Ich habe schon gesagt, daß nahezu in gerader Linie mit der Richtung, in
der unser Sonnensystem durch den Weltenraum fliegt, ein Nebel von großen
Sternen liegt. Dadurch wird eine andere Frage in uns angeregt. Sind wir
am Ende gar vom Schicksal bestimmt, diese wundervolle Massenansammlung
von Sternen zu erreichen? Eine solche Möglichkeit liegt völlig in der
Art unseres großen Fluges und hat weit mehr Wahrscheinlichkeit, als die
weit tragischere, die ich früher beschrieben habe. Dieser Sternennebel,
gegen den wir unaufhaltsam fliegen, ist eines der größten Wunder des
gesamten Alls. Den Astronomen ist er unter der Bezeichnung »der Nebel
des Herkules« bekannt. Man hat ausgerechnet, daß er aus ungefähr zwölf
bis vierzehn Tausend Sternen besteht, die so dicht aneinander stehen,
daß ihr Licht im Fernrohr förmlich als ein einziger Lichtnebel
erscheint. Namentlich in dem Zentrum dieses Lichtscheines ist es ganz
unmöglich, die einzelnen Sterne voneinander zu trennen. An der
Peripherie des Nebels jedoch ist es uns durch unsere großartigen
Instrumente gelungen, die hier offenbar auch weiter auseinander
stehenden Sterne als getrennte Körper zu erkennen. Und der Anblick
dieser unendlichen Sternenmenge ist ungefähr dem gleich, den wir etwa
von einem Ballon aus auf eine von elektrischen Lichtern hell erleuchtete
Stadt haben. Gegen diese wundervolle Licht- und Sternenmetropole fliegen
wir, wie gesagt, mit der Geschwindigkeit von zwölf Meilen in der
Sekunde. Im Verlaufe eines Menschenalters kommen wir daher diesen
Sternenmengen um mehr als 200000000000 Meilen näher. Die Entfernung ist
eine so unglaublich große, daß unsere Annäherung trotzdem eine kaum
merkbare ist. Eine ganz geringe Ablenkung von unserer Bahn würde uns
mitten in das Herz dieses Sternennebels bringen. Und wenn wir allen
Gefahren, die uns auf diesem unendlichen Wege bedrohen, entgehen, und
wir wirklich unser Ziel im Herkulesbilde ereichen würden, was würde dann
wohl geschehen?
Entweder würde ein Zusammenstoß erfolgen oder nicht. Das würde ganz
davon abhängen, welche Richtung unsere Bewegung in dem Augenblicke hat,
in dem wir in die große Gesellschaft von Sternen eintreten. Angesichts
der großen Menge gleichzeitig von so vielen Sternen wirkender
Anziehungskräfte würde die Möglichkeit da sein, daß kein Zusammenstoß
stattfindet, sondern daß unsere Sonne sich mit allen ihren Planeten
einfach dem Sternennebel anschließt und ein gleichberechtigtes Glied
dieser Sternengesellschaft wird. Die Entfernung, die uns von dem
Herkulesnebel trennt, ist aller Berechnung nach nicht geringer als
Tausend und Abertausende von Millionen Meilen, und es würde, was für uns
Lebende ganz zweifellos ein Trost ist, falls wir immer in derselben
Geschwindigkeit unserem Ziele zueilen, mindestens noch drei Millionen
Jahre dauern, ehe es zu dem geschilderten Ereignisse kommt.
Unsere Erde war weit über drei Millionen Jahre lang unbewohnt, und erst
später sind die Lebewesen entstanden und haben sich bis zur Höhe des
Menschen entwickelt. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß in drei
Millionen Jahren diese Erde ebenfalls noch bevölkert sein wird, und zwar
von geistig zu einer kolossalen Höhe angewachsenen Wesen oder Menschen.
Diese werden, wenn jenes große Ereignis geschieht, eines der
herrlichsten Schauspiele haben, das man sich denken kann. Wir sehen
gegenwärtig mit dem nackten Auge in einer sternenhellen Nacht ungefähr
dreitausend Sterne verschiedener Größe. Sobald aber die Erde dem Nebel
des Herkules nahe und näher gekommen sein wird, dann wird das halbe
Firmament in hellem, wunderbarem Lichte erstrahlen. Und man wird zwölf-
bis vierzehntausend Sterne sehen, von denen jeder einzelne weit größer
erscheinen und weit heller erstrahlen wird, als zehn oder zwölf Sterne
erster Größe, die wir jetzt am Himmel sehen, und ihr vereinigtes Licht
würde auf die Erde einen silbernen Schein werfen, der allein schon
heller wäre, als jetzt das hellste Vollmondslicht ist. Das wäre der
Anfang des Schauspieles, die Ouverture. Und je mehr wir uns dem Nebel,
der nun kein Nebel mehr wäre, sondern sich, wie gesagt, in ein Meer von
Sternen aufgelöst hätte, nähern würden, um so herrlicher wäre das
Schauspiel. Bald wären die Sterne keine Sterne mehr, sondern Sonnen. Ihr
Licht würde uns blenden, und unsere Sonne würde bald zu dem einen, bald
zu dem andern wanken, gleich als würde sie von jedem zu sich hingezogen,
und würde förmlich wie ein Spielball herumgewirbelt werden von einem zum
andern; dieser würde sie suchen und jener sie wieder von sich stoßen,
und die Erde würde der Sonne auf diesem Wankelweg fortwährend folgen, in
jedes ihrer Abenteuer unaufhaltsam mit hineingerissen.
Es kann mathematisch nachgewiesen werden, daß in der Mitte dieses Nebels
ewiges Tageslicht herrscht, und es wäre ganz gleichgültig, ob die Erde
auch weiterhin noch so wie jetzt sich um ihre Achse drehen würde, so daß
die Sonne für sie scheinbar aufgeht und sinkt; denn es würde doch auf
allen Seiten der Erde das Licht der andern Tausende von Sternen
erstrahlen, so daß wir das Sonnenlicht nicht brauchen. Natürlich würden
unter diesem Einflusse von Licht und Wärme alle Lebensbedingungen andere
werden. Alles wäre in Bewegung. Immerfort würde sich der Wechsel in der
Lage der vielen Sonnen uns gegenüber bemerkbar machen. Unsere eigene
Sonne würde in eine Bahn von unglaublicher Kompliziertheit gedrängt
werden, und die Erde würde immer hinter ihr her oder vielmehr um sie
herum jagen. Bald würde sie sich dem Mittelpunkt des Nebels nähern, bald
wieder an der Peripherie desselben hinausgehen, und immerwährend würde
sich der Anblick des Himmels, der Intensität des Lichtes und die
Intensität der Wärme ändern. Der Himmel wäre wie ein Kaleidoskop, das in
immerwährender Drehung befindlich ist, und immer neue und wunderbare
Kombinationen strahlender Lichteffekte bieten würde. Es ist aber auch
möglich, daß unter dem Widerstreit so vieler verschiedener
Anziehungskräfte unsere Erde der Kontrolle ihrer Sonne einfach entzogen
und unter die Herrschaft einer anderen kommen würde. Und das kann immer
und immer wieder geschehen, so daß im Laufe der Zeit unser Planet der
Gravitationssklave der verschiedenen Sonnen werden könnte, und mit jedem
Wechsel der Herrschaft würde auch ein Wechsel der auf unsere Erde
wirkenden Sonneneinflüsse stattfinden, und damit würden sich immer aufs
neue wieder alle Lebensbedingungen und Lebensverhältnisse ändern. Jede
andere Sonne in dem Sternenbild des Herkules mag ihre besonderen
Strahlungseigentümlichkeiten haben, und die lebenden Wesen auf unserer
Erde würden ihnen immerfort ausgesetzt sein. Der Magnetismus der einen
Sonne dürfte ein anderer sein, als der der zweiten und dritten, die
Lichtart und Wärme stets eine andere, und die Erde müßte sich, wenn sie
von einer Sonne zur andern geht, in immer neue Verhältnisse finden;
ungefähr so, wie wenn eine Frau der Reihe nach Männer von anderem
Charakter und anderem Temperament nähme; der eine heiß, glühend und
leidenschaftlich, der andere kalt, ernst und gleichgültig, ein anderer
reizbar und nervös, ein vierter launenhaft und abstoßend. Und die Erde
würde all das auch in ihrem Wesen und ihrer Erscheinung wiederspiegeln;
denn so wie das Weib das ist, wozu der Mann es erst gemacht, so ist auch
ein Planet nur das, wozu die Sonne ihn macht.
»Wenn ich jemals mir einen Gott schaffen würde,« sagte Napoleon, »so
würde ich mir die Sonne dazu machen, die der Quell alles Lebens ist und
aller Kraft.«
In der Mitte des Herkulesnebels würde Napoleon nicht einen einzigen
Gott, sondern viele Götter gehabt haben.