327. Zum Beweise für die andere d. i. für diejenige Behauptung, welche

den thatsächlichen Schein der Einheit des Bewusstseins mit der aus

Theilen bestehenden Natur des Trägers derselben für vereinbar hält,

haben sich deren Vertheidiger, die Psychologen des Materialismus,

auf ein ihrer Meinung nach zutreffendes Beispiel aus der exacten

Naturwissenschaft, auf die in der Mechanik der Zusammensetzung der

Kräfte fundamentale Thatsache der Resultante berufen. Dieselbe stellt

in der That ein Wirkliches dar, welches als solches nur durch das

Zusammenwirken anderer Wirklichen, der sogenannten Componenten zu

Stande kommt, zugleich aber auch ein solches, das mit der Wirklichkeit

dieser letzteren verglichen nur ein scheinbares ist d. h. nur den

Schein selbstständiger Wirklichkeit hat, während die eigentlich

Wirklichen, weil die eigentlich Wirkenden, die Componenten sind. Werden

die letzteren, also ein Vielfaches, als das Substrat der Resultirenden,

welche als solche ein Einfaches ist, vorgestellt, so scheint obige

Thatsache anschaulich zu machen, wie die zusammengesetzte Natur

der Grundlage eines Phänomens die einheitliche, ja sogar einfache

Beschaffenheit des letztern nicht ausschliesse, und sonach auch die

Möglichkeit, dass das seiner Natur nach einfache Phänomen der Einheit

des Bewusstseins in einem zusammengesetzten, aus einer Mehrheit von

Theilen bestehenden Substrate vor sich gehe, plausibel zu machen.

328. Trifft obiges Gleichniss zu, so beweist es nichts; beweist es

aber etwas, so beweist es das Gegentheil von dem, was nach dem Wunsche

seiner Urheber dadurch bewiesen werden soll. Die Beweiskraft desselben

hängt davon ab, dass dasjenige, was unter dem Namen der Resultirenden

mit dem Phänomen der Einheit des Bewusstseins verglichen wird, wirklich

im Sinn der Mechanik eine solche sei. Aber schon Lotze hat bemerkt,

dass dieser sogenannten Resultanten das wichtigste Merkmal einer

solchen, nämlich nichts geringeres fehle als der gemeinschaftliche

Angriffspunkt, der ihr mit ihren Componenten gemeinsam sein muss. Die

Resultirende ohne einen solchen wäre wie Schiller's Glocke, welcher,

wie Schlegel witzig bemerkt hat, der Schwengel fehlt. Ist aber die

Resultante eine wirkliche Resultirende d. h. hat sie mit ihren

Componenten den Punkt des Angriffs wirklich gemein, dann stellt

dieser Punkt eben dasjenige dar, was für das Phänomen der Einheit

des Bewusstseins der atomistische Träger desselben darstellen soll

d. h. obiges Gleichniss beweist, statt gegen, im Gegentheil für

die Unentbehrlichkeit eines einfachen Wirklichen als Substrat des

Phänomens der Einheit des Bewusstseins.

329. Aus der Thatsache der Einheit des Bewusstseins folgt, dass es

Phänomene gibt, welche als Substrats nur eines einzigen theillosen

und untheilbaren Wirklichen bedürfen und daher mit allen denjenigen

Phänomenen, welche zu ihrer realen Unterlage ein Aggregat von solchen

d. i. (im physikalischen Sinne) einen (mehr oder weniger verfeinerten

oder vergröberten) Körper voraussetzen, qualitativ schlechterdings

unvergleichbar sind. Umgekehrt wird es erlaubt sein, anzunehmen,

dass alle diejenigen Phänomene, welche mit letzteren unvergleichbar,

ihrerseits dagegen mit dem Phänomen der Einheit des Selbstbewusstseins

insofern vergleichbar seien, als sie ebenso wie dieses jedes irgendwie

zusammengesetzte Substrat ausschliessen und im Gegensatz zu den mit

diesem unvergleichbaren Erscheinungen einen atomistischen Träger

als reale Unterlage bedingen. Da nun das Phänomen der Einheit

des Bewusstseins ein psychisches ist, alle diejenigen Phänomene

aber, welche als ihr Substrat eine materielle Grundlage erfordern,

als physische bezeichnet werden, so folgt, dass alle mit letzteren

unvergleichbaren Phänomene (wie Vorstellen, Fühlen, Streben und Wollen)

als psychische dem Phänomen der Einheit des Bewusstseins gleichartig

sein und daher ebenso wie dieses an einem theillosen Träger haften

werden. Wird dabei vorzugsweise die Eigenthümlichkeit ins Auge

gefasst, dass jedes zusammengesetzte d. h. aus Theilen bestehende

Substrat ein Aussereinander der Orte dieser letzteren d. h. eine

räumliche Ausdehnung (extensum) erheischt, während das einfache

theillose Wirkliche eine solche ausschliesst und nur den einfachen Ort

(mathematischen Punkt) eines einfachen Wirklichen (eines dynamischen

Punkts oder einer punktuellen Kraft; "Monade", "Dynamide") ausfüllt,

so können die physischen Phänomene auch extensive und müssen die

psychischen sodann im Gegensatz dazu intensive genannt werden. Jene

schliessen die Ausdehnung und damit die Räumlichkeit ein, diese

dagegen zwar die Ausdehnung, keineswegs aber die Räumlichkeit aus; jene

erfolgen als Vorgänge innerhalb eines räumlich ausgedehnten Substrats

selbst in räumlich ausgedehnter Weise (Bewegung als Ortsveränderung,

Anziehung, Schwingung u. s. w.), diese erfolgen als Vorgänge innerhalb

eines zwar an einem Orte im Raume befindlichen (also nicht raumlosen

oder unräumlichen), aber nur einen einfachen (ausdehnungslosen)

Ort im Raume einnehmenden (also selbst ausdehnungslosen) Wirklichen

zwar im Raume, können aber selbst eben so wenig wie das Wirkliche,

dessen Vorgänge sie sind, räumlich ausgedehnt sein (Empfindung als

Intensitätsveränderung, Hemmungsgefühl, Streben u. s. w.). Wie der

Inbegriff der extensiven Phänomene die Grundlage der Physik, so bildet

jener der intensiven die Grundlage der Psychik oder Psychologie; jener

umfasst alle materiellen d. h. an einem materiellen Substrat haftenden

und durch die Wechselwirkung zwischen den Elementen der Materie,

den physikalischen Atomen, hervorgebrachten, dieser dagegen alle an

einem atomistischen Substrat haftenden und aus der Wechselwirkung der

elementaren Vorgänge innerhalb desselben entspringenden Erscheinungen.

330. Da das einzige atomistische Substrat erfahrungsmässig gegebener

Erscheinungen dasjenige ist, welches auf Grund des thatsächlichen

Phänomens der Einheit des Bewusstseins als Träger nicht nur dieses,

sondern sämmtlicher ihm gleichartiger Phänomene vorausgesetzt

wird, so folgt, dass wie es voreilig schien, aus der qualitativen

Verschiedenheit der physischen und psychischen Erscheinungen auf

qualitativ verschiedene Beschaffenheit ihrer beziehungsweisen

Substrate zu schliessen, es eben so voreilig wäre, aus den

erfahrungsmässig gegebenen Zuständen eines atomistischen Wirklichen

auf das Vorhandensein gleicher oder doch ähnlicher Zustände im Innern

anderer oder gar aller atomistischen Wirklichen zu schliessen. Aus

der denknothwendigen Folgerung, dass, was immer in einem

atomistischen Wirklichen vor sich gehe, nur intensive und insofern

den erfahrungsgemäss gegebenen Vorgängen des Vorstellens, Fühlens

und Strebens ähnliche Zustände sein können, folgt keineswegs, dass,

weil dergleichen in demjenigen Atome, welches als Träger des Phänomens

der Einheit des Bewusstseins gilt, durch die Erfahrung gegeben sind,

ähnliche auch in allen übrigen einfachen Wirklichen, also z. B. auch

in denjenigen, welche als letzte reale Grundlage der physikalischen

Materie angesehen werden, gegeben sein müssten oder thatsächlich

seien. Jene einfachen Wirklichen, welche auf Grund thatsächlich

erfahrener intensiver Zustände d. i. erfahrungsmässig gegebener

psychischer Phänomene (selbst erlebter oder an Anderen beobachteter

Vorstellungen, Gefühle, Begehrungen und Willensentschliessungen) als

deren unentbehrliche atomistische Träger denknothwendig vorausgesetzt

werden müssen, mögen als solche "Seelen" d. h. reale Atome heissen,

deren eigenthümliches Wirken in der gegebenen Erfahrung unter der Form

des Vorstellens, Fühlens, Strebens und anderer aus diesen letzteren

abgeleiteten Zustände erscheint, deren specifische Qualität aber eben

so wie jene aller übrigen einfachen Wirklichen, welche den Boden

des erfahrungsmässig gegebenen Scheins der Wirklichkeit ausmachen,

der Erkenntniss entzogen bleibt. Wie die Farbe, der Klang, die Härte

oder Weichheit, ja wie die Körperlichkeit selbst nicht das Wesen des

Wirklichen, sondern die Form ausmacht, unter welcher dasselbe für die

äussere Erfahrung, so stellt die vorstellende, fühlende, strebende

Thätigkeit, ja die Seelenhaftigkeit selbst diejenige Gestalt dar,

unter welcher das Innere des Wirklichen für die innere Erfahrung

erscheint; was das Wirkliche selbst, von der Erfahrung, äusserer wie

innerer, abgesehen, an sich seiner Natur nach sei, bleibt hier wie

dort unbekannt.

331. Wie aus der einfachen Qualität des atomistischen Wirklichen,

welches als Träger der erfahrungsmässig gegebenen psychischen

Zustände vorausgesetzt werden muss, dessen Unveränderlichkeit,

so folgt aus der Vielheit und Mannigfaltigkeit der zugleich und

nach einander durch die Erfahrung gegebenen psychischen Zustände,

als deren Träger es gilt, dessen Veränderlichkeit. Während der

ersteren zufolge die Qualität desselben und dadurch das Wirkliche

immer dasselbe bleibt d. h. als dasjenige Selbst, das es ist, sich

erhält, scheint es der letzteren zufolge nicht nur im nämlichen

Zeitaugenblick mehreres und verschiedenes zugleich, sondern in auf

einander folgenden Zeitmomenten jeweilig ein anderes zu sein. Da jener

Schein der Vielheit und Mannigfaltigkeit nicht entstehen könnte, wenn

in der Einheit und Einfachheit des Wirklichen nicht dessen Anlage

gegeben wäre, so entsteht die Frage, wie sich die letztere mit der

ersteren, die Einheit und Einfachheit des Wirklichen mit der Vielheit

und Mannigfaltigkeit des Scheines im Wirklichen, also die Annahme,

dass viele und vielerlei Zustände im Wirklichen zugleich oder nach

einander gegeben seien, mit der denknothwendigen Voraussetzung seiner

Einheit und Einfachheit vertrage. Die Beantwortung derselben wird

zwar erleichtert, aber nicht überflüssig gemacht durch die Bemerkung,

dass diese mehreren zugleich gegebenen Zustände vorübergehende, also

nicht etwa bleibende Eigenschaften des einfachen Wirklichen, sogenannte

dauernde "Seelenvermögen" oder Seelenkräfte sein sollen, welche schon

Herbart treffend der alten Psychologie gegenüber als "mythologische

Wesen" bezeichnet hat; die Schwierigkeit besteht fort, wenn auch nur

in einem einzigen Zeitmoment eine Vielheit unter einander verschiedener

Zustände in dem einfachen Wirklichen als zugleich vorhanden vorgestellt

und dasselbe dadurch gleichsam in vieles gespalten gedacht werden soll.

332. Ein Blick auf die gegebene Erfahrung lehrt, dass dies thatsächlich

der Fall sei. Qualitativ verschiedene Empfindungen, wie die einer

bestimmten Farbe, eines bestimmten Wohlgeruchs u. s. w. sind in der

sinnlichen Wahrnehmung der Rose dem Bewusstsein gleichzeitig gegeben

und müssen sonach in dem realen atomistischen Träger desselben als

gleichzeitig vorhandene, aber qualitativ unterschiedene Zustände

angesehen werden. Dasselbe soll daher nicht blos wirklich, sondern

es soll als einfache Qualität zugleich in so vielen verschiedenen

Qualitäten wirklich sein, als qualitativ verschiedene Zustände in

demselben als zugleich vorhanden gedacht werden sollen. Wie die

qualitative Atomistik die Gesammtheit der körperlichen Erscheinungen

auf eine Anzahl einfacher qualitativ unter einander verschiedener

Stoffe zurückführt, so leitet eine derselben entsprechende empirische

Psychologie die Gesammtheit der psychischen Erscheinungen von einer

Anzahl einfacher, qualitativ verschiedener Elementarzustände ab,

als dergleichen sie die sinnlichen Empfindungen, wie sie durch

die verschiedenen Sinnesorgane gegeben sind (Gesichts-, Gehörs-,

Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen, ferner die Temperatur-,

die Muskelempfindungen etc.) betrachtet. Werden die letztern als

wirklich einfach und zugleich als unter einander specifisch verschieden

angesehen, so muss obige Schwierigkeit, wie in dem qualitativ einfachen

Träger qualitativ verschiedene Zustände zugleich gegenwärtig sein

können, in ganzer Schärfe hervortreten.

333. Um dieselbe zu heben, hat Herbart den Ausweg der sogenannten

"zufälligen Ansichten" ergriffen. Indem das Reale a, dessen einfache

Qualität a sein soll, mit dem Realen b, dessen Qualität durch b

ausgedrückt werden soll, der Qualität nach verglichen wird, zeigt sich,

dass jede der beiden Qualitäten Bestandtheile enthalte, die sich unter

einander wie plus und minus verhalten und daher, wenn die beiden Realen

zusammengedacht werden, sich unter einander aufheben müssen. Da jedoch

die einfache Qualität, als einfach, keine Theile enthalten, also auch

keine solchen, die sich, mit einer andern Qualität verglichen, wie plus

und minus verhalten, in sich schliessen kann, so stellt jene Auffassung

derselben in Gedanken, laut welcher dieselbe nicht nur Theile, sondern

einer andern Qualität entgegengesetzte Theile umfassen soll, nicht

den wahren Inhalt der Qualität, sondern blos eine zufällige Ansicht

derselben dar, kraft welcher gewisse Bestandtheile der Qualität des

Realen in ihrem Zusammen mit andern aufgehoben werden sollten, aber

nicht können, die Qualität zwar verändert werden sollte, aber nicht

kann, weil jene aufzuhebenden Theile eben keine Theile, sondern nur in

der zufälligen Ansicht der Qualität als solche angedichtet sind. Diese

durch das Zusammen eines Realen mit anderen Realen demselben

in Folge des gegensätzlichen Verhaltens seiner Qualität zu deren

Qualitäten, von dem dieselben zusammenfassenden Denken zugemutheten,

aber da jede einfache Qualität unveränderlich ist, niemals wirklich

eintretenden Störungen sind es, welche Herbart "Selbsterhaltungen"

des Realen genannt und als die einzige mit der strengen Einfachheit

der Qualität desselben verträgliche Art des wirklichen Geschehens,

den erfahrungsmässig gegebenen psychischen Vorgängen als metaphysische

Grundlage untergebreitet hat. Dieselben sollen je nach der Qualität

desjenigen Realen, welches mit dem gegebenen, um dessen Zustand es

sich handelt, in einer zufälligen Ansicht zusammengefasst wird,

selbst qualitativ verschieden (z. B. einmal eine Gesichts-, das

andere Mal eine Gehörsempfindung u. dgl.), nichts desto weniger aber

die Qualität des Realen, dessen Zustände sie sind, qualitativ immer

dieselbe und ungespalten sein. Sie sollen ferner wirklich und doch als

Störungen der Qualität des Realen, die zwar eintreten sollten, aber,

weil sonst letztere und damit das Reale selbst aufgehoben würde,

niemals eintreten können, zwar zugemuthete, aber niemals wirklich

gewordene, also im Grunde blosse Forderungen sein, die an das Reale

um seines Zusammen mit anderen willen vom zusammenfassenden Denken

gestellt, aber von jenem niemals erfüllt werden. Ob Zustände der Art

überhaupt das Recht gewähren, dieselben als wirkliches Geschehen und

zugleich als den einzigen Anknüpfungspunkt zu bezeichnen, welchen

das streng einfache Reale für die erfahrungsmässig gegebene vielfache

Mannigfaltigkeit psychischer Phänomene zu bieten vermöge, ist von der

Seite der Erfahrungspsychologie eben so vielfach bestritten, als von

der Seite der Schule ohne durchschlagenden Erfolg vielfach vertheidigt

worden. Angriff und Abwehr gehen von der Alternative aus, dass entweder

das wirkliche Geschehen im Realen nicht wirklich, oder die Qualität des

Realen nicht einfach sein könne. Jenes, weil Einfachheit der Qualität

die Wirklichkeit qualitativer Verschiedenheit des Geschehens, dieses,

weil die qualitative Verschiedenheit des Geschehens die Einfachheit

der Qualität ausschliesse.

334. Allerdings nur, weil und so lange das wirkliche Geschehen als

qualitativ wirklich verschieden gedacht wird. Findet das Gegentheil

statt d. h. wird das wirkliche Geschehen als qualitativ nicht

verschieden d. h. seiner Qualität nach unter einander homogen und der

Qualität des Wirklichen, dessen Geschehen es ausmacht, entsprechend

vorgestellt, so entfällt der nicht abzustreitende Widerspruch zwischen

der Qualität des Wirklichen, die einfach, und jener des Geschehens,

die mannigfaltig sein soll, und damit auch der Grund, welcher die

Wirklichkeit qualitativ verschiedenen Geschehens mit der Einfachheit

der Qualität des Wirklichen selbst unverträglich zu machen droht. Nicht

die Vielheit des Wirkens, sondern die gleichzeitige Vielartigkeit des

Wirkens widerspricht der qualitativ einfachen Natur des Wirklichen;

letztere schliesst nicht aus, dass das einfache Wirkliche zu anderen

einfachen Wirklichen gleichzeitig anders sich verhält, wol aber

schliesst sie aus, dass sich dasselbe zu jedem der andern als ein

Anderes verhält.

335. Wie in der Physik die quantitative Atomistik der qualitativen,

an Stelle der qualitativ verschiedenen qualitativ gleichartige Atome

entgegensetzt, so führt dieselbe in der Psychologie, den qualitativ

unterschiedenen psychischen Elementarzuständen gegenüber, qualitativ

ununterschiedene primitive psychische Vorgänge in die Betrachtung

ein. Jene geht von der Voraussetzung aus, dass die sogenannten

einfachen Stoffe in der Chemie, diese glaubt sich zu der Annahme

berechtigt, dass die sogenannten einfachen Empfindungen im Bewusstsein

nicht die ursprünglichen primitiven, sondern, die einen wie die andern,

aus weiteren, wahrhaft letzten Elementen und zwar jene aus unter sich

gleichartigen primitiven Körper-, diese aus gleichfalls unter einander

homogenen primitiven Bewusstseinselementen zusammengesetzt seien. Wie

die quantitative Atomistik in der Körperwelt, so strebt sie in der

Bewusstseinswelt die qualitativen auf blos quantitative Unterschiede

zurückzuführen; wie in der Chemie das Sauerstoffatom als eine Gruppe

primitiver Atome und dadurch als verschieden vom Kohlenstoffatom,

als einer anders geformten Gruppe derselben primitiven Atome, so

geht sie darauf aus, in der Psychologie z. B. die Empfindung des

Blauen als eine Gruppe primitiver Bewusstseinselemente und dadurch als

verschieden von der Empfindung des Rothen, als einer anders geformten

Gruppe derselben primitiven Bewusstseinselemente, hinzustellen. Das

qualitativ specifische Atom (z. B. das Kohlenstoffatom) ist ihrer

Auffassung zufolge eine räumlich, die qualitativ specifische Empfindung

(z. B. die Empfindung des Roth oder die Empfindung des Tones C) eine

zeitlich geordnete Gruppe, jene von neben-, beziehungsweise ausser

einander im Raume gelagerten primitiven Atomen (etwa in Gestalt eines

Würfels oder einer Kugel), diese von nach, beziehungsweise auf einander

folgenden primitiven Bewusstseinsacten (etwa Billionen derselben für

die Empfindung des Roth, 32 derselben für den Ton des tiefen C).

336. Wie diese Ansicht in der Physik durch die Entdeckung der

typischen Körper und die chemische Typentheorie, so hat dieselbe

in der Psychologie durch die Entdeckung von Helmholtz, dass unsere

vermeintlich einfachen Tonempfindungen zusammengesetzter Natur seien,

eine Bestärkung erhalten. Jene hat es wahrscheinlich gemacht, dass

die bis jetzt für einfach gehaltenen chemischen Stoffe sich in weitere

zerlegen lassen und deren Analysen schliesslich zu der Annahme eines

Grundstoffs führen werden; diese lässt die Vermuthung zu, dass,

wie die Ton-, so auch die Empfindungen anderer Sinnesorgane sich

als zusammengesetzt und schliesslich als quantitative Combinationen

einer und derselben Grundempfindung erweisen werden. Mehr als jene

Wahrscheinlichkeit und diese Vermuthung auszusprechen, lässt weder

der gegenwärtige Stand der äussern noch jener der innern Erfahrung

zu, obgleich nicht geleugnet werden kann, dass die quantitative

Atomistik, wie sie der Erfahrung über die Körperwelt sich am bequemsten

anschmiegt, so auch einer consequenten Betrachtung der Bewusstseinswelt

Vortheile in Aussicht stellt.

337. Einer und zwar nicht der geringste besteht darin, dass

durch die Zurückführung der vermeintlich specifisch verschiedenen

elementaren Bewusstseinsvorgänge auf ursprünglich gleichartige

die schwer empfundene Unvergleichbarkeit physischer Vorgänge, wie

es die Nervenreize, und psychischer, wie es die unmittelbar durch

dieselben ausgelösten und auf dieselben bezüglichen Empfindungen

sind, auf das geringste denkbare Mass herabgesetzt wird. Werden,

wie längst in der physischen, so nun auch in der psychischen Welt

die Verschiedenheiten sämmtlicher Phänomene auf rein quantitative

Bestimmungen zurückgeführt, so steht nichts im Wege, die quantitativen

Bestimmungen der physischen jenen der correspondirenden psychischen

Vorgänge als gleich oder doch (wie das Weber-Fechner'sche Gesetz in

einem einzelnen Falle versucht hat) als irgendwie proportional zu

denken und dadurch die Unvergleichbarkeit beider auf die allerdings

durch nichts zu beseitigende Unvergleichbarkeit des ursprünglichen

physischen (der als solcher ein extensiver) und des gleichfalls

ursprünglichen psychischen Vorgangs (der als solcher ein intensiver

ist) zu beschränken. Stellt der Gehirn- oder Nervenvorgang, welcher

die nächste Voraussetzung der Empfindung bildet, in der Reihe der

sich stufenförmig über einander erhebenden physischen Vorgänge des

mechanischen, chemischen und organischen Geschehens das oberste,

so stellt die unmittelbar, obgleich unvergleichbar an jene sich

anschliessende, primitive Empfindung in der Reihe der sich stufenweise

über einander erhebenden Formen des psychischen Geschehens das unterste

oder Anfangsglied dar, aus welchem, wie dort aus der Wechselwirkung

der kleinsten Körpertheilchen (physikalische Atome, Molecüle) alle

höheren physischen, so durch Umbildung und Wechselwirkung alle höheren

psychischen Bildungen sich entwickeln.

338. Für die primitive Empfindung d. i. für den dem elementaren

Vorgang im Nervenreiz entsprechenden elementaren Vorgang im Bewusstsein

hat Lotze den Ausdruck "ictus" geprägt. Derselbe macht anschaulich,

dass die Wirkung eines kleinsten extensiven Vorgangs, z. B. einer

einzelnen Aetherschwingung, ein kleinster intensiver Vorgang, die einer

solchen entsprechende und daher im Innern so oft sich wiederholende

Empfindung sein kann, als der sie veranlassende physische Vorgang,

die Aetherschwingung, im äussern sich wiederholt. Wie die Empfindung

selbst von der veranlassenden Schwingung, so hängt die Zahl der sich

wiederholenden gleichen Empfindungen von der Zahl sich wiederholender

gleicher Schwingungen ab, und wie durch die letztere in den Augen

des Physikers der specifische Charakter des physischen Phänomens

(z. B. durch die Zahl von 745 Billionen Schwingungen in der Secunde

jener des rothen Lichtes), so erscheint durch die Zahl der sich

wiederholenden primitiven Empfindungen der specifische Charakter des

psychischen Phänomens (in obigem Fall der Empfindung des Rothen)

in den Augen des Psychologen gegeben. Die Zahl der Schwingungen

innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit drückt für den Physiker das

Quale, die Grösse der Schwingung (amplitude) die dynamische Intensität

des Physischen (z. B. der Farbe) aus; eben so stellt in den Augen

des Psychologen die Zahl der innerhalb derselben Zeiteinheit sich

wiederholenden primitiven Empfindungen das Quale, die Stärke des

einzelnen ictus durch ihr multiplum die dynamische Intensität des

psychischen Phänomens (z. B. der Gesichtsempfindung des Rothen)

dar. Die quantitative Bestimmung dort (das Vielfache der Schwingungen)

und die quantitative Bestimmung hier (das Vielfache der primitiven

Empfindungen) lassen, vorausgesetzt dass die Zeiteinheit dieselbe

sei (z. B. die Secunde), der Unvergleichbarkeit der beiderseitigen

Quales (der Schwingung einer- und des ictus anderseits) ungeachtet,

eine Vergleichung der beiderseitigen Quanta zu und gestatten die eine

durch die andre zu messen.

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 22 / 31 段