Soweit kann die Soziologie mit einiger Sicherheit sprechen. Aber es ist
zunächst nur eine soziale Wahrscheinlichkeitsrechnung. Denn ob es nun
genau dahin kommen wird, hängt von vielen mitwirkenden Faktoren ab, die
sich nicht mit mathematischer Sicherheit vorausbestimmen lassen. Greifen
wir einen davon heraus: die Gestaltung der Dinge in der
_Landwirtschaft_. Heute deckt die Landwirtschaft nur einen Teil des
Nahrungsbedarfs des deutschen Volkes. Der Mehrwert der Einfuhr solcher
landwirtschaftlichen Produkte, für welche die heimische Landwirtschaft
in Betracht kommt, über den Wert ihrer Ausfuhr belief sich im Jahrfünft
1903/1907 im Deutschen Reich auf weit über eine Milliarde Mark. Bei der
Bevölkerungszunahme, wie sie hier vorausgesetzt ist, müßte er in den
nächsten fünfundzwanzig Jahren eine solche Steigerung erfahren, daß es
als zweifelhaft betrachtet werden muß, ob das Ausland die Lieferung all
der in Frage kommenden Produkte ohne sehr erhebliche Preissteigerungen
wird fortsetzen wollen oder auch nur können. Denn andere Länder machen
eine ähnliche Entwicklung durch. In den Vereinigten Staaten von Amerika,
bis jetzt noch das Hauptgetreideland der Welt, nimmt die industrielle
Bevölkerung erheblich rascher zu, als die landwirtschaftliche
Bevölkerung, so daß die Getreideausfuhr schon jetzt im Abnehmen
begriffen ist und die Oekonomen die Zeit schon voraussehen, wo dieses
gewaltige Staatswesen Getreide, statt auszuführen, selbst einführen
wird. Die Ersatzgebiete der Getreideproduktion aber -- Kanada,
Argentinien usw. -- entwickeln sich nicht so schnell, wie man einst
annahm, und für alle diese Länder kommt die Zeit, wo der Boden nicht
mehr so willig Ernten hergibt, wie in den ersten Epochen der
Urbarmachung. Kurz, es ist ziemlich wahrscheinlich geworden, daß wir
einer Zeit höherer Weltmarktpreise für Getreide und ebenso für Vieh und
Viehprodukte entgegengehen. Je nachdem dies nun früher oder später
eintritt, ist eine starke Rückwirkung auf die deutsche Landwirtschaft zu
gewärtigen. Sie wird noch intensiver als bisher betrieben werden und
mehr Arbeitskräfte in Anspruch nehmen, teils als Landarbeiter, teils
aber auch als selbständig wirtschaftende Bauern. Eine Rückwanderung aufs
Land wäre damit nicht aus dem Bereich der Möglichkeit gerückt, und
jedenfalls würde die Abwanderung vom Land einen Stillstand erleiden.
Eine zweite Möglichkeit, die wir in Betracht zu ziehen haben, ist die
Verlangsamung des Bevölkerungszuwachses.
Zurzeit kann in Deutschland zwar von einer solchen noch nicht gesprochen
werden, die Bevölkerung des Deutschen Reiches nimmt nicht in allen
Jahren gleichmäßig zu, aber auf Jahre, die ein Nachlassen des Zuwachses
zeigen, sind andere mit einer erheblichen Steigerung der Zunahme
gefolgt. Unzweifelhaft ist jedoch die Abnahme der Geburtenziffer. Sie
ist von 4 Lebendgeborenen auf jedes 100 der Bevölkerung im Durchschnitt
der Jahre 1872/74 in fast ununterbrochenem Abstieg auf 3,31 vom Hundert
im Jahre 1906 zurückgegangen. Einstweilen wird dieser Rückgang durch die
_Abnahme der Sterblichkeitsziffer_ und die Zunahme der Einwanderung
ausgeglichen. Aber die Einwanderung steigt und fällt mit der
Beschäftigungsmöglichkeit, und die Abnahme der Sterblichkeitsziffer
allein kann, wie Frankreich und jetzt auch England zeigen, von einem
gewissen Punkt ab für die Abnahme der Geburten keinen Ersatz mehr
bieten. Nun ist es eine überall beobachtete Tatsache, daß die moderne
Großstadt auf diesen Punkt hintreibt. Für Berlin hat A. _Böckh_, der
verstorbene Direktor des städtischen statistischen Amts, wiederholt
nachgewiesen, daß seine Geburtenzahl _nicht einmal ausreicht, die
Bevölkerung auf ihrem Höhestand zu erhalten_, so daß, wenn kein Zuzug
von außerhalb stattfände, die Bevölkerung Berlins tatsächlich
zurückgehen würde. Die ganzen Lebensbedingungen der heutigen Großstädte,
vor allem die Wohnungsweise in den großen Etagenhäusern, wirken
der natürlichen, d. h. eben der durch Geburten bewirkten
Bevölkerungszunahme, im höchsten Grade entgegen. Je mehr also die
»Verstadtlichung« zunimmt, je dichter sich die Bevölkerung in großen
Städten zusammendrängt, um so mehr wird sich der Bevölkerungszuwachs
verlangsamen. Vom technischen Standpunkt aus mag die Zukunftsstadt »aus
Stein und Eisen« mit turmhohen Häusern und brückenartigen Galerien statt
der Straßen etwas Großartiges sein, für die Bevölkerungsentwicklung
bedeutete sie ein _Grab_: in die »Wolkenkratzer« gehören keine Kinder.
Man brauchte das Einführen von Kindern nicht erst zu verbieten, die
Bewohner würden ohnehin darauf verzichten.
Einstweilen aber haben wir die Tatsache der Abnahme der Geburten, und
auch sie wird, wenn sie andauert, die Wirkung haben, daß es zu dem rein
rechnerisch gefundenen fünffachen Ueberwiegen der Stadt über das Land
sobald nicht kommt. Dann wirken aber noch andere Kräfte gegen diese
Zuspitzung: Dezentralisations-Bewegungen aus hygienischen und
ästhetischen Rücksichten, bodenreformerische Maßregeln und dergleichen.
Sie sind heute erst in Ansätzen vorhanden, können aber bei Fortgang der
jetzigen Entwicklung größere Wirkungskraft erlangen.
Wenn indes die Zuspitzung in der extremen Form vermieden werden kann, so
ist sie doch insoweit als größte Wahrscheinlichkeit zu betrachten, als
sie erforderlich ist, um den Ideen der Arbeiterklasse steigenden Einfluß
zu verbürgen. Ein zunehmendes Ueberwiegen der Industrie und des großen
Betriebes in Industrie, Handel und Verkehr ist in unseren alten
Kulturländern unvermeidlich, sollen sie nicht vor den aufkommenden
Ländern die Segel streichen. Und damit ist auch das Ueberwiegen der
Arbeiterklasse verbunden, das zu einem stärkeren Durchdringen ihrer
Ideen im sozialen Leben führen muß.
Damit ist aber noch nicht gesagt, daß nun alles genau so kommen oder
genau die Form annehmen muß, die sich der eine oder andere heute als die
Verwirklichung der Ideen der Arbeiterklasse vorstellt. In der Anwendung
mag sich da vieles anders gestalten, als im Begriff, weil das Leben noch
andere Kräfte erzeugt, die Berücksichtigung verlangen und im Notfall
sich erzwingen.