Die Idee der Arbeiterklasse ist die _Demokratie_, die Demokratie in
Staat, Gemeinde und Wirtschaft. Je nach den Umständen, unter denen sie
zum Durchbruch kommt, werden sich ihre ersten Wirkungen gestalten:
unorganisch oder organisch, das heißt mehr zerstörerisch oder mehr
aufbauend. Ob aber das eine oder das andere stattfindet, das Ende wird
immer sein, daß das Bedürfnis der Wirtschaft und die Anforderungen der
zweckmäßigsten Art, zu wirtschaften, über alle doktrinären Ideen den
Sieg davontragen werden. Es wird daher voraussichtlich im Verstaatlichen
und Kommunalisieren Maß gehalten, der privaten wirtschaftlichen
Betätigung, sei es von Genossenschaften, sei es sogar von Einzelnen,
erheblicher Spielraum gelassen werden. Daher wird es zum Beispiel auch
innerhalb bestimmter Grenzen wahrscheinlich noch Profit, d. h.
Ungleichheit der Einkommen, bezw. Möglichkeiten der Vermögensbildung
geben. Aber die _großen heutigen Vermögensunterschiede werden unbedingt
verschwinden_, weil die vielen Quellen arbeitslosen Erwerbs, die heute
die Bildung der Riesenvermögen ermöglichen, aufhören werden, in die
Reservoirs von Privaten zu fließen. Das _Bodeneigentum_ und die
_Bodenschätze_ werden dem Privateigentum teils ganz entzogen, teils nur
unter solchen Bedingungen für Wirtschaftszwecke überlassen werden, die
die Bodenrente in allen ihren Formen _der Gemeinschaft sichern_. Neun
Zehntel der Riesenvermögen, die wir heute in den Händen der Millionäre
und Multimillionäre sehen, stammen aber aus offenen oder versteckten
Bodenmonopolen.
Zugleich werden von anderer Seite her die _unentgeltlichen Leistungen_
von Staat und Gemeinden wachsen und dazu beitragen, das zu schaffen, was
man in England das »_soziale Minimum_« getauft hat: ein Mindesteinkommen
aller, das den Verkauf der Arbeit zu Hungerlöhnen unmöglich macht. Denn
Arbeit gegen Lohn wird es voraussichtlich auch dann noch geben. Das
große Verkehrsleben der Neuzeit, auf das die Menschen schwerlich
verzichten werden, macht das _Geld_ und damit auch den _Geldlohn_
unentbehrlich, gleichviel ob in öffentlichen oder in Privatbetrieben
gearbeitet wird. Was dagegen anders sein wird, ist das System der
_Lohnbestimmung_. Die Bestimmung der Löhne wird in hohem Grade
_öffentlichen Charakter_ tragen. Oeffentliche Lohnämter, zusammengesetzt
aus Vertretern der Allgemeinheit und der Berufsgruppen, werden
Mindestlöhne festsetzen, und Lohntarifen, die ebenfalls als Mindestsätze
zu gelten haben, gesetzliche Kraft geben. In gleicher Weise werden
Bestimmungen über die _Länge des Arbeitstages_ in öffentlichen und
Privatunternehmungen getroffen werden.
Alles das kann man mit großer Sicherheit als Folge des Sieges der
Arbeiterdemokratie voraussagen, weil es in Ansätzen schon heute
vorhanden ist und Schritt für Schritt weiter entwickelt wird. Das
Angefangene wird nur allgemeiner und mit _größerer Entschiedenheit und
Konsequenz_ durchgeführt werden. Wie aber wird es wirken? Wird nicht
zugleich eine Abnahme und Verteuerung der Produktion die Folge sein? Und
wird nicht die politische Herrschaft der Arbeiterklasse alle Disziplin
in den Betrieben aufheben?
Auf diese Fragen kann man nur antworten, daß die Arbeiter in ihrer
Allgemeinheit genau dasselbe Interesse daran haben, daß viel und billig
produziert wird, wie irgend eine andere Klasse der Gesellschaft. Es
werden daher früher oder später Einrichtungen geschaffen werden, um das,
was heute der Hunger als Einpeitscher und der Geldbeutel als Treiber im
Wirtschaftsleben verrichten, soweit auf demokratischem Wege zu sichern,
als das Bedürfnis der Produktion es erheischt. Die öffentlichen
Arbeitsämter können ganz gut dazu ausgebaut werden, als Instanzen für
Uebergriffe von hüben oder drüben sich zu betätigen. Auch dafür liegen
schon Ansätze vor. Je mehr Macht die Arbeiterorganisationen erringen, um
so mehr entwickelt sich auch bei ihnen das Gefühl der _Verantwortung_
für den Fortgang der Produktion und desto mehr _Erfahrung_ sammeln sie
für die Sicherstellung der Bedürfnisse der Produktion. Im übrigen wird
schon der _Fortfall des »Herrenbewußtseins«_ die Wirkung haben, daß die
Privatunternehmung selbst dort, wo sie nicht schon der Form nach
Genossenschaft ist, genossenschaftliche Charakterzüge erhalten wird.
Eine Verringerung der _Arbeit_ für den einzelnen wird aber schon dadurch
möglich, daß sehr viel _Arbeitsvergeudung_, die heute getrieben wird,
gegenstandslos werden oder als für schädlich erkannt, in Wegfall kommen
wird. Dahin gehören auf der einen Seite viele der heutigen falschen
Kosten der Volkswirtschaft und auf der anderen der allmählich bis zum
Wahnsinn getriebene Aufwand des wachsenden Heeres der Millionäre und
Milliardäre. Es werden genügend Arbeitskräfte frei werden, um die
Arbeitszeit für alle ermäßigen zu können, ohne daß darum die Produktion
auf das bloß Notwendige beschränkt zu werden braucht.
Auf der Stufe der Durchführung einer solchen Demokratie können
Deutschland und andere Länder der vorgeschrittenen Kulturwelt in einem
Vierteljahrhundert angelangt sein. Unzweifelhaft werden sich die Dinge
aber nicht sofort völlig glatt machen. Es sind Mißgriffe möglich und
sogar zeitweilige Rückfälle nicht ausgeschlossen. Aber eine Wiederholung
der Zerrüttungen, an denen die alte Kulturwelt zugrunde ging, ist heute
mehr als unwahrscheinlich. Es fehlen die Barbaren, die unserer Kultur
ein ähnliches Schicksal bereiten könnten, wie einst die nordischen
Barbaren dem römischen Weltreich. Wenn manche Erscheinungen unserer
heutigen Epoche zu Vergleichen mit den Zuständen in Rom unter den
Kaisern herausfordern, so fehlte jenem Rom doch die große, an Zahl,
Intelligenz, Organisation und Tatkraft beständig zunehmende
Arbeiterklasse, über welche die moderne Kultur verfügt. Sie, die das
Erzeugnis dieser Kultur ist, verspricht auch, ihr Schützer und
Fortsetzer in den kommenden Kämpfen der Menschheit zu sein. »Die
Barbaren, die in Roms Heeren gedient hatten, eroberten Rom«, schrieb
Rodbertus einst im Hinblick auf die Arbeiterbewegung der Gegenwart. Aber
jene Rom erobernden und zugleich zerstörenden Barbaren waren Nomaden,
denen der Krieg das Höchste war. Den Arbeitern der Gegenwart dagegen ist
der Krieg verhaßt, während die _schaffenden Werke des Friedens_ ihnen
_Lebensgewohnheit_ und _Lebensbedingung_ sind. Sie werden daher stets
selbst wieder herstellen, was vom Erhaltenswerten unserer Kultur in den
Kämpfen zeitweise geschädigt werden sollte.
So gehen wir einem Zeitalter entgegen, in dem eine weit durchgeführte
Demokratie dem sozialen Leben einen starken _genossenschaftlichen
Charakter_ verleihen wird. Fourier, hierin ein wirklicher Seher, nannte
es in seiner Weltentwicklungstafel _Garantismus_, was man mit dem
schwerfälligen Wort Gewährschaftssystem übersetzt hat. Neuere haben
dafür den Ausdruck Solidarismus geprägt. Wir können aber ruhig
Sozialismus sagen. Sozialismus jedoch nicht als Uniformierung des ganzen
Lebens. Daß es zu dieser kommt, schließt das hochentwickelte
Verkehrsleben der Neuzeit aus, auf das die Menschen nicht werden
verzichten wollen. Sozialismus vielmehr als maßgebende _Rechtsgrundlage_
des ganzen sozialen Lebens, der Bestimmung der Rechte und Pflichten der
Gesellschaft gegen ihre Glieder und dieser gegen die Gesellschaft und
untereinander.
Wieviel Zeit es erfordern wird, bis das Prinzip allseitig durchgeführt
sein und ohne Störungen funktionieren wird, ob es fünfzig oder hundert
Jahre kosten wird, wer kann es voraussagen? Und wer es unternehmen,
Einzelheiten zu beschreiben? Gerade, weil sich mit Sicherheit
voraussehen läßt, daß die Menschen sich keine Uniform anziehen, sondern
der freien Initiative Spielraum lassen werden, ist alle
Einzelschilderung verfehlt. Da die Menschen in ihrem Bau und ihren
natürlichen Trieben und Anlagen keine anderen Wesen sein werden als
heute, wird auch vieles in ihren Einrichtungen sich nicht so diametral
von denen der Gegenwart unterscheiden, als manche anzunehmen geneigt
sind. Die Menschen werden auch in Zukunft keine reinen Rechenexempel
sein, auch in Zukunft neben der Oekonomie den seelischen Bedürfnissen
ihr Recht sichern. Und so können wir auch einer kraftvollen
Gegenströmung gegen Tendenzen übertriebener Kasernierung des Lebens
sicher sein.
Noch einmal, die Menschheit geht keinem Schlaraffenleben entgegen, und
es wäre ihr nicht einmal zu wünschen. Dagegen wird die Armut als soziale
Erscheinung verschwinden, wie die heutige Art der Reichtumsansammlung
und die ihr entsprechenden sozialen Auffassungen und Luxustendenzen
verschwinden werden, ohne daß die _Pflege des Schönen_ darunter leiden
wird. Sie wird einen _öffentlichen Charakter_ erhalten, mehr als je auf
die Veredelung und Vervollkommnung dessen gerichtet sein, was allen
gehört, allen zugute kommt. Die Verallgemeinerung der Arbeit wird die
pflichtigen Arbeitsleistungen so zu verdrängen erlauben, daß jedem neben
ihnen noch genügende Zeit und Frische zur Betätigung individueller
Anlagen und Neigungen verbleibt. Die Technik, die heute einseitig darauf
gerichtet ist, _Arbeitskosten_ zu ersparen, wird, ohne dies zu
vernachlässigen, doch immer stärker das Ziel im Auge haben,
_Menschenkosten_ zu ersparen, die Arbeit erträglicher und zuträglicher
zu machen. Und immer mehr wird das höchste Kulturgut zur Allgemeinen
Errungenschaft werden und alle Beziehungen des öffentlichen Lebens
durchdringen und veredeln: die Schätzung des Menschen als _freie, keinem
Nebenmenschen unterworfene Persönlichkeit_.
Das liegt im Wesen der demokratischen Gleichheit begründet, wie sie der
heutigen Arbeiterbewegung zugrunde liegt. Und weil diese die größte
soziale Triebkraft der Neuzeit ist, ist es auch nicht undenkbar, daß es
_in spätestens hundert Jahren der Kompaß des ganzen sozialen Lebens_
sein wird. Nicht undenkbar, nicht unmöglich, sondern vielmehr _in hohem
Grade wahrscheinlich_.
Hermann Bahr.
Die Literatur in 100 Jahren.
Die Literatur in 100 Jahren.
Von Hermann Bahr.
Man muß kein Prophet sein, um sagen zu können, daß das, was heute
Literatur genannt wird, ja, vielleicht alles, was heute Kunst heißt,
wofern die Menschheit in ihrer wirtschaftlichen und geistigen
Entwicklung das Tempo beibehält, das sie seit der großen Revolution hat,
in hundert Jahren unnötig geworden und nur noch als Erinnerung, mit
dankbarem Erstaunen gehegt, vorhanden sein wird.
Das Kennzeichen der Literatur in hundert Jahren wird es sein, daß es
keine Literaten mehr geben wird, nämlich keinen besonderen Stand, der
das Privileg hat, für die anderen das Wort zu besorgen, wie der Bäcker
das Brot und der Metzger das Fleisch.
Wie Wagner an eine Zeit geglaubt hat, in der jeder sein eigener Künstler
sein wird, so wird jeder dann sein eigener Dichter sein und keinen
Dolmetsch seines Herzens mehr brauchen.
Alle Kunst ist ursprünglich zunächst immer nur ein Versuch des Menschen,
seine großen inneren Momente bei sich aufzubewahren und irgendwie den
schönen Augenblick so zu verewigen, daß er ihn, so oft er will, wieder
herbeirufen kann. Kunst ist zunächst nichts als ein Mittel zur eigenen
Erinnerung. Lust von ungemeiner Art oder auch ein besonderes Leid, das
ja dem Menschen ebenso, wenn es über das gewöhnliche Maß geht, zur
unentbehrlichen Erregung werden kann, soll, um ihm immer bei der Hand zu
sein, in ein Zeichen eingefangen, in ein Gefäß verschlossen werden. Lust
oder Leid, jedes Gefühl überhaupt, setzt sich in einen körperlichen
Rhythmus um, der dann in Tönen, Gebärden oder Worten verlautet und
erscheint. Dieser körperliche Rhythmus kann nicht festgehalten, nicht
der Erinnerung anvertraut und also nicht willkürlich reproduziert
werden, aber seine Erscheinungen, seine Laute können erhalten werden und
rufen dann, reproduziert, denselben körperlichen Rhythmus wieder hervor.
Die Kunst dient zunächst dem einzelnen Menschen wie seinem ganzen Volke
dazu, sein ganzes Leben, soweit es bisher abgelaufen ist, jederzeit
wieder um sich versammeln und sich so jederzeit mit seinen sämtlichen
Zuständen umgeben zu können. Und so dient sie dann dem Menschen auch
dazu, den anderen von seiner Eigenheit ein Zeichen zu geben, um sich mit
ihnen über sein Wesen zu verständigen.
Als nun aber später alle zur Erhaltung des menschlichen Lebens
notwendigen Verrichtungen, die bisher jeder selbst für sich besorgt
hatte, den einzelnen abgenommen und der Reihe nach an besondere Gewerbe
verteilt wurden, als, bei der Auflösung der primitiven Wirtschaft, die
alles im eigenen Hause bestellt hatte, einer für alle das Backen, ein
anderer das Schneidern, der dritte das Schlachten übernahm, geschah es,
daß auch eine so höchst persönliche Verrichtung, wie die Kunst als die
Aufbewahrung des eigenen Lebens in Zeichen, aus denen es jederzeit
wieder herbeigeholt werden kann, nun einer besonderen Innung zugewiesen
wurde. Ein eigenes Geschäft entstand, das es übernahm, gegen Bezahlung
jedem einzelnen nach Wunsch den Ausdruck seines Lebens oder doch der ihm
wichtigsten Empfindungen anzufertigen. Die Literatur entstand.
Eigentlich ist sie kein geringeres Wunder, als wenn damals, bei der
Teilung der Arbeit, etwa auch die Fortpflanzung der Menschheit einer
besonderen Zunft zugesprochen worden wäre. Es ist ein Wunder, das der
natürliche Menschenverstand, wenn er sich's recht überlegt, eigentlich
gar niemals begreifen kann. Man versuche nur, sich einmal klar zu
machen, worauf die jetzige Literatur beruht. Eine Reihe von Menschen
lebt davon, daß ihre Gedichte gekauft werden. Ein Gedicht ist der
Zustand irgend eines Menschen, in Worte verschlossen.
Es ist nun durchaus nicht einzusehen, warum ein anderer Mensch es sich
etwas kosten lassen soll, diesen ihm fremden und gleichgültigen Zustand
kennen zu lernen. Der Zauber eines Gedichts besteht eigentlich nur in
seiner Macht, ein entschwundenes Stück Leben dem, der es erlebt hat,
jederzeit in Erinnerung zu bringen, Entschwundenes zurückzuholen.
Welches Interesse es aber für irgend einen Menschen haben könnte, an
etwas erinnert zu werden, woran er gar nicht erinnert werden kann, weil
ihm doch jede Vorbedingung des Erinnerns fehlt, denn der Inhalt des
Gedichts ist ja nur von seinem Dichter, keineswegs aber vom Käufer des
Gedichts erlebt worden, dies läßt sich durchaus nicht ersinnen. Und es
ist auch nur durch eine gelinde Täuschung irgendwelcher Art möglich; der
Käufer kann auf seine Kosten nur kommen, wenn das Gefühl, das der
Dichter ins Gedicht gefaßt hat, seinem eigenen zum Verwechseln ähnlich
sieht. Die Täuschung, diese Verwechslung, auf der der heutige
literarische Betrieb durch Innungen beruht, kann also nur geschehen,
wenn entweder der Inhalt des Gedichts, das Erlebnis des Dichters ganz
persönlich ist oder das Persönliche, das es etwa hat, durch die Form
abgeschwächt und aufgelöst wird, oder aber hinwieder das Erlebnis des
Käufers, an das ihn das Gedicht erinnern soll, sei es von Anfang an ganz
undeutlich gewesen, sei es schon so verblaßt, ist so, daß er sich jedes
andere dafür einreden läßt. Je stärker ein Dichter erlebt, je reiner er
sein Erlebnis ausdrückt, desto weniger wird dieser Ausdruck fähig sein,
mit dem Ausdruck anderer Erlebnisse verwechselt zu werden und den Zweck
des literarischen Handels zu erfüllen, daß er nämlich im Käufer ein
Erlebnis des Käufers zurückrufen soll. Und je stärker der Käufer erlebt,
desto geringer wird seine Neigung sein, sich an einem Ausdruck, der ihn
nur ungefähr von weitem daran erinnert, genügen zu lassen. Alle
Persönlichkeit des Erlebens, beim Dichter wie beim Käufer, möglichst
auszuräuchern, bis am Ende nur ein allgemeiner Dunst davon übrig bleibt,
worin jede Farbe verschwimmt, muß also die größte Sorge des
literarischen Betriebs sein, und es läßt sich nicht leugnen, daß dies
heute mit einer ganz wunderbaren Hingebung geschieht. Wie sich die
Dichter schon im Aeußeren immer mehr dem Vulgären assimilieren und mit
Erfolg beflissen sind, das Aussehen und Auftreten von Bankiers
anzunehmen, so gelingt es ihnen auch im Geistigen immer besser, ihr
Gesicht zu verwischen. Und ebenso sind auf ihrer Seite die Käufer
bemüht, sich in ganz unpersönlichen Erlebnissen aufzuhalten, die dann
freilich an jeden vorübergleitenden Schatten angehängt werden können.
Das wird nun so bleiben müssen, solange die Welt ein Warenhaus und der
Mensch ein Händler bleibt. Es sind Anzeichen da, die jedoch vermuten
lassen, daß in hundert Jahren die menschliche Wirtschaft anders geworden
sein werde. So hätte auch dieser literarische Betrieb keinen Sinn mehr;
und es könnte dann keine Literaten mehr geben, keine Menschen mehr, die
davon leben, daß sie ihr eigenes Leben verunstalten, um seinen Ausdruck
für den Ausdruck fremden Erlebens ausgeben und dafür Geld einnehmen zu
können.
Die Literatur in hundert Jahren wird sich dann von der heutigen vor
allem durch das Motiv unterscheiden. Das Motiv des heutigen Literaten,
eingestanden oder nicht, ist der Lohn. Er dichtet, um die Miete, den
Haushalt und das Zubehör bezahlen zu können. Er ist darum verhalten,
kaufkräftig zu dichten. Er muß das dichten, was verlangt wird; und
verlangt wird, was sich jedem anpaßt, was von jedem getragen werden
kann, was sich nach jedem Geschmack dehnen läßt; und allenfalls auch,
schlägt die Mode um, leicht wieder umfalten und auffärben.
Dieses Motiv fällt dann weg. Es muß dann niemand mehr dichten, bloß um
nicht zu verhungern, weil jedem ein anständiger Erwerb zugesichert sein
wird, und das Dichten trägt dann nicht mehr dazu bei, das Einkommen zu
vermehren. Ist dann also das bewegende Grundmotiv der heutigen Literatur
ausgeschaltet, so wird es zunächst fraglich, ob nicht alle Literatur
überhaupt stillstehen und vielleicht für einige hundert Jahre sistiert
sein wird, solange nämlich, bis es etwa geschehen mag, daß einer einmal
aus einem ganz anderen, heute durchaus unbekannten Motiv das Wort nimmt,
also z. B. vielleicht, weil er etwas zu sagen hat, oder auch einfach
deshalb, weil er, geheimnisvoll getrieben, eben muß. Dies alles kommt
uns heute freilich höchst phantastisch vor, aber seit wir es erlebt
haben, daß der Mensch das Fliegen erlernt hat, sind wir geneigt, allen
Ausschweifungen der Phantasie zu trauen.
Allerdings würde das Dichten dann aus seiner öffentlichen Bedeutung
verdrängt. Es würde nicht mehr genossenschaftlich betrieben und jene
Organisationen, durch die heute den Dichtern die Verbindung mit dem
Markt hergestellt und der Absatz gesichert wird, also die verschiedenen
Schulen und Richtungen, wie wir sagen, hätten aufgehört. Das Dichten
hätte keinen Zweck mehr, sondern nur noch einen Grund, nämlich im
eigenen Trieb; es wäre nur noch ein Dichten vor sich hin und für sich
hin, nicht mehr auf die anderen los. Seinen heutigen Sinn hätte es
allerdings damit ganz verloren, aber es ließen sich immerhin Menschen
denken, denen auch ein solches sinnloses und zweckloses Dichten, ein
Dichten an und für sich, Freude machen könnte, so wenig wir jetzt
eigentlich in der Lage sind, uns einen solchen Menschenschlag recht
vorzustellen. Jedenfalls würde das dann auch nur ganz im Geheimen
geschehen, als eine vollkommen intime Verrichtung, als ein geistiges
Müllern sozusagen, wodurch es denn, ohne sich freilich mit der großen
öffentlichen Bedeutung unserer heutigen Literatur, die ja ihren Platz
unter den wichtigsten Industrien hat, irgendwie messen zu dürfen,
immerhin noch einen gewissen hygienischen Wert ansprechen könnte.
Zu bemerken ist noch, daß jedenfalls der Uebergang zu dieser neuen Zeit,
in der jeder sein eigener Dichter sein wird, sehr große Schwierigkeiten
haben muß. Denn es wird vor allem dann die Frage zu lösen sein, was mit
den außer Betrieb gesetzten Dichtern geschehen soll, und es ist zu
befürchten, daß für sie durchaus nicht so leicht eine auch nur halbwegs
passende Verwendung zu finden sein wird. Seien wir froh, daß uns diese
Sorgen unserer Enkel erspart bleiben!
Dr. Max Burckhard.
Das Theater in 100 Jahren.
Das Theater in 100 Jahren.
Von Dr. Max Burckhard.
»Also«, sagte ich, indem ich noch einmal den länglichen Metallkasten
aufmerksam betrachtete, der auf vier niederen Rädern vor mir stand,
»also, es ist alles in Ordnung.«
»Alles«, erwiderte mein Neffe, der mit ernster Miene neben mir stand.
»Und wir haben hoffentlich nichts vergessen . . .«
»Nichts.«
»Den Stiftbrief habe ich heute morgen selbst noch einmal genau
durchstudiert; ich glaube wirklich, es ist keine Möglichkeit übersehen,
mit der man überhaupt rechnen kann.«
»Teufel, Teufel!« Mein Neffe kratzte sich nachdenklich am Kopf. »In dem
Stiftbrief steckt meine einzige Sorge. Wenn am Ende doch der ganze
Staat, während des Urlaubs, den Du Dir da nimmst, zusammenkracht . . .«
»Na, dann kommt eben ein anderer Staat nach ihm!«
»Ist das so ausgemacht? Und wer weiß, ob der sich um Stiftungen und
derlei Dinge kümmert!«
»Das wird schließlich jeder Staat.«
»Und das hältst Du wirklich für ganz ausgeschlossen, es könnte auf
einmal das ganze Stiftungsvermögen flöten gehen? Und ist kein Geld mehr
da, so kümmert sich natürlich kein Mensch mehr um Deine irdischen
Reste.«
»Na, die Jahre, die Du selber lebst, doch natürlich Du . . .«
»Ich natürlich -- aber die paar Jahre!«
»Dann ist das Interesse der Wissenschaft da an meinem Experiment.«
»Weißt Du, das Interesse für das Geld ist doch viel sicherer.«
»Nun und auch daran kann es nie fehlen. Darum habe ich außer allen
möglichen Wertpapieren und hypothtekarischen Sicherstellungen in den
drei größten Banken Gold erlegt.«
»Gerade das Gold ist aber völlig wertlos, sobald der nächste
hergelaufene Kerl unter besonderen Druck- und Temperatur-Verhältnissen,
eventuell mit Zuhilfenahme irgend einer Emanation das Gold aus ein Paar
billigen Elementen zusammensetzt.«
»Mit solchen außerordentlichen Denkbarkeiten muß man sich schließlich
bei allem im vorhinein abfinden. Es könnte ja auch der Mond oder irgend
ein anderes kosmisches Gebilde auf einmal in die Erde hineinfallen.«
»Dann ist eben alles aus.«
»Gewiß, aber in Deinem Falle ist es bei mir noch lange nicht aus.«
»Ich meine doch. Denn wenn Deine Stiftung erlischt oder sonstwie die
Summen entfallen, aus denen diese Anlagen erhalten und betreut, Kurator
und Personale bezahlt werden . . . .«
»Dann wird eben keine Kohlensäure mehr nachgefüllt, in meiner Kühlkammer
wird es immer wärmer und wärmer und die künstliche Erstarrung, die wir
durch die Kälte hervorrufen werden, hört dann ebenso langsam auf, wie
sie heute eintreten wird. Die Blutzirkulation beginnt von neuem, ich
schlage die Augen auf, und der Unterschied ist nur . . . .«
»Daß Du allein in dem unheimlichen Raum wach wirst, in dem Dich, wenn Du
Deine hundert Jahre Erstarrung glücklich durchgemacht hättest, das ganze
Stiftungspersonal und vielleicht Kaiser und Papst oder doch Vertreter
aller Hochschulen freundlich lächend begrüßen würden . . .«
»Lauter Kerle, die ich nicht kenne.«
». . . und daß Du«, fuhr unbeirrt mein Neffe fort, »wenn Dein Geld beim
Teufel ist, eben ohne einen Knopf Geld dasitzest oder zunächst
daliegst.«
»Die Hauptsache ist, daß ich einen zweiten Schlüssel im Sack habe und
hinauskann. Ich werde halt dann arbeiten und mir mein Geld verdienen.«
»Das wird dann wohl nicht so leicht sein. Denn zunächst wirst Du all die
neuen Dinge zu lernen haben, die man wird wissen und können müssen, um
überhaupt ein nützliches, ja ein mögliches Glied der Gesellschaft zu
sein.«
»Ich lasse mich, wenn alle Stricke reißen, einfach ums Geld anschauen.
Einen Impresario wird es doch geben, der mich per Luftballon, oder wenn
dieses Verkehrsmittel schon wieder veraltet ist, sonstwie in den X
Weltteilen und den umliegenden Ortschaften herumführt. Das muß ja allein
ein Heidengeld tragen, einen Menschen herzuzeigen, der sich vor hundert
Jahren hat einschläfern lassen, um den Rest seines Lebens in Raten
abzudienen, und der nun als lebendiger Berichterstatter einer
entschwundenen Zeit herumgeht.«
»Bist Du sicher, daß Dir das nicht andere schon werden nachgemacht
haben?«
»Wenn sie nicht die von mir ersonnenen Maßregeln getroffen haben,
platzen ihnen schon beim Erstarren ein Paar Gefäße und sie werden dann
höchstens wach, damit sie sofort der Schlag trifft, der sie eigentlich
schon damals vor hundert Jahren hätte treffen sollen.«
»Auf alle diese Dinge, die Du ja gewiß sehr sinnreich ausgedacht hast,
kann im Laufe der Zeit auch ein anderer kommen.«
»Soll er. Aber ich habe noch als Student Richard Wagner einmal am
Bahnhofe empfangen, kann von meinen Begegnungen mit Ibsen erzählen, habe
mit Arthur Schnitzler eine Zeitlang in einem Hause gewohnt und . . .«
»Nun, mir kann es ja recht sein. Mich geht ja das eigentlich alles gar
nichts an, und wir haben es auch zum Ueberfluß schon oft genug
durchgesprochen. Für mich als Arzt ist die Hauptsache, daß die
Kühlkammer in Ordnung ist und das »Medizinische« der Sache tadellos
funktionieren wird -- soweit es eben eine menschliche Berechnung gibt.
Hoffen wir, daß es in Deinem Gebiet, mit dem »Juristischen«, ebenso gut
bestellt ist. Nur darauf habe ich noch einmal hinweisen wollen. Aber da
Du meinst, es stimme auch da alles . . .«
»Gewiß, natürlich auch hier, soweit es eben eine menschliche Berechnung
gibt.«
». . . und allem Anscheine nach fest entschlossen bist . . .«
»Steif und fest.«
»Offen gesagt, ich habe eigentlich doch immer geglaubt und, ich darf
wohl hinzufügen, gehofft, Du wirst es Dir im letzten Augenblick, wenn es
nämlich drum und daran ist, noch anderes überlegen. Ich mag mir zehnmal
sagen, daß Du mich ja fast um ein Jahrhundert überleben wirst --
eigentlich stirbst Du in dem Augenblick doch für mich, wo Du Dich in den
Kasten hineinlegst und ein Hebeldruck von mir Dich zugleich narkotisiert
und in die Kühlkammer hineinrollen läßt. Und zum Ueberfluß müßte ich
daher eigentlich hinterher auch noch die Empfindung haben, daß ich Dich
umgebracht habe.«
»Da Du doch praktischer Arzt bist, wird Dir ja diese Art Empfindung
nicht so neuartig sein.«
»Verzeihe, ich übe die Chirurgie aus, und nicht die interne Medizin
. . .«
»Deine Empfindung übrigens ist mir ganz interessant. Mir geht es
nämlich, offen gestanden, momentan ganz ähnlich. Auch mir ist es in dem
Augenblicke, seit ich den Gedanken gefaßt habe, mir den Rest meines
Lebens für später aufzuhalten, nun zum ersten Male völlig klar, daß ich
eigentlich doch jetzt sterbe, indem ich von allen Menschen, die ich
kenne, aus dieser ganzen Welt, mit der ich vertraut bin, scheide, um
dereinst unter unbekannten Umständen und völlig fremden Leuten wieder zu
erwachen.«
»Weißt Du was? Gib wenigstens noch einige Tage zu.«
»Nein, nein. Ich muß mit meinem künftigen Leben sparsam sein. Jeder von
den Tagen, die meine Lebenskraft bei vernünftiger Lebensführung noch
währt, fehlt mir, falls ich die Maschine jetzt weiterlaufen lasse, dann
dereinst, wenn ich wieder zu leben beginne. Und diese plötzliche
Stimmung beruht ja doch nur auf einer falschen Sentimentalität. Ich bin
eben ein Auswanderer, der für immer seiner Heimat und allen Freunden
Lebewohl sagt, indem er das Schiff besteigt, das ihn nach fernem Eiland
bringen soll.«
»Rein gedankenmäßig stimmt es ja. Und doch . . .«
»Und was gewinne ich nicht dafür! Ich werde wieder leben, werde leben
und ferne Zukunften miterschauen als Zeuge der menschlichen Entwicklung,
während Ihr alle längst werdet aufgehört haben zu sein.«
»Und woher weißt Du, daß wir aufhören werden zu sein? Daß nicht jedes
Leben nur die Fortsetzung früherer Leben ist? Daß nicht ich und einer,
der vor mir war, und einer, der nach mir sein wird, nur verschiedene
Formen, nur Fortsetzungen ein und desselben Wesens sind?«
»Und Du und ich auch dasselbe Wesen! Nein, nein, lieber Freund, in
transzendentale Erörterungen lasse ich mich so kurz vor dem Einschlafen
nicht mehr ein, ich, der ich erst in einer Zeit wieder erwache, wo man
Bücher über Philosophie mit genau derselben Schätzung betrachten wird,
wie wir etwa heute Werke über Astrologie ansehen. Rasch, rasch! Mich
erfaßt jetzt eine plötzliche Ungeduld -- eine stürmische Sehnsucht --
Was soll ich noch hier! Jeder Augenblick, den ich noch lebe, ist
verloren. Fort, fort! Lebe wohl. Grüße mir noch alle. Und tausend Dank
für all Deine Freundschaft, Hilfe, Mühe, Teilnahme . . .« -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
* * * * *
Es war ein ganz eigentümliches Gefühl, das mich allmählich zu erfassen
begann. Mich? Nein, irgend einen Menschen, der dalag. Es ging etwas vor.
Aber ich wußte nicht nur nicht, was vorging, auch nicht, mit wem es
vorging, vor allem nicht, daß es mit mir vorging. So mag wohl einem
trockenen Fels zu Mute sein, wenn in seinen Spalten auf einmal Wasser zu
sickern, zu rieseln, zu fließen beginnt. Oder einer Buche, wenn im
Frühjahr die Säfte wieder emporsteigen, sich, dem Auge noch unsichtbar,
zartes Grün unter der harten Außenrinde bildet, und es an den Spitzen
und in den Winkeln und allenthalben längs der Achsen zu schwellen
beginnt. Und dann war ein Geräusch. Irgendwo. Oder eigentlich nirgends.
Es war nur. Aber ohne Vorstellung von Nähe oder Ferne. Und dann war auf
einmal etwas anderes. Zuerst wie ein kaltes, stechendes Gefühl, und dann
wie etwas Weiches, Warmes, Wonniges. Und jetzt wußte ich es, das war ja
Licht. Und ich sah. Sah die Wände eines kleinen Raumes, sah mich, sah
mir zur Seite, leicht über mich gebeugt, eine Gestalt stehen, die zu mir
sprach. Aber die Gestalt konnte ich noch nicht erfassen, ihre Worte, die
ich wohl zuerst als das ferne Geräusch vernommen, nicht verstehen.
Und nun mit einem Schlage wußte ich alles. Das war die Kammer, die ich
mir als Ruhestätte für ein Jahrhundert erwählt, und das Jahrhundert war
nun um, und ich erwachte zu neuem Leben. Wer wohl da vor mir jener erste
Mann war, der mich von den Spätgeborenen begrüßte? -- -- -- Aber nein!
Das war ja nicht möglich! Da mußte etwas geschehen sein. Ich konnte wohl
nur viel kürzere Zeit hier gelegen haben. Der Mann, der da vor mir stand
und so gespannt auf mich blickte, war ja -- mein Neffe!
»Was ist's?« fuhr ich auf -- »warum weckst Du mich schon?«
»Schon? Das gibst Du gut«, sagte er mit herzlichem Lachen. »Aber nur
ruhig -- keine zu heftigen Bewegungen im Anfang -- Deine Muskeln und
Gefäße müssen doch erst ein klein bißchen Zeit haben, sich an die neue
Tätigkeit zu gewöhnen.«
»Ja, wie lange schlafe ich denn dann?«
»Nun, genau hundert Jahre. Wie Du angeordnet hast.«
»Mach' keine dummen Witze. Wie kämest Du dann her?«
»Das werde ich Dir gleich erklären, schauen wir nur, daß wir aus dieser
Gruft hier herauskommen, die Luft ist trotz aller Vorkehrungen doch
nicht die allerbeste hier herinnen, und draußen findest Du herrlichen
Frühling.«
»Ich mache keinen Schritt heraus, bevor Du mir nicht aufklärst, was da
vorgeht und warum ich erweckt worden bin. Ich will wissen, wie viel Uhr,
das heißt, welches Jahr es ist.«
»Nun 2009 ist es, das ist doch sehr einfach. -- Komme nur. Deine Kleider
riechen wirklich etwas muffig. Ich habe Dir oben einen Anzug nach der
neuesten Mode hergerichtet. Du wirst staunen . . .«
»Nun, wenn er so verrückt aussieht wie Deiner . . .«
»Aber hygienisch, Freund -- hygienisch! -- Doch komm' nur. Siehst Du,
jetzt sind wir schon in Deinem Schlafzimmer. Etwas wurmstichig halt das
Ganze! Und die Stoffe arg verschossen. Ich habe hier absichtlich nichts
richten lassen.«
»Jetzt wirst Du mir aber gleich erklären . . .«
»Nein, daß Du noch nicht selbst darauf gekommen bist! Es ist doch
eigentlich so einfach und naheliegend. Ich habe Deine Idee, je länger
ich darüber nachdachte, um so herrlicher gefunden, meine Zeitgenossen
sind mir immer ekelhafter geworden, vorbereitet war alles auf das
genaueste, Platz war auch für zwei dort unten, ein zweiter Kasten war
bald gemacht, und so brauchte ich nur statt meiner einen anderen Kurator
zu bestellen und mich unter seiner Assistenz in die Kühlkammer schieben
zu lassen.«
»Ja, wer hat Dich denn dann aufgeweckt?«
»Nun der Kurator, der im Jahre 2008 diese Würde bekleidete und die mit
ihr verbundenen Bezüge genoß.«
»2008?«
»Natürlich. Ich ließ mir es nämlich mit achtundneunzig Jahren genug
sein, und da ich genau ein Jahr nach Dir zu Kasten ging, ließ ich mich
auch ein Jahr vor Dir wieder zum Aufstehen veranlassen, damit Dich
wenigstens ein bekanntes Gesicht begrüßt.«
»Das ist aber wirklich sehr lieb von Dir gewesen . . .«
»Weißt Du, das war wirklich ekelhaft, dieses Erwachen. Diese Schar von
Gaffern -- und dieser blöde Kerl, den sie da zum Kurator bestellt
hatten! Den dümmsten vom ganzen Kuratelsgericht. Weil er der Schwager
eines Ministers ist!«
»Mir scheint, es hat sich nicht viel geändert auf der Erde.«
»O doch, doch! Du wirst schon sehen. In gewissen Dingen freilich . . .
Aber ich will den Geschichtsstudien, die Du neu anzustellen haben wirst,
nicht vorgreifen. Für heute nur, daß es auf der ganzen Welt nur mehr
einen einzigen Staat gibt. Einer hat alle aufgefressen.«
»Deutschland? Oder England?«
»Nein. Monaco. Weil er das meiste Geld hatte. Aber das ist ja doch
schließlich ganz gleichgültig. Schau lieber zum Fenster hinaus. Ist er
nicht herrlich der See?«
»Ja, natürlich ist es schön. Aber das war er doch immer. Doch etwas
kleiner kommt er mir vor.«
»Und da ist jetzt der Wasserstand noch besonders hoch. Ja, die Seen sind
halt alle in den achtundneunzig Jahren ziemlich zurückgegangen.«
»Hundert bitte!«
»Bei mir achtundneunzig! Du entschuldigst schon, daß ich nach meiner
Zeitrechnung gerechnet habe.«
»Bitte, bitte. -- Jetzt muß es Nachmittag sein. Denn an einem Nachmittag
habe ich mich ja niedergelegt.«
»Ganz richtig.«
»Also wie beginne ich das neue Leben? Denn heute nacht werden wir wohl
noch hier bleiben müssen!«
»Was würdest Du zu einer Theatervorstellung sagen?«
»Aber, lieber Freund, dafür habe ich mir mein Leben nicht aufgespart, um
mir dann in St. Gilgen eine Theatervorstellung anzusehen.«
»Wer spricht denn von St. Gilgen!«
»Wir sind ja doch in St. Gilgen! Oder gibt es etwa einen Luftexpreß, der
uns bis zu Beginn der Vorstellung noch nach Wien oder München bringt?«
»Du bist eben noch sehr weit zurück in Deiner Bildung. Ins Theater gehen
wir jetzt nur mehr zu Premieren.«
»Eine Premiere habe ich noch weniger Lust mir anzusehen. Das könnte ein
feiner Dichter sein, der hier die »überhaupt ersten Aufführungen« seiner
Stücke veranstalten läßt.«
»Lieber Onkel, habe keine Sorgen. Du wirst ein gutes älteres Stück hören
und sehen in ausgezeichneter Besetzung und Darstellung. Eine
Mustervorstellung, gespielt von den allerbesten Schauspielern.«
»Also wo wirst Du mich hinführen?«
»In Dein Studierzimmer. Dort habe ich alles mit modernstem Komfort
für Dich einrichten lassen. Du brauchst Dich nur in Deinem
Schreibtischfauteuil zu setzen -- es ist noch der alte nach Kolo Mosers
Zeichnung, den Dir der Bahr geschenkt hat, -- und kannst dort ruhig
warten, bis die Vorstellung beginnt.«
»Also wohl eine telephonische Verbindung mit dem Burgtheater? Oder gar
mit Berlin?«
»Wo Du willst. Aber so einfach, wie Du Dir das vorstellst, ist die Sache
nicht. Auch handelt es sich nicht nur um das Hören. Du wirst auch alles
sehen, genau, als säßest Du in einem wirklichen Theater.«
»Hat man es richtig so weit gebracht, daß man auch die Lichtbilder mit
Hilfe des elektrischen Drahtes in jeder Entfernung sehen kann?«
»Das ist heute ganz einfach.«
»Und da sieht man auch das ganze Theater?«
»Das ganze Haus.«
»Wenn aber alle es so machen wie ich, ist ja kein Mensch darinnen. Das
ist dann eigentlich doch ziemlich öde.«
»Freilich ist kein Mensch darinnen. Aber Du siehst doch das volle Haus.
Das Bild von jedem, der sich die Vorstellung anschaut, wird nämlich von
demselben Draht, der ihm zum Sehen hilft, auf den Sitz projiziert, den
er bestellt (und natürlich bezahlt), und so siehst Du nicht nur die
Schauspieler, sondern auch alle Zuhörer und Zuseher per Distance so, als
säßen sie im Kreise um Dich. Und dasselbe sieht jeder andere auch, so
daß ich Dir empfehle, Dich noch umzukleiden, wenn Du mit Deinem
altmodischen Röckchen nicht ringsum unliebsames Aufsehen erwecken
willst. Dafür wirst Du Deine Nachbarin, wenn Du eine bekommst, gewiß
auch in eleganter Toilette erblicken.«
»Was nützt mir die schönste Nachbarin, wenn sie nicht wirklich neben mir
sitzt!«
»Ja, soweit haben wir es freilich noch nicht gebracht. Aber schließlich,
die Schauspieler stehen ja auch nicht in Wirklichkeit auf der Bühne.«
»Was? Keine Schauspieler? Am Ende Puppen?«
»Gott bewahre. Stimmplatten und wunderbar gemachte kinematographische
Aufnahmen. Also genaueste Reproduktion des gesprochenen Wortes und des
sich gleichsam abrollenden Bühnenbildes.«
»Da gibt es somit von jedem Stück eigentlich nur eine einzige
Aufführung, und die wird mit Apparaten aufgenommen und schnurrt dann
optisch und akustisch alles herunter.«
»So ähnlich ungefähr.«
»Da kann ja einer noch weiterspielen, wenn er schon längst tot ist?«
»Natürlich. Eine Menge Rollen in alten Stücken spielt heute im
Burgtheater noch der Kainz. Ein Schauspieler wird erst abgesetzt, wenn
man einen hat, der besser ist als er.«
»Wie weiß man denn das?«
»Da wird eben immer probiert.«
»Und wer entscheidet?«
»Das Publikum natürlich.«
»Wenn keines da ist!«
»Man sieht Dich doch applaudieren und hört Dich applaudieren und
zischen, genau so, als wärest Du da.«
»Aber zum Teufel, ich werde mich doch nicht hinsetzten, um über einen
Schauspieler, der vielleicht elend ist, zu urteilen, wenn ich einen
hören kann, von dem ich weiß, daß er glänzend ist.«
»Und wie oft hat das nicht auch das Publikum im alten Theater tun
müssen? Erinnere Dich nur aus Deinen eigenen Zeiten, was für Gäste Du
oft dem Publikum vorgeführt hast.«
»Das habe ich doch tun müssen, weil ja viele meiner Mitglieder alt und
alle von ihnen sterblich waren. Aber heute, wo die Sache so liegt
. . .«
»Eine Abwechselung muß es immer geben, und darum gibt es auch Films mit
Doppelbesetzungen und sogar mit Teilen, die man auswechseln kann. Und
die Möglichkeit einer fortschreitenden Entwicklung muß auch vorhanden
sein. Diesem Zwecke dient eben die Institution der Probeaufnahmen, die
zunächst bei jedem Versuche gemacht werden und auf Grund deren dann erst
die Hauptfilms revidiert und eventuell neu zusammengestellt oder neu
angefertigt werden.«
»Da geht man also gar nicht mehr ins Theater, sondern macht alles bei
Telephon und Teloskop oder wie Ihr das Ding nennt, zu Hause ab.«
»In das Theater gehen wir schon auch noch. Aber nur mehr zu den
Premieren.«
»Mich wundert nur, daß Ihr nicht die auch noch zu Hause absolviert.«
»Ja, lieber Onkel, das geht freilich nicht. Da kämen wir ja um das
Hauptvergnügen, das eine Premiere gewährt.«
»Ihr genießt doch das Stück des Dichters und die Darstellung des
Künstlers in Eurem eigenen Fauteuil auch sonst genau so wie auf dem
Theatersitz. Und Zischen und Applaudieren könnt Ihr ja zu Hause auch
ganz vernehmlich.«
»Ja, aber nach den Premieren wird sehr oft gerauft, und so weit sind wir
doch noch nicht, daß man auch die Prügeleien in absentia auf
elektrischem Wege vornehmen kann.«
»Also, da muß ich Dir gleich sagen, um das Raufen ist es mir nicht, aber
ich will zu einer Premiere gehen. Ich will wirkliche Menschen im Theater
haben. Auf der Bühne und im Zuschauerraum auch. Wie lange braucht man
nach Wien? Für heute ist es natürlich schon zu spät.«
»Zu spät vielleicht noch nicht, denn man reist jetzt wirklich
außerordentlich schnell in den pneumatischen Caissons -- aber, obwohl
heute Premierentag wäre, ist doch heute keine Premiere. In Wien nicht,
in Berlin nicht, in München nicht.«
»Warum denn nicht? Ist etwas geschehen?«
»Ein großer Fackelzug aller Schauspieler ist heute, weil die
Volksvertretung in die erste Lesung des Theatergesetzentwurfes über die
»Rechte der Schauspieler« eingetreten ist, den Ihr seinerzeit
ausgearbeitet habt . . .«
* * * * *
»Nun, wie steht es?« fragte draußen teilnahmsvoll die Typewriterin den
Arzt, der eben aus dem Zimmer heraustrat.
»Aussichtslos«, sagte dieser. »Er bildet sich ein, er habe hundert Jahre
in einer Kühlkammer in künstlicher Erstarrung gelegen, wir schrieben
jetzt 2009 und er sei eben erwacht. Mich hält er für seinen Neffen, und
jetzt will er sich von seinem Schreibzimmer aus eine Theatervorstellung
ansehen. Verrückt. Total verrückt.«
»Er hat seit Wochen nichts getan als gelesen. Alle Stücke, die im Laufe
des letzten Jahres erschienen sind . . .«
»Ja, das hält freilich kein Mensch aus. Da muß einer wahnsinnig werden.
Mich wundert da nur, daß er nicht geradezu tobsüchtig geworden ist.«
Dr. Wilhelm Kienzl.
Die Musik in 100 Jahren.
Eine überflüssige Betrachtung.
Die Musik in hundert Jahren.
Eine überflüssige Betrachtung von Dr. Wilhelm Kienzl.
Mein Lebtag war ich ein sehr mäßiger Trinker: täglich abends ein halbes
Liter Bier, ab und zu beim Mittagessen ein bescheidenes Gläschen Wein
und bei seltenen feierlichen Anlässen ein paar Glas Sekt, das ist alles,
was ich trinke. Niemand darf mich daher als einen Alkoholiker
bezeichnen. Beleidigt aber würde ich mich fühlen, wenn man mich einen
Antialkoholiker nennen würde; denn ich halte es mit meiner Menschenwürde
für unvereinbar, einer Sekte anzugehören, in der mein freier Wille
geknebelt und mir die Möglichkeit genommen wird, heute oder morgen, wenn
ich mich dazu gerade in Stimmung fühle, ein Gläschen mehr zu trinken als
gewöhnlich; weiß ich doch selbst am besten, wann ich genug habe und was
mir bekommt oder schadet. Allen Gottesgaben soll man zugänglich sein,
sich jedoch auch durch Mäßigkeit als ihres Genusses würdig erweisen. Mit
dieser schönen Einleitung will ich nur andeuten, daß ich auch hier und
da in eine Kneipe gehe, und zwar am liebsten mit Künstlern, weil es da
anregende Kontroversen, kleine geistige Schlachten gibt, die an
Temperament gewinnen, wenn sie mit einem guten Tropfen begossen werden.
Am wohlsten fühle ich mich in Gesellschaft von Vertretern anderer
Künste, also mit Dichtern, Malern, Bildhauern. Der Bogen des Gespräches
ist da naturgemäß ein weiter gespannter, der Unterhaltungsstoff ein
allgemeinerer. Es gibt Anlaß zu Vergleichen, und man kann auch was
lernen. Vor allem ist jede Fachsimpelei ausgeschlossen. Immer einmal
kommt es aber doch vor, daß ich mit Musikern beisammensitze. Und ein bei
solcher Gelegenheit geführtes Gespräch möchte ich hier gern dem Leser
aus der Erinnerung wiedergeben.
Ein kühnes Sensationswerk neuesten Datums war natürlich der
Ausgangspunkt der Unterhaltung. Die Meinungen krachten aneinander: ^tot
capita, tot sensus^. »Wenn das so weiter geht, wohin kommen wir da?«
Diese triviale, heute von jedem fortschrittsfeindlichen Banausen
gebrauchte rethorische Frage entschlüpfte dem Organisten Zunftmaier, und
der Komponist Schusterfleck, ein großer Anhänger des eben Genannten,
fiel nach der ersten Silbe des vierten Wortes wie bei einem Kanon im
Einklang mit derselben Frage ein; nur veränderte er, um einigermaßen
selbständig zu erscheinen, die letzten Worte in »Wohin soll das führen?«
--
»Wohin das führen soll?« schrie Musikdirektor Futurius den Organisten
an; dabei färbte sich das Gesicht des zu Kongestionen geneigten,
ungemein lebhaften Mannes blutrot bis über die Stirne, und sein überaus
reiches, aber dünnes Haar sträubte sich Ibsen-artig in die Höhe. »Wohin
das führen soll? -- Dorthin, wo eigentlich erst die Musik anfängt!
Beethoven, Wagner sind ja nur Vorbereiter für den Messias, der uns noch
kommen wird, und der Erste, der es unternimmt, die Musik aus den
unwürdigen Fesseln des durchgeführten Rhythmus und der Melodie zu
befreien, ist der Schöpfer der »Salome« und »Elektra«. Aber auch in
diesen Werken erblicke ich nur die ersten schüchternen Versuche, die bis
nun in spanische Stiefel eingeschnürte Tonkunst in das uferlose
Fahrwasser zu lotsen, in dem der Phantasie eines großen Tonsetzers
keinerlei Hemmung mehr bereitet wird.«
»Hackt davon erst die Regeln auf!« warf mit taschenspielerartiger
Behendigkeit der sich auf seine fortschrittliche musikalische Gesinnung
viel zu gute tuende, als Komponist instruktiver Sonatinen beliebte
Musiklehrer, Professor Quintus Octavius ein. Futurius, der ihm erst
wegen der kecken Unterbrechung seines Redestromes einen wütenden Blick
zugeworfen hatte, lächelte ihm nun verständnisvoll beistimmend zu, um
sich sogleich wieder zu neuen Gedankenblitzen zu sammeln, die er mit
prophetischer Miene in die kleine Musikantengesellschaft schleuderte:
»Wißt Ihr, wie es mit unserer Kunst in hundert Jahren aussehen wird?
Nun, wenn nicht, so will ich Euch eine kurze Skizze davon entwerfen;
denn ich schmeichle mir, Weitblick zu haben und aus dem heutigen
Entwicklungsstadium und seinen Triebkräften sichere Syllogismen bilden
zu können, die den Zustand unserer Kunst zu Beginn des einundzwanzigsten
Jahrhunderts mit photographischer Treue darstellen. Also merkt auf!«
Alle räusperten sich. Der Gesanglehrer Brüllhofer, der sich bis dahin
ganz passiv verhalten hatte, ließ sich, um die Ausführungen des
Musikdirektors nicht zu unterbrechen, rasch eine Flasche Traminer geben,
welchem Beispiele Zunftmaier und aus treuer Anhänglichkeit gegen diesen
auch Schusterfleck sogleich folgten, während die übrigen mit »Stoff«
noch reichlich versorgt waren.
»In hundert Jahren« -- setzte Futurius mit feierlicher Miene ein --
»wird man von unseren großen Klassikern und Romantikern der Musik kaum
mehr etwas kennen. Nur in der Musikgeschichte werden die Schüler der
Mittelschulen -- denn in ihnen wird dieses Fach längst als obligat
eingeführt sein -- über das Leben und Schaffen eines Bach, Händel,
Gluck, Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Schubert und Schumann
unterrichtet werden, ohne daß sie eine lebendige Vorstellung von deren
Werken empfangen, da bis dahin _unser Tonsystem auf eine völlig
veränderte Grundlage gestellt sein wird_, so daß man eine Musik, die
sich im Gebiete des temperierten Tonsystems bewegt, ganz und gar fremd
und unverständlich finden wird. Die gesamte musikalische Literatur
unserer Tage wird, weil hierdurch wertlos geworden, vernichtet, die
großartigen Gesamtausgaben des Breitkopf & Härtelschen Weltverlags,
diese bewundernswerten Zeugnisse deutschen Fleißes und Idealismus werden
aus dem Handel gezogen sein, da natürlich niemand eine unverständlich
gewordene Musik mehr kaufen würde. Nur in den wissenschaftlichen
Bibliotheken wird man einzelne Exemplare der vormals vielbewunderten
Meisterwerke aufbewahren, und Privatgelehrte werden von anderen um den
Besitz solcher wertvoller, weil selten gewordener Drucke beneidet
werden. Die Musikforscher des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden die
Tonwerke der genannten Großmeister mit vielem Fleiße zu entziffern
versuchen, etwa wie heute jene Gelehrten, die sich mit der Entzifferung
ägyptischer Hieroglyphen, Runen und griechischer Tonzeichen plagen, und
werden die berühmtesten unter ihnen vergeblich in die Tonsprache und
Klangwelt ihrer Gegenwart zu übertragen sich bemühen, wie dies in
unserer Zeit mit Pindars Apollo-Hymne, der Melodie zu Homers
Demeter-Hymne und den Hymnen des Dionysios und Mesomedes mit höchst
zweifelhaftem Erfolge geschehen ist. In den Schulen wird man daher auch
im Fache der Musikgeschichte den Studierenden nichts anderes als eine
Anhäufung und stete nutzlose Vermehrung trockenen Wissensstoffes von
Namen und Zahlen (ähnlich wie heute in der Weltgeschichte und
Geographie) zumuten, die lediglich den Zweck haben wird, das Gehirn zu
quälen, in dem die Herrlichkeiten unserer heutigen Musik keine anderen
Spuren hinterlassen werden, als die Namen, Geburts- und Sterbedaten der
großen Tonmeister vergangener Jahrhunderte und die Titel, Opuszahlen und
unverständlich gewordenen Benennungen der »alten« Tonarten ihrer Werke,
deren schön gestochene Exemplare in Käsehandlungen ein unwürdiges Dasein
fristen werden. An den Denkmälern der Meister aber werden mit stumpfen,
gleichgültigen Blicken die »gebildeten« Menschen vorübergehen, die einst
gezwungen waren, die Namen der in ihnen dargestellten Originale
auswendig zu lernen.«
»Soweit wird es nie kommen. Das ist unmöglich!« warf Zunftmaier mit
Entrüstung ein, und aus Schusterflecks Munde hallte es sekundierend wie
ein dumpfes Echo: »Unmöglich!«
Brüllhofer aber, der immer sehr leise spricht (daher sein Name) wendete
mit unverständlicher Bescheidenheit, wie sie sonst nur subalternen
Individuen eigen ist, ein: »Wieso, Herr Musikdirektor? Wie wollen Sie
die Vorhersage einer so unendlich traurigen Umwälzung motivieren?«
»Ganz einfach!« fuhr Futurius in der ihm eigenen Ekstase fort, »Richard
Laufvogel hat in einer seiner Opern wiederholt zwei nicht verwandte
Tonarten gleichzeitig erklingen lassen, in einer anderen Oper sogar
drei. Ein jüngerer hochangesehener lebender Meister mit dem
kabbalistischen Namen, der von vorn ausgesprochen ebenso klingt wie von
rückwärts, welches Phänomen bornierte Menschen auch als auf seine Musik
anwendbar erklären (»^nomen est omen^«) verachtet in einigen seiner
Werke, beispielsweise in einer Violinsonate, die auf dem Titelblatt ohne
jede äußere Veranlassung die Bezeichnung »in C-Dur« mit sich führt, die
Tonalität in so auffälliger Weise, daß er ohne Unterlaß moduliert, was
die Themen schon bei ihrem ersten Auftreten mitmachen, so daß es
Reaktionäre als durchaus nicht verwunderlich bezeichnen, wenn Spieler
und Zuhörer während des Vortrages von dem ruhelosen Geschaukel seekrank
würden. Derselbe Meister hat einstimmige »Gesänge« geschrieben (die sich
nur deshalb so nennen, weil sie heute niemand singen kann), in denen
jeder Ton der Singstimme von einer nur ihm allein zugehörigen Harmonie
begleitet wird, so daß es einem vor den Augen flimmert, wenn man in die
Noten zu gucken so unvorsichtig ist, weil vor jeder Note ein
Versetzungszeichen steht. In einem Städtchen Deutschlands lebt verkannt
der Schöpfer der »Myriomorphoskopfuge« und in Wien erfreut sich der
Komponist Schiechthaler einer großen Anhängerschaft, weil er es
versteht, vier Stimmen eines Quartettes von einander derart zu
emanzipieren, daß sich jüngst ein Mäcen veranlaßt sah, einen hohen Preis
für denjenigen auszusetzen, dem es gelänge, auch nur eine einzige
Konsonanz in einem seiner Werke nachzuweisen.[8] Bei einem der letzten
Tonkünstlerfeste wurde ein umfangreiches Werk von dem Komponisten
Delirius aufgeführt, in dem nicht nur der Melodie und dem
architektonischen Rhythmus offenkundig der Krieg erklärt, sondern auch
die Zerstörung aller Vorurteile der bisherigen Tonsetzkunst besorgt
wird, um alles dem fessellosen Fluge der Phantasie zu opfern, die hier
lediglich dem Koloristischen zustrebt. Und in Frankreich unternimmt es
ein gewisser Rebusy mit viel Erfolg, die natürlichen Urgesetze der
Musik, die bisher allem aus der Natur Entsprossenen, also auch der
Kunst, zur unentbehrlichen Grundlage gedient haben, aufzuheben, indem er
die Gegenbewegung perhorresziert und die gerade Bewegung der Stimme zum
Prinzip seiner Musik macht, offenbar dazu ermutigt von dem italienischen
Komponisten Butzemann (»didum, didum, bidi, bidi, bum, der Kaiser
schlägt die Trumm«), dessen Lieblingsausdrucksmittel nackte
Quinten-Parallelen sind, die er in seinen Opern vor, bei und nach
Hinrichtungen, zu denen er jetzt einzig noch Musik macht, anwendet (was
ihn jedoch nicht hindert, sie auch bei heiteren Boulevardszenen zu
verwenden), welches Mittel man übrigens als recht bescheiden bezeichnen
darf, wenn es auch nicht nach jedermanns Geschmack ist.« Octavius
Quintus macht hier eine zustimmende Kopfbewegung. »Ihr seht also, daß
wir, nach den Proben, die ich hier gegeben habe, innerhalb der Grenzen
des temperierten Tonsystems kaum mehr auf noch nicht ausgenützte
Ausdrucksmöglichkeiten rechnen können. Ihr seht, daß unsere Weisheit zu
Ende ist, daß wir also auf eine völlige Umgestaltung des Bestehenden
bedacht sein müssen, wenn wir das Schaffen nicht für immerwährende
Zeiten unterbinden wollen. So wie einst die Diatonik nicht mehr
ausreichte, und man sich endlich der Chromatik bedingungslos ergeben
hat, so erkennen wir heute, daß auch diese längst für unsere unendlich
verfeinerten Nerven zu roh geworden ist, so daß uns selbst alle
Trugkünste der Enharmonik nichts mehr frommen können. Da wir aber in
unserem temperierten Halb- und Ganztonsystem keine Zwischentöne haben,
so müssen wir Vierteltöne einfügen, das heißt aber so viel, wie mit dem
Bestehenden brechen.«
[Fußnote 8: Der Verleger des jüngsten Quartetts Schiechthalers
annonciert, daß die Stimmen auch einzeln abgegeben werden.]
Der Wein tat in den Köpfen der nervösen Musikmenschen bereits seine
Schuldigkeit, und das Feuer, mit dem Futurius seiner Ueberzeugung
Ausdruck gab, entzündete den Weingeist in diesen Gehirnen, so daß es wie
ein Schuß klang, als alle, außer mir, einstimmig das letzte Wort des
Musikdirektors nachbrüllten, obwohl sie durchaus nicht alle seiner
Meinung waren. »Brechen!« schallte es wie der präzise Fortissimo-Einsatz
eines mächtigen Männerchors, und selbst der kanonische Schusterfleck
fiel diesmal gleichzeitig mit den anderen ein.
»Siegfrieds Schwert muß erst ganz in Späne zerfeilt werden, bevor es in
neue Form gegossen wird,« fuhr Futurius mit Begeisterung fort. »Damit
uns der Ruhm der Reform unserer Kunst zuteil wird, mache ich Euch den
Vorschlag, gleich heute darüber _abzustimmen_, ob das _griechische
Tonsystem_ -- denn nur dieses hat die Eignung, unseren Komponisten die
erforderliche Anzahl von Tönen in der Oktave zu bieten -- schon von
heute ab wieder eingeführt werden solle oder nicht.«
Bei diesen Worten entfuhr dem lobesamen Zunftmaier, der von der
griechischen Musik so wenig wußte, wie ein Eichkätzchen von Logarithmen,
und der schon lange auf den Moment gewartet hatte, in dem er, der brave
Hüter uralter Tradition auf der Orgel, seinen Groll gegen den ebenso
hochgebildeten als ungestümen Modernisten Futurius loslassen konnte, das
Wort »Reaktionär«. -- »Doch dem war kaum das Wort entfahren, möcht' er's
im Busen gern bewahren.« Zu spät: Futurius maß ihn so lange mit einem
durchbohrenden Blicke, als es sein unruhiges Temperament aushielt.
Zunftmaier blickte verlegen in sein Glas, doch Futurius würdigte ihn
keines Wortes, zuckte nur verächtlich mit den Achseln und, sprach
unbeirrt weiter: »Die Griechen hatten bekanntlich keine Harmonie. Da
Pythagoras und Aristoxenus die Terz und Sext, unsere wohlklingendsten
Intervalle, nach ihren physikalischen Berechnungen für Dissonanzen
erklärt hatten, konnte bei den Griechen keine Harmonie in unserem Sinne
entstehen. Diese war erst dem temperierten System vorbehalten. Heute
aber, wo man der ewigen Konsonanz müde geworden, so daß man es sogar
möglichst vermeidet, Dissonanzen aufzulösen, steht es anders. Wir können
nun unbedenklich das reichere und feinere Tonsystem der Griechen uns
aneignen und es mit unserer vielgestaltigen modernen Harmonik
_vereinigen_, so daß endlich die Dissonanz und die einen erschöpfenden
Ausdruck unseres Innenlebens erst ermöglichende Kakophonie zu ihrem
vollen Rechte kommen kann. Durch diese radikale Umwälzung erreichen wir
erst das ideale Ziel, _daß schließlich eine Auflösung der Dissonanz
überhaupt unmöglich gemacht wird_. Indem ich mir vorbehalte, Euch ein
andermal die aus dieser Neuerung noch weiter sich ergebenden
grenzenlosen Möglichkeiten, wie es beispielsweise die riesenhafte
Vermehrung »harmonischer« Kombinationen, die ins Unendliche gesteigerte
Emanzipation kontrapunktierender Stimmen von einander und die
Abschaffung des heute schon veralteten Melodiebegriffes sind, zu
demonstrieren, erhebe ich mein Glas auf den Triumph der in Zukunft
_allein gültigen Dissonanz_. Sie lebe hoch!«
Keiner wagte es, sich dieser unverkennbaren Aufforderung, in das Lob der
alleinseligmachenden Dissonanz einzustimmen, direkt zu widersetzen, und
so erhob denn jeder mehr oder minder hoch sein Glas, um sich für den
Fall, daß Futurius mit seiner kühnen Vorhersage etwa doch Recht behalten
sollte, nicht das Stigma einer unsterblichen Blamage aufzudrücken. Nur
ich entzog mich der peinlichen Situation, indem ich mich im
entscheidenden Augenblick unter den Tisch verkroch, als wenn ich meinen
mir entfallenen Klemmer rasch aufheben wollte, damit nicht etwa seine
Gläser zertreten würden. Als es aber wirklich zu der von Futurius in
Vorschlag gebrachten Abstimmung kam, die Zunftmaier wohlweislich
»geheim« verlangte, blieb der Antragsteller in der Minorität. Direktor
Futurius setzte sich jedoch mit einer nicht mißzuverstehenden
selbstbewußten Miene über das klägliche Abstimmungsergebnis hinweg und
brummte unwillig in seinen Bart hinein: »Und sie bewegt sich doch!«
Octavius Quintus, der Fortschrittler, war nun begierig zu erfahren, was
für sonstige Umwälzungen und Entwicklungen die Musik nach hundert Jahren
erfahren haben werde und drang in Futurius, doch auch noch diese bisher
unterdrückten Weissagungen zum besten zu geben. Dieser, geschmeichelt
durch das ihm entgegengebrachte Interesse, schickte sich sogleich an,
seine Darlegungen zu ergänzen. Er sprach:
»Hand in Hand mit der Vermehrung der Töne wird natürlich auch eine
solche der Orchestermittel gehen. Man wird einst auf unsere heutigen
Partituren, z. B. auf die von Richard Laufvogel, mit Lächeln blicken,
weil sie so wenig Stimmen enthalten, aber auch mit Verwunderung, daß der
genannte Tonsetzer mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln -- wie man
liest -- so gewaltige äußere Wirkungen zu erzielen verstanden hat. Mit
noch größerem Staunen aber wird der Musikhistoriker in unseren heutigen
Zeitschriften lesen, daß man diesen Komponisten eine nur geringe
Vermehrung der Instrumente und die Forderung von lumpigen 117
Orchestermusikern als Unmäßigkeit, Uebermut und Anmaßung ausgelegt hat;
denn im Jahre 2009 wird das Orchester nicht aus 100, sondern aus
300--500 Musikern bestehen, und eine Partitur wird statt 40--50 etwa
80--100 obligate Stimmen enthalten, so daß die Höhe einer Partiturseite
nicht mehr, wie heute, 35--40, sondern 70--80 Zentimeter messen wird.«
Octavius Quintus wendete ein: »Wie soll denn ein Dirigent so viel
überblicken können? Eine solche Vermehrung der Musiker würde ja auch die
Erfindung vieler neuer Instrumente, die Vergrößerung der Orchesterräume
und -Podien und damit auch der Theater- und Konzertsäle ins Monströse,
aber auch das entsprechende Anwachsen der Veranstaltungskosten und somit
auch der Eintrittspreise hervorrufen. Das alles kann ich mir gar nicht
vorstellen.« Aehnliches wendete auch Brüllhofer ein, aber so leise, daß
es Futurius kaum hören konnte. Dieser aber entgegnete dem Einwurfe des
Professors Quintus wie folgt: »Wissen Sie denn nicht, daß man schon im
grauesten Altertum Orchester von ganz anderer Größe hatte? Bei der
Einweihung des Salomonischen Tempels spielten nach der Bibel (2.
Chronica 5, 12--13) sämtliche levitische Musiker, Assaph, Heman und
Jedithum, mit ihren Söhnen und Brüdern auf Kastagnetten, Harfen und
Zithern, und 120 Priester bliesen gleichzeitig auf Trompeten, Meziloth
und Sangwerkzeuge« »Dank und Lob dem Ewigen«. Und in Josephus'
»Jüdischer Historie« (2. Kap., 8. Buch) heißt es: »Der Trompeten und
Posaunen, wie sie Moses zu machen befohlen hatte, waren 200000. Für die
Leviten, die geistliche Lieder singen sollten, ließ er 20000 Röcke von
der kostbarsten Seide fertigen. Er ließ auch 40000 Saiteninstrumente,
wie Harfen und Psalter, aus köstlichem Kupfer machen.« Wie armselig
nehmen sich dagegen doch die 8 Hörner, 5 Trompeten, 3 Posaunen und 2
Tuben im »Heldenleben« aus! Warum sollte eine solche Zeit nicht
wiederkommen? Sind wir doch auf dem besten Wege dazu. Auch neue
Instrumente wird man erfinden, von denen jedes einzelne den Tonumfang
der ganzen Gattung aufweist, so daß kein Zweifel in der Tonfarbe, wie er
beispielsweise zwischen Fagott und Oboë besteht, mehr möglich ist. Man
wird Baßflöten und Diskantfagotte, 12saitige Universal-Geigen und
Sopran-Pauken konstruieren und verwenden, von den ins Ungeheuerliche
gesteigerten Detonationen und hypercharakteristischen Geräuschen der
Schlag- und Lärminstrumente gar nicht zu reden, deren heute schon
hochentwickelte Vielfältigkeit u. a. noch durch Kanonen,
Dynamit-Explosions- und Erdbeben-Einsturz-Maschinen erhöht werden wird.«
»Halten Sie ein, Herr Direktor, mir schwindelt,« schrie Zunftmaier
plötzlich laut auf. »Mir wird übel!« fügte Schusterfleck sogleich bei.
Und Brüllhofer richtete im zartesten Pianissimo die schüchterne Frage,
die für seine singenden Nachfolger nichts weniger als eine Existenzfrage
bedeutet: »Und wie werden sich denn mit Verlaub die Sänger hörbar
machen, die zu solch einem Monsterorchester zu singen verurteilt sind?«
»Sehr einfach,« erwiderte Futurius; »es wird kein Solo mehr von einem
einzigen Sänger gesungen werden wie heute, sondern im Unisono von
12--20, nötigenfalls auch von 50--100 Sängern der gleichen
Stimmgattung.«
Brüllhofer atmete beruhigt auf, tat einen langen Zug aus seinem
Glase, dachte aber bei sich im Stillen: Damit wäre ja jede
Sänger-Individualität vernichtet. Es auszusprechen, hatte er angesichts
der außerordentlichen Erregung, die sich des prophetischen
Musikdirektors bemächtigt hatte, durchaus nicht gewagt.
»Begreift Ihr nun,« sagte Futurius, »daß angesichts so ungemeiner
Umwälzungen unsere gesamte musikalische Literatur von heute eingestampft
werden muß?«
Selbst Zunftmaier und Schusterfleck, die sich am skeptischsten verhalten
hatten, waren von den mit hinreißender Beredtsamkeit vorgebrachten
Darlegungen des Direktors überzeugt worden, und das um so inniger, je
stattlicher sich die Batterie der geleerten Flaschen auf dem
Eichentische, um den herum wir saßen, ausnahm.
Nur ich unterlag seiner Suada nicht; ich war nicht ganz wohl gewesen und
hatte daher fast nichts getrunken. So war ich nüchtern geblieben. Ganz
gegen meine Gewohnheit ließ ich an diesem Abend alle Reden an meinem Ohr
vorübergleiten, ohne auch nur ein Sterbenswörtlein zu reden. Um so
williger gönnte man mir das Wort, als ich um 2 Uhr nachts mich endlich
dazu meldete. Hatten sich die Fünf vorher über mein ungewöhnliches
Stillschweigen baß gewundert, so waren sie jetzt um so gespannter auf
das, was ich vorbringen würde.
»Darf ich nun auch _meine_ bescheidene Meinung darüber sagen, was für
ein Gesicht unsere geliebte Tonkunst in hundert Jahren haben wird?«
»Gewiß, gewiß!« klang es von den Lippen meiner Kollegen.
»Nun denn« -- hub ich an -- »ich glaube, daß wir derzeit bereits auf
jenem Punkte angelangt, über den hinaus man nicht mehr gehen kann.
Unsere Ausdrucksmittel sind schon aufs äußerste gesteigert, so daß das,
was unsere Tonsetzer zu sagen haben, in einem starken Mißverhältnisse zu
dem großsprecherischen Tone steht, den anzuschlagen sie durch die
Anwendung dieser Mittel unwillkürlich gezwungen sind. Unendlich viele
Ausdrucksmöglichkeiten, wenig ernstliches Ausdrucksbedürfnis, viel
Technik und Witz, wenig Naivität und Herz offenbart sich heute in
unserer Kunst. Glänzende Aeußerlichkeiten haben die Aufgabe, über den
Mangel an Innerlichkeit hinwegzutäuschen. Und das Publikum läßt sich
dadurch täuschen (»^mundus vult decipi^«). In unserem temperierten
Tonsystem wäre sicherlich noch so viel zu sagen, daß wir je weder ein
ganz altes noch ein ganz neues brauchen werden. Mit Anstrengung all
meiner Phantasie hätte ich vor hundert Jahren keinen extravaganteren
Zustand der Musik vorauszusagen vermocht, als er heute besteht. Da ich
aber als Idealist an dem guten Genius der Menschheit nicht verzweifeln
kann, so glaube ich fest an die Wiederkehr eines goldenen Zeitalters der
Musik. Je tiefer wir heute sinken, desto höher werden wir uns dann
erheben. Mit gesteigerter Sittlichkeit wird auch unser Bedürfnis nach
echter Kunst Schritt halten: »Der Menschheit Würde ist in eure Hand
gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich
heben!« Möchten doch alle Künstler dieses an sie gerichtete Wort
Schillers innig beherzigen! Nicht mit dem Kopfe werden sie dann
schaffen, nicht mit und aus Spekulation, sondern mit der Seele wie
ehedem. Dann wird die Musik wieder einfach werden wie die aller unserer
Großen von Palestrina bis Wagner. Und so ersehe ich denn die Musik am
Beginne des 21. Jahrhunderts also: Unser Tonsystem bleibt erhalten; denn
wahre _Individualitäten_ werden in seinem Bezirke immer Neues und
Eigenes zu sagen wissen, und _Berufene_ haben es nicht nötig, neue
Systeme künstlich zu konstruieren. Die Tonsetzer werden wieder
_Erfinder_ sein. Sie werden nicht mit ihren Künsten den Verstand
fesseln, sondern mit ihrer Kunst das Herz ergreifen. Mit der
wiederkehrenden Einfachheit wird das Volkslied eine neue reiche Blüte
erleben. Auf die Unsterblichkeit unserer Kunst erhebe ich mein Glas!«
Ich wollte anstoßen mit Zunftmaier, Quintus, Schusterfleck, Brüllhofer,
doch siehe: alle waren sie während meiner kurzen Rede -- eingeschlafen.
Futurius aber hatte bei meinen ersten Worten den Hut genommen und war
entrüstet davongeeilt. Den Mantel hatte er im Eifer zurückgelassen, und
draußen war es kalter Winter! -- -- -- -- -- --
Seit jenem Abende war ich nicht mehr in der Kneipe gewesen. Es sind fünf
Jahre seither verstrichen. Herr Direktor Futurius aber, der mir
wiederholt begegnet, grüßt mich nicht mehr. Ich tröste mich darüber;
denn vorläufig sind noch keine Anzeichen dafür vorhanden, daß seine
Prognose sich je bestätigen werde.
Dr. Everard Hustler.
Das Jahrhundert des Radiums.
Das Jahrhundert des Radiums.
Von Professor Dr. Everard Hustler.