aus, dass caeteris paribus dasselbe wohlgefälliger sei, wenn es als
gross, als wenn es als klein vorgestellt wird. Der einschränkende
Zusatz besagt, dass ein Vorgestelltes, das seiner Natur nach eine
gewisse Grösse ausschliesst, auch nicht unter dieser vorgestellt
werden dürfe, weil es sonst eben nicht dies, sondern ein anderes
Vorgestelltes wäre. Das Niedliche, Zarte, Milde kann daher nicht
als gross, darum aber darf es auch nicht kleiner vorgestellt werden,
als seine Natur es gestattet. Dagegen bekundet sich die Wirkung des
Grossen unwiderleglich in der Neigung der spielenden Einbildungskraft,
die Grösse vorgestellter Objecte (Räume, Zeiten, Naturgegenstände,
Helden und Göttergestalten) über das Mass des Erfahrenen und
Wahrgenommenen, so wie des Natürlichen ins Unbestimmte, Schranken- und
Grenzenlose, Un-, Ueber-, ja Widernatürliche zu erhöhen und sich ohne
Rücksicht auf Möglichkeit oder gar Wirklichkeit an der Steigerung,
Häufung und Vervielfältigung von Raum-, Zeit- und Naturgrössen zu
ergötzen. Beispiele derselben finden sich vor allem in der Märchen-
d. i. in der Lieblingswelt der Kinder- und Kindheitsvölkerphantasie,
z. B. bei den Indern, deren Imagination sich in der endlosen Anreihung
von Tausenden und aber Tausenden von Jahren und Meilen, sowie in der
Ausmalung der übernatürlichen Grösse ihrer Götter- und Büssergestalten,
deren Haupt in die Wolken reicht, während ihr Fuss auf der Erde
wurzelt, durch deren Locken sich der Gangesstrom vom Himmel herab
ergiesst, die hunderttausende von Jahren auf einem Beine stehen etc.,
gefällt, oder bei den baltischen Letten, deren Volkssage die Ewigkeit
dadurch zu schildern sucht, dass, wenn der Diamantberg im Norden,
an dessen Gipfel alle hundert Jahre ein winziges Vögelchen dreimal
sein Schnäbelchen wetzt, in Folge dessen in Staub verwandelt sein,
die erste Minute der Ewigkeit verflossen sein wird. In allen Götter-
und Heldensagen kehrt die Vergrösserung der Leibesgestalt wieder,
aber auch der irdische Held sucht durch Helm und wallenden Helmbusch
und dessen Scheindarsteller, der Heldenspieler, durch den Kothurn
seine natürliche Grösse wenigstens scheinbar zu vermehren.
122. Aus dem qualitativen Gesichtspunkte der theilweisen, aber
überwiegenden und zwar derjenigen Identität, bei welcher Einseitigkeit
der Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhalts herrscht, ergibt sich
die ästhetische Idee des Charakteristischen. Dieselbe besteht darin,
dass derjenige Theil des ästhetischen Scheins, der als charakteristisch
bezeichnet wird, zu jenem, als dessen Charakteristik er angesehen
sein will, in dem Verhältnisse des Nachbildes zum Vorbilde, der
Nachahmung zum Nachgeahmten, der Copie zum Originale steht, so dass
alle wesentlichen Züge des letzteren sich an der ersteren wiederfinden
und beide einander ihrer Inhaltsbestimmtheit nach so ähnlich werden,
als es, ohne dass beide aufhören zwei, und dahin gelangen ein
einziges zu sein, nur immer möglich ist. Das Wesen dieses ästhetisch
Charakteristischen ist daher von jenem des in wissenschaftlichem Sinne
Charakteristischen dadurch verschieden, dass in dem letzteren Fall das
Charakterisirte stets ein wirkliches oder ein wahres oder doch ein für
eins von beiden gehaltenes ist, während bei dem ersteren das Vorbild
eben so gut ein erfundenes (als wahr oder wirklich nur fingirtes) sein
kann. Dasselbe ahmt daher weder, wie die Kunst dem Aristoteles zufolge
soll, die Natur -- noch, wie Winkelmann lehrte, ausschliesslich die
schöne Natur nach; das Wohlgefällige der charakteristischen Nachahmung
ist sowol von der Wahrheit und Wirklichkeit wie von der Schönheit des
Nachgeahmten unabhängig und beruht einzig und allein auf der Treue
der Nachahmung. Dieselbe gestattet daher nicht nur die Nachahmung
des Hässlichen, sondern diejenige Kunst, welche vornehmlich die Idee
des Charakteristischen zum Leitstern nimmt, wählt sogar dasselbe mit
Vorliebe, weil dadurch der Verdacht, als sei es ihr mehr darum zu thun,
Schönes, als schön darzustellen, am gewissesten abgelenkt und das
Streben nach Treue der Darstellung, worin ihr eigentliches Verdienst
besteht, am energischesten hervorgehoben wird. Grosse Charakteristiker,
auf allen künstlerischen Gebieten, pflegen daher lieber das von Goethe
treffend als solches bezeichnete "Bedeutende" als das makellose
Schöne, Charakterdarsteller vorzugsweise "Charaktere" d. i. mit
hervorstechenden, die Kunst der Nachahmung herausfordernden Zügen
ausgestattete Individuen (Richard III., Carl und Franz Moor, Hamlet,
Othello, Mephistopheles u. A.) zum Gegenstande der Darstellung zu
wählen; unter den Helden Homers hat auch der Thersites nicht gefehlt.
123. An die Idee des Charakteristischen schliesst sich ein Verfahren
an, welches dieselbe nicht blos in einem einzelnen vorschwebenden
Theile, sondern im ganzen Umfange der ästhetischen Vorstellungswelt
(des Scheins) zur Geltung zu bringen d. h. welches, wo und was immer
vorgestellt werde, charakteristisch vorzustellen trachtet. Wenn die
Uebereinstimmung des Vorzustellenden mit der wirklichen Vorstellung
im Allgemeinen als Wahrheit, wenn dieselbe in dem besonderen Falle,
da das Vorzustellende ein äusseres, ein Object der Aussenwelt ist,
als äussere (geschichtliche oder naturgeschichtliche) Wahrheit
bezeichnet wird, so kann jene Tendenz, in der gesammten Welt des
Scheins Uebereinstimmung zwischen Vorbild und Nachbild herrschen
zu machen, Streben nach innerer d. h. da das Vorbild auch ein
erdichtetes sein kann, poetische Wahrheit heissen. Dasselbe geht
sonach nicht darauf aus, im Sinne der äusseren Wahrheit wahr zu
sein d. h. einen äusseren Gegenstand treu wiederzugeben, wohl aber
darauf, im Sinne derselben wahr zu scheinen d. h. einen (gleichviel
ob erfundenen oder erfahrenen) Gegenstand so treu nachzubilden, dass
diese Nachahmung, wenn jener Gegenstand ein äusserer wäre, im Sinne
der äusseren Wahrheit wahr genannt werden müsste. In diesem Sinne
der inneren, nicht in jenem der äusseren Wahrheit hat Aristoteles'
Poetik die Tragödie philosophischer als die Geschichte genannt, weil
jene das Geschehende als Mögliches und daher aus innerlichen Gründen
Begreifliches, diese dagegen dasselbe lediglich als Geschehenes,
seinen inneren Gründen nach erst zu Errathendes darstellt; jene
sonach ihren Werth in der Uebereinstimmung der Wirkungen mit ihren
Ursachen d. h. in der Abspiegelung der letzteren durch die ersteren,
die Geschichte dagegen lediglich in der Uebereinstimmung ihrer
Darstellung mit der äusseren Wirklichkeit sucht.
124. Der qualitative Gesichtspunkt der theilweisen, aber
überwiegenden, und zwar derjenigen Identität, welche in der
gegenseitigen Uebereinstimmung des beiderseitigen Inhaltes sich
offenbart, ergibt die ästhetische Idee des Harmonischen oder des
(ästhetischen) Einklangs. Dieselbe besteht darin, dass jedes Glied des
Verhältnisses, indem es das andere in sich abbildet, seinerseits ebenso
von dem anderen abgebildet wird. Das Wesen des ästhetischen Einklanges
unterscheidet sich daher von jenem des Charakteristischen dadurch,
dass, während bei dem letzteren das Abbild zwar ganz im Vorbilde,
nicht aber umgekehrt dieses in jenem enthalten ist, hier jedes
Glied zugleich Nachbild und Vorbild des anderen ist. Beide Glieder
enthalten einen gemeinsamen Bestandtheil, durch den sie verknüpft,
und ausserdem einen entgegengesetzten, durch welchen sie aus einander
gehalten werden. Je wichtiger der erste im Gegensatz zum zweiten,
um desto bedeutender der Einklang, um desto nachdrucksvoller das
Lustgefühl. Jenes dritte Gemeinsame stellt gleichsam den Exponenten
des harmonischen Verhältnisses dar und wird, wenn die im Einklang
befindlichen Glieder beide Gedanken z. B. das eine die Vorstellung der
Sache, mit welcher eine andere, das andere die Vorstellung des Anderen,
das mit jener verglichen werden soll, ausmacht, der Vergleichungspunkt
(tertium comparationis) genannt. So bildet in der Metapher, die das
Kameel als Schiff der Wüste bezeichnet, das Merkmal, dass beide,
Kameel wie Schiff, als Transportmittel durch eine unwirthbare Wüste
benutzbar sind, das verknüpfende -- dagegen das Merkmal, dass diese
Wüste bei dem einen wasserlose Sand-, bei dem anderen eine uferlose
Wasserwüste ist, das trennende Element beider Gedanken. Je nachdem
die harmonirenden Glieder des Einklanges Ton-, Farben-, Formen- oder
eigentliche Gedankenvorstellungen sind, welche letzteren allein sich in
Worten ausdrücken lassen, wird der Einklang selbst als musikalische,
Farben-, Formen- oder Gedankenharmonie, je nachdem die vorhandene,
aber verborgene Aehnlichkeit des Verschiedenen leicht, blitzähnlich,
oder in gleichsam visionärer Intuition an den Tag tritt, als Witz
oder als Tiefsinn (die sonach beide ebensowol innerhalb der Ton-,
Farben- und Formen-, wie der Gedankenwelt vorkommen können) bezeichnet.
125. Geht die beiderseitige Identität der Verhältnissglieder so
weit, dass beide sich nur durch die entgegengesetzte Lage im Raume
unterscheiden d. h. dass das eine rechts und links gleichweit
entfernt von einem idealen Mittelpunkt, oder nach oben gleichweit
über, wie nach unten gleichweit unter einer idealen Ebene gedacht
wird, so geht der Einklang in die Symmetrie oder den blos räumlichen
Contrast (Contrapost) -- wenn dagegen der Gegensatz zwischen den
Verhältnissgliedern so gross, dass nur das Mass ihrer räumlichen
Entfernung von einem gemeinsamen Mittelpunkt oder einer gemeinsamen
Ebene dasselbe, ihre beiderseitige Richtung im Raume aber gleichfalls
entgegengesetzt ist, so geht dieselbe in den nicht blos räumlichen,
sondern eigentlichen (stofflichen) Contrast über. Unter die erstere
fällt zum Beispiele die Anordnung gleicher Thürme in gleicher
Entfernung von der Mittelaxe der Kirche nach entgegengesetzten
Weltgegenden (wie z. B. beim Kölner- oder beim Stephansdom). Unter
den letzteren füllt die Anordnung eines noch unverwundeten und eines
schon verschiedenen Sohnes in gleicher Entfernung von der Mittelaxe
der Gruppe nach entgegengesetzten Richtungen bei der Darstellung
des Laokoon. Beide können wie in räumlicher, so auch in zeitlicher
Anordnung, wenn an die Stelle des idealen Mittelpunktes im Raume ein
eben solcher in der Zeit, und statt der räumlichen Richtung nach rechts
und links, oben und unten, die zeitliche nach der Vergangenheit und
nach der Zukunft hin eingeführt wird, Anwendung finden. So kehrt in
der Tanzmusik nach der Coda die ursprüngliche Melodie, im Ritornell
und Strophenlied der Refrain wieder und baut sich im Fortschritte der
dramatischen Handlung Schürzung und Lösung vor und nach dem Knoten
symmetrisch auf.
126. An die ästhetische Idee des Einklanges schliesst sich ein
Verfahren an, welches dieselbe im ganzen Umfange des dem Bewusstsein
vorschwebenden Scheins durchzuführen d. h. welches nur solche
Bestandtheile in demselben zuzulassen bemüht ist, die unter einander
nicht nur verwandt (homogen), sondern überwiegend identisch sind. Das
Resultat dieses Verfahrens ist die ästhetische Einheit, welche je
nach der specifischen Natur des die ästhetische Vorstellungswelt
ausmachenden Scheins bald als musikalische (d. i. als Einheit der
Tonwelt, des Tongeschlechts, der Tonleiter), bald als malerische
(d. i. als Einheit der Licht- und Farbenwelt, der Beleuchtungsquelle,
des Farbengeschlechtes u. dgl.), bald als bildnerische (d. i. Einheit
der Formenwelt: der schlanken, aufstrebenden und im Spitzbogen
sich wölbenden in der germanischen; der Quader, des Halbrund
und der flachgewölbten Kuppel in der römischen; des horizontalen
Architravs, der Säule und des Giebels in der griechischen Baukunst
etc.), in der poetischen Welt bald als lyrische (d. i. als Einheit
der Gemüthsstimmung), epische (d. i. als Einheit der Zeitlinie, an
welcher die Begebenheiten aufgereiht werden), bald als dramatische
(d. i. als Einheit der Handlung) sich kundgibt.
127. Der qualitative Gesichtspunkt der Ausschliessung des Gegensatzes
ergibt die Idee der ästhetischen Correctheit. Dieselbe besteht darin,
dass keine mit einander unverträglichen Vorstellungen gleichzeitig
im Bewusstsein vorhanden, oder, wenn vorhanden, aus demselben
beseitigt sind. Jenes kann als natürliche, dieses als künstliche,
also nur auf Zeit und nur für denjenigen, welcher den Gegensatz
beseitigt hat, bestehende Correctheit bezeichnet werden. Da die
Abwesenheit unverträglicher Vorstellungen im Bewusstsein zwar
Missfallen verhindert, selbst aber keinerlei Wohlgefallen hervorruft,
so ist die Correctheit im Gegensatze zu den Ideen der Vollkommenheit,
des Charakteristischen und des Einklanges, welche als solche positiv
beifällig sind, nur eine negative ästhetische Idee, deren Verletzung
missfällt, deren Beobachtung jedoch gleichgiltig lässt. Dieselbe stellt
daher zwar die conditio sine qua non des unbedingt Beifälligen, für
sich allein aber weder als natürliche, noch (und zwar noch weniger)
als künstliche ein Wohlgefälliges dar. Beispiel der natürlichen
Correctheit ist der natürliche, Beispiel der künstlichen dagegen
der sogenannte künstliche Anstand, von welchen der erstere auf der
Einhaltung der durch das natürliche Schicklichkeitsgefühl gebotenen
Grenzen, der letztere dagegen auf der ängstlichen Beobachtung der
conventionellen, durch gesellschaftliche Uebereinkunft festgesetzten
Formen und Gebräuche des geselligen Umganges beruht. Ein Beispiel aus
der Kunstwelt liefert im Gegensatze zu der natürlichen Correctheit,
welche im Drama Einheit der Handlung fordert, die dem französischen
Nationalgeschmack entsprungene künstliche Correctheit des classischen
Dramas der Franzosen, welche noch überdies die sogenannte Einheit
der Zeit und des Ortes erheischt. Während daher die natürliche
Correctheit eine allgemeine und nothwendige, drückt die künstliche
eine zufällige, auf den Umkreis einer Nation oder eines Zeitalters
beschränkte Eigenschaft des ästhetischen Scheines aus.
128. An die Idee der Correctheit schliesst sich ein Verfahren an,
welches bestimmt ist, die Ausschliessung mit und unter einander
unverträglicher Bestandtheile durch den ganzen Umkreis der ästhetischen
Vorstellungswelt durchzuführen. Ergebniss desselben ist die ästhetische
Reinheit d. i. die Abwesenheit alles Störenden in der ästhetischen
Vorstellungswelt, welche, wenn die durchzuführende Correctheit eine
natürliche ist, selbst als solche, ist sie dagegen eine künstliche, als
künstliche Reinheit bezeichnet wird. Dieselbe ist, wie die Correctheit,
nur eine negative Eigenschaft des schönen Scheins, durch welche, wenn
sie eine natürliche ist, das Missfallen für Alle, überall und auf
immer, wenn sie dagegen blos eine künstliche ist, nur für diejenigen
nur an jenen Orten und nur für so lange vermieden wird, für welche,
an welchen und so lange das conventionelle Uebereinkommen, auf das
sie begründet ist, besteht. Beispiele der natürlichen Reinheit bietet
der natürliche, der künstlichen dagegen der künstlich festgesetzte
Sprachgebrauch in Regel und Schrift, wie der erste zum Beispiele
in der deutschen, der letztere dagegen in Folge der Herrschaft des
Dictionnaire de l'Académie in der französischen Literatur stattfindet.
129. Der qualitative Gesichtspunkt der Wiederherstellung des Seins aus
dem an dessen Stelle getretenen und dasselbe verdunkelt habenden Schein
ergibt die ästhetische Idee der Ausgleichung. Dieselbe besteht darin,
dass die wirklich im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen, welche,
sei es durch Zufall, sei es durch Absicht, aus dem Bewusstsein
verdrängt und durch andere, denselben entgegengesetzte ersetzt
worden sind, ohne, ja wider den Willen des Vorstellenden in das
Bewusstsein zurückkehren und ihrerseits diejenigen, die ihre Stelle
eingenommen haben, verscheuchen. Der durch die Unwillkürlichkeit ihres
Wiederauftauchens erzeugte Schein der Unabhängigkeit der Vorstellungen
vom Vorstellenden wirft auf deren Vorgestelltes selbst den gleichen
Anschein der Selbstständigkeit, inneren Lebens und Beseeltseins, so
dass die Bewegung der wieder auftauchenden Vorstellungen im Bewusstsein
nicht als eine durch den Vorstellenden hervorgerufene, sondern als
eine den Vorstellungen selbst innewohnende, als Selbstbewegung des
Vorgestellten, als lebendiger Schein erscheint d. h. das Geschöpf des
Bewusstseins sich in Selbstbewusstsein verwandelt. Je nachdem die aus
ihrer Verdunklung wieder hergestellten Vorstellungen entgegengesetzt
oder harmonische waren, wird das Product des vollzogenen Ausgleiches
entweder das Dasein entgegengesetzter oder harmonischer Vorstellungen
d. h. der Ausgleich selbst entweder ein solcher mit disharmonischem
oder harmonischem Ausgang sein. Ersterer schliesst zwar mit einer
offenen Dissonanz (wie ein Heine'sches Lied oder eine Chopin'sche
Phantasie), aber das Missfallen, welches der Geltung blossen Scheins
für Sein anklebt, wenigstens ist vermieden. In letzterem Falle wird
nicht blos letzteres Missfallen unmöglich gemacht, sondern die wieder
hergestellte ursprüngliche Consonanz lässt den Process der Ausgleichung
in einen volltönenden Accord ausklingen.
130. Wie die Idee der Correctheit, so ist jene der Ausgleichung keine
positive, unbedingten Beifall begründende, sondern blos negative,
unbedingtes Missfallen verhütende Idee. Weder die Vermeidung des
Störenden, noch die Wiederherstellung des Ursprünglichen ist an und für
sich beifalls-, aber die Gegenwart des Unerträglichen und der Bestand
der Lüge für Wahrheit sind an und für sich verwerfenswerth. Beide
Ideen bilden daher zwar Bedingungen, ohne welche kein Schönes sein,
durch welche allein aber nichts zum Schönen werden kann.
131. An die ästhetische Idee des Ausgleichs schliesst sich
ein Verfahren an, welches dieselbe durch den ganzen Umkreis des
ästhetischen Scheins durchzuführen, allenthalben das Sein an die Stelle
des Scheins zu setzen und die ursprünglich gegebenen anstatt der für
dieselben eingeschobenen Elemente der ästhetischen Vorstellungswelt
wieder herzustellen bemüht ist. Ergebniss desselben ist der durch
die gesammte Welt des ästhetischen Scheins verbreitete Anschein
selbstständiger Lebendigkeit, inwohnender Beseelung und Bewegung,
Ablösung des Vorgestellten vom vorstellenden Subjecte d. i. die
ästhetische Idee der Objectivität als Beseeltheit und Seelenhaftigkeit
des ästhetischen Objectes. Dieselbe geht darauf aus, die Geschöpfe
des vorstellenden Subjects als Geschöpfe ihrer selbst d. i. als sich
selbst den Leib ihrer äusseren Erscheinung, Bewegung und Handlung
bauende und bestimmende seelenhafte Subjecte, die gesammte Welt des
ästhetischen Scheins als beseelte Welt, das Kunstwerk der Phantasie wie
ein Naturwerk erscheinen zu lassen. Ausdruck dieses Strebens ist die
dramatische, nach der natürlichen Verkettung von Ursachen und Wirkungen
aus den gegebenen Charakteren und der gegebenen Situation mit innerer
Nothwendigkeit hervorspringende, scheinbar ohne Wissen und Willkür
des Dichters, wie "auf eigenen Füssen" einherschreitende dramatische
Handlung. Die aus dem Hirn des Dichters entsprungenen scheinbar
lebendig wandelnden Gestalten gleichen den Steinen Deukalion's,
welche zu Menschen geworden sind.
132. Keine der angeführten ästhetischen Ideen ist das ganze Schöne,
aber jede derselben bezeichnet ein Element des Schönen. Weder das
Grosse, noch das Charakteristische oder Harmonische, noch weniger
das Correcte oder das Ausgeglichene für sich erschöpft das Gebiet des
unbedingt Wohlgefälligen, aber jedes der drei ersten, die eben darum
die positiven Merkmale des Schönen ausmachen, stellt ein solches
dar; die beiden letzteren dienen demselben wenigstens als negative
Kriterien. Unter einander verglichen lassen die Eigenschaften der
Vollkommenheit, Wahrheit, Einheit und Reinheit als ruhendes, lässt
sich dagegen die Beseelung, Bewegung und Objectivität als bewegtes
Schönes bezeichnen. Die Gesammtheit sämmtlicher ästhetischer Ideen
zu einem Totalbilde vereinigt prägt dem ästhetischen Schein, wenn
derselbe von geringerem, ja von dem geringsten denkbaren Umfang ist,
den Stempel der Schönheit, wenn derselbe von grösserem, ja von dem
grössten denkbaren Umfang ist, durch die Erweiterung der einfachen
ästhetischen Ideen mittels des sich an dieselben anschliessenden
Verfahrens: der Grösse zur Vollkommenheit, des Charakteristischen zur
Wahrheit, des Einklangs zur Einheit, der Correctheit zur Reinheit und
der Ausgleichung zur Objectivität, die nie und nirgends erlöschende
Marke der Classicität auf.
133. Wie jeder der logischen Ideen, so steht jeder der ästhetischen
Ideen ihr Gegenbild zur Seite. Der ästhetischen Idee der Vollkommenheit
steht die der Unvollkommenheit, der des Grossen die des Kleinen, jener
des Charakteristischen die des Charakterlosen, jener des Einklangs
die des Missklangs gegenüber. Wie das Grosse, Reiche und Wohlgeordnete
gefällt, so missfällt das Kleine, Dürftige und Zusammenhangslose. Wie
das sein Vorbild in bezeichnenden und wesentlichen Zügen wiedergebende
Nachbild Wohlgefallen erregt, so folgt der unbestimmten, verblasenen
und verschwommenen, kaum kenntlichen Nachahmung das Missfallen auf dem
Fusse. Wie das Harmonische, wo und an wem es sich findet, unbedingt
Lob, so zieht das Disharmonische, wenn es nicht als Vorbereitung zu
einem Harmonischen um dieser seiner dem Schönen dienenden Stellung
willen geduldet wird, unbedingt Tadel nach sich. Die Gegensätze
des Correcten und Ausgeglichenen sind durch die Missfälligkeit des
gleichzeitig vorhandenen Unverträglichen und der Geltung des Scheins
für Sein selbst als unbedingt missfällig gekennzeichnet: Incorrectheit
und Trug erscheinen als unbedingt verwerflich.
134. Eine Ausnahme macht die Stellung des an sich unbedingt
Missfälligen, Unverträglichen, in der Idee der Ausgleichung mit
harmonischem Ausgang. Weil in diesem Fall das Ursprüngliche und am
Schluss des Processes Wiederhergestellte ein Harmonisches ist und
der Eindruck dieses letzteren durch die vorangegangene Verdunklung,
durch dessen disharmonisches Gegentheil, wie die Erfahrung zeigt,
der auflösenden Consonanz durch die vorangegangene Dissonanz, des
neugeborenen Lichtes durch die vorhergegangene Finsterniss, auf das
vorstellende Subject, den Beschauer und Hörer, erhöht und bestärkt
wird, so tritt in diesem Fall das an sich, wenn es als Zweck gedacht
wird, unbedingt auszuschliessende Missfällige (die Dissonanz, das
Nachtdunkel) in die Rolle eines die Erscheinung des Harmonischen,
welches als Selbstzweck nicht nur möglich, sondern gefordert ist,
vorbereitenden und fördernden Mittels zurück und wird um dieser seiner
dem Harmonischen nützlichen Beschaffenheit willen nicht nur zugelassen,
sondern, um den schliesslichen Effect des Harmonischen auf jede
mögliche Weise und zu jedem erreichbaren Grade zu steigern, mit Wissen
und Willen als Hilfsmittel verwendet. Von dieser Art ist der Gebrauch
der Dissonanzen in der Musik, des Licht- und Schattencontrastes, so
wie der Farbengegensätze in der Malerei, des tragischen d. i. das
Gerechtigkeitsgefühl beleidigenden Schicksalsverhängnisses in der
Tragödie, die Einführung sittlich verwerflicher Charaktere (moralischer
Schlagschatten, Bösewichter, Intriguanten) in die dramatische oder
epische Handlung etc.
135. Wie die Zusammenfassung der ästhetischen Ideen das Schöne,
jede derselben für sich ein Schönes, so stellen die Gegenbilder
der einzelnen ästhetischen Ideen jedes für sich ein Hässliches, die
Zusammenfassung aller in einem Totalbilde das Hässliche dar. Werden
die Gegenbilder der einzelnen ästhetischen Ideen durch ein dem
Verfahren bei den ersteren entgegengesetztes auf den ganzen Umkreis
der ästhetischen Vorstellungswelt ausgedehnt, so dass in demselben
durchgängig statt der Vollkommenheit Unvollkommenheit, statt der
Grösse Kleinlichkeit, statt der Wahrheit Unwahrscheinlichkeit, statt
der Einheit Verwirrung, statt der Reinheit Rohheit und statt der sich
selbst beseelenden und tragenden Objectivität gesetzlose Willkür
und genial scheinen wollender Subjectivismus herrscht, so wird,
wie durch jene dem Totalbild der Stempel der Classicität, so durch
diese demselben das Gepräge der ungebundenen Individualität d. i. des
romantischen Subjects, die formlose Form der Romantik aufgeprägt.
136. Mit der Aufstellung der ästhetischen Ideen und ihrer Gegenbilder,
der einen zur Nachahmung, der andern zur Abschreckung für jedes
Schaffen, das Schönes d. i. unbedingt Wohlgefälliges hervorbringen,
unbedingt Missfälliges vermeiden will d. h. mit der Aufzählung
der normalen und anormalen Formen, welche Normen des ästhetischen
Vorstellens und künstlerischen Producirens sind, ist das Geschäft
der Aesthetik als allgemeiner Wissenschaft vom Schönen vollendet.
DRITTES CAPITEL.
DIE ETHISCHEN IDEEN.
137. Wie die logischen Ideen die Normen, unter welchen Denken zum
Wissen, die ästhetischen die Normen, unter welchen ästhetischer Schein
zum Schönen, so stellen die ethischen Ideen die Bedingungen dar,
unter welchen Wollen zum Guten wird. Von Kant stammt der Ausspruch,
dass das einzige, was wahrhaft und in jeder Hinsicht gut genannt zu
werden verdiene, der gute Wille sei; welcher aber der gute d. h. unter
allen denkbaren Willen derjenige sei, der unbedingt d. h. allgemein
und nothwendig gefällt, sollen nachstehende Betrachtungen entwickeln.