2. Die Decke von Kreidegesteinen.

Wenn wir uns der soeben gewonnenen Ausdrucksweise bedienen, können

wir sagen: Mitten in der Kreidezeit, bei Beginn des Cenomans, senkte

sich der Boden unserer Heimat, und das bisherige Festland wurde vom

Meere überflutet und von den Absätzen des Kreidemeeres bedeckt. Diese

Ablagerungen haben eine zusammenhängende Decke gebildet, unter der

das ältere Grundgebirge vollständig verborgen war. Wenn wir heute,

wie Abbildung 3 lehrt, die Gesteine der Kreide nur am Abhange des

Elbtales zu beiden Seiten des Plauenschen Grundes finden, während

wir sie nach Westen zuerst außerhalb unseres Arbeitsbereiches wieder

antreffen würden, so ist dies auf spätere Zerstörung und Abtragung

zurückzuführen. Der Plauensche Grund ist eben ein _Talgebiet_ und das

fließende Wasser mußte naturgemäß zuerst die Decke von Kreidegesteinen

wegnehmen, bevor es ein tieferes Tal eingraben konnte. (Vergl. auch das

Profil Abbildung 16.)

Aus den wichtigsten Versteinerungen, wie wir sie im Pläner

des Ratssteinbruches finden, erkennen wir, daß der Pläner dem

Cenoman, also der untersten Stufe der oberen Kreide angehört.

Auch die nächsthöhere Schicht, das Turon, kommt vor, aber erst

außerhalb unseres Gebietes im Elbtale. Es ist sicher ebenfalls

als geschlossene Decke in unserer ganzen Gegend vorhanden

gewesen, aber es ist noch eher und in noch weiterem Umfange

zerstört worden als das unter ihm liegende Cenoman. Das Senon,

die oberste Stufe der oberen Kreide, war dagegen niemals da;

wir wissen aus den angrenzenden Gebieten, daß mit dem Beginn

des Senons infolge einer allgemeinen Hebung das Meer wieder

verschwunden ist, so daß auch keine Meeresabsätze zu jener Zeit

mehr entstehen konnten.

Der Plauensche Grund weist also von der oberen Kreide nur das Cenoman

auf, und zwar haben wir es oben an der Talkante zu beiden Seiten der

Weißeritz zwischen Potschappel und Plauen zu suchen. Es zeigt sich

uns in Form verschiedener Gesteine, die alle gleichzeitig, aber an

verschiedenen Stellen, unter verschiedenen Bedingungen entstanden sind.

Diese gleichaltrigen Gesteine enthalten die gleichen Versteinerungen

und gehören zumeist auch der gleichen durchlaufenden Schicht an. Der

Geologe nennt diese verschiedene Ausprägung gleichaltriger Schichten

Faziesbildungen.

Im Ratssteinbruch haben wir bereits die Plänerfazies des sächsischen

Cenomans kennen gelernt. Der Name Pläner soll soviel wie »Plauener

Stein« bedeuten. Man versteht unter Pläner diejenigen Gesteine der

oberen Kreide, die durch plattige Schichtung, durch außerordentliche

Feinkörnigkeit und hellgraue Farbe gekennzeichnet sind. Sie enthalten

neben vielen winzigen Quarzkörnchen sehr reichlich Kalk und Ton und

können als »feinkörnige kalk- und tonreiche Sandsteine« bezeichnet

werden. Im Ratssteinbruch wird der Pläner zum größten Teil als

Abraum beiseite geschafft, in den Syenitschotter nimmt man ihn nur

dann mit, wenn man daraus Beton herstellen will, der nicht allzusehr

beansprucht werden soll. An anderen Orten hat man aus dem Pläner

Kleinpflastersteine für Fußwege hergestellt. In der gleichen Ausbildung

wie im Ratssteinbruch treffen wir den Pläner weiter westlich an der

Bergstraße an, die aus dem Grunde hinauf nach Dölzschen führt (siehe

Abb. 4).

[Illustration: Abb. 4. =Pläner an der Bergstraße in Dölzschen=]

Wenn wir aber weiter westlich bis in die Gegend von Pesterwitz gehen,

offenbart sich uns das Cenoman als Sandstein. Der Übergang aus der

Plänerfazies in die Sandsteinfazies vollzieht sich dadurch, daß die

Quarzkörnchen größer werden, während gleichzeitig Kalk- und Tongehalt

zurücktreten. Auch auf der rechten Seite der Weißeritz liegt der

cenomane Sandstein, und zwar ist er bei Coschütz in unmittelbarer

Nähe der Heidenschanze durch einen Steinbruch aufgeschlossen. Daß der

Sandstein ein geschätzter Baustein ist, braucht kaum erwähnt zu werden.

(Abb. Seite 176.)

[Illustration: Abb. 5. =Konglomerate im Coschützer Sandsteinbruch=]

Der Coschützer Steinbruch enthält aber noch eine andere Fazies des

Cenomans, grobe Konglomerate (Abb. 5). Sie bestehen ebenso wie die

Geröllschicht, mit der die Kreideablagerungen auf dem Syenit des

Ratssteinbruches beginnen, aus großen, gerundeten Syenitblöcken.

Zusammengehalten werden sie durch ein sandiges Bindemittel. Auch hier

kommt, da es sich nur um Syenitgerölle handelt, eine weite Verfrachtung

durch fließendes Wasser nicht in Frage, wir müssen vielmehr, genau wie

im Ratssteinbruch, die Geröllmassen als ein Erzeugnis der Brandung

deuten. Da hier Sandstein und Konglomerat mehrfach miteinander

wechseln, muß durch wiederholtes Heben und Senken des Landes an

derselben Stelle bald Küste, bald Meer gewesen sein. Das über das

Festland hinwegbrandende Meer hat mehrmals zurückweichen müssen, bis

es Sieger blieb. Der Steinbruch an der Heidenschanze ist ein Zeugnis

dieses Kampfes zwischen Meer und Festland.

[Illustration: Abb. 6. =Die Kreideklippe des Hohen Steines=]

Noch eine vierte Erscheinungsform des Cenomans, die sogenannte

Klippenfazies, treffen wir, wenn wir auf der rechten Talkante ostwärts

wandern bis zum »Hohen Stein«. Dieser ist ein einzelner Fels auf

dem etwa sechzig Meter hohen, fast senkrechten Prallhang bei der

Felsenkellerbrauerei und überragt seine nächste Umgebung noch um

einige Meter. Er besteht wie der Untergrund aus Syenit und trägt

eine kesselförmige Vertiefung, die mit einem plänerähnlichen Gestein

ausgefüllt ist (Abb. 6). Dieses Füllgestein ist fast ausschließlich

aus Bruchstücken von tierischen Kalkschalen zusammengesetzt. Ein Blick

nach der anderen Talseite zeigt uns den Pläner im Ratssteinbruch

etwa zwanzig Meter tiefer. Das während der Kreidezeit ins Meer

versinkende Grundgebirge hatte keine ebene Oberfläche, es war eine

hügelige Landschaft. Während ringsum das Ringen zwischen Land und

Meer zugunsten des Meeres bereits entschieden war, ragten hier noch

einzelne Felsklippen bis zum Meeresspiegel auf, von der Flut wurden

sie bestürmt, und in ihren Vertiefungen wurden die von der Brandung

zerbrochenen Tierreste abgelagert. Der Heimatschutz hat den Hohen

Stein, diese Klippe im Kreidemeer, als ein Naturdenkmal gekennzeichnet,

das besonderen Schutz verdient.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 3–6 · 第 16 / 99 题