Farbenempfindungen gleichzeitig oder nach einander in's Bewusstsein,
so ist jede derselben nicht einfach, sondern zusammengesetzt, und zwar
aus der Empfindung der Grundfarbe und jener der Oberfarbe; trifft es
sich nun, dass diejenige Farbe, die in der einen derselben Grundfarbe,
in der anderen Oberfarbe ist, so sind beide Farbenempfindungen ihrem
Inhalt nach überwiegend identisch, wie dies bei der Farbenverbindung
Roth (dessen Nebenfarbe Grün) und Grün (dessen Nebenfarbe Roth ist) und
ebenso bei der Verbindung Blau (dessen Nebenfarbe Orange) und Orange
(dessen Nebenfarbe Blau ist), dagegen nicht bei der Verbindung Roth
(dessen Nebenfarbe Grün) und Blau (dessen Nebenfarbe Orange ist)
thatsächlich der Fall ist. Verbindungen ersterer Art können daher
harmonische (Farbenconsonanzen), Verbindungen nicht complementärer
Farben müssen disharmonische (Farbendissonanzen) heissen.
106. Die Analogien zwischen harmonischen Ton- und dergleichen
Farbenverbindungen sind unter Anderen von Unger weiter ausgeführt
worden. Wie unter den ersteren Terz, Quint und Octave als Consonanzen,
Secunde, verminderte Quart und Septime als Dissonanzen, so werden
von ihm unter den letzteren die Terz als harmonische, die Secunde
als disharmonische Farbenintervalle unterschieden. Dem musikalischen
Accord als harmonischer Verbindung dreier Töne (Dreiklang) wird der
Farbenaccord als harmonische Verbindung dreier Farben (Dreischein), der
Vervielfältigung der Tonscala durch Erhöhung und Vertiefung der Töne
eine ebensolche der Farbenleiter durch Erhöhung und Verminderung der
Lichtstärke, der Unterscheidung von Klangfarben und Tongeschlechtern
nach Ton- eine ebensolche von Farbentönen und Farbengeschlechtern
nach Lichtquellen etc. zur Seite gesetzt.
107. Wie die Consonanz auf überwiegender Identität, so beruht deren
Gegentheil auf überwiegendem Gegensatz. Wie die leicht und anstandslos
vor sich gehende oder allen Hemmnissen zum Trotz durchgesetzte
Verschmelzung überwiegend identischer Vorstellungen ein in dem
letztgenannten Fall noch beträchtlich gesteigertes Lustgefühl, so
lässt der alles Bemühens, Entgegengesetztes zu vereinigen, ungeachtet
immer wiederkehrende Misserfolg, der durch den als unüberwindliches
Hemmniss sich herausstellenden Gegensatz herbeigeführt wird, ein
nachgerade bis zur Unerträglichkeit sich steigerndes Gefühl der
Unbefriedigung zurück. Die theilweise gleichen, aber überwiegend
entgegengesetzten Vorstellungen werden durch das in ihnen enthaltene
Gleiche immer wieder zu einander gezogen, durch das gleichfalls in
ihnen enthaltene Entgegengesetzte, welches letztere überwiegt, aber
unaufhörlich aus einander gehalten. Dieses bewirkt, dass sie nicht
eins werden, jenes verursacht, dass sie trotzdem nicht von einander
loskommen können. Dieses gleichzeitige sich Suchen und sich Fliehen,
sich Festhalten und sich Verdrängen der Gegensätze bringt im Gemüth
eine Ixionsartige Unruhe hervor, deren Bestand auf die Dauer für den
Vorstellenden unhaltbar wird.
108. Folge davon ist, dass derselbe obigen Zustand zu beseitigen sich
entschliesst. Da dieser aber auf der gegensätzlichen Beschaffenheit des
Inhalts und der in Folge dessen sich schlechterdings unter einander
ausschliessenden Natur der gleichzeitig im Bewusstsein vorhandenen
Vorstellungen beruht, folglich so lange fortwähren muss, als jener
Inhalt derselbe bleibt, so kann obige Qual auf keine andere Weise
beschwichtigt werden, als indem an die Stelle der gegenwärtig im
Bewusstsein vorhandenen und demselben als mit einander unverträgliche
gleichzeitig vorschwebenden Vorstellungen andere unter einander
verträgliche entweder zufällig (etwa durch Versetzung in eine andere
Umgebung, welche andere Vorstellungen bringt) treten, oder absichtlich
(etwa durch freiwilligen Entschluss, den gegenwärtigen durch einen
beliebigen anderen künstlich festgehaltenen Vorstellungsinhalt zu
ersetzen) an deren Stelle geschoben werden. In beiden Fällen wird die
Qual, die aus dem gleichzeitigen Vorhandensein unverträglicher Gedanken
entsteht, allerdings beseitigt, aber im ersten Fall, da nur ein Zufall
das Verschwinden der unverträglichen Vorstellungen aus dem Bewusstsein
veranlasst hat, nur auf so lange, als nicht ein neuerlicher Zufall
die Rückkehr derselben in das Bewusstsein herbeiführt, im zweiten
Fall nur für den, der jenen Entschluss gefasst, sein inneres Auge
gewaltsam gegen die wirklich im Bewusstsein gegenwärtigen Vorstellungen
verschlossen und an die Stelle derselben künstlich andere eingeführt
hat, und nur auf so lange, als er diesen Willen selbst oder die Kraft
hat, denselben ins Werk zu setzen. Die auf solchem Wege herbeigeführte
Beseitigung der Qual ist daher keine natürliche und, weil aus der
innern Natur der im Bewusstsein vorhandenen Vorstellungen entsprungen,
Dauer verheissende, sondern dieselbe findet gleichsam "auf Kündigung"
statt d. h. mit dem Vorbehalt, dass, sobald die durch den Zufall
oder durch den Willen des Vorstellenden gezogene künstliche Schranke
einmal, wie immer, aufhöre, die ursprünglichen, nicht vernichteten,
sondern nur in Latenz versetzten unverträglichen Vorstellungen wieder
emportauchen und dadurch die alten Wunden von neuem bluten werden.
109. Ein Beispiel einer solchen, und zwar durch den Zufall beseitigten
Qual innerlich vorhandener Gegensätze bietet die Heilung eines
zerrissenen Gemüths durch die Abwechslung, Zerstreuung und den
überwältigenden Eindruck, welchen Reisen, Geselligkeit und erhabene
Gebirgsnatur in diesem herbeiführen. Ein Beispiel einer durch
freiwilligen Entschluss "auf Zeit" bewirkten Unterdrückung der
Unruhe, die das Bewusstsein eines widerspruchsvollen Verhältnisses
erzeugt, bietet die Resignation, mit welcher der in einer sogenannten
"Vernunftheirat" Befangene den Gegensatz zwischen der ersehnten und
der thatsächlichen Beschaffenheit seiner Beziehungen zum anderen Theil
erträgt. In beiden Fällen findet Beschwichtigung wirklich statt, aber
im ersteren nur auf zufällige Weise, so dass mit der Rückkehr in die
frühere Umgebung auch das frühere Gefühl des Unglücks wiederkehrt;
in dem letztern nur auf künstliche Weise, so dass mit dem Schwach-
oder Schwankendwerden des Entschlusses auch das volle Gefühl des
lastenden Widerspruchs erneuert wird. Das gefundene Gleichgewicht
ist labil, nicht stabil.
110. Ein unerträglicher Zustand, das gleichzeitige Vorhandensein
sich unter einander ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein,
ist beseitigt; aber ein anderer, gleich unerträglicher, ist an dessen
Stelle getreten. War der frühere Zustand Unruhe, so ist der jetzige
vergleichsweise allerdings Ruhe; diese selbst aber ist nichts weiter
als verhüllte Unruhe. Nicht wirkliche Ruhe, sondern der Schein der
Ruhe ist an die Stelle der, obgleich latent, immer noch währenden
Unruhe getreten; der ursprüngliche Zustand schlummert gleichsam
unter dem künstlich geschaffenen Boden fort und harrt des Moments,
wo er wieder hervorbrechen, den künstlich übergeworfenen Schleier
zerreissen, den ursprünglich dagewesenen, niemals vernichteten,
sondern nur äusserlich niedergehaltenen Zustand wieder herstellen kann.
111. Von dieser Sachlage gilt, dass Schein, der sich für Sein gibt,
auf die Dauer unhaltbar sei, und zwar gleichviel, ob der wirklich
vorhandene Zustand im Bewusstsein, an dessen Stelle künstlich
ein anderer gesetzt worden ist, ein an sich missfälliger oder ein
beifälliger, das Zugleichsein einander ausschliessender oder ein
solches mit einander übereinstimmender Vorstellungen sei. Denn
nicht darin besteht die Unerträglichkeit, dass an die Stelle eines
unerträglichen Zustandes ein erträglicher getreten ist, sondern darin,
dass an die Stelle des wirklich, wenngleich latent, vorhandenen,
ein scheinbar d. i. nur zum Scheine, vorhandener gesetzt worden
ist. Das Unlustgefühl, das sich an das Vorhandensein zweier einander
ausschliessender Vorstellungen im Bewusstsein knüpft, ist verschieden
von demjenigen, welches dem Umstande gilt, dass Schein für Sein,
ein unwahrer an die Stelle des wahren, ein gemachter an jene des
gegebenen Zustandes eingetreten ist. Wenn das erstere aufhört, sobald
die einander ausschliessenden Vorstellungen entweder aufhören einander
auszuschliessen, oder gänzlich aus dem Bewusstsein geschwunden sind, so
schwindet das letztere nicht eher, als bis der widernatürlicherweise
hergestellte Trug, durch welchen Schein an die Stelle des Seins
gesetzt ward, aufgelöst, der künstlich erzeugte Zustand aufgehoben
und der ursprüngliche, widerrechtlich aus dem Bewusstsein verdrängte,
wieder in dasselbe zurückgekehrt ist. Ausdruck dieses Verhältnisses
ist der Satz: Schein, der sich für Sein gibt, missfällt, und zwar in
gleichem Grade, das ursprüngliche Sein, welches durch Schein ersetzt
worden ist, möge an sich beifällig oder missfällig d. i. der Schein,
der durch einen andern verdrängt wurde, möge an sich schön oder
hässlich gewesen sein. In dem einen Fall wird durch die Herstellung
des ursprünglichen Zustandes ein wohlgefälliger, im andern Fall ein
missfälliger Zustand erneuert; aber das Missfallen, welches sich an
den Fortbestand eines erlogenen anstatt des wirklichen Zustandes
heftet, wird in beiden Fällen vermieden. Alles, was sich sagen
lässt, beschränkt sich darauf, dass durch die Wiederherstellung eines
ursprünglichen missfälligen Zustandes zwar das Missfallen, das diesem
gilt, nicht vermieden, aber doch ein anderes, das dem Trugbild gilt,
beseitigt wird, während im Gegenfalle durch die Wiederherstellung eines
ursprünglichen beifälligen Zustandes nicht blos das Missfallen an der
Geltung blossen Scheins für Sein von Grund aus vernichtet, sondern
zum Ueberfluss ein Beifälliges in das Bewusstsein zurückgeführt wird.
112. War der ursprüngliche Zustand Dissonanz, so wird durch
dessen Wiederherstellung ein dissonirender, war er Consonanz, ein
consonirender erneuert; die inzwischen vorhanden gewesene Verhüllung
des wirklich vorhandenen durch einen fälschlicherweise an dessen Stelle
getretenen aber wird in beiden Fällen schwinden gemacht. Im ersteren
Fall wird eine Wunde blossgelegt, die nur scheinbar geschlossen,
aber nicht wirklich geheilt war; im letzteren Fall wird eine Heilung
wieder als Heilung anerkannt, die fälschlicherweise für eine Erkrankung
ausgegeben worden war. In jenem Fall ist der Schlusszustand allerdings
Krankheit, aber der Irrthum, welcher dieselbe für Gesundheit hielt,
wenigstens ist beseitigt. In diesem Fall hat nicht blos der Irrthum,
welcher Heilung für Erkrankung nahm, seine Geltung eingebüsst,
sondern der Schlusszustand ist die wirkliche Gesundheit.
113. Eine Bewegung geht vor sich, die in drei Abschnitten
verläuft. Ausgangspunkt derselben bildet der ursprünglich vorhandene,
deren Mitte der trügerischerweise an dessen Stelle getretene, ihren
Schluss der dem ursprünglichen gleiche, aus dessen Verdunkelung
durch den inzwischen waltend gewesenen Druck wieder hergestellte
Zustand. Dieselbe vollzieht sich, weil der verdunkelnde Zustand
künstlich durch eine äussere Ursache an die Stelle des ursprünglich
vorhandenen geschoben worden ist, nicht durch, sondern gleichsam
im Kampfe wider die letztere, und gewinnt dadurch den Anschein,
Selbstbewegung d. i. Resultat eines ihr selbst innewohnenden und sie
bestimmenden Bewegungsimpulses, eines sie belebenden Lebenskeims,
einer sie bewegenden Seele zu sein d. h. die Bewegung erscheint als
lebendige, beseelte Bewegung.
114. Ist das in obiger Bewegung Begriffene ästhetischer d. h. dem
Vorstellenden vorschwebender, beifälliger oder missfälliger (schöner
oder hässlicher) Schein, so gewinnt derselbe durch obigen Process
selbst den Schein der Beseelung. Der im Bewusstsein ursprünglich
vorhanden gewesene Schein, der von dem Vorstellenden künstlich mit
Wissen und Willen aus demselben verdrängt und durch einen andern,
der sich an seiner Stelle für den wahren ausgibt, ersetzt worden
ist, aber ohne, ja wider Willen des Vorstellenden sich behauptet,
seinerseits den ihn zu verdrängen bestimmt gewesenen Schein verdrängt
und in's Bewusstsein wieder zurückkehrt, nimmt dadurch selbst den
Anschein selbstständigen Lebens, inwohnender Beseelung an, löst
sich, indem er sich gegen den Vorstellenden auflehnt, vom Willen
desselben, also vom vorstellenden Subject ab und erscheint (nicht
als subjectiver, sondern) als objectiver, (nicht als beherrschter,
sondern) das Subject beherrschender, in sich selbst abgeschlossener
und von innen heraus belebter d. i. als (scheinbar) lebendiger Schein
oder als ästhetisches Object.
115. Dasselbe ist harmonisches, wenn der mit dem Schein des
Lebens auftretende Schein ursprünglich schöner Schein, dagegen
ein disharmonisches, wenn derselbe ein hässlicher Schein war. Der
ästhetische Schein, den wir als Vorstellung des Engels, ist als
ästhetisches Object nicht mehr und nicht weniger beseelt, als der
ästhetische Schein, den wir als Bild eines Satans bezeichnen; weder
der eine noch der andere muss darum wirkliches Object d. i. beseelte
Wirklichkeit und reale Geistigkeit sein. Diese, die lebendige Existenz,
wenn sie mehr sein soll als ein Geschöpf der Einbildungskraft, gehört
vor das Forum der Metaphysik, jene, die Existenz des Scheins der
Lebendigkeit, die nicht mehr sein will als ein Product der Phantasie,
fällt als solches allein unter die Jurisdiction der Aesthetik.
116. In dem nothwendigen Entwicklungsgang der dramatischen Handlung
kommt jener Schein nothwendiger Selbstbewegung des Scheins zur
ästhetischen Erscheinung. Wie der ursprüngliche Schein aus seiner
Verdunklung durch Ueberwindung der letztern wieder zum Vorschein,
so kommt der ursprüngliche Thatbestand aus dessen eingetretener
Verdunklung durch deren Ueberwindung wieder zur Klarheit. Oedipus, der
seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet hat, aber in Folge
seines Irrthums, dass er der Sohn des korinthischen Königspaares sei,
weder das eine noch das andere Verbrechen verübt zu haben wähnt, wird
durch die Macht der den trügerischen Wahn zerreissenden Verhältnisse
zur Klarheit über sich selbst und zum Bewusstsein der thatsächlichen
Lage d. i. der auf ihm lastenden tragischen Schuld gebracht. Der
Brudermord im dänischen Königshause, welchen der ehebrecherische
und kronenräuberische Mörder durch die schlaueste und künstlichste
Veranstaltung in den Schleier des tiefsten Geheimnisses zu hüllen
verstanden hat, wird durch den überlegenen Scharfsinn des Prinzen,
der sich mit speculativem Tiefsinn paart und, um verborgen zu bleiben,
sich in die Maske des Wahnsinns steckt, mit langsamer, aber durch ihre
Ausdauer unwiderstehlicher Zähigkeit an's Licht und in der Schlinge,
die er im Andern sich selbst gelegt, zur Bestrafung gezogen. Der
ursprüngliche Thatbestand bildet den Anfang, die Exposition --
die eingetretene Verdunkelung den Wendepunkt, die Peripetie --
die Lichtung derselben und die Wiederherstellung des ursprünglichen
Zustandes den Schluss, die Katastrophe der dramatischen Bewegung.
117. Dieselbe erscheint in Folge dessen weder zufällig, noch
willkürlich d. i. durch die Laune oder das Belieben des dichtenden
Subjects, sondern nothwendig und naturgesetzlich d. i. wie ohne
und unabhängig vom Willen des Dichters durch die Beschaffenheit des
Inhalts der darzustellenden Handlung selbst, und zwar jeder folgende
Moment durch den vorhergehenden, wie die unabänderliche Wirkung aus den
gegebenen Ursachen herbeigeführt. Die dramatische Handlung (und zwar
nicht blos, wie Schiller an Goethe schrieb, "die tragische") steht
unter der Herrschaft des Causalitätsgesetzes, nach welchem bestimmte
Ursachen bestimmte Wirkungen und gegebene Ursachen unausbleiblich ihre
nie fehlenden Wirkungen nach sich ziehen müssen. Dieselbe gewinnt
dadurch als ästhetisches (d. i. Scheins-) Object den Schein eines
beseelten d. i. von innen heraus bewegten Naturobjects; wie das
Thier, das Geschöpf der Mutter Erde, von ihr losgelöst, Leben und
selbstständige Bewegung an den Tag legt, so scheint das dramatische
Kunstwerk, Geschöpf der dichterischen Einbildungskraft, von dieser und
deren Träger, dem Dichter, losgelöst, inneres Leben und selbstständige,
von innen heraus getriebene Beweglichkeit zu besitzen.
118. Was von dem dramatischen, muss von dem Kunstwerk jeder anderen
Kunst (der epischen und lyrischen Poesie nicht weniger, wie der Ton-
und bildenden Kunst) als ästhetischem Object gelten. Jedes derselben,
wenn es für ein solches gehalten werden will, muss den Schein
der Objectivität d. i. der beseelten Lebendigkeit und lebendigen
Beseeltheit an sich tragen. Derselbe wird durch die Schönheit des
beseelt scheinenden Objects, z. B. der Natur, keineswegs ersetzt
(seelenlose Schönheit), durch die Abwesenheit solcher keineswegs
aufgehoben (seelenvolle Hässlichkeit; "la belle laidron"). Das wirklich
Beseelte hat daher vor dem ästhetischen nur scheinbar Beseelten
zwar das Merkmal der Wirklichkeit voraus; da aber nicht diese,
die ihrerseits für den Beschauer nur als Erscheinung in Betracht
kommt, sondern der blosse Schein der Wirklichkeit ästhetisch ist,
so bedeutet jener Vorzug, ästhetisch genommen, nichts und der schöne
wirkliche Gegenstand ist daher nicht mehr und nicht minder schön als
der blosse Schein schöner Wirklichkeit. Es wäre denn, man rechnete die
materielle Wirklichkeit des wirklichen Schönen zu dessen ästhetischer
statt zu dessen physischer Natur und verstünde unter ästhetischem
d. i. dem Genuss des schönen Scheins (wie der platte Realismus und
ästhetische Materialismus will) den materiellen d. i. den Genuss der
schönen Materie (z. B. den physischen Genuss der weiblichen Schönheit).
119. Mit der Betrachtung des überwiegend Identischen, so wie des
überwiegend Gegensätzlichen im theilweise Identischen ist die
Aufzählung der ästhetisch in Betracht kommenden möglichen Fälle
zwischen dem Was des Scheins statthabender Beziehungen erschöpft. Ein
ausschliessend Gegensätzliches, das nicht zugleich bis zu einem
gewissen Grade identisch wäre, kann es, da nur verwandte Vorstellungen,
also solche, deren Inhalt mehr oder weniger unter denselben Begriff
fällt, Bestandtheile der ästhetischen Vorstellungswelt ausmachen
können, in dieser nicht geben. Auch die am stärksten entgegengesetzten
Elemente der letzteren, die sogenannten contrastirenden oder
einander contraponirten (Contrast und Contrapost) Vorstellungen
(wie Riese und Zwerg, Licht und Schatten, forte und piano etc.) sind
nicht blos dadurch mit einander verwandt, dass ihre Objecte zu der
nämlichen Gattung gehören, sondern sie werden einander überdies noch
durch das auszeichnende Merkmal nahegerückt, dass diese beiderseits
Ausnahmen von der Regel, obgleich in entgegengesetzten Richtungen
(der Riese eine Abweichung von der gewöhnlichen Menschengrösse nach
oben, der Zwerg eine solche nach unten, das Licht das Maximum, die
Finsterniss das Minimum der gewöhnlichen Helligkeit; das Fortissimo den
höchsten, das Pianissimo den geringsten Grad der Intensität des Tones)
darstellen. Obige Fälle machen daher zusammengenommen mit derjenigen,
welche aus der Grösse oder Kleinheit des vorgestellten Objects
abgeleitet wird, die Summe derjenigen Bedingungen aus, unter welchen
ästhetischer Schein, er enthalte sonst welchen stofflichen Inhalt
immer, unbedingt d. i. allgemein und nothwendig gefällt oder missfällt.
120. Aus dem quantitativen Gesichtspunkt entspringt die ästhetische
Idee der (ästhetischen) Vollkommenheit. Dieselbe besteht darin,
dass der ästhetische Schein, sowol was dessen Vorgestelltwerden, als
was dessen Vorgestelltes betrifft, zum "Vollen kömmt" d. h. sowol das
erstere zu dem höchstmöglichen Grade von Intensität als das letztere zu
dem höchsten mit Rücksicht auf die Grenzen der Vorstellungsfähigkeit
des vorstellenden Subjects erreichbaren Masse von Grösse erhoben
wird. Ersteres geschieht, indem nicht nur jedes einzelne Vorstellen
mit dem höchst erreichbaren Grade von Lebhaftigkeit erfolgt, sondern
möglichst viel Vorstellen in kürzester Zeit bethätigt wird, aber auch,
indem das Vorstellen selbst auf möglichst gesetzmässige und normale
Weise sich vollzieht. Letzteres geschieht, indem das Vorgestellte,
soweit dessen Natur es erheischt oder doch gestattet, in möglichster
Grösse, Reichthum, Fülle und Wohlordnung vorgestellt und dadurch
zwar nicht über (wie dies beim Erhabenen der Fall ist) aber bis an
die erlaubten Grenzen des Vorstellenden erweitert wird. An dieselbe
schliesst sich ein Verfahren an, dessen Tendenz dahin gerichtet
ist, im ganzen Umkreis des das Bewusstsein ausfüllenden Vorstellens
schwaches Vorstellen durch energisches, daher, da jede sinnliche
Vorstellung die unsinnliche, jede concrete die abstracte, jede
bildliche die unbildliche an Lebhaftigkeit übertrifft, unsinnliche
durch sinnliche Vorstellungen, Begriffe durch Anschauungen, den
eigentlichen Gedanken durch einen uneigentlichen (Tropus, Metapher), im
Allgemeinen Begriffe durch Bilder (Symbole, Allegorien, Gleichnisse) zu
ersetzen, die Energie des Vorstellens durch associirte, auf das Gemüth
wirkende Nebenvorstellungen zu erhöhen, mit einem Wort die gesammte
Vorstellungswelt des Bewusstseins entsprechend zu tonisiren. Resultat
dieses Verfahrens ist ein im Ganzen und in jedem seiner Bestandtheile
lebhaftes, reiches und wohlgeordnetes Vorstellungsleben, vollkommener
ästhetischer Schein, welcher nicht mit dem Schein des Vollkommenen
d. i. eines einem gewissen Zwecke oder einem gewissen Begriffe
Entsprechenden, Zweck- oder Begriffsmässigen zu verwechseln ist. Jener
gehört dem Vorstellen, dieser dem Vorgestellten an; jener drückt aus,
dass vollkommen vorgestellt, dieser würde ausdrücken, dass Vollkommenes
vorgestellt werde.