Das, was wir oben von unsichtbaren Sternen gesagt haben, lenkt unsere
Aufmerksamkeit sofort auf die Möglichkeit irgend einer uns drohenden
Gefahr, die durch unseren rasenden Lauf durch das Weltall für uns
heraufbeschworen werden kann.
Es ist, was diese Körper anbelangt, ein wirklich blindes Hineinrennen in
das undurchdringliche Dunkel; denn wir könnten ihre Nähe nur aus der auf
uns geübten Anziehungskraft erkennen, und das wäre viel zu spät, um
einem Zusammenstoß auszuweichen; falls dies überhaupt im Bereiche des
Möglichkeit stände. Ebenso sprechen wir von diesen dunklen Weltkörpern
als von »toten Sternen«; denn es wird angenommen, daß es früher
leuchtende Sonnen waren, die ihr Leben ausgelebt haben und völlig
erkaltet sind. Ein einziger dieser drohenden Körper würde, wenn er
unsere Bahn kreuzte, genügen, unser ganzes Sonnensystem zu
zerschmettern. Und die Möglichkeit einer solchen Katastrophe besteht
zweifellos, wenn sie auch in weiter, weiter, unübersehbarer Ferne liegen
mag.
Könnte nun eine solche weltzerstörende Katastrophe vorhergesehen werden?
Gewiß. Die Wirkungen der Anziehungskraft würden den Schlüssel dazu
bieten auf das Vorhandensein eines unsere Bahnen störenden Körpers; und
wir könnten aus ihnen auch die Geschwindigkeit berechnen, mit der wir
uns dem Tod, Zerstörung und Verderben bringenden fremden Weltkörper
nähern. Würde es sich um einen massiven Körper handeln, wie
beispielsweise die Sonne, so würden wir mit unseren modernen
Hilfsmitteln schon Jahre vorher herausfinden, wann uns der Zusammenstoß
im Weltenraume bevorsteht. Und man kann sich auch denken -- obwohl der
gegenwärtige Stand der Wissenschaft noch nicht so weit ist --, daß wir
von der Gegenwart des unsichtbaren Körpers auch durch das Spektrum der
unsichtbaren Strahlen, die von jedem Körper auszugehen scheinen,
Kenntnis bekommen könnten. Das würde in gewisser Hinsicht eine Anwendung
der X-Strahlen, zur Entdeckung von außerhalb unseres Raumes, für uns
sonst verborgenen Körpern sein. Und so würde nicht Licht, sondern
»sichtbare Finsternis« in den Dienst der Wissenschaft gestellt werden,
und dadurch würden Dinge entdeckt werden, an die jetzt zu denken für uns
unmöglich ist. All die auf eine oder die andere Weise erhaltenen
Berechnungen und die sichtbarste Gewißheit eines bevorstehenden
Zusammenstoßes könnten die Katastrophe nicht verhindern. Es sei denn,
daß die Wissenschaft soweit fortschreitet, daß sie den Menschen fähig
macht, die Erde in ihrem Lauf zu lenken. Das ist aber nicht nur an sich
und für sich ganz undenkbar, sondern würde auch durch die schon erwähnte
Tatsache geradezu hoffnungslos unmöglich gemacht werden, daß an dieser
Bewegung der Erde das ganze Sonnensystem teilnimmt, und es müßte dann
nicht die Erde allein aus ihrem Lauf gelenkt werden, sondern es wäre vor
allem nötig, die Sonne selbst auf andere Bahnen zu lenken.
Es ist also der ganzen Sachlage nach zweifellos unmöglich, einem
Zusammenstoß zu entgehen, wenn irgend einer jener großen, toten
Weltkörper in unserer Bahn oder in der Bahn unserer Sonne liegt, und wir
werden den Folgen eines solchen Zusammenstoßes hilflos überantwortet.
Kann nun die Wissenschaft uns sagen, worin die Folgen bestehen würden?
Ganz gewiß kann sie das, und nichts ist leichter, als dies in
allgemeinen Zügen vorauszusagen. Wenn wir an irgend einem Tage unsere
Zeitung nehmen und darin ein Telegramm irgend eines großen
Observatoriums lesen würden, in welchem stände, daß in der
vorangegangenen Nacht sich eine unverkennbare Beschleunigung in der
Bewegung der Erde gegen den Herkules zu gezeigt habe, so würde kein
Astronom der Welt sich über die Ursache dieser beschleunigten Bewegung
im Unklaren sein, und er würde sich entsetzt sagen, daß irgend ein
bisher unbekannter Körper von unglaublicher Kraft mit im Spiele sei und
seine Anziehungskraft auf die Erde ausübe.
Wie gesagt, würde sich das schon Jahre vorher erkennen lassen; aber man
würde nicht gleich mit Sicherheit auf die Art des Zusammenstoßes
schließen können. Das zu können, wäre erst den letzten Monaten vor der
Katastrophe vorbehalten. Dann aber könnte man jedes Stadium der
furchtbaren Welttragödie vorhersagen. Die Observatorien würden plötzlich
der Mittelpunkt alles Nachrichtenwesens der Erde werden; denn keine
andere Frage, als nur die eine würde die Welt noch interessieren. Der
Wahnsinn der Furcht würde die ganze Menschheit erfassen, und es ist
fraglich, ob viele Menschen den Mut fänden, der Katastrophe ins Auge zu
sehen, und sich nicht schon vorher vernichten würden.
Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß die Sonne von unserem
Sonnensystem die erste wäre, die den Zusammenstoß mit dem fremden
Weltkörper erhalten müßte. Das kommt daher, daß das ganze System nicht
staffelweise, sondern flach durch den Raum eilt; und infolgedessen würde
sein Zentrum als der förmliche Brennpunkt der gesamten Anziehungskraft
zuerst dem selbst mitangezogenen fremden Körper entgegengeschleudert
werden. Dieser Körper würde, soweit wir die toten Sterne bisher
berechnen können, die Sonne an Massigkeit weit überragen oder ihr zum
mindesten gleich sein. Wenn sie nun mit einer Geschwindigkeit von vielen
hundert Meilen in der Sekunde aufeinander zustürzen würden, dann würde
er in der furchtbaren Hitze, die sich dadurch allein schon entwickeln
würde, schmelzen wie Wachs. Wir selbst und all die anderen Planeten
würden in ein Feuerbad gestürzt werden, das eine Temperatur von einer
Million Grade haben würde. Einen Augenblick, bevor diese Hitzewelle uns
treffen würde, würden unsere Städte, unsere Hügel und Berge gegen den
Himmel emporragen, und einen Augenblick später werden sie nichts anderes
als ein Meer von Dunst und Dampf sein.
Jenem furchtbaren Hitzbad aber würde _die Sonne selbst_ auf dem Fuße
folgen und die Vernichtung vollenden; denn der Sonnenball würde sich mit
der Geschwindigkeit des Lichtes nach allen Seiten hin ausdehnen und
seine feurigen Massen würden nach allen Seiten hin überfluten und würden
alles vernichten und verzehren, gleichsam als wolle er die riesige
Ausdehnung wiedergewinnen, die er zum Anfang der Zeiten hatte, als er
noch eine bloß nach Verdichtung strebende Nebelmasse war, und die
Planeten noch nicht aus ihm heraus geboren waren. Lange aber, ehe dieser
Zustand wirklich erreicht werden würde, müßte unser ganzes Sonnensystem
in wilde Unordnung durch die große Anziehungskraft seitens der störend
in seine Bahnen tretenden Weltkörper geraten. Die Planeten hätten längst
ihre Bahnen verlassen und würden im Weltraum hin- und herrennen, gleich
einer Herde von Schafen, in deren Mitte ein Wolf gerade eingebrochen
wäre. Die Herrschaft der Sonne, der wir die große Weltordnung verdanken,
wäre gebrochen, und die verlassenen Planeten würden sich gegenseitig in
das Verderben rennen, und diejenigen, die in verhältnismäßig
unmittelbarer Nähe zueinander stehen, würden zweifellos mit
weltzerstörender Kraft aneinander prallen. Wahrscheinlich würde der Mars
es sein, der mit der Erde zusammenstößt, oder aber die Venus. In jedem
Falle wäre der Zusammenstoß die völlige Vernichtung der kollidierenden
Welten, und der alte Prophet mit seiner Vision von den sich öffnenden
Himmeln und der in glühenden Flammen schmelzenden Erde gäbe ein
wundervolles Zukunftsbild von dem, was die moderne Wissenschaft als das
Schicksal der Erde erklärt hat, und das durch die große Flucht des
Sonnensystems durch den Weltraum der Erde bevorsteht. Der alte Glaube,
daß der Allmächtige, wenn die Zeit vollendet sein wird, in seinem Zorn
Feuer auf die Erde wird regnen lassen, kann aber vor der Wissenschaft
nicht bestehen; denn wenn ein solches Ende der Erde wirklich beschieden
sein sollte, so wird das Schauspiel ein anderes sein.
Die Zerstörung der Erde muß an sich selbst schon auch die vieler anderer
Weltkörper nach sich ziehen, die ebenso groß, oder noch größer sind als
die Erde. Selbst der Mond würde genügen, uns, wenn die Weltordnung ihr
Ende findet, vollständig zu zerschmettern. Der Mond wiegt nämlich
75000000000000000000 Tonnen. Würde diese Masse auf die Erde stürzen, so
würde das mit einer Geschwindigkeit von sechs Meilen in der Sekunde
geschehen. Welche unglaubliche Hitze allein durch diesen Zusammenstoß
schon entstehen würde, das entzieht sich geradezu jeder menschlichen
Berechnung. In jedem Falle aber würde der Zusammenstoß allein sowohl
unseren Erdball als auch den Mond zersplittern und zerschellen, als
wären beide nur Glaskügelchen, die durch einen Schrotschuß zertrümmert
werden. Die bloße Annäherung an einen toten Stern würde genügen, den
Mond aus seiner Bahn herauszureißen, und wenn die Richtung dieser
Bewegung der Erde zuginge, dann wären die Folgen die, die ich eben
beschrieben habe. Wenn nun die Erde wirklich bestimmt ist, ein so
gewaltiges, tragisches Ende zu nehmen, dann sind die Vorbedingungen zu
solcher Katastrophe ganz zweifellos durch die seltsame und unerklärliche
Flucht unserer Sonnensysteme durch das Weltall gegeben.
Wenn die mit uns zusammenstoßende Masse im Vergleich zur Erde ungemein
dicht wäre, wie beispielsweise der Planet Merkur, so würde kurz vor dem
wirklichen Zusammenstoß ein ganz merkwürdiges Ereignis sich zeigen. Die
Anziehungskraft des sich uns nähernden Planeten würde auf die Luft, das
Wasser und alle frei beweglichen Gegenstände weitaus größer sein, als
die Kraft der Erde, diese festzuhalten, und sie würden sofort von der
Erde fortfliegen, gleich als wollten sie ihrem Schicksal vorgreifen und
dem Tode noch eher entgegen gehen. Furchtbare, nach oben gehende
Wirbelwinde würden alles mit sich fortreißen und der Vernichtung
entgegenziehen. Die Erde würde klaffen und riesige Wassersäulen würden
gen Himmel steigen und in das Weltall verschwinden; und ebenso würden
mächtige Flammen und glühende Ströme aus dem Erdinnern hervorbrechen,
und der Flammenregen würde nicht auf die Erde hinab, sondern von dieser
gen Himmel gehen. Und Menschen und Tiere würden selbstverständlich
diesem riesigen Aufsaugeprozeß folgen und von den Wirbeln und Wassern
und Flammensäulen mitgerissen werden in das All, in das Nichts.
Und das Heulen der Winde, das Krachen der sich losreißenden und im Fluge
zusammenstürzenden Dinge und das Brüllen der Wasser und das Bersten der
Erde würden sich zu einer grandiosen Sinfonie der Vernichtung vereinen,
wie sie die Welt bisher noch nicht gehört. Alles Bewußtsein wäre
geschwunden, alles Fühlen und Denken hätte längst aufgehört, und man
würde von der Katastrophe wie von einem Dilirium erfaßt werden, das den
Tod seiner Schrecken berauben würde. Und auf alle denkenden und
fühlenden Wesen sowohl wie auf alle leblosen Materien würde die alles in
Dunst und Nebel auflösende Hitze fallen, ohne daß ein einziger Schrei
dadurch den Opfern entrissen würde. Nun wird ganz natürlich gefragt
werden können, ob es denn im Weltall schon jemals ein Beispiel solcher
Weltenzerstörung gegeben habe? Diese Frage kann durch neuere
Beobachtungen nur in bejahendem Sinne beantwortet werden. Der
rätselhafte »neue Stern«, der im Jahre 1900 im Sternbild des Perseus
erschien, war ein Beispiel dafür. Die natürliche und allgemein
angenommene Erklärung für das plötzliche Erscheinen dieses Sternes war
einzig und allein die, daß er das Resultat eines Zusammenstoßes war, wie
der eben geschilderte, und die Wahrscheinlichkeit, daß diese Ansicht der
Astronomen eine richtige ist, wurde dadurch erst recht bekräftigt, daß
dieser Stern sich in einen Nebel auflöste. Dieses eine Beispiel ist aber
keineswegs das einzige, das die Astronomie ins Treffen führen kann.
Im übrigen ist noch eine andere Möglichkeit da, die sich bei einem
Zusammenstoß unseres Sonnensystems mit einem toten Stern ereignen
könnte. Diese ist keineswegs so furchtbar, wie die früher geschilderte.
Eine der neuesten Entdeckungen der Astronomie war die der Existenz einer
großen Anzahl von Sternen, die unsichtbare Begleiter haben, welche in
einzelnen Fällen ebenso massiv sind wie die Sterne, die sie begleiten.
Es kann nun keineswegs angenommen werden, daß diese »toten Sterne«, die
sich einem »lebendigen« so eng angeschlossen haben, aus derselben
Originalmasse entstanden sein sollten wie dieser; denn in diesem Falle
hätten sie unmöglich so lange vorher verlöschen können. Es ist vielmehr
anzunehmen, daß die beiden Weltenkörper infolge ihrer Bewegung durch den
Weltenraum zusammengekommen sind. Kein Zusammenstoß fand dabei statt;
aber die gegenseitige Anziehungskraft hat sie seitdem zu nahen und
untrennbaren Begleitern gemacht. Dasselbe könnte auch unserer Sonne
geschehen, wenn sie in ihrem Lauf nahe genug an einen solchen »toten
Stern« gelangen würde. Dann könnte sie ihn sehr leicht als Begleiter mit
sich ziehen oder von ihm mitgezogen werden, und dann hätte unser
Sonnensystem zwei Sonnen, eine lebendige, strahlende, und eine
lichtlose, tote. Aber auch dieser günstige Fall wäre keineswegs ein sehr
angenehmer; denn die Planeten würden trotzdem aus ihrer gegenwärtigen
Bahn gerissen und viele von ihnen würden dabei zugrunde gehen. Da einige
aber dennoch der Zerstörung entgehen könnten, so wäre dieser Fall immer
noch weit günstiger.