69. Wie die logischen Ideen die (formalen) Normen enthalten,

unter welchen beliebiger Denkinhalt zum wahren d. i. zum unbedingt

d. h. von Jedermann und allezeit als solcher anerkannten Denkinhalt

wird, so stellen die ästhetischen Ideen die Bedingungen dar,

unter welchen beliebiger Vorstellungsinhalt zu schönem d. i. zum

unbedingt d. h. von Jedermann und allezeit als solches anerkanntem

Wohlgefälligen wird. Während dagegen die logischen Ideen auf ein

jenseits des Denkinhalts Gelegenes d. i. auf ein Object hinweisen,

auf welches derselbe bezogen wird, weisen die ästhetischen von dem dem

Denkenden vorschwebenden Vorstellungsinhalte auf diesen als das Subject

zurück, von welchem derselbe sei es mit Beifall oder mit Missfallen

aufgenommen wird. Jenen, die auf ein Gewusstes d. h. einen dem Sein

entsprechenden Denkinhalt ausgehen, ist es daher keineswegs, diesen

dagegen, die blos auf ein Wohlgefälliges d. h. einen dem Denkenden

genehmen Vorstellungsinhalt aus sind, aber völlig gleichgiltig, ob

ein diesem Denk- oder Vorstellungsinhalt entsprechender Gegenstand

jenseits oder nebst demselben thatsächlich vorhanden sei.

70. Der Unterschied beider Auffassungsweisen lässt sich durch das

Verhältniss des Denkers und des Dichters zu ihren beiderseitigen

Stoffen erläutern. Der Denker, er sei nun Philosoph oder Empiriker, hat

ein Interesse daran, dass der Inhalt seiner, sei es philosophischen,

sei es für Erfahrung gehaltenen Gedanken mit dem Inhalt, sei es der

philosophischen, sei es der Erfahrungs- (naturgeschichtlichen oder

historischen) Wahrheit sich decke, z. B. dass der Held seiner Gedanken

dem Helden der Geschichte congruent sei. Der Dichter, er sei nun ein

solcher in Farben, Tönen oder Worten, hat nur ein Interesse daran,

dass der Inhalt seiner Vorstellungs- (Farben-, Ton- oder poetischen)

Welt wohlgefällig d. h. seiner eigenen, sowie den Anforderungen seiner

Zuschauer-, Zuhörer- oder Lesewelt an ein ästhetisches Kunstwerk

angemessen sei. Der Held seiner Tragödie braucht darum keineswegs

mit dem (wenn auch gleichnamigen) Helden der Geschichte sich zu

decken. Jener nimmt als Historiker an Richard III., Egmont, Wallenstein

ein historisches, dieser als Dramatiker an denselben Persönlichkeiten

nur ein dramatisches (ästhetisches) Interesse. Ersterem kommt es darauf

an, seinen Helden zu schildern, wie er wirklich war, aus keinem anderen

Grunde, als weil er so war; dieser begnügt sich denselben darzustellen,

wie er seiner Charakteranlage nach nicht nur hätte sein können, sondern

bei ungehemmter Entfaltung derselben unter den gegebenen Verhältnissen

hätte sein müssen, aus keinem anderen Grunde, als weil die wirkliche

Entfaltung eines Charakters nur die naturgesetzlich-nothwendige Folge

seiner ursprünglichen psychischen Naturell- und Temperamentsanlage

sein kann.

71. Verglichen mit dem wissenschaftlichen (theoretischen) Interesse

an der Wahrheit und Wirklichkeit des Gedachten ist das ästhetische

an der blossen Wohlgefälligkeit und Möglichkeit des Vorgestellten

streng genommen kein Interesse. Der Poet oder überhaupt der Künstler

scheint dem Forscher und Gelehrten interesselos, gleichgiltig,

wie seinerseits wieder dieser gegen die künstlerische Abrundung und

innere Geschlossenheit eines dem Reiche des blossen Scheins angehörigen

Phantasiebildes kalt und theilnahmslos bleibt. Der ästhetisch Gestimmte

nennt den um Wahrheit und Wirklichkeit seiner Gedanken besorgten Denker

und Gelehrten einen Realisten und Prosamenschen; dieser den nur auf

Schönheit und innere Vollendung bedachten Künstler einen Idealisten und

phantastischen Schwärmer. Die Gedankenwelten beider sind durch eine

tiefe Kluft getrennt, über welche gleichwohl die Unverbrüchlichkeit

der logischen Ideen, ohne welche auch die wohlgefällige Gedankenwelt

nicht möglich, durch welche allein aber weder die wirkliche noch irgend

eine mögliche Welt wohlgefällig wird, eine ausgleichende Brücke spannt.

72. Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass das Schöne (die ästhetische

Vorstellungswelt) Schein, keineswegs aber folgt daraus, dass jeder

Schein schön sei. So wenig zur Wahrheit eines beliebigen Denkinhalts

genügt, dass derselbe Inhalt eines Denkens, so wenig reicht es zur

Schönheit eines beliebigen Vorstellungsinhalts hin, dass derselbe

Inhalt eines Vorstellens sei. Wie vom logischen Gesichtspunkt aus

weder kein noch jeder Denkinhalt wahr, so ist vom ästhetischen

Gesichtspunkt aus weder kein noch jeder Schein schön; ästhetischer

Dogmatismus und Skepticismus sind wie logischer Dogmatismus und

Skepticismus gleichmässig abzuweisen. Und wie für die Logik daraus

die Aufgabe erwächst, die Merkmale anzugeben, durch welche wahrer

von falschem Denkinhalt, so erwächst für die Aesthetik die ihrige,

die Kennzeichen festzustellen, durch welche schöner von unschönem

(hässlichem) Schein sich unterscheidet.

73. Wie von derjenigen Logik, welche die Wahrheit in der

Uebereinstimmung des Denkens mit dem Sein, also in einem materialen

Kriterium findet, das Kennzeichen des wahren im Unterschied zum

falschen Denkinhalt darin gefunden wird, dass durch denselben ein

anderer, der Seinsinhalt, gedacht und zwar so gedacht wird, wie er

wahrhaft ist: so wird von derjenigen Aesthetik, welche die Schönheit

in der Uebereinstimmung der Idee mit der sinnlichen Erscheinung, also

in einem materialen Kriterium findet, das Kennzeichen des schönen vor

hässlichem Schein darin gefunden, dass durch jenen ein Anderes, nämlich

die Idee hindurchscheint und zwar so hindurchscheint, wie sie wahrhaft

ist. Dieselbe, die eben darum Gehaltsästhetik heisst, geht davon aus,

dass das Schöne nicht sowohl Schein, als vielmehr Erscheinung eines

hinter demselben befindlichen idealen Gehalts und daher nicht an sich

und um seiner selbst willen, sondern mittelbar und um eines andern,

des in demselben zur sinnlichen Erscheinung kommenden Gehalts willen

schön sei. Dasselbe verhält sich dieser Auffassung zufolge zu dem in

demselben erscheinenden um seiner selbst willen werthvollen Gehalt

wie der Mond, der sein Licht von der Sonne empfängt, während diese

im ureignen Lichte strahlt.

74. Das Schöne als sinnlicher Schein ist von diesem Gesichtspunkte

aus betrachtet nichts weiter als die sinnliche Hülle eines an sich

unsinnlichen oder, wenn man will, übersinnlichen, sei es persönlich

(wie in der theistischen Aesthetik: Carrière), sei es unpersönlich

(wie in der pantheistischen Aesthetik: Vischer) gedachten Wesens,

also im ersten Falle die sinnliche Erscheinung Gottes, im zweiten die

sinnliche Erscheinung der logischen oder ethischen Idee. Ersterer

Auffassung zufolge wäre sonach Schönheit überall dort, wo Gott,

aber auch nur dort, wo dieser erscheint, letzterer Auffassung zufolge

überall dort, wo die (sei es theoretische oder praktische) Vernunft,

aber auch nur dort, wo diese erscheint. Wie das Schöne mit dem sinnlich

erscheinenden Göttlichen, so fiele dessen Gegentheil, das Hässliche,

mit dem gleichfalls sinnlich erscheinenden Un- oder Widergöttlichen

(dem Dämonischen oder Satanischen: Weisse) -- zusammen; wie das Schöne

mit der sinnlich erscheinenden Vernunft (dem Wahren und Guten), so

fiele dessen Gegentheil mit der gleichfalls sinnlich erscheinenden

Un- oder Widervernunft (dem A- oder Antilogischen, Unwahren, dem Un-

oder Widersittlichen, dem Bösen) zusammen. Im ersten Falle erhielte

das Schöne wesentlich religiösen, im letzteren dagegen einen im Wesen

lehrhaften (didaktischen und moralischen) Charakter.

75. Folge des ersteren ist, dass die (religiöse) Gehalts-Aesthetik

die Kunst der Religion unter-, Folge des letzteren ist, dass die

(nichtreligiöse aber philosophische) Gehalts-Aesthetik die Philosophie

der Kunst überordnet. Jene macht dieselbe zur Dienerin der Theologie,

diese weist ihr den Beruf zu, die "Wahrheit im Bilde" (das Allgemeine

im Besonderen: Allegorie, oder im Individuellen: Symbol) darzustellen.

76. Demzufolge hätte die Kunst keinen andern Zweck, als sich

selbst überflüssig zu machen d. h. sich entweder in Religion oder

in Philosophie, der schöne Schein keine andere Bestimmung, als sich,

sobald irgend möglich, in übersinnliches Sein, sei es in das göttliche,

sei es in das der Idee, aufzulösen. Die Sinnlichkeit, die nach Leibnitz

nur eine "dunkle Vernunft" d. i. eine verworrene Erkenntniss (notio

confusa) des Wahren ist, bildet nur die untergeordnete Vorstufe zur

reinen Vernunft, welche als solche "klare" d. i. deutliche Erkenntniss

(notio clara atque distincta) der Wahrheit ist. Die Vollkommenheit

der ersteren, durch welche schon das niedere Erkenntnissvermögen

in den Stand gesetzt wird, das Wahre und Gute, wenngleich nur

sinnlich zu erkennen, bietet der schwachen, mit der irdischen

Mangelhaftigkeit sinnlicher Leiblichkeit behafteten Menschennatur

einen dürftigen Ersatz für die mangelnde Vollkommenheit reiner

Vernunfterkenntniss, deren übermenschliche Wesen in höherem Grade,

und die Gottheit, die aller Sinnlichkeit ledig ist, im höchsten Grade

sich erfreuen. Dieselbe macht, wie die Sinnlichkeit den Unterschied

des Menschen vom reinen Geistwesen, so gewissermassen einen Vorzug

desselben vor diesem aus, indem der Mensch, der allein Sinnlichkeit

besitzt, allein auch der Vollkommenheit derselben d. i. der Schönheit,

fähig ist. Derselbe theilt, um mit Schiller zu reden, "sein Wissen"

(die reine Vernunfterkenntniss) zwar "mit höheren Geistern", die

Kunst aber hat derselbe "allein".

77. Wie das Schöne nach dieser Auffassung nur eine dem Wissen

parallele Auffassung des Wahren und Guten, die Kunst nur eine der

Wissenschaft parallele Darstellung von beiden, so ist die Aesthetik als

Wissenschaft von der Vollkommenheit der sinnlichen Erkenntniss nach

dieser zuerst von Baumgarten aufgebrachten, von den platonisirenden

Aesthetikern des nachkantischen Idealismus (Schelling, Hegel und

ihren Schulen) adoptirten Auffassung eine Paralleldisciplin der

Logik als Wissenschaft von der Vollkommenheit der reinen Vernunft-

und Verstandeserkenntniss. Indem sich dieselbe zur Aufgabe setzt,

das niedere Erkenntnissvermögen, den Sinn, als Erkenntnissorgan

zur Vollkommenheit zu bringen, steckt sich dieselbe ein Ziel,

welches nachher die von Mill und Anderen sogenannte inductive

Logik mit ungleich grösserem Recht und Erfolg sich vorgesetzt

hat. Indem dieselbe das Schöne als sinnliche d. i. zugleich ver-

und entschleiernde Hülle desselben Wahren und Guten betrachtet, von

welchem die Wissenschaft durch Vernunft (Philosophie) die nackte und

schleierlose Erkenntniss ist, setzt sie dasselbe zu einem Nothbehelf,

zu einer Staarbrille herab, da das operirte Auge des Sehendgewordenen

den selbst leuchtenden Glanz der Idee nicht aushält.

78. Weder Beliebigkeit des Gehalts, noch dessen an sich vorhandene

Trefflichkeit, also überhaupt nicht Beschaffenheit des Gehalts macht

den Schein zum Schönen. Ersteres nicht, weil sonst jeder Schein schön,

das Zweite nicht, weil der Schein, um schön zu sein, aufhören müsste zu

scheinen, das Dritte nicht, weil der Schein, wenn er Gehalt besässe,

nicht Schein sondern Erscheinung wäre. Sehen wir aber beim Schein

(Bild) von der Forderung eines hinter demselben verborgenen Gehaltes

(Sinn) ab, so dass nur jener (das vorschwebende Bild) und der, dem

er scheint (das Subject, dem das Bild vorschwebt), übrig bleibt, so

kann, da nicht jeder Schein schön ist, der Grund, um deswillen einiger

Schein schön ist, anderer nicht, nur entweder in der Beschaffenheit

des Scheins als Schein, oder in der Desjenigen, dem er scheint (des

ästhetischen Subjects) gefunden werden.

79. Ersterer Fall schliesst in sich, dass der schöne Schein als

Schein gewisse Eigenschaften besitze, die dem nichtschönen abgehen;

letzterer Fall erheischt, dass das ästhetische Subject, dem nur schöner

Schein scheint, von demjenigen, dem auch unschöner vorschwebt, der

Art nach verschieden, beziehungsweise das erstere vor dem letzteren

bevorzugt, sozusagen ein ästhetisches "Sonntagskind" sei. Aus dem

ersteren folgt, dass der Aesthetik die Aufgabe erwachse, die dem

Schein als Schein nothwendigen Eigenschaften, um schön zu sein,

aufzuspüren; aus dem letzteren folgt, dass es ein Mittel geben

müsse, das wirkliche von dem vermeintlichen, entweder sich selbst

betrogener- oder betrügerischerweise dafür ausgebenden oder von Anderen

fälschlicherweise dafür gehaltenen "Sonntagskind" d. h. das echte,

geborene Genie (den künstlerischen Edelstein) von dem unechten,

nachgemachten oder sich selbst dazu machenden Aftergenie (dem

pierre-de-Strass der Kunst) zu unterscheiden.

80. Letzteres kann in nichts anderem bestehen, als in dem Nachweis,

dass das einem gewissen Subject schön Scheinende wirklich schön

d. h. dass das für ein ästhetisches Genie sich ausgebende oder dafür

gehaltene Subject wirklich ein solches sei. Dieser Nachweis kann

aber nicht dadurch geführt werden, dass der Ursprung des fraglichen

Scheins aus diesem fraglichen Subject erwiesen wird, denn eben, ob

dieses Subject als solches Genie sei, ist die Frage. Die Schönheit des

dem genannten Subject vorschwebenden Scheins muss daher unabhängig

von dessen Ursprung aus jenem Subject d. h. dieselbe kann nicht

(historisch) durch den Hinweis auf den Ursprung, sondern sie muss

(philosophisch) durch den Hinweis auf die Beschaffenheit des Scheins

dargethan werden.

81. Nicht die Person des Gesetzgebers rechtfertigt das Gesetz; die

Güte des Gesetzes bewährt vielmehr den Gesetzgeber. Ist diejenige

Beschaffenheit, welche den Schein zum Schönen macht, an sich erkannt,

so ist damit auch der Massstab zur Beurtheilung des Anspruchs

des Subjects, dem er scheint, gegeben, für ein aesthetisches zu

gelten: nicht umgekehrt. Wie diejenige Aesthetik, die den durch

die sinnliche Hülle hindurchscheinenden Gehalt zum Massstab der

Schönheit nimmt, didaktischen, so nimmt diejenige Form derselben,

welche die Offenbarungen des wahren oder blos vermeintlichen Genius

zur Norm für die Nachahmung erhebt, positiven (historischen) Charakter

an. Jene bewundert das Schöne, weil es wahr oder gut, diese, weil

es Product dieses oder jenes (mit Recht oder Unrecht) bewunderten

Geistes ist. Der wahre Grund der Bewunderung des Schönen kann aber

weder in dem Umstand, dass es Erscheinung eines Gehalts, noch in dem,

dass es Schöpfung eines gewissen (Einzel-, Volks-, Zeit-) Geistes ist,

sondern muss in dem Besitz derjenigen Eigenschaften gesucht werden,

die es zum Schönen machen.

82. Weder die theologisirende, noch die metaphysicirende, am wenigsten

die moralisirende Aesthetik, welche einen der Kunst fremden, und

ebensowenig der ästhetische Positivismus oder Historismus, welcher

eine einzelne positive oder geschichtlich gegebene Erscheinung

der Kunst (z. B. die Antike oder die mittelalterliche Kunst) zum

allgemein giltigen Massstab des Schönen erheben will, stellt die

wahre Form dieser Wissenschaft dar. Diese kann nur von der Betrachtung

derjenigen Eigenschaften, welche das Schöne als Schein -- abgesehen

ebenso von dessen möglicher oder wirklicher Bedeutung für einen

ausserhalb desselben gelegenen Gehalt, wie von dessen Ursprung aus

einem schöpferischen Subject -- an sich (objectiv) besitzt, ihren

streng wissenschaftlichen Ausgang nehmen.

83. Aesthetik als Wissenschaft ist daher weder materiale, den Schein

auf ein Sein beziehende, noch historische, den Schein seinem Ursprung

nach erklärende, sondern wesentlich formale, den Schein als Schein

behandelnde Wissenschaft. Da sich nun, wenn, wie gefordert, sowol

von der Bedeutung, wie von dem Ursprung des Scheins abgesehen wird,

an diesem nichts weiteres unterscheiden lässt, als wie derselbe und

was an demselben scheint, so kann die dem Schein als Schein zugewandte

Betrachtung wesentlich keine anderen als diese zwei Gesichtspunkte

umfassen.

84. Ersterer, welcher das Wie d. i. die Lebendigkeit, Kraft,

Energie, Reichthum, Fülle und Mannigfaltigkeit des Scheins oder deren

Gegentheile ins Auge fasst, kann der Gesichtspunkt der Quantität,

letzterer, welcher die Einheitlichkeit oder Gegensätzlichkeit, innere

Uebereinstimmung oder Widerstreit des Scheins zum Objecte hat, der

qualitative heissen. Jener umfasst das Verhältniss, in welchem das

Quantum des vorschwebenden Scheins zu der aufnahmsfähigen Capacität

des ästhetischen Subjects steht, letzterer begreift die Verhältnisse,

in welchen entweder der vorschwebende Schein seinem Was nach zu einem

ausserhalb desselben gelegenen Sein steht, oder, da nach dem Obigen von

einem solchen hier abgesehen werden muss, diejenigen, in welchen die

Theile des Scheins ihrem Was nach zu- und untereinander stehen. Nach

dem ersteren wird der starke vom schwachen, der reiche vom dürftigen,

der geordnete vom ordnungslosen Schein, nach diesem werden im Inhalt

des Scheins gleiche und ungleiche, verträgliche und unverträgliche,

harmonische und disharmonische Theile unterschieden.

85. In Bezug auf das Wie steht der starke d. i. mit einem hohen Grad

von Lebhaftigkeit dem ästhetischen Subject vorschwebende Schein

dem schwachen d. i. nur mit einem geringen Grad von Lebhaftigkeit

im Bewusstsein vorhandenen; der reiche, einen grössern Raum im

Bewusstsein mit mannigfaltigem Inhalt ausfüllende Schein dem dürftigen,

mit einförmigem Inhalt erfüllten; der in sich zusammenhängende und

geordnete dem zusammenhangslosem und in sich ordnungslosem Schein

gegenüber: so dass je der erstere, wenn von dem Was des Vorschwebenden

abgesehen und nur das Wie des Vorschwebens im Auge behalten wird,

vor dem letzteren -- was den die Vorstellung des Scheins im Gemüth

begleitenden Zusatz des Wohlgefallens oder Missfallens betrifft -- den

Vorzug hat. Wird lebhafterer Vorstellungsinhalt mit minder lebhaftem

nur in Bezug auf den Grad der Lebhaftigkeit beider verglichen, so

gefällt der erstere neben dem letzteren, missfällt der letztere

neben dem ersteren unbedingt, welches auch immer der Inhalt des

Vorschwebenden selbst oder die sonstige, individuelle Gemüths- und

Geistesbeschaffenheit des Subjectes sei, dem er vorschwebt. Aus diesem

Grunde gefällt die sinnliche Vorstellung mehr als die unsinnliche, das

Bild mehr als der Begriff, die anschauliche Vorstellung mehr als die

abgezogene, die concrete mehr als die abstracte; aber auch dasjenige,

was "in kürzester Zeit die grösste Menge von Vorstellungen anregt"

(worin Hemsterhuis und Goethe das Wesen des Schönen fanden) mehr als

dasjenige, das in verhältnissmässig langem Zeitraum verhältnissmässig

wenig Vorstellungen erzeugt, dasjenige, welches das Vorstellen in

gesetzlicher und geregelter Weise beschäftigt, mehr als dasjenige,

durch welche dasselbe in sprunghafte und verworrene Thätigkeit geräth.

86. Der Grund des Gefallens in dem einen, des Missfallens in dem

anderen Falle liegt in der naturgesetzlichen Beschaffenheit des

Bewusstseins. Wird das Vorstellen in eine seiner Natur angemessene

Bethätigung versetzt, so entsteht ein Lust-, findet das Gegentheil

statt, ein Unlustgefühl. Da nun die lebhafte d. i. mit einem höheren

Grade von Intensität vorgestellte Vorstellung das Vorstellen in einem

höheren Grade beschäftigt als dies bei der minder lebhaften d. i. mit

einem geringeren Grade von Intensität vorgestellten Vorstellung der

Fall ist, so dass die Differenz der Intensitätsgrade beider auf der

Bewusstseinsscala sich wie die Differenz der Wärme-Intensitäten auf

der Thermometerscala ablesen lässt, so folgt, dass das Vorstellen

der lebhafteren von einem höheren, jenes der minderen Intensität von

einem geringeren Lustgefühl begleitet sein muss, welches letztere,

nur mit dem ersteren verglichen, als relatives Unlustgefühl sich

herausstellt. Dasselbe muss bei dem reicheren und mannigfaltigeren

verglichen mit dem dürftigeren und einförmigeren Vorgestellten der

Fall sein, indem das erstere das Vorstellen nicht nur quantitativ,

sondern auch qualitativ mehr beschäftigt als das letztere; und eben

dies bei dem in sich zusammenhängenden und gesetzmässigen Vorgestellten

im Gegensatze zu dem in sich zerrissenen und lückenhaft Vorgestellten,

indem das erstere das Vorstellen in einem naturgemässen und sich aus

sich selbst entwickelnden Gange erhält, das letztere dasselbe durch

seine Zusammenhanglosigkeit nöthigt, seinen Gang zu unterbrechen,

sowie durch seine Sprunghaftigkeit, seine bisherige Richtung plötzlich

und gewaltsam abzubrechen und eine neue durch nichts vorbereitete

und vermittelte Richtung einzuschlagen. Von der Unlust, die das

Bewusstsein durch den Mangel oder die Monotonie des Vorstellungsinhalts

erleidet, gibt das Gefühl der Langenweile -- von der Unlust, welche die

gezwungene Unterbrechung oder das gewaltsame Abbrechen der bisherigen

Vorstellungsreihe mit sich führt, gibt der Widerwille Zeugniss, den

das Anhören eines zusammengewürfelten Vortrags oder das Auffassen

einer regellosen Körpergestalt dem Vorstellenden einflösst.

87. Aus der Natur des Bewusstseins folgt es auch, dass weder der

Intensitätsgrad, noch die Fülle des dem Vorstellen Dargebotenen eine

gewisse äusserste Grenze der Leistungsfähigkeit desselben überschreiten

darf. Das "nicht zu gross" und "nicht zu klein", worin Aristoteles

in seinem bekannten Beispiel von dem hundert Stadien langen Thiere

das Wesen des Schönen findet, hat seine Geltung nicht sowol in Bezug

auf die Grenzen des vorzustellenden Objects, als vielmehr auf jene

des vorstellenden Bewusstseins. Was diese überschreitet, kann nicht

mehr vorgestellt werden, so dass an die Stelle der wachsenden Lust,

welche die steigende Bethätigung des Vorstellens nach sich zieht,

die wachsende Qual des Bewusstseins tritt, welche das mit jedem

neuen Ansatz sich steigernde Gefühl des Unvermögens vorzustellen,

hervorruft. Auf der letzteren beruht das niederdrückende Gefühl,

welches den Eindruck des Erhabenen d. i. eines solchen begleitet,

dessen Vorstellung eine Entwicklung von vorstellender Kraft erheischt,

welche weit über die Schranken jedes endlichen, also auch unseres

eigenen Vorstellens, hinausreicht.

88. Wie das Vorstellen des Erhabenen, weil es den Vorstellenden

an die Grenze seines Vermögens vorzustellen mahnt, von einem

Unlust-, so ist die Vorstellung des Grossen, weil sie denselben

seiner weitreichenden Fähigkeit vorzustellen innewerden lässt,

von einem Lustgefühl begleitet. Denn da eine Grösse als Summe von

Einheiten nicht anders vorgestellt werden kann, als indem diese Summe

d. h. indem diese Einheiten nach einander vorgestellt werden, so ist

bei jeder Vorstellung einer solchen die Bethätigung des Vorstellens,

folglich die aus derselben folgende Lust um so grösser, je grösser jene

Summe d. h. je zahlreicher die nach einander vorgestellten Einheiten

sind. Aus diesem Grunde gefällt das Grössere neben dem Kleineren, weil

es dem Vorstellen mehr, missfällt das Kleinere neben dem Grösseren,

weil es dem Vorstellen weniger Beschäftigung, jenes dem Vorstellenden

mehr, dieses ihm minder Lust gewährt. Weil aber die Fähigkeit des

Vorstellens in quantitativer Beziehung ihre Grenze, so hat auch das

Grosse nach der einen, das Kleine nach der entgegengesetzten Richtung

eine solche, jenseits welcher es vorstellbar zu sein, und folglich

das eine zu gefallen, das andere zu missfallen aufhört. Das in schönen

Verhältnissen gebaute Thier des Aristoteles hört, obgleich alle seine

Proportionen dieselben bleiben, sobald es zu einer Länge von hundert

Stadien ausgedehnt und zur Höhe eines Gebirges erwachsen vorgestellt

werden soll, auf, übersehbar und folglich auch, schön zu sein.

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 4 / 31 段