nur das Verhältniss der primitiven Empfindungen selbst, sondern
auch das aller aus denselben abgeleiteten psychischen Phänomene,
ähnlich wie das Verhalten der körperlichen Elemente und aller daraus
abgeleiteten physischen Phänomene, mit Rücksicht auf die in denselben
enthaltenen quantitativen Bestimmungen und deren Relationen zu einander
einer mathematischen Behandlung zu unterwerfen. Wie die Atome der
Körperwelt sich als Kräfte betrachten lassen, die im Verhältniss
ihrer Stärke anziehend oder abstossend auf einander wirken,
so lassen die primitiven Empfindungen mit Rücksicht auf den Grad
ihnen eigener Intensität als Kräfte sich ansehen, welche sich unter
Voraussetzung gleichartiger Richtung verstärken, unter Voraussetzung
entgegengesetzter ganz oder theilweise hemmen werden. Die exacte
Naturwissenschaft trachtet die gesammten Erscheinungen der körperlichen
Welt, auch die verwickeltesten, die sogenannten Lebenserscheinungen,
nicht ausgeschlossen, in ihrem letzten Grunde auf Annäherungen und
Entfernungen der kleinsten Theilchen der körperlichen Masse (der
Molecüle und physikalischen Atome) nach statischen und mechanischen
Gesetzen zurückzuführen; eine exacte Psychologie wird das gleiche Ziel,
die Reduction der gesammten Bewusstseinserscheinungen auf gegenseitige
Verstärkung oder Hemmung der primitiven Bewusstseinserscheinungen
("Bewusstseins-Atome") nach statischen und mechanischen Gesetzen vor
Augen haben.
340. Wie die Gesammtheit der physikalischen Atome den Stoff der
Körper-, so bildet die Gesammtheit primitiver Bewusstseinsvorgänge
den Stoff der Welt des individuellen Bewusstseins. Wie jene
erfahrungsgemäss eine begrenzte d. h. so weit reichende ist, als nach
unserer Erfahrung das physische Band reicht, welches als Gravitation
die Elemente der Materie zusammenhält, so ist die Menge des psychischen
Materiales erfahrungsgemäss für jedes individuelle Bewusstsein
eine begrenzte, deren Beginn mit dem Zeitpunkt des erwachenden
(Geburt), deren Ende mit jenem des erlöschenden Bewusstseins
(Tod) des Individuums zusammenfällt. Jene wie diese stellt ein
Stoffquantum dar, das sich weder vermehren noch vermindern lässt,
dessen Form jedoch im Laufe der Zeit, und zwar die des physischen
Stoffs während der Dauer des sichtbaren Universums, die des primitiven
Bewusstseinsmaterials während der Dauer des psychischen Individuums,
Aenderungen in ununterbrochener Folge erfahren kann und, wie die
Erfahrung, die äussere durch Beobachtung der Entwickelungsgeschichte
des Weltalls, die innere durch Beobachtung der Processe im Bewusstsein
des Individuums, zeigt, thatsächlich erfährt. So wenig jemals dem
Begriff unbedingten Gesetztseins entsprechend das Denken ein Sein
d. h. Realität hervorzubringen vermag, so wenig vermag der atomistische
Träger des Bewusstseins auch nur eine einzige primitive Empfindung aus
sich selbst d. i. ohne durch anderes Wirkliche gegebene Veranlassung
zu erzeugen. So gewiss das Wirkliche als unbedingt Gesetztes durch
das Denken zwar als solches anerkannt, aber nicht aufgehoben zu werden
vermag, so gewiss kann ein einmal stattgehabtes wirkliches Geschehen
(eine primitive Empfindung im Bewusstsein) durch Verleugnung von
Seite des Wirklichen, in dem es geschehen ist, zwar verdunkelt,
aber niemals ungeschehen gemacht werden.
341. Wie die Totalität des körperlichen Stoffs und aller daraus
näher oder entfernter sich entwickelnden Erscheinungen den Inhalt des
räumlich und zeitlich ausgedehnten Weltalls, so bildet die Gesammtheit
des Bewusstseinsmaterials und aller näher oder entfernter daraus
abgeleiteten Bewusstseinsphänomene den Inhalt des nicht räumlich,
wol aber zeitlich ausgedehnten Bewusstseins. Jenes besitzt obige
Eigenschaft, weil dessen Bestandtheile nicht nur ausser einander,
sondern auch nach einander, dieses nur die letztere, weil dessen
Bestandtheile zwar nicht blos nach einander, sondern auch mit einander,
in dieser letzteren Eigenschaft aber niemals ausser einander sein
können. Letzteres nicht, weil das atomistische Wirkliche, dessen
Zustände sie sind, keinen Raum darbietet für eine gleichzeitige
"itio in partes". So gut die gleichzeitig existirenden Elemente des
körperlichen Stoffs ihres räumlichen Aussereinander ungeachtet durch
das physische Band, das sie an einander fesselt, gezwungen sind, als
Theile desselben physischen Weltalls mit einander in Zusammenhang
zu bleiben, so gut sind die gleichzeitig vorhandenen Elemente des
individuellen Bewusstseins durch die atomistische Beschaffenheit ihres
gemeinsamen Trägers gezwungen, als Theile desselben Bewusstseins
unter einander in realen Zusammenhang zu treten. So wenig ein
Weltkörper, durch das Band der Schwere gehalten, aus dem sichtbaren
Universum und seinem Verband mit anderen Weltkörpern sich entfernen,
so wenig kann irgend ein Bestandtheil des Bewusstseins der Berührung
mit den gleichzeitig mit ihm in demselben Bewusstsein vorhandenen
Bestandtheilen ausweichen. Derselbe ist, wohl oder übel, gezwungen,
sich mit denselben, sei es feindlich oder freundlich, in Contact
zu setzen.
342. Letztere Nöthigung enthält den Grund der sogenannten
Ideenassociation d. i. der Vergesellschaftung der gleichzeitig
in demselben Bewusstsein vorhandenen Phänomene. Derselbe ist ein
"mechanischer", demjenigen vergleichbar, dessen Wirkung wie durch
einen Druck von aussen auf mittels desselben zusammengehaltene Körper
ausgeübt wird, und steht so wenig, wie dieser zu der qualitativen
Beschaffenheit der Körper, zu der qualitativen Beschaffenheit der
associirten Phänomene in Beziehung. Nicht der Umstand, dass sie dem
Inhalt nach ähnlich oder unähnlich, sondern allein die Thatsache,
dass sie gleichzeitig Bestandtheile desselben Bewusstseins sind,
knüpft die Erscheinungen an einander und dehnt ihre Wirksamkeit
nachhaltig auch auf solche Bestandtheile des Bewusstseins aus,
welche nicht ganz, sondern nur theilweise mit den eben im Bewusstsein
anwesenden Erscheinungen gleichzeitig sind. Letzteres macht erklärlich,
warum in demselben Bewusstsein auf einander folgende Erscheinungen,
vorausgesetzt dass dieselben schon einzutreten angefangen haben, bevor
die gegenwärtigen gänzlich geschwunden sind, sich mit den letzteren
gleichfalls und, wenn obige Voraussetzung sich erfüllt, alle einander
succedirenden Bewusstseinsphänomene sich unter einander associiren.
343. Treten daher gewisse Bewusstseinsphänomene (z. B. primitive
Empfindungen) thatsächlich zugleich oder in der Weise nach einander
ins Bewusstsein ein, dass die vorangehende noch fortdauert, wenn
die folgende schon eintritt, so müssen sich dieselben unter einander
verbinden, und zwar desto inniger, je öfter das gleichzeitige oder
successive Eintreten derselben sich wiederholt. Sind nun Gründe
vorhanden, welche bewirken, dass gewisse Phänomene niemals anders als
gleichzeitig oder in derselben Ordnung nach einander ins Bewusstsein
eintreten können, so muss diese Nöthigung, sich unter einander
zu verbinden, zuletzt eine so unwiderstehliche werden, dass jene
Phänomene schlechterdings nicht mehr ohne einander gedacht d. h. dass
dieselben nur als ein zusammengehöriges Ganzes d. i. als Aggregat
von Bewusstseinsphänomenen gedacht werden können, dessen Theile zwar
eben so wenig wie die des mechanischen Körpers durch Gleichartigkeit
oder Gegensatz unter einander verwandt sein müssen, aber eben so wie
diese durch mechanischen Druck und Cohäsion, so durch den Zwang der
Simultaneität oder Succession mit einander verbunden sind.
344. Aggregate dieser Art sind von Herbart "Complicationen" genannt
worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass die
Beschaffenheit des Inhalts des Verbundenen gleichgiltig, der Grund
der Verbindung einzig die Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge
des Verknüpften ist. Daraus folgt, dass auf diesem Wege eben so
gut verwandte, als gänzlich disparate Bewusstseinsphänomene zur
Verbindung gelangen, und nicht nur Heterogenes, sondern selbst
Widersprechendes durch die blosse Thatsache der Gleichzeitigkeit oder
der Succession zu einem (im letzteren Falle sogar widerspruchsvollen)
Ganzen zusammengewürfelt und durch den Zwang der Ideenassociation
zusammengeschweisst werden kann. So wenig der nur mechanisch
zusammengesetzte physische Körper aus qualitativ gleichartigen
Elementen, so wenig braucht die Complication aus solchen zu bestehen;
so gewiss aber vom Standpunkt der quantitativen Atomistik aus der
chemisch einfache Körper (z. B. das Sauerstoffatom), da derselbe nichts
weiter als eine eigenartig geformte Gruppe primitiver physikalischer
Atome ist, nichts anderes als ein blosses Aggregat sein kann,
weil bei dessen Zusammensetzung die Qualität seiner Bestandtheile
noch keine Rolle spielt, so gewiss kann die im Sinne der bisherigen
Psychologie einfach genannte Empfindung (z. B. die Empfindung Roth
oder Ton C), wenn dieselbe nichts weiter als eine eigenartige Gruppe
primitiver Bewusstseinsacte (ictus) sein soll, nichts anderes sein,
als eine Complication, weil bei derselben von einer Rücksicht auf
qualitative Beschaffenheit ihrer primitiven Elemente keine Rede sein
kann. Das Sauerstoffatom stellt in diesem Fall unter den möglichen
Gruppirungen, welche physikalische Atome überhaupt einnehmen können,
eine solche dar, welche thatsächlich gegeben und von der äusseren
Erfahrung unter dem Namen des Sauerstoffes fixirt worden ist;
eben so möchte die vermeintlich einfache Empfindung des Rothen eine
Complication primitiver Bewusstseinsacte ausdrücken, welche unter den
zahllosen möglichen Combinationen primitiver Bewusstseinselemente
thatsächlich gegeben und von der inneren Erfahrung durch den Namen
des Roth-Empfindens vor andern ihrer Gattung ausgezeichnet worden ist.
345. Qualitativ verschiedene Empfindungen der Art (Farbenempfindungen
wie Roth, Blau, Grün; Tonempfindungen wie Violinton g, h;
Geruchsempfindungen wie Rosengeruch, Veilchengeruch etc.),
welche selbst schon Complicationen primitiver Bewusstseinsacte
sind, verhalten sich zu diesen letzteren, wie sich die qualitativ
verschiedenen sogenannten einfachen chemischen Stoffe (Sauerstoffatom,
Kohlenstoffatom) als Gruppen ursprünglicher Molecüle zu diesen
letzteren selbst verhalten. Dieselben nehmen die nach den primitiven
Bewusstseinsacten nächste Stufe unter den Bildungen des Bewusstseins,
wie die chemischen einfachen Stoffe die nach den physikalischen
Atomen nächste Stufe unter den Körperbildungen des Naturlebens ein
und können, wie diese letzteren zu "Gemengen" einfacher Stoffe (wie
die atmosphärische Luft ein solches von Sauerstoff und Stickstoff
darstellt), so zu neuen Complicationen, sei es gleichartiger, sei es
ungleichartiger Empfindungen sich verbinden. Wie aus der Verbindung
chemisch gleichartiger Atome ein homogener Körper, so entsteht aus der
Verbindung gleichartiger Empfindungen, z. B. durchgehends Empfindungen
rothen Lichts, eine homogene, wie aus der Verbindung ungleichartiger
Atome ein chemisches Stoffgemenge, so aus der Verknüpfung heterogener
Empfindungen eine heterogene Complication. Complicationen dieser
Art, die also eben so bereits fertige Empfindungen, wie diese
letzteren primitive Bewusstseinsacte zur Voraussetzung haben, sind
die sogenannten Anschauungen, die als solche entweder reine d. h. aus
durchaus homogenen, oder gemischte d. i. aus heterogenen Empfindungen
zusammengesetzt sind. Von jener Art ist die Anschauung des Rothen,
von dieser die Anschauung z. B. des Goldes. Jene entsteht dadurch, dass
vermöge der flächenförmigen Ausbreitung des Sehnervs als Netzhaut auf
der Oberfläche des kugelförmigen Augapfels bei der Einwirkung rothen
Lichts auf denselben niemals eine vereinzelte Empfindung des Rothen,
sondern stets, da mehrere Punkte der Netzhaut zugleich von rothem
Licht getroffen werden, eine Summe von Roth-Empfindungen d. h. eine
durch Gleichzeitigkeit verknüpfte Complication unter einander homogener
Empfindungen zum Vorschein kommen muss. Diese entsteht dadurch, dass
mehrere unter einander verschiedene Sinne durch das angeschaute Object
zugleich, jeder in seiner Weise, der Sehnerv z. B. durch den Glanz und
die gelbe Farbe des Goldes, der Hörnerv durch dessen Metallklang, der
Tastnerv durch dessen Glätte und Kälte u. s. w. in Erregung versetzt
werden und so eine Gruppe heterogener Empfindungen gebildet wird, die
unter einander durch Gleichzeitigkeit verknüpft und als Complication
mit dem gemeinsamen Namen des Goldes belegt werden.
346. Wie chemisch disparate Körperbestandtheile, die zu einander
keinerlei Affinität besitzen und lediglich durch mechanischen Druck
zusammengehalten werden, in ihrem Verbande beharren, aber auch nur so
lange beharren, als jener währt, chemisch verwandte Körperbestandtheile
aber in Folge dieser Verwandtschaft eine viel innigere, und zwar so
weit gehende Verbindung unter einander eingehen, dass dieselbe nicht
wieder auf mechanischem, sondern nur auf chemischem Wege in Folge
stärkerer Verwandtschaft mit einem anderen Körper gelöst werden kann:
so bleiben reine Anschauungen, deren Bestandtheile homogen, also
dem Inhalt nach unter einander verwandt sind, auf dem Niveau einer
durch blosse Gleichzeitigkeit verknüpften Complication nicht stehen,
sondern gehen deren Elemente in Folge ihrer Homogeneität unter einander
allmälig eine viel innigere Verbindung ein, während die gemischten
Anschauungen, deren Elemente unter einander disparat d. h. dem Inhalt
nach gegen einander indifferent sind, fortfahren, ausschliesslich
durch das Band blosser Gleichzeitigkeit vereinigt zu sein. Jene
innigere Verbindung homogener Empfindungen, welche im Gegensatz zu
der durch Gleichzeitigkeit erzeugten, durch deren Gleichartigkeit
hervorgebracht wird, ist von Herbart treffend "Verschmelzung" genannt
und dadurch von der blossen Complication in ähnlicher Weise wie die
chemische Verbindung von der mechanischen unterschieden worden. Das
Charakteristische derselben liegt darin, dass sie wol auf Veranlassung
des gleichzeitigen Vorhandenseins homogener Bewusstseinsvorgänge, aber
nicht durch diese Gleichzeitigkeit entsteht d. h. dass die gleichzeitig
gegebenen gleichartigen Empfindungen zwar nicht verschmelzen könnten,
wenn sie nicht gleichzeitig wären, jedoch nicht verschmelzen, weil
sie gleichzeitig, sondern weil sie gleichartig sind.
347. Wie mit der Einführung des qualitativen Unterschieds der
körperlichen Elemente ein neuer Gesichtspunkt in der Betrachtung
der physischen Welt eröffnet und damit eine neue Stufe im Aufbau
des Naturlebens erreicht wird, so treten mit der Berücksichtigung
des qualitativen Unterschieds der Bewusstseinselemente nicht nur die
einzelnen psychischen Bildungen, sondern auch deren Beziehungen zu,
unter und auf einander in eine neue Beleuchtung. Wurden dieselben
bis dahin nur auf die Thatsache hin angesehen, dass sie entweder
gleichzeitig oder nach einander ins Bewusstsein eintraten und in
Folge dessen, wie sie sonst immer beschaffen sein mochten, sich unter
einander associiren mussten, so werden dieselben von nun an eben so
ausschliesslich ihrer Verwandtschaft d. h. der ganzen oder theilweisen
Identität oder dem Gegensatz ihres Inhalts nach ins Auge gefasst,
in Folge deren sie, wenn sie einmal gleichzeitig oder successiv im
Bewusstsein vorhanden sind, unvermeidlich mit einander in Contact
treten müssen. Je nachdem jener Inhalt beschaffen, entweder ganz oder
theilweise derselbe oder ein ganz oder theilweise entgegengesetzter
ist, wird die Berührung der im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen
Vorgänge, welche einander in Folge der atomistischen Beschaffenheit
ihres gemeinsamen Trägers nicht auszuweichen vermögen, freundlich
oder feindlich sein d. h. dieselben werden sich im ersten Fall unter
einander verstärken d. h. mit einander verschmelzen, im zweiten Fall
unter einander schwächen d. h. einander gegenseitig hemmen. Jener
Vorgang entspricht der chemischen Anziehung zwischen qualitativ
gleichen, dieser dem Kampf zwischen qualitativ ungleichen Körpern,
von welchen der eine Bestandtheile enthält, welche zu dem andern
eine grössere Verwandtschaft besitzen als zu ihm selbst d. h. zu
ihm selbst im innerlichen Gegensatze stehen. Wie jene zu der
Verschmelzung der gleichen Körper, so führt dieser zur Ausscheidung
des Entgegengesetzten, worauf die zurückgebliebenen, nunmehr nicht
mehr gegensätzlichen Bestandtheile sich mit einander vereinigen.
348. Wie bei der Nichtberücksichtigung der qualitativen Beschaffenheit
des zu Verknüpfenden eine Association auf Grund der Gleichzeitigkeit
oder Succession, so findet bei Berücksichtigung derselben zwar
gleichfalls Association, aber in Folge der Gleichartigkeit oder des
Gegensatzes des zu Verknüpfenden statt. Zwar lässt sich die letztere
auf die erstere zurückführen, insofern Bewusstseinsphänomene, die
ihrem Inhalt nach identisch sind, als gleichzeitige deshalb sich
ansehen lassen, weil, wenn ihr Inhalt einmal gegeben ist, derselbe in
diesem Fall als der nämliche gegeben ist, welcher in allen folgenden
Fällen wiederkehrt. Allein, da jede Wiederholung desselben Inhalts
nichts desto weniger ein von der ursprünglichen Vorstellung desselben
verschiedener Act des Bewusstseins, also in diesem Betracht ein neues
Bewusstseinsphänomen und demnach mit jenem keineswegs gleichzeitig ist,
so kann der Grund der Verbindung beider demungeachtet nicht in deren
(nicht vorhandener) Gleichzeitigkeit, sondern muss in der (ganzen oder
theilweisen) Identität ihres Inhalts gesucht werden. Die Association
durch Gleichzeitigkeit, durch welche gleichsam "mechanische", und die
Association durch Gleichartigkeit, durch welche gleichsam "chemische"
Verbindungen zwischen Bewusstseinsvorgängen zu Stande kommen, ist
daher wesentlich verschieden.
349. Wie in der reinen Anschauung d. i. in der homogenen Complication
homogene Empfindungen, so werden in dem durch Verschmelzung
entstandenen Bewusstseinsgebilde homogene, sei es reine, sei es
gemischte Anschauungen unter einander verbunden. Da dieselben homogen
d. h. ihrem Inhalt nach gleichartig sind, so verstärken sie einander,
so dass das neu entstehende Bewusstseinsgebilde in seiner Intensität
die Intensitäten aller derjenigen Anschauungen vereint, aus deren
Verschmelzung unter einander es erwachsen ist. Von dieser Art sind die
sogenannten sinnlichen Vorstellungen, welche als solche kein primitives
Bewusstseinsgebilde, sondern erst auf Grund und durch Verschmelzung
zahlreicher einzelner, unter einander gleichartiger Anschauungen
allmälig geworden sind. Auf diesem Wege sucht der sogenannte
Anschauungsunterricht durch künstliche Veranstaltungen, welche
die wiederholte Vorführung gleicher Anschauungen durch Vorzeigung
des nämlichen Gegenstandes bezwecken, sinnliche Vorstellungen von
bedeutender Intensität zu erzeugen. Dieselbe stellt daher gleichsam
die Summe derjenigen homogenen Einzelanschauungen dar, aus denen sie
erwachsen, oder welche vielmehr in ihr zu einem Ganzen verwachsen
ist, zugleich aber auch einen Kern, durch dessen überlegen gewordene
Intensität jede im Verlauf des Bewusstseinsprocesses in denselben
eintretende homogene Anschauung herangezogen und mit welchem dieselbe
sofort, denselben neuerdings verstärkend, verschmolzen wird. Da
die Stärke auf diesem Wege gebildeter sinnlicher Vorstellungen mit
der Menge der Anschauungen, welche deren Unterlage im Bewusstsein
ausmachen, sich fortwährend steigert, so erklärt es sich, dass
solche, die aus den Anschauungen der Umgebung (z. B. der Heimat),
also aus den natürlicher Weise häufigsten entstanden sind, die
relativ grösste Stärke besitzen müssen und daher im Bewusstsein
am längsten und dauerhaftesten sich festsetzen, aber auch auf die
weiteren ihrerseits aus sinnlichen Vorstellungen auf was immer für
einem Wege abgeleiteten Bewusstseinsbildungen (z. B. Begriffe) den
grössten Einfluss üben müssen.
350. Wenn die sinnliche Vorstellung durch die Verschmelzung homogener
Anschauungen entsteht, so leuchtet ein, dass, wenn diejenigen
Anschauungen, welche die Unterlage einer gewissen sinnlichen
Vorstellung ausmachen, zwar unter einander homogen, aber zugleich
einem gewissen Kreise von Anschauungen, welcher seinerseits einer
sinnlichen Vorstellung als Basis dient, heterogen sind, auch die
durch die Verschmelzung der ersteren und die durch die Verschmelzung
der letzteren entstehende sinnliche Vorstellung unter einander
heterogen sein müssen. Dieselben werden je nach der Beschaffenheit
der Anschauungskreise, aus welchen sie erwachsen sind, unter einander
entweder gänzlich disparat, oder ihrer Heterogeneität ungeachtet mehr
oder minder unter einander verwandt d. h. ihrem Inhalt nach theilweise
identisch, theilweise entgegengesetzt d. h. zum Theil aus gleichen,
zum Theil aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt sein. Findet
das erstere statt, so werden dieselben, wenn sie gleichzeitig oder
nach einander im Bewusstsein vorhanden sind, sich zu einer Complication
höherer Ordnung, d. i. zu einer solchen verbinden, deren Bestandtheile
im Gegensatz zu den früher erwähnten niederer Gattung weder blosse
primitive Bewusstseinsacte, noch Empfindungen oder Anschauungen,
sondern selbst schon sinnliche Vorstellungen, also Gebilde höherer
Art sind. In letzterem Falle dagegen werden dieselben unter
einander, so gut es geht, sich zu verschmelzen trachten, wobei die
identischen Bestandtheile in beiden die Verschmelzung begünstigen, die
entgegengesetzten in beiden dagegen dieselbe mehr oder minder vereiteln
werden. Dadurch wird ein Bewusstseinsgebilde zum Vorschein kommen,
in welchem ein Theil völlig verschmolzen d. h. eins, der andere Theil
dagegen der Verschmelzung widerstrebend d. h. in Spannung begriffen
ist. Jener setzt sich aus den in sämmtlichen sinnlichen Vorstellungen,
aus welchen das neue Gebilde erwachsen ist, identischen, dieser dagegen
aus den in sämmtlichen obigen sinnlichen Vorstellungen von einander
abweichenden d. h. sich unter einander ausschließenden Bestandtheilen
zusammen; jener, der die Intensität sämmtlicher jenen sinnlichen
Vorstellungen gemeinsamen Bestandtheile in sich vereinigt, besitzt
eine vergleichsweise überlegene, die widerstrebenden Bestandtheile
gleichsam "wider Willen" festhaltende Kraft; dieser, dessen einzelne
Bestandtheile sich unter einander ausschliessen d. h. trennen
möchten, aber nicht können, weil sie mit den identischen zu einem
Ganzen vereinigt sind, stellt einen Zustand in sich gespannter,
einander gegenseitig hemmender, aber nicht vernichtender, relativ
schwacher Kräfte dar, welche gegenüber der gesammelten Intensität der
in dem bleibenden Bestandtheil verschmolzenen identischen Elemente
gleichsam verschwinden. Das so entstandene Bewusstseinsgebilde, das
zu seinem Inhalt die sämmtlichen sinnlichen, unter einander verwandten
Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, gemeinsamen Bestandtheile,
zu seinem Umfang d. i. zu seiner Grundlage im Bewusstsein aber die
Summe dieser sinnlichen Vorstellungen, aus denen es entstanden ist,
selbst hat, ist das sogenannte Gemeinbild oder im psychologischen
Sinne der Begriff.