Und damit sind wir beim dritten Fundament alles sozialen Lebens
angelangt: zu den _Naturbedingungen_ und der _Technik_ tritt die
_menschliche Arbeit_ als bestimmende Kraft. Die Technik mit all ihren
großartigen Leistungen hat die menschliche Arbeit nicht nur _nicht
überflüssig_ gemacht, sie hat sie nicht einmal in merklichem Grade
_verringert_. Gewiß braucht für eine bestimmt abgegrenzte Leistung in
Produktion und Verkehr heute ein geringeres Quantum menschlicher Arbeit
aufgewendet zu werden, als ehedem, aber es wird auch dafür heute
unendlich mehr an Leistungen gebraucht. Man kann sich dies an der
_Zunahme der Arbeiter_ der sogenannten _extraktiven Industrien_
veranschaulichen, die das heute für die Industrie erfoderte
_Rohmaterial_ aus der Erde herausholen. Im jetzigen Gebiet des Deutschen
Reiches wurden im Jahre 1852 kaum 6 Millionen Tonnen Steinkohlen
produziert, 1882 waren es schon 52 Millionen, 1906 gar 137 Millionen
Tonnen, d. h. _einundzwanzig Mal_ mehr, als in der Mitte des 19.
Jahrhunderts. Nun ist zwar auch seitdem die Förderung pro Kopf des
beschäftigten Arbeiters infolge der großen Verbesserungen in den
Gewinnungsmethoden gestiegen, indes ist diese Zunahme doch nur eine
langsame, da immer tiefere Läger in Angriff genommen werden müssen. Und
so ist denn die Arbeiterschaft des deutschen Bergbaus zu einem
gewaltigen vielhunderttausendköpfigen Heer angewachsen. In Preußen
allein vermehrten sich in den zwölf Jahren von 1895 auf 1907 die
Erwerbstätigen im Kohlenbergbau von 286000 auf 547000, und im ganzen
Berg- und Hüttenwesen des Deutschen Reiches stieg die Zahl der
Beschäftigten in dieser Zeit von 568000 auf 963000, wenig unter einer
Million. Nahezu _eine Million Menschen_ im deutschen Berg- und
Hüttenbetrieb, und davon (Preußen mit Sachsen und Bayern) gut
sechsmalhunderttausend Menschen im Kohlenbergbau -- daran denken nur
wenige, wenn sie von dem »Wunderknopf« der Techniker hören, der das
Tischlein deck' Dich aus dem Märchen zur Wahrheit mache. Er macht es
heute nur für eine bevorzugte Minderheit dazu, und wird es aller
Voraussicht nach nie für alle verwirklichen. Je tiefere Gruben in
Angriff genommen werden, um so aufreibender wird auch die Arbeit in
ihnen, und um so höher die Gestehungskosten des Produkts, der Kohle. Wir
stehen schon jetzt steigenden Preisen gegenüber. So sehr die Preise mit
der Marktlage wechseln, ist die Grundtendenz doch eine Bewegung nach
oben. Im Jahre 1892 kostete die Tonne fetter westfälischer Förderkohle
ab Werk 7,3 Mk., sieben Jahre später -- 1899 -- 9 Mk., und weitere
sieben Jahre darauf -- 1906 -- 10 Mk. Im entsprechenden Grade sind die
anderen Kohlensorten und die meisten anderen Produkte der
Montanindustrie im Preis gestiegen. Dabei ist an Ersatz der Kohle als
_Quelle von Wärme_ und -- durch diese -- von _bewegender Kraft_
vorläufig nicht zu denken.
Alle Versuche, die Sonnenwärme mittels entsprechender Apparate zu
technischer Verwertung bezw. Aufspeicherung aufzufangen, sind bisher
fehlgeschlagen, und dasselbe gilt von den vielen Versuchen, die
ungeheuere Kraftleistung von Ebbe und Flut für technische Zwecke nutzbar
zu machen. Jene Versuche hatten zwar insofern Erfolg, als es gelang,
hier Sonnenwärme und dort Meereskraft so einzufangen, daß eine
Uebertragung möglich war -- rein technisch war die Lösbarkeit der
Aufgabe dargetan. Aber zugleich zeigte sich jedesmal, daß die _Kosten_
der Anlagen, des Betriebs und der Apparate den möglichen Nutzeffekt ganz
bedeutend überstiegen. Von einer _wirtschaftlichen Lösung_ des Problems,
die auf das soziale Leben zurückwirken könnte, scheinen wir noch ebenso
weit entfernt, wie vor fünfzig und hundert Jahren.
Inzwischen aber verbraucht die Menschheit von Jahr zu Jahr mehr
Steinkohle. Im Jahrfünft 1876/1880 wurden in Deutschland jährlich 850
Kilogramm Kohle pro Kopf der Bevölkerung verbraucht, 25 Jahre später, im
Jahrfünft 1901/05 waren es 1787 Kilogramm. Bei gleicher Steigerung
müßten es zu Anfang des 21. Jahrhunderts über 7000 Kilogramm pro Kopf
sein, und da man alsdann noch viel, viel tiefer würde graben müssen, als
heute, würden inzwischen die Kosten der Kohlen vielleicht auf eine Höhe
gestiegen sein, daß dann die Einfangung der Sonnenwärme und Meereskraft,
um es, in heutiger Sprache auszudrücken, doch »rentabel« erschiene. Aber
das Leben wäre dann eben _entsprechend teurer geworden_.
Wir treiben heute Raubbau mit den Schätzen der Erde. Wenn sich der
Verbrauch von _Kohle_ in einem Vierteljahrhundert in Deutschland
_verdoppelt_ hat, so hat sich in der gleichen Zeit der von _Eisen
verdreifacht_, der von _Kupfer versiebenfacht_. Es ist undenkbar, daß
nicht eines Tages darin wiederum eine _Verlangsamung_ oder sonst ein
_Stillstand_ einsetzen wird. Denn während gegenüber früheren Zeitaltern
die Produktivität der Arbeit in der Gewinnung und Ausnutzung der Erze
ungemein gestiegen ist, hat sie nunmehr einen Grad erreicht, der von der
Zukunft gleich große Fortschritte nicht erhoffen läßt. Wir müssen
vielmehr auch mit einer Verteuerung der Metalle rechnen. Ungeachtet der
großen technischen Umwälzungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
war in Deutschland im Jahrzehnt 1898/1907 der Preis des Doppelzentners
Roheisen, der 1851 5,58, 1861 6,18 war, 6,82 Mk. Und ähnlich -- meist
sogar noch schlimmer -- steht es mit den anderen Rohmaterialien, und
voraussichtlich auch mit einem Teil der Lebensmittel.
Alles das zeigt an, daß wir keinem Schlaraffenland entgegengehen. Die
Technik wird auch weiterhin dazu beitragen, das Leben reichhaltiger,
wechselvoller zu gestalten, das, was man den Stil des Lebens nennt, zu
erhöhen, aber gerade, _weil_ sie dies tut, ist es ziemlich zweifelhaft,
ob sie das Leben wesentlich _billiger_ machen, d. h. die Summe der zu
verrichtenden _Arbeit sehr verringern wird_.
Jedenfalls hat sie es bisher _nicht_ getan. Noch hat das melancholische
Wort John Stuart Mills in der Formulierung, die Karl Marx ihm gegeben
hat, wenig an Wahrheit verloren, daß es »zweifelhaft ist, ob die
Maschine die Arbeitskraft irgend eines jener Menschen verringert hat,
die nicht von der Arbeit anderer leben.« Die Maschine als Inbegriff der
Technik hat im Gegenteil die Klasse derer, die um Lohn arbeiten, sehr
_vermehrt_. Diese Klasse nimmt der Zahl nach stärker zu, als irgend eine
andere Klasse der Gesellschaft. Von 1895 auf 1907 vermehrte sich im
Deutschen Reich in _Industrie, Gewerbe und Bergbau_ die Zahl der
_Lohnarbeiter_ von rund 6 Millionen auf rund 8600000 oder _um über_ 44
_Prozent_, während die Bevölkerung sich nur um 19 Prozent vermehrte.
Noch stärker wuchs in der Abteilung _Handel und Verkehr_ die Klasse
derjenigen Angestellten, welche die offizielle Reichsstatistik als
_Arbeiter_ bezeichnet, weil ihre Bezahlung und soziale Stellung sich
nicht wesentlich von der der gewerblichen Arbeiter unterscheidet. Sie
vermehrte sich von 1233000 auf 1960000 oder um 58,9 Prozent. Insgesamt
bildeten diese beiden Schichten nahezu drei Viertel aller Erwerbstätigen
in Industrie, Bergbau, Handel und Verkehr zusammengenommen. Das sind
aber gerade diejenigen Erwerbszweige, denen sich in der Gegenwart die
übergroße Mehrheit der Erwerbsuchenden zuwenden. Zwischen 1895 und 1907
vermehrte sich das Deutsche Reich um gegen 10 Millionen Menschen, und
von diesem Zuwachs entfielen auf die vier bezeichneten Erwerbsgruppen
nahezu 3 1/2 Millionen, nämlich etwas über 4 Millionen Erwerbstätige mit
ihren Angehörigen.
Und das ist keine Ausnahme. Von Zählungsjahr zu Zählungsjahr zeigt sich
uns dasselbe Bild. Seit 1882 geht in Deutschland die landwirtschaftliche
Bevölkerung schrittweise zurück. Sie umfaßte in jenem Jahr etwa 19 1/4
Millionen Seelen, 1895 18 1/4 Millionen Seelen und 1907 nur noch 17 2/3
Millionen Seelen. Der große Bevölkerungszuwachs vom ersteren bis zum
letzteren Jahre, der zusammen über 16 1/2 Millionen Seelen betrug, ist,
bildlich gesprochen, über die Landwirtschaft hinweggerauscht, ohne ihr
auch nur eine Seele abzugeben, sondern hat vielmehr noch über anderthalb
Millionen von ihr mit sich hinweggenommen. Wo ist der ganze Zuwachs mit
den Ueberlaufern aus der Landwirtschaft geblieben? Eine kleine
Untersuchung dieser Frage wird uns einen Fingerzeig geben, in welcher
Richtungslinie sich das _soziale Leben_ bewegt, und wie wir uns daher
seine Zukunft vorzustellen haben.