dass beiderseits die Denkinhalte ihrem Inhalt nach nicht identisch
waren, so unterscheiden sich dieselben von ihrem Inhalte nach
entgegengesetzten Denkinhalten dadurch, dass die ersteren ihrem
Umfange nach mit einander verträglich, die letzteren dagegen in Bezug
auf diesen unter einander unverträglich sind. Dieselben schliessen
einander entweder in der Weise aus, dass, was in den Umfang des einen,
nicht in den Umfang des andern fällt, in welchem Fall sie conträr,
oder in der Weise, dass zugleich dasjenige, was nicht in den Umfang
des einen, eo ipso in den Umfang des andern fällt, in welchem Fall sie
contradictorisch entgegengesetzt heissen. Sie können einander aber
auch in der Weise ausschliessen, dass, was in den Umfang des einen,
nicht in den Umfang des andern, was nicht in den Umfang des einen,
in den Umfang des andern fällt, die Umfänge beider aber zugleich den
Umfang eines dritten, beiden übergeordneten Denkinhaltes ausmachen,
in welchem Fall sie subconträr entgegengesetzt genannt werden. Von
conträr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, wenn der eine
wahr ist, der andere falsch, von contradictorisch entgegengesetzten
überdies, dass, wenn der eine falsch ist, der andere wahr sein muss;
von subconträr entgegengesetzten dagegen gilt, dass, weil beider
Umfänge in den Umfang eines dritten fallen und denselben erschöpfen,
dasjenige, was in dem Umfang des einen liegt, nicht in dem Umfang des
andern liegen kann (wie bei den conträren), aber auch, dass, was nicht
in dem Umfang des einen liegt, in dem Umfang des andern liegen muss
(wie bei den contradictorischen Gegensätzen), dass also, wo a ist,
nicht b, dagegen b ist, wo a nicht ist, und weiter, dass, wo das eine
von beiden, auch das beiden übergeordnete dritte ist, dass also beide
subconträr entgegengesetzte zugleich keines das andere und (in Bezug
auf das dritte als "ihre höhere Einheit") eins und dasselbe sind. Ist
der einem andern conträr entgegengesetzte Denkinhalt seinerseits einem
dritten conträr entgegengesetzt, so dass, wenn a wahr ist, b falsch
sein muss, so lässt sich aus der Wahrheit von a nicht schliessen,
dass nun auch der dem b conträr entgegengesetzte Denkinhalt c wahr
sein müsse, wol aber, dass derselbe wahr sein könne, indem aus der
Wahrheit von a zwar die Falschheit von b, aus der Falschheit von b aber
keineswegs die Wahrheit von c folgt. Lässt sich der einem Denkinhalt
a contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalt non-a seinerseits
wieder in zwei contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalte b und
non-b spalten, so gilt nicht nur, dass, wenn a wahr ist, sowol b als
non-a nothwendig falsch sein müsse, sondern auch, dass, wenn a falsch
ist, eines von beiden, b oder non-b nothwendig wahr sein muss. Von
subconträr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, sobald auch nur
einer von beiden wahr ist, ein dritter, der beiden übergeordnete, wahr
und daher, wenn dieser selbst einem vierten subconträr entgegengesetzt,
auch der ihm und diesem übergeordnete fünfte Denkinhalt wahr sei. Auf
die Fortsetzung des ersten Verhältnisses gründet sich das Verfahren, zu
einer Reihe conträrer Gegensätze zu gelangen, die alle zugleich wahr,
also copulativ verbunden werden können (z. B. die Farbenreihe). Auf
die Fortsetzung des zweiten Verhältnisses gründet sich das Verfahren,
durch Zerfällung des contradictorisch entgegengesetzten Gliedes in
weitere Gegensätze zu einer vollständigen Eintheilung zu gelangen,
deren Glieder untereinander disjunctiv getrennt werden können. Auf die
Fortsetzung des dritten Verhältnisses gründet sich das construirende
oder sogenannte dialektische Verfahren, mittels dessen mit Hilfe
stets neu eingeführter subconträrer Gegensätze zu immer neuen sich
übereinander aufthürmenden "höheren Einheiten" gelangt wird, deren
jede die vorhergehende (nach dem bekannten Hegel'schen Doppelsinn)
zugleich aufhebt und "aufhebt" (tollit et servat).
50. Mit dem Verhältniss des Gegensatzes ist die Reihe derjenigen,
welche das "was" des Denkinhaltes angehen, erschöpft. Mit dem ersten,
auf das "wie" des Gegebenseins sich stützenden, der unwillkürlichen
Nöthigung, einen gewissen Denkinhalt zu denken, ergeben sich für
die Beurtheilung des Anspruches eines gewissen Denkens, für Wissen
gelten zu dürfen, im Ganzen fünf Gesichtspunkte, von denen der erste
quantitativ, die übrigen qualitativ heissen können, weil jener sich auf
das Quantum des Gegebenseins, diese sich auf das Quale des Gegebenen
beziehen, und an deren jeden sich entsprechende methodische Verfahren
zum Wissen zu gelangen anschliessen.
51. Der erste derselben ist der Gesichtspunkt der
Denknothwendigkeit. Der unwillkürlich gegebene erscheint als der nicht
nicht zu denkende d. i. nothwendig zu denkende oder denknothwendige
Denkinhalt; und zwar in desto höherem Grade, je besser die
Unwillkürlichkeit seines Gegebenseins d. i. dessen Gegebensein ohne,
ja wider den Willen des Denkenden bezeugt ist. Letzteres ist aber in
desto höherem Grade der Fall: 1. je unwiderstehlicher derselbe sich
aufdrängt und gegen alle mit Wissen und Willen angestellten Versuche,
sich desselben zu erwehren, behauptet. In diesem Sinne gilt der Satz:
facta loquuntur, und dass es nichts fruchte, gegen "Thatsachen" die
Augen zu verschliessen; denn da die Ursache dieses ohne, ja wider
Willen Gegebenseins nicht im Willen des Denkenden liegen soll, so
kann dieselbe nur entweder in einem von diesem Willen Verschiedenen
gelegen, oder das Gegebene müsste ohne Ursache (grundlos) gegeben
sein. Letzteres ist um so unwahrscheinlicher, als der sogenannte Satz
vom zureichenden Grunde (principium rationis sufficientis), welcher
besagt, dass nichts ohne Grund erfolge, selbst wahrscheinlicher ist;
denn auch dieser ist, als Denkinhalt betrachtet, kein willkürlich
gemachter (erfundener), sondern selbst ein unwillkürlich gegebener
(evidenter), dessen das Denken sich nicht zu erwehren vermag und
der bei jedem sich bietenden Anlass sich wieder -- und was das
Gewicht seines Gegebenseins verstärkt, Jedermann in gleicher Weise
aufdrängt. Je unwahrscheinlicher es aber ist, dass das Gegebensein
eines gewissen Denkinhalts ein blosser Zufall sei, desto mehr steigert
sich dieselbe, wenn und in dem Masse, als derselbe Denkinhalt in
zahlreicheren Fällen mit gleicher Unabweislichkeit wiederkehrt, und
damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache seines Gegebenseins
wie seiner Wiederholung in einer äusseren, und zwar beharrenden
(objectiven, nicht subjectiven) Ursache, z. B. die sich aufdrängende
Empfindung der rothen Farbe nicht in einer subjectiven Affection des
Gesichtsorganes (Rothsehen), sondern in einem objectiven, von aussen
kommenden Reize desselben ihren Grund habe.
52. Die Unwillkürlichkeit des Gegebenseins wird aber 2. in noch
höherem Grade bestätigt, wenn es sich zeigt, dass dieser beharrende
und objective Grund nicht blos für den einzelnen Denkenden, sondern
für alle Seinesgleichen in gleicher Weise besteht. Dies aber ist der
Fall, wenn die Persönlichkeit des Denkenden als veränderlich angenommen
und innerhalb derselben Gattung denkender Wesen jede beliebige andere
Persönlichkeit an dessen Stelle gesetzt, der Erfolg ceteris paribus
immer derselbe bleibt d. h. der dem Einzelnen als unwillkürlich
gegeben erscheinende Denkinhalt auch jedem Anderen mit gleicher
Unwiderstehlichkeit als ein solcher sich aufnöthigt, z. B. dieselbe dem
Wahrnehmenden als Empfindung sich aufdrängende Gesichtsvorstellung auch
von jedem Anderen an seiner Statt als solche empfunden wird. Ist es
nämlich an sich schon höchst unwahrscheinlich, dass das unwillkürlich
scheinende Gegebensein bei dem einen Denkenden blosser Zufall sei,
so ist es noch unverhältnissmässig unwahrscheinlicher, dass derselbe
Zufall sich bei jedem beliebigen an dessen Stelle tretenden Anderen
wiederholen werde.
53. Der höchste Grad der Bestätigung der Unwillkürlichkeit des
Gegebenseins aber wird dann erreicht, wenn 3. derselbe Denkinhalt,
der sich dem Einzelnen einmal oder zu wiederholtenmalen, ferner
jedem Anderen an dessen Statt in gleicher Weise sich aufgenöthigt
hat, von jedem Anderen nicht nur einmal, sondern in jedem beliebigen
wiederkehrenden Fall als solcher erfahren wird d. h. wenn derselbe
Denkinhalt für Jedermann und unter beliebig veränderten Umständen
stets mit gleicher Unabweislichkeit als unwillkürlich gegeben
empfunden wird. Das sich auf diese Thatsache gründende Verfahren kann
als Constatirungs- oder mit Rücksicht auf die demselben zu Grunde
liegende Zählung der Fälle, in welchen die Thatsache des unwillkürlich
Gegebenseins beobachtet worden ist, als das statistische Verfahren
bezeichnet werden. Durch die Fortsetzung desselben gelangt man mit der
Zunahme der Zahl der Bestätigungen zu einem immer wachsenden Grade von
Wahrscheinlichkeit, welche, wenn die Zahl der erfahrenen Bestätigungen
jener der an sich möglichen Wiederholungen gleicht, zur völligen, wenn
sie derselben sich nähert, ohne einen einzigen Fall des Gegentheils
(negative Instanz) erlitten zu haben, zur moralischen Gewissheit wird.
54. Der Grad dieser Wahrscheinlichkeit lässt sich, jedoch nur in
dem Fall, wenn die Zahl der an sich möglichen Fälle bekannt ist, der
Rechnung unterwerfen. Derselbe wird durch einen Bruch ausgedrückt,
dessen Nenner die Zahl der überhaupt möglichen (m + n), dessen
Zähler die Anzahl der beobachteten einander bestätigenden Fälle
(m) ausdrückt. Erreicht die Anzahl der beobachteten die der an sich
möglichen Fälle, so wird der Bruch m/(m + n) = (m + n)/(m + n) = 1
und die Wahrscheinlichkeit verwandelt sich in Gewissheit. Erreicht sie
dagegen nur die Hälfte der Zahl der an sich möglichen Fälle, so dass m
= n ist, so wird der Bruch m/(m + n) = 1/2 und die Wahrscheinlichkeit
verwandelt sich in halbe Gewissheit d. i. Zweifel. Geht die Zahl
der beobachteten über die Hälfte der an sich möglichen Fälle hinaus,
oder bleibt sie hinter derselben zurück, so wird der Bruch m/(m + n)
im ersten Fall > 1/2, im zweiten Fall < 1/2 d. h. es tritt in jenem
Fall Wahrscheinlichkeit, in diesem Unwahrscheinlichkeit ein.
55. Der äussere Grund des unwillkürlich Gegebenseins kann, da er
nicht im Willen des Denkenden liegt, nur entweder trotzdem im
Denkenden selbst, und zwar entweder in dessen psychischer oder
somatischer Beschaffenheit, oder ausserhalb desselben in der
sogenannten Aussenwelt gelegen sein. Im letzteren Falle heisst
das unwillkürlich Gegebene eine äussere, in beiden anderen Fällen
dürfte es mit Rücksicht auf die innerhalb des Denkenden zu suchende
Ortslage der Ursache eine innere Thatsache heissen; gewöhnlich wird
aber nur die in der psychischen Beschaffenheit des Denkenden (in
dessen Intellect oder Gefühlsleben) gelegene Ursache als eine innere
bezeichnet; die in der somatischen Natur des Denkenden (z. B. in der
anormalen Natur seiner Sinnesorgane) gelegene pflegt zu den äusseren
Ursachen gerechnet zu werden. Innere Thatsachen werden daher nur
solche genannt, welche Bewusstseinsthatsachen, sei es des Intellects,
sei es des Gefühlslebens, sind, während alle übrigen, ihr Grund mag
innerhalb oder ausserhalb der somatischen Natur des Denkenden liegen,
äussere Thatsachen heissen; erstere bilden die Grundlage der inneren,
letztere die Basis der äusseren Erfahrung.
56. Zu den inneren Thatsachen, und zwar des Intellects, gehören
unwiderstehlich sich aufdrängende und deshalb von gewissen Denkern als
"angeboren" bezeichnete Begriffe und Urtheile (wenn es dergleichen
gibt); zu den inneren Thatsachen des Gefühlslebens die unwiderstehlich
sich aufdrängenden Aussprüche der Mahnung und Abmahnung, die von
gewissen Denkern auf die Quelle einer unfehlbaren inneren Stimme (des
moralischen oder ästhetischen Gefühls; das daimonion des Sokrates, der
"deus in nobis") zurückgeführt worden sind (wenn es eine dergleichen
gibt); alle übrigen Thatsachen, die ihren Grund in einer inner-
oder ausserhalb des Leibes des Denkenden gelegenen Ursache haben,
gehören im weiteren, diejenigen, welche ihren Grund in einer vom
Leibe verschiedenen Ursache haben, wie die sogenannten "objectiven"
Sinnesempfindungen, deren Grund "objective" d. h. von aussen kommende
Sinnesreize sind, im engeren Sinne der äusseren Erfahrung an.
57. Zur Constatirung, dass ein gewisser Denkinhalt Thatsache
des Intellects d. h. unabweislich sei, sowie, dass ein solcher
Thatsache des Gefühlslebens d. h. als Gefühl unwiderstehlich sei,
gibt es demnach keinen von dem zur Constatirung, dass ein gewisser
Denk- (z. B. Empfindungs-) Inhalt Thatsache der Erfahrung sei
d. h. unvermeidlich empfunden werde, einzuschlagenden verschiedenen
Weg. In jedem der genannten Fälle muss der Versuch, denselben mit
Wissen und Willen nicht zu denken so oft und unter so vielfach
wiederholten Umständen und von so Vielen wiederholt werden, bis
sich die Aussichtslosigkeit, sich desselben erwehren zu können, zur
moralischen Gewissheit erhoben hat. Denkinhalte, welche diese Probe
bestanden haben, können als evidente d. i. einleuchtende, wenn auch
weiter durch nichts begründungsfähige d. h. als unwiderlegliche,
sei es Bewusstseins-, sei es Sinnesthatsachen, gelten.
58. Bei den Intellects- und Gefühlsthatsachen, wie bei den
Sinnesthatsachen bleibt dabei die von Moment zu Moment veränderliche
Individualität des einzelnen, wie die von Individuum zu Individuum
abweichende Individualität der mehreren Denkenden zu überwinden. Weder
ist der Einzelne in verschiedenen Momenten seines Daseins sich selbst,
noch sind die Einzelnen sich untereinander gleich. Der Intellect
wird zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen eben überwiegenden
Vorstellungskreisen, das Gemüth von eben vorhandenen Stimmungen
beherrscht, welche dem gegebenen Denkinhalt ihre d. h. eine momentane
oder temporäre subjective Färbung ertheilen. Das äussere Sinnesorgan
des Beobachtenden unterliegt von Fall zu Fall oder von Beobachter zu
Beobachter individuellen, sei es augenblicklichen, sei es habituell
gewordenen Störungen, welche (wie z. B. die Farbenblindheit, die
Kurz- oder Weitsichtigkeit) dem gegebenen Inhalt der Beobachtung
eine sei es augenblickliche, sei es dauernde subjective Entstellung
(z. B. Farbenfälschung, Entfernungsfälschung) aufprägen. Letztere
Gefahr hat bei astronomischen Observationen zur Aufstellung der
sogenannten Bessel'schen Augengleichung geführt, durch welche der
habituelle Beobachtungsfehler jedes Beobachters ein- für allemal
eruirt und sodann, wie der habituelle Gangfehler einer Uhr durch
die sogenannte Zeitgleichung, bei jeder von demselben angestellten
Beobachtung dieselbe corrigirend ebenso in Anschlag gebracht wird, wie
durch Kenntniss der täglichen Acceleration oder Retardation des Pendels
auch mittels einer fehlerhaften Uhr richtige Zeitbestimmungen erreicht
werden können. Wie hier von der individuellen Natur des Beobachters,
so muss bei Beurtheilung desjenigen, was als Bewusstseins-, sei es
Intellects- oder Gefühlsthatsache, gelten soll, von der individuellen
Natur wie der augenblicklichen Gemüthsstimmung abgesehen d. h. das
Urtheil, dass ein gewisser Denkinhalt unwillkürlich gegeben sei,
muss, um mit Kant zu reden, "mit Vermeidung aller Privatgefühle"
gefällt werden.
59. Der auf diesem Wege als denknothwendig nachgewiesene
Denkinhalt gilt dem Denken als wahrer Denkinhalt. Die Idee
der Denknothwendigkeit ist die erste logische d. h. die erste
derjenigen Ideen, von welchen das Denken in seinem Streben, Wissen
zu werden, sich leiten lässt. Da dieselbe auf dem Nachweise des
unwillkürlich Gegebenseins des Denkinhalts, dieser Nachweis selbst
aber auf einem Constatirungsverfahren beruht, dessen äusserste
Grenze die zwar dem Bedürfniss genügende, aber die Sache selbst
niemals erschöpfende moralische Gewissheit bildet, so folgt aus dem
Erweise, dass ein gewisser Denkinhalt denknothwendig, allerdings
nicht mit Nothwendigkeit, dass derselbe wahr sei, aber es folgt mit
Nothwendigkeit, dass derselbe dem Denkenden wahr scheine.
60. Die zweite logische Idee, die wie die folgenden auf dem Was des
Denkinhalts, statt wie die erste auf dessen Wie, und zwar auf dem
Verhältniss der einseitigen oder gegenseitigen Inhaltsidentität
zweier Denkinhalte ruht, ist die der Analyse d. i. der Versuch,
durch Auflösung des Inhalts in seine näheren und entfernteren
Bestandteile zu einem Urtheil über dessen Wahrheit oder Falschheit zu
gelangen. Dieselbe tritt, wie oben angeführt, wenn die Inhaltsidentität
einseitig ist, als Subsumtion, wenn sie gegenseitig ist, als
Subordination des einen unter den andern Denkinhalt auf, an welche die
betreffenden Verfahrungsweisen, und zwar an die erstere die analytische
(regressive) und synthetische (progressive), an die letztere die
Abstractions- und die Determinationsmethode sich anschliessen.
61. Die dritte logische Idee, die auf der Identität des Umfangs
(Aequipollenz) beruht, ist die Gleichgeltung d. i. der Versuch, durch
Substituirung eines dem Gegebenen gleichgeltenden Denkinhalts zu einem,
wenigstens dem Inhalte nach von dem ersten verschiedenen, neuen auf
einem Wege zu gelangen, auf welchem die Wahrheit oder Falschheit des
letzteren aus jener des gegebenen sich folgern lässt. Auf dieselbe
gründet sich das, wenn man die Identität des Umfangs im Auge hat,
Substitutionsmethode, wenn man die Verschiedenheit des Inhalts in
Betracht zieht, Transmutationsmethode genannte Verfahren, in welchem
die Wahrheit des ursprünglich gegebenen Denkinhalts durch allen nicht
blos scheinbaren, sondern wirklichen Wechsel des Inhalts hindurch
und trotz desselben sich forterhält.
62. Die vierte logische Idee ist die der Synthese d. i. die Verknüpfung
disparater Denkinhalte in Folge eines nicht aus der Betrachtung des
Inhalts desselben abgeleiteten, diesem fremden, aber zur Begründung
jener zureichenden Grundes. Je nachdem derselbe entweder eine äussere
(Sinnes-, aposteriorische) oder (wie bei Kant's mathematischen
Urtheilen) eine reine (Intellectual-, apriorische) Anschauung ist,
ist die Synthesis selbst entweder empirisch (zufällig, particulär),
welche blosse Wahrscheinlichkeit, oder apriorisch (allgemein,
nothwendig), welche (wenn es deren überhaupt gibt) ausnahmslose
Gewissheit gewährt. Auf dieselbe gründet sich das empirisch- (wenn
die Synthese eine empirische) oder apriorisch- (wenn die Synthese
eine reine ist) synthetische Verfahren, welches im ersten Falle
zu empirischen (mehr oder weniger wahrscheinlichen), dagegen im
letzteren Falle zu apriorischen (mit dem Anspruch auf Allgemeinheit
und Nothwendigkeit ausgesprochenen) Ergebnissen führt.
63. Die fünfte logische Idee ist die der Ausschliessung, welche auf
dem Verhältniss des Gegensatzes, und zwar als Widerstreit auf dem des
conträren, als Widerspruch auf dem des contradictorischen, dagegen als
sogenannte "Einheit der Gegensätze" (Synthese des Ausgeschlossenen) auf
dem des subconträren Gegensatzes beruht. Während die ersten beiden blos
trennend (disjunctiv), verhält sich der letzte zugleich verbindend
(copulativ). An jene schliesst sich ein negatives, Denkinhalte
scheidendes, an dieses ein affirmatives, Geschiedenes wieder
vereinigendes Verfahren an, daher jenes vorzugsweise als die Methode
des scharfsinnigen, verborgene Unterschiede des Aehnlichen streng
sondernden Verstandes, dieses als die einer tiefsinnigen, verborgene
Aehnlichkeit des Geschiedenen aufspürenden, Entgegengesetztes als
Eins schauenden (speculativen) Vernunft angesehen wird.
64. Keine der fünf angeführten logischen Ideen ist der Schlüssel zum
ganzen Wahren, aber jede derselben ist ein Schlüssel zu Wahrem. Weder
dasjenige Verfahren im Denken, welches sich ausschliesslich auf das
unwillkürliche Gegebensein (Positivität) des Denkinhalts stützt und
daher Positivismus oder, weil das Gegebene als Thatsache gilt, auf
Thatsachen gegründetes Denken d. i. Empirismus heisst, noch das ebenso
ausschliesslich auf das Was des Denkinhalts (Rationalität) gegründete
Verfahren, welches auf die Beziehungen (rationes) der Denkinhalte
zu und unter einander sich stützt und deshalb Rationalismus heisst,
erschöpft die Totalität des dem Denken zugänglichen Erkenntnissgehalts;
beide sind, indem der Positivismus des rationalen Verfahrens bedarf,
um von den gegebenen Thatsachen aus, der Rationalismus der positiven
Grundlage bedarf, um von derselben aus weiter fortzuschreiten, dazu
bestimmt, einander gegenseitig zu ergänzen.
65. Der Positivismus oder das lediglich von Thatsachen ausgehende
Denken ist, je nachdem diese letzteren innere oder äussere
(Bewusstseins- oder Sinnesthatsachen), die ersteren entweder Thatsachen
des Intellects, oder des Gefühls, oder des Willens, die letzteren
entweder durch krankhafte von innen kommende oder durch normale
von aussen kommende Sinnesreize erzeugte Sinnesthatsachen, blosse
Hallucinationen (visiones) oder Wahrnehmungen des äusseren Sinnes
(visus et auditus) sind, nach der Reihe entweder intellectualer
(wie der auf angeborne Ideen sich berufende Cartesianismus) oder
sensualer (wie die Gefühlsphilosophie Jacobi's, die schottische
Moral- und sogenannte Philosophie des gesunden Menschenverstandes),
oder theletischer (wie die Willensphilosophie Schopenhauer's),
oder visionärer (wie Swedenborg's Mysticismus und Spiritismus), oder
sensualistischer Positivismus (wie die philosophie positive Comte's,
welche seit Diesem im engeren und eminenten Sinne diesen Namen
führt). Nimmt derselbe hierbei seinen Ausgangspunkt lediglich von
den Thatsachen der, sei es inneren, sei es äusseren Erfahrung, so ist
er gemeiner, unkritischer Positivismus (Dogmatismus); betrachtet er
dagegen die Erfahrung selbst (sei es die innere, sei es die äussere)
als Thatsache, neben und ausser welcher noch andere thatsächliche
Erfahrungen (aussermenschliche oder übermenschliche) möglich sind,
so ist er transcendentaler, kritischer Positivismus (Kriticismus).
66. Der Rationalismus oder das lediglich auf die ein- oder
gegenseitigen Beziehungen (rationes) des Denkinhalts sich stützende
Denkverfahren ist entweder analytischer, wenn er lediglich durch
die logischen Ideen der Analyse, der Gleichgeltung und der conträren
oder contradictorischen Ausschliessung, dagegen synthetischer, wenn
er überdies durch jene der Synthese sich leiten lässt. Letzterer
heisst empirischer, wenn die Synthese ausschliesslich aposteriorisch,
dagegen reiner, wenn dieselbe (wie etwa in Kant's mathematischen
Urtheilen) apriorisch verstanden wird. Tritt zu den logischen Ideen des
empirischen Rationalismus jene des Widerstreits und des Widerspruchs
in der Weise gesetzgebend hinzu, dass, was durch empirische Synthese
gegeben ist, trotzdem ohne Umbildung (Berichtigung oder Ergänzung)
nicht behalten werden darf, sobald es Widersprüche einschliesst, so
geht derselbe in rationalen Empirismus über, während er im Gegenfall
empirischer Irrationalismus (Empiristik) wird. Tritt zu den logischen
Ideen, welche den reinen Rationalismus leiten, jene der "Einheit der
Gegensätze" in der Weise hinzu, dass das durch den Verstand Getrennte
(Reflexions- oder Verstandesphilosophie) in einer "höheren" Vernunft-
(intellectualen) Anschauung wieder als Eins geschaut wird, so geht der
reine in speculativen Rationalismus (rationale Dialektik, speculative
oder Vernunftphilosophie) über.
67. Wenn die logischen Ideen als Vorbilder des Denkens dasselbe zum
Wissen (Erkenntniss), so führen die Gegentheile derselben dasselbe zum
Nicht- oder Scheinwissen (Irrthum). Gegentheil der Denknothwendigkeit
ist die Denkzufälligkeit, des unwillkürlich Gegeben- das willkürlich
Gemachtsein des Denkinhalts, in Folge dessen derselbe im Gegensatz
zum erfahrenen (Erlebniss) als erfundener (Fiction) erscheint. Das
Gegentheil der Analyse d. i. der Zerlegung des Denkinhalts in seine
Bestandtheile, wodurch derselbe deutlich wird, ist die Confusion
d. i. die Vermengung der verschiedenen Bestandtheile des Denkinhalts,
wodurch derselbe verworren und dunkel wird. Das Gegentheil der Gleich-
ist die Ungleichgeltung des Denkinhalts, wodurch beliebige Denkinhalte,
welche nichts weder dem Inhalt noch dem Umfang nach mit einander gemein
haben, für einander gesetzt werden. Das Gegentheil der berechtigten
oder doch für berechtigt gehaltenen, sei es auf wirklicher Gewöhnung
beruhenden empirischen oder auf, wenn auch blos vermeintlicher,
reiner Anschauung beruhenden apriorischen Synthese bildet die, sei
es in einem, sei es im andern Sinn unberechtigte, entweder, statt auf
wirklicher Gewöhnung, auf blosser Angewöhnung oder Verwöhnung beruhende
empirische, oder nicht einmal auf vermeintlicher, sondern willkürlich
behaupteter (stat pro ratione voluntas) reiner Anschauung beruhende,
fälschlich für apriorisch ausgegebene Synthese. Das Gegentheil der
Idee der Ausschliessung bildet die Duldung der Gegensätze, und zwar
nicht blos des conträren und contradictorischen, sondern auch die
des subconträren, welche letztere sich durch die Annahme der "Einheit
der Gegensätze" von blosser Toleranz bis zur durch die logische Idee
der Ausschliessung verbotenen positiven Anerkennung des Widerspruchs
steigert und in diesem die Wahrheit findet. Wie die logischen Ideen
als Schlüssel zum Wahren, kann jedes dieser ihrer Afterbilder als
ein solcher zum Falschen dienen.
68. Wie die Summe der logischen Ideen zusammengenommen das Muster
darstellt, dem das Wahre, so stellt die Summe der Gegentheile derselben
das Schema dar, welchem ganz oder theilweise das Unwahre gleichen
muss. Mit der Aufstellung beider, des Einen zur Nachahmung, des Andern
zur Abschreckung für jedes Denken, das Wissen (Erkenntniss) werden
will, ist das Geschäft der Logik als allgemeiner Wissenschaft von
den normalen und anormalen Formen des Denkens (Denknormen) vollendet.
ZWEITES CAPITEL.
DIE ÄSTHETISCHEN IDEEN.