317. Sowol die Zwischenräume zwischen den Welt-, so wie jene zwischen

den festen und flüssigen Körpern auf der Erde sind von luftartigen

Körpern (auf der Erde von einem aus Sauerstoff und Stickstoff,

so wie einigem Ozon bestehenden Luftkörper, der sogenannten

atmosphärischen Luft) ausgefüllt, deren Gegenwart auch in den

scheinbar leeren Theilen des Weltraums durch die Widerstände, welche

bewegte Weltkörper mittels derselben erlitten haben (z. B. durch

die allmälige Verengung der Bahn des Enke'schen Kometen), erwiesen

ist. Die Zwischenräume der physikalischen Atome werden, wie oben

bemerkt, durch Atome des sogenannten Weltäthers erfüllt gedacht,

auf dessen Zustände diejenigen Phänomene, welche sonst je specifisch

verschiedenen sogenannten "unwägbaren" Stoffen (Imponderabilien),

z. B. die Lichterscheinungen einem Lichtstoff, die magnetischen einem

magnetischen Fluidum u. s. w. zugeschrieben wurden, nunmehr als auf

deren gemeinsamen Träger zurückgeführt zu werden pflegen. Dieselben

zerfallen in solche, bei welchen die qualitative Beschaffenheit der

Körperatome gleichgültig, und solche für welche dieselbe bestimmend

ist. Zu den ersteren gehören die Licht- und Wärmeerscheinungen,

die sich deshalb (wenngleich in unzähligen Graden der Abstufung)

zwischen und in allen Körpern des Weltalls vorfinden; zu den

letzteren lassen sich die sogenannten, magnetischen und elektrischen

Erscheinungen zählen, deren erstere an die Gegenwart eines bestimmten

chemischen Stoffs (des Eisens), deren letztere an die Gegenwart und

gegenseitige Berührung mindestens zweier qualitativ heterogener Stoffe

(z. B. Zink und Kupfer) gebunden ist. Der Zustand des Aethers selbst

wird als kleinste periodische Bewegung der Aetheratome (Schwingung)

in verschiedener Menge und Richtung vorgestellt, wobei der Unterschied

stattfindet, dass diejenigen, welche als Träger des Lichtphänomens

angesehen werden, an der Oberfläche der Körper (mit Ausnahme der

durchsichtigen oder durchscheinenden) stattfinden und diese daher im

Inneren dunkel erscheinen, während diejenigen, welche die Träger des

Wärmephänomens sind, auch im Inneren der Körper statthaben, diese

daher je nach dem Grade derselben innerlich erhitzt oder erkältet

erscheinen. Bei den magnetischen und elektrischen Erscheinungen lässt

sich die Betheiligung des Aethers in der Weise verschieden denken,

dass derselbe in dem Körper, welcher den erforderlichen Stoff,

das Eisen enthält, an zwei entgegengesetzten Enden, den Polen,

angehäuft erscheint, wobei die Erfahrung zeigt, dass gleichnamige

Pole einander abstossen, während bei den elektrischen Erscheinungen

an den zu ihrer Entstehung erforderlichen heterogenen Körpern der

Aether an zwei einander der Richtung nach entgegengesetzten Enden (+

und -) sich anhäuft, wobei die Erfahrung zeigt, dass entgegengesetzte

Pole sich anziehen. Inwieweit bei den elektrischen Strömen, von

welchen Muskelcontractionen begleitet zu werden pflegen, sowie bei

den Erscheinungen des sogenannten thierischen Magnetismus und der

thierischen Elektricität eben so wie bei jenen der sogenannten

animalischen Wärme die Betheiligung des Aethers eine Rolle

übernehme, muss um so mehr dahingestellt bleiben, als mit Ausnahme

der elektrischen Muskelströme und der thierischen Wärme die übrigen

sogenannten Thatsachen noch allzu sehr der empirischen Bestätigung

bedürfen. Insofern jene dem Weltäther zugeschriebenen Phänomene,

mit den auf die physikalischen Atome zurückgeführten Erscheinungen

verglichen, dem der groben Masse der letzteren gegenüber verfeinerten

Charakter ihrer materiellen Grundlage entsprechend selbst einen

gleichsam "vergeistigten" Stempel tragen, sind sie es, welche

durch ihre Gegensätze der Helligkeit und der Finsterniss, der

Hitze und der Kälte, der magnetischen und elektrischen Spannung

und Lösung der Physiognomie der physischen Körperwelt ein an die

wechselnden Stimmungsgegensätze des menschlichen Gemüthes mahnendes

Gepräge aufdrücken und daher als Bilder und Gleichnisse für die

letzteren mit Vorliebe pflegen verwendet zu werden. Steigern sich

dieselben so weit, dass sie namhafte Veränderungen in der Welt der

physischen Körper verursachen, die Lichterscheinung als Brand, die

Wärmeerscheinung als Explosion oder Eruption, der Magnetismus als

magnetisches, der elektrische Strom als atmosphärisches Ungewitter

auftritt, so nimmt deren Wesen eine an die plötzliche, aber auch

vorübergehende Natur der von unwillkürlichen Körperbewegungen

begleiteten Gemüthserschütterungen, der sogenannten Affecte, an und

liefert für diese ("flammender Zorn", "leidenschaftlicher Ausbruch")

das treffendste Gleichniss.

318. Wie dem denknothwendigen das durch die Erfahrung gegebene

Wirkliche, so steht dem denknothwendigen das empirisch gegebene

Wirken gegenüber. Die Vorstellung des letzteren unterliegt um so mehr

logischen Schwierigkeiten, als weder der Begriff eines Wirkens durch

den leeren Raum, wie er durch die discrete Vertheilung der Atome

im Raume gefordert ist, noch der Begriff eines Dinges, welches

eins und zugleich der Träger vielfach sich ändernden Wirkens,

noch endlich jener der Veränderung d. h. eines Dinges, welches

anders geworden und doch dasselbe geblieben sein soll, und jener der

unter den letztgenannten fallenden Bewegung als Ortsveränderung ohne

schwerwiegende kritische Bedenken bleibt. Erstgenannter ficht durch die

Einsicht in die Unmöglichkeit, dass von dem angeblich Einfachen Theile

sich loslösen und durch einen Sprung über das Leere hinüber einem

andern eben so Einfachen einverleibt werden könnten, streng genommen

die Möglichkeit so wol der Anziehung wie der Abstossung und damit die

Basis des physischen Zusammenhangs unter den Elementen der Körperwelt

an. Die Einheit des Dinges, während dessen Wirken ein vielartiges

sein soll, ruft den Widerspruch, wie Eins = Vielem gedacht werden

könne, die Identität des Dinges, nachdem es ein anderes geworden,

ruft den Widerspruch, wie Eines und dasselbe zugleich nicht dasselbe

sein könne, wider sich hervor und nöthigt, dem ersteren durch die

Annahme, dass das Wirken eines Dinges das Product nicht eines einzigen

Atoms, sondern des Zusammenseins einer Gruppe mehrerer Atome sei und

demnach, wenn die Bestandtheile dieser Gruppe verschiedene seien,

sehr wol ein Verschiedenes nicht nur sein könne, sondern sein müsse,

dem zweiten dagegen durch die Bemerkung zu begegnen, dass, weil jedes

sogenannte "Ding" nur eine Gruppe von Atomen, also ein Ganzes sei,

dasselbe durch das Ausscheiden einzelner und Eintreten anderer,

während der Rest derselbe geblieben ist, sehr wol eine Veränderung

erlitten und doch (in Bezug auf obigen Rest) seine Identität aufrecht

erhalten haben könne. Bezüglich der Bewegung als Ortsveränderung

aber gilt, dass dieselbe nur dann einen Widerspruch einschliesse,

wenn dieselbe in dem Sinn verstanden wird, dass das Bewegliche im

selben Zeitpunkt an einem und demselben Orte befindlich und nicht

befindlich, keineswegs aber, wenn dieselbe so aufgefasst wird, dass das

Bewegliche in jedem stetig auf einander folgenden Zeitpunkt in einem

anderen Orte befindlich sei. Dieselbe setzt daher eben so nothwendig

die Zeit als den Raum voraus und wird durch das Verhältniss des in

einem gewissen Zeitabschnitt zurückgelegten Raumes d. i. durch die

Geschwindigkeit gemessen.

319. Das in der Zeit vor sich gehende erfahrungsmässig gegebene

Geschehen, die Veränderung des Zustandes der Körperwelt, ist eine

dreifache, und zwar tritt dasselbe, je nachdem entweder nur der Ort

des Körpers, wobei dessen Form sowol als Stoff dieselben bleiben,

oder nur die Form des Körpers, während der Stoff unberührt bleibt,

oder schliesslich auch dieser eine Veränderung erleidet, als Orts-,

Form- oder Stoffwechsel auf. In ersterer Hinsicht kann die Bewegung

der Richtung nach entweder eine fortschreitende, wie bei dem Stoss

und Wurf, oder eine in sich zurückkehrende, wie bei den rotirenden

Weltkörpern und den Blutkörperchen im Blutkreislauf, oder eine zugleich

fortschreitende und in sich zurückkehrende Bewegung, wie bei dem um

die Erde sich drehenden und zugleich mit dieser um die Sonne bewegten

Monde sein. Der Qualität nach kann dieselbe entweder eine in gleichen

Zeitabschnitten auf gleiche Weise sich wiederholende (gleichförmige)

oder in gleichen Zeiträumen abnehmende (retardirende) oder zunehmende

(accelerirende) Bewegung, in ersterer Hinsicht überdies entweder

eine am selben Ort sich gleichförmig wiederholende (schwingende),

oder dabei zugleich im Raume fortschreitende, entweder nach der

nämlichen, oder abwechselnd nach entgegengesetzten Richtungen von

der Fortschrittslinie gleichförmig ausschlagende Bewegung sein: jene

ergibt die periodische Bogen-, diese die Wellenbewegung. Hinsichtlich

des Formenwechsels findet beim mechanischen und chemischen Körper ein

Uebergang des festen in den flüssigen und luftartigen Zustand, oder des

flüssigen in den festen und luftförmigen, oder des letztgenannten in

den festen und flüssigen statt, während beim organischen die sogenannte

Transformationslehre (Darwinismus) im Gegensatz gegen die Theorie

von der Constanz der Arten und Gattungen es mehr als wahrscheinlich

gemacht hat, dass nicht nur in der vegetabilischen Natur die Arten

und Gattungen der Organismen durch allmälige Umbildung einer oder

weniger ursprünglichen Pflanzentypen ("Urpflanze", "Metamorphose der

Pflanze": Goethe), sondern auch in der animalischen Welt die Arten und

Gattungen des Thierreichs durch allmälige Umbildung eines oder einiger

ursprünglicher Thiertypen ("Bathybios", "Gastraea": Haeckel), sei es

auf dem Wege immanenter Teleologie (Goethe), sei es auf dem natürlicher

Zuchtwahl (Darwin), oder unwillkürlicher, reflexartiger Nachahmung

("Mimicry": Wallace) in einander übergehen. Was den Stoffwechsel

betrifft, so hat die Erfahrung bis heute zwar die Vermuthung,

dass der unorganische chemische Stoff nur eine Umbildung des

primitiven mechanischen Stoffs sei, durch die chemische Typentheorie

wahrscheinlich zu machen, für die Behauptung aber, dass der organische

Stoff nur eine Umbildung des unorganischen, der belebte Naturkörper

aus leblosen, etwa durch Urzeugung (generatio æquivoca), entstanden

sei, eben so wenig einen jeden Zweifel ausschliessenden Beweis

durch Thatsachen zu führen vermocht, wie für die weitere, dass das

"Phänomen der Empfindung", durch welches der (anderes und sich selbst)

vorstellende Organismus sich von dem nicht vorstellenden, obgleich

ebenfalls organischen Körper unterscheidet, nichts anderes als eine

Umbildung des derselben entsprechenden "Nervenreizes" und demnach als

psychischer oder Bewusstseinsvorgang von diesem als physiologischem

d. i. Nervenzustand, eben so wenig wie dieser als organischer Vorgang

von den unorganischen Vorgängen der mechanisch-chemischen Körper dem

Wesen nach verschieden sei. Insbesondere was die letztgenannte von den

positivistischen und materialistischen Gegnern einer weder mit Biologie

noch mit Phrenologie und Physiologie identischen Psychologie immer

von neuem wiederholte, aber niemals bewiesene Versicherung betrifft,

haben ausgezeichnete Physiologen (Ludwig, Fick) ein offenes: ignoramus,

einer der ausgezeichnetsten (Dubois-Reymond) sogar ein eben solches:

ignorabimus ausgesprochen.

320. Wie die Gesammtheit der im Weltraum vertheilten (unorganischen und

der auf einem oder dem andern derselben anzutreffenden organischen)

Körper in ihrer gegenseitigen physischen Zusammengehörigkeit mit

und in ihrer Abhängigkeit von einander, so weit dieselben unserer

Erfahrung zugänglich sind, das physische Weltall, den Kosmos, so macht

die Gesammtheit des in und zwischen denselben in der Zeit vor sich

gehenden Geschehens, deren periodischer und nichtperiodischer Orts-,

Formen- und Stoffwechsel von der unmessbaren, primitiven Oscillation

des Aethers bis zu den Umläufen der Weltkörper und dem schwankenden

Gleichgewicht einander äquilibrirender Weltsysteme, von der Zerlegung

des Wassertropfens durch den elektrischen Funken in seine Elemente

bis zu den ein System von Weltkörpern erleuchtenden und erwärmenden

Verbrennungsprocessen gasförmiger Centralsonnen, von der molecularen

Anziehung und Abstossung primitiver Stofftheile bis zu den verwickelten

mechanisch-chemischen Processen, welche die Erscheinung des Lebens

und das Erwachen des Bewusstseins bedingen, herauf, so weit dasselbe

unserer Erfahrung zugänglich ist, die Naturgeschichte der physischen

Welt, die Geschichte des Weltalls aus.

ZWEITES CAPITEL.

DAS ICH.

321. Wie die Erfahrung lehrt, dass es physische d. h. mechanische,

chemische und organische, so lehrt sie auch, dass es psychische

d. h. dass es Phänomene des Empfindens und Vorstellens, des Fühlens,

Begehrens und Wollens gibt, aber sie lehrt keineswegs, weder dass

physische und psychische Vorgänge identisch, noch dass sie nicht

identisch seien. Was die Erfahrung als äussere an der Hand der

sinnlichen Beobachtung und des durch künstliche Werkzeuge verschärften

Experiments über die Phänomene des als vorstellend bezeichneten

belebten Organismus zu erreichen vermag, ist (wenigstens bis zur

Stunde) noch niemals Empfindung (psychischer Zustand) gewesen, sondern

jedesmal, wenn auch noch so sehr verfeinerter physischer Zustand (eine

Bewegung, ein Nervenreiz, ein Zersetzungsvorgang) geblieben. Was die

Erfahrung als innere an der Hand der Beobachtung seiner selbst und

Anderer und des, so weit die Natur der Sache es erlaubt, künstlich

angestellten Versuchs blosszulegen vermochte, war noch nicht physischer

(Bewegung, Reiz, chemischer Process), sondern ausschliesslich immer

wieder psychischer Vorgang (elementare Sinnes- oder Muskelempfindung,

elementares Lust- oder Schmerzgefühl, elementares Streben oder

Verabscheuen). Sowol die Behauptung, dass Bewegung (ein extensiver

Zustand) Empfindung, wie jene, dass Empfindung (ein intensiver Zustand)

Bewegung sei, ist jede für sich ein unerlaubter Schritt auf Grund

angeblicher über die Grenze gegebener Erfahrung hinaus auf ein Gebiet,

wo nicht die (nicht vorhandene) Thatsache, sondern allein die aus

Thatsachen gezogene denknothwendige Folgerung zu entscheiden vermag.

322. Es ist nicht die Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen

dem äusseren Anschein nach, welche bestritten wird, eben so wenig

als die Gegner der Verschiedenheit organischer und unorganischer

Körper den anscheinenden Unterschied beider zu leugnen gewillt

sind. Aber in dem einen wie in dem andern Fall geht die Tendenz

dahin, die allerdings anscheinende Verschiedenheit als eine blos

scheinbare darzulegen und so wie die organischen und unorganischen

Körper, auch physische und psychische Phänomene dem Wesen nach

als identisch hinzustellen. Insoweit dieses Bemühen sich auf das

angebliche wissenschaftliche Bedürfniss stützt, in der Gesammtheit

der erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen Einheitlichkeit

nachzuweisen, würde dasselbe, wenn die letztere Einheit in der

Mannigfaltigkeit d. i. Harmonie wäre, mehr ein ästhetisches,

also der strengen Naturwissenschaft fremdes, als ein direct

wissenschaftliches Bedürfniss, wenn dieselbe aber vielmehr Einerleiheit

(langweilige Monotonie, abwechselungslose Einförmigkeit), wie es

wahrscheinlicher ist, bedeuten sollte, im Grunde gar kein Bedürfniss

befriedigen. Insofern dasselbe einerseits die Verschiedenheit der

Phänomene d. i. des scheinbar Wirklichen, andererseits die Identität

des Substrats d. i. des wahrhaft Wirklichen zur Voraussetzung hat,

widerspricht dasselbe dem denknothwendigen Axiom, dass, wie der

Vielheit des Scheins eine Vielheit des Seins, so der qualitativen

Mannigfaltigkeit des ersteren eine eben solche des letztern entsprechen

müsse. Das Gleichniss Fechner's, dass Physisches und Psychisches wie

die beiden Ansichten eines Kreisbogens sich verhalten, der von der

Seite des Mittelpunktes aus betrachtet concav, von jener der Peripherie

aus gesehen convex erscheint, ohne dadurch aufzuhören, ein und dasselbe

zu sein, kann wol blenden, aber nicht beweisen. Denn eben dieses

Herausgehen nach der entgegengesetzten Seite, um das Object von dieser

aus ins Auge zu fassen, ist bei dem Verhältniss zwischen Physischem und

Psychischem aus dem Grunde unmöglich, weil der Umkreis des Psychischen

d. i. der Bewusstseinsphänomene, zu welchen auch die Sinnesempfindung

und sinnliche Wahrnehmung gehört, auch von demjenigen Beobachter,

der sich wie der Naturforscher auf die Seite des Physischen stellt, in

keiner Weise überschritten werden kann. Von dem, worin der Physiker das

Wesen des optischen oder des akustischen Phänomens erblickt, von der

Oscillation der Aethertheilchen oder den Luftwellen ist in demjenigen,

was der Psychologe als das Wesen der Gesichts- oder Gehörsempfindung

ansieht, in der qualitativen Farbe oder dem eben solchen Ton, nichts

Gleichartiges anzutreffen, noch lässt sich die Anzahl von mehr als

vierhundert Billionen Schwingungen mit der Empfindung des Blauen oder

jene von 32 Schallwellen in der Secunde mit jener des tiefsten hörbaren

C-Tones der Orgel vergleichen. Physische und psychische Erscheinungen,

als Phänomene betrachtet, sind nicht blos scheinbar, sondern wahrhaft

verschieden und, was ihre qualitative Natur, allerdings nicht, was

deren quantitatives Mass betrifft, schlechterdings unvergleichbar.

323. Dennoch wäre es voreilig, wie der qualitative Dualismus thut,

aus der Verschiedenheit beider Classen von Erscheinungen auf

eine qualitative Verschiedenheit ihrer beziehungsweisen Substrate

d. i. da das scheinbar Wirkliche auf wahrhaft Wirkliches deutet,

auf eine zwiespältige qualitative Beschaffenheit des Wirklichen zu

schliessen. Die Folgerung, dass, wenn die Erscheinung verschiedenartig

sei, auch das Wesen des derselben zu Grunde liegenden Wirklichen

ein verschiedenartiges sein müsse, hat nur dann Gewalt, wenn sie

dazu gebraucht wird, um darzuthun, dass das in diesem Falle zu

Grunde liegende Wirkliche nicht ein einziges, sondern ein multiplum

von Wirklichen sein, den verschiedenen Erscheinungen demnach nicht

ein und dasselbe, sondern bald diese, bald eine andere Gruppe von

mehreren Wirklichen zu Grunde liegen müsse. Keineswegs aber folgt

daraus, dass jene Wirklichen selbst nicht blos numerisch, sondern

ihrer inneren Beschaffenheit nach unter einander verschieden

sein d. h. dass sie etwa verschiedenen Classen von Wirklichen

angehören müssten, so lange nicht erwiesen ist, dass die blosse

Verschiedenheit äusserer Beschaffenheiten, wie Zahl, Lage,

Gruppirung der Atome, nicht hinreiche, verschiedenartigen Schein

in der Erscheinungswelt hervorzubringen. Da letzterer Erweis, wie

das Beispiel der quantitativen Atomistik lehrt, keineswegs erbracht,

im Gegentheil durch diese einleuchtend gemacht worden ist, wie unter

Voraussetzung durchgängig gleicher Beschaffenheit der Atome lediglich

durch verschiedene Zahl und räumliche Anordnung derselben verschiedene,

ja anscheinend ganz entgegengesetzte Phänomene (wie z. B. das nach

rechts und das nach links Drehen der Polarisationsebene) sich erklären

lassen, so steht von dieser Seite, wie es scheint, nichts im Wege,

auch physische und psychische Phänomene auf qualitativ gleichartiges

Wirkliches zurückzuführen.

324. Letzteres würde nur dann undenkbar sein, wenn die Qualität eines,

mehrerer, oder aller zum erklärenden Phänomen einer-, und jene des

denselben zu Grunde zu legenden Wirklichen andererseits einander in

der Weise widersprächen, dass die durch die Erfahrung gewährleistete

Thatsächlichkeit des oder der einen durch die (aus was immer für einem

Grunde) behauptete Beschaffenheit des andern geradezu ausgeschlossen

wird. Dieser Fall würde eintreten, wenn zum Beispiel unter den

thatsächlichen psychischen Erscheinungen eine solche sich vorfände,

die ihrer Natur nach nur innerhalb eines einzigen und zwar eines seiner

Qualität nach streng einfachen Wirklichen vor sich gehen kann, während

dagegen von anderer Seite behauptet würde, nicht nur, dass alles, was

überhaupt als Substrat einer Erscheinung solle angesehen werden können,

eine Verbindung mehrerer Wirklicher, eine Gruppe von solchen sein

müsse, sondern auch, insofern dasselbe als Träger einer Erscheinung

gelten soll, seiner Qualität nach zusammengesetzt sein müsse. In diesem

Fall würde entweder die Thatsächlichkeit jenes Phänomens verleugnet,

oder, wenn dies dem Zeugniss der Erfahrung gegenüber als unausführbar

sich herausstellt, angenommen werden müssen, dass dasselbe, obgleich

wirklich, doch ohne wirkliches Substrat, gleichsam in der Luft schwebe.

325. Obiger Fall tritt ein bei dem Phänomen der sogenannten Einheit des

Bewusstseins, der Theorie der sogenannten "Psychologie ohne Seele" und

der Psychologie des sogenannten "Materialismus" gegenüber. Jene geht

davon aus, dass die Natur des Phänomens der Einheit des Bewusstseins

mit der Qualität des ihrer Ansicht nach ausschliesslich wahrhaft

Wirklichen unverträglich und daher, da dessen Wirklichkeit nicht

bestritten werden könne, dasselbe thatsächlich ohne reales Substrat

sei. Letztere räumt ein, nicht nur dass obiges Phänomen thatsächlich,

sondern auch, dass kein irgendwie wirklich vorhandenes Phänomen ohne

irgendwie beschaffenes Wirkliches als Substrat desselben denkbar,

behauptet aber, dass die Natur obiger Erscheinung auch mit der

Annahme eines aus Theilen bestehenden Substrates verträglich sei. Die

Widerlegung der ersteren müsste darauf ausgehen darzuthun, nicht nur,

dass dasjenige Substrat, welches die "Psychologie ohne Seele" für das

ausschliesslich Wirkliche, weil ausschliesslich mögliche ausgibt,

weder das einzig Wirkliche, noch überhaupt ohne Selbstwiderspruch

ein mögliches sei, sondern auch, dass eine als wirklich zugestandene

Erscheinung weder ohne ein Wirkliches als Substrat, noch überhaupt

ohne Substrat gedacht werden könne. Die Widerlegung der letzteren

müsste dahin gerichtet sein, zu erweisen, dass der Versuch, die Natur

obigen als thatsächlich anerkannten Phänomens mit der materiellen

d. i. aus Theilen bestehenden Natur seines Substrats als verträglich

darzustellen, illusorisch, und daher die einzige Möglichkeit,

dessen Thatsächlichkeit begreiflich zu finden, in der Annahme eines

"atomistischen" d. i. theillosen Trägers für dasselbe gelegen sei.

320. Den Beweis zu führen, dass das wahrhaft Wirkliche seiner

Qualität nach einfach d. i. nicht aus Theilen bestehend, dass sonach

dasjenige Wirkliche, welches die "Psychologie ohne Seele" nicht nur,

obgleich dasselbe, sondern wol gar, weil es zusammengesetzter Natur

(materiell) ist, für das wahrhaft Wirkliche hält, weder ein solches

sei noch sein könne, sondern blos den Schein eines solchen enthalte,

hat im Obigen bereits der philosophische Realismus durch seine von

der Erfahrung aus-, aber aus denknothwendigen Gründen über dieselbe

hinaus gehende Wissenschaft vom Wirklichen übernommen. Derselbe hat

aber auch zugleich dargethan, und in diesem Punkt steht, wie aus dem

Vorigen sich ergibt, selbst die "Psychologie des Materialismus" ihm als

Bundesgenossin zur Seite, dass auch der Schein eines Wirklichen, wenn

er ein wirklicher d. i. thatsächlicher ist, nicht ohne ein Wirkliches

als dessen Substrat gedacht werden könne und daher die Annahme der

"Psychologie ohne Seele", dass der von ihr als thatsächlich anerkannte

Schein der Einheit des Bewusstseins ohne ein solches, also buchstäblich

ein Luftphantom sei, auf einer argen Selbsttäuschung beruhe.

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 21 / 31 段