188. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt der Uebereinstimmung des

eigenen gedachten mit dem eigenen wirklichen Wollen ergibt sich die

ethische Idee der inneren Freiheit. Dieselbe entsteht dadurch, dass

die ästhetische Idee des Charakteristischen auf das ethische Gebiet

übertragen, das gedachte eigene Wollen als Vor-, das eigene wirkliche

Wollen als dessen Nachbild angesehen wird. Insofern jenes als Bild

eines noch nicht vorhandenen, aber dem Wollenden möglichen Wollens

in dessen Geiste vorangeht, dieses als wirklich vorhandenes, jenem

Bilde entweder entsprechendes oder nicht entsprechendes, demselben in

der Zeit nachfolgt, lässt sich das erste als Project, das letztere

als getreue oder ungetreue Ausführung desselben betrachten. Jede

sogenannte Maxime oder praktischer Grundsatz des Handelns stellt, da

sie nicht vorhandenes Wollen beschreibt, sondern eine Regel für nicht

vorhandenes, also künftiges Wollen formulirt, das Bild eines möglichen

Wollens, ein Willensproject dar, welches sich zu der Gesammtheit

aller Maximen d. i. zu der sogenannten praktischen Einsicht des

Wollenden verhält, wie dessen einzelner Willensact zu der Totalität

seines wirklichen Wollens. Dasselbe Verhältniss, welches zwischen

dem einzelnen Willensproject und dem einzelnen Willensact herrscht,

kann daher auch zwischen der gesammten praktischen Einsicht und dem

gesammten wirklichen Wollen des Wollenden stattfinden, so dass das

letztere entweder als getreue oder als ungetreue Nachahmung der

ersteren sich darstellt. Fasst man blos das Verhältniss zwischen

einem einzelnen Willensproject und dem darauf seinem Inhalt nach

bezüglichen Willensact ins Auge, so findet, im Fall der letztere seinem

Inhalt nach dem Willensproject entspricht, zwischen beiden unbedingt

wohlgefällige Harmonie, im Gegenfall, wenn der einzelne Willensact

durch seinen Inhalt dem des Willensprojects entgegengesetzt ist,

unbedingt missfällige Disharmonie statt. Wird an die Stelle obiger

Verhältnissglieder dagegen einerseits die praktische Einsicht,

anderseits die Gesammtheit des wirklichen Wollens des Wollenden

gesetzt, so tritt, wenn zwischen beiden Uebereinstimmung herrscht,

gleichfalls unbedingtes Lob, herrscht aber Zwietracht zwischen beiden,

unbedingte Verwerfung ein.

189. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen Willensproject

und Willensact bietet ein (im psychologischen Sinne) freies, das

missfällige Zerrbild machtlosen Widerstreits zwischen Willensproject

und Willensact bietet ein (im selben Sinne) unfreies Wollen. Im

psychologischen Sinne frei heisst dasjenige Wollen, das durch

Motive, die aus der praktischen Einsicht (diese sei, wie sie wolle)

genommen sind, bestimmt, unfrei dagegen dasjenige, welches, obgleich

wie das vorhergehende motivirt, durch Beweggründe bestimmt ist,

die anderswoher (z. B. von den Antrieben der Sinnlichkeit, von

Affecten und Leidenschaften) genommen sind. Ein in diesem Sinne freies

(obgleich nicht "transcendental freies", sondern determinirtes) Wollen

wird mit dem praktischen Grundsatz, der sein Motiv ausmacht, sich

stets, ein in diesem Sinne unfreies d. i. anderswoher (z. B. durch

eine Leidenschaft) beherrschtes Wollen wird sich dagegen zwar mit

diesem seinem dasselbe besitzenden Motiv, niemals aber mit einem

der praktischen Einsicht entlehnten Grundsatz in Uebereinstimmung,

sonach mit einem solchen sich stets in Widerspruch befinden. Im

psychologischen Sinne freies Wollen ist daher nicht blos äusserlich

d. h. in dem ohnehin selbstverständlichen Sinn des Wortes "frei",

in welchem zwar das Handeln, aber niemals das Wollen durch eine

äusserliche Macht erzwungen oder verhindert zu werden vermag, sondern

ein solches ist zugleich innerlich frei d. h. in dem Sinne, dass

auf dasselbe Beweggründe, die nicht aus der praktischen Einsicht,

also aus dem Intellect genommen sind, keinen bestimmenden Einfluss

auszuüben vermögen. Insofern das nämliche Verhältniss nicht blos

zwischen einem einzelnen Grundsatz und einem einzelnen Willensact,

sondern zwischen dem Ganzen der praktischen Einsicht und dem Ganzen

des Willens besteht, heisst nicht blos, wie oben, das einzelne Wollen

(volitio), sondern der ganze Wille (voluntas) im psychologischen

Sinne und zwar innerlich frei, und der Wollende selbst, dessen Wille

diese Eigenschaft besitzt, ein Charakter. Im entgegengesetzten Falle,

wenn der Wille unfrei ist, heisst derselbe charakterlos.

190. Aus diesem Grunde, weil der Einklang zwischen gedachtem und

wirklichem Wollen der Freiheit des Wollens bedarf, um zur Erscheinung

zu gelangen, wird der auf jenem beruhenden ethischen Idee der inneren

Freiheit letzterer Name beigelegt. Dieselbe ist als Idee d. h. als

Musterbild für das wirkliche Wollen weder eins mit der Freiheit des

Willens, welche als solche ein Wirkliches, der freie wirkliche Wille,

noch mit dem Charakter, welcher als solcher gleichfalls ein Wirkliches

d. h. der in einem wirklichen Individuum verwirklichte freie Wille

ist. Jene gehört als Idee dem ethischen, beide letzteren gehören als

Wirkliche dem Gebiete des Wirklichen und zwar des Psychischen, dem

psychologischen Gebiete an; jene, gleichviel ob ein ihr entsprechendes

Wirkliches vorhanden sei, drückt eine allgemein giltige Forderung

(ein Postulat), letztere beiden drücken, wenn und wo sie existiren,

die verkörperte Erfüllung dieser Forderung selbst aus.

191. An die Idee der inneren Freiheit schliesst sich ein Verfahren

an, welches bestimmt ist, die Uebereinstimmung zwischen gedachtem

und wirklichem Wollen nicht blos über die Gesammtheit des Wollens des

einzelnen Individuums, sondern über die Gesammtheit der innerhalb des

Umkreises einer durch ein gemeinsames Band verknüpften Mehrheit von

Individuen (einer Gesellschaft) vorhandenen praktischen Einsicht

und wirklichen Wollens auszudehnen. Dasselbe geht darauf aus,

dass nicht nur innerhalb eines einzelnen Individuums das gesammte

Wollen frei d. i. der Wollende ein Charakter sei, sondern auch,

dass innerhalb der Gesellschaft der Wille jedes einzelnen Mitgliedes

derselben frei d. i. dass die Gesellschaft selbst eine Vereinigung von

charaktervollen Individuen sei. Erstere Forderung drückt aus, dass

die jeweilige praktische Einsicht d. i. die Gesinnung des Wollenden

die Seele seines gesammten Willens und Handelns, letztere Forderung

drückt aus, dass die Gesellschaft eine Vereinigung in diesem Sinne

gesinnungsvoller d. i. durch ihre jeweilige praktische Einsicht,

welchen Inhalts dieselbe auch sein möge, in ihrem gesammten Wollen und

Thun beseelter Individuen darstelle. Die Erfüllung der erstgenannten

macht das Ideal eines (im ethischen Sinne) beseelten Wollenden,

die Erfüllung der letztgenannten das Ideal einer (im ethischen

Sinne) beseelten Gesellschaft aus. Wie innerhalb der praktischen

Einsicht des Individuums die verschiedenen in derselben enthaltenen

praktischen Grundsätze jeder für sich ein Gebiet des Gesammtwollens

des Wollenden beherrschen, so werden innerhalb der Gesellschaft durch

die dem Inhalt nach unter einander abweichenden Gesinnungsweisen,

deren jede einem Bruchtheil der dieselbe ausmachenden Mitglieder

gemeinsam ist (im ethischen Sinne) Gesinnungsgenossenschaften als

gesellschaftliche Fractionen d. i. Parteien gebildet, deren jede

für sich als Vereinigung von derselben Gesinnung in ihrem Thun und

Lassen geleiteter Individuen eine beseelte Gesellschaft im Kleinen

repräsentirt. Die Mannigfaltigkeit der in den verschiedenen Parteien

als herrschende auftretenden Sinnesarten gibt der Gesellschaft

selbst, innerhalb deren dieselben sich bewegen, den Charakter

der Buntheit und ertheilt ihr zugleich je nach dem Uebergewicht

gewisser Parteirichtungen über die denselben entgegengesetzten ihre

(im ethischen Sinne) vorstechende Färbung. Wie dem charaktervollen

Individuum eine Vielheit von Maximen, die sich dem Anschein nach nicht

selten unter einander aufzuheben trachten, in Wahrheit aber, wie es die

Einheit der Gesinnung verlangt, schliesslich einem obersten praktischen

Grundsatz als Kern und Seele der gesammten praktischen Einsicht sich

unter- und einordnen, unentbehrlich ist, so bedarf eine im wahren

Sinne des Wortes beseelte Gesellschaft innerhalb ihres Umkreises

eines rege bewegten Parteilebens, dessen jeweilige Richtungen nicht

selten einander zu widerstreiten, ja gegenseitig einander aufzuheben

scheinen, schliesslich jedoch, je nach dem Uebergewicht einer oder

einiger über die übrigen, einer obersten die Richtung der Gesellschaft

selbst ihrem grösseren oder doch mächtigeren Theile nach (a potiori)

ausdrückenden Tendenz mit oder gegen ihren Willen zu dienen gezwungen

sind. In diesem Sinne stehen die Fortschritts- den Rückschrittsmännern,

die Reformer den Conservativen, standen einst die liberales, die nach

einem bekannten Witzwort "lieber alles", den serviles, die "sehr

vieles" wollten, stehen noch heute "Culturkämpfer" den Clerikalen,

die Schwarzen den Rothen, die Tories den Whigs u. s. w. gegenüber.

192. Aus dem qualitativen Gesichtspunkt des Einklanges des eigenen

wirklichen mit dem nur gedachten fremden Wollen ergibt sich die

ethische Idee des Wohlwollens. Dieselbe entsteht durch die Uebertragung

der ästhetischen Idee des Einklanges, welche auf dem Verhältniss

überwiegender gegenseitiger Identität beruht, auf das Gebiet des

Wollens. Beide Glieder, das gedachte fremde und das eigene wirkliche

Wollen, gehören einem und demselben Wollenden an; das fremde Wollen

ist in demselben als Vorstellung, das eigene Wollen dagegen als Wille

wirklich. Ob das seiner Vorstellung entsprechende Wollen des Anderen

in diesem und somit dieser Andere selbst auch wirklich existire,

ist dabei gleichgiltig. Da der Einklang nur zwischen der Vorstellung

des fremden Wollens und dem wirklichen eigenen stattfinden soll,

so kann jene erstere eben so gut eine blosse Einbildung (Fiction)

als eine Abbildung (Reflex) eines anderen Wollens sein. In keinem

Falle leidet die Wohlgefälligkeit der Uebereinstimmung des eigenen

mit dem vorgestellten fremden Wollen dadurch einen Abbruch, dass

dieses letztere und dessen Träger nur in der Vorstellung des ersten

besteht. Zeugniss dafür gibt der Verkehr des Kindes mit seiner Puppe,

deren ihr angedichtete Wünsche dasselbe mit Eifer zu erfüllen sich

bemüht, wie jener des Dichters mit der nur in seiner Phantasie

beseelten leblosen Natur und mit der oft nur als Ideal seiner

Einbildungskraft lebendigen Geliebten.

193. Eben so wenig als die Schönheit der Harmonie des gedachten

fremden und des eigenen wirklichen Wollens von der mehr als blossen

Gedankenexistenz, ist dieselbe von der Inhaltsbeschaffenheit des

fremden Wollens abhängig. Nicht darin hat der unbedingte Beifall,

welcher obigen Einklang begleitet, seinen Grund, dass das gedachte

Wollen des Anderen ein an sich gutes, sondern darin, dass das

wirkliche eigene Wollen mit dem wie immer beschaffenen Inhalt

des fremden Wollens identisch ist. Die Gesinnung, aus welcher

die Erfüllung wenn auch thörichter Wünsche des Andern entspringt

(Affenliebe), ist als wohlwollender Ausdruck der Unterordnung

des eigenen unter die Vorstellung eines fremden Wollens nicht

weniger schön als diejenige, die sich als werkthätige Theilnahme

an berechtigten Strebungen und Absichten des Andern kund thut. Wie

bei der ästhetischen Idee des Einklanges ist das Lob des Wohlwollens

nur durch die Harmonie, keineswegs durch die anderweitige stoffliche

Qualität der Verhältnissglieder bedingt.

194. Das Bild harmonischen Einklangs zwischen gedachtem fremden

und eigenem wirklichen Wollen bietet das psychische Phänomen des

selbstlosen oder uneigennützigen d. i. nicht durch die Rücksicht

auf das eigene Selbst, oder den Vortheil des Wollenden begründeten

Wollens. Dasselbe ist so wenig, wie irgend ein wirkliches Wollen, ohne

Grund d. h. dasselbe ist, wie jedes wirkliche Wollen, durch ein Motiv

(Beweggrund) bewegt (motivirt); aber dieses Motiv ist im Unterschied

von andern, die aus den Folgen des Wollens für den Wollenden selbst

d. i. aus der möglichen Vermehrung oder Verminderung des eigenen Wohles

des Wollenden (Eudämonie) hergenommen sind, aus dem einzigen Umstand

entlehnt, dass das vorgestellte Wollen wirklich Wollen eines Andern

sei d. h. dessen Gegenstand von einem Andern angestrebt und der Besitz

desselben von einem Andern werde als Lust d. i. als Vermehrung seines

(des Andern) Wohles empfunden werden. Das uneigennützige Wollen ist

daher keineswegs motivlos, sondern dasselbe hat nur kein eigennütziges

(eudämonistisches), nicht die Rücksicht auf das eigene, wol aber

eine solche auf das fremde Wohl zum Motiv. Wie das Beherrschtsein

des Wollens durch selbstsüchtige Beweggründe, wo es als habituelle

Willensbeschaffenheit auftritt, Egoismus (Selbstliebe, Selbstsucht),

so heisst im entgegengesetzten Sinne das Freisein des Wollens von

eudämonistischen Beweggründen und der willige Gehorsam desselben

gegen von der Rücksicht auf das Wohl des Andern dictirte Motive, wenn

er zu habitueller Willensbeschaffenheit geworden ist, Nächstenliebe

(Altruismus). Wo die letztere lebt, wird die Vorstellung, dass ein

gewisses Wollen von dem Andern gehegt werde, hinreichen, ein demselben

conformes im Vorstellenden zu erzeugen; wo der erstere waltet, wird

dieselbe Vorstellung genügen, nicht blos, um jedes dem Wollen des

Andern conforme eigene Wollen zu hemmen, sondern, wenn die Selbstsucht

so weit gesteigert ist, dass sie das Phlegma ihrer natürlichen

Trägheit zu überwinden und zur Action überzugehen vermag, ein den

Wünschen des Andern widerstrebendes Wollen im Wollenden hervorzurufen.

195. Ausfluss der Nächstenliebe wird ein wirkliches Wollen sein,

das nach der Idee des Wohlwollens gefällt, Wirkung der Selbstliebe

ein solches, das nach derselben Idee unbedingt missfällt. Jenes,

das uneigennützig nur auf das Wohl des Andern bedachte, wird darum

als gütiges, dieses, das selbstsüchtig nur auf das eigene Wohl oder

gar auf dem Wohl des Andern Entgegengesetztes bedachte Wollen wird

deshalb im ersten Fall ein herzloses, im andern Fall ein boshaftes,

das Wohlwollen selbst Güte, sein Gegentheil, das Uebelwollen, Bosheit

genannt. Von der ersteren wie von der letzteren, insofern jede von

beiden, die Güte grundlos liebt, die Bosheit grundlos hasst, gilt

des Dichters Wort: Ich glaube selbst, die Lieb' hat keinen Grund

(Immermann).

196. Verschieden von der ethischen Idee des Wohlwollenden, wie von dem

psychischen Phänomen der Güte und deren Gegentheil, ist das gleichfalls

psychische Phänomen der sogenannten sympathetischen Gefühle. Zwar

bietet sowol die psychische Erscheinung des Mitleids wie der Mitfreude

das Bild eines harmonischen Einklangs, die Erscheinung des Neides

wie der Schadenfreude das Bild einer missfälligen Disharmonie dar,

aber weder zwischen Wollen, noch zwischen einem blos gedachten

und einem wirklichen Verhältnissgliede, wie beides beim Wohl- oder

Uebelwollen der Fall ist. Das sympathetische Gefühl wiederholt das

Gefühl eines Andern entweder durch ein demselben gleiches, oder durch

ein demselben entgegengesetztes Gefühl. Ursache dieser Wiederholung

ist jedoch keineswegs die bewusste Reflexion, dass das eigene Gefühl

Nachahmung eines fremden Gefühls, sondern der unwillkürliche und

folglich auch unbewusste Reflex des fremden Gefühls durch das eigene

Gefühlsleben. Das fremde Gefühl wirkt auf das eigene gleichsam durch

Ansteckung, wie es im Gebiete der Muskelbewegungen bei der Entstehung

solcher mit gewissen Vorstellungen durch Association verbundener

Bewegungen durch die zufällige oder absichtliche Erregung jener

Vorstellungen der Fall zu sein pflegt. Das Bewusstsein des Unterschieds

der fremden von der eigenen Persönlichkeit wird dabei gar nicht

geweckt, oder geht im Mechanismus des nachahmenden Gefühlsprocesses

verloren. Auf diese Weise setzt ein Komiker die Lachmuskeln, ein

Tragöde die Thränenfisteln der Zuschauer in unwillkürliche und dem

Bewusstsein entrückte Bewegung, so dass die letzteren gleichsam wie aus

einem Zustand der Verzücktheit erwachen und sich hinterdrein wundern,

gelacht und geweint zu haben. So wenig fühlt sich der nachahmende

Theil als Nachahmer eines Andern, dass nicht selten das Mitgefühl, sei

es Mitfreude oder Mitleid, sofort aufhört, wenn der Mitfühlende sich

darauf besinnt, dass es nicht eigenes, sondern das Leid eines Andern,

und nicht eigene, sondern fremde Freuden sind, die ihn bewegen. In

solchem Fall hält das Mitgefühl nur so lange und nur darum vor,

als und weil der Mitfühlende sich nur bewusst ist, dass er fühle,

keineswegs aber bewusst ist, dass er nur mitfühle. Ohne daher geradezu

egoistisch zu sein, weil weder das Bewusstsein vorhanden ist, dass

das Gefühlte uns, noch der Gedanke, dass es einen Andern angehe, ist

das Mitgefühl doch sicher nicht altruistisch, weil es im Augenblick

schwinden kann, sobald wir des letzteren innewerden.

197. Dasselbe wird jedoch vollkommen selbstsüchtig, wenn, wie

Schopenhauer behauptet hat, der Grund des Mitleids einzig darin

gelegen sein soll, dass der Mitleidige sich in demselben seiner

metaphysischen Einerleiheit mit dem Andern bewusst und auf diesem

Wege innewerde, dass weder der Andere von ihm verschieden, noch des

Andern Leid mehr als sein eigenes Leid sei. Unter dieser Voraussetzung

könnte das Mitgefühl nicht nur, wie oben bemerkt, sondern es müsste

nothwendiger Weise, also jedesmal aufhören, sobald der Einzelne

über seine persönliche Unterschiedenheit vom Andern und folglich

über den Umstand, dass das gefühlte Leid nicht sein eigenes sei,

zur Besinnung käme. Die wesentliche und unentbehrliche Eigenschaft,

wenn auf das Mitgefühl ein Theil des Glanzes fallen soll, den das

Wohlwollen ausstrahlt, die individuelle Sonderung beider Fühlenden,

wäre durch obige Annahme grundsätzlich beseitigt.

198. So wenig Mitleid und Mitfreude sich mit dem Wohlwollen,

eben so wenig decken sich Neid und Schadenfreude mit dessen

Gegentheil, dem Uebelwollen. Gleichwol tritt bei den letzteren die

unleugbare Aehnlichkeit beider, obgleich gattungsmässig verschiedener

Gemüthszustände stärker hervor als bei den ersteren. Während Mitleid

und Mitfreude zu ihrer Entstehung des Bewusstseins des individuellen

Unterschieds des Mitfühlenden vom Fühlenden nicht bedürfen, setzt die

Entstehung sowol des Neides, als einer durch fremde Lust geweckten

Unlust, wie der Schadenfreude, als einer durch fremde Unlust erregten

Lust, dieses Bewusstsein in gewissem Grade voraus, da es sich

nicht um eine Wiederholung des fremden Gefühls durch ein gleiches,

sondern um die Beantwortung eines solchen durch ein entgegengesetztes

eigenes handelt, fremdes und eigenes Gefühl also schon um deswillen

als verschiedenen Individuen angehörig empfunden werden müssen,

weil beide verschiedene, und zwar, da sie entgegengesetzter Natur

sind, sehr merklich verschiedene Qualität besitzen. Beide kommen

daher nicht nur in ihren Wirkungen, die sowol bei dem Neid als bei

der Schadenfreude, bei dem blossen Gefühl nicht stehen zu bleiben,

sondern zu demselben entsprechenden Wünschen, Entschlüssen, ja selbst

Aeusserungen fortzuschreiten pflegen, dem Uebelwollen so nahe,

als überhaupt Phänomene verschiedener Gattungen sich einander zu

nähern vermögen, sondern auch das Urtheil, das über dieselben, wo

sie zu Tage treten, ergeht, fällt von der unbedingten Verwerfung,

welche das Uebelwollen begleitet, nichts weniger als verschieden

aus. Von dem "Neide" der Götter redet die Mythologie, wenn sie deren

dem Menschengeschlecht übelwollende Gesinnung, und vom "Neidhart"

die Volkssage, wenn sie den Bösen bezeichnen will.

199. Die selbstlose Freiwilligkeit der Unterordnung des eigenen

unter das fremde Wollen tritt um so anschaulicher hervor, je grösser

die Ueberlegenheit der eigenen über die fremde Kraft und je weniger

der Verdacht, dass jene Unterordnung eine durch Furcht erzwungene

sein könnte, zulässig erscheint. Dieselbe offenbart sich dort am

auffälligsten, wo die Ueberlegenheit die denkbar höchste d. h. wo

der dem Andern freiwillig sich unterordnende Wille, mit diesem

verglichen, unendlich stark, derjenige, dem er sich unterordnet,

mit jenem verglichen, unendlich schwach ist. Beides ereignet sich im

Verhältniss der Gottheit zum Menschen, deren Güte gegen diesen eben

darum als unendlich gross und der göttliche Wille selbst als Ideal

des Gütigen sich kundgibt.

200. An die ethische Idee des Wohlwollens schliesst sich ein

Verfahren an, welches die in derselben enthaltene Forderung nicht

blos auf das gesammte Wohl und Wehe Anderer berührende (sociale)

Wollen des einzelnen Wollenden, sondern auf die Gesammtheit des

innerhalb des Umkreises einer Gesellschaft vorkommenden, auf

deren gegenseitiges Verhältniss zu einander bezüglichen Wollens

der Mitglieder ausdehnt. Dasselbe geht darauf aus, dass jedes

sociale Wollen des einzelnen, so wie dass das sociale Wollen jedes

Mitgliedes der Gesellschaft Wohlwollen sei; sociales Uebelwollen

sowohl im Einzelnen wie in der Gesellschaft gemieden werde. Da nun

das Wohlwollen (bene velle) darin besteht, des Andern Wohl zu wollen

(bonum velle), so geht jene Forderung dahin, dass jedes sociale

Wollen im Einzelnen wie in der Gesellschaft die Tendenz habe, in

jenem des Andern, in dieser aller Andern (d. i. das allgemeine) Wohl

zu fördern. Und da die Befriedigung jedes -- stofflich wie immer

beschaffenen -- Wollens Lustgefühl, also Wohlbefinden zur Folge

hat, so kann unter dem, was jeder sein Wohl und folglich auch die

Gesellschaft das ihre, d. i. das allgemeine Wohl nennt, nicht wol

etwas anderes sein als die Befriedigung dort sämmtlicher Wünsche

und Willensbestrebungen des Andern, hier die Erfüllung sämmtlicher

im Umkreise der Gesellschaft vorhandenen oder doch zur Aeusserung

gelangenden Wünsche und Willensbestrebungen Aller. Die Erreichung

beider Ziele, die Befriedigung sämmtlicher Wünsche des Andern (die

Glückseligkeit des Andern), und die Befriedigung sämmtlicher Wünsche

Aller (die allgemeine Glückseligkeit) müssen daher in der wohlwollenden

Gesinnung, das erste in der jedes Einzelnen gegen jeden Andern, das

zweite in der jedes Mitgliedes der Gesellschaft gegen alle übrigen

d. i. gegen die Gesellschaft selbst gelegen und die Erreichung

derselben muss der Zweck aller socialen Bestrebungen sein.

201. Diese selbst d. i. die Befriedigung der vorhandenen Wünsche

aber ist nicht blos durch die auf sie gerichtete dauernde Gesinnung

des Einzelnen und jedes Einzelnen, sondern zugleich, da es sich

um die Realisirung wirklich vorhandener Wünsche in der wirklich

vorhandenen Aussenwelt handelt, durch die Existenz der und die

Möglichkeit der Verfügung über die zu jenem Endzweck unentbehrlichen

oder doch förderlichen Mittel d. i. der und über die realen Objecte,

welche, insofern sie jenem Zweck dienstbar gemacht werden, Güter

heissen sollen, bedingt. Dieselben können sowol materieller als

geistiger Natur, Gegenstände der Körper- wie der geistigen Welt sein;

wesentlich ist ihnen nur, dass dieselben zur Befriedigung vorhandener

Wünsche dienen und in Anspruch genommen werden können. Von dieser

Art ist der Grund und Boden mit seinem Ertrag, sowol dem inneren

(Erz- und Gesteinsschätzen), wie dem äusseren (Nahrungspflanzen

und verarbeitungsfähigen Gewächsen), aber auch der vorhandene Fond

an geistiger Kraft und Intelligenz mit seinem Ertrag, dem inneren:

den Gefühls- und Gedankenschätzen des einzelnen, dem äusseren: den

Literatur- und Kunsterzeugnissen des Gesellschaftsgeistes.

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 11 / 31 段