ersten Male das nach seinem Strahlenvermögen _Radium_ genannte Element
aus Pechblende gewannen, da dachten sie wohl nicht daran, daß in dem
kleinen Glasröhrchen vor ihnen die zerstörendste Kraft lag, die jemals
in eines Menschen Hände gelegt worden war. Die verschiedensten
Experimente, die zurzeit natürlich noch lange nicht abgeschlossen sind,
zeigen aber jetzt schon, welch außerordentliche Bedeutung dieses eine
neue Wunderkraft darstellende Element für die zukünftige Ausgestaltung
des Menschenlebens und des Menschengeschlechts haben wird. Ein Krieg zum
Beispiel wird nicht mehr in den Bereich der Möglichkeiten gehören. Wenn
auch die Menschheit an sich nicht so weit sein wird, alle Kriege und
jedwedes Blutvergießen für ihrer unwürdig zu halten und sie als den
Rückstand einer unfaßbaren Barbarei zu betrachten, so wird doch die
Wissenschaft soweit sein, sie zu dieser Weltanschauung zu zwingen und zu
bekehren. Der Krieg ist nämlich nur so lange möglich, bis unsere Mittel
dazu nicht ausreichende sind. Das heißt, so lange uns keine Waffe zu
Gebote steht, gegen die es keine Gegenwehr gibt und deren alles
zerstörender Wirkung wir verteidigungslos ausgesetzt sind. Alle unsere
technisch noch so vollendeten Kriegsschiffe geben nun noch immer eine
Angriffsmöglichkeit, und diese allein verschuldet jetzt noch die
Möglichkeit der Kriege. Im Radium nun hat man endlich die Waffe
gefunden, die mit all diesen Möglichkeiten aufräumt und dafür die
Unmöglichkeit der Verteidigung setzt. Es wurde gefunden, daß die Kraft
jedes Partikelchens dieses Wunderelements so konzentriert werden kann,
daß alles, was in ihren Bereich kommt, unrettbar zerstört ist. Nun läßt
sich diese Kraft, wie ebenfalls experimentell nachgewiesen ist, nach
jeder beliebigen Richtung, wie auch auf jeden beliebigen Gegenstand
hinlenken, der damit natürlich der unentrinnbaren Vernichtung
anheimgegeben ist. Professor Thomson der Cambridge-Universität hat
ausgerechnet, daß das Radium eine um das Millionenfache größere Energie
entwickelt, als die gleichen Gewichtsteile von Sauerstoff und Stickstoff
das tun, und daß es mit dieser Kraft Heliumatome von sich schleudert,
die sich mit einem Zehntel der Geschwindigkeit des Lichts, d. h. mit
ungefähr 18000 englischen Meilen in der Sekunde, bewegen.
Die Lage eines gewöhnlichen Schiffes, das von einem Dutzend der größten
und modernsten Schlachtschiffe umzingelt und beschossen wird, würde
weniger verzweifelt sein, als die eines Atoms ist, das dieser Batterie
der Radiumstrahlenpartikelchen ausgesetzt ist. Das seltsamste dabei ist,
daß diese Aktivität des Radiums eine unaufhörliche ist, dabei aber die
Radiummasse nur um einen absolut kaum meßbaren Teil verringert wird, der
aber allein schon genügt, eine so furchtbare zerstörende Kraft zu
entwickeln. Als man diese Eigenschaften der Radiumstrahlen entdeckt
hatte, galt es, die Möglichkeit zu erforschen, sie auf irgend einen
bestimmten Gegenstand nach irgend einer bestimmten Richtung hin zu
lenken und zu leiten. Die Experimente des Professors Leo Bon in Paris
haben nun auch diese Möglichkeit ergeben, und der einzige
Hinderungsgrund, vorläufig schon weltzerstörende Maschinen zu bauen,
liegt einzig und allein in den Herstellungsschwierigkeiten des Radiums
und den unglaublichen Kosten, die diese erfordern. Sobald aber neue
Radiumquellen entdeckt und neue billige Gewinnungsmethoden erfunden sein
werden, wird dieses Hindernis nicht mehr bestehen, und die Versuche, die
bisher nur im kleinen vorgenommen wurden, können dann im großen
durchgeführt werden und die Menschheit damit die mächtigste Waffe
erhalten, die jemals bestanden hat.
»In fünfzig Jahren«, sagte Leo Bon, »wird der Krieg zu den
Unmöglichkeiten gehören. Ich habe mit Dr. Branly eine ganze Reihe von
Experimenten gemacht, bei denen ich die Herzschen Wellen (die
bekanntlich die Träger der drahtlosen Telegraphie sind) sowohl wie die
Radiumemanationen verwandte, und diese Experimente haben uns darüber
volle Gewißheit gebracht. Wir stellten diese Versuche an, um die
Durchdringbarkeit verschiedener Körper zu prüfen und fanden, daß die
Wellen beispielsweise fähig waren, durch mehr als drei Fuß dicke Mauern
zu dringen, die Radiumstrahlen sie aber nicht nur durchdrangen, sondern
völlig zerstörten. Ein Blättchen Staniol, nicht dicker als ein dünnes
Zigarettenpapier, genügte allerdings, die Wellen aufzuhalten und die
Emanationen unschädlich zu machen, dafür aber reichte wieder ein Krehl
oder Ritz im Zinnpapier, der nicht größer war als 1/100 Millimeter, hin,
um die Strahlen sofort wieder durch- und ihre unglaublich zerstörende
Wirkung ausüben zu lassen. So gut es nun gelungen ist, die Herzschen
Wellen, die das Bestreben haben, sich kreisförmig nach allen Richtungen
hin auszubreiten, in _eine_ bestimmte Richtung zu zwingen, ist diese
Möglichkeit auch bei den Radiumstrahlen erreicht worden. Dadurch nun,
daß wir auch polarisierte Wellen in die von uns gewünschte Richtung zu
leiten vermögen, ist es uns auch ermöglicht, eine ganze Reihe paralleler
Strahlen nach dem gewünschten Punkt zu entsenden, und treffen diese
Strahlen nun auf irgend einen Gegenstand, z. B. ein Kriegsschiff, ein
Pulvermagazin usw., so würde sofort alles, was daran von Metall ist,
sich elektrisch laden, furchtbare Entladungen würden dann stattfinden,
und das ganze Netzwerk von Drähten, an welchen unsere Schiffe so reich
sind, würde nur so sprühen von elektrischen Funken, die Geschosse aber
würden explodieren und die Munitionskammern in die Luft fliegen. Die in
parallelen Wellen entsendeten Radiationen würden die Mauern unserer
Arsenale durchdringen, die Wälle und Kasematten unserer Festungen, die
Mauern unserer Pulvermagazine. Alles würde auffliegen oder in sich
zusammenstürzen, nichts würde gegen den direkten Ansturm all der
Millionen von Partikelchen standhalten, die gegen jedes einzelne Atom
der Gesamtmaterie jenes Gegenstandes gerichtet wären, gegen den die
Strahlen gelenkt sind. Alle diese Versuche wurden im kleinen angestellt,
und es ist, wie gesagt, nur eine Frage der Zeit, sie auch ins große zu
übertragen. Vorläufig fehlen uns nur die nötigen Radiummengen und die
notwendigen Apparate. Denn um diese Radiationen zu reflektieren oder in
eine bestimmte Richtung zu zwingen (Radiationen, deren Länge zwischen
300 Metern und 1500 schwankt), müßten wir parabolische Spiegel von etwa
8000 Meter Höhe haben oder es müßten uns Kondensatoren von einer
Kraftentwicklung zur Verfügung stehen, die wir bisher noch nicht
herzustellen vermögen. Doch könnten wir uns auch mit Radiationen von
geringerer Länge begnügen, dann wäre aber die Entfernung, auf die wir
sie mit Sicherheit werfen könnten, eine ganz wesentlich beschränktere.
In jedem Falle aber _wird_ es gelingen, die nötigen Apparate
herzustellen. Der Physiker oder Mechaniker aber, dem dies gelingen wird,
dem wird es eine Kleinigkeit sein, seine Energie methodisch auf die
einzelnen Kriegshäfen zu richten, in denen stets die Mehrzahl der zu
einer Flotte gehörenden Schiffe beisammen ist, z. B. erst auf den Hafen
von San Francisco, in welchem der größte Teil der amerikanischen, dann
auf den Hafen von Spithead, wo der größte Teil der englischen, und
hierauf auf den Hafen von Kiel, wo der größte Teil der deutschen Flotte
beisammen ist. Jede dieser Flotten wäre in demselben Augenblicke
vernichtet. Millionen wären zerstört, Tausende von Menschenleben wären
geopfert, aber der großen Sache des Friedens wäre ein ungeheurer Dienst
mit _einem_ Schlage geleistet. Denn, was mit den Schiffen geschehen
kann, kann mit den Festungen, kann mit ganzen Städten und Landstrichen
geschehen, und von einem einzigen Aeroplan aus wäre ein einziger Mensch
imstande, das zu vollbringen. _Und das ist keine Utopie mehr, sondern
eine verbürgte wissenschaftliche Tatsache_, deren Nutzanwendung den
kommenden Geschlechtern gewiß, vielleicht auch dem unseren schon,
vorbehalten ist.«
So weit Le Bon, der, ich wiederhole es, alles eher als ein Phantast,
sondern vielmehr eine ganz anerkannte wissenschaftliche Autorität ist.
Aber -- wie ich schon sagte -- die Kraft der Radiumemanationen, dieses
ewig währende Bombardement kleinster Partikelchen, kann nicht nur zu
Werken der Zerstörung verwendet werden, sondern sie kann auch sonst noch
in den Dienst der Menschheit gezwängt werden. Beispielsweise wird es in
hundert Jahren gewiß in keiner Stadt mehr elektrische, geschweige denn
eine Gasbeleuchtung mehr geben. Es wird
das Radium das Licht der Welt
geworden sein. Die von dem Radium abgestoßenen Partikelchen sind an sich
allerdings keineswegs leuchtend. Sie werden es erst nach dem
Zusammentreffen mit einer anderen Substanz. Zum Beispiel ist es nicht
das Licht des Radiums selber, das es uns ermöglicht, durch Holz und
Stein und andere Substanzen hindurch photographische Aufnahmen zu
machen, sondern die Menge aller der mikroskopisch kleinen »Electrons«,
die hindurchfliegen, aufleuchten und das Bild erzeugen. Sie sind wie
kleine Lämpchen, die sich plötzlich an dem Radiumstrom entzünden. Nun
denn, sagt die Wissenschaft, wenn dem so ist, so kann man sich das ja
zunutze machen. Wir werden allen unseren Bauten einen Ueberzug, oder
sagen wir einen Anstrich von Pechblende geben. Diesen Anstrich werden
wir mit einer Substanz übertünchen, die die elektrische Wirkung
unterstützt, durch welche die zwischenliegenden Partikelchen zum
Leuchten gebracht werden, und die diesen gleichzeitig ein Schutz ist.
Dadurch wird ein konstantes, mildes, weißes Licht erzeugt werden, das
niemals einer Erneuerung bedürfen wird; Jede weitere Straßenbeleuchtung
wird dadurch unnötig werden, denn das Bombardement der Atome ist ein
unaufhörliches und der Energieverlust ein so geringer, daß man ihn erst
nach Jahrhunderten gewahr werden würde. Radium ist nämlich die einzige
bisher bekannte Substanz, deren Energie eine immerwährende, ewige ist,
und die trotz einer Aktivität, die auf der Welt ihresgleichen nicht hat,
nie oder, wie gesagt, für uns ganz unmeßbar abzunehmen scheint. Die
Singer-Building in Newyork, der Stefansturm in Wien, der Rathausturm in
Berlin würden mit diesem Anstrich, sobald das Dämmerlicht eintritt, ganz
leicht zu leuchten beginnen, und mit zunehmender Dunkelheit würden sie
in immer hellerem Lichte erstrahlen, das endlich so intensiv werden
würde, daß es weithin alles mit seinem milden Glanz übergießen müßte.
Die geringe Qantität Radium, die dazu nötig wäre, würde jede Gefahr für
das Leben und die Gesundheit der in diesem Licht lebenden Menschen
ausschließen. Ja, im Gegenteil, die Emanationen dieses Lichtes würden
genau jene wohltätige Heilwirkung ausüben, die man in Deutschland und
England längst den radioaktiven Bädern zuschreibt, und die auch die
berühmtesten Heilquellen nur der Radioaktivität ihrer Wässer verdanken.
Doch nicht davon will ich jetzt reden, sondern vorher noch auf mein
altes Thema zurückkehrend, mitteilen, was Professor Dr. _Wilson
Hartwell_, der berühmte Lehrer an der Oxford-Universität, gestützt auf
die neuen Ergebnisse der Wissenschaft von der zerstörenden Wirkung des
Radiums sagt und welches Bild er davon entwirft.
Man stelle sich die amerikanische Riesenstadt vor, ahnungslos und in
stolzer Sicherheit auf ihrer Insel hingebettet. Es ist Nacht und ein
milder Schimmer von Licht hüllt die Stadt vollständig ein. Ein Licht,
das von dem selbsttätigen Leuchten ihrer zahllosen Türme und
Wolkenkratzer herrührt, und in welchem die viel tausendköpfige Menge
sich im mächtigen Strome pulsierenden Lebens ergeht. Da erscheint hoch
über der Stadt ein lenkbares Luftschiff oder ein großer Aeroplan. Er
schwebt über der Stadt, beschreibt seine Kreise, und plötzlich schießt
ein dicker blendender Strahl weißen Lichtes förmlich aus ihm hervor.
Dieser Strahl, der einem schneidenden Schwerte gleich das Dunkel des
Himmels durchschneidet, kommt aus seinem Radiumkondensor und ist gegen
den Metropolitainturm gerichtet. Das ganze Rahmenwerk und die Gondel des
Luftschiffes scheinen in einem elektrischen Feuerwerk wirr
dahinschießender glitzernder Strahlen zu leuchten und bieten einen ganz
wundervollen Anblick, der das Staunen und die Aufmerksamkeit der Leute
in allen Straßen und auf allen Plätzen erregt und lebhafte Bewunderung
findet. Das Schwert des mächtigen Strahles aber senkt sich immer mehr
gegen den Turm herab und trifft ihn, und in demselben Augenblick
schießen aus ihm überall dort flammende, blendende Blitze hervor, wo der
Strahl den Turm berührt hat, und gleichzeitig kracht der mächtige Bau in
allen seinen Fugen, wankt, zittert, bebt und stürzt, alles unter seinen
Steinmassen begrabend und in dem vernichtenden Sturze mit sich reißend,
nieder. Das verderbenbringende Luftschiff da oben aber gleitet ruhig
durch die Luft weiter und überall, wohin der Strahl fällt, führt er sein
zerstörendes Werk der Vernichtung zu Ende. In wenigen Stunden ist
Newyork nichts als ein Haufen Millionen von Toten begrabender Trümmer,
und es ist sehr die Frage, ob die radiumaktive Substanz, die seine
Häuser bedeckt hat, nicht mit dazu beigetragen hat, das Zerstörungswerk
zu erleichtern. Was nun in Newyork geschieht, das kann jeder anderen
Stadt auch so geschehen, und nichts kann, wenn eine wahnsinnige Hand
solch ein Unheilschiff lenkt, die Metropolen der Welt, Berlin, Paris und
den Riesenleib Londons vor gleicher Vernichtung beschützen.«
Diese Schilderung entwirft der englische Gelehrte als ein Bild der
nahesten Möglichkeit, und Professor Le Bon erklärt, daß es nicht etwa
nur die Möglichkeit für sich hat, sondern sogar die Wahrscheinlichkeit.
--
Wenn die Entdeckung der zerstörenden Eigenschaften des Radiums also so
seltsame sind, so sind die neuesten Erfolge der wissenschaftlichen Welt
auf dem Gebiete der Radiumforschung noch viel verblüffendere.
Der Einfluß des Radiums auf die gesamte Lebenstätigkeit ist danach ein
ganz außerordentlicher, und die Anwendung der bisher gemachten
Entdeckungen dürfte vieles von dem, was bisher als Evangelium der
Wissenschaft galt, ebenso über den Haufen werfen, wie die Radiumstrahlen
die stolzesten Bauten unserer Städte über den Haufen zu werfen vermögen.
Hier möge nur eine ganz kleine Auslese der neuesten und unglaublichsten
Radiumentdeckungen stehen:
Es wurde herausgefunden, daß das Radium in _einem_ Falle das Wachstum
der seinen Strahlen ausgesetzten Pflanzen um das dreifache beschleunigen
kann und auch um das dreifache erhöhen. In anderen Fällen aber wird es
ebenso die Entwicklung entweder vollständig hemmen oder teilweise, je
nach dem Wunsch und dem Willen des Experimentators, zurückhalten.
Die Wurzeln der Pflanzen drehen sich dem in ihrer Nähe vergrabenen
Radium eben so zu, wie die Blätter und Blüten der Sonne. Das Radium wird
Bakterien töten oder aber, je nachdem, wie man will, auch deren Menge in
unheimlichster Weise erhöhen. Schmetterlingspuppen konnten in ihrer
Entwicklung monatelang unter dem Einflusse der Radiumstrahlen
zurückgehalten werden, entwickelten sich dann aber, wenn sie dem Einfluß
des Radiums entzogen wurden, wieder völlig normal.
Durch den Kontakt von Radiumsalzen mit sterilisierter Bouillon schuf Dr.
Burke, ein englischer Bakteriologe, eine Unzahl neuer lebender
Organismen. Andererseits wieder, so barock es auch klingt, wurde Milch,
die den Emanationen des Radiums ausgesetzt wurde, durch diese
vollständig sterilisiert!
Hochinteressante Experimente, die der deutsche Gelehrte _Körnicke_ und
die Franzosen _Guilleminot_ und _Abbè_ an Pflanzen und Pflanzensamen
machten, die den Ausstrahlungen von Radium ausgesetzt waren, ergaben
übereinstimmend die Tatsache, daß auch hier die Strahlen eine
entwicklungshemmende Wirkung ausübten. Beispielsweise blieben
Haferkörner, die man unter dem Einflusse von Radiumemanationen zum
Keimen brachte, in ihrer Keimentwicklung um das Dreifache gegen nicht
mit Radium behandelte Körner derselben Qualität zurück, und bei der
heranwachsenden Pflanze zeigte sich sowohl die Wurzel- als die
Halmentwicklung gleicherweise zurückgehalten. Andere Versuche mit
anderen Samenarten ergaben dasselbe Resultat, so daß man schon zu dem
abschließenden Urteil kommen wollte: _Radiumstrahlen üben auf das
Pflanzenwachstum eine hemmende Wirkung aus_, als plötzlich diese eben
erst entdeckte, »wissenschaftliche Wahrheit« durch das ganz
entgegengesetzte Verhalten von Lupinensamen mit einem Male umgestoßen
wurde. Die Samen weißer Lupinen, die nämlich auch einmal zufällig zu
Radiumversuchen verwendet wurden, zeigten nach ihrer »Behandlung« eine
um das Doppelte beschleunigte Keimtätigkeit, eine um ebensoviel
gesteigerte Entwicklungsfähigkeit; das heißt also die unter dem
Einflusse von Radiumstrahlen stehenden Pflanzen wuchsen doppelt so
schnell, und wurden doppelt so stark wie die auf normalem Wege zum
Wachstum gebrachten. Aus diesem, so ganz entgegengesetzten Verhalten kam
man dann zu den richtigen Erkenntnis, daß jede Pflanze nur ein gewisses
Maß von Radiumstrahlen für ihre Entwicklung benötige oder vertrage; daß
die Radiumemanationen, in richtigem Maße angewendet, _Wecker und
Förderer der Lebensenergie sind_, im Uebermaße aber diese Energie lahm
legen. Auf dieser doppelten _Leben schaffenden und Leben tötenden
Wirkung des Radiums_ beruhten auch die ganz fabelhaften Erfolge, die man
bei Anwendung des Radiums in der Therapie mit diesem erzielte.
In Paris machte vor nicht langer Zeit Professor Dr. Roux den Versuch,
eine schwer an Magenkrebs erkrankte Frau durch Radium zu heilen, und
dieser Versuch, der allerdings bisher noch viel zu teuer ist, um
verallgemeinert zu werden, gelang vollständig.
»Ich nahm ein ganz kleines Glasröhrchen«, schreibt der berühmte Gelehrte
darüber, »tat in dieses ein ganz winziges Partikelchen Radium, öffnete
den Magen und nähte nun das Röhrchen, ganz nahe dem bösartigen
Neugebilde, an die Magenwand an. Die Wirkung war eine beinahe
augenblickliche. Keine Entzündung und keine neuen Störungen traten ein.
Innerhalb dreier Monate war der Krebs beinahe vollständig verschwunden,
und die vollkommene Heilung war nur eine Frage ganz kurzer Zeit. Die
Radiumstrahlen haben auf das bösartige Gewächs denselben Einfluß, den
sie auf gewisse Bazillenkolonien ausüben, indem sie sie entweder töten
oder vollständig lähmen. Mit einem Wort: die Wirkung auf das
Krebsgebilde ist folgende:
Einige Teile werden einfach zerstört und abgestoßen, und an ihre Stelle
tritt gesundes Gewebe. Andere Teile werden zwar nicht zerstört, aber
dafür vollständig unschädlich gemacht. Ihre ganze bösartige
Wirkungsfähigkeit wird paralisiert und mit der Zeit gänzlich aufgehoben.
Es ist ein ganz einfacher Prozeß, der sich da abspielt, die Krankheit
kann sich nicht weiter ausdehnen, und die Keime werden fortwährend durch
die Radiumemanationen vernichtet und abgestoßen. Wir können daher mit
aller Sicherheit sagen, daß wir im _Radium ein unfehlbares Mittel gegen
Krebs haben_ könnten, wenn es leichter zu beschaffen wäre.«
Sir Frederick Treves, der berühmte englische Arzt, sagt: »Radium sendet
dreierlei Strahlen aus, die in der Wissenschaft die Namen Alpha, Betha
und Gamma erhalten haben. Die Alphastrahlen bestehen aus kleinen
Körperpartikelchen, die von der Grundmasse des Radiums mit einer
Geschwindigkeit von etwa 20000 Meilen[9] in der Sekunde abgestoßen
werden. Um sich von dieser Geschwindigkeit und der damit verbundenen
Kraft einen Begriff zu machen, genügt es, wenn man sich vor Augen hält,
daß eine Gewehrkugel, die eine Geschwindigkeit von nur einer halben
Meile in der Sekunde aufweist, schon ganz Tüchtiges geleistet hat. Diese
Alphastrahlen des Radiums sind mit positiver Elektrizität geladen. Die
Betastrahlen dagegen sind negativ elektrisch und bilden eine
Sonderklasse für sich. Jedes der Betapartikelchen, die alle kleiner als
die Alphaatome sind, bewegt sich mit einer fünffach so großen
Geschwindigkeit wie ihre Alphakollegen und halten zweifellos den
Geschwindigkeitsrekord in der Welt, denn selbst die am schnellsten sich
im Weltenraum bewegenden Sterne bewegen sich mit höchstens 1/300 der an
den Betastrahlen festgestellten Geschwindigkeit. Die Gammastrahlen
unterscheiden sich von den beiden erstgenannten Strahlenarten
vornehmlich dadurch, daß sie keinerlei Elektrizitätladung haben. Sie
scheinen mit den Röntgenschen X-Strahlen identisch zu sein. Ihre Natur
ist aber mit Sicherheit noch nicht erkannt. Einige dieser Strahlen sind
schädlich, andere üben eine wohltätige Wirkung aus und ihre
Anwendbarkeit hängt ganz davon ab, wie sie gemischt sind. In jedem Falle
ist die Kraft und die Wirkung der Radiumstrahlen eine grenzenlose nach
jeder Richtung hin, und es kann nahezu mit Sicherheit behauptet werden,
daß man im Radium den Wunderstein gefunden hat, durch welchen selbst die
Unmöglichkeiten möglich gemacht werden. Die Wirkung des Radiums auf
chronische Ausschläge ist zum Beispiel eine geradezu außerordentliche.
Oft sind die Ausschläge wie weggeblasen. Fressende Geschwüre und
fressende Flechten können durch Radium mit Sicherheit geheilt werden.
Ein Fall liegt vor, bei welchem die Krankheitsdauer schon jahrelang
gewährt, und bei welcher die Zerstörung bereits solche Fortschritte
gemacht hatte, daß der Zerstörungsprozeß schon bis auf die Knochen
gegangen war. Dieser Fall wurde vorher sowohl mit X-Strahlen als mit den
ultravioletten Strahlen des Finsenlichtes vergeblich behandelt. Eine
zweistündige, auf zwei Tage verteilte Behandlung mit Radiumstrahlen
genügte, um eine vollständige Heilung hervorzubringen. Damit ist aber
der Beweis erbracht, daß die Heilwirkung der Radiumstrahlen keineswegs
in ihren Gammastrahlen allein zu suchen ist, sondern daß eine
kombinierte Wirkung sämtlicher Strahlen vorliegt. Wenn wir uns nun
fragen, ob diese Heilresultate dauernde sind, so kann die Antwort schon
deshalb nicht gegeben werden, weil wir das Radium viel zu kurze Zeit
kennen. Es besteht aber gar kein Zweifel darüber, daß wir zu der Annahme
berechtigt sind, die Zukunft werde dem Radium
ein Zeitalter völliger Krankheitslosigkeit
danken. Noch seltsamer als alle diese Wunderkuren muß uns die sichere
Aussicht erscheinen, daß auch das Alter künftighin seinen Einfluß auf
unseren Organismus verlieren, und daß es kein Altern mehr geben wird.
Die kommenden Geschlechter werden ewig junge Menschen hervorbringen,
Menschen voll physischer Kraft und voll Schönheit, Menschen, die vom
Kranksein nichts wissen und alle Berichte über Krankheiten und Seuchen
als seltsame Märchen aus einer fernen, fernen, vergessenen Welt
betrachten werden.
[Fußnote 9: Gemeint sind natürlich englische Meilen.]
In Molokai, der »traurigen Insel« Ozeaniens, nach welcher alle
Aussätzigen des Sandwicharchipels verschickt werden, wurde auch die
Einwirkung der Radiumstrahlen auf die Lepra studiert, und aller
Wahrscheinlichkeit nach wird man im Radium bald auch das Heilmittel für
diese entsetzlichste aller Krankheiten gefunden haben. Ja, wenn man
nicht fehlgeht, dürften die Radium_emanationen_ oder das Radium _selber_
bald zum Heilmittel gegen den Millionenwürger werden, den wir unter dem
Namen Tuberkulose kennen. Professor _Lieber_ hat nämlich als erster
entdeckt, daß der Atem von Kaninchen, die Radiumstrahlen ausgesetzt und
einer Radiumbehandlung unterzogen worden, selbst radioaktiv wurde und
eine lebhafte Wirkung auf das Elektroskop ausübte. Damit aber war der
Beweis erbracht, daß das Radium eine direkte Wirkung auf die Lungen
ausübt. Nimmt man die nachgewiesene bazillentötende Wirkung dazu, so ist
kein Grund vorhanden, nicht an die Heilwirkung dieses Wundermittels zu
glauben, und die Prophezeihung, daß es
in der Zukunft keine Tuberkulose mehr
geben wird, ist eine leichte, umsomehr, als auch die an Menschen
gemachten Versuche, die anfangs keineswegs sehr ermutigende Resultate
gaben, jetzt mehr als zufriedenstellend verlaufen. Es wird nämlich nicht
nur zur Injektionsmethode gegriffen, sondern auch radioaktive Luft
inhaliert, so wie wir bisher gewissen Kranken Sauerstoff zum Einatmen
gegeben haben. Diese Behandlung hat schon positive, günstige Resultate
ergeben, ist aber, wie gesagt, noch sehr entwicklungsbedürftig.
Daß man durch Radium auch Blinde sehend machen kann, das entdeckt zu
haben, ist das Verdienst des Professors _London_ in Petersburg. Er hat
es tatsächlich dazu gebracht, einen Knaben, der blind von Geburt war,
fähig zu machen, Buchstaben zu lesen und Zeichen zu sehen. D. h. von
einem wirklichen Sehen ist natürlich nicht die Rede, wohl aber gelingt
es, Lichtempfindungen bei den Blinden hervorzurufen und sie Licht und
Schatten erkennen zu lassen. Das ist aber ein geradezu fabelhafter
Fortschritt und hebt die Blindheit tatsächlich auf!
Der Knabe, an dem Prof. London seine Versuche angestellt hat, und der,
wie gesagt, _von Geburt blind_ war, wurde in den Operationsraum geführt.
Mit Radium, das in einem Röhrchen enthalten war, beschrieb Dr. London
einige Linien hinter einem hölzernen Wandschirm. »Was ist das?« fragte
der Professor. Und mit zitternder Hand malte _der Blinde das Gesehene_
(!) nach, ein großes A. Das war genau der Buchstabe, den der Professor
hingemalt hatte. Und so übertrug der geniale Forscher in das blinde
Auge, nein, direkt in die empfänglichen Hirnzellen Lichteindrücke, die
sich in den seltsamsten Kurven und Linien bewegten, und die der Knabe
mit wachsender Sicherheit wiedergab.
»Das ist das Wunder!«
sagte Professor London. Und er hatte recht. Aber es ist nicht das
einzige Wunder, das das Radium vollbringt.
Ich habe früher schon darauf hingewiesen, daß es Professor Burke in
einwandfreier Weise gelungen ist, aus keimfreier Bouillon neue kleinste
Lebewesen zu schaffen. Der Vorgang war folgender: Völlig sterilisierte
Bouillon, die nicht die geringsten Spuren irgend welcher auch nur
allerkleinster Lebewesen entdecken ließ, und die auf solche geprüft und
überprüft und wieder geprüft wurde, tat der Experimentator in ein an
seinen beiden Enden fest geschlossenes Glasröhrchen. In dessen Mitte
befand sich oben eine Oeffnung, in welche ein anderes kleines Röhrchen
eingepaßt werden konnte, welches das Radium enthielt. Auch hier waren
alle Vorsichtsmaßregeln ergriffen, um das Eindringen von Bakterien
völlig auszuschließen. Durch eine sinnreiche Konstruktion war es nun
möglich, die sterilisierte Bouillon mit dem Radium in _direkte
Verbindung_ zu bringen. Einige Tage lang wurde die sterilisierte Masse
den Einwirkungen des Radiums ausgesetzt, und bei der darauffolgenden
mikroskopischen Untersuchung war die so behandelte Bouillon von neuen
kleinsten Lebewesen durchsetzt. Es erwies sich somit
das Radium als Lebenswecker.
Selbstverständlich zeigte alle Bouillon, die man gleichzeitig derselben
Prozedur unterworfen hatte, ohne jedoch das Radium in direkten Kontakt
mit ihr zu bringen, keinerlei Veränderung und keine Spur von Lebewesen.
_Der Einfluß des Radiums war also der Schöpfer des Lebens._
In überraschender Weise wurde diese Erkenntnis durch Versuche bestätigt,
die Professor Holstermann an der Genfer Universität mit unbefruchteten
Eiern des Seeigels machte. Durch den bloßen Einfluß des Radiums konnte
das Leben in diesen Eiern entwickelt werden. Sie wurden durch das Radium
befruchtet, und zwar gelang dieses Experiment durchschnittlich viermal
unter zehn.
Aus all diesen und den früher geschilderten Versuchen, die einander zum
Teil ergänzen, zum Teil einander widerstreiten, erhellt eines mit
apodyktischer Klarheit: d. i. daß _Radium auf das engste mit den
Grundphänomenen des Lebens verknüpft ist_. Hierauf basierte man, baute
man eine Theorie auf, die im ersten Momente unglaublich erscheint, die
aber selbst vor der skeptischsten Auffassung standhält und heute so gut
wie erwiesen ist.
Einer der hervorragendsten deutschen Radiumforscher sagt diesbezüglich:
»Es ist außerordentlich wahrscheinlich, daß wir im Radium endlich das
langgesuchte Mittel gefunden haben, durch welches es uns gelingen wird,
_das menschliche Leben um das dreifache, vielleicht auch das zehnfache
verlängern_ und wieder
_das biblische Alter_
zu erreichen. Es ist uns jetzt schon gelungen, dem Kräfteverfall in so
überraschender Weise durch direkte Radiumeinwirkung entgegenzutreten,
daß alles darauf hinweist, daß wir in dem neuen Elemente eine Kraft
gewonnen haben, die alle Garantien für eine künftige, ganz
außerordentliche Verlängerung unseres Lebens bietet.
Solange das Gleichgewicht der Lebenskraft in uns erhalten bleibt, sind
alle »Alterserscheinungen«, denen die Menschheit jetzt so frühzeitig
ausgesetzt ist, vollkommen ausgeschlossen. Nur wenn unsere Lebenskräfte
sich allmählich oder auch plötzlich erschöpfen, wird sich die
Altersschwäche bei uns einfinden, oder werden die nötigen, mit, dem
»Alter« verbundenen Erscheinungen sich zeigen, die unser Leben bedrohen
und unsere Lebensdauer verkürzen. Durch eine vielleicht dauernde, zur
rechten Zeit einsetzende Radiumbehandlung wird man es nun ganz
entschieden dahin bringen, alle Alterssymptome durch die
Wiederherstellung des durch diese gestörten Gleichgewichts zu
beseitigen, die »Mikroben des Alters« zu zerstören und den ganzen Körper
einen Verjüngungsprozeß durchmachen zu lassen, der ein »Altern«
unmöglich macht.
In ähnlich zuversichtlicher Weise äußert sich Professor Metschnikoff in
Paris, der von jeher das große Problem von der Lebensverlängerung und
Lebenskräftigung des Menschen zum Gebiete seiner Studien gemacht hat,
und der den Versuchen seines Kollegen Roux vom Pasteurinstitute das
größte Interesse entgegenbringt. Auch er spricht vom _Zeitalter ewiger
Jugend_, das für uns hereinbrechen wird und schon an unsere Tür klopft.
Ja aber -- woher das viele Radium nehmen, das zur Verallgemeinerung all
der Kuren und Wunder nötig ist, und wie die Herstellungskosten
verringern, die ja ein unüberbrückbares Hindernis für diese
Verallgemeinerung sind, wenn dieses Wundermittel nicht wieder nur ein
Lebenselixier für jene Kreise allein werden soll, die in Reichtümern
schwelgen?
Diese beiden Fragen drängen sich einem natürlich vor allem auf, und
glücklicherweise kann man in erfreulichstem Sinne darauf Antwort geben.
Das Vorkommen des Radiums ist wahrlich nicht so selten, wie man glaubt.
Im Gegenteil. Jüngst erst hat Professor Lodge diese Frage in folgendem
Satze, der, wie alles, was Radium angeht, etwas Ueberraschendes hat,
erledigt.
Er hat nämlich buchstäblich gesagt, »die Schwierigkeit sei nicht _die_,
radioaktive Körper zu finden, sondern Körper, _die nicht radioaktiv_
sind.« Alles nämlich, was lebt und scheinbar unbelebt ist -- denn auch
am Steine wurde ja jetzt das »Leben« schon nachgewiesen -- ist
radioaktiv. Es muß es sein, denn das Radium ist ja die Lebenskraft
selber. Es ist die Quintessenz aller Kraft, die alles, was ist, aufbaut
und alles zerstört, um in der Vernichtung neues zu schaffen. Sie ist die
Schöpferkraft, die wir nun endlich in Händen halten, und mit der der
Prometheustraum der Menschheit erfüllt ist.
Tatsächlich ist nicht nur die ganze Erde von Radium und seinen
Emanationen erfüllt, sondern wahrscheinlich auch das ganze All. Die Erde
aber gewiß, und zwar dürfte der Kern der Erde aus reinem Radium
bestehen, wenn wir von der merkbar zunehmenden Radiummenge in größeren
Tiefen des Erdinnern progressiv schließen dürfen. Beim Durchstich des
Simplontunnels sowohl wie bei dem des Gotthardtunnels wurden die
entsprechenden Messungen vorgenommen und gefunden, daß in letzterem bei
einer Tiefe von 2500 Fuß die Radioaktivität der geförderten Felsmassen 3
3/10 Billionstel Gramm auf ein Gramm Gestein betrug, während beim
Simplontunnel, der 17 Kilometer lang ist und 5600 Fuß unter der
Erdoberfläche liegt, der Radiumgehalt auf 1 1/10 Billionstel Teil stieg.
Ein ähnliches Verhältnis fand man auch bei den artesischen Brunnen, die
man 1000 bis 1500 Fuß tief gegraben hat. Je tiefer man nun in die Erde
eindringt, desto höher steigt bekanntlich die Temperatur, und zwar nimmt
sie ungefähr bei je 100 Fuß um 1 Grad Celsius zu. Bei einer Tiefe von 40
Kilometern würde man also schon das Quecksilber im Thermometer zum
Sieden bringen und Eisen würde in einen flüssigen Glutstrom geschmolzen
sein. Diese Wärme nun ist auch weiter nichts als eine Folge der
Ausstrahlungen des Radiums im innersten Innern der Erde. Die
unglaubliche Schnelligkeit, mit welcher die Radiumteilchen von diesem
fortgeschleudert werden, und die furchtbare Reibung, die dadurch
entsteht, entwickelt die Wärme, die in ihrer Intensität alles
übertrifft, was wir uns an Glut und Hitze vorzustellen vermögen. Und
wenn das Radium diese Feuerglut zu schaffen vermag, dann muß es aber
auch in Quantitäten da sein, die wir, weil wir auf der Oberfläche der
Erde nur leben, uns nicht einmal träumen lassen. Es braucht uns also,
die wir dieses größte aller Lebenselemente erst seit kurzer Zeit kennen,
um die Quantitäten desselben nicht bange zu sein.
Bleibt die Frage der Herstellung, die begreiflicherweise die Frage des
Kostenpunkts ist.
Nun denn, auch diese kann in befriedigendster Weise beantwortet werden.
Man kann nämlich aus der Pechblende -- aus der wir vorläufig beinahe
ausschließlich das Radium uns herstellen -- verschiedene Formen der
Radiumsubstanz gewinnen. Und während nun das Radium, das Professor
_Curie_ und seine Frau als erste gewannen, etwa 400000 Mark pro Gramm
kostet, kostet das Tho-rad-x, mit welchem Dr. Bailey, Dr. Roux und
Koernicke vorzugsweise experimentieren, in derselben Quantität nur 6000
Mark. Aber auch das ist noch teuer, so wesentlich die Verbilligung auch
schon ist. Aber wir werden bei ihr auch nicht stehen bleiben, und die
Zeit wird kommen, und sie ist gar nicht so fern, wo die Radiumgewinnung
im Großen wird betrieben werden können. Der menschliche Geist weiß ja
alle Hindernisse zu überbrücken, und es wird ihm zweifellos auch
gelingen, bis zu den großen Radiumlagern der Erde zu gelangen, so
unmöglich das auf den ersten Blick auch noch scheint. In jedem Falle
sind auch jetzt schon Radiumformen entdeckt, die selbst den Preis der
Tho-rad-x weit hinter sich lassen und dieselbe außerordentliche Wirkung
auf den menschlichen Organismus haben, die ich eben besprochen habe. Die
Versuche sind natürlich zu jung, um als abgeschlossen zu gelten,
trotzdem aber kann man sagen, daß _auch jetzt schon_ durch ein
Radiummittel, das allen zugänglich ist, das Alter verjüngt und alle
Alterserscheinungen erfolgreich bekämpft werden können. Gicht und
Zipperlein werden nicht nur in der Zukunft, sondern auch jetzt schon
unbekannt sein; die Arteriosklerose wird verhindert werden, sich an den
Wandungen unserer Blutgefäße festzusetzen und ihre Knochenherde zu
bilden; die Möglichkeit der Schlaganfälle wird wesentlich verringert,
wenn nicht ganz aufgehoben sein, und der Mensch wird sich, so alt und so
hinfällig er auch sein mag, wieder gekräftigt fühlen, und seine
Lebenskräfte werden aufs neue geweckt werden. Bei der heranwachsenden
Generation aber wird die Radiumkombination schon anfangen,
ihre altervertreibende Wirkung zu beginnen, ehe die ersten
Alterserscheinungen sich zeigen, und ein ewig junges, ewig kraftvolles
Geschlecht, dessen Lebensdauer sich ins Fabelhafte wird gesteigert
haben, wird _das Geschlecht der Zukunft_ sein.
Ich wies schon darauf hin, daß unsere Heilquellen ihre Heilwirkung zum
allergrößten Teile den Radiumemanationen verdanken, nicht dem wirklichen
Radiumgehalte, der bei fast keiner vorhanden ist. Darin aber liegt der
Umstand, daß all diese Quellen beim Versand leiden und ihre Wirkung
verlieren. Während Radium geradezu ewig ist, schwindet der Einfluß der
Emanationen sofort, da ja die Atome in fortwährender ungeheurer Bewegung
fortgeschleudert werden. Jeder weiß, wie wundervoll die Sprudel wirken,
und wie gering die Wirkung der gewonnenen Sprudelsalze ist. Man wird
also und hat zu Mitteln gegriffen, in denen Radium selber enthalten ist.
Das Radium, das im Körper selber seine an das Fabelhafte grenzende
Emanationskraft entwickelt. Das »Bombardement der Atome«, von dem ich
eingangs gesprochen, geht dann im menschlichen Leibe vor sich und übt
seine zerstörende Wirkung auf alle krank gewordenen Körperatome, während
es auf die gesunden Gewebe seine entgegengesetzte, fördernde,
waschstumunterstützende Wirkung übt. Darauf basiert der große Erfolg.
Ein sich Ablagern und Festsetzen krankhafter Ausscheidung ist dadurch
unmöglich und jeder Krankheitsprozeß wird schon im Keime erstickt. Das
Jahrhundert der Gesundheit bricht an, das Jahrhundert der großen
geistigen, körperlichen und seelischen Gesundung der Menschheit, und wir
fühlen schon den Flügelschlag dieser großen, wunderbaren Zeit, einer
Zeit, in welcher die Menschheit emporgehoben wird zu den Höhen der
Vollendung, und die letzte Brücke abgebrochen wird, die uns jetzt noch
mit den niederen Geschöpfen der Welt, der Erde verbindet.
Professor C. Lustig.
Die Medizin in 100 Jahren.
Die Medizin in 100 Jahren.
Von Professor C. Lustig.
Die Hauptaufgaben der Medizin sollten nicht im Heilen der Krankheiten
bestehen, sondern im Verhüten. Dieser Aufgabe kann die Medizin heute nur
in sehr geringem Grade gerecht werden. Denn so stolz wir auch auf neuere
Erfolge auf hygienischem Gebiete sein mögen, so ist das bisher Erreichte
doch nur der Anfang vom Anfang. Die Medizin ist eben ohnmächtig, solange
nicht auch andere Faktoren mitwirken, die auf sozialem und
gesetzgeberischem Gebiete liegen. Bei einem Kranken kann von einem
Verhüten der Krankheit keine Rede mehr sein, sondern nur von einem
Bekämpfen. Wir _sind_ aber mehr oder minder alle krank, und von einem
gesunden Geschlecht kann selbst beim besten Willen wohl von niemandem
gesprochen werden.
Solange die Natur nun von ihrem grausamen Gesetze nicht abläßt, wonach
sie die Sünden der Väter heimsucht bis in das vierte und fünfte Glied,
so ist ein gesundes Geschlecht ganz undenkbar. Solange es Not und Elend
und Entbehrung gibt, auch. Solange Arbeit und Erholung sich nicht die
Wage halten, ebenfalls.
Hierdurch allein ist schon die Richtschnur für die Zukunft gegeben.
Daß wir die Gesetze der Natur nicht ändern können, ist klar. Wir müssen
daher dort, wo diese Gesetze schädigend wirken, die Natur hindern, sie
uns gegenüber in Anwendung zu bringen.
Gift bleibt, solange es Gift ist, immer giftig. Wer es in den
entsprechenden Dosen nimmt, vergiftet sich. Daran läßt sich nichts
ändern, aber -- man braucht das Gift nicht zu nehmen, und vergiftet sich
dann eben nicht.
Das ist doch klar.
Das ist eine Weisheit, die jeder kennt. Aber wir wenden sie nicht an.
Wir kennen das Gift ganz genau; wir kennen seine schädigende Wirkung auf
uns und unser Geschlecht, aber wir denken nicht daran, uns darum zu
kümmern. Wir vermischen damit doch unser Blut, wir impfen es unseren
Kindern und Kindeskindern nach wie vor ein, und die, denen -- wenn _uns_
die Vernunft dazu fehlt -- nicht nur das Recht zustehen würde, uns daran
zu verhindern, sondern geradezu die Pflicht erwächst, es zu tun, kümmern
sich auch nicht darum und verbieten das Weitervergiften der Menschheit
nicht nur _nicht_, sondern unterstützen es noch.
Gesunde Kinder können bekanntlich nur von gesunden Eltern kommen. Der
Staat _will_ gesunde Kinder. Er braucht sie. Aber er sorgt nicht dafür,
daß die Eltern gesund sind und gesund sein können.
Bei den Eheschließungen werden Braut und Bräutigam nach allem Möglichen
gefragt, nur nach dem Nötigsten nicht: _ob sie gesund sind_. Ob nicht
der Keim einer sich vererbenden Krankheit in ihnen steckt. Sie werden
daraufhin nicht untersucht. Ja, sie dürfen heiraten, selbst wenn der
eine oder beide schon an vorgeschrittener Schwindsucht leiden; sie
dürfen heiraten, wenn dem einen auch das Stigma der Lues auf der Stirne
eingebrannt steht. Sie dürfen heiraten, wenn der eine auch in
epileptischen Krämpfen zusammenstürzt und sich unter ihnen windet und
krümmt. Sie dürfen alle heiraten und Kinder in die Welt setzen und
dürfen ihnen ihre Krankheiten mit auf den Lebensweg geben.
Für die Aerzte ist das ganz gut. Für die Menschheit nicht. Aber
schließlich ist doch die Menschheit nicht für die Aerzte da, sondern
umgekehrt. Und allmählich wird es ja doch dazu kommen, daß -- wie in
einigen Staaten der amerikanischen Union -- schon jetzt überall von all
denen, die einen Ehebund eingehen wollen, diese Hauptbedingung, die
Gesundheit, gefordert wird.
Natürlich wird auch dafür gesorgt werden müssen, daß, wenn ein neues
gesundes Geschlecht auf die Welt kommt, dieses auch die Möglichkeit hat,
gesund zu bleiben. Vor allem wird die Mutter in die Lage versetzt werden
müssen, ihr Kind zu nähren. In die materielle Lage. Ist das der Fall,
dann wird der Tod nicht mehr drohend an jeder Wiege stehen, so wie
jetzt, wo die Kindersterblichkeit Ziffern aufweist, die ein flammendes
Dokument für den Tiefstand unserer Menschlichkeit sind.
Wird dann noch dafür gesorgt sein -- und es _wird_ zweifellos -- daß
jeder, der lebt, auch sein Recht auf das Leben wird geltend machen
können, dann werden die Vorbedingungen erfüllt sein, auf denen die
Medizin der Zukunft wird fußen können. Dann wird durch sie die
Gesundheit in Permanenz erklärt werden, und keine Krankheit wird mehr
den Nährboden finden können, auf dem sie gedeiht.
Die Mittel dazu wären jetzt schon vorhanden, nur die Prämissen fehlen.
Die Prämisse eines gesunden Geschlechts.
Die Möglichkeit aber, den Körper in seinen feinsten Gewebeteilen --
nicht etwa durch Impfung, die selbstverständlich in der Zukunft
verworfen wird -- gegen alle möglichen Krankheitskeime immun zu machen,
besteht schon jetzt.
Die Möglichkeit, dem Körper die Lebensenergie zuzuführen, die jeden
Altersprozeß hemmt, haben wir durch die Radium enthaltenden Mittel jetzt
auch.
Damit aber sind Perspektiven für die Zukunft geschaffen, die an das
Wunderbare grenzen und den Traum von dem Hinausschieben der Lebensgrenze
bis weit über das biblische Alter in Erfüllung bringen werden.
Die geänderten Lebensverhältnisse werden natürlich wesentlich dazu
beitragen, das zu unterstützen. Das »fliegende Geschlecht« wird sich die
Luft auch in hygienischer Hinsicht zunutze machen. Es wird tagtäglich
die Höhen aufsuchen, die wir heute nur in unseren Höhenkurorten oder auf
sportlichen Touren aufzusuchen gewohnt sind. Es wird seine Lungen weiten
und die köstliche Luft einatmen, die nebstbei von keinem Millionen von
Schloten entqualmenden Rauch mehr verpestet sein wird, so daß auch in
den Städten die Luft schon eine andere sein wird, als heute. Statt des
Rauches aber wird ihr zweifellos auf künstlichem Wege noch Ozon
zugeführt werden, und die Radiumbeleuchtung, die die ganze Erde mit
einem Dunstkreis matten, wohltuenden Lichts umhüllen wird, wird durch
die konstant ausstrahlenden Emanationen auch belebend, kräftigend,
verjüngend wirken. Die Medizin in unserem Sinne wird also als solche
aufhören müssen zu sein; man wird sie nicht mehr brauchen.
Anders stellt es sich, wenn wir, wie dies noch vielfach geschieht, die
völlig selbständige Disziplin der Chirurgie mit dazu rechnen. Diese wird
bleiben müssen. Unfälle wird es immer noch geben. Armbrüche, Beinbrüche,
Schädelbrüche, Genickbrüche, Verstauchungen, Verwundungen,
Darmverschlingungen, Schwergeburten und wie die Fälle alle heißen, die
einen chirurgischen Eingriff erfordern, und die Chirurgie, die in
unserer Zeit auch an Wunder grenzende Fortschritte gemacht hat, wird vor
keiner Unglaublichkeit mehr zurückschrecken. Sowie wir heute schon
Herzwunden vernähen können, sowie wir aus unseren Schlagadern Stücke
ausschneiden und neue einsetzen können, sowie wir gewisse Organe heute
schon aus unserem Körper entfernen und durch fremde ersetzen können,
sowie wir sogar gewisse Hirnteile entfernen können, ohne Schaden zu
verursachen oder gar den Tod herbeizuführen, sowie wir heute schon
fremde Knochenstücke mit neuen »vernieten« und sie zu unseren machen
können, sowie wir unserem Magen eine neue Magenhaut einnähen können, so
wird man später nahezu alle Organe und alle Gliedmaßen umtauschen und
durch andere zu ersetzen vermögen. Und dabei wird die kraftvolle Natur
des neuen »gesunden« Geschlechts dazu beitragen, alle Operationen in
verblüffend kurzer Zeit zur Heilung zu bringen, so daß die köstliche
Figur des Bluntschen Kapitän Duddle, »der kein größeres Vergnügen kennt,
als sich ein Bein abnehmen zu lassen«, beinahe aufhören könnte, bloße
Fiktion zu sein, und ein _Doyen_ und ein _Bailey_ recht bekommen
dürften, die erklärten, »die Chirurgie wird künftighin nicht nur eine
grandiose Wissenschaft sein, sondern auch _ein Sport_«.
Cesare del Lotto.
Die Kunst in 100 Jahren.
Die Kunst in 100 Jahren.
Von Cesare del Lotto.
Prophezeiungen haben nur dann Sinn und Zweck, wenn sie Schlußfolgerungen
aus schon Vorhandenem und dessen bisherigem Entwicklungsgange sind. Nun
ist aber nichts schwerer, als aus dem Entwicklungsgange unserer
bildenden Künste irgend welche Schlüsse ziehen zu wollen, von denen man
annehmen könnte, daß sie dem tatsächlich zu Erwartenden in Wirklichkeit
auch nur annähernd entsprächen, denn nichts ist unberechenbarer als
gerade die Kunst. Sie hat ihre Launen, und ihre ganze Wirkung beruht nur
auf diesen. Bernhard Shaw, der große Spötter mit dem tiefen Wissen hat
darum nicht Unrecht, wenn er die Kunst mit einem Weibe vergleicht, das
stets neue Toiletten macht, in deren jeder sie anders aussieht, während
sie selbst doch stets ein und dieselbe bleibt. Diese Toiletten sind oft
schlicht und einfach, oft schreiend und bizarr, oft vornehm, oft wieder
gemein, oft nonnenhaft puritanisch, oft dirnenhaft frech, und die
Uebergänge von einer zur andern sind häufig ganz unmittelbar von einem
Extrem ins andere gehend, während sie andererseits ineinanderfließen, um
unvermerkt eine Kunstrichtung und Kunstoffenbarung zu schaffen. Es ist
wie das Meer. Jeder Hauch setzt es in Bewegung und schafft neue,
wechselnde Bilder. Bald liegt es glatt da wie ein Spiegel, bald ist es
leicht nur gekräuselt, bald tief aufgewühlt, und die Wellen türmen sich
hoch empor zu gigantischer Höhe, um sich dann wieder zu glätten und
jeder Spur gewaltiger Größe zu entraten. In der Kunst nennen wir das
Epochen, und wir suchen sie -- freilich vergebens -- mit den Zeitepochen
in Einklang zu bringen, und zwar deshalb vergebens, weil die Kunst als
solche mit ihrer Zeit nichts zu tun hat, ganz ebenso wie der Traum
nichts mit der Wirklichkeit, wenn auch diese ihre Fäden mit in jenen
hineinverwebt. Wir können also einen Zusammenhang zwischen Zeit und
Kunst nur konstruieren, wenn wir den Einfluß betrachten, den die Kunst
auf die Zeit, auf die Menschen und das Leben geübt hat. Auch da können
wir Strömungen, Rückströmungen und sogar ein Stagnieren der Kunst
beobachten, Wechselströmungen, die in einem größeren oder geringeren
Kunstbedürfnisse der Menschheit zum Ausdrucke kommen. Gerade jetzt
wieder hat eine Art Kunstdurst die Menschheit erfaßt, und ein gewisser
Schönheitsdrang ist uns bewußt oder unbewußt überkommen, was wir aber
vorläufig haben, ist nur das unsichere Tasten nach einem neuen
Schönheits-, einem neuen Kunstideal, auf dessen Offenbarung wir mit
Macht hindrängen, und zu welchem wir auf verschiedenen Wegen zu gelangen
trachten, ohne daß wir eigentlich wissen, welches das Ziel ist, das wir
zu erreichen streben. Es ist ja sehr leicht möglich, daß die kommende
Kunst etwas ganz anderes, ganz neues sein wird, als was sie jetzt ist.
»Die Kunst ist nie das, was sie ist, sondern das, als was sie gesehen
wird«, sagt schon Ruskin. Die Art zu sehen ist aber nicht nur eine
individuelle, sondern sie ändert sich von Tag zu Tag auch physiologisch.
Unser Auge hat die Fähigkeit gewonnen, die Lichtstrahlen in weit mehr
Farben und Farbennuancen zu zerlegen als früher. Dadurch sehen wir die
Welt anders; die Natur ist für uns eine andere geworden, also auch die
Kunst, denn die Kunst ist das Vorahnen der Natur, und wir, die wir
vorläufig nur mit den Strahlen des Lichtes sehen, und die nur Augen
haben, die scheinbar nur für diese empfänglich sind, werden vielleicht
später einmal auch mit jenen Strahlen direkt zu sehen lernen, mit denen
wir jetzt schon hören, sprechen und mit Zuhilfenahme von Apparaten auch
wirklich schon sehen können. Die Wahrscheinlichkeit spricht in jedem
Falle dafür, und namentlich eines nimmt merkwürdig überhand, das Sehen
jener magnetischen Strahlen, die dem menschlichen und tierischen Körper
entströmen. Diese Strahlen wird auch die Kunst sehen müssen, die sie
heute noch verleugnet, um nicht noch mehr Mißtrauen zu begegnen, als sie
heute schon in ihren verschiedenen Richtungen zu überwinden hat. Und
wenn Mosso behauptet, unser Auge würde sich allmählich auch zum
Röntgenapparate entwickeln, so wird die Kunst auch auf dieses alles
durchdringende Sehen Rücksicht nehmen und ihre Kunstwerke demgemäß
ausgestalten oder diese Art zu sehen geflissentlich ausschalten müssen.
Der mystische Zug, der aber jetzt schon durch einen Teil unserer Kunst
geht, deutet darauf hin, daß das heute noch Mystische, das in der
Zukunft möglicherweise zum Alltäglichen geworden sein wird, der nächsten
Zukunftskunst seine Signatur aufdrücken wird. »Sobald wir alles Irdische
kennen werden, wird uns das Streben nach dem Ueberirdischen erfassen.«
Dieser Zeit, die der Dichter da vorausahnt, sind wir näher, als wir
glauben. Der Erde entrückt werden wir ja in gewissem Sinne schon jetzt
durch das Fliegen. Und während wir den Einfluß der Postkutsche, des
Zweirads, der Eisenbahn und des Automobils auf die Kunst gewiß niemals
bemerkten -- von einigen Bildern, die keine Kunst machen, natürlich
abgesehen -- wird das Fliegen zweifellos eine Umwälzung hervorbringen.
Wir werden die Dinge von einer anderen Perspektive aus sehen, als wir
sie jetzt sehen, und das wird in den Werken der Kunst auch zum Ausdruck
kommen. Wir werden in den Höhen, in denen unser Flug sich bewegen wird,
unsere Eindrücke in ganz anderen Luftschichten, unter ganz anderen
Brechungsverhältnissen des Lichtes empfangen, und werden diese Eindrücke
auf unseren Bildern festhalten müssen, und es werden sich ebenso große
Unterschiede daraus ergeben, wie sie Atelierbild und Freilichtbild heute
schon aufweisen, und die so groß sind, daß sie als ganz besondere
Richtungen aufgefaßt werden. Wir werden aber infolge der veränderten
Lichtbrechungseffekte auch andere Farbentöne entdecken, und diese werden
eine besondere Wesenheit der künftigen Werke unserer Malerei sein. Noch
bedeutender aber dürfte die Umwälzung auf dem Gebiete der Plastik
werden, und namentlich die Reliefkunst dürfte zu ungeahnter Bedeutung
gelangen. Heutzutage wird ein Kunststück so geschaffen und so
aufgestellt, daß es für den Beschauer auf die bequemste Weise zur besten
Geltung kommt und dadurch auf ihn die vom Künstler beabsichtigte Wirkung
ausübt. Alle Größenverhältnisse, jede Proportion, jede Gestalt, jede
Verkürzung sind aus dieser Absicht hervorgegangen. Eine Figur, die ich
auf einen hohen Sockel stelle, muß anders gedacht, anders empfunden und
anders ausgeführt sein als eine, die ich aus demselben Niveau mit mir
betrachte. Unsere Monumente nun sind alle derart berechnet, daß sie auf
den Fußgänger ihre Wirkung üben. Die Wucht unserer Denkmäler wirkt also
nach unten, und wie sehr das der Fall ist, sehen wir am besten daran,
wenn wir an solch einem Denkmal auf dem Verdecke eines Omnibusses
vorüberfahren, oder wenn wir es ganz von oben betrachten. Es verliert
dann vollständig seine Wirkung. Es hört auf, Kunstwerk zu sein. Wird der
Verkehr nun -- und er wird es -- künftighin weniger durch die Straßen
als durch die Lüfte gehen, wird sich also ein oberirdischer Verkehr
entwickeln, um nicht ein »überirdischer« zu sagen, dann werden die
Monumente der Zukunft, wenn sie ihren Zweck erfüllen sollen, darauf
bedacht nehmen müssen. Sie werden also derartig geschaffen sein, daß sie
ihre volle künstlerische Wirkung sowohl von unten aus -- denn gehen wird
man ja trotzdem noch immer -- als auch von oben aus üben. Es werden also
Momente sein, die nicht mehr eine Figur auf den Sockel stellen, sondern
große architektonische Aufbaue mit Reliefgestalten, deren vortretende
Linien von oben herab die Harmonie des Kunstwerkes nicht stören, welches
auch _oben_ nur aus einem großen machtvollen Relief wird bestehen
können. Und da die Entfernungen, von denen aus die Ueberfliegenden das
Monument sehen werden, weit größere sein werden als die sind, die
gegenwärtig den Abstand zwischen Kunstwerk und Beschauer bilden, so
werden auch die Monumente dementsprechende gewaltige Dimensionen
annehmen müssen; Dimensionen, die zum mindesten der Basis der
ägyptischen Pyramiden entsprechen müßten, wenn sich die Werke der
monumentalen Plastik künftig noch Geltung verschaffen wollen. In bezug
auf _diese_ Kunst ist also das Vorhersagen leicht, weil _mit_ dieser
Kunst ein ganz bestimmter Zweck verbunden ist; ein Zweck, den die
Malerei nicht hat und nicht haben kann, denn Museen mit horizontal
gelegten, von oben herab zu betrachtenden Bildern wird es niemals geben,
es sei denn, tolle übersprudelnde Künstlerlaune schaffe sie als
Karikatur einer anderen, kommenden Zeit. Wohl aber wird die Malerei in
einer ihrer jetzt noch dem Handwerk nahenden Zweige auf diese Art des
Malens ernsthafter bedacht sein müssen. Ich meine die Plakatmalerei.
Hier würden dem schaffenden Geist der Künstler nach oben gehende
Wirkungen erstehen müssen, und so eröffnet sich ihnen dann für die
Zukunft ein neues großes Feld, und im Geiste sehe ich schon die Dünen
der holländischen Küste, die Gletscherfirne der Alpen, die endlosen
Sandstrecken der afrikanischen und asiatischen Wüsten, die riesigen
Steppen Amerikas, die Dschungelfelder von Indien und die Eisfelder der
Polargegenden mit bunten, gen Himmel schreienden Plakaten bedeckt, und
ich freue mich, daß ich jene Zeit nicht mehr erlebe.
Charles Dona Edward.
Der Sport in 100 Jahren.
Der Sport in 100 Jahren.
Von Charles Dona Edward.
Dem Sport erwachsen schon jetzt für seine Zukunft ungeahnte
Möglichkeiten. Es gehört daher wenig Phantasie dazu, ein Zukunftsbild zu
entwerfen, so lange man sich auf dem Gebiete der Sachlichkeit bewegen
und sich nicht in haltlosen Utopien ergehen will, die allerdings auch zu
den Möglichkeiten, vorläufig aber noch nicht zu den Wahrscheinlichkeiten
gehören. So dürfte es sich erübrigen, von dem »Maulwurfssport« und dem
»Salamandersport« zu sprechen, von welchem einige unserer Romanciers
vorahnend zu schwärmen wissen. Beide dieser Sportarten sind schon
hinreichend durch die ihnen beigelegten Namen charakterisiert. Der eine
ist der Feuersport, der andere der unterirdische Sport, der sich durch
die Erde gräbt, ähnlich wie man sich etwa, um ins Schlaraffenland zu
gelangen, durch den Hirsebreiberg hindurchgraben muß, während der andere
der Feuersport ist, der ja allerdings in unseren Feueressern und in der
Feuerschaukel der indischen Fakire seine Vorläufer hat. Solchen Sport
aber zum Sport zu rechnen, hieße das Wesen des Sports vollkommen
verkennen. Wasser, Luft und Erde müssen uns als Felder der
Sportbetätigung genügen. Der Sport der Zukunft wird der Sport der
rasenden, sich überbietenden Geschwindigkeiten sein; er wird der Sport
mehr des Intellekts, als der physischen Kraft sein, denn trotz aller
Körperkultur wird das menschliche Geschlecht allmählich »schwächer
werden, um stark zu sein«. Es wird eine Ausbildung der Sinne nötig
werden, die zweifellos auf Kosten des Körpers gehen wird. Fordert schon
der jetzige Sport Blitzesschnelle der Gedanken, größte Geistesgegenwart,
Anschauung, Kaltblütigkeit, Selbstbeherrschung und Selbstzucht in hohem
Maße, hervorragende Charaktereigenschaften also, und ebensolche des
Geistes, so wird das in Zukunft noch weit mehr der Fall sein. Mit der
Erhöhung der Geschwindigkeit wachsen die Gefahren des Sports, und auch
solche gibt es in arithmetischer Progression. Schon jetzt haben wir
Geschwindigkeiten erreicht, die an das Fabelhafte grenzen, und die doch
ein Nichts gegen die sind, die wir noch erreichen können, denn die
Geschwindigkeit kennt keine Grenzen. Wenn heutzutage schon Motore gebaut
werden, mit denen wir -- falls wir uns eine asphaltierte Straße rund um
die Erde gelegt denken -- bequem in vierundzwanzig Stunden und noch
weniger die ganze Welt umrunden könnten, so haben wir damit noch immer
nicht das denkbar Mögliche geleistet, sondern stehen nach wie vor an den
Anfängen einer Industrie, die noch so gut wie in den Kinderschuhen
steckt. Ganz andere Kräfte, die wir jetzt erst zu kennen beginnen,
werden uns dann zur Verfügung stehen und die Menschen werden stets
kleiner und leichter werden, so daß Lewell wohl recht haben mag, wenn er
sagt, wir werden künftig im Gehäuse einer Uhr mehr Kraft mit herumtragen
können, als jetzt unsere Riesenschnellzugsmaschinen entwickeln. Damit
ist aber die Richtschnur für unseren kommenden Sport auch gegeben, der
sich aller Wahrscheinlichkeit nach hauptsächlich im Wasser, unter Wasser
und in der Luft abspielen wird, während neuere gegenwärtige Sportarten,
die auf der Erdoberfläche getrieben werden, ganz zweifellos als solche
verschwinden werden. Mit den Geschwindigkeiten werden nämlich die für
neueren Sport notwendigen Distanzen sich zu ungeheuren erweitern. Der
Modesport wird uns nicht mehr befriedigen können, und so wie man
heutzutage schon Schach zwischen zwei Ländern und über den Ozean weg
spielen kann, ohne daß die Partie länger dauert als eine in ein und
demselben Klubzimmer gespielte, so wird man auch unsere edleren
Ballspiele per Distanz spielen können. Heute schon tauchen, allerdings
als Spielzeug, kleine Motorbälle auf, die man sich gegenseitig auf
sechs- bis siebenhundert Meter zuwerfen kann; heute schon läßt man
Aeroplanspielzeuge über die Teiche fliegen, an deren jenseitigem Ufer
sie aufgefangen und zurückgesandt werden, und bald wird es einerlei
sein, ob dieser Teich klein oder groß ist, ob er ein See oder ein Meer
ist. Die Hilfsmittel der Wissenschaft sind heute soweit gediehen, daß
man nicht nur annehmen, sondern schon bestimmt voraussagen kann, daß man
jeden Mitspieler, sei er noch so weit, beim Spiele wird sehen, hören und
sprechen können. -- Luftballonwettfahrten und Flugwettfahrten haben wir
schon jetzt, wir selbst aber werden noch Höhen- und Distanzflüge
erleben, die den Flug des Adlers und der Schwalbe überbieten werden, ja,
die Kraft unserer Motore wird hinreichen, um uns ohne weitere
kostspielige und schwerfällige Apparate in die Luft zu erheben, so daß
Flammarion recht behalten dürfte, der für die Zukunft nicht nur
Luftflieger, sondern Luftschwimmer prophezeit. So wie die Erde durch
Millionen von Jahren das Element der Menschen gewesen, so wird es jetzt
eben die Luft werden, und auch unser Körper wird sich den neuen
Lebensverhältnissen anpassen. Das Wasser dagegen wird niemals zum
Element der Menschheit werden. Nur der Reiz, auch dieses zu meistern und
die Widerstände zu überwinden, macht es zum Sportfeld, das es auch
bleiben wird. Der mit einem kleinen Handmotor bewaffnete Schwimmer wird
aber nicht mehr im Schwimmtempo die Wellen durchschneiden, sondern mit
der Geschwindigkeit eines Torpedobootes, und das Ueberschwimmen des
Aermelkanals, das heute noch der unbefriedigte Ehrgeiz der größten
Heroen der Schwimmkunst ist, wird eine Leistung sein, die jedes Kind
wird vollbringen können. Wenn Wells meint, wir würden dann den Fisch im
Meer jagen, so wie man heute das Wild jagt, so kann er recht haben, denn
wie heute der Skiläufer mit dem schnellsten Renntier Schritt zu halten
vermag, so werden wir in Zukunft den schnellsten Fisch in seinem Element
überholen können. Selbst oder in unseren Tauchbooten, die wahre Wunder
an Schnelligkeit, Tauch- und Lenkbarkeit sein werden. Auch die
Möglichkeit von Tauch- und Flugkombinationen ist nicht ausgeschlossen.
Bekanntlich hat die Natur schon alles geschaffen, was der Mensch später
erfindet. Es ist fast, als wolle die schöpferische Kraft der Natur
spottend die Winzigkeit unseres Könnens demonstrieren. Und sie schuf
neben den Wesen, die gehen und fliegen können, auch solche, die fliegen
und tauchen können. Wenn diese Kombination aber in der Natur schon
gegeben ist, dann wird sie die Kunst der Menschen auch noch vollbringen,
und der Sport wird sich -- ich weiß natürlich nicht, ob in hundert,
fünfhundert oder tausend Jahren -- auch diese Möglichkeit nutzbar machen
und Konkurrenzen veranstalten, die nicht nur rund um die Erde, nicht nur
in die Höhen des Chimborasso und des Mount Everest gehen, sondern aus
diesen Höhen auch in die Tiefen des Meeres, und wieder in die
Aetherhöhen empor führen werden. Der Sport wird also unbeschränkt in den
Geschwindigkeiten, unbeschränkt in den Entfernungen und unbeschränkt in
den Richtungen werden. So unbeschränkt, daß viele ja sogar davon
träumen, weit über die Grenzen der Atmosphäre hinaus dringen und von
Welt zu Welten wandern zu können. Daß das aber ein Traum der Zukunft
ist, den die nahe und nächste Zukunft _nicht_ erfüllen wird, das ist
gewiß, und auf Jahrtausende hin soll _Ich_ ja nicht prophezeien.
Frl. Professor E. Renaudot, Paris.
Die Welt und der Komet.
Die Welt und der Komet.
Von Frl. Professor E. Renaudot, Paris.
Im tiefen Schweigen des Alls bewegt sich lautlos, in schnellem,
rasenden, den Weltraum durchziehenden Laufe, aus der Leere heraus, ein
zwanzig und mehr Millionen Meilen langer, kalter, giftiger Dunst der
Sonne und ihren Planeten entgegen.
Diesem dahinrasenden Strom von Gasen folgt, von ihm mitgerissen, ein
Haufe von losem Gestein, das teils nicht größer ist als irgend ein
Feldstein, teils aber größer als der größte unserer Berge; und all diese
Steine und Felsen und Massen folgen nicht nur der seltsamen, alles mit
sich reißenden Dunstform, sondern sie drehen sich auch in tollem, ewigem
Lauf um sich selber. Trümmer von Welten sind es, die andere Welten mit
ihrer Zerstörung bedrohen.
Kein Mensch weiß, seit wieviel Aeonen der tödliche Weltenraumwanderer
die Erdbahn schon kreuzt; kein Mensch weiß, wieviel andere
seinesgleichen noch da sind, die in unsere Bahn, uns bedrohend, geraten.
Zweifellos aber steht es fest, daß wir schon zahllose Male mit den
seltsamen Himmelsgebilden, die wir Kometen nennen, zusammengestoßen
sind, und daß wir noch unzählige Male mit ihnen zusammenstoßen werden.
Und nicht nur wir, sondern alle andern Planeten genau so. Und man kann
die Spuren dieser Katastrophen immer noch sehen.
Wenn nun die Erde mit einem Kometen zusammenstieße, was würde dann wohl
geschehen?
Unser Trabant, der Mond, gibt uns die, wenn auch stumme, so doch
beredteste Antwort auf diese Frage. Die Astronomen unserer Zeit kommen
nämlich immer mehr dazu, die meisten, wenn nicht alle, sogenannten
»Krater« der Mondgebirge nicht mehr als solche, sondern als Eindrücke
von, mit großer Gewalt auf die Oberfläche des Mondes aus dem Weltenraume
gestürzten Körpermassen zu betrachten. Die »Krater« wären also nichts
als die Narben eines zu einer Zeit mit dem Monde erfolgten
Zusammenstoßes, als die Mondkruste gerade zu erkalten begann. Wir können
diese Kraterformationen ganz genau nachbilden und uns eine förmliche
Reliefkarte einer Mondlandschaft anfertigen, wenn wir Steine
verschiedener Größe mit großer Kraft auf eine noch nicht ganz erstarrte
Lehmmasse werfen.
Selbstverständlich wurde durch jenen, für den Mond so unheilvollen
Zusammenstoß auch die Erde getroffen, und sie mußte ganz dasselbe
Bombardement aushalten, da eben die Erde größer und ihre Oberfläche zu
jener Zeit noch viel heißer war, so verschwanden die Spuren der
Eindrücke, und die glühenden Massen der Erde schlossen sich über den
fremden Eindringlingen aus dem Himmelsraum.
Aber auch späterhin, als die Erde schon abgekühlter war, muß sie
zweifellos mehr als einmal schon mit einem oder dem andern Kometen
zusammengestoßen sein. Da aber war der Schild von Wasser, der sie zum
größten Teile auch jetzt noch umgibt, ihr großer, sie vielfach vor der
Zerstörung, gewiß aber vor tiefen Wunden behütender Schutz.
Sollte es nun noch einmal geschehen, daß wieder ein Komet mit unserem
Planeten zusammenstößt, dann wird eine Lawine von Sternen und Meteoren
über den unglücklichen Teil der Erde niedergehen, der gerade dem Kometen
zugewandt ist.
Vielleicht trifft der Kern des Kometen gerade auf einen der Pole. Dann
würde der aus dem Himmel stürzende Felshagel niemanden direkt verletzen,
aber das durch die furchtbare Hitze schmelzende Eis würde eine
Sturzwelle bilden, die, einer neuen Sintflut gleich, unsere Kontinente
überfluten würde, und unsere Atmosphäre wäre mit Dünsten und Gasen und
Nebeln erfüllt, so daß das Klima aller unserer Länder auf Jahrzehnte und
Jahrhunderte hinaus vollständig verändert würde.
Der Komet von 1907, der eine so große Weltuntergangsangst hervorgerufen
hatte, bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von 107500 Meilen in der
Stunde auf unser Sonnensystem zu, und der eben jetzt am Himmel stehende
zeigt keine gerade wesentlich kleinere Bewegungsschnelligkeit. Würde nun
die Erde mit dem Kern solch eines Kometen zusammenstoßen, so würde keine
Stadt der Welt ihm Widerstand zu leisten vermögen, und ein Paris,
London, Newyork oder Berlin wäre nicht nur in wenigen Sekunden ein
glühender, rauchender, brennender Trümmerhaufen, sondern die Hitze würde
auch hunderte von Meilen weit in der Runde alles Leben zerstören.
Die Menschheit aber würde deshalb doch nicht zugrunde gehen, und die
Erde würde sich auch von diesem Schlage erholen.
Es ist auch nicht der Kern, den wir bei den Kometen am meisten zu
fürchten haben.
Der Kern ist ein so verschwindend kleiner Teil eines Kometen, daß unsere
Erde durch hunderte von Kometen hindurchziehen könnte, ohne bei einem
einzigen mit diesem festeren Kern zusammenzustoßen. Dieser Kern würde,
wie gesagt, den Teil der Erde, mit dem er zusammentrifft, zermalmen und
verbrennen, der übrige Teil der Erde würde aber nicht sonderlich durch
ihn getroffen werden. Aber der große »Schweif« des Kometen der aus
Millionen und Abermillionen von Kubikmeilen giftiger Gase besteht, würde
unsere Atmosphäre umhüllen, die Gase würden sich mit ihr vermengen und
sie von _einem_ Pol bis zum andern vergiften.
Sollte der Kern eines Kometen irgend eine Stadt treffen, so würden die
Astronomen in der Lage sein, sie vielleicht noch rechtzeitig zu warnen
und mehrere Stunden vor dem wirklichen Zusammenstoß würden die
entsetzten, schreckgelähmten Bewohner die »Geschosse« ihres Feindes am
Horizont emporsteigen und größer und größer werden sehen. Bei Tage
würden sie schwarz aussehen wie Kohle, und sie würden von einer
Dunsthülle umgeben sein, die in demselben Augenblicke, wo sie mit
unserer Atmosphäre zusammentrifft, in Flammen aufgehen würde.
Bei Nacht würden die _großen_, den Kometen begleitenden Massen auf der
der Sonne zugekehrten Seite gleich poliertem Silber erglänzen, während
man den unbeleuchteten Teil nur eben so schwach sehen würde, wie man
beim zu- und abnehmenden Mond den unbeleuchteten Teil dieses unseres
Trabanten zu sehen vermag. Ein geisterhaft phosphoreszierendes Licht
würde alle diese Körper umhüllen und sie zu einem schauerlich schönen,
unheimlich hypnotisierenden Anblick machen.
Sollten wir bei solch einem Zusammenstoße dem Kerne entgehen und dann
nur mit der Dunstmasse des Schweifes zusammentreffen, so wäre der Effekt
_für das Auge_ kein so außerordentlich großer, sonst aber würde er sich
weit fühlbarer machen.
Ohne jede vorherige Warnung würden wir plötzlich in die Dunstmasse des
Kometen hineingeraten. Vielleicht würde ein mächtiger Sternschnuppenfall
eintreten, vielleicht würden Meteore niederfallen und unsere Erde
erreichen, vielleicht aber auch nicht. Wahrscheinlich würden wir nichts
besonderes sehen und nichts besonderes merken, bis wir plötzlich mitten
drin wären in der Katastrophe. An jenem Tage würden die Vögel leblos aus
der Luft stürzen; ein Regen aller, ihrer Lebenskraft beraubten
fliegenden Insekten würde auf die Erde niedergehen; der Eisbär würde
taumelnd neben seiner Beute niedersinken, der Eskimo würde von
plötzlicher Angst und Beklemmung getrieben aus seiner Hütte stürzen und
bewußtlos vor deren Eingang zusammenfallen. Jedes Wesen, das atmet,
würde nach Atem ringen und, sein Bewußtsein verlierend, zusammensinken.
Mit Ausnahme der Fische im Wasser und der Würmer unter der Erde würde
nichts sich auf Erden bewegen, als die vorher schon von Menschenhand in
Bewegung gesetzten Maschinen.
Kämen die Gase nachts, wenn die Menschheit noch schläft, dann würde der
Schlaf wie ein Alb auf ihr lasten. Auftaumelnd würden die Schläfer zu
den Fenstern hinstürzen, um sie aufzureißen und Luft! Luft! in die Räume
zu lassen, aber die Luft wäre das Gift, und unter seiner Wirkung würde
alles dem Tode verfallen. Dem Tode oder dem todesähnlichen Betäubtsein.
Wäre es Tag oder würde die Katastrophe sich abends zur Zeit der
gesteigerten Lebensfreude ereignen, dann wäre das Ereignis noch krasser.
Frauen und Männer, Pferde, Hunde und Vögel würden auf den Straßen wirr
durcheinanderfallen. Die Wagenführer würden von ihren Wagen, die
Lokomotivführer von ihren Lokomotiven fallen, und die Wagen und Züge
würden über die Leichen von Menschen und Tieren dahingehen und durch
diese aus den Geleisen geraten. Die Elevatoren würden in ausgestorbenen
Häusern auf- und niedergehen. Die Maschinen würden arbeiten, solange die
Kraft da ist, aber niemand wäre da, sie auszunutzen oder zu bedienen.
Die Feuer würden erlöschen oder wie rasend um sich greifen. Somit würde
die Stille des Todes auf der ganzen Welt herrschen. Einige Stunden lang
würde die atmosphärische Hülle unserer Erde so mit Kometengasen
durchsetzt werden, die aus Kohlen- und Wasserstoff bestehen. Wären diese
Gase sehr dicht, so würde es ein Erwachen überhaupt nicht mehr geben,
und dann würden selbst die Fische im Wasser und selbst die Würmer den
Gifttod erleiden. Wäre aber die Mischung nicht allzu stark, dann würde
die Menschheit krank, matt und abgeschlagen, mit benommenem Kopfe und
mit schmerzenden Gliedern erwachen und nach Atem ringen, aber nur eine
sauerstoffarme Atmosphäre finden, die so schwer auf ihr lasten würde,
daß sie so recht zur Besinnung nicht kommen würde. Diese »wache
Betäubung« würde in ihrem furchtbaren Eindruck durch den Anblick der
Katastrophe nur noch erhöht werden; eine dumpfe, starre Verzweiflung
würde die Menschheit packen; hier und da würde diese Verzweiflung
vielleicht bei Menschen gewaltiger Energie zu einem wilden Ausbruche
führen, den meisten aber würde die Kraft dazu fehlen; sie würden wie in
dumpfer, fassungsloser Verblödung auf das Unbegreifliche, Entsetzliche
hinsehen. Dann aber würde die Reaktion eintreten. Ein Teil des
Stickstoffs und Kohlenstoffs würde allmählich absorbiert werden und der
Sauerstoff sich wieder erneuern. Der Alb würde weichen, die Erkenntnis
des Geschehenen würde allmählich sich Bahn brechen, in wilder
Verzweiflung würde jeder nach den Seinigen suchen. Der Mann nach der
Frau, die Mutter nach den Kindern! Erschütternde Szenen würden sich
abspielen, Szenen des Wahnsinns und Szenen der Liebe, aber immer mehr
und mehr würde das Bild sich ändern. Eine immer wachsende Heiterkeit
würde mit einem Male alles erfassen. Eine tolle, ausgelassene Freude,
Leben! Vergessen wäre alles, mit einem einzigen Schlage, man würde
lachen, lachen und springen und einander umfassen und tanzen, und eine
wilde Orgie würde sich entwickeln, wie sie die Welt noch nicht gesehen.
Die Orgie der Menschheit. Das Blut in meinen Adern würde unter dem
Einfluß des überhandnehmenden Sauerstoffgehaltes der Luft brennen wie
Feuer, meine Lungen würden sich in wahren Gluten verzehren, ein Taumel
wilden, jauchzenden Wahnsinns würde die Menschheit, erfassen und in
diesem Taumel würde man zusammenstürzen und enden.
Der flammende Mantel des Kometen wäre zum Sterbekleide der Menschheit
geworden.
So -- könnte es werden. In zehn, in hundert, in tausend oder
hunderttausend Jahren.
Die Prophezeiung ist keine schöne, und ich gebe zu, daß sie in ihren
Schilderungen extrem ist. Ich stehe aber keineswegs an, zu betonen, daß
nicht jeder Zusammenstoß mit einem Kometen diese katastrophalen Folgen
unbedingt haben muß; aber, er _kann_ sie haben. Das ist wissenschaftlich
erhärtet. Und nur das habe ich zu schildern; sonst nichts. Immer wieder
und wieder kehren alte Kometen zurück, immer wieder und wieder werden
neue entdeckt, und es mag hunderte und tausende geben, die wir noch
nicht kennen, die wir nicht sehen und die _doch_ da sind und unsere Erde
mit unbekannten Gefahren bedrohen? Wer schickt sie?
Sie sind mit den Spionen einer Armee vergleichbar, die sich ungesehen in
das feindliche Lager schleichen. Sie stehen mit dem Hauptquartier wohl
in engstem Zusammenhang, aber sie gehören zu keinem Truppenteil. Sie
nehmen keinen Rang ein. Sie kommen und gehen, wie es ihnen gutdünkt und
umgeben sich mit einer geheimnisvollen Atmosphäre, die oft wie eitel
Demut aussieht. Und doch kann die ganze Basis der Operationen und deren
Erfolg und Mißerfolg von der Tätigkeit dieser Spione abhängen.
Es ist keineswegs ein besonders hinkender Vergleich, den wir da
anstellen. Die Kometen gleichen solchen Spionen wahrhaftig. Sie umgeben
sich nicht nur mit Geheimnis, sie sind selbst noch Geheimnis. Das
Geheimnisvolle liegt in ihrem ureigensten Wesen. Sie bilden eine eigene
Klasse. Woher kommen sie? Selbst die Astronomen, die sich mit ihnen
beschäftigen und sie zu ihrem Spezialstudium machen, haben noch keine
Antwort darauf. Sie treten plötzlich in den Kreis ein, kommen wie sie
wollen, vom Osten, Westen, Norden, Süden, gehorchen keinem der Gesetze,
dem andere Weltkörper sich unterordnen mußten, sondern scheinen einem
besonderen Zentralgesetze zu folgen. Sie entziehen sich fast jeder
Berechnung, denn sie trennen sich, spalten sich, verschwinden. Oft
kommen sie zur berechneten Zeit wieder, oft verzögern sie ihr Erscheinen
um Jahre.
Die Zukunft der Kometen ist somit noch ein großes, unerklärtes Rätsel.
Gehören sie mit zu unserem oder einem anderen Sonnensystem? Waren sie
und sind sie zum Teil vom Sonnensystem unabhängig geblieben? Das sind
Fragen, die eine endgültige Antwort noch nicht gefunden haben, obwohl
man der Lösung des Problems immer näher rückt. Gegenwärtig besteht die
Tendenz, sie als den Gesetzen unserer Sonne untertänig zu betrachten.
Die alte Idee, als hätten wir es mit Weltenbummlern zu tun, die von
Stern zu Stern und von einem Planetensystem zum anderen wandern, ist so
gut wie aufgegeben. Wohl ist die Bahn vieler so gestaltet, daß man an
eine Wiederkehr der betreffenden Kometen kaum glauben kann, man nimmt
aber trotzdem an, daß sie sich der Kontrolle unserer Sonne nie ganz
entziehen. Freilich biegen sie oft auch von ihrem Wege ab und machen
einen Abstecher in die verbotenen Gebiete nördlich und südlich der Ebene
unserer Sonnenumgebung, eine Extravaganz, die sich andere Sterne nicht
leisten. Oft bleiben sie weit hinter uns zurück, oft überholen sie uns
in unserer unaufhaltsamen Bewegung, dem Herkules, dem Drachen und der
Leier zu. Es ist, als wollten sie sehen, ob der Weg frei ist, und sich
dann überzeugen, ob auch noch alle Planeten hübsch beisammen sind und in
der alten Ordnung marschieren, und als ob einer oder der andere dann
davonschießt, um irgend einer unbekannten Kraft Bericht zu erstatten.
Welcher Kraft? Welchem Wesen?
Das wissen wir nicht, und es ist auch keine Wahrscheinlichkeit da, daß
unsere Kinder und Kindeskinder es in hundert Jahren wissen werden.
Professor Garrett P. Serviss.
Der Weltuntergang.
Der Weltuntergang.
Von Professor Garrett P. Serviss