339. Dieselbe Voraussetzung macht es aber auch möglich, nicht

nur das Verhältniss der primitiven Empfindungen selbst, sondern

auch das aller aus denselben abgeleiteten psychischen Phänomene,

ähnlich wie das Verhalten der körperlichen Elemente und aller daraus

abgeleiteten physischen Phänomene, mit Rücksicht auf die in denselben

enthaltenen quantitativen Bestimmungen und deren Relationen zu einander

einer mathematischen Behandlung zu unterwerfen. Wie die Atome der

Körperwelt sich als Kräfte betrachten lassen, die im Verhältniss

ihrer Stärke anziehend oder abstossend auf einander wirken,

so lassen die primitiven Empfindungen mit Rücksicht auf den Grad

ihnen eigener Intensität als Kräfte sich ansehen, welche sich unter

Voraussetzung gleichartiger Richtung verstärken, unter Voraussetzung

entgegengesetzter ganz oder theilweise hemmen werden. Die exacte

Naturwissenschaft trachtet die gesammten Erscheinungen der körperlichen

Welt, auch die verwickeltesten, die sogenannten Lebenserscheinungen,

nicht ausgeschlossen, in ihrem letzten Grunde auf Annäherungen und

Entfernungen der kleinsten Theilchen der körperlichen Masse (der

Molecüle und physikalischen Atome) nach statischen und mechanischen

Gesetzen zurückzuführen; eine exacte Psychologie wird das gleiche Ziel,

die Reduction der gesammten Bewusstseinserscheinungen auf gegenseitige

Verstärkung oder Hemmung der primitiven Bewusstseinserscheinungen

("Bewusstseins-Atome") nach statischen und mechanischen Gesetzen vor

Augen haben.

340. Wie die Gesammtheit der physikalischen Atome den Stoff der

Körper-, so bildet die Gesammtheit primitiver Bewusstseinsvorgänge

den Stoff der Welt des individuellen Bewusstseins. Wie jene

erfahrungsgemäss eine begrenzte d. h. so weit reichende ist, als nach

unserer Erfahrung das physische Band reicht, welches als Gravitation

die Elemente der Materie zusammenhält, so ist die Menge des psychischen

Materiales erfahrungsgemäss für jedes individuelle Bewusstsein

eine begrenzte, deren Beginn mit dem Zeitpunkt des erwachenden

(Geburt), deren Ende mit jenem des erlöschenden Bewusstseins

(Tod) des Individuums zusammenfällt. Jene wie diese stellt ein

Stoffquantum dar, das sich weder vermehren noch vermindern lässt,

dessen Form jedoch im Laufe der Zeit, und zwar die des physischen

Stoffs während der Dauer des sichtbaren Universums, die des primitiven

Bewusstseinsmaterials während der Dauer des psychischen Individuums,

Aenderungen in ununterbrochener Folge erfahren kann und, wie die

Erfahrung, die äussere durch Beobachtung der Entwickelungsgeschichte

des Weltalls, die innere durch Beobachtung der Processe im Bewusstsein

des Individuums, zeigt, thatsächlich erfährt. So wenig jemals dem

Begriff unbedingten Gesetztseins entsprechend das Denken ein Sein

d. h. Realität hervorzubringen vermag, so wenig vermag der atomistische

Träger des Bewusstseins auch nur eine einzige primitive Empfindung aus

sich selbst d. i. ohne durch anderes Wirkliche gegebene Veranlassung

zu erzeugen. So gewiss das Wirkliche als unbedingt Gesetztes durch

das Denken zwar als solches anerkannt, aber nicht aufgehoben zu werden

vermag, so gewiss kann ein einmal stattgehabtes wirkliches Geschehen

(eine primitive Empfindung im Bewusstsein) durch Verleugnung von

Seite des Wirklichen, in dem es geschehen ist, zwar verdunkelt,

aber niemals ungeschehen gemacht werden.

341. Wie die Totalität des körperlichen Stoffs und aller daraus

näher oder entfernter sich entwickelnden Erscheinungen den Inhalt des

räumlich und zeitlich ausgedehnten Weltalls, so bildet die Gesammtheit

des Bewusstseinsmaterials und aller näher oder entfernter daraus

abgeleiteten Bewusstseinsphänomene den Inhalt des nicht räumlich,

wol aber zeitlich ausgedehnten Bewusstseins. Jenes besitzt obige

Eigenschaft, weil dessen Bestandtheile nicht nur ausser einander,

sondern auch nach einander, dieses nur die letztere, weil dessen

Bestandtheile zwar nicht blos nach einander, sondern auch mit einander,

in dieser letzteren Eigenschaft aber niemals ausser einander sein

können. Letzteres nicht, weil das atomistische Wirkliche, dessen

Zustände sie sind, keinen Raum darbietet für eine gleichzeitige

"itio in partes". So gut die gleichzeitig existirenden Elemente des

körperlichen Stoffs ihres räumlichen Aussereinander ungeachtet durch

das physische Band, das sie an einander fesselt, gezwungen sind, als

Theile desselben physischen Weltalls mit einander in Zusammenhang

zu bleiben, so gut sind die gleichzeitig vorhandenen Elemente des

individuellen Bewusstseins durch die atomistische Beschaffenheit ihres

gemeinsamen Trägers gezwungen, als Theile desselben Bewusstseins

unter einander in realen Zusammenhang zu treten. So wenig ein

Weltkörper, durch das Band der Schwere gehalten, aus dem sichtbaren

Universum und seinem Verband mit anderen Weltkörpern sich entfernen,

so wenig kann irgend ein Bestandtheil des Bewusstseins der Berührung

mit den gleichzeitig mit ihm in demselben Bewusstsein vorhandenen

Bestandtheilen ausweichen. Derselbe ist, wohl oder übel, gezwungen,

sich mit denselben, sei es feindlich oder freundlich, in Contact

zu setzen.

342. Letztere Nöthigung enthält den Grund der sogenannten

Ideenassociation d. i. der Vergesellschaftung der gleichzeitig

in demselben Bewusstsein vorhandenen Phänomene. Derselbe ist ein

"mechanischer", demjenigen vergleichbar, dessen Wirkung wie durch

einen Druck von aussen auf mittels desselben zusammengehaltene Körper

ausgeübt wird, und steht so wenig, wie dieser zu der qualitativen

Beschaffenheit der Körper, zu der qualitativen Beschaffenheit der

associirten Phänomene in Beziehung. Nicht der Umstand, dass sie dem

Inhalt nach ähnlich oder unähnlich, sondern allein die Thatsache,

dass sie gleichzeitig Bestandtheile desselben Bewusstseins sind,

knüpft die Erscheinungen an einander und dehnt ihre Wirksamkeit

nachhaltig auch auf solche Bestandtheile des Bewusstseins aus,

welche nicht ganz, sondern nur theilweise mit den eben im Bewusstsein

anwesenden Erscheinungen gleichzeitig sind. Letzteres macht erklärlich,

warum in demselben Bewusstsein auf einander folgende Erscheinungen,

vorausgesetzt dass dieselben schon einzutreten angefangen haben, bevor

die gegenwärtigen gänzlich geschwunden sind, sich mit den letzteren

gleichfalls und, wenn obige Voraussetzung sich erfüllt, alle einander

succedirenden Bewusstseinsphänomene sich unter einander associiren.

343. Treten daher gewisse Bewusstseinsphänomene (z. B. primitive

Empfindungen) thatsächlich zugleich oder in der Weise nach einander

ins Bewusstsein ein, dass die vorangehende noch fortdauert, wenn

die folgende schon eintritt, so müssen sich dieselben unter einander

verbinden, und zwar desto inniger, je öfter das gleichzeitige oder

successive Eintreten derselben sich wiederholt. Sind nun Gründe

vorhanden, welche bewirken, dass gewisse Phänomene niemals anders als

gleichzeitig oder in derselben Ordnung nach einander ins Bewusstsein

eintreten können, so muss diese Nöthigung, sich unter einander

zu verbinden, zuletzt eine so unwiderstehliche werden, dass jene

Phänomene schlechterdings nicht mehr ohne einander gedacht d. h. dass

dieselben nur als ein zusammengehöriges Ganzes d. i. als Aggregat

von Bewusstseinsphänomenen gedacht werden können, dessen Theile zwar

eben so wenig wie die des mechanischen Körpers durch Gleichartigkeit

oder Gegensatz unter einander verwandt sein müssen, aber eben so wie

diese durch mechanischen Druck und Cohäsion, so durch den Zwang der

Simultaneität oder Succession mit einander verbunden sind.

344. Aggregate dieser Art sind von Herbart "Complicationen" genannt

worden. Das Charakteristische derselben liegt darin, dass die

Beschaffenheit des Inhalts des Verbundenen gleichgiltig, der Grund

der Verbindung einzig die Gleichzeitigkeit oder Aufeinanderfolge

des Verknüpften ist. Daraus folgt, dass auf diesem Wege eben so

gut verwandte, als gänzlich disparate Bewusstseinsphänomene zur

Verbindung gelangen, und nicht nur Heterogenes, sondern selbst

Widersprechendes durch die blosse Thatsache der Gleichzeitigkeit oder

der Succession zu einem (im letzteren Falle sogar widerspruchsvollen)

Ganzen zusammengewürfelt und durch den Zwang der Ideenassociation

zusammengeschweisst werden kann. So wenig der nur mechanisch

zusammengesetzte physische Körper aus qualitativ gleichartigen

Elementen, so wenig braucht die Complication aus solchen zu bestehen;

so gewiss aber vom Standpunkt der quantitativen Atomistik aus der

chemisch einfache Körper (z. B. das Sauerstoffatom), da derselbe nichts

weiter als eine eigenartig geformte Gruppe primitiver physikalischer

Atome ist, nichts anderes als ein blosses Aggregat sein kann,

weil bei dessen Zusammensetzung die Qualität seiner Bestandtheile

noch keine Rolle spielt, so gewiss kann die im Sinne der bisherigen

Psychologie einfach genannte Empfindung (z. B. die Empfindung Roth

oder Ton C), wenn dieselbe nichts weiter als eine eigenartige Gruppe

primitiver Bewusstseinsacte (ictus) sein soll, nichts anderes sein,

als eine Complication, weil bei derselben von einer Rücksicht auf

qualitative Beschaffenheit ihrer primitiven Elemente keine Rede sein

kann. Das Sauerstoffatom stellt in diesem Fall unter den möglichen

Gruppirungen, welche physikalische Atome überhaupt einnehmen können,

eine solche dar, welche thatsächlich gegeben und von der äusseren

Erfahrung unter dem Namen des Sauerstoffes fixirt worden ist;

eben so möchte die vermeintlich einfache Empfindung des Rothen eine

Complication primitiver Bewusstseinsacte ausdrücken, welche unter den

zahllosen möglichen Combinationen primitiver Bewusstseinselemente

thatsächlich gegeben und von der inneren Erfahrung durch den Namen

des Roth-Empfindens vor andern ihrer Gattung ausgezeichnet worden ist.

345. Qualitativ verschiedene Empfindungen der Art (Farbenempfindungen

wie Roth, Blau, Grün; Tonempfindungen wie Violinton g, h;

Geruchsempfindungen wie Rosengeruch, Veilchengeruch etc.),

welche selbst schon Complicationen primitiver Bewusstseinsacte

sind, verhalten sich zu diesen letzteren, wie sich die qualitativ

verschiedenen sogenannten einfachen chemischen Stoffe (Sauerstoffatom,

Kohlenstoffatom) als Gruppen ursprünglicher Molecüle zu diesen

letzteren selbst verhalten. Dieselben nehmen die nach den primitiven

Bewusstseinsacten nächste Stufe unter den Bildungen des Bewusstseins,

wie die chemischen einfachen Stoffe die nach den physikalischen

Atomen nächste Stufe unter den Körperbildungen des Naturlebens ein

und können, wie diese letzteren zu "Gemengen" einfacher Stoffe (wie

die atmosphärische Luft ein solches von Sauerstoff und Stickstoff

darstellt), so zu neuen Complicationen, sei es gleichartiger, sei es

ungleichartiger Empfindungen sich verbinden. Wie aus der Verbindung

chemisch gleichartiger Atome ein homogener Körper, so entsteht aus der

Verbindung gleichartiger Empfindungen, z. B. durchgehends Empfindungen

rothen Lichts, eine homogene, wie aus der Verbindung ungleichartiger

Atome ein chemisches Stoffgemenge, so aus der Verknüpfung heterogener

Empfindungen eine heterogene Complication. Complicationen dieser

Art, die also eben so bereits fertige Empfindungen, wie diese

letzteren primitive Bewusstseinsacte zur Voraussetzung haben, sind

die sogenannten Anschauungen, die als solche entweder reine d. h. aus

durchaus homogenen, oder gemischte d. i. aus heterogenen Empfindungen

zusammengesetzt sind. Von jener Art ist die Anschauung des Rothen,

von dieser die Anschauung z. B. des Goldes. Jene entsteht dadurch, dass

vermöge der flächenförmigen Ausbreitung des Sehnervs als Netzhaut auf

der Oberfläche des kugelförmigen Augapfels bei der Einwirkung rothen

Lichts auf denselben niemals eine vereinzelte Empfindung des Rothen,

sondern stets, da mehrere Punkte der Netzhaut zugleich von rothem

Licht getroffen werden, eine Summe von Roth-Empfindungen d. h. eine

durch Gleichzeitigkeit verknüpfte Complication unter einander homogener

Empfindungen zum Vorschein kommen muss. Diese entsteht dadurch, dass

mehrere unter einander verschiedene Sinne durch das angeschaute Object

zugleich, jeder in seiner Weise, der Sehnerv z. B. durch den Glanz und

die gelbe Farbe des Goldes, der Hörnerv durch dessen Metallklang, der

Tastnerv durch dessen Glätte und Kälte u. s. w. in Erregung versetzt

werden und so eine Gruppe heterogener Empfindungen gebildet wird, die

unter einander durch Gleichzeitigkeit verknüpft und als Complication

mit dem gemeinsamen Namen des Goldes belegt werden.

346. Wie chemisch disparate Körperbestandtheile, die zu einander

keinerlei Affinität besitzen und lediglich durch mechanischen Druck

zusammengehalten werden, in ihrem Verbande beharren, aber auch nur so

lange beharren, als jener währt, chemisch verwandte Körperbestandtheile

aber in Folge dieser Verwandtschaft eine viel innigere, und zwar so

weit gehende Verbindung unter einander eingehen, dass dieselbe nicht

wieder auf mechanischem, sondern nur auf chemischem Wege in Folge

stärkerer Verwandtschaft mit einem anderen Körper gelöst werden kann:

so bleiben reine Anschauungen, deren Bestandtheile homogen, also

dem Inhalt nach unter einander verwandt sind, auf dem Niveau einer

durch blosse Gleichzeitigkeit verknüpften Complication nicht stehen,

sondern gehen deren Elemente in Folge ihrer Homogeneität unter einander

allmälig eine viel innigere Verbindung ein, während die gemischten

Anschauungen, deren Elemente unter einander disparat d. h. dem Inhalt

nach gegen einander indifferent sind, fortfahren, ausschliesslich

durch das Band blosser Gleichzeitigkeit vereinigt zu sein. Jene

innigere Verbindung homogener Empfindungen, welche im Gegensatz zu

der durch Gleichzeitigkeit erzeugten, durch deren Gleichartigkeit

hervorgebracht wird, ist von Herbart treffend "Verschmelzung" genannt

und dadurch von der blossen Complication in ähnlicher Weise wie die

chemische Verbindung von der mechanischen unterschieden worden. Das

Charakteristische derselben liegt darin, dass sie wol auf Veranlassung

des gleichzeitigen Vorhandenseins homogener Bewusstseinsvorgänge, aber

nicht durch diese Gleichzeitigkeit entsteht d. h. dass die gleichzeitig

gegebenen gleichartigen Empfindungen zwar nicht verschmelzen könnten,

wenn sie nicht gleichzeitig wären, jedoch nicht verschmelzen, weil

sie gleichzeitig, sondern weil sie gleichartig sind.

347. Wie mit der Einführung des qualitativen Unterschieds der

körperlichen Elemente ein neuer Gesichtspunkt in der Betrachtung

der physischen Welt eröffnet und damit eine neue Stufe im Aufbau

des Naturlebens erreicht wird, so treten mit der Berücksichtigung

des qualitativen Unterschieds der Bewusstseinselemente nicht nur die

einzelnen psychischen Bildungen, sondern auch deren Beziehungen zu,

unter und auf einander in eine neue Beleuchtung. Wurden dieselben

bis dahin nur auf die Thatsache hin angesehen, dass sie entweder

gleichzeitig oder nach einander ins Bewusstsein eintraten und in

Folge dessen, wie sie sonst immer beschaffen sein mochten, sich unter

einander associiren mussten, so werden dieselben von nun an eben so

ausschliesslich ihrer Verwandtschaft d. h. der ganzen oder theilweisen

Identität oder dem Gegensatz ihres Inhalts nach ins Auge gefasst,

in Folge deren sie, wenn sie einmal gleichzeitig oder successiv im

Bewusstsein vorhanden sind, unvermeidlich mit einander in Contact

treten müssen. Je nachdem jener Inhalt beschaffen, entweder ganz oder

theilweise derselbe oder ein ganz oder theilweise entgegengesetzter

ist, wird die Berührung der im Bewusstsein gleichzeitig vorhandenen

Vorgänge, welche einander in Folge der atomistischen Beschaffenheit

ihres gemeinsamen Trägers nicht auszuweichen vermögen, freundlich

oder feindlich sein d. h. dieselben werden sich im ersten Fall unter

einander verstärken d. h. mit einander verschmelzen, im zweiten Fall

unter einander schwächen d. h. einander gegenseitig hemmen. Jener

Vorgang entspricht der chemischen Anziehung zwischen qualitativ

gleichen, dieser dem Kampf zwischen qualitativ ungleichen Körpern,

von welchen der eine Bestandtheile enthält, welche zu dem andern

eine grössere Verwandtschaft besitzen als zu ihm selbst d. h. zu

ihm selbst im innerlichen Gegensatze stehen. Wie jene zu der

Verschmelzung der gleichen Körper, so führt dieser zur Ausscheidung

des Entgegengesetzten, worauf die zurückgebliebenen, nunmehr nicht

mehr gegensätzlichen Bestandtheile sich mit einander vereinigen.

348. Wie bei der Nichtberücksichtigung der qualitativen Beschaffenheit

des zu Verknüpfenden eine Association auf Grund der Gleichzeitigkeit

oder Succession, so findet bei Berücksichtigung derselben zwar

gleichfalls Association, aber in Folge der Gleichartigkeit oder des

Gegensatzes des zu Verknüpfenden statt. Zwar lässt sich die letztere

auf die erstere zurückführen, insofern Bewusstseinsphänomene, die

ihrem Inhalt nach identisch sind, als gleichzeitige deshalb sich

ansehen lassen, weil, wenn ihr Inhalt einmal gegeben ist, derselbe in

diesem Fall als der nämliche gegeben ist, welcher in allen folgenden

Fällen wiederkehrt. Allein, da jede Wiederholung desselben Inhalts

nichts desto weniger ein von der ursprünglichen Vorstellung desselben

verschiedener Act des Bewusstseins, also in diesem Betracht ein neues

Bewusstseinsphänomen und demnach mit jenem keineswegs gleichzeitig ist,

so kann der Grund der Verbindung beider demungeachtet nicht in deren

(nicht vorhandener) Gleichzeitigkeit, sondern muss in der (ganzen oder

theilweisen) Identität ihres Inhalts gesucht werden. Die Association

durch Gleichzeitigkeit, durch welche gleichsam "mechanische", und die

Association durch Gleichartigkeit, durch welche gleichsam "chemische"

Verbindungen zwischen Bewusstseinsvorgängen zu Stande kommen, ist

daher wesentlich verschieden.

349. Wie in der reinen Anschauung d. i. in der homogenen Complication

homogene Empfindungen, so werden in dem durch Verschmelzung

entstandenen Bewusstseinsgebilde homogene, sei es reine, sei es

gemischte Anschauungen unter einander verbunden. Da dieselben homogen

d. h. ihrem Inhalt nach gleichartig sind, so verstärken sie einander,

so dass das neu entstehende Bewusstseinsgebilde in seiner Intensität

die Intensitäten aller derjenigen Anschauungen vereint, aus deren

Verschmelzung unter einander es erwachsen ist. Von dieser Art sind die

sogenannten sinnlichen Vorstellungen, welche als solche kein primitives

Bewusstseinsgebilde, sondern erst auf Grund und durch Verschmelzung

zahlreicher einzelner, unter einander gleichartiger Anschauungen

allmälig geworden sind. Auf diesem Wege sucht der sogenannte

Anschauungsunterricht durch künstliche Veranstaltungen, welche

die wiederholte Vorführung gleicher Anschauungen durch Vorzeigung

des nämlichen Gegenstandes bezwecken, sinnliche Vorstellungen von

bedeutender Intensität zu erzeugen. Dieselbe stellt daher gleichsam

die Summe derjenigen homogenen Einzelanschauungen dar, aus denen sie

erwachsen, oder welche vielmehr in ihr zu einem Ganzen verwachsen

ist, zugleich aber auch einen Kern, durch dessen überlegen gewordene

Intensität jede im Verlauf des Bewusstseinsprocesses in denselben

eintretende homogene Anschauung herangezogen und mit welchem dieselbe

sofort, denselben neuerdings verstärkend, verschmolzen wird. Da

die Stärke auf diesem Wege gebildeter sinnlicher Vorstellungen mit

der Menge der Anschauungen, welche deren Unterlage im Bewusstsein

ausmachen, sich fortwährend steigert, so erklärt es sich, dass

solche, die aus den Anschauungen der Umgebung (z. B. der Heimat),

also aus den natürlicher Weise häufigsten entstanden sind, die

relativ grösste Stärke besitzen müssen und daher im Bewusstsein

am längsten und dauerhaftesten sich festsetzen, aber auch auf die

weiteren ihrerseits aus sinnlichen Vorstellungen auf was immer für

einem Wege abgeleiteten Bewusstseinsbildungen (z. B. Begriffe) den

grössten Einfluss üben müssen.

350. Wenn die sinnliche Vorstellung durch die Verschmelzung homogener

Anschauungen entsteht, so leuchtet ein, dass, wenn diejenigen

Anschauungen, welche die Unterlage einer gewissen sinnlichen

Vorstellung ausmachen, zwar unter einander homogen, aber zugleich

einem gewissen Kreise von Anschauungen, welcher seinerseits einer

sinnlichen Vorstellung als Basis dient, heterogen sind, auch die

durch die Verschmelzung der ersteren und die durch die Verschmelzung

der letzteren entstehende sinnliche Vorstellung unter einander

heterogen sein müssen. Dieselben werden je nach der Beschaffenheit

der Anschauungskreise, aus welchen sie erwachsen sind, unter einander

entweder gänzlich disparat, oder ihrer Heterogeneität ungeachtet mehr

oder minder unter einander verwandt d. h. ihrem Inhalt nach theilweise

identisch, theilweise entgegengesetzt d. h. zum Theil aus gleichen,

zum Theil aus entgegengesetzten Elementen zusammengesetzt sein. Findet

das erstere statt, so werden dieselben, wenn sie gleichzeitig oder

nach einander im Bewusstsein vorhanden sind, sich zu einer Complication

höherer Ordnung, d. i. zu einer solchen verbinden, deren Bestandtheile

im Gegensatz zu den früher erwähnten niederer Gattung weder blosse

primitive Bewusstseinsacte, noch Empfindungen oder Anschauungen,

sondern selbst schon sinnliche Vorstellungen, also Gebilde höherer

Art sind. In letzterem Falle dagegen werden dieselben unter

einander, so gut es geht, sich zu verschmelzen trachten, wobei die

identischen Bestandtheile in beiden die Verschmelzung begünstigen, die

entgegengesetzten in beiden dagegen dieselbe mehr oder minder vereiteln

werden. Dadurch wird ein Bewusstseinsgebilde zum Vorschein kommen,

in welchem ein Theil völlig verschmolzen d. h. eins, der andere Theil

dagegen der Verschmelzung widerstrebend d. h. in Spannung begriffen

ist. Jener setzt sich aus den in sämmtlichen sinnlichen Vorstellungen,

aus welchen das neue Gebilde erwachsen ist, identischen, dieser dagegen

aus den in sämmtlichen obigen sinnlichen Vorstellungen von einander

abweichenden d. h. sich unter einander ausschließenden Bestandtheilen

zusammen; jener, der die Intensität sämmtlicher jenen sinnlichen

Vorstellungen gemeinsamen Bestandtheile in sich vereinigt, besitzt

eine vergleichsweise überlegene, die widerstrebenden Bestandtheile

gleichsam "wider Willen" festhaltende Kraft; dieser, dessen einzelne

Bestandtheile sich unter einander ausschliessen d. h. trennen

möchten, aber nicht können, weil sie mit den identischen zu einem

Ganzen vereinigt sind, stellt einen Zustand in sich gespannter,

einander gegenseitig hemmender, aber nicht vernichtender, relativ

schwacher Kräfte dar, welche gegenüber der gesammelten Intensität der

in dem bleibenden Bestandtheil verschmolzenen identischen Elemente

gleichsam verschwinden. Das so entstandene Bewusstseinsgebilde, das

zu seinem Inhalt die sämmtlichen sinnlichen, unter einander verwandten

Vorstellungen, aus denen es entstanden ist, gemeinsamen Bestandtheile,

zu seinem Umfang d. i. zu seiner Grundlage im Bewusstsein aber die

Summe dieser sinnlichen Vorstellungen, aus denen es entstanden ist,

selbst hat, ist das sogenannte Gemeinbild oder im psychologischen

Sinne der Begriff.

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 23 / 31 段