obiger Betrachtung fliessenden Einschränkung Gebrauch zu machen. Aus
der Widerlegung des Realismus folgt, dass die Wissenschaft des
Wirklichen, wenn sie nur Wirkliches besitzen will, aus dem wirklich
Scheinenden alles dasjenige ausscheiden muss, was nur den Schein der
Wirklichkeit hat. Aus der Widerlegung des Idealismus folgt, dass der
"Traum der Speculation", wenn er aufhören soll, "Traum" zu sein, zu dem
Schein, der ihm zufolge das einzige Wirkliche ist, ein Wirkliches, sei
es im subjectiven Sinne, als Träger des Scheins, sei es im objectiven
Sinne, als Ursache des Scheins, hinzufügen muss. Erstere Operation,
durch welche im wirklich Scheinenden der Schein des Wirklichen
vom Wirklichen gesondert wird, ist eine kritische, letztere, durch
welche zu dem ursprünglich allein vorhandenen Schein des Wirklichen
ein Wirkliches hinzugethan wird, ist eine ergänzende. Jene führt in
das wirklich Scheinende neben der Betrachtung des Wirklichen, welches
scheint (des Objects), die Betrachtung eines anderen Wirklichen ein,
welchem es scheint (des Subjects); diese geht von der Betrachtung des
ihrer ursprünglichen Ansicht nach allein wirklichen Scheins zu dessen
Erklärung, sei es aus einem Wirklichen (dem Subject) oder durch ein
Wirkliches (Object) fort.
239. Die Einführung des Subjects, welchem das Wirkliche scheint, um
aus dem Zusammenwirken beider, des Objects, welches scheint, und des
Subjects, dem es scheint, das wirklich Scheinende als deren Product
begreiflich zu machen, bedeutet die Einfügung eines idealistischen
Elements in die realistische Betrachtung. Die Hinzufügung eines
Wirklichen, sei es als Träger (Subject), sei es als Ursache
(Object) des Scheins zu diesem selbst, um, sei es durch jenen,
sei es durch diese, dessen Schein der Wirklichkeit begreiflich zu
machen, bedeutet die Einführung eines realistischen Elements in die
idealistische Betrachtungsweise. Durch die allmälige Ausbreitung des
ersteren im Realismus wird dieser dem Idealismus, durch die allmälige
Vertiefung des letzteren im Idealismus wird dieser dem Realismus
näher gebracht. Der gemeine oder empirische Realismus nimmt in Folge
kritischer d. i. philosophisch sichtender Behandlung idealistischen,
der gemeine oder empirische Idealismus nimmt in Folge der ergänzenden
d. i. philosophisch erklärenden Behandlung realistischen Charakter an.
240. Schon der Vater des gemeinen Realismus, Bacon, hat die Bemerkung
gemacht, dass das wirklich Scheinende Elemente umschliesst, welche
nicht aus dem Wirklichen, sondern aus dem dasselbe wahrnehmenden
und auffassenden Subjecte stammen, und, weil sie jenem als wirklich
von diesem nur angedichtet sind, dieselben treffend als "Idole"
(Fictionen) bezeichnet. Dass unter denselben auch solche sich
vorfinden, welche, wie die von ihm sogenannten "Idola tribus", dem
auffassenden (menschlichen) Subject vermöge dessen Gattungscharakter
angehören und daher bei sämmtlichen Individuen derselben Gattung
(also zum Beispiel bei allen Menschen) zu deren Auffassung des
ihnen wirklich Scheinenden in stets gleicher Weise beitragen müssen,
kann als ein Vorspiel zu der von Kant nachdrücklich hervorgehobenen
Betheiligung des transcendentalen (d. i. des Gattungs-) Subjects an
dem Zustandekommen der Erfahrung, als des Productes zweier Factoren,
eines subjectiven und eines objectiven, angesehen werden. Wie diesem
zufolge "die Welt der Erscheinung" d. i. das wirklich Scheinende zwar
der "Materie" d. i. dem Stoffe nach aus dem Object, welches scheint,
der "Form" nach jedoch aus dem transcendentalen Subjecte stammt, dem
es scheint, so setzt sich nach Bacon die Welt des wirklich Scheinenden
zusammen einerseits aus demjenigen, was aus dem Wirklichen stammt
(der Erfahrung), und demjenigen, was diesem von dem auffassenden
Gattungssubject nur angedichtet wird (der Scheinerfahrung der
"Idola tribus").
241. Allerdings mit dem Unterschied, dass der eine, der Realist, diese
subjective Hinzuthat im wirklich Scheinenden als eine Verunreinigung
der Wissenschaft vom Wirklichen angesehen hat, von welcher dieselbe
so bald und so gründlich als möglich befreit werden müsse, um die
Erfahrung d. i. das Wirkliche rein zu erhalten, während der andere,
der Idealist, gerade in dieser aus dem Gattungssubject herkommenden
und daher allen auffassenden Individuen derselben Gattung in gleicher
Weise eigenen subjectiven Hinzuthat im wirklich Scheinenden das
Mittel erblickt hat, dieses aus einer nur individuellen in eine
für alle Individuen derselben Gattung der Form nach identische
Scheinwelt und dadurch aus einer nur individuell giltigen in eine
allgemeine und nothwendige Erfahrung zu verwandeln. Bacon ging
darauf aus, das subjective, also, vom Standpunkt des Realismus aus
angesehen, idealistische Element im wirklich Scheinenden gänzlich aus
demselben zu entfernen, und nur dasjenige, was in demselben nicht
sowol Schein eines Wirklichen, als Schein des Wirklichen ist, für
Erfahrung gelten zu lassen. Aber schon dessen Nachfolger Locke hat
gezeigt, dass die sogenannten secundären Eigenschaften der Körper,
wie Farbe, Klang, welche jener als Schein des Wirklichen gelten
liess, nur als Schein eines Wirklichen gelten dürfen d. h. nicht,
wie jener glaubte, am Wirklichen wirklich vorhanden, sondern von
einem anderen Wirklichen, dem auffassenden Subject, als scheinbare
Eigenschaften den Körpern angedichtet seien. Werden dieselben,
als blosser Schein eines Wirklichen, aus dem wirklich Scheinenden
ausgeschieden, so bleiben in diesem als Schein des Wirklichen nur
mehr die sogenannten primären Eigenschaften (wie Gestalt, Ausdehnung,
Grösse) und als Kern alles wirklich Scheinenden und kat' exochên
Wirkliches das (übrigens unbekannte) Substrat des Scheins und Träger
der Eigenschaften, die sogenannte Substanz, als alleiniges Object
einer wirklichen Wissenschaft vom Wirklichen übrig. Das von Bacon
vergebens zu verdrängen gesuchte idealistische Element hat seine
Stelle im Realismus mit Gewinn zurück erobert.
242. Aber auch ein skeptisches ist damit in den Vordergrund
getreten. Wenn die sogenannten secundären Eigenschaften nur den
Schein eines Wirklichen, aber nicht eine Erscheinung des Wirklichen
darstellen, dann ist die sinnliche Erfahrung, welche dieselben als
Schein des Wirklichen zeigt, eine trügerische, den Schein an die
Stelle der Wirklichkeit setzende Vorstellung des Wirklichen, nicht
sowol eine Erkenntniss der, als eine fortgesetzte Täuschung über die
Wirklichkeit. Die nächste Folge dieser Einsicht kann keine andere sein,
als dem Sinnenschein, welcher die Basis aller sinnlichen Erfahrung
ausmacht, und damit dieser selbst, die auf so ungewisser Grundlage
sich aufbaut, mit Misstrauen entgegen zu kommen.
243. Dasselbe muss sich naturgemäss in demselben Grade steigern, als
sich der Umfang des idealistischen Elementes d. i. der subjectiven
Hinzuthat im wirklich Scheinenden erweitert. Die Ausbreitung desselben
hat zuerst Locke's idealistischer Fortsetzer Berkeley herbeigeführt
durch die Behauptung, dass die sogenannten primären Eigenschaften der
Körper, welche derselbe als wirkliche ansah, nicht weniger scheinbar
als die sogenannten secundären Eigenschaften, und, ebenso wie diese,
Hinzuthaten des vorstellenden Subjects im wirklich Scheinenden
d. i. durch das vorstellende Subject, keineswegs durch das Object
des Vorgestellten hervorgebrachter Schein, also zwar Schein eines
Wirklichen, aber nicht selbst Wirkliches seien. Dieselbe erreichte den
höchsten Grad dadurch, dass Berkeley die weitere Bemerkung hinzufügte,
dass der Körper nichts anderes als die Summe seiner Eigenschaften, die
Annahme einer den Kern desselben ausmachenden Substanz als Träger der
Eigenschaften eine an sich völlig überflüssige, von dem vorstellenden
Subject, wenn auch nicht willkürlich, aber doch unwillkürlich gemachte
grundlose Voraussetzung, die sogenannte Substanz daher eben so wol
wie die sogenannten primären und secundären Eigenschaften zwar der
Schein eines Wirklichen, aber eben so wenig wie diese ein Wirkliches
sei. Letztere Behauptung verwandelte, da der Körper fortan nichts
weiter als die Summe seiner (primären und secundären) Eigenschaften,
diese aber als Summe von nicht wirklichen, sondern nur scheinbaren
Eigenschaften selbst nur eine Scheinsumme sein sollte, den angeblich
wirklichen Körper in blossen Schein eines Körpers, die sogenannte
Welt des Wirklichen in blossen Schein einer wirklichen Welt und
löste somit den gesammten Realismus in Idealismus, die gesammte
Sinneswahrnehmung als Basis der sinnlichen Erfahrung in Sinnestrug,
und damit jene selbst aus einem Spiegel der wirklichen Welt in die
leere Vorspiegelung einer solchen auf.
244. Diese äusserste mögliche Ausdehnung des idealistischen Elementes
im Gebiete des Realismus musste die Ausdehnung der Skepsis auf den
ganzen Umfang der sinnlichen Erfahrung zur unausbleiblichen Folge
haben. Hatte der Idealismus sämmtliches wirklich Scheinende in
innerlich hohlen Schein eines Wirklichen verkehrt, so musste die
Aussicht auf Erkenntniss des Wirklichen auf dem Wege der Erfahrung
sich in die trostlose Einsicht in die Unmöglichkeit einer solchen,
auf Grund völligen Mangels eines Wirklichen verwandeln. Nicht nur
die Bestandtheile des wirklich Scheinenden d. i. die Elemente, aus
welchen die scheinbare Welt bestand, waren sofort zu blossem Schein
eines Wirklichen herabgesetzt, sondern auch die Verknüpfung derselben
unter einander und zu einem Ganzen konnte nur eine scheinbare, das
durch dieselbe hergestellte Ganze nur dem Schein nach ein Ganzes sein
d. h. die gesammte angeblich wirkliche Welt mit ihren vermeintlich
wirklichen Bestandtheilen und deren vermeintlich wirklichem und
wirksamem Zusammenhang unter einander (dem Causalverband) musste
sich dem Auge des Denkers als eine Scheinwelt, deren Bestandtheile
als elementarer Schein, deren Zusammenhang unter einander als zwar
anscheinend, aber nicht wirklich vorhandener d. i. vom vorstellenden
Subject in die Welt der Phänomene hineingelegter, keineswegs (wie
die Erfahrung von ihren sogenannten Naturgesetzen behauptet) aus
derselben herausgelesener Zusammenhang darstellen.
245. Hume ist es, der diese Consequenz des Skepticismus aus dem
in bodenlosen Idealismus umgewandelten Realismus seiner Vorgänger
gezogen hat. Dieselbe wird nicht verbessert dadurch, dass an die
Stelle des realen Zusammenhanges zwischen den Erscheinungen von ihm
die subjective Gewöhnung des vorstellenden Subjectes gesetzt wird,
in Folge wiederholten nach einander Auftretens gewisser Phänomene
jedesmal, sobald das eine derselben (das antecedens) wiederkehrt, das
andere (das consequens) zu erwarten und daher ersteres als Ursache,
letzteres als Wirkung zu bezeichnen. Denn es muss einleuchten, dass
zwar, wenn der eine jener Vorgänge der reale Grund, der andere die
reale Folge ist, das Eintreten des ersten jedesmal jenes des zweiten
nach sich ziehen muss, keineswegs aber, dass in umgekehrter Weise
das (vielleicht ganz zufällige) Vorausgehen der einen, Nachfolgen
der andern Erscheinung als genügender Beweis dafür gelten darf, dass
die erste die Ursache der zweiten sei. Während die Auseinanderfolge
zweier Phänomene deren Aufeinanderfolge nothwendig, macht deren
Aufeinanderfolge den Schluss auf die Auseinanderfolge nur möglich;
die Behauptung der letzteren (des Causalzusammenhanges) in Folge
einer durch öfter beobachtete Succession beider Erscheinungen im
Vorstellenden erzeugten Gewohnheit, beide unter einander in Verbindung
stehend zu denken, kann daher niemals völlige (apodiktische), sondern
höchstens sogenannte moralische (problematische) Gewissheit d. i. mehr
oder weniger Wahrscheinlichkeit erlangen.
246. Diese Folgerung war es, welche Kant, wie er selbst sagt,
"aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt hat", nicht aus dem des
Wolf'schen Rationalismus, über welchen er längst hinaus, sondern aus
dem des Locke-Newton'schen Empirismus, in welchem er damals (1770)
noch völlig befangen war. Dass es auf dem von Hume eingeschlagenen
Wege, der auch ihm als die natürliche Fortsetzung der Bahn seiner
Vorgänger galt, schliesslich dahin kommen müsse, dass auch die
allgemeinen Naturgesetze, durch welche der Gang der Natur und
die Einheit des Weltalls zusammengehalten wird, ihre strenge und
ausnahmslose Nothwendigkeit und Allgemeinheit einbüssen und sich in
blosse, mehr oder weniger wahrscheinliche und mit mehr oder weniger
Zuversicht ausgesprochene Vermuthungen des die Natur auffassenden und
in seiner Vorstellung zusammenfassenden Subjects verkehren müssen,
erschien Kant so unausweichlich, zugleich aber für ein auf Erkenntniss
des Wirklichen, wie es ist, statt auf Einbildung einer blossen
Scheinwelt gerichtetes Denken, wie das seinige, so unerträglich,
dass er um deswillen mit dem zum Skepticismus entarteten Empirismus
brach und von dem Ergebniss einer nicht nur subjectiven, sondern auch
nur particulär giltigen und blos wahrscheinlichen Naturauffassung zu
der sofortigen Erforschung und Feststellung der Bedingungen einer
zwar gleichfalls nur subjectiven, aber schlechterdings allgemeinen
und nothwendigen Erfahrung überging.
247. Wie die bisherige Betrachtung das allmälige Eindringen des
idealistischen Elements in den Realismus und dessen allmälige,
schliesslich denselben überfluthende Ausbreitung in diesem blossgelegt
hat, so legt die Entwicklungsgeschichte des Idealismus in umgekehrter
Weise nicht nur das Eindringen, sondern das stetige Anwachsen des
realistischen Elements im Idealismus als unvermeidlich dar. Schon
dem Vater des gemeinen Idealismus, Berkeley, ist die Schwierigkeit
nicht entgangen, die für denjenigen, der die gesammte wirklich
scheinende Welt nur als im vorstellenden Subject vorhandenen
Schein einer wirklichen Welt ansieht, aus dem Umstande erwächst,
dass in den verschiedenen vorstellenden Subjecten, wenn unter
denselben Uebereinstimmung und Mittheilung möglich sein soll,
diese nur in ihrem jeweiligen Vorstellen existirende Scheinwelt
in sämmtlichen Vorstellenden die nämliche, nach Inhalt und Form
unter sich harmonirende Welt sein muss, ohne dass sich die Frage
beantworten liesse, warum, da in jedem seine eigene Welt entsteht,
diese Welt in allen als die gleiche entstehen müsse. Leibnitz hat diese
Frage, die sich auch ihm aufdrängen musste, weil jede "fensterlose"
Monas in ihrem Innern eine "Welt als Vorstellung" enthält, mit der
Berufung auf die durch Gott prästabilirte Harmonie aller Monaden und
somit auch ihrer sämmtlichen, obgleich von einander unabhängigen
inneren Vorstellungswelten beantwortet. Der Bischof von Cloyne,
von dem es zweifelhaft ist, ob er von Leibnitz etwas wusste, sucht
die Lösung des Problems, wie die vorgestellten Welten der einzelnen
Vorstellenden unter einander correspondirend gedacht werden können,
gleichfalls in Gott, welchen er als den Urheber der im Vorstellenden
vorhandenen Vorstellungswelt und dadurch zugleich als Veranstalter
der Uebereinstimmung zwischen den in den verschiedenen Vorstellenden
vorhandenen Vorstellungswelten bezeichnet. Die nur als Schein eines
Wirklichen im Bewusstsein vorhandene wirkliche d. i. der Schein
einer wirklichen Welt, ist sonach schon bei Berkeley, dem Urheber
des Idealismus, nicht das einzige Wirkliche, sondern derselbe setzt
nicht nur das vorstellende Subject (den Geist), in dem er existirt
d. i. dem er scheint, sondern überdies seinen Urheber, Gott, durch den
er existirt d. i. der in ihm scheint, als Wirkliche voraus d. h. der
Schein ist weder, wie der strenge Idealismus will, das einzige
Wirkliche, noch mit jenen beiden Wirklichen, dem vorstellenden Subject
einer- und der den Schein erzeugenden Gottheit andererseits verglichen,
überhaupt wirklich (real), sondern nur ideal (unwirklich), während der
Geist und Gott die eigentlich Wirklichen d. i. real Existirenden sind.
248. Das realistische Element, das Wirkliche neben dem Schein,
als einzigem Wirklichen, ist sonach schon in die ursprünglichste
Gestalt des Idealismus, und zwar so von Seite des Subjects, dem er
scheint (des Geistes), wie von jener des Objects, das ihm scheint
(der Gottheit), eingedrungen. Von jener aus angesehen, tritt das
Wirkliche auf als Träger, von dieser aus angesehen, als Ursache des
im Bewusstsein schwebenden Scheins. Während aber in dieser Gestalt
des mit realistischen Elementen versetzten Idealismus der Träger
des Scheins sich leidend (receptiv), die Ursache des Scheins allein
thätig (spontan) sich verhält, sind daneben Auffassungen denkbar, nach
welchen entweder der Träger sich gleichfalls wie die Ursache thätig,
oder der Träger sich thätig, aber zugleich als einzige Ursache sich
verhält, während eine dritte von jener ursprünglichen nur dadurch
sich unterscheidet, dass als die Ursache des Scheins nicht ein
geistiges d. i. ein solches Object, in dessen Natur es liegt, Subject
d. i. vorstellendes Wesen zu sein, sondern ein seiner Qualität nach
beliebiges Wirkliches betrachtet wird, dessen Beschaffenheit unbekannt
bleibt, dessen Existenz jedoch von derjenigen des Subjects als Träger
des Scheins völlig unabhängig ist.
249. Wird der Träger des Scheins d. i. das vorstellende Subject
ebenso wie die Ursache des Scheins d. i. das vorgestellte Object als
thätig d. i. jedes derselben als wirklich d. i. wirkend betrachtet,
so stellt der im Bewusstsein schwebende Schein eines Wirklichen,
die scheinbar wirkliche Welt (die Welt als Phänomenon), ein Product
aus zwei Factoren, dem Subject des Vorstellens und dem Object der
Vorstellung, dar, dessen Beschaffenheit sonach als solches von der
Beschaffenheit seiner Factoren als solcher nothwendig abhängen muss. In
dem Einfluss des Subjects auf die Beschaffenheit dieses Products
besteht die Herrschaft des idealistischen, in dem Einfluss des Objects
auf dieselbe jene des realistischen Elements in der phänomenalen
Welt. Je nachdem jener Einfluss zur Vorherrschaft des einen oder des
andern wird, nimmt diese Scheinwelt selbst vorwiegend idealistischen,
auf die Seite blossen Scheines der Wirklichkeit, oder realistischen,
auf die Seite der Wirklichkeit selbst hindeutenden Charakter an.
250. Der Einfluss des realistischen Objects auf das Zustandekommen
der phänomenalen Welt im Bewusstsein ist der geringste, wenn dasselbe
als Wirkliches durch seine Thätigkeit nichts weiter bewirkt, als dass
überhaupt Schein, der als Material zum Aufbau einer phänomenalen Welt
durch das vorstellende Subject verwendet werden kann, im Bewusstsein
vorhanden ist. Dieser Fall tritt in jener Gestalt zu Tage, welche Kant
dem Idealismus gegeben hat, und die Rolle, die das Object in obiger
Darstellung spielt, ist die nämliche, die Kant seinem "Ding an sich"
zugewiesen hat. Dasselbe hat ihm zufolge keine andere Bestimmung,
als die Existenz, keineswegs aber die Qualität des im Bewusstsein
schwebenden Scheins eines Wirklichen begreiflich zu machen. Dass ein
Wirkliches ausser und neben dem vorstellenden Subjecte sei, wird durch
die Thatsache der Existenz des Scheins eines solchen im Bewusstsein
unzweifelhaft gemacht. Was das Wirkliche, das nebst und ausser dem
vorstellenden Subjecte existirt, seiner Qualität nach sei, dagegen
kann aus der Qualität des im Bewusstsein schwebenden Scheins nicht
ausgemacht werden, weil diese letztere lediglich von der Qualität des
vorstellenden Subjects abhängig ist. Das reale Object, "das Ding an
sich", ist der Grund, dass überhaupt im Bewusstsein Sinnesempfindungen
(wie Gesichts-, Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen)
vorhanden sind; die Qualität des realen vorstellenden Subjects
dagegen ist der Grund, dass im Bewusstsein gerade Empfindungen (wie
Farben, Töne, Wohlgerüche, Wohlgeschmäcke, Härte, Weichheit) vorhanden
sind. Wäre das erste nicht, so entstünde überhaupt kein Schein, wäre
das letztere ein anderes, als es ist, so entstünde anderer Schein. Wie
die Existenz des Scheins von jener des Objects, so hängt die Qualität
des Scheins von jener des Subjects ab; der im Bewusstsein wirkliche
Schein in seiner qualitativen Eigenthümlichkeit ist daher nur durch
das gemeinsame Zusammenwirken des Dings an sich und der specifischen
Organisation des vorstellenden Subjects d. i. (wie Kant nach der
alten Terminologie seiner Wolf'schen Schulung sich ausdrückte)
"des Erkenntnissvermögens" erklärlich.
251. Erklärlich aber auch, dass bei dieser Sachlage der jeweiligen
thatsächlichen Beschaffenheit des sogenannten Erkenntnissvermögens
an dem Zustandekommen und der Gestaltung der phänomenalen Welt der
Löwenantheil zufallen muss. Liefert der objective Factor, das Ding
an sich, nichts weiter als den Stoff, ja nicht einmal diesen selbst,
sondern nur die Veranlassung, dass ein solcher, aus welchem die
phänomenale Welt aufgebaut werden soll, überhaupt im Bewusstsein
vorhanden ist, so muss der Grund der gesammten Form, in welcher der
Stoff zum Aufbau zusammengeordnet, ja sogar der Form, in welcher
derselbe zum Baue verwendet wird, gänzlich in dem subjectiven Factor
d. i. in der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes d. i. in jener
seines sogenannten Erkenntnissvermögens gesucht werden. Letzteres,
als Baumeister der phänomenalen Welt, baut sozusagen auf eigene Hand,
nicht nur nach eigenem Plan, sondern auch mit selbstgeformtem Material;
das "Ding an sich" als Bauherr ist nur die Ursache, dass überhaupt
gebaut wird und dass die erforderlichen Mittel zum Baue vorhanden sind.
252. Der Organismus des sogenannten Erkenntnissvermögens ist es,
welchen Kant seiner "Kritik der reinen Vernunft" zu Grunde gelegt
und als dessen nothwendige Folgen die kritischen Ergebnisse dieser
letzteren entsprungen sind. Insofern derselbe den idealistischen Factor
der phänomenalen Welt repräsentirt, hat Kant seine Philosophie als
Idealismus, insofern deren Ergebnisse auf die Betrachtung desselben
als der Quelle der Bedingungen aller Erkenntniss gestützt sind, als
Transcendentalphilosophie, und jenen Idealismus selbst (im Gegensatz
zu dem gemeinen, empirischen) als transcendentalen Idealismus
bezeichnet. Die Differenz seines und des empirischen Idealismus
beschränkte sich jedoch nicht auf den genannten Unterschied,
sondern wurzelte zugleich in der Verschiedenheit des vorstellenden
Subjectes, welches den idealistischen Factor der phänomenalen Welt
ausmacht, und welches im empirischen Idealismus das individuelle
Einzelsubject, in dem seinen dagegen das allgemeine Gattungssubject,
oder, nach Kant's Ausdruck, das sogenannte transcendentale Subject
ist. Folge davon ist, dass die Form der phänomenalen Welt, insofern
dieselbe aus der Beschaffenheit des vorstellenden Subjectes stammt,
im empirischen Idealismus nur eine individuelle, zufällige,
für die Vorstellungswelt des Einzelsubjectes bestimmende, im
transcendentalen Idealismus dagegen eine allgemeine und nothwendige,
die Vorstellungswelt aller vorstellenden Einzelsubjecte derselben
Gattung bestimmende sein muss. Durch diese Einführung der Form als
einer allgemeinen und nothwendigen an der Stelle der blos zufälligen
und singulären überwindet Kant den Hume'schen Skepticismus, der sich
an die Sohlen des empirischen Idealismus geheftet hat, und verwandelt
die phänomenale Welt d. i. die Welt der Erfahrung aus einer nur für
den Einzelnen giltigen und nur zufällig (durch dessen individuelle
Gewöhnung) entstandenen in eine für Alle identische und nothwendig
(d. i. als unausbleibliche Folge der allen gemeinsamen Organisation
des Erkenntnissvermögens) entstehende Erfahrung.