297. Mit obiger Grenzüberschreitung ist aber auch der Punkt

erreicht, wo die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen der

Erfahrungswissenschaft von demselben die Hand zu bieten vermag. Jene,

die von der Erfahrung aus-, aber auf Grund in deren Inhalt gelegener

Nöthigung über dieselbe hinausgeht, hat mit der letzteren, die

nicht nur wie jene auf der Erfahrung fusst, sondern auch innerhalb

derselben verharrt, die Aufgabe gemein, die Erfahrung begreiflich zu

machen. Seitens der letzteren geschieht dies, indem sie das gesammte

Wissen vom Wirklichen auf den Boden der Erfahrung zu stellen, seitens

der ersteren, indem sie den Boden der Erfahrung selbst sicher zu

legen unternimmt. Beide, die philosophische und die empirische

Wissenschaft vom Wirklichen gleichen Arbeitern, welche von den

entgegengesetzten Seiten eines Berges her, unsichtbar für einander,

aber auf gemeinsamen Voraussetzungen fussend und einer gemeinsamen

Methode sich bedienend, einen Tunnel durch das Innere desselben zu

bohren unternehmen, in der Hoffnung, wenn ihre Voraussetzungen giltig

und ihre Berechnungen richtig sind, irgendwo in der Höhlung desselben

zusammenzutreffen. Jene schreitet von den allgemeinen Begriffen und

Principien des Wirklichen und seines Wirkens in der Richtung gegen die

erfahrungsmässig gegebenen Erscheinungen der scheinbaren Wirklichkeit

nach vorwärts, diese, von der Erscheinungswelt der Erfahrung in der

Richtung gegen deren allgemeinste und oberste reale und gesetzliche

Voraussetzungen nach rückwärts. Wenn beider methodische Grundsätze

giltig und ihre Folgerungen zutreffend sind, werden beide früher

oder später irgendwo an der Grenze einerseits des Denknothwendigen,

andererseits des Erfahrbaren einander begegnen müssen.

298. Einen thatsächlichen Beweis für die Richtigkeit dieser

Annahme liefert die Herrschaft, welche die Atomistik einerseits

als philosophische über die philosophische, andererseits als

physikalische über die empirische Wissenschaft vom Wirklichen gewonnen

hat. In der ersteren ist dieselbe als zugleich realistische und

pluralistische Grundlegung der phänomenalen Welt an die Stelle der

sowol idealistischen als monistischen einstigen "Naturphilosophie", in

der letzteren ist sie, wie Fechner eben so gründlich als scharfsinnig

ausgeführt hat, längst mit Recht an die Stelle der (noch von Kant

begünstigten) einstigen dynamischen Naturauffassung getreten. So wenig,

wie Fechner selbst zugestanden hat, die philosophische Atomenlehre mit

der physikalischen identisch, so gewiss ist dieselbe mit der letzteren

verträglich d. h. bietet die Existenz einer unbestimmten Vielheit

einfacher wirklicher und unausgesetzt wirkender Wesen einen realen

Anknüpfungspunkt dar für die Zurückführung der gesammten Phänomene

der körperlichen Welt auf die Existenz unbestimmt vieler untheilbarer

und daher gleichfalls "einfach" genannter, mit rastlos thätigen

Kräften ausgestatteter Elemente. Dass die letzteren ihrer behaupteten

Einfachheit ungeachtet von Fechner als "körperliche" bezeichnet werden,

ist nur als Beleg anzusehen, dass die empirische Wissenschaft vom

Wirklichen, welche innerhalb der Grenzen des sinnlich Erfahrbaren

bleibt, der philosophischen, welche von Haus aus über dieselben hinaus

führt, zwar stetig sich nähert, aber sie noch nicht berührt.

299. Aber nicht nur der empirischen Wissenschaft von der körperlichen,

auch jener von der Bewusstseinswelt sowol des Einzel- wie des

gesellschaftlichen Subjects bietet die philosophische Wissenschaft

vom Wirklichen, jener in dem einfachen Wirklichen eine reale, dieser

in der unbestimmten Menge realer Bewusstseinsträger eine reale und

pluralistische Grundlage dar. Wie die unbestimmte Vielheit einfacher

Wirklicher den haltbaren Boden für den aus einer eben so unbestimmten

Vielheit atomistischer Elemente zusammengesetzten Stoff der physischen

Welt, so bildet das einzelne individuelle Wirkliche den haltbaren

Mittelpunkt, in welchem der aus einer unbestimmten Menge elementarer

Bewusstseinsvorgänge bestehende Stoff der psychischen Welt im Phänomen

der Einheit des Ich's wie in einem Brennpunkt zusammenfliesst, und

macht die Vielheit individueller Wirklichen der letztgenannten Art,

deren jedes für sich ein Bewusstseinscentrum abgibt, die unentbehrliche

Grundlage dessen aus, was als Vereinigung durch ein gemeinsames Band

unter einander verknüpfter, bewusster oder doch bewusstseinsfähiger

Individuen den Stoff der Gesellschaft und der Entwickelung derselben

in den Grenzen des Raums und in der Folge der Zeit d. i. der Geschichte

ausmacht.

300. Letzteren, den dreifachen Stoff, den die Betrachtung der

körperlichen, der Bewusstseins- und der geschichtlichen Welt liefert,

aber vermag die Wissenschaft vom Wirklichen nicht der philosophischen,

sondern nur der empirischen Wissenschaft von diesem zu entlehnen. Der

philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen kann es nicht beikommen,

die unausgefüllte Kluft, welche zwischen den äussersten erlaubten

Consequenzen des Denknothwendigen und den äussersten Grenzen

des Erfahrbaren übrig bleibt, durch Conjecturen ausfüllen, oder

den Uebergang von dem einen zum andern durch Einbildungen ebnen

zu wollen, welche weder mehr in der Nothwendigkeit des Denkens,

noch schon in der Möglichkeit der Erfahrung eine Rechtfertigung zu

finden im Stande sind. Dieselbe hat zwar die Aufgabe, die Erfahrung

zu befragen und, wenn deren Antwort ihr unbefriedigend, sei es der

Form nach unvollkommen, sei es dem Inhalt nach unvollständig dünkt,

dieselbe den Normen des Denknothwendigen gemäss der ersten nach zu

berichtigen, dem zweiten nach deren Ergänzung abzuwarten, aber sie

hat weder die Mittel dieselbe aus Eigenem zu ersetzen, noch, wenn

sie nicht vom Taumel orphischen Hochmuths ergriffen ist, jemals

die Anmassung, die Erfahrung überflüssig machen zu wollen. Indem

sie sonach an die selbst aus der Erfahrung geschöpfte Eintheilung

des erfahrbaren Wirklichen in ein solches, dessen Kenntniss aus der

sogenannten äusseren (Physisches) ein solches, dessen Kenntniss aus

der sogenannten inneren (Psychisches), und in ein solches, dessen

Kenntniss aus der äussern und innern Erfahrung zugleich stammt

(Sociales, Geschichtliches) sich unbedenklich anschliesst, begnügt

sie sich, jedes der drei genannten Gebiete des Erfahrbaren mit dem

auf Grund der Erfahrung, aber durch Hinausgehen über dieselbe als

denknothwendig erkannten, wahren Wirklichen zu vermitteln und in

einer an logischem Faden ungezwungen fortlaufenden Anordnung des

durch die Erfahrung gebotenen Stoffs eine systematische Uebersicht

des erfahrbaren Wirklichen in der Körper-, in der Geistes- und in

der geschichtlichen Welt zu entwerfen. Jenes macht den Inhalt der

philosophischen Betrachtung der sogenannten bewusstlosen Welt,

oder des Nicht-Ich, das zweite den Inhalt der Betrachtung der

bewussten Welt, des Ich, das dritte den Inhalt der Betrachtung einer

gleichfalls bewussten, aber in dem Bewusstsein einer Mehrheit zur

Einheit verknüpfter, bewusster Individuen d. i. einer Gesellschaft

sich abspielenden Welt des socialen oder geschichtlichen Ich aus.

301. Die Betrachtung des Nicht-Ich beginnt mit jener des letzten,

was auf dem Wege der Erfahrung, oder vielmehr schon nur durch einen

Sprung, der über die wirkliche Erfahrung hinausführt, erreichbar ist,

des Atoms. Dasselbe ist nach der Ansicht der Physiker (Ampère, Moigno

u. A.) zwar einfach aber doch "körperlich" (Fechner); jenes bedeutet,

dass dasselbe untheilbar oder doch wenigstens für jetzt nicht weiter

als getheilt angesehen sein soll, dieses, dass dasselbe nichts desto

weniger als materiell d. i. dem körperlichen Stoff (Materie), dessen

letzten Bestandtheil es ausmacht, als gleichartig gelten soll. Erstere

Eigenschaft nähert, letztere dagegen entfernt das physikalische Atom

von dem philosophischen, welches letztere zwar im strengsten Sinn

des Wortes seiner Qualität nach als einfach, dessen Qualität selbst

aber als schlechterdings unbekannt d. h. auch nicht, wie jene des

physikalischen Atoms, etwa als materiell zu denken ist. Je nachdem

empirische Naturbetrachtung von der Ansicht ausgeht, dass sämmtliche

Atome unter einander der Qualität nach gleich, oder einige derselben

ursprünglich und unveränderlich ihrer qualitativen Beschaffenheit nach

von jener der anderen verschieden sind, scheidet sich dieselbe in eine

rein quantitative und in eine ganz oder doch zum Theile qualitative

Atomistik, deren erstere nicht nur alle Verschiedenheiten der Körper,

sondern auch sämmtliche Erscheinungen der körperlichen Welt aus den

Verschiedenheiten rein quantitativer Beziehungen unter der Qualität

nach homogenen, die letztere dagegen dieselben ganz oder doch

theilweise aus der verschiedenen qualitativen Natur die Elemente der

Körper, so wie die Grundlage körperlicher Erscheinungen ausmachender,

unter einander heterogener Atome abzuleiten bemüht ist.

302. Die erfahrungsmässig gegebenen Verschiedenheiten der Körper

d. i. der räumlich und zeitlich begrenzten zusammengehörigen Gruppen

von Atomen, also die Unterschiede einerseits des belebten (organischen)

oder leblosen (unorganischen) Körpers, ferner die Unterschiede der

letzteren, als zusammengesetzte, die sich in weitere, der Qualität

nach verschiedene Bestandtheile zerlegen, und einfache (die sogenannten

einfachen Stoffe der Chemie), die sich in solche nicht weiter auflösen

lassen, ferner die Unterschiede der letzteren selbst je nach ihrer

qualitativen Beschaffenheit (z. B. des Sauerstoffs vom Wasserstoff, des

Stickstoffs vom Kohlenstoff, des Calcium vom Magnesium u. s. w.) werden

von der qualitativen Atomistik auf eine fundamentale qualitative

Verschiedenheit der den Stoff der Körper ausmachenden letzten Elemente

zurückgeführt, so dass dieselben bei den organischen Körpern andere

als bei den unorganischen und ebenso bei jedem der einfachen Körper,

welche die letzten qualitativ unterschiedenen Bestandtheile der

zusammengesetzten abgeben, andere als bei den übrigen seien. Dieselbe

betrachtet als sogenannte biologische Atomistik jeden belebten Körper

als bestehend aus gleichfalls lebendigen Atomen, den sogenannten

Zellen, während der leblose Körper bis in seine letzten Elemente

hinab aus gleichfalls leblosen Elementen bestehend vorgestellt

wird. Als sogenannte chemische Atomistik sieht dieselbe nicht nur

den zusammengesetzten Körper, z. B. das Wasser, für bestehend aus

qualitativ verschiedenen und zwar aus Atomen von zweierlei Art an,

davon die einen sauerstoff-, die andern wasserstoffartig und davon

jene mit diesen nach einem bestimmten Verhältniss, so dass auf je

zwei Atome Wasserstoff ein Atom Sauerstoff (H2O) gerechnet wird (dem

sogenannten stöchiometrischen Verhältniss), unter einander verbunden

sind. Wird letztere Ansicht auch auf die sogenannten organischen Körper

ausgedehnt, so dass diese als zusammengesetzt aus einfachen Stoffen

gedacht werden, welche unter andern Verhältnissen die Bestandtheile

unorganischer Körper ausmachen z. B. aus Sauerstoff, Wasserstoff,

Kohlenstoff und hauptsächlich Stickstoff, so schwindet zwar der

qualitative Unterschied zwischen belebten und unbelebten Körpern, aber

derjenige zwischen den einfachen Körpern bleibt bestehen d. h. die

Atome des Sauerstoffs sind nach wie vor qualitativ verschieden

von jenen des Wasserstoffs, die des Azots von jenen des Carbons

u. s. w. Zeigen nun Körper, ungeachtet die qualitativen Bestandtheile

derselben die nämlichen sind, dennoch verschiedene Eigenschaften

(die sogenannte Isomerie), so werden, da diese Verschiedenheit

nicht mehr aus der Verschiedenheit der qualitativen Beschaffenheit

der Elemente sich erklären lässt, quantitative Verschiedenheiten der

(qualitativ gleichen) Körper und zwar solche, welche entweder aus dem

arithmetischen Gesichtspunkt der Menge oder aus dem geometrischen

der (räumlichen) Lage der Elemente entlehnt sind, zur Erklärung

herangezogen. (Wie dies z. B. bei der Weinsteinsäure, welche auf die

Polarisationsebene des Lichtes eine drehende Wirkung ausübt, bei der

Thatsache der Fall ist, dass eine Gattung derselben unter übrigens ganz

gleichen Verhältnissen jene Ebene nach rechts, eine andere dagegen

dieselbe nach links dreht. In diesem Falle wird angenommen, dass die

Atome der rechtsdrehenden Weinsteinsäure eine Lagerung nach rechts,

jene der letzteren eine solche nach links besitzen.)

303. Das Charakteristische der quantitativen Atomistik besteht

darin, dass sie diejenige Hypothese, welche die qualitative nur in

Ausnahmsfällen, wie z. B. in jenem der Isomerie, zu Hilfe ruft,

der gesammten Erklärung der Körperwelt als alleinige zu Grunde

legt. Während dieser zufolge die Verschiedenheit der Körper in der

Regel auf der qualitativen Verschiedenheit ihrer Elemente d. h. auf

der Verschiedenheit ihres Stoffes und nur in einigen Fällen auf der

Verschiedenheit der Zusammensetzung ihrer übrigens gleichen Elemente

d. i. auf jener der Form beruht, macht jene letztere Ausnahme zur

Regel d. h. betrachtet die Isomerie als eine Grund- und gemeinsame

Eigenschaft aller sonst wie immer unterschiedenen Körper und leitet

sämmtliche Verschiedenheiten der letztern ausschliesslich aus der

Verschiedenheit ihrer Zusammensetzung aus übrigens gleichen Elementen

d. i. aus der Form ab. Ihr zufolge sind daher nicht nur die Elemente

des belebten nicht von jenen des unbelebten Körpers, sondern auch

die Elemente irgend eines einfachen Stoffes nicht von jenen jedes

beliebigen andern Stoffes verschieden. Letzteres setzt voraus, dass

die gleichwol unbestreitbare Unterschiedenheit sowol der nächsten --

durch die Analyse organischer Körper erreichbaren -- Bestandtheile von

den -- durch Analyse sogenannter unorganischer Körper darstellbaren --

Stoffen (z. B. des Eiweissstoffes, des Proteïns, des Caffeïns, Theïns

u. dgl. von Oxygen, Hydrogen, Gold, Eisen, Platin u. s. w.) wie die

gleichfalls unleugbare Unterschiedenheit der einfachen Stoffe selbst

gleichwol nur eine scheinbare, der Grund derselben lediglich in der

verschiedenen Art der Verbindung ursprünglich durchaus homogener

Elemente zu einem Ganzen zu suchen, der sogenannte organische Körper

zwar in seinen nächsten und näheren, keineswegs aber in seinen

entfernten und entferntesten Bestandtheilen von den unbelebten

unterschieden, so wie dass die ganze bekannte und noch zu ergänzende

Reihe sogenannter einfacher d. i. weiter nicht zerlegbarer Stoffe

nur als eine Reihe der Form nach unterschiedener Umbildungen eines

einzigen (sei es eines der bereits bekannten Stoffe oder eines

bisher unbekannten Stoffes) anzusehen sei. Erstere Behauptung,

die der stofflichen Identität der lebendigen und leblosen Körper,

hat in der Naturwissenschaft unserer Tage bereits weite Verbreitung

gefunden; letztere Behauptung, welche auf einem weiten Umwege in

exacter Weise die Ansicht der Urmutter der Chemie, der Alchymie,

von der Transformationsfähigkeit der verschiedenen Körper in einander

erneuert, hat in der sogenannten "Philosophie der Chemie" (J. B. Dumas)

ihren Platz und durch die Aufstellung der sogenannten Typentheorie

und die Entdeckung der sogenannten typischen Körper, durch welche von

Einigen die grosse Zahl der bisher als einfach angenommenen Stoffe

bereits bis auf acht herabgemindert scheint (Ciancian), bereits eine

empirische, wenigstens annähernde Bestätigung erhalten.

304. Die Aufgabe einer logischen Uebersicht des empirischen Stoffs

kann es nicht sein, über die Geltung der einen oder der andern

beider entgegengesetzten Formen der Atomistik, über welche nur

Thatsachen zu entscheiden vermögen, einen Ausspruch zu thun. Die

logische Consequenz d. i. die innere Uebereinstimmung mit der durch

die philosophische Wissenschaft vom Wirklichen gelegten realen

Grundlage der phänomenalen Welt hat, wie es augenscheinlich ist,

die quantitative Atomistik in höherem Grade als die qualitative für

sich. Ist es überhaupt richtig, dass die vielen unbedingt gesetzten

einfachen Wirklichen unter einander die kleinste denkbare qualitative

Verschiedenheit d. i. keine andere besitzen als diejenige, welche

in deren räumlichen und zeitlichen Bestimmtheiten sich ausdrückt,

so ist es nur folgerichtig, auch die Gesammtheit der letzten realen

Elemente, welche zusammengenommen den Stoff der Körperwelt ausmachen,

der physikalischen Atome, als einen Inbegriff qualitativ gleichartiger

Elementarbestandtheile der Körper zu betrachten. Das elementare Atom,

dessen Qualität eben diejenige des einzigen wirklichen Grundstoffs ist,

wird sodann gleichsam die unterste Stufe einer aufsteigenden Reihe

bilden, als deren einzelne Glieder nach einander die Atome der bisher

sogenannten einfachen Stoffe (das Sauerstoff-Atom, das Stickstoff-Atom,

das Gold-Atom u. s. w.) auftreten würden, deren jedes für sich durch

eine eigenthümliche Combination, sei es von Atomen des Urstoffs, sei

es von solchen, die selbst schon durch dergleichen gewonnen wären,

repräsentirt würde. Die Aufstellung dieser Reihe, welche die übliche

Zerlegung organischer und unorganischer Körper in deren sogenannte

einfache Bestandtheile über die Grenze der bis zu diesem Augenblicke

als einfach betrachteten Stoffe hinaus durch die erreichte oder doch

versuchte Zerlegung dieser selbst bis zu dem schlechterdings letzten

nicht blos relativ, sondern absolut einfachen Grundstoff ausdehnt,

würde sodann das Ziel der Chemie als Wissenschaft ausmachen.

305. Wie der quantitativen Atomistik für die stoffliche Beschaffenheit

sämmtlicher Elemente der Körperwelt eine einzige Qualität, so genügt

ihr für die Art und Weise des Wirkens derselben ein einziges Gesetz;

die qualitative Atomistik, insofern sie eine Mehrheit qualitativ

unterschiedener Classen körperlicher Bestandtheile zulässt, bedarf für

die qualitativ verschiedene Art des Wirkens jeder einzelnen derselben

eben so vieler specifisch verschiedener Gesetze. So lange die Elemente

organischer Körper selbst als organisch, die unorganischer Körper

dagegen als unorganisch gelten, kann das Gesetz, welches das Wirken

der erstern, mit jenem, welches das der letzteren beherrscht, so

wenig wie das Wirken jener "lebendigen" Elemente (die Lebenskraft)

mit jenem der "leblosen" Elemente (der todten Naturkraft) identisch

sein. Eben so wenig kann das Wirken, welches seinen Grund in der

qualitativen Verwandtschaft (Affinität) der Körper hat (chemische

Anziehung) das nämliche sein mit demjenigen, das auch bei völliger

Nichtverwandtschaft (Disparatheit, Heterogeneität) der Körper erfolgt

(mechanische Anziehung) und folglich eben so wenig das Gesetz, welches

jenes (Affinitätsgesetz, Wahlverwandtschaft), identisch mit demjenigen,

welches dieses regelt (Gravitationsgesetz, Schwere). Mit der Aufhebung

qualitativer Verschiedenheit der Körper tritt der umgekehrte Fall

ein. Das Gesetz, welches das Wirken der Elemente organischer Körper

bestimmt, braucht fortan von demjenigen, von welchem das Wirken der

Elemente unorganischer Körper abhängt, eben so wenig verschieden zu

sein, als das Wirken, das seinen Grund in der Verwandtschaft der

Körper hat, als das Wirken der ursprünglichen Elemente d. h. als

dasjenige betrachtet werden kann, für welches Gleichartigkeit oder

Ungleichartigkeit derselben gleichgiltig und das daher eben so

wenig durch die qualitative Aehnlichkeit wie durch den qualitativen

Gegensatz der Körper bedingt ist. Sind die Elemente belebter und

unbelebter Körper qualitativ dieselben, so ist auch deren Wirken

und folglich dessen Gesetz dasselbe; ist das Wirken in Folge der

Verwandtschaft nicht dasjenige der ursprünglichen Elemente, so ist

auch dessen Gesetz nicht mit dem Gesetz des Wirkens dieser letzteren,

und da diese die wahren, weil letzten Elemente der Körper sind, nicht

mit jenem der wahren Körperelemente identisch. Wird daher, wie die

quantitative Atomistik thut, auf die in der That letzten Bestandtheile

der Körperwelt, die unter einander qualitativ nicht weiter

unterschiedenen Atome zurückgegangen, so muss das Gesetz, welches

das Wirken dieser letzteren regelt, das nämliche und einzige für das

Wirken der gesammten Körperwelt sein. Die Aufstellung dieses Gesetzes,

welches die Zerlegung der scheinbar unter einander grundverschiedenen

Wirkungsweisen der scheinbar von einander qualitativ unterschiedenen

Körper bis zur Auflösung der ersteren in die überall in gleicher Weise

erfolgende Wirkungsweise der wahren d. i. in allen Körpern qualitativ

identischen Elemente der Körperwelt verfolgt und dadurch die gesammte

phänomenale Welt als unter der Herrschaft eines und desselben, wenn

gleich nicht selten in so verwickelter Form auftretenden Gesetzes,

dass es den Anschein eines neuen Gesetzes erhält, stehend erweist,

müsste das Ziel der Physik als mechanischer Wissenschaft ausmachen.

306. Als dieses Gesetz sieht die moderne Naturwissenschaft das

Gravitationsgesetz Newton's an. Die philosophische Wissenschaft vom

Wirklichen bestimmt, wie oben gezeigt, das Wirken der Atome als eine

Function ihres räumlichen Abstandes von einander. Die empirische geht

über diese Allgemeinheit des Inhalts hinaus und bestimmt letztere näher

als Abnahme des Wirkens im Quadrate der Entfernung. Dieselbe bleibt

jedoch keineswegs bei der Bestimmung des Wirkens seinem Quantum nach

stehen, sondern schreitet zu der Erweiterung derselben seinem Quale

nach fort, indem sie dasselbe in den relativ grössten Abständen

der Atome von einander als Anziehung, Attraction, in den relativ

kleinsten als Abstossung, Repulsion charakterisirt. Erstere bewirkt,

dass die Atome auch in den relativ weitesten Abständen von einander

noch zusammengehalten, letztere macht, dass dieselben in Eins zusammen

zu fallen verhindert werden. In Folge der Attraction bilden sämmtliche

durch dieselbe an einander geknüpfte Atome ein nicht nur in Gedanken,

sondern durch ein physisches Band zusammenhängendes Ganzes; in Folge

der Repulsion bilden dieselben, weil die letztere die Annäherung

der Atome an einander über das Mass einer gewissen (kleinsten)

Entfernung hinaus unmöglich macht, ein discretes Ganzes. Während

der Raum, der philosophischen Wissenschaft vom Wirklichen zufolge,

demnach stetig mit "philosophischen" Atomen d. i. im strengsten

Sinne des Wortes einfachen Wirklichen erfüllt gedacht werden muss,

erscheint derselbe in der empirischen Wissenschaft vom Wirklichen nur

in der Weise mit "physikalischen" Atomen d. i. mit im physikalischen

Sinn letzten Elementen der Körperwelt erfüllt, dass zwischen je

zwei derselben leerer Raum d. h. ein Zwischenraum vorhanden ist, in

dem keine weiteren "physikalischen" Atome sich befinden. Dass mit

der Einschiebung desselben die Schwierigkeit des Begreifens einer

actio in distans d. i. eines Wirkens durch den leeren Raum hindurch

wiederkehrt, pflegt, da dieselbe ja nur eine "philosophische" ist,

der empirischen Physik selten Verlegenheit zu bereiten.

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 19 / 31 段