, im Delirium und periodisch wiederkehrend im

Schlafe stattfindet) eben so vorübergehende Unterbrechungen (gleichsam

Rückfälle in die Nacht des unbewussten Daseins), aber nur mit dem

bleibenden Aufhören der Ich-Vorstellung ein bleibendes Ende erfahren.

357. Wie die elementaren Bewusstseinsacte, so üben die durch

Complication oder Verschmelzung aus denselben entstandenen

Bewusstseinsgebilde höherer Ordnung, durch die Einheit des

atomistischen Trägers gezwungen, der kein Ausweichen gestattet,

gegenseitig Wirkungen auf einander aus. Jene vereinigen sich zu einer

Complication, wenn sie gleichzeitig oder succedirend, verschmelzen

mit einander, wenn sie dem Inhalt nach gleichartig sind. Letzterer

Act geht ohne Aufenthalt und widerstandslos vor sich, wenn die zu

verschmelzenden dem Inhalt nach identisch, dagegen zögernd und erst

nach vorausgegangenem Sichsträuben, wenn dieselben dem Inhalt nach

entgegengesetzt sind. In ersterem Falle verstärken, im zweiten Falle

schwächen die mit einander verschmelzenden Bewusstseinsacte einander,

indem in jenem Fall die Intensität des einen zu der Intensität des mit

ihm identischen andern einfach hinzugefügt, dagegen im zweiten Fall

ein Theil der Intensität des einen durch einen Theil der Intensität

des andern "gebunden" und dadurch sowol der gebundene Theil der

Intensität des einen, wie der ihn bindende Theil der Intensität des

anderen unwirksam gemacht, folglich die ursprüngliche Intensität

beider um diesen beziehungsweisen Bruchtheil vermindert wird. Der auf

diese Weise an Intensität gewachsene Bewusstseinsact ist, bildlich

gesprochen, heller, diejenigen, deren Intensität abgenommen hat,

sind beziehungsweise dunkler geworden, als sie vorher waren; der

Inhalt derselben aber ist derselbe geblieben. Geht die Verdunkelung

so weit d. h. hat die Intensität eines Bewusstseinsactes so sehr

abgenommen, dass die Gegenwart desselben im Bewusstsein unmerklich

wird (in ähnlichem Sinn, wie ein gleichwol vorhandener Lichtreiz

für die Netzhaut, ein vorhandener Schallreiz für den Gehörsnerv

unmerklich werden kann), so hat der Act die äusserste Grenze im

Bewusstsein, die sogenannte "Schwelle des Bewusstseins" (wie der

Licht- und Schallreiz die Reizschwelle) erreicht; sinkt sie noch

tiefer herab, letztere überschritten. Das sogenannte Vergessene

ist diesem Grade der Verdunkelung anheimgefallen, indem dasselbe,

da nichts, was einmal geschah, ungeschehen gemacht werden kann,

zwar ("als Spur") nach wie vor im Bewusstsein vorhanden, aber, weil

unmerklich geworden, seiner Wirksamkeit nach so gut wie nicht vorhanden

ist und sich von dem im Bewusstsein wirklich nicht vorhandenen, weil

niemals vorhanden gewesenen, nur dadurch unterscheidet, dass es unter

günstigen Umständen wieder hell zu werden d. h. sich im Bewusstsein

wieder bemerklich zu machen vermag. Geschieht letzteres, so heisst

der Bewusstseinsact ein erneuerter (z. B. die schon vergessen

gewesene Vorstellung eine Erinnerung), kein neuer, weil es der

frühere "latent" gewordene Zustand ist, welcher neuerdings "patent"

d. i. als wirksamer auftritt. Bewusstseinsacte dieser Art werden

im Gegensatz zu den ursprünglichen auf Veranlassung äusserer Reize

erzeugten (producirten) wiedererzeugte (reproducirte) genannt und,

je nachdem sie den ursprünglichen ganz oder nur zum Theile gleichen,

als unverändert (Gedächtnissacte) oder als verändert reproducirte

(Phantasieacte) unterschieden. Die Reproduction selbst erfolgt entweder

mit oder ohne Hilfe von Seite anderer Bewusstseinsacte; in letzterem

Fall erhellt sich der verdunkelt gewesene Bewusstseinsact gleichsam

von selbst, sobald und weil die bisherige Ursache seiner Verdunkelung

(z. B. der von Seite eines dem Inhalt nach entgegengesetzten Acts

ausgeübte Druck) aufgehört hat zu wirken; in ersterem Falle wird

der unter die Schwelle herabgedrückte Bewusstseinsact durch einen

andern über derselben befindlichen, welcher mit jenem, sei es durch

Gleichzeitigkeit oder Succession, associirt oder durch Gleichartigkeit

des Inhalts verwandt ist, wieder emporgezogen. Unmittelbar reproducirte

Vorstellungen, welche nach Herbart "freisteigende" heissen, machen,

wenn sie während des Schlafes auftreten, als Träume, wenn sie mitten

unter heterogenen Vorstellungskreisen im Wachen auftauchen, als

sogenannte Einfälle sich geltend, die, wenn sie dem Inhalt nach

als besonders überraschend oder glücklich erscheinen, wol auch

für "Eingebungen" (Inspirationen) gehalten zu werden, Veranlassung

geben. Mittelbar reproducirte Vorstellungen bilden, wenn sie zugleich

unverändert reproducirte sind, die Grundlage des auf Gedächtniss

und Ueberlieferung beruhenden sogenannten historischen Wissens; wenn

sie zugleich zum Theil verändert reproducirte sind, das wirksamste

Hilfsmittel eines nicht nur das vorhandene Vorstellungsmaterial frei

umformenden (dichtenden), sondern jede erregte Vorstellung durch

eine Fülle begleitender Vorstellungen bereichernden und dadurch die

gesammte Vorstellungsthätigkeit belebenden (phantasievollen) Schaffens.

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 24 / 31 段