Ausklang

Eigenartig und wechselvoll sind die Schicksale des Tales gewesen, dem

die vorliegenden Aufsätze gewidmet sind, und wenn jener schlafende

Riese, den wir unter dem Namen Windberg kennen, plötzlich aufwachte,

möchte er wohl verwundert dreinschauen, was aus der Landschaft geworden

ist, die zu seinen Füßen liegt. Eine einsame, wilde Gebirgs- und

Waldgegend empfing hier den Wanderer zu einer Zeit, da in der nahen

Haupt- und Residenzstadt die Kultur schon gewisse Höhepunkte erreicht

hatte. In ärmlichen, strohgedeckten Lehmhütten wohnten kleine Bauern,

schmalen Pfaden folgte der Fuß des Jägers, an den schluchtenreichen

Talwänden schürften sagenhafte Gestalten nach Erz, und unbeachtet

noch hoben in geringen Tiefen einzelne Kohlengräber die schwarzen

Edelsteine, die erst viel später dem Tale ihren Stempel aufdrücken

sollten. Nur die wenigen Herrensitze zeigten einen schwachen Abglanz

des großen Lebens in der Ebene. Aus dieser Vergessenheit wurde das

stille Tal gerissen, als es vor etwa einhundertneunzig Jahren von

»empfindsamen« Menschen entdeckt wurde. Es wurde Gegenstand einer

reichen Literatur. Maler und Zeichner suchten hier ihre Motive.

Vorsichtiger Schätzung nach dürften gegen tausend Kupferstiche und

Bilder ähnlicher Techniken von dem Gebiete vorhanden sein, die aus

der Zeit von etwa 1770 bis 1830 stammen und zum Teil auf Gemälden

und Zeichnungen großer und größter Künstler fußen. Der Grund war

Weltberühmtheit geworden, zu der Reisende aus aller Herren Länder

kamen. Dresden gesehen zu haben, den Plauenschen Grund aber nicht

mit, galt als Unmöglichkeit. Aber schon bereitete sich die Änderung

vor. Die Dampfmaschine war mitten in dieser empfindsamen Zeit

erfunden worden, in England lief die erste Lokomotive, und bald

hielten beide ihren Einzug in den Grund – der Auftakt einer neuen

Zeit. Jetzt erhielten die Kohlen des Grundes erhöhte Bedeutung, die

Dorfbewohner wurden Bergknappen. Das Denken wurde realer. Verschwanden

auch nicht mit einem Male die idyllischen Bilder, so waren sie doch

nicht mehr Gegenstand künstlerischer Behandlung. Aus dem bekannten

Werkchen von Julius Petzholdt 1842 geht das deutlich hervor, und im

gleichen Jahre schildert Gottfried Reichard in einem Vortrage im

Dresdner Gewerbverein den Plauenschen Grund schon als industriellen

Schauplatz, wenn er sich auch in einzelnen Ausdrücken noch nicht ganz

von der Romantik frei machen kann. Die Gründerzeit verlieh dem Tale

den endgültigen Inhalt der menschlichen Arbeit, dem das erst jüngst

entstandene neue Gemeinwesen Freital nur andere Formen zu geben vermag.

Von der Heidenschanze bei Coschütz führt ein Weg durch Schlehengebüsch

hinab ins Tal. Ein verwitterter Wegweiser zeigt die Richtung nach

dem Dorfe Potschappel. Getragen wird er von einem alten Baum, der

wie klagend seine verdorrten Äste ausstreckt. Nur einer noch trägt

spärliches Grün und im Frühjahre einige Blüten. Ein Symbol des

sterbenden romantischen Tales.

Die Entwicklung des Tales erscheint abgeschlossen, und da war wohl ein

Rückblick auf seine Eigenart und seine Schicksale am Platze. Chidher,

der ewig junge, aber sprach:

»Und aber nach fünfhundert Jahren

Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich eine Stadt, und laut

Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.

Ich fragte, seit wann die Stadt erbaut.

Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?

Sie schrieen und hörten nicht mein Wort:

So ging es ewig an diesem Ort

Und wird so gehen fort und fort.

Und aber nach fünfhundert Jahren

Will ich desselbigen Weges fahren.«

(Rückert.)

Rudolf Schumann.

[Illustration]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 3–6 · 第 71 / 99 题