49. Wie disparate Denkinhalte mit äquipollenten darin übereinkamen,

dass beiderseits die Denkinhalte ihrem Inhalt nach nicht identisch

waren, so unterscheiden sich dieselben von ihrem Inhalte nach

entgegengesetzten Denkinhalten dadurch, dass die ersteren ihrem

Umfange nach mit einander verträglich, die letzteren dagegen in Bezug

auf diesen unter einander unverträglich sind. Dieselben schliessen

einander entweder in der Weise aus, dass, was in den Umfang des einen,

nicht in den Umfang des andern fällt, in welchem Fall sie conträr,

oder in der Weise, dass zugleich dasjenige, was nicht in den Umfang

des einen, eo ipso in den Umfang des andern fällt, in welchem Fall sie

contradictorisch entgegengesetzt heissen. Sie können einander aber

auch in der Weise ausschliessen, dass, was in den Umfang des einen,

nicht in den Umfang des andern, was nicht in den Umfang des einen,

in den Umfang des andern fällt, die Umfänge beider aber zugleich den

Umfang eines dritten, beiden übergeordneten Denkinhaltes ausmachen,

in welchem Fall sie subconträr entgegengesetzt genannt werden. Von

conträr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, wenn der eine

wahr ist, der andere falsch, von contradictorisch entgegengesetzten

überdies, dass, wenn der eine falsch ist, der andere wahr sein muss;

von subconträr entgegengesetzten dagegen gilt, dass, weil beider

Umfänge in den Umfang eines dritten fallen und denselben erschöpfen,

dasjenige, was in dem Umfang des einen liegt, nicht in dem Umfang des

andern liegen kann (wie bei den conträren), aber auch, dass, was nicht

in dem Umfang des einen liegt, in dem Umfang des andern liegen muss

(wie bei den contradictorischen Gegensätzen), dass also, wo a ist,

nicht b, dagegen b ist, wo a nicht ist, und weiter, dass, wo das eine

von beiden, auch das beiden übergeordnete dritte ist, dass also beide

subconträr entgegengesetzte zugleich keines das andere und (in Bezug

auf das dritte als "ihre höhere Einheit") eins und dasselbe sind. Ist

der einem andern conträr entgegengesetzte Denkinhalt seinerseits einem

dritten conträr entgegengesetzt, so dass, wenn a wahr ist, b falsch

sein muss, so lässt sich aus der Wahrheit von a nicht schliessen,

dass nun auch der dem b conträr entgegengesetzte Denkinhalt c wahr

sein müsse, wol aber, dass derselbe wahr sein könne, indem aus der

Wahrheit von a zwar die Falschheit von b, aus der Falschheit von b aber

keineswegs die Wahrheit von c folgt. Lässt sich der einem Denkinhalt

a contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalt non-a seinerseits

wieder in zwei contradictorisch entgegengesetzte Denkinhalte b und

non-b spalten, so gilt nicht nur, dass, wenn a wahr ist, sowol b als

non-a nothwendig falsch sein müsse, sondern auch, dass, wenn a falsch

ist, eines von beiden, b oder non-b nothwendig wahr sein muss. Von

subconträr entgegengesetzten Denkinhalten gilt, dass, sobald auch nur

einer von beiden wahr ist, ein dritter, der beiden übergeordnete, wahr

und daher, wenn dieser selbst einem vierten subconträr entgegengesetzt,

auch der ihm und diesem übergeordnete fünfte Denkinhalt wahr sei. Auf

die Fortsetzung des ersten Verhältnisses gründet sich das Verfahren, zu

einer Reihe conträrer Gegensätze zu gelangen, die alle zugleich wahr,

also copulativ verbunden werden können (z. B. die Farbenreihe). Auf

die Fortsetzung des zweiten Verhältnisses gründet sich das Verfahren,

durch Zerfällung des contradictorisch entgegengesetzten Gliedes in

weitere Gegensätze zu einer vollständigen Eintheilung zu gelangen,

deren Glieder untereinander disjunctiv getrennt werden können. Auf die

Fortsetzung des dritten Verhältnisses gründet sich das construirende

oder sogenannte dialektische Verfahren, mittels dessen mit Hilfe

stets neu eingeführter subconträrer Gegensätze zu immer neuen sich

übereinander aufthürmenden "höheren Einheiten" gelangt wird, deren

jede die vorhergehende (nach dem bekannten Hegel'schen Doppelsinn)

zugleich aufhebt und "aufhebt" (tollit et servat).

50. Mit dem Verhältniss des Gegensatzes ist die Reihe derjenigen,

welche das "was" des Denkinhaltes angehen, erschöpft. Mit dem ersten,

auf das "wie" des Gegebenseins sich stützenden, der unwillkürlichen

Nöthigung, einen gewissen Denkinhalt zu denken, ergeben sich für

die Beurtheilung des Anspruches eines gewissen Denkens, für Wissen

gelten zu dürfen, im Ganzen fünf Gesichtspunkte, von denen der erste

quantitativ, die übrigen qualitativ heissen können, weil jener sich auf

das Quantum des Gegebenseins, diese sich auf das Quale des Gegebenen

beziehen, und an deren jeden sich entsprechende methodische Verfahren

zum Wissen zu gelangen anschliessen.

51. Der erste derselben ist der Gesichtspunkt der

Denknothwendigkeit. Der unwillkürlich gegebene erscheint als der nicht

nicht zu denkende d. i. nothwendig zu denkende oder denknothwendige

Denkinhalt; und zwar in desto höherem Grade, je besser die

Unwillkürlichkeit seines Gegebenseins d. i. dessen Gegebensein ohne,

ja wider den Willen des Denkenden bezeugt ist. Letzteres ist aber in

desto höherem Grade der Fall: 1. je unwiderstehlicher derselbe sich

aufdrängt und gegen alle mit Wissen und Willen angestellten Versuche,

sich desselben zu erwehren, behauptet. In diesem Sinne gilt der Satz:

facta loquuntur, und dass es nichts fruchte, gegen "Thatsachen" die

Augen zu verschliessen; denn da die Ursache dieses ohne, ja wider

Willen Gegebenseins nicht im Willen des Denkenden liegen soll, so

kann dieselbe nur entweder in einem von diesem Willen Verschiedenen

gelegen, oder das Gegebene müsste ohne Ursache (grundlos) gegeben

sein. Letzteres ist um so unwahrscheinlicher, als der sogenannte Satz

vom zureichenden Grunde (principium rationis sufficientis), welcher

besagt, dass nichts ohne Grund erfolge, selbst wahrscheinlicher ist;

denn auch dieser ist, als Denkinhalt betrachtet, kein willkürlich

gemachter (erfundener), sondern selbst ein unwillkürlich gegebener

(evidenter), dessen das Denken sich nicht zu erwehren vermag und

der bei jedem sich bietenden Anlass sich wieder -- und was das

Gewicht seines Gegebenseins verstärkt, Jedermann in gleicher Weise

aufdrängt. Je unwahrscheinlicher es aber ist, dass das Gegebensein

eines gewissen Denkinhalts ein blosser Zufall sei, desto mehr steigert

sich dieselbe, wenn und in dem Masse, als derselbe Denkinhalt in

zahlreicheren Fällen mit gleicher Unabweislichkeit wiederkehrt, und

damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache seines Gegebenseins

wie seiner Wiederholung in einer äusseren, und zwar beharrenden

(objectiven, nicht subjectiven) Ursache, z. B. die sich aufdrängende

Empfindung der rothen Farbe nicht in einer subjectiven Affection des

Gesichtsorganes (Rothsehen), sondern in einem objectiven, von aussen

kommenden Reize desselben ihren Grund habe.

52. Die Unwillkürlichkeit des Gegebenseins wird aber 2. in noch

höherem Grade bestätigt, wenn es sich zeigt, dass dieser beharrende

und objective Grund nicht blos für den einzelnen Denkenden, sondern

für alle Seinesgleichen in gleicher Weise besteht. Dies aber ist der

Fall, wenn die Persönlichkeit des Denkenden als veränderlich angenommen

und innerhalb derselben Gattung denkender Wesen jede beliebige andere

Persönlichkeit an dessen Stelle gesetzt, der Erfolg ceteris paribus

immer derselbe bleibt d. h. der dem Einzelnen als unwillkürlich

gegeben erscheinende Denkinhalt auch jedem Anderen mit gleicher

Unwiderstehlichkeit als ein solcher sich aufnöthigt, z. B. dieselbe dem

Wahrnehmenden als Empfindung sich aufdrängende Gesichtsvorstellung auch

von jedem Anderen an seiner Statt als solche empfunden wird. Ist es

nämlich an sich schon höchst unwahrscheinlich, dass das unwillkürlich

scheinende Gegebensein bei dem einen Denkenden blosser Zufall sei,

so ist es noch unverhältnissmässig unwahrscheinlicher, dass derselbe

Zufall sich bei jedem beliebigen an dessen Stelle tretenden Anderen

wiederholen werde.

53. Der höchste Grad der Bestätigung der Unwillkürlichkeit des

Gegebenseins aber wird dann erreicht, wenn 3. derselbe Denkinhalt,

der sich dem Einzelnen einmal oder zu wiederholtenmalen, ferner

jedem Anderen an dessen Statt in gleicher Weise sich aufgenöthigt

hat, von jedem Anderen nicht nur einmal, sondern in jedem beliebigen

wiederkehrenden Fall als solcher erfahren wird d. h. wenn derselbe

Denkinhalt für Jedermann und unter beliebig veränderten Umständen

stets mit gleicher Unabweislichkeit als unwillkürlich gegeben

empfunden wird. Das sich auf diese Thatsache gründende Verfahren kann

als Constatirungs- oder mit Rücksicht auf die demselben zu Grunde

liegende Zählung der Fälle, in welchen die Thatsache des unwillkürlich

Gegebenseins beobachtet worden ist, als das statistische Verfahren

bezeichnet werden. Durch die Fortsetzung desselben gelangt man mit der

Zunahme der Zahl der Bestätigungen zu einem immer wachsenden Grade von

Wahrscheinlichkeit, welche, wenn die Zahl der erfahrenen Bestätigungen

jener der an sich möglichen Wiederholungen gleicht, zur völligen, wenn

sie derselben sich nähert, ohne einen einzigen Fall des Gegentheils

(negative Instanz) erlitten zu haben, zur moralischen Gewissheit wird.

54. Der Grad dieser Wahrscheinlichkeit lässt sich, jedoch nur in

dem Fall, wenn die Zahl der an sich möglichen Fälle bekannt ist, der

Rechnung unterwerfen. Derselbe wird durch einen Bruch ausgedrückt,

dessen Nenner die Zahl der überhaupt möglichen (m + n), dessen

Zähler die Anzahl der beobachteten einander bestätigenden Fälle

(m) ausdrückt. Erreicht die Anzahl der beobachteten die der an sich

möglichen Fälle, so wird der Bruch m/(m + n) = (m + n)/(m + n) = 1

und die Wahrscheinlichkeit verwandelt sich in Gewissheit. Erreicht sie

dagegen nur die Hälfte der Zahl der an sich möglichen Fälle, so dass m

= n ist, so wird der Bruch m/(m + n) = 1/2 und die Wahrscheinlichkeit

verwandelt sich in halbe Gewissheit d. i. Zweifel. Geht die Zahl

der beobachteten über die Hälfte der an sich möglichen Fälle hinaus,

oder bleibt sie hinter derselben zurück, so wird der Bruch m/(m + n)

im ersten Fall > 1/2, im zweiten Fall < 1/2 d. h. es tritt in jenem

Fall Wahrscheinlichkeit, in diesem Unwahrscheinlichkeit ein.

55. Der äussere Grund des unwillkürlich Gegebenseins kann, da er

nicht im Willen des Denkenden liegt, nur entweder trotzdem im

Denkenden selbst, und zwar entweder in dessen psychischer oder

somatischer Beschaffenheit, oder ausserhalb desselben in der

sogenannten Aussenwelt gelegen sein. Im letzteren Falle heisst

das unwillkürlich Gegebene eine äussere, in beiden anderen Fällen

dürfte es mit Rücksicht auf die innerhalb des Denkenden zu suchende

Ortslage der Ursache eine innere Thatsache heissen; gewöhnlich wird

aber nur die in der psychischen Beschaffenheit des Denkenden (in

dessen Intellect oder Gefühlsleben) gelegene Ursache als eine innere

bezeichnet; die in der somatischen Natur des Denkenden (z. B. in der

anormalen Natur seiner Sinnesorgane) gelegene pflegt zu den äusseren

Ursachen gerechnet zu werden. Innere Thatsachen werden daher nur

solche genannt, welche Bewusstseinsthatsachen, sei es des Intellects,

sei es des Gefühlslebens, sind, während alle übrigen, ihr Grund mag

innerhalb oder ausserhalb der somatischen Natur des Denkenden liegen,

äussere Thatsachen heissen; erstere bilden die Grundlage der inneren,

letztere die Basis der äusseren Erfahrung.

56. Zu den inneren Thatsachen, und zwar des Intellects, gehören

unwiderstehlich sich aufdrängende und deshalb von gewissen Denkern als

"angeboren" bezeichnete Begriffe und Urtheile (wenn es dergleichen

gibt); zu den inneren Thatsachen des Gefühlslebens die unwiderstehlich

sich aufdrängenden Aussprüche der Mahnung und Abmahnung, die von

gewissen Denkern auf die Quelle einer unfehlbaren inneren Stimme (des

moralischen oder ästhetischen Gefühls; das daimonion des Sokrates, der

"deus in nobis") zurückgeführt worden sind (wenn es eine dergleichen

gibt); alle übrigen Thatsachen, die ihren Grund in einer inner-

oder ausserhalb des Leibes des Denkenden gelegenen Ursache haben,

gehören im weiteren, diejenigen, welche ihren Grund in einer vom

Leibe verschiedenen Ursache haben, wie die sogenannten "objectiven"

Sinnesempfindungen, deren Grund "objective" d. h. von aussen kommende

Sinnesreize sind, im engeren Sinne der äusseren Erfahrung an.

57. Zur Constatirung, dass ein gewisser Denkinhalt Thatsache

des Intellects d. h. unabweislich sei, sowie, dass ein solcher

Thatsache des Gefühlslebens d. h. als Gefühl unwiderstehlich sei,

gibt es demnach keinen von dem zur Constatirung, dass ein gewisser

Denk- (z. B. Empfindungs-) Inhalt Thatsache der Erfahrung sei

d. h. unvermeidlich empfunden werde, einzuschlagenden verschiedenen

Weg. In jedem der genannten Fälle muss der Versuch, denselben mit

Wissen und Willen nicht zu denken so oft und unter so vielfach

wiederholten Umständen und von so Vielen wiederholt werden, bis

sich die Aussichtslosigkeit, sich desselben erwehren zu können, zur

moralischen Gewissheit erhoben hat. Denkinhalte, welche diese Probe

bestanden haben, können als evidente d. i. einleuchtende, wenn auch

weiter durch nichts begründungsfähige d. h. als unwiderlegliche,

sei es Bewusstseins-, sei es Sinnesthatsachen, gelten.

58. Bei den Intellects- und Gefühlsthatsachen, wie bei den

Sinnesthatsachen bleibt dabei die von Moment zu Moment veränderliche

Individualität des einzelnen, wie die von Individuum zu Individuum

abweichende Individualität der mehreren Denkenden zu überwinden. Weder

ist der Einzelne in verschiedenen Momenten seines Daseins sich selbst,

noch sind die Einzelnen sich untereinander gleich. Der Intellect

wird zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen eben überwiegenden

Vorstellungskreisen, das Gemüth von eben vorhandenen Stimmungen

beherrscht, welche dem gegebenen Denkinhalt ihre d. h. eine momentane

oder temporäre subjective Färbung ertheilen. Das äussere Sinnesorgan

des Beobachtenden unterliegt von Fall zu Fall oder von Beobachter zu

Beobachter individuellen, sei es augenblicklichen, sei es habituell

gewordenen Störungen, welche (wie z. B. die Farbenblindheit, die

Kurz- oder Weitsichtigkeit) dem gegebenen Inhalt der Beobachtung

eine sei es augenblickliche, sei es dauernde subjective Entstellung

(z. B. Farbenfälschung, Entfernungsfälschung) aufprägen. Letztere

Gefahr hat bei astronomischen Observationen zur Aufstellung der

sogenannten Bessel'schen Augengleichung geführt, durch welche der

habituelle Beobachtungsfehler jedes Beobachters ein- für allemal

eruirt und sodann, wie der habituelle Gangfehler einer Uhr durch

die sogenannte Zeitgleichung, bei jeder von demselben angestellten

Beobachtung dieselbe corrigirend ebenso in Anschlag gebracht wird, wie

durch Kenntniss der täglichen Acceleration oder Retardation des Pendels

auch mittels einer fehlerhaften Uhr richtige Zeitbestimmungen erreicht

werden können. Wie hier von der individuellen Natur des Beobachters,

so muss bei Beurtheilung desjenigen, was als Bewusstseins-, sei es

Intellects- oder Gefühlsthatsache, gelten soll, von der individuellen

Natur wie der augenblicklichen Gemüthsstimmung abgesehen d. h. das

Urtheil, dass ein gewisser Denkinhalt unwillkürlich gegeben sei,

muss, um mit Kant zu reden, "mit Vermeidung aller Privatgefühle"

gefällt werden.

59. Der auf diesem Wege als denknothwendig nachgewiesene

Denkinhalt gilt dem Denken als wahrer Denkinhalt. Die Idee

der Denknothwendigkeit ist die erste logische d. h. die erste

derjenigen Ideen, von welchen das Denken in seinem Streben, Wissen

zu werden, sich leiten lässt. Da dieselbe auf dem Nachweise des

unwillkürlich Gegebenseins des Denkinhalts, dieser Nachweis selbst

aber auf einem Constatirungsverfahren beruht, dessen äusserste

Grenze die zwar dem Bedürfniss genügende, aber die Sache selbst

niemals erschöpfende moralische Gewissheit bildet, so folgt aus dem

Erweise, dass ein gewisser Denkinhalt denknothwendig, allerdings

nicht mit Nothwendigkeit, dass derselbe wahr sei, aber es folgt mit

Nothwendigkeit, dass derselbe dem Denkenden wahr scheine.

60. Die zweite logische Idee, die wie die folgenden auf dem Was des

Denkinhalts, statt wie die erste auf dessen Wie, und zwar auf dem

Verhältniss der einseitigen oder gegenseitigen Inhaltsidentität

zweier Denkinhalte ruht, ist die der Analyse d. i. der Versuch,

durch Auflösung des Inhalts in seine näheren und entfernteren

Bestandteile zu einem Urtheil über dessen Wahrheit oder Falschheit zu

gelangen. Dieselbe tritt, wie oben angeführt, wenn die Inhaltsidentität

einseitig ist, als Subsumtion, wenn sie gegenseitig ist, als

Subordination des einen unter den andern Denkinhalt auf, an welche die

betreffenden Verfahrungsweisen, und zwar an die erstere die analytische

(regressive) und synthetische (progressive), an die letztere die

Abstractions- und die Determinationsmethode sich anschliessen.

61. Die dritte logische Idee, die auf der Identität des Umfangs

(Aequipollenz) beruht, ist die Gleichgeltung d. i. der Versuch, durch

Substituirung eines dem Gegebenen gleichgeltenden Denkinhalts zu einem,

wenigstens dem Inhalte nach von dem ersten verschiedenen, neuen auf

einem Wege zu gelangen, auf welchem die Wahrheit oder Falschheit des

letzteren aus jener des gegebenen sich folgern lässt. Auf dieselbe

gründet sich das, wenn man die Identität des Umfangs im Auge hat,

Substitutionsmethode, wenn man die Verschiedenheit des Inhalts in

Betracht zieht, Transmutationsmethode genannte Verfahren, in welchem

die Wahrheit des ursprünglich gegebenen Denkinhalts durch allen nicht

blos scheinbaren, sondern wirklichen Wechsel des Inhalts hindurch

und trotz desselben sich forterhält.

62. Die vierte logische Idee ist die der Synthese d. i. die Verknüpfung

disparater Denkinhalte in Folge eines nicht aus der Betrachtung des

Inhalts desselben abgeleiteten, diesem fremden, aber zur Begründung

jener zureichenden Grundes. Je nachdem derselbe entweder eine äussere

(Sinnes-, aposteriorische) oder (wie bei Kant's mathematischen

Urtheilen) eine reine (Intellectual-, apriorische) Anschauung ist,

ist die Synthesis selbst entweder empirisch (zufällig, particulär),

welche blosse Wahrscheinlichkeit, oder apriorisch (allgemein,

nothwendig), welche (wenn es deren überhaupt gibt) ausnahmslose

Gewissheit gewährt. Auf dieselbe gründet sich das empirisch- (wenn

die Synthese eine empirische) oder apriorisch- (wenn die Synthese

eine reine ist) synthetische Verfahren, welches im ersten Falle

zu empirischen (mehr oder weniger wahrscheinlichen), dagegen im

letzteren Falle zu apriorischen (mit dem Anspruch auf Allgemeinheit

und Nothwendigkeit ausgesprochenen) Ergebnissen führt.

63. Die fünfte logische Idee ist die der Ausschliessung, welche auf

dem Verhältniss des Gegensatzes, und zwar als Widerstreit auf dem des

conträren, als Widerspruch auf dem des contradictorischen, dagegen als

sogenannte "Einheit der Gegensätze" (Synthese des Ausgeschlossenen) auf

dem des subconträren Gegensatzes beruht. Während die ersten beiden blos

trennend (disjunctiv), verhält sich der letzte zugleich verbindend

(copulativ). An jene schliesst sich ein negatives, Denkinhalte

scheidendes, an dieses ein affirmatives, Geschiedenes wieder

vereinigendes Verfahren an, daher jenes vorzugsweise als die Methode

des scharfsinnigen, verborgene Unterschiede des Aehnlichen streng

sondernden Verstandes, dieses als die einer tiefsinnigen, verborgene

Aehnlichkeit des Geschiedenen aufspürenden, Entgegengesetztes als

Eins schauenden (speculativen) Vernunft angesehen wird.

64. Keine der fünf angeführten logischen Ideen ist der Schlüssel zum

ganzen Wahren, aber jede derselben ist ein Schlüssel zu Wahrem. Weder

dasjenige Verfahren im Denken, welches sich ausschliesslich auf das

unwillkürliche Gegebensein (Positivität) des Denkinhalts stützt und

daher Positivismus oder, weil das Gegebene als Thatsache gilt, auf

Thatsachen gegründetes Denken d. i. Empirismus heisst, noch das ebenso

ausschliesslich auf das Was des Denkinhalts (Rationalität) gegründete

Verfahren, welches auf die Beziehungen (rationes) der Denkinhalte

zu und unter einander sich stützt und deshalb Rationalismus heisst,

erschöpft die Totalität des dem Denken zugänglichen Erkenntnissgehalts;

beide sind, indem der Positivismus des rationalen Verfahrens bedarf,

um von den gegebenen Thatsachen aus, der Rationalismus der positiven

Grundlage bedarf, um von derselben aus weiter fortzuschreiten, dazu

bestimmt, einander gegenseitig zu ergänzen.

65. Der Positivismus oder das lediglich von Thatsachen ausgehende

Denken ist, je nachdem diese letzteren innere oder äussere

(Bewusstseins- oder Sinnesthatsachen), die ersteren entweder Thatsachen

des Intellects, oder des Gefühls, oder des Willens, die letzteren

entweder durch krankhafte von innen kommende oder durch normale

von aussen kommende Sinnesreize erzeugte Sinnesthatsachen, blosse

Hallucinationen (visiones) oder Wahrnehmungen des äusseren Sinnes

(visus et auditus) sind, nach der Reihe entweder intellectualer

(wie der auf angeborne Ideen sich berufende Cartesianismus) oder

sensualer (wie die Gefühlsphilosophie Jacobi's, die schottische

Moral- und sogenannte Philosophie des gesunden Menschenverstandes),

oder theletischer (wie die Willensphilosophie Schopenhauer's),

oder visionärer (wie Swedenborg's Mysticismus und Spiritismus), oder

sensualistischer Positivismus (wie die philosophie positive Comte's,

welche seit Diesem im engeren und eminenten Sinne diesen Namen

führt). Nimmt derselbe hierbei seinen Ausgangspunkt lediglich von

den Thatsachen der, sei es inneren, sei es äusseren Erfahrung, so ist

er gemeiner, unkritischer Positivismus (Dogmatismus); betrachtet er

dagegen die Erfahrung selbst (sei es die innere, sei es die äussere)

als Thatsache, neben und ausser welcher noch andere thatsächliche

Erfahrungen (aussermenschliche oder übermenschliche) möglich sind,

so ist er transcendentaler, kritischer Positivismus (Kriticismus).

66. Der Rationalismus oder das lediglich auf die ein- oder

gegenseitigen Beziehungen (rationes) des Denkinhalts sich stützende

Denkverfahren ist entweder analytischer, wenn er lediglich durch

die logischen Ideen der Analyse, der Gleichgeltung und der conträren

oder contradictorischen Ausschliessung, dagegen synthetischer, wenn

er überdies durch jene der Synthese sich leiten lässt. Letzterer

heisst empirischer, wenn die Synthese ausschliesslich aposteriorisch,

dagegen reiner, wenn dieselbe (wie etwa in Kant's mathematischen

Urtheilen) apriorisch verstanden wird. Tritt zu den logischen Ideen des

empirischen Rationalismus jene des Widerstreits und des Widerspruchs

in der Weise gesetzgebend hinzu, dass, was durch empirische Synthese

gegeben ist, trotzdem ohne Umbildung (Berichtigung oder Ergänzung)

nicht behalten werden darf, sobald es Widersprüche einschliesst, so

geht derselbe in rationalen Empirismus über, während er im Gegenfall

empirischer Irrationalismus (Empiristik) wird. Tritt zu den logischen

Ideen, welche den reinen Rationalismus leiten, jene der "Einheit der

Gegensätze" in der Weise hinzu, dass das durch den Verstand Getrennte

(Reflexions- oder Verstandesphilosophie) in einer "höheren" Vernunft-

(intellectualen) Anschauung wieder als Eins geschaut wird, so geht der

reine in speculativen Rationalismus (rationale Dialektik, speculative

oder Vernunftphilosophie) über.

67. Wenn die logischen Ideen als Vorbilder des Denkens dasselbe zum

Wissen (Erkenntniss), so führen die Gegentheile derselben dasselbe zum

Nicht- oder Scheinwissen (Irrthum). Gegentheil der Denknothwendigkeit

ist die Denkzufälligkeit, des unwillkürlich Gegeben- das willkürlich

Gemachtsein des Denkinhalts, in Folge dessen derselbe im Gegensatz

zum erfahrenen (Erlebniss) als erfundener (Fiction) erscheint. Das

Gegentheil der Analyse d. i. der Zerlegung des Denkinhalts in seine

Bestandtheile, wodurch derselbe deutlich wird, ist die Confusion

d. i. die Vermengung der verschiedenen Bestandtheile des Denkinhalts,

wodurch derselbe verworren und dunkel wird. Das Gegentheil der Gleich-

ist die Ungleichgeltung des Denkinhalts, wodurch beliebige Denkinhalte,

welche nichts weder dem Inhalt noch dem Umfang nach mit einander gemein

haben, für einander gesetzt werden. Das Gegentheil der berechtigten

oder doch für berechtigt gehaltenen, sei es auf wirklicher Gewöhnung

beruhenden empirischen oder auf, wenn auch blos vermeintlicher,

reiner Anschauung beruhenden apriorischen Synthese bildet die, sei

es in einem, sei es im andern Sinn unberechtigte, entweder, statt auf

wirklicher Gewöhnung, auf blosser Angewöhnung oder Verwöhnung beruhende

empirische, oder nicht einmal auf vermeintlicher, sondern willkürlich

behaupteter (stat pro ratione voluntas) reiner Anschauung beruhende,

fälschlich für apriorisch ausgegebene Synthese. Das Gegentheil der

Idee der Ausschliessung bildet die Duldung der Gegensätze, und zwar

nicht blos des conträren und contradictorischen, sondern auch die

des subconträren, welche letztere sich durch die Annahme der "Einheit

der Gegensätze" von blosser Toleranz bis zur durch die logische Idee

der Ausschliessung verbotenen positiven Anerkennung des Widerspruchs

steigert und in diesem die Wahrheit findet. Wie die logischen Ideen

als Schlüssel zum Wahren, kann jedes dieser ihrer Afterbilder als

ein solcher zum Falschen dienen.

68. Wie die Summe der logischen Ideen zusammengenommen das Muster

darstellt, dem das Wahre, so stellt die Summe der Gegentheile derselben

das Schema dar, welchem ganz oder theilweise das Unwahre gleichen

muss. Mit der Aufstellung beider, des Einen zur Nachahmung, des Andern

zur Abschreckung für jedes Denken, das Wissen (Erkenntniss) werden

will, ist das Geschäft der Logik als allgemeiner Wissenschaft von

den normalen und anormalen Formen des Denkens (Denknormen) vollendet.

ZWEITES CAPITEL.

DIE ÄSTHETISCHEN IDEEN.

Anthroposophie im Umriss Entwurf eines Systems idealer Weltansicht auf realistischer Grundlage · 第 3 / 31 段