Nun wollen wir wieder zum Ratssteinbruch hinuntersteigen, diesmal
mit der Absicht, den Syenit näher zu betrachten. Wir werden uns auch
nicht mit den Beobachtungen im Ratssteinbruch zufrieden geben, sondern
der Weißeritz entgegenwandern bis zur König-Friedrich-August-Hütte,
wobei wir in mehreren großen Steinbrüchen (Abb. 7) Gelegenheit haben,
den Syenit kennenzulernen. Das Gestein zeigt keinerlei Schichtung,
wohl aber eine ziemlich starke, unregelmäßige Zerklüftung. An jeder
Bruchfläche erkennen wir leicht, daß der Syenit aus zweierlei
Mineralien zusammengesetzt ist, einem hellrötlichen und einem
schwarzen. Beide bilden Kristallkörner von ungefähr gleicher Größe und
sind durch ebene, spiegelnde Spaltflächen ausgezeichnet. Das schwarze
Mineral ist Hornblende, das hellrötliche Kalifeldspat = Orthoklas.
Die Hornblende hat ihre eigene Kristallform, die Feldspatkörner
stoßen daran ab, umschließen bisweilen sogar eine kleine Hornblende,
gegenseitig begrenzen sie sich in zufälligen, unregelmäßigen Flächen.
Vereinzelt kann man auch mitten im Gestein Titanitkristalle sehen,
die eine dunkelrotbraune Farbe besitzen und durch ihren starken Glanz
auffallen. Immer sind es nach allen Seiten modellscharf ausgebildete
Kristalle, die in bezug auf Größe nie die Feldspatkörner erreichen.
Wir schließen aus dem Gesteinsgefüge, daß der Syenit ein erstarrter
Schmelzfluß ist, aus dem die Titanitkristalle zuerst, die
Hornblendekristalle später und die Feldspatkristalle zuletzt sich
ausgeschieden haben. Das Auskristallisieren muß aber außerordentlich
langsam vor sich gegangen sein, sonst hätten sich nicht so große
Einzelkristalle aus der gleichartigen Schmelzmischung heraus entwickeln
können. Die langsame Erstarrung ist aber nur möglich bei langsamer
Abkühlung, die ihrerseits nur denkbar ist, wenn die Syenitschmelze
nicht an der Erdoberfläche gelegen, sondern, wie der Topf in einer
Kochkiste, tief in der Erdrinde gesteckt hat. Der Syenit ist ein
_Erstarrungsgestein_ und zwar ein _Tiefengestein_. Wenn wir sehen, daß
der Syenit jetzt einen Teil der Erdoberfläche darstellt, so läßt sich
das nur dadurch erklären, daß die Gesteinsmassen, in denen und unter
denen der Syenit fest geworden war, nach der Erstarrung beseitigt
worden sind. Wäre diese Abtragung nicht erfolgt, so hätten wir von der
Existenz des Syenits auch keine Kenntnis. Wollten wir aber glauben, der
Pläner sei das Hüllgestein gewesen, unter dem der Syenit entstanden
ist, so wäre unsere Meinung falsch. Der Syenit ist älter und war schon
einmal bloßgelegt, bevor er im Cenoman vom Pläner zugedeckt wurde. Wo
der Syenit mit den ursprünglichen Hüllgesteinen zusammenstößt, können
wir im Bereich des Plauenschen Grundes gar nicht unmittelbar beobachten.
[Illustration: Abb. 7. =Große Syenitbrüche im Plauenschen Grunde=]
Wenn wir uns aber nach dem neunten Lichtloch des tiefen Elbstollns
begeben – es befindet sich westlich vom Burgwartsberg in dem Tälchen,
das von Pesterwitz nach Potschappel hinunterführt, und verrät sich
durch eine Halde –, dann finden wir graue und violette Schiefer mit
schwarzen Flecken und Knötchen, die beim Bau des Elbstollns aus der
Tiefe herausgeholt worden sind. Diese Schiefer sind silurischen
Alters, aber ihr seidenartiger Glanz und die dunklen Knötchen
passen nicht zu ihrer ursprünglichen Beschaffenheit, sondern sind
Umwandlungserscheinungen, hervorgerufen durch die Hitze des Syenits und
durch die von ihm ausgehauchten Gase und Dämpfe. Diese Schiefer haben
einst das Dach gebildet, unter dem der Syenit erstarrt ist. Der tiefe
Elbstolln hat die Grenze zwischen Syenit und Schiefer durchfahren.
Der Syenit hat nicht immer dieselbe normale Gesteinsbeschaffenheit,
wie wir sie oben beschrieben haben. Es gibt auch hier und da im
gewöhnlichen Syenit verteilt, so häufig, daß sie kaum in einem
Steinbruch fehlen dürften, knollenförmige Ausscheidungen, die entweder
heller oder dunkler sind als der normale Syenit. In den dunklen Nestern
spielen Glimmer, Hornblende und Augit die Hauptrolle, während in den
hellen Knollen und Adern Kalifeldspat und Quarz die wesentlichen
Gemengteile sind. An selteneren Mineralien stellen sich z. B. Malakon,
Orthit, Turmalin, Apatit, Scheelit, Titaneisen ein. Chlorit und
Epidot, die ebenfalls vorkommen, gelten als Verwitterungsprodukte.
Von allgemeinerem Interesse sind verschiedene Kupfererze, die auch zu
wiederholten bergbaulichen Versuchen Veranlassung gegeben haben. (Vgl.
den Aufsatz über den Bergbau im Plauenschen Grunde.)
Der Syenit selbst gehört heute zu den wertvollen Bodenschätzen und wird
im Plauenschen Grund in einer ganzen Reihe großer Steinbrüche gewonnen
(Abb. 7). Diese Steinbruchindustrie ist bereits etwa hundert Jahre alt.
Zum kleinsten Teil nur werden die gebrochenen Steine zu Pflastersteinen
verarbeitet, wie auch die ganze Talstraße von Potschappel bis Plauen
keinen einzigen Syenitpflasterwürfel aufweist. Meist findet der
Syenit als Schotter für Straßen, Eisenbahnen und zur Herstellung von
Beton Verwendung. Die großen Steinbrüche sind heute ein wesentlicher
Charakterzug des Plauenschen Grundes.
[Illustration: Abb. 8. =Quetschzone im Syenit=]
In allen Syenitbrüchen beobachtet man eine starke Zerklüftung
des Gesteins. Für diese Erscheinung kann man zweierlei
Erklärung geben. Da jeder Körper beim Abkühlen sein Volumen
vermindert, können die feinen Spalten als eine Folge der
Schrumpfung während der Abkühlung nach der Erstarrung
angesprochen werden. Diese Deutung ist aber nicht in allen
Fällen stichhaltig. An vielen Stellen findet man das feste
Syenitgestein geradezu zermalmt und zerquetscht (Abb. 8),
während das unversehrte Nachbargestein bisweilen spiegelblanke
Flächen, sogenannte Harnische trägt, in die parallele Schrammen
und Riefen eingefurcht sind (Abb. 9). Wir erkennen da das
Wirken gewaltiger Kräfte geheimnisvollen Ursprungs, die
einzelne Schollen der Erde gegeneinander verschoben haben
und denen wir wohl einen Teil der Risse und Klüfte im Syenit
zuschreiben müssen.
Eine andere Erscheinung zeigen uns die Abbildungen 10 und 11,
Gesteinsgänge verschiedener Farbe. Das Gesteinsgefüge läßt
erkennen, daß wir auch hier erstarrte Schmelzflüsse vor uns
haben. Da sind also durch Gebirgsdruck und Schollenbewegung die
Klüfte zu klaffenden Spalten erweitert und von der Tiefe her
mit Schmelzmassen ausgefüllt worden. Bald ist das entstehende
Ganggestein dunkler, bald heller als der umgebende Syenit.
Andere Spalten sind dadurch wieder ausgeheilt und ausgefüllt
worden, daß Sickerwässer von oben her irgendwelche
Minerallösungen mitgebracht und in den Hohlräumen wieder
ausgeschieden haben. Derartige »Mineralgänge« sind vom
Mineraliensammler sehr geschätzt. Es seien nur die häufigeren
Mineralien erwähnt: Kalkspat, Aragonit, Laumontit, Schwerspat.
Da die Sickerwässer von oben aus dem kalkigen Pläner kommen,
ist das Vorwiegen kalkhaltiger Mineralien nicht verwunderlich.
Mit einem Hinweis auf die Verwitterung wollen wir die
Betrachtung des Syenits schließen. Während die staub-
und rauchgeschwärzten Felsen beim Felsenkeller den
Witterungseinflüssen gar nicht zugänglich zu sein scheinen,
beobachten wir beim Ausgang des Engtales nach Potschappel zu
in der Nähe der König-Friedrich-August-Hütte und an einigen
anderen Punkten eine besondere Art der Verwitterung (Abb. 12).
Frost und Sonnenbestrahlung, Regen und Wind, die Tätigkeit
der Pflanzenwurzeln und in hervorragendem Maße chemische
Vorgänge, die vor allem durch das Kohlenstoffdioxyd der Luft
bedingt sind, haben hier zu einem Zerfall des Gesteins in einen
sandigen Grus geführt, wobei einzelne abgerundete Felsgebilde
stehengeblieben sind. Es ist dies eine Verwitterung, wie man
sie sonst besonders beim Granit beobachtet und die man mit
dem Namen »Wollsackbildung« bezeichnen kann. Die losgelösten
Gesteinsbröckchen können natürlich leicht vom Winde, noch mehr
aber vom Wasser fortgeschafft werden. Da jedoch eine solche
Verwitterung nicht überall in gleicher Weise, immer aber nur
mit außerordentlicher Langsamkeit erfolgt, leistet der Syenit
gegen die Abtragung durch das fließende Wasser einen sehr
großen Widerstand. Wir erblicken darin die Ursache, daß die
Weißeritz zwischen Potschappel und Plauen ein zwar tiefes, aber
nur sehr enges und schmales Tal mit steilen, felsigen Wänden
hat eingraben können.