Selbstbewusstseins dieser Forderung genügte. Wenn, wie der Idealismus
einräumt, das Phänomen des Selbstbewusstseins nichts weiteres in sich
schliesst als das "Sich sich Vorstellen" (se sibi repraesentare)
des Ichs, so enthält das Sich (se) abermals nichts anderes als
das Ich d. h. das Sich sich Vorstellen, das Sich (se) in diesem
aber das nämliche "Sich sich Vorstellen" zum dritten, und das
sich darin wiederholende Sich dasselbe zum vierten Male u. s. f.,
d. h. es entsteht ein regressus in infinitum. Das Ich erweist sich
als eine mit der Forderung, eine unendliche Reihe vorzustellen,
behaftete, demnach als eine im wirklichen Vorstellen schlechthin
unvollendbare Vorstellung d. h. als eine solche, die niemals Thatsache
d. i. wirkliche Vorstellung sein kann. Einer Thatsache aber, die
keine sein kann, gegenüber steht der Einwand der Logik, dass in sich
Widersprechendes niemals wirklich sein könne, aufrecht.
268. Der Widerspruch, welcher den Idealismus ausschliesst,
liegt sonach nicht darin, dass er als Ursache des im Bewusstsein
schwebenden Scheins ein Wirkliches setzt, sondern darin, dass er
als solche ein in sich Widersprechendes d. h. ein Wirkliches setzt,
das nicht als wirklich gedacht werden darf. Indem der Idealismus des
Objects, der Realismus, von dem im Bewusstsein schwebenden Schein
als Wirkung auf eine denselben erzeugende Ursache schliesst, thut
er nichts anderes, als, wie oben gezeigt, auch der Idealismus thut;
indem derselbe als solche jedoch nicht ein in sich Widersprechendes,
sondern ein solches setzt, das ohne Einsprache der Logik als wirklich
gedacht werden kann, thut er wirklich anderes und besseres, als jener
that. Derselbe begnügt sich weder, im Gegensatz zum Idealismus des
Subjects, die Annahme des Ich als des einzigen Wirklichen abzulehnen,
noch, in Uebereinstimmung mit Kant, die Unerlässlichkeit der Annahme
eines übrigens in jeder Hinsicht unbekannten realen x, des von jeder
denkbaren quantitativen und qualitativen Bestimmtheit entblössten
"Dings an sich", zuzugeben, sondern schreitet im Gegensatze zu beiden
zu der eben so wol realistischen als pluralistischen Behauptung fort,
dass nicht nur Wirkliches sei, sondern unbestimmt viele Wirkliche seien
d. h. dass die Voraussetzung solcher auf Grundlage und zur Erklärung
des thatsächlich im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht nur nicht
widersprechend, sondern im Gegentheil, das Gegentheil derselben der
Forderung eines logischen Denkens widersprechend sei.
269. Weshalb die Annahme, es gebe Wirkliches, nicht nur nicht
widersprechend, sondern vielmehr die gegentheilige Annahme, es
gebe kein Wirkliches, widersprechend sei, ist schon oben gezeigt
worden. Von dem "Rauche" des Scheins gilt der Schluss auf die
"Flamme" des Seins. Wo nichts Wirkliches wäre, könnte auch keines
scheinen; keineswegs aber gilt auch der umgekehrte Satz, dass, wo
kein Wirkliches scheint, auch kein Wirkliches vorhanden sei. Denn
es lässt sich sehr wol denken, dass Wirkliches sei, auch ohne zu
scheinen. Die Setzung des Wirklichen auf Grundlage des vorhandenen
Scheins ist eine bedingte; das Gesetztsein des Wirklichen aber ist
ein durch dessen Setzung auf Grundlage des Scheins nicht bedingtes,
also unbedingtes. Dasselbe wird gesetzt, weil der Schein gesetzt ist;
aber es wäre gesetzt, auch wenn der Schein nicht gesetzt wäre. Die
Setzung desselben erfolgt nicht, wie jene des (scheinbaren) Objects
im Idealismus, durch das Ich, welches setzt, sondern besteht, wie der
von seinem Gedachtwerden unabhängige Denkinhalt, auch ohne Subject,
welches setzt. Die Position des (scheinbaren) Objects durch das Subject
(im Idealismus) ist eine relative; mit dem Subject fällt auch das
Object. Die Position des Wirklichen im Realismus ist eine absolute;
dieselbe hört nicht auf, auch wenn das Subject aufhört.
270. Nur die letztere Position ist wahre, die relative ist keine
Position. Das eigentlich Ponirte ist in der relativen Position
nicht das Gesetzte (das Object), sondern das Setzende (das Subject);
die Position des Ponirten ist daher nur eine scheinbare; die wahre
Position ist die des Ponirenden. Dieses allein ist wahrhaft, das von
ihm Gesetzte nur dem Anschein nach wirklich; das einzige Wirkliche
sonach nicht das Gesetzte, das Object, sondern das Setzende, das
Subject. Soll das Object das Wirkliche d. i. nicht nur dem Schein nach,
sondern in Wahrheit wirklich sein, so muss es von seiner Setzung durch
das Subject unabhängig gesetzt d. h. es muss als das, was es ist,
auch dann gesetzt sein, wenn weder eine Setzung desselben durch ein
Subject, noch überhaupt ein von demselben unterschiedenes Subject je
wirklich vorhanden ist.
271. Die absolute Position ist der Ausdruck des Seins. Durch dieselbe
ist das Sein, wie von jeder Setzung durch das Subject, so auch von der
Setzung durch jedes, wie immer geartete Denken unabhängig. Dasselbe
ist, wie Bonaparte zu Campoformio von der französischen Republik sagte:
"wie die Sonne, wehe dem, der sie nicht sieht!" Dem Denken bleibt
nichts übrig, als das Sein als das, was es von vornherein ist, als
Sein anzuerkennen; das Sein aber als solches bedarf dieser Anerkennung
durch das Denken nicht. Das Sein ist nicht, wie Schelling sagte,
"vor" dem Denken, aber es bestünde auch ohne das Denken.
272. Ein Denken, welches das Wirkliche nicht als absolut d. i. als von
ihm unabhängig gesetzt dächte, hätte dasselbe nicht als Sein, sondern
als Schein gedacht. Derselbe Grund, welcher das Denken nöthigt, ein
Wirkliches zu denken, nöthigt es auch, dieses letztere als unbedingt
gesetzt d. i. als seiend zu denken. Der Grund aber, der für das Denken
die Annahme eines Wirklichen unvermeidlich macht, ist die Thatsache des
Scheins des Wirklichen d. i. das -- nicht willkürlich durch den Willen
des Denkenden, sondern unwillkürlich, ohne, ja selbst wider den Willen
des Denkenden -- Gegebensein des Scheins des Wirklichen. Der Inhalt
dieser durch die Thatsache des Scheins des Wirklichen d. i. durch
die Erfahrung bedingten Setzung ist das unbedingt Gesetzte.
273. Dass das Wirkliche, was es auch immer sei, unbedingt gesetzt,
nicht aber, was das Wirkliche, wenn gesetzt, seinem Was nach sei, ist
damit ausgesprochen. Nur so viel lässt sich folgern, dass, wie auch
das Was des Wirklichen gedacht werden möge, dasselbe nicht so gedacht
werden dürfe, dass dessen unbedingtes Gesetztsein dadurch unmöglich
gemacht wäre. Dies aber würde der Fall sein, nicht nur wenn das Was
des Wirklichen in irgend einer Weise von der Natur eines dasselbe
Setzenden abhängig gedacht, sondern auch dann, wenn dasselbe durch
das Gesetztsein eines Andern bedingt gedacht würde. Dasselbe darf
in ersterer Hinsicht daher nicht so beschaffen gedacht werden, wie
das vermeintlich Setzende (z. B. das vorstellende Subject) seiner
Beschaffenheit nach ist d. h. etwa als vorstellend, weil dieses
letztere vorstellt, oder als fühlend, oder wollend, weil dieses
letztere fühlt und will. Es darf aber auch in letzterer Hinsicht
nicht so gedacht werden, dass dessen Gesetztsein das Gesetztsein
eines Anderen bedingt, also nicht als zusammengesetzt d. i. aus
Theilen bestehend, weil dann dessen Gesetztsein durch das Gesetztsein
jedes einzelnen dieser Theile bedingt, also nicht unbedingt wäre. Aus
ersterem folgt, dass das Was des Wirklichen in keiner Weise aus dem Was
etwa des vorstellenden Subjects als des vermeintlich dasselbe Setzenden
erschlossen werden könne. Aus dem letzteren folgt, dass das Was des
Wirklichen, weil unbedingt gesetzt, nicht zusammengesetzt d. i. nicht
aus Theilen bestehend sein dürfe, sondern streng einfach sein müsse.
274. Jedes wahrhaft Wirkliche ist daher einfaches Wirkliches. Dasselbe
ist nicht nur, wie das sogenannte physikalische Atom, scheinbar,
sondern wirklich "atom" d. i. untheilbar; nicht blos, wie jenes, weil
es mit den vorhandenen Werkzeugen nicht mehr getheilt werden kann, oder
für den gegebenen Zweck nicht mehr weiter getheilt zu werden braucht,
sondern, weil es schlechthin keine Theile hat. Dasselbe schliesst
seiner Einfachheit halber zwar nicht jede Vielheit, aber doch jede
Vielheit einander coordinirter Glieder von sich aus d. h. dasselbe
ist weder ein Bündel einander nebengeordneter Eigenschaften, noch
eine Summe ebensolcher sogenannter Kräfte oder Vermögen. Es kann
sein Was weder verlieren noch verändern, ohne (was unmöglich ist
bei einem unbedingt Gesetzten) selbst aufzuhören. Dasselbe kann
daher weder qualitativ ein anderes als, noch quantitativ ein mehr
oder weniger dessen werden, was es ist; dasselbe ist, sobald es ist,
sowol ewig als unveränderlich; weder dessen (unbedingtes, also von
jeder Bedingung unabhängiges) Gesetztsein, noch dessen einfaches,
jeder Zuthat oder Abtrennung von Theilen, jedes Wachsthums wie jeder
Abnahme unfähiges Was kann einen Wechsel erleiden. Die unvermeidliche
Consequenz der absoluten Position und der Einfachheit des Was ist
die Erhaltung des wandellosen Selbst jedes Wirklichen.
275. Im Begriffe des Wirklichen liegt, dass es Wirkendes ist
d. i. wirkt d. h. dass dessen Sein und dessen einfache Qualität von
dessen Wirken d. i. sich Bethätigen unabtrennlich ist. Weder ein
Wirkliches, das nicht wäre, noch ein Seiendes, das nicht wirkte, wäre
ein wahrhaft Wirkliches; jenes wäre nur der Schein eines Wirklichen,
dieses wäre ein Todtes, also nicht Wirkliches. Die Zusammengehörigkeit
beider darf nicht so gedacht werden, als wäre das Sein und die Qualität
das Substrat des Wirkens d. h. als besässe das Wirkliche als seiende,
aber nicht wirkende Qualität seine besondere, als seiende, aber
wirksame Qualität wieder seine abgesonderte Wirklichkeit d. h. als
stellte die seiende Qualität nach Abzug des Wirkens gleichsam
das Residuum, das caput mortuum des Wirklichen dar. Die unbedingt
gesetzte einfache Qualität und das Wirken sind nicht nur im Begriffe
des Wirklichen, sondern in diesem selbst unzertrennlich eins, so dass
das Wirkliche weder gedacht werden kann, ohne dasselbe als wirkend
zu denken, noch als Wirkliches sein d. h. wirklich sein kann, ohne
zu wirken.
276. Ebensowenig wie die absolute Position, das unbedingte
d. i. bedingungslose Gesetztsein, darf das mit derselben im
Wirklichen in Eins verschmolzene Wirken von einer, wie immer gearteten
Bedingung abhängig gedacht werden. Weder kann dessen Beginn, noch
dessen Aufhören an einen Zeitpunkt geknüpft werden, vor welchem und
nach welchem zwar das unbedingt Gesetzte, aber nicht als Wirkendes,
sondern als Wirkungsloses bestünde, noch darf dasselbe so verstanden
werden, als setzte es einen besondern, noch weniger einen von ihm,
dem Wirklichen, unterschiedenen Stoff voraus, um sich als Wirken zu
bewähren. Die Frucht des mit der absolut gesetzten einfachen Qualität
unauflöslich und unablösbar verbundenen Wirkens des Wirklichen ist
dessen Wirklichkeit.
277. Nothwendige Wirkung des mit dem Wirklichen seiner Natur nach
verbundenen Wirkens ist, dass etwas geschieht. Das Gegentheil, die
Annahme, dass nichts geschehe, ungeachtet gewirkt wird, widerspricht
sich selbst. Denn ein Wirken ohne wie immer beschaffenen Erfolg hätte
nichts bewirkt d. h. wäre kein Wirken gewesen. Nothwendige Folge der
Einfachheit und Unveränderlichkeit der Qualität des Wirklichen ist,
dass, was immer geschehe, weder eine Setzung, noch Aufhebung der
absoluten Position eines Wirklichen, noch die, sei es quantitative,
sei es qualitative Abänderung der Qualität eines Wirklichen, weder
der eigenen, noch einer fremden sein kann; daher alles, was wirklich
geschieht, weder die Qualität, noch das Gesetztsein des Wirklichen,
sondern nur das mit demselben unablöslich verschmolzene Wirken des
Wirklichen angehen kann d. h. dass alles, was wirklich in Folge des
Wirkens geschieht, nur eine Aenderung (Modification) dieses Wirkens
selbst, beziehungsweise dessen Zunahme oder Abnahme, Förderung oder
Hemmung, Erhaltung in der bisherigen, oder Ablenkung nach einer andern
Richtung bedeuten kann.
278. Dass überhaupt Wirkliches ist und, was wirklich ist, wirkt,
macht die realistische, dass mehr als ein einziges Wirkliches,
eine unbestimmbare Menge von Wirklichen sei, die pluralistische
Seite des Realismus aus. Wie das erstere aus dem Satze, dass
scheinbar Wirkliches, so folgt das letztere aus der Thatsache,
dass der Schein eines vielfachen Wirklichen gegeben ist. Während
der Schluss dort lautet: ohne Sein kein Schein, lautet er hier: ohne
Vielheit und Vielfachheit des Seins keine Vielheit und Vielfachheit
des Scheins. Die entgegengesetzte Annahme, dass aus der Einheit
und Einfachheit des Seins der Schein der Vielheit und Vielfachheit
des Seins hervorgehe, widerspricht sich selbst. Dieselbe lässt
unerklärt, warum, wenn das Erzeugende, der realistische Factor,
die Ursache der Empfindung, das nämliche ist, die Wirkung derselben,
die Empfindung, bald diese, bald jene sei, das "Ding an sich", von
welchem der Anstoss zur Empfindung ausgeht, bald eine Gesichts-, bald
eine Gehörsempfindung, und wieder einmal die Empfindung des Blauen,
ein anderes mal die des Rothen verursache, dabei aber selbst als
Ursache immer dasselbe bleibe. Wird an die Stelle des Dings an sich das
Wirkliche d. i. eine absolut gesetzte, einfache Qualität substituirt,
so erhöht sich die Schwierigkeit, zu begreifen, wie diese letztere,
welche als einfach jede Vielheit coordinirter, aber unter einander
qualitativ verschiedener Wirkungsweisen ausschliesst, doch zugleich
Ursache qualitativ verschiedener Wirkungen d. i. z. B. qualitativ
unterschiedener Empfindungen werden könne; dieselbe führt daher mit
Nothwendigkeit dazu, so viele und so vielerlei qualitativ verschiedene
Ursachen vorauszusetzen, als und so vielerlei qualitativ verschiedene
Wirkungen gegeben sind d. h. wo die Thatsache vielfachen qualitativ
unterschiedenen Scheins gegeben ist, auch die Existenz eines vielfachen
und qualitativ unterschiedenen Wirklichen zu postuliren.
279. Wie durch die Betonung der realistischen Grundlage des Scheins dem
Idealismus, so ist durch die Betonung der pluralistischen Grundlage des
Scheins der Realismus jedem wie immer gearteten Monismus d. i. jeder
All-Eins-Lehre entgegengesetzt. Jener, er sei subjectiver, absoluter
oder Panlogismus, entbehrt eines wahrhaft Wirklichen; dieser,
er sei idealistisch oder selbst realistisch, entbehrt einer wahren
Vielheit des Wirklichen. Jenem zufolge ist das Wirkliche blosser Schein
(Phantasmagorie) welchen sich entweder das endliche oder das absolute
Ich, oder die absolute Vernunft vorspiegelt, um mittels desselben zum
Bewusstsein seiner, beziehungsweise ihrer selbst zu kommen d. i. Geist
zu werden. Diesem zufolge ist jede Vielheit und Individuation des Seins
blosser Schein (Phantasmagorie), welchen das eine und einzige Wirkliche
(es sei nun Spinozistische Substanz oder Schopenhauer'scher Allwille)
entweder (wie die beiden genannten) mit blinder Nothwendigkeit, oder
(wie das Hartmann'sche "Unbewusste") zu dem Zwecke sich vorgaukelt,
um mittels desselben zum Bewusstsein und sei es durch Selbstverneinung
oder durch werkthätigen Anschluss zur Realisirung des Weltzwecks zu
gelangen. Während der erstere begreiflich zu machen unterlässt, wie
aus demjenigen, was selbst nicht einmal den Schatten der Wirklichkeit
besitzt, auch nur der Schein einer solchen entspringen könne, setzt
der letztere dem Bedenken, wie aus demjenigen, was selbst nicht
einmal eine Spur der Vielheit in sich schliesst, auch nur der Schein
einer solchen und der Vielfachheit des Wirklichen hervorgehen könne,
vorsichtiges Stillschweigen entgegen.
280. So viel wirklicher Schein, so viel wirkliches Sein -- lautet der
Satz des Realismus, aber nicht, wie viel wirkliches Sein. Derselbe
begnügt sich, zu behaupten, dass um der Vielheit und Mannigfaltigkeit
des durch die Erfahrung gegebenen Scheins willen eine eben solche
Vielheit und Mannigfaltigkeit des Wirklichen gesetzt, aber er
enthält sich, der Versuchung nachzugeben, bestimmen zu wollen,
welche (ob endliche oder unendliche) Vielheit des Wirklichen gesetzt
werden müsse. Eben so wenig wie das Quantum, wagt er das Quale
des Wirklichen anders als durch die schon oben angeführte, aus dem
Begriff der absoluten Position abgeleitete Folgerung der qualitativen
Einfachheit zu bestimmen. Wie die Vielheit des Scheins zwar die
Annahme einer Vielheit des Wirklichen, aber nicht die Bestimmung der
Vielheit des Wirklichen, so erlaubt die Mannigfaltigkeit des Scheins
zwar die Annahme einer Mannigfaltigkeit des Wirklichen, aber nicht
die Bestimmung des Mannigfaltigen des Wirklichen. Dass vieles und
mannigfaltiges Wirkliches sei, weder aber wie vieles, noch welcherlei
Art das Wirkliche sei, vermisst sich der Realismus anzugeben.
281. Die Mannigfaltigkeit ist die geringste d. h. die Gleichartigkeit
des Wirklichen ist die denkbar grösste, wenn dessen Verschiedenheit
nicht in einer sogenannten inneren (Eigenschaft), sondern nur in einer
sogenannten äusseren Beschaffenheit, also in einer solchen gelegen
ist, welche weder Aehnlichkeit noch Gegensatz, überhaupt keinerlei
Verwandtschaft des Wirklichen voraussetzt, sondern auch bei übrigens
völlig disparaten Wirklichen stattfinden kann. Von dieser Art sind
die räumlichen und zeitlichen d. i. diejenigen Bestimmungen eines
Wirklichen, welche sich ändern können, ohne dass dieses letztere
selbst dadurch eine Aenderung erfährt, obgleich andere Wirkliche
dadurch eine solche erfahren mögen. Der in seiner Umlaufsbahn und
Umlaufszeit sich um die Sonne bewegende Planet erleidet durch seine
Fortbewegung in seinen inneren Eigenschaften keinerlei Veränderungen,
während die Wirkungen, welche er selbst auf andere Planeten ausübt
(z. B. die sogenannten Störungen) wesentlich durch die Stellung
d. i. durch den Ort bedingt werden, welchen derselbe in einem
jeweiligen Zeitpunkt im Verhältniss zu ihnen im Weltraum einnimmt. Eben
so wenig erleidet der Weltkörper, wenn nicht andere Ursachen in und
an demselben Veränderungen bewirken, durch den blossen Abfluss der
Zeit, innerhalb welcher er seine Bahn zurücklegt, eine Veränderung,
obgleich, wenn eine solche an ihm vorgegangen und er demungeachtet
derselbe geblieben sein soll, dies nur unter der Voraussetzung denkbar
ist, dass seine Beschaffenheit vor und seine Beschaffenheit nach
obiger Veränderung in verschiedene Zeitpunkte fallen. Die vielen und
verschiedenen Wirklichen sind daher am wenigsten verschieden, jedoch in
keiner Weise nicht verschieden, wenn deren Verschiedenheit lediglich in
der Verschiedenheit d. i. in der Nichtidentität ihrer räumlichen und
zeitlichen Bestimmungen d. i. des Wo und des Wann ihrer Wirklichkeit
d. i. ihres Wirkens gelegen ist. Dieselben sind verschieden, insofern
ihre Orte im Raum verschieden d. h. ausser einander, dagegen nicht
verschieden, insofern sie Wirkliche d. i. Wirkende sind. Dieselben sind
verschieden, insofern je nach der Verschiedenheit ihres Aussereinander
(d. h. der räumlichen Distanz ihrer Orte) ihr Wirken verschieden,
dagegen nicht verschieden, insofern sie Wirkende sind. In Bezug auf
die Zeit sind sämmtliche Wirkliche als unbedingt Gesetzte insofern
nicht verschieden, als ihr Gesetztsein von jeder, also auch von jeder
zeitlichen Bedingung unabhängig ist; dagegen können sie als Wirkende
insofern verschieden sein, als ihr Wirken sich ändert, während sie
selbst dieselben bleiben und diese Aenderung nur unter der Annahme
möglich ist, dass das eine zu einer, das anders geartete Wirken
dagegen zu einer andern Zeit stattfindet.
282. Wirkliche, die sich durch räumliche und zeitliche Bestimmungen
unterscheiden, können im Uebrigen eben so wol unterschieden als nicht
unterschieden, sie werden trotzdem unterschiedene d. i. Einzelwesen
und, da dieselben als unbedingt gesetzte, einfache Qualitäten, Atome
d. i. untheilbare Wesen sind, Individuen sein. Dieselben müssen
als räumlich (d. i. dem Ort nach) verschiedene, ausser einander,
beziehungsweise neben einander sein; das Wirken derselben, insofern
es in einem und demselben Individuum ein verschiedenes sein soll,
kann nur nach einander, beziehungsweise auf einander erfolgen. Da
dieselben ausser einander d. h. da ihre Orte, wenn sie selbst
unterschiedene sein sollen, nicht dieselben sein sollen, so muss es
der Orte wenigstens eben so viele geben, als es Wirkliche gibt. Da das
Wirken eines jeden derselben, wenn es ein anderes sein soll, in einen
anderen Zeitpunkt fallen muss, so muss es der Zeitpunkte wenigstens
eben so viele geben, als in demselben Wirklichen Abänderungen seines
Wirkens gegeben sind. Mit der Unbestimmbarkeit der Zahl der Wirklichen
ist daher zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der Orte, mit der
Unbestimmbarkeit der Zahl möglicher Abänderungen des Wirkens eines
und desselben Wirklichen zugleich die Unbestimmbarkeit der Zahl der
Zeitpunkte gegeben. Wie die Menge des auf Grundlage des durch die
Erfahrung gegebenen Scheins anzunehmenden Wirklichen, so lässt sich
die Menge der auf Grundlage des angenommenen Wirklichen anzunehmenden
Orte, so wie jene der auf Grundlage der durch Erfahrung gegebenen
Abänderungen des Wirkens des Wirklichen anzunehmenden Zeitpunkte je
nach Bedürfniss ins Unbestimmte erweitern.
283. Der Inbegriff des gesammten auf Grundlage des durch die Erfahrung
gegebenen Scheins jeweilig anzunehmenden Wirklichen d. i. der Inbegriff
sämmtlicher Atome macht den Stoff, der Inbegriff des von sämmtlichen
Wirklichen ausgehenden Wirkens die Kraft, der Inbegriff sämmtlicher
Orte den Raum, und jener sämmtlicher Zeitpunkte die Zeit aus. Da
der in jedem gegebenen Augenblick dem Bewusstsein durch Erfahrung
aufgedrungene Schein eines Wirklichen ein bestimmter, und insofern
endlich, in jedem gegebenen Augenblick aber ein anderer seinerseits
abermals bestimmter und insofern endlicher ist, so folgt, dass das
Quantum des Wirklichen, da dessen Annahme nur auf Grund des gegebenen
Scheins eines solchen erfolgt, nur dann ein unendliches sein muss,
wenn der gegebene Schein die Annahme eines solchen fordert, im Uebrigen
aber über dasselbe keine andere Bestimmung möglich ist, als dass das
Quantum des Stoffs dem Quantum des durch Erfahrung gegebenen Scheins
proportional sein muss. Da nun der Schluss vom Schein auf das Sein
keineswegs verlangt, dass unendlich, sondern nur, dass unbestimmt
viele Wirkliche dessen reale Grundlage ausmachen sollen, so kann auf
Grund der gegebenen Erfahrung über das Quantum des anzunehmenden
Stoffs nichts weiter ausgesagt werden, als dass dasselbe ein
verhältnissmässiges, mit dem Wachsthum des durch Erfahrung gegebenen
Scheins für das Bewusstsein in stetem Wachsen begriffenes, an sich
aber, da das Wirkliche als unbedingt gesetztes keinerlei Abänderung
seines Gesetztseins fähig ist, ein unveränderliches sein muss.