Fünf große Berufsabteilungen unterscheidet die deutsche Reichsstatistik:
1. die _Landwirtschaft_ mit Gärtnerei, Forstwirtschaft, Fischerei; 2.
die _Industrie_ mit Bergbau und Baugewerbe; 3. den _Handel_
mit den Verkehrsgewerben; 4. die _häuslichen Dienste_ und
Gelegenheitslohnarbeit; 5. den _öffentlichen Dienst_ mit den »freien«
Berufsarten. Als Gruppe Nr. 6 kommt dann noch die der sogenannten
_Berufslosen_ (Rentner, Pensions- und Almosenempfänger, Schüler usw.)
hinzu. Von diesen sechs Abteilungen hat die fünfte -- öffentlicher
Dienst usw. -- fast im gleichen Verhältnis wie die Gesamtbevölkerung an
Köpfen zugenommen, die vierte -- häuslicher Dienst usw. -- ist im
Prozentsatz der Köpfe zurückgegangen, das Gleiche ist, wie wir gesehen
haben, bei Nr. 1, der _Landwirtschaft_, der Fall. Dagegen haben die
Abteilungen 2, 3 und 6 -- _Industrie_, _Handel_ und _Berufslose_ -- im
Verhältnis stärker zugenommen als die Bevölkerung. Nehmen wir das
gleiche Vierteljahrhundert von 1882 auf 1907, so vermehrten sich in
dieser Zeit in der Abteilung Industrie usw. die Erwerbstätigen von 6 2/5
auf 11 1/3 Millionen und die Berufsangehörigen (die Erwerbstätigen mit
ihren Angehörigen) von 16 auf 26 2/5 Millionen. In der Abteilung
_Handel_ und _Verkehr_ war der Zuwachs: Erwerbstätige von 1,6 auf 3,5
Millionen, Berufszugehörige von 4 1/2 auf 8 3/10 Millionen, und in der
Abteilung der »_Berufslosen_«: Erwerbstätige, d. h. Zins-, Renten- usw.
Empfänger, von 1,3 auf 3,4 Millionen und Berufszugehörige von 2,2 auf
5,2 Millionen.
Was geht aus diesen Zahlen hervor? Daß von den 16 1/2 Millionen
Menschen, um die sich das Deutsche Reich von 1882 bis auf 1907
vermehrte, _mehr als zwei Drittel_ der Industrie zugefallen sind. Ja, da
unter den »Berufslosen« ein großer Teil Rentiers sind, deren Vermögen
hauptsächlich in Aktien und Obligationen von Industrieunternehmen
besteht, sowie eine noch größere Zahl von Invaliden- und Altersrentnern
der Industrie, ist tatsächlich der Prozentsatz unseres Volkes, der aus
der Industrie sein Einkommen zieht, noch wesentlich größer. Und in der
Industrie wächst, wie wir gesehen haben, die Abteilung der Angestellten
und Lohnarbeiter unverhältnismäßig schneller als die Gesamtbevölkerung,
während die Zahl der selbständigen Unternehmer und Hausgewerbetreibenden
zurückgeht. 1882 kamen auf je 100 Lohnarbeiter noch gegen 45
Selbständige verschiedener Art, d. h. große, mittlere, kleine und
Zwerg-Unternehmer, 1895 waren es nur noch etwa 30, 1907 aber nur noch
20.
So nimmt mit dem Wachstum der Industrie die industrielle
Lohnarbeiterschaft einen immer größeren Raum in der Bevölkerung ein. Mit
ihren Angehörigen, sowie der ihr gleichgestellten und gleichartig
fühlenden Lohnarbeiterschaft in Handel und Verkehr samt Angehörigen
umfaßte sie 1907 gegen 23 Millionen Seelen. Diese Volksschichten machen
die große Mehrheit der städtischen Bevölkerung des Reiches aus, die sich
1905 auf gegen 35 Millionen Seelen belief. In den Städten, wo das
öffentliche Leben des Landes am lebhaftesten pulsiert, wo die großen
Fragen der Zeit am schärfsten erfaßt und erörtert werden, die Geister am
lebhaftesten auf einander platzen, hier tritt die Klasse der um Lohn
Arbeitenden immer stärker in den Vordergrund. Sie entfaltet sich in
wirtschaftlichen Kämpfen, die an Ausdehnung zunehmen, sie macht sich
durch die Wucht der Zahl im politischen Leben geltend, sie fällt auch
als Konsumentin immer stärker ins Gewicht. So schafft sie allmählich
eine _ganz neue öffentliche Meinung_. Je geschlossener sie auftritt, je
eindrucksvoller sie ihr Klassenempfinden offenbart, um so mehr spielt
das Gravitationsprinzip des sozialen Lebens zu ihren Gunsten, und von
den sozialen Schichten, die keine feste Klasse der Gesellschaft mit
bestimmten gesellschaftlichen Ideen und Interessen bilden, fühlen sich
immer mehr Elemente zu ihr hingezogen, stimmen sie bei Wahlen mit ihr
und sprechen sie ihre Sprache.
Alles das kann man heute fast mit Händen greifen. Eine ganze Fülle von
Erscheinungen im politischen und geschäftlichen Leben und Treiben, in
Literatur und Kunst legen Zeugnis davon ab. Und wenn die wirtschaftliche
Entwicklung weiterhin die geschilderte Bahn innehält, so kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß die politischen, wirtschaftlichen und
rechtlichen Ideen der Arbeiterklasse, die sich aus ihrer Klassenlage
ergeben, die volle Herrschaft in der Gesellschaft erlangen. Schon heute
kann die Durchdringung des Gesellschaftskörpers durch diese Ideen nur
durch Festhalten von Ungleichheiten in den Wahlsystemen und ähnliche
politische Mittel zurückgedämmt oder verlangsamt werden. Aber die
Gesetze der sozialen Entwicklung haben sich noch immer auf die Dauer als
stärker erwiesen als die politischen Gesetze. Die Wirtschaftspolitik des
Deutschen Reiches ist mit Ausnahme der wenigen Jahre der Kanzlerschaft
des Grafen Caprivi seit Anfang der achtziger Jahre überwiegend agrarisch
gewesen, sie hat es aber mit allen Liebesgaben an die Landwirte nicht
einmal durchzusetzen vermocht, daß die Landbevölkerung auf ihrem alten
Kopfbestand erhalten blieb. Das durch die Ungleichheit der Wahlkreise
bewirkte politische Vorrecht des platten Landes hat dessen
Ueberflügelung durch Industrie und Handel nicht verhindern können. Es
wird, wenn die Bedingungen des sozialen Lebens, welche diese Entwicklung
bewirkt haben, andauern, auch seine Beseitigung durch jene nicht
verhindern können.
Heute steht die Industrie und Handel verkörpernde Bevölkerung zur
landwirtschaftlichen Bevölkerung im Verhältnis von 2:1. Bei gleicher
Entwicklung würde in weiteren 25 Jahren das Verhältnis sich auf 4 1/2:1
stellen. Man braucht diese Zahl nur niederzuschreiben, um sich auch klar
zu werden, daß bei solcher Proportion das Privilegium der Landwirtschaft
eine Unmöglichkeit sein würde. Wenn auch nur durch das bloße Gewicht
ihrer Zahl würden Industrie und Handel sich ihr Recht erzwungen haben.
Der Sieg von Industrie und Handel aber würde, da alsdann das Verhältnis
der Klasse der Lohnarbeiter zur Klasse der Unternehmer sich auf über
10:1 stellen würde, gar nichts anderes heißen können, als der _Sieg der
sozialen Ideen der Arbeiterklasse_.