den festen und flüssigen Körpern auf der Erde sind von luftartigen
Körpern (auf der Erde von einem aus Sauerstoff und Stickstoff,
so wie einigem Ozon bestehenden Luftkörper, der sogenannten
atmosphärischen Luft) ausgefüllt, deren Gegenwart auch in den
scheinbar leeren Theilen des Weltraums durch die Widerstände, welche
bewegte Weltkörper mittels derselben erlitten haben (z. B. durch
die allmälige Verengung der Bahn des Enke'schen Kometen), erwiesen
ist. Die Zwischenräume der physikalischen Atome werden, wie oben
bemerkt, durch Atome des sogenannten Weltäthers erfüllt gedacht,
auf dessen Zustände diejenigen Phänomene, welche sonst je specifisch
verschiedenen sogenannten "unwägbaren" Stoffen (Imponderabilien),
z. B. die Lichterscheinungen einem Lichtstoff, die magnetischen einem
magnetischen Fluidum u. s. w. zugeschrieben wurden, nunmehr als auf
deren gemeinsamen Träger zurückgeführt zu werden pflegen. Dieselben
zerfallen in solche, bei welchen die qualitative Beschaffenheit der
Körperatome gleichgültig, und solche für welche dieselbe bestimmend
ist. Zu den ersteren gehören die Licht- und Wärmeerscheinungen,
die sich deshalb (wenngleich in unzähligen Graden der Abstufung)
zwischen und in allen Körpern des Weltalls vorfinden; zu den
letzteren lassen sich die sogenannten, magnetischen und elektrischen
Erscheinungen zählen, deren erstere an die Gegenwart eines bestimmten
chemischen Stoffs (des Eisens), deren letztere an die Gegenwart und
gegenseitige Berührung mindestens zweier qualitativ heterogener Stoffe
(z. B. Zink und Kupfer) gebunden ist. Der Zustand des Aethers selbst
wird als kleinste periodische Bewegung der Aetheratome (Schwingung)
in verschiedener Menge und Richtung vorgestellt, wobei der Unterschied
stattfindet, dass diejenigen, welche als Träger des Lichtphänomens
angesehen werden, an der Oberfläche der Körper (mit Ausnahme der
durchsichtigen oder durchscheinenden) stattfinden und diese daher im
Inneren dunkel erscheinen, während diejenigen, welche die Träger des
Wärmephänomens sind, auch im Inneren der Körper statthaben, diese
daher je nach dem Grade derselben innerlich erhitzt oder erkältet
erscheinen. Bei den magnetischen und elektrischen Erscheinungen lässt
sich die Betheiligung des Aethers in der Weise verschieden denken,
dass derselbe in dem Körper, welcher den erforderlichen Stoff,
das Eisen enthält, an zwei entgegengesetzten Enden, den Polen,
angehäuft erscheint, wobei die Erfahrung zeigt, dass gleichnamige
Pole einander abstossen, während bei den elektrischen Erscheinungen
an den zu ihrer Entstehung erforderlichen heterogenen Körpern der
Aether an zwei einander der Richtung nach entgegengesetzten Enden (+
und -) sich anhäuft, wobei die Erfahrung zeigt, dass entgegengesetzte
Pole sich anziehen. Inwieweit bei den elektrischen Strömen, von
welchen Muskelcontractionen begleitet zu werden pflegen, sowie bei
den Erscheinungen des sogenannten thierischen Magnetismus und der
thierischen Elektricität eben so wie bei jenen der sogenannten
animalischen Wärme die Betheiligung des Aethers eine Rolle
übernehme, muss um so mehr dahingestellt bleiben, als mit Ausnahme
der elektrischen Muskelströme und der thierischen Wärme die übrigen
sogenannten Thatsachen noch allzu sehr der empirischen Bestätigung
bedürfen. Insofern jene dem Weltäther zugeschriebenen Phänomene,
mit den auf die physikalischen Atome zurückgeführten Erscheinungen
verglichen, dem der groben Masse der letzteren gegenüber verfeinerten
Charakter ihrer materiellen Grundlage entsprechend selbst einen
gleichsam "vergeistigten" Stempel tragen, sind sie es, welche
durch ihre Gegensätze der Helligkeit und der Finsterniss, der
Hitze und der Kälte, der magnetischen und elektrischen Spannung
und Lösung der Physiognomie der physischen Körperwelt ein an die
wechselnden Stimmungsgegensätze des menschlichen Gemüthes mahnendes
Gepräge aufdrücken und daher als Bilder und Gleichnisse für die
letzteren mit Vorliebe pflegen verwendet zu werden. Steigern sich
dieselben so weit, dass sie namhafte Veränderungen in der Welt der
physischen Körper verursachen, die Lichterscheinung als Brand, die
Wärmeerscheinung als Explosion oder Eruption, der Magnetismus als
magnetisches, der elektrische Strom als atmosphärisches Ungewitter
auftritt, so nimmt deren Wesen eine an die plötzliche, aber auch
vorübergehende Natur der von unwillkürlichen Körperbewegungen
begleiteten Gemüthserschütterungen, der sogenannten Affecte, an und
liefert für diese ("flammender Zorn", "leidenschaftlicher Ausbruch")
das treffendste Gleichniss.
318. Wie dem denknothwendigen das durch die Erfahrung gegebene
Wirkliche, so steht dem denknothwendigen das empirisch gegebene
Wirken gegenüber. Die Vorstellung des letzteren unterliegt um so mehr
logischen Schwierigkeiten, als weder der Begriff eines Wirkens durch
den leeren Raum, wie er durch die discrete Vertheilung der Atome
im Raume gefordert ist, noch der Begriff eines Dinges, welches
eins und zugleich der Träger vielfach sich ändernden Wirkens,
noch endlich jener der Veränderung d. h. eines Dinges, welches
anders geworden und doch dasselbe geblieben sein soll, und jener der
unter den letztgenannten fallenden Bewegung als Ortsveränderung ohne
schwerwiegende kritische Bedenken bleibt. Erstgenannter ficht durch die
Einsicht in die Unmöglichkeit, dass von dem angeblich Einfachen Theile
sich loslösen und durch einen Sprung über das Leere hinüber einem
andern eben so Einfachen einverleibt werden könnten, streng genommen
die Möglichkeit so wol der Anziehung wie der Abstossung und damit die
Basis des physischen Zusammenhangs unter den Elementen der Körperwelt
an. Die Einheit des Dinges, während dessen Wirken ein vielartiges
sein soll, ruft den Widerspruch, wie Eins = Vielem gedacht werden
könne, die Identität des Dinges, nachdem es ein anderes geworden,
ruft den Widerspruch, wie Eines und dasselbe zugleich nicht dasselbe
sein könne, wider sich hervor und nöthigt, dem ersteren durch die
Annahme, dass das Wirken eines Dinges das Product nicht eines einzigen
Atoms, sondern des Zusammenseins einer Gruppe mehrerer Atome sei und
demnach, wenn die Bestandtheile dieser Gruppe verschiedene seien,
sehr wol ein Verschiedenes nicht nur sein könne, sondern sein müsse,
dem zweiten dagegen durch die Bemerkung zu begegnen, dass, weil jedes
sogenannte "Ding" nur eine Gruppe von Atomen, also ein Ganzes sei,
dasselbe durch das Ausscheiden einzelner und Eintreten anderer,
während der Rest derselbe geblieben ist, sehr wol eine Veränderung
erlitten und doch (in Bezug auf obigen Rest) seine Identität aufrecht
erhalten haben könne. Bezüglich der Bewegung als Ortsveränderung
aber gilt, dass dieselbe nur dann einen Widerspruch einschliesse,
wenn dieselbe in dem Sinn verstanden wird, dass das Bewegliche im
selben Zeitpunkt an einem und demselben Orte befindlich und nicht
befindlich, keineswegs aber, wenn dieselbe so aufgefasst wird, dass das
Bewegliche in jedem stetig auf einander folgenden Zeitpunkt in einem
anderen Orte befindlich sei. Dieselbe setzt daher eben so nothwendig
die Zeit als den Raum voraus und wird durch das Verhältniss des in
einem gewissen Zeitabschnitt zurückgelegten Raumes d. i. durch die
Geschwindigkeit gemessen.
319. Das in der Zeit vor sich gehende erfahrungsmässig gegebene
Geschehen, die Veränderung des Zustandes der Körperwelt, ist eine
dreifache, und zwar tritt dasselbe, je nachdem entweder nur der Ort
des Körpers, wobei dessen Form sowol als Stoff dieselben bleiben,
oder nur die Form des Körpers, während der Stoff unberührt bleibt,
oder schliesslich auch dieser eine Veränderung erleidet, als Orts-,
Form- oder Stoffwechsel auf. In ersterer Hinsicht kann die Bewegung
der Richtung nach entweder eine fortschreitende, wie bei dem Stoss
und Wurf, oder eine in sich zurückkehrende, wie bei den rotirenden
Weltkörpern und den Blutkörperchen im Blutkreislauf, oder eine zugleich
fortschreitende und in sich zurückkehrende Bewegung, wie bei dem um
die Erde sich drehenden und zugleich mit dieser um die Sonne bewegten
Monde sein. Der Qualität nach kann dieselbe entweder eine in gleichen
Zeitabschnitten auf gleiche Weise sich wiederholende (gleichförmige)
oder in gleichen Zeiträumen abnehmende (retardirende) oder zunehmende
(accelerirende) Bewegung, in ersterer Hinsicht überdies entweder
eine am selben Ort sich gleichförmig wiederholende (schwingende),
oder dabei zugleich im Raume fortschreitende, entweder nach der
nämlichen, oder abwechselnd nach entgegengesetzten Richtungen von
der Fortschrittslinie gleichförmig ausschlagende Bewegung sein: jene
ergibt die periodische Bogen-, diese die Wellenbewegung. Hinsichtlich
des Formenwechsels findet beim mechanischen und chemischen Körper ein
Uebergang des festen in den flüssigen und luftartigen Zustand, oder des
flüssigen in den festen und luftförmigen, oder des letztgenannten in
den festen und flüssigen statt, während beim organischen die sogenannte
Transformationslehre (Darwinismus) im Gegensatz gegen die Theorie
von der Constanz der Arten und Gattungen es mehr als wahrscheinlich
gemacht hat, dass nicht nur in der vegetabilischen Natur die Arten
und Gattungen der Organismen durch allmälige Umbildung einer oder
weniger ursprünglichen Pflanzentypen ("Urpflanze", "Metamorphose der
Pflanze": Goethe), sondern auch in der animalischen Welt die Arten und
Gattungen des Thierreichs durch allmälige Umbildung eines oder einiger
ursprünglicher Thiertypen ("Bathybios", "Gastraea": Haeckel), sei es
auf dem Wege immanenter Teleologie (Goethe), sei es auf dem natürlicher
Zuchtwahl (Darwin), oder unwillkürlicher, reflexartiger Nachahmung
("Mimicry": Wallace) in einander übergehen. Was den Stoffwechsel
betrifft, so hat die Erfahrung bis heute zwar die Vermuthung,
dass der unorganische chemische Stoff nur eine Umbildung des
primitiven mechanischen Stoffs sei, durch die chemische Typentheorie
wahrscheinlich zu machen, für die Behauptung aber, dass der organische
Stoff nur eine Umbildung des unorganischen, der belebte Naturkörper
aus leblosen, etwa durch Urzeugung (generatio æquivoca), entstanden
sei, eben so wenig einen jeden Zweifel ausschliessenden Beweis
durch Thatsachen zu führen vermocht, wie für die weitere, dass das
"Phänomen der Empfindung", durch welches der (anderes und sich selbst)
vorstellende Organismus sich von dem nicht vorstellenden, obgleich
ebenfalls organischen Körper unterscheidet, nichts anderes als eine
Umbildung des derselben entsprechenden "Nervenreizes" und demnach als
psychischer oder Bewusstseinsvorgang von diesem als physiologischem
d. i. Nervenzustand, eben so wenig wie dieser als organischer Vorgang
von den unorganischen Vorgängen der mechanisch-chemischen Körper dem
Wesen nach verschieden sei. Insbesondere was die letztgenannte von den
positivistischen und materialistischen Gegnern einer weder mit Biologie
noch mit Phrenologie und Physiologie identischen Psychologie immer
von neuem wiederholte, aber niemals bewiesene Versicherung betrifft,
haben ausgezeichnete Physiologen (Ludwig, Fick) ein offenes: ignoramus,
einer der ausgezeichnetsten (Dubois-Reymond) sogar ein eben solches:
ignorabimus ausgesprochen.
320. Wie die Gesammtheit der im Weltraum vertheilten (unorganischen und
der auf einem oder dem andern derselben anzutreffenden organischen)
Körper in ihrer gegenseitigen physischen Zusammengehörigkeit mit
und in ihrer Abhängigkeit von einander, so weit dieselben unserer
Erfahrung zugänglich sind, das physische Weltall, den Kosmos, so macht
die Gesammtheit des in und zwischen denselben in der Zeit vor sich
gehenden Geschehens, deren periodischer und nichtperiodischer Orts-,
Formen- und Stoffwechsel von der unmessbaren, primitiven Oscillation
des Aethers bis zu den Umläufen der Weltkörper und dem schwankenden
Gleichgewicht einander äquilibrirender Weltsysteme, von der Zerlegung
des Wassertropfens durch den elektrischen Funken in seine Elemente
bis zu den ein System von Weltkörpern erleuchtenden und erwärmenden
Verbrennungsprocessen gasförmiger Centralsonnen, von der molecularen
Anziehung und Abstossung primitiver Stofftheile bis zu den verwickelten
mechanisch-chemischen Processen, welche die Erscheinung des Lebens
und das Erwachen des Bewusstseins bedingen, herauf, so weit dasselbe
unserer Erfahrung zugänglich ist, die Naturgeschichte der physischen
Welt, die Geschichte des Weltalls aus.
ZWEITES CAPITEL.
DAS ICH.
321. Wie die Erfahrung lehrt, dass es physische d. h. mechanische,
chemische und organische, so lehrt sie auch, dass es psychische
d. h. dass es Phänomene des Empfindens und Vorstellens, des Fühlens,
Begehrens und Wollens gibt, aber sie lehrt keineswegs, weder dass
physische und psychische Vorgänge identisch, noch dass sie nicht
identisch seien. Was die Erfahrung als äussere an der Hand der
sinnlichen Beobachtung und des durch künstliche Werkzeuge verschärften
Experiments über die Phänomene des als vorstellend bezeichneten
belebten Organismus zu erreichen vermag, ist (wenigstens bis zur
Stunde) noch niemals Empfindung (psychischer Zustand) gewesen, sondern
jedesmal, wenn auch noch so sehr verfeinerter physischer Zustand (eine
Bewegung, ein Nervenreiz, ein Zersetzungsvorgang) geblieben. Was die
Erfahrung als innere an der Hand der Beobachtung seiner selbst und
Anderer und des, so weit die Natur der Sache es erlaubt, künstlich
angestellten Versuchs blosszulegen vermochte, war noch nicht physischer
(Bewegung, Reiz, chemischer Process), sondern ausschliesslich immer
wieder psychischer Vorgang (elementare Sinnes- oder Muskelempfindung,
elementares Lust- oder Schmerzgefühl, elementares Streben oder
Verabscheuen). Sowol die Behauptung, dass Bewegung (ein extensiver
Zustand) Empfindung, wie jene, dass Empfindung (ein intensiver Zustand)
Bewegung sei, ist jede für sich ein unerlaubter Schritt auf Grund
angeblicher über die Grenze gegebener Erfahrung hinaus auf ein Gebiet,
wo nicht die (nicht vorhandene) Thatsache, sondern allein die aus
Thatsachen gezogene denknothwendige Folgerung zu entscheiden vermag.
322. Es ist nicht die Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen
dem äusseren Anschein nach, welche bestritten wird, eben so wenig
als die Gegner der Verschiedenheit organischer und unorganischer
Körper den anscheinenden Unterschied beider zu leugnen gewillt
sind. Aber in dem einen wie in dem andern Fall geht die Tendenz
dahin, die allerdings anscheinende Verschiedenheit als eine blos
scheinbare darzulegen und so wie die organischen und unorganischen
Körper, auch physische und psychische Phänomene dem Wesen nach
als identisch hinzustellen. Insoweit dieses Bemühen sich auf das
angebliche wissenschaftliche Bedürfniss stützt, in der Gesammtheit
der erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen Einheitlichkeit
nachzuweisen, würde dasselbe, wenn die letztere Einheit in der
Mannigfaltigkeit d. i. Harmonie wäre, mehr ein ästhetisches,
also der strengen Naturwissenschaft fremdes, als ein direct
wissenschaftliches Bedürfniss, wenn dieselbe aber vielmehr Einerleiheit
(langweilige Monotonie, abwechselungslose Einförmigkeit), wie es
wahrscheinlicher ist, bedeuten sollte, im Grunde gar kein Bedürfniss
befriedigen. Insofern dasselbe einerseits die Verschiedenheit der
Phänomene d. i. des scheinbar Wirklichen, andererseits die Identität
des Substrats d. i. des wahrhaft Wirklichen zur Voraussetzung hat,
widerspricht dasselbe dem denknothwendigen Axiom, dass, wie der
Vielheit des Scheins eine Vielheit des Seins, so der qualitativen
Mannigfaltigkeit des ersteren eine eben solche des letztern entsprechen
müsse. Das Gleichniss Fechner's, dass Physisches und Psychisches wie
die beiden Ansichten eines Kreisbogens sich verhalten, der von der
Seite des Mittelpunktes aus betrachtet concav, von jener der Peripherie
aus gesehen convex erscheint, ohne dadurch aufzuhören, ein und dasselbe
zu sein, kann wol blenden, aber nicht beweisen. Denn eben dieses
Herausgehen nach der entgegengesetzten Seite, um das Object von dieser
aus ins Auge zu fassen, ist bei dem Verhältniss zwischen Physischem und
Psychischem aus dem Grunde unmöglich, weil der Umkreis des Psychischen
d. i. der Bewusstseinsphänomene, zu welchen auch die Sinnesempfindung
und sinnliche Wahrnehmung gehört, auch von demjenigen Beobachter,
der sich wie der Naturforscher auf die Seite des Physischen stellt, in
keiner Weise überschritten werden kann. Von dem, worin der Physiker das
Wesen des optischen oder des akustischen Phänomens erblickt, von der
Oscillation der Aethertheilchen oder den Luftwellen ist in demjenigen,
was der Psychologe als das Wesen der Gesichts- oder Gehörsempfindung
ansieht, in der qualitativen Farbe oder dem eben solchen Ton, nichts
Gleichartiges anzutreffen, noch lässt sich die Anzahl von mehr als
vierhundert Billionen Schwingungen mit der Empfindung des Blauen oder
jene von 32 Schallwellen in der Secunde mit jener des tiefsten hörbaren
C-Tones der Orgel vergleichen. Physische und psychische Erscheinungen,
als Phänomene betrachtet, sind nicht blos scheinbar, sondern wahrhaft
verschieden und, was ihre qualitative Natur, allerdings nicht, was
deren quantitatives Mass betrifft, schlechterdings unvergleichbar.
323. Dennoch wäre es voreilig, wie der qualitative Dualismus thut,
aus der Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen auf
eine qualitative Verschiedenheit ihrer beziehungsweisen Substrate
d. i. da das scheinbar Wirkliche auf wahrhaft Wirkliches deutet,
auf eine zwiespältige qualitative Beschaffenheit des Wirklichen zu
schliessen. Die Folgerung, dass, wenn die Erscheinung verschiedenartig
sei, auch das Wesen des derselben zu Grunde liegenden Wirklichen
ein verschiedenartiges sein müsse, hat nur dann Gewalt, wenn sie
dazu gebraucht wird, um darzuthun, dass das in diesem Falle zu
Grunde liegende Wirkliche nicht ein einziges, sondern ein multiplum
von Wirklichen sein, den verschiedenen Erscheinungen demnach nicht
ein und dasselbe, sondern bald diese, bald eine andere Gruppe von
mehreren Wirklichen zu Grunde liegen müsse. Keineswegs aber folgt
daraus, dass jene Wirklichen selbst nicht blos numerisch, sondern
ihrer inneren Beschaffenheit nach unter einander verschieden
sein d. h. dass sie etwa verschiedenen Classen von Wirklichen
angehören müssten, so lange nicht erwiesen ist, dass die blosse
Verschiedenheit äusserer Beschaffenheiten, wie Zahl, Lage,
Gruppirung der Atome, nicht hinreiche, verschiedenartigen Schein
in der Erscheinungswelt hervorzubringen. Da letzterer Erweis, wie
das Beispiel der quantitativen Atomistik lehrt, keineswegs erbracht,
im Gegentheil durch diese einleuchtend gemacht worden ist, wie unter
Voraussetzung durchgängig gleicher Beschaffenheit der Atome lediglich
durch verschiedene Zahl und räumliche Anordnung derselben verschiedene,
ja anscheinend ganz entgegengesetzte Phänomene (wie z. B. das nach
rechts und das nach links Drehen der Polarisationsebene) sich erklären
lassen, so steht von dieser Seite, wie es scheint, nichts im Wege,
auch physische und psychische Phänomene auf qualitativ gleichartiges
Wirkliches zurückzuführen.
324. Letzteres würde nur dann undenkbar sein, wenn die Qualität eines,
mehrerer, oder aller zum erklärenden Phänomen einer-, und jene des
denselben zu Grunde zu legenden Wirklichen andererseits einander in
der Weise widersprächen, dass die durch die Erfahrung gewährleistete
Thatsächlichkeit des oder der einen durch die (aus was immer für einem
Grunde) behauptete Beschaffenheit des andern geradezu ausgeschlossen
wird. Dieser Fall würde eintreten, wenn zum Beispiel unter den
thatsächlichen psychischen Erscheinungen eine solche sich vorfände,
die ihrer Natur nach nur innerhalb eines einzigen und zwar eines seiner
Qualität nach streng einfachen Wirklichen vor sich gehen kann, während
dagegen von anderer Seite behauptet würde, nicht nur, dass alles, was
überhaupt als Substrat einer Erscheinung solle angesehen werden können,
eine Verbindung mehrerer Wirklicher, eine Gruppe von solchen sein
müsse, sondern auch, insofern dasselbe als Träger einer Erscheinung
gelten soll, seiner Qualität nach zusammengesetzt sein müsse. In diesem
Fall würde entweder die Thatsächlichkeit jenes Phänomens verleugnet,
oder, wenn dies dem Zeugniss der Erfahrung gegenüber als unausführbar
sich herausstellt, angenommen werden müssen, dass dasselbe, obgleich
wirklich, doch ohne wirkliches Substrat, gleichsam in der Luft schwebe.
325. Obiger Fall tritt ein bei dem Phänomen der sogenannten Einheit des
Bewusstseins, der Theorie der sogenannten "Psychologie ohne Seele" und
der Psychologie des sogenannten "Materialismus" gegenüber. Jene geht
davon aus, dass die Natur des Phänomens der Einheit des Bewusstseins
mit der Qualität des ihrer Ansicht nach ausschliesslich wahrhaft
Wirklichen unverträglich und daher, da dessen Wirklichkeit nicht
bestritten werden könne, dasselbe thatsächlich ohne reales Substrat
sei. Letztere räumt ein, nicht nur dass obiges Phänomen thatsächlich,
sondern auch, dass kein irgendwie wirklich vorhandenes Phänomen ohne
irgendwie beschaffenes Wirkliches als Substrat desselben denkbar,
behauptet aber, dass die Natur obiger Erscheinung auch mit der
Annahme eines aus Theilen bestehenden Substrates verträglich sei. Die
Widerlegung der ersteren müsste darauf ausgehen darzuthun, nicht nur,
dass dasjenige Substrat, welches die "Psychologie ohne Seele" für das
ausschliesslich Wirkliche, weil ausschliesslich mögliche ausgibt,
weder das einzig Wirkliche, noch überhaupt ohne Selbstwiderspruch
ein mögliches sei, sondern auch, dass eine als wirklich zugestandene
Erscheinung weder ohne ein Wirkliches als Substrat, noch überhaupt
ohne Substrat gedacht werden könne. Die Widerlegung der letzteren
müsste dahin gerichtet sein, zu erweisen, dass der Versuch, die Natur
obigen als thatsächlich anerkannten Phänomens mit der materiellen
d. i. aus Theilen bestehenden Natur seines Substrats als verträglich
darzustellen, illusorisch, und daher die einzige Möglichkeit,
dessen Thatsächlichkeit begreiflich zu finden, in der Annahme eines
"atomistischen" d. i. theillosen Trägers für dasselbe gelegen sei.
320. Den Beweis zu führen, dass das wahrhaft Wirkliche seiner
Qualität nach einfach d. i. nicht aus Theilen bestehend, dass sonach
dasjenige Wirkliche, welches die "Psychologie ohne Seele" nicht nur,
obgleich dasselbe, sondern wol gar, weil es zusammengesetzter Natur
(materiell) ist, für das wahrhaft Wirkliche hält, weder ein solches
sei noch sein könne, sondern blos den Schein eines solchen enthalte,
hat im Obigen bereits der philosophische Realismus durch seine von
der Erfahrung aus-, aber aus denknothwendigen Gründen über dieselbe
hinaus gehende Wissenschaft vom Wirklichen übernommen. Derselbe hat
aber auch zugleich dargethan, und in diesem Punkt steht, wie aus dem
Vorigen sich ergibt, selbst die "Psychologie des Materialismus" ihm als
Bundesgenossin zur Seite, dass auch der Schein eines Wirklichen, wenn
er ein wirklicher d. i. thatsächlicher ist, nicht ohne ein Wirkliches
als dessen Substrat gedacht werden könne und daher die Annahme der
"Psychologie ohne Seele", dass der von ihr als thatsächlich anerkannte
Schein der Einheit des Bewusstseins ohne ein solches, also buchstäblich
ein Luftphantom sei, auf einer argen Selbsttäuschung beruhe.