1. Wovon die soziale Entwicklung abhängt.

Die Welt

in hundert

Jahren

Unter Mitwirkung von:

Hermann Bahr, Eduard Bernstein,

B. Björnson, Hofrat Max Burckhard,

Dora Dyx, Alexander von Gleichen-Rußwurm,

Professor Dr. Everard

Hustler, Baronin von Hutten, Ellen

Key, Dr. Wilhelm Kienzl, Cesare

Lombroso, Reg.-Rat Martin, Hudson

Maxim, Dr. Karl Peters, Prof. Garrett

P. Serviss, Robert Sloss, Jehan

van der Straaten, Bertha Baronin

von Suttner, Fred. Walworth Brown.

Herausgegeben von Arthur Brehmer.

Mit Illustrationen von Ernst Lübbert.

Verlagsanstalt Buntdruck G. m. b. H.

Berlin SW. 68.

Vorwort.

Seit je war es das grosse Sehnen der Menschheit, von der Zukunft den

Schleier zu heben und einen Blick in die Zeiten zu tun, die kommen

werden, wenn wir nicht mehr sind. Propheten und Seher sind uns

erstanden, falsche und echte; Träumer und Wisser. Männer, die selbst den

Keim mit gelegt haben zu dem, was werden wird, und die gestützt auf das,

was jetzt schon erreicht ist, und was uns die Jahrhunderte brachten, in

klarer, logischer, wissenschaftlich unanfechtbarer Folgerung, das Bild

der Welt zu entwerfen vermögen, das die kommenden Zeiten uns zeichnet.

Und dieses Bild ist so grosser Verheissungen voll, daß diese uns oft

anmuten gleich Märchen, und doch ist in unserer alles überholenden Zeit

vieles von dem, was uns am märchenhaftesten scheint, seit der kurzen

Spanne Zeit, die vergangen ist, seit es geschrieben, doch schon zur

Wahrheit geworden. Dadurch aber erhält das, was uns als in der Zukunft

liegend noch weiter geschildert wird, doppelten Wert.

Der Verlag.

Hudson Maxim.

Das 1000 jährige Reich der Maschinen.

Das 1000 jährige Reich der Maschinen.

Von Hudson Maxim.

Könnten wir durch den weiten Weltenraum mit einer ausreichend großen

Geschwindigkeit fliegen, so würden wir die Strahlen des von unserer Erde

vor tausend und abertausend Jahren ausgegangenen Lichtes überholen; und

hätten wir unendlich weitblickende Augen, so könnten wir, während wir

dahinfliegen, zurückschauen und könnten die ganze Geschichte unserer

Erde sich wieder vor unseren Augen abwickeln sehen. Wir würden den

Menschen wieder zu dem affenähnlichen Geschöpfe werden sehen und würden

schließlich sehen, wie er und alle andern lebenden Wesen wieder zu dem

Urtierchen wird, das in dem azoischen Meere mit aufging.

Was für eine Wunderwelt aber würde sich uns erst erschließen, könnten

wir uns auf ähnliche Weise Flügel nehmen und der Zukunft entgegeneilen,

um dem Menschen auf seiner aufstrebenden Bahn zu folgen, bis er den

Höhepunkt allen physischen, intellektuellen und ethischen Lebens

erreicht haben wird, von dem aus der dann auf uns, seine Vorfahren, mit

demselben staunenden Blick zurückschauen wird, der uns bewegt, wenn wir

die Spur unseres Aufstieges bis zu dem Ursprung des Menschen verfolgen.

Denn wenn wir der irdischen Entwicklung immer weiter und weiter

nachgehen würden, dann würden wir sehen, wie die Sonne sich nach und

nach abkühlt und wie sie ihr Licht verliert und es auch uns damit nimmt,

und wir würden das seltsame Schauspiel vor uns sehen, daß die

ausgetrocknete Erde gierig die Seen aufschluckt und aufsaugt, und daß

der Mensch wieder gezwungen wird, ein Höhlenbewohner zu werden, der

ebenso nach Wasser gräbt, wie wir jetzt nach Gold. Denn das Wasser wird

seltener und kostbarer sein als jetzt das Gold ist.

Ein Blick in die Zukunft.

Kein Mensch ist imstande, die Zukunft voraus zu verkünden, es sei denn,

daß er dies aus der Kenntnis der Gegenwart heraus tut -- dann aber muß

eben das, was er voraussagt, notgedrungen das ideelle Resultat sein, das

sich aus den gegenwärtigen Strömungen, Errungenschaften und

Entwicklungsphasen ergibt. Es kann naturgemäß keine Wirkung ohne Ursache

geben, und widerum keine Ursache, die nicht an sich wieder eine Wirkung

einer vorhergegangenen Ursache ist. Jede Wirkung ist im ewigen Kreislauf

Ursache zu anderen Wirkungen, die ihr wieder genau gleich sind. Es kann

deshalb in der Natur keine Wirkungen mehr geben, die nicht den

veranlassenden Ursachen gleichen.

Jedes vorhandene Atom folgt einer mathematisch genauen Bahn, die sicher

durch die von allen anderen bestehenden Atomen ausgeübten Kräfte genau

ebenso bestimmt ist, wie ein Stern nicht gehen kann, wohin er will,

sondern seiner vorgeschriebenen Himmelsbahn folgen muß. Wir wissen

daher, daß die Summe aller Kräfte der gesamten Natur bis zum

gegenwärtigen Augenblick genau der Summe der gesamten Kräfte gleich ist,

die von den Atomen unter sich auf einander ausgeübt werden. Und deshalb

wissen wir auch, daß alle Ereignisse der Geschichte, alle

Himmelserscheinungen, alle Produkte der organischen und anorganischen,

der beseelten und unbeseelten Natur die ganze Zeit hindurch genau

diejenigen gewesen sind, die der Summe der vereinten Kräfte aller

vorhandenen und auf einander wirkenden Atome entsprechen.

In der Natur gibt es keinen Zufall. Es gibt kein derartiges Ding, wie

Glück oder Gelegenheit. Unser Leben stellt nur ein ganz geringes

Teilchen der großen kosmischen Entwicklung dar, und sogar unser freier

Wille ist vorausbestimmt, gerade so zu wollen und nicht anders wie er

will; denn wir können, wenn keine Ursache zum Wollen da ist, ebenso

wenig wollen, wie eine Sonne von ihrer Bahn abgelenkt werden kann, wenn

keine Ablenkungsursache da ist.

Hätten wir, die wir auf der Schwelle alles dessen, was kommen wird,

stehen, von allen jetzt wirkenden Ursachen genaue Kenntnis, und würden

wir ihre Kraft und die Richtung kennen, in der sie sich äußern, dann

würden wir einen weitreichenden Ausblick in die Zukunft haben. Da aber

unser Wissen, so groß es auch ist, nur gering ist, und da unsere Kräfte

beschränkt sind, so können wir weiter nichts tun, als allgemeine

Betrachtungen anstellen, die auf dem, was wir wissen, aufgebaut sind.

Was Können wir prophezeien?

Es gibt mancherlei, was wir trotz unserer Unzulänglichkeit bis zu einem

gewissen Grade sicher voraussagen können. Man kann zum Beispiel sicher

vorhersagen, daß das menschliche Vorwärtsstreben von jetzt ab weit

schneller von statten gehen wird, als es jemals bisher der Fall gewesen

ist, und daß vermutlich das Jahrtausend der ideellen Vollendung nicht

mehr so fern sein kann, wie unsere Zeit dies anzunehmen gewohnt war.

Die Gegenwart ist ein Zeitalter mechanischer und chemischer Entdeckungen

und Erfindungen. Sie ist eine wissenschaftliche Epoche und eine Periode

materieller Vollendung; ihr aber wird eine soziologische Zeit folgen,

eine Aera der ethischen und philosophischen Vollendung und der

Entwicklung einer höheren psychischen Kultur -- kurz eine Reife der

geistigen und moralischen Eigenschaften, die zu höchster Blüte gelangen

werden.

Schon in der gegenwärtigen Zeit stehen wir, vom menschlichen

Gesichtspunkte aus betrachtet, auf einer ganz beträchtlich höheren Stufe

als die Alten. In den alten Zeiten gab es keine Anerkennung von Dingen,

wie beispielsweise unsere unveräußerlichen Menschenrechte es sind; und

ein Volk, in dessen Macht es stand, ein anderes mit Erfolg zu berauben

oder zu unterjochen, hielt es für eine Dummheit, ja für eine Schmach, es

nicht zu tun und es nicht zu berauben und nicht in die Sklaverei

schleppen.

Als Julius Cäsar über das Lager der Germanen herfiel, während die

Friedensverhandlungen schwebten, und er sie überraschte und in ein paar

Stunden zweihundertundfünfzigtausend Männer, Weiber und Kinder erschlug,

da hielt man das für ein Meisterstück echt römischer Politik; denn die

Römer ersahen ja für sich von seiten dieser Germanen gar keinen Nutzen.

Eine der größten Segnungen der modernen Zivilisation ist aber die

Erweiterung der menschlichen Nutzbarkeit. Und man würde es heutzutage

nicht nur als eine Grausamkeit, sondern geradezu als eine

unverantwortliche Verschwendung an Menschenleben ansehen, wenn jemand

über ein benachbartes Volk herfallen und es bis auf den letzten Mann

niedermetzeln wollte.

Es ist eben glücklicherweise ein wachsendes Verständnis dafür da, daß

die Welt, die wir bewohnen, nur ein einziges großes, einheitliches

Vaterland ist. Der Patriotismus wagt sich jetzt schon über die

nationalen Grenzlinien hinaus. Ein zunehmender Geist internationaler

Verbrüderung ist vorhanden, und eine immer allgemeiner werdende

Erkenntnis bricht sich Bahn, daß ja doch im Grunde alle Menschen an

einer gemeinsamen Tafel essen und an einem gemeinschaftlichen Herdfeuer

sitzen. Und sagen wir's uns doch selbst, erfreut man sich der Wärme

eines Feuers nicht mehr, wenn man auch andere sich mit daran wärmen

läßt, und wenn man sie nicht auf Kosten jener anderen, die in der Kälte

stehen und frieren müssen, für sich monopolisiert und mit Beschlag

belegt?

Die Hälfte eines Bissens, von dem man anderen abgibt, schmeckt

tausendmal besser als der ganze Bissen, den man ungeteilt selber

genießt. Nur die volle Gegenseitigkeit im Genuß des Besitzes gibt diesem

seinen Wert.

Gütergemeinschaft.

Carnegie bringt Hunderte von Bibliotheken in dem großen Hause »Welt«

unter, das er mit der Menschheit bewohnt. J. P. Morgan hängt an die

Mauern dieses Hauses lauter Bilder, die er den Museen seines Landes

schenkt. Rockefeller gibt Millionen aus, um seinen Einfluß zu vergrößern

und sich in der Welt Anerkennung zu verschaffen, in der ja auch er und

seine Kinder leben müssen. Menschenfreunde aller Art spenden jährlich

große Summen für die Ausgestaltung der Städte und machen sie dadurch

nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst reizvoller und

schöner.

Ein großer französischer Philosoph sagte einst mit Recht: »Alles Gesetz,

alle Philosophie und alle Weisheit hängen nur von der Anwendung

folgender Grundsätze ab: Mäßige Dich. Erziehe Dich und lebe für Deine

Mitmenschen, auf daß auch sie für Dich leben.« Und der, der nach diesen

Gesichtspunkten lebt, ist sicherlich der tüchtigste Geschäftsmann.

Es gibt keinen allgemeiner verbreiteten Fehler, als den, zu glauben, daß

Selbstlosigkeit und Nächstenliebe eine bloße Gefühlssache seien. Nein,

sie haben eine recht große praktische, ich möchte sagen geschäftliche

Seite, eine Seite, die ein klein wenig von kühler, berechnender Politik

an sich hat. Gänzliche Selbstlosigkeit und vollkommene Nächstenliebe

führen zu einem gemeinsamen Ziel, an welchem das Leben in der Formel

einer Gleichung steht: hier ich -- dort die anderen, und ich und die

anderen sind gleich.

Wenn es zwei Menschen gäbe, die beide mit demselben Wissen, derselben

Klugheit und demselben Können ihren Weg gehen, von denen aber der eine

von ausschließlich selbstischen Motiven getrieben wird, während der

andere von rein menschenfreundlichen Beweggründen ausgehen würde, so

würde der eine, Anderen durch seinen eigenen Selbstdienst, der andere

aber sich selber dadurch dienen, daß er den Anderen einen Dienst

erwiesen hat. Der Altruist würde es für nötig halten, sich selber im

Interesse der anderen zu erhalten, der Egoist aber würde finden, daß er

die anderen in seinem Interesse erhalten müsse.

Wenn wir -- um ein Beispiel anzuführen -- einen Zustand so großer

mechanischer und wissenschaftlicher Vollendung annehmen könnten, daß

alles, was wir wollen und brauchen, durch den bloßen Druck

auf einen Knopf herbeigeschafft werden könnte -- nur unser

Zusammengehörigkeitsgefühl, unsere Sympathie und unsere Liebe nicht,

dann würde es keinen Platz auf der Welt geben, der nicht einem

Gefängnisse gliche, denn jedes Glücksempfinden würde uns fehlen, und wir

würden alle Qualen durchmachen, die der Sträfling in der Einzelhaft

durchmacht. Ja, das würden wir, denn so sehr sind wir auch in seelischer

Hinsicht aufeinander angewiesen.

Der erste Schritt, den man beim Herannahen des tausendjährigen

Reiches[1] unternehmen muß, ist der, den großen menschlichen

Entwicklungsgang den tausendfältigen Möglichkeiten desselben anzupassen.

Es kann kein tausendjähriges Reich, d. h. keinen Weg, ein vollkommenes

Gemeinwesen zu schaffen, geben, ehe nicht das Unkraut aus dem großen

Garten der Menschheit ausgejätet ist, dieses Unkraut, das jetzt in dem

Gewächshaus unserer ungezähmten Leidenschaften wild emporwuchert, in dem

es mit Gift befruchtet und mit Alkohol getränkt wird.

Der humanitäre Fortschritt.

Gerade so, wie, sich Amerika das Recht vorbehalten hat, nur _die_

Einwanderer aufzunehmen, die ganz bestimmten Bedingungen entsprechen,

und die sie geeignet machen, in der neuen Heimat zu wohnen und ihr Blut

mit den bisherigen Bürgern zu mischen, ebenso hat auch die Menschheit

das Recht, zu bestimmen, was für ein Blut sie auch fernerhin in dem

großen Menschenstrom fließen lassen will, und wir werden zweifellos auch

bald dazu kommen, dieses unser Recht auszuüben und den Menschen

aufzuzwingen. Damit, daß wir einen Missetäter bestrafen und ihn dann

wieder freilassen, ist für die Menschheit gar nichts gewonnen. Wir

müssen ihn vor allem vollständig isolieren. Der Verbrecher wird künftig

wie ein Aussätziger behandelt werden; kein Mensch wird aber fernerhin

daran denken, wegen Diebstahls oder Mordes Strafen zu verhängen, so wie

wir ja auch auf Wahnsinn und Pocken keine Strafen ausgesetzt haben. Und

gerade dadurch wird die Allgemeinheit viel wirksamer vor Verbrechen

geschützt sein, als es jetzt der Fall ist. Die Unwissenheit des

Barbarentums verleitet uns noch immer dazu, Menschen wegen irdischer

Vergehen einzukerkern, die zu begehen sie direkt gezwungen waren, da der

ganze Impuls ihrer Seele sie zum Verbrechen trieb. Das zu tun, ist

ebenso unklug, wie wenn wir einen Aussätzigen absperren, sobald sich das

erste Anzeichen seiner Krankheit zeigt, um ihn dann aber wieder

freizulassen und ihm Gelegenheit zu geben, sich unter die Menge zu

mischen und andere anzustecken, worauf wir ihn abermals einsperren und

wieder in Freiheit setzen, und ihn dadurch immer wieder befähigen, die

Krankheit in immer weitere Kreise zu tragen.

[Fußnote 1: Der Ausdruck: das »tausendjährige Reich« entstammt dem

Glauben der Chiliasten an ein 1000 jähriges Reich der Frommen nach der

sichtbaren Wiederkunft des Messias. Dieses Reich soll das bevorstehende

Zeitalter des Geistes werden. Hudson Maxim macht sich diese Idee

zunutze, um uns das 1000 jährige Reich unserer fortgeschrittenen

Entwicklung zu zeigen.]

Das Allheilmittel gegen die Verbrecher wird künftig in der Schaffung

einer großen Reservation für die Aufnahme und Absonderung des Abschaums

der menschlichen Gesellschaft bestehen. Diese Institution wird eine

nationale Einrichtung werden. Sie wird nicht irgend einem der uns jetzt

bekannten Gefängnisse gleichen, weil Güte und Mitleid ihre milden

Wärterinnen sein werden. Ein großes Stück fruchtbaren Landes wird

abgesteckt werden. Daraus wird ein ungeheurer Garten oder Park

geschaffen werden, in welchem Hunderte von kleinen Farmen und Häuschen

verteilt sein werden. Auch Städte mit schönen Wohnhäusern, mit Schulen

und Bildungsanstalten, mit Klubs, Büchereien und Kunstgalerien wird es

hier geben -- kurz: jeder Fortschritt, der dem Kulturvolke jener

kommenden Zeit gegeben wird, wird auch den Einwohnern der großen Kolonie

psychischer Kranken zugute kommen. Nur eine einzige Einschränkung aber

wird es geben, die nämlich, daß das Leben all derer, die in diesen

großen Garten einziehen werden, keine Nachfolge finden wird. Keine

Töchter und keine Söhne werden vorhanden sein, um das Eigentum des

dahingegangenen Fabrikanten, Haus- oder Grundbesitzers zu erben; denn

alles Eigentum wird dem Gemeinwesen gehören, und bei dem Tode eines

Insassen wird das Besitztum, welches er inne hatte, an das Gemeinwesen

zurückfallen, um anderen Sündern, die aus der Außenwelt angelangt sind,

zugewiesen zu werden. Sündern, denen auch nur erlaubt sein wird, ihr

Dasein in Ruhe zu vollenden, deren Geschlecht aber untergehen und nicht

wie bisher, das sich forterbende Stigma verbrecherischer Neigungen mit

sich einhertragen wird.

* * * * *

Der Mensch ist ein kriegerisches Geschöpf. Das erste Dämmern der Sonne

unserer Kultur brach durch eine Kriegswolke hindurch, und alles Licht,

das sie bisher auf die Menschheit herniedergeschickt hat, gelangte nur

durch einige wenige Risse in diesen Kriegeswolken zu uns. Die Geschichte

aller Nationen ist die Geschichte von Kriegen; aber während sich Armeen

von Männern gegenseitig bekämpften und mit der Axt niederschlugen, gab

es in den Reihen der Kämpfenden selbst viel tödlichere Feinde, als ihre

Schwerter und Waffen es waren.

Der Kampf mit der Krankheit.

In jedem Kriege kommen auf jeden einzelnen in der Schlacht Gefallenen

Dutzende anderer, die Krankheit und Pestilenz dahingerafft haben. In den

Kriegeswolken, die den Kampf mit den Krankheitskeimen aufnehmen, gibt es

eben keine Risse. Da herrscht ein beständiger blutiger, immer weiter um

sich greifender Krieg. Die schöne, reizende Tochter, in deren Gesicht

Gesundheit und Glück lächeln, küßt einen Spielgefährten, an dessen

Lippen die Bazillen der Tuberkulose haften, und fällt der schrecklichen

Krankheit zum Opfer, und bei Diphtheritis, bei Scharlachfieber, Typhus

und jeder anderen unserer zahlreichen ansteckenden Krankheiten droht ihr

die Gefahr, selbst krank zu werden, ebenso oder noch mehr.

Wir haben noch keine Waffen, mit denen wir diesen Feind angreifen

könnten. Wir müssen noch immer als hilflose Zuschauer zusehen, wie

unsere Lieben von den mikroskopisch-kleinen Gegnern des Lebens

unerbittlich dem Sensenmann überantwortet werden. Allerdings haben wir

ein paar Gegenmittel gefunden; einige neue Behandlungsmethoden sind da

und das Messer des Chirurgen. Die helfen aber leider nur wenig. Aus

diesem Grunde haben wir eine immerwirkende Heilkraft auf das dringendste

nötig. Eine Heilkraft, die alles zerstört, was unser Leben gefährdet,

und alles erhält, was unserem Leben notwendig ist.

Mit anderen Worten: wir bedürfen der Entdeckung eines elektrochemischen

Prozesses, durch welchen die Krankheitskeime im Gewebe, in der Lymphe

und im Blute getötet werden, ohne den Zellen des lebendigen Körpers

Schaden zu tun. Und daß dieses Problem wirklich gelöst werde, gehört zu

den aussichtsreichsten Verheißungen der allernächsten Zukunft. Dann wird

jedes Opfer jeder wie immer gearteten Krankheit in einem einzigen Tage

wieder hergestellt werden können, und jede Krankheit wird mit einem

Schlage verschwinden. Der aber, der dieses Problem endgültig lösen wird,

wird der größte Wohltäter des Menschengeschlechts werden, größer als die

Weltgeschichte jemals einen gehabt hat oder je wieder haben wird. Für

einen anderen neben ihm ist kein zweiter Platz mehr vorhanden.

Chemiker, Elektriker und Physiker sollten dieser Aufgabe die ernsteste

Beachtung schenken und tun es wohl auch, und ich möchte ihnen da gleich

folgenden Wink geben, der ihnen möglicherweise von Nutzen sein könnte:

Seit geraumer Zeit ist es bekannt, daß, wenn man ein Diaphragma in einen

Elektrolyten bringt und einen elektrischen Strom von ausreichenden Volts

hindurchschickt, der Inhalt der einen Elektrodenkammer solange durch das

Diaphragma hindurch in die andere eingepreßt wird, bis sich ein gewisser

Druckunterschied zwischen den Lösungen der beiden Kammern eingestellt

hat. Diesen Vorgang nennt man Elektro-Osmose oder Kataphorese. Gerber

verwenden Elektro-Osmose beim Gerben von Häuten, indem sie eine

Gerblösung auf das Fell einwirken lassen; sie sparen auf diese Weise

viel Zeit und viel Geld.

Meine Anregung geht nun dahin, den ganzen menschlichen Körper als einen

Teil des Diaphragmas in der Elektro-Osmose oder Kataphorese zu verwenden

und so heilkräftige bezw. Krankheitskeime zerstörende Chemikalien in und

durch das Hautgewebe, die Lymphe und das Blut zu pressen. Könnte nicht

zum Beispiel, wenn der menschliche Körper einen Teil einer solchen

Scheidewand darstellen müßte, eine Chlorlösung in die eine der Kammern

gegossen und ein derartig starker elektrischer Strom hindurch geschickt

werden, daß das Chlor in und durch das menschliche Zellengewebe, die

Lymphe und das Blut gepreßt würde, wodurch alle Krankheitskeime zerstört

werden müßten, ohne daß dadurch die Gewebe und die flüssigen Stoffe des

Körpers auch nur im geringsten in Mitleidenschaft gezogen würden?

Chlor ist nämlich eines der stärksten und wundervollsten

Desinfektionsmittel, das unsere Wissenschaft kennt; von ihm genügt eine

weit schwächere Lösung als von den meisten anderen, unsere

Krankheitskeime zerstörenden Chemikalien, wie zum Beispiel Karbolsäure

(Phenol), Aetzsublimat und übermangansaures Kali. Wenn die Bandagen

einer frischen Wunde sofort mit einer schwachen Chlorlösung, die ein

wenig mit gewöhnlichem Kochsalz gemengt ist, angefeuchtet und feucht

gehalten werden, so vernarbt die Wunde fast immer ohne jede Eiterung und

hinterläßt keinerlei Schmerzhaftigkeit an der betreffenden Stelle. Das

ist doch ein augenscheinlicher Beweis dafür, daß eine ausreichend starke

Chlorlösung angewendet werden darf, um infizierende Krankheitskeime zu

töten, ohne die Zellengewebe des menschlichen Körpers in Mitleidenschaft

zu ziehen.

Der menschliche Organismus ist gleichsam eine komplizierte Maschine. Er

ist eine Art elektrischer Generator. Sein Blut ist alkalisch, während

die Lymphe oder der Körpersaft seines Fleisches sauer ist; beide sind

durch eine undurchdringliche Membran von einander getrennt, so daß ein

Mensch wohl an einer Erkrankung des Blutes leiden kann, ohne dabei

kranke Lymphgefäße haben zu müssen. Umgekehrt können wieder seine

Lymphgefäße erkrankt sein, wie dies beispielsweise bei der Tuberkulose

der Lymphgefäße, die wir unter den Namen Skrofulose kennen, der Fall

ist, ohne daß er an Tuberkulose des Blutes erkrankt zu sein braucht. Um

daher jeden Krankheitskeim in der Lymphe und im Blut, in den Knochen und

in den Muskeln sicher zu zerstören, wäre es notwendig, den ganzen Körper

einheitlich mit einem Desinfektionsmittel zu durchdringen.

Und das zu erreichen, das muß das Ziel der desinfizierenden

Elektro-Osmose sein. Ein Ziel, dem wir -- ich wiederhole es -- heute

schon nahe sind.

Die Eroberung der Luft.

Die Eroberung der Luft, die zu verwirklichen wir jetzt schon beginnen,

ist eine der großen Errungenschaften, die dem »tausendjährigen Reich«

ganz besonders zu statten kommen werden. Alles, was uns das Reisen, den

Verkehr und Transport zu erleichtern geschaffen ist, verringert für uns

die Entfernungen, bringt uns das bisher Ferne näher und näher und macht

uns den Fremden und Ausländern förmlich zum Landsmann, zum Nachbar und

Freunde.

Der Mechaniker _Fulton_[2] lehrte uns, wie wir dem Orkan trotzen und den

Ozean zu unserem Fahrwasser machen können. _Morse_ machte die

Elektrizität zu unserem Sendboten, bei dem Zeit und Raum bei der

Beförderung von Nachrichten keine Rolle mehr spielen, und _Alexander

Graham Bell_ stellt uns den Fernhörer auf unseren Schreibtisch, so daß

wir damit der Kunde aus aller Welt lauschen können. Jetzt, durch das

Erscheinen der Flugmaschine, werden wir bald die irdische Landstraße

verlassen und uns auf der unbegrenzten Himmelsbahn ergehen können. Bald

werden wir unsere Luftautomobile haben und damit den sibirischen Himmel

und die arktische Wüste durchkreuzen, und wir werden der ^Fata Morgana^

über die dürre Wüste hin nachjagen, wie wenn wir jetzt eine alltägliche

Reise in ein benachbartes Land oder Städtchen machen.

Neue Kraftquellen.

Es gibt ein Problem, welches der Mensch bald zu lösen genötigt sein

wird; denn von dessen Lösung hängt die Möglichkeit eines andauernden

menschlichen Fortschrittes und einer fortschreitenden Zivilisation

vollständig ab. Wir müssen einen Vorrat von Wärme und Kraft haben, der

sowohl unerschöpflich in der Quantität, als auch billig in der Gewinnung

ist. Ist erst diese Aufgabe gelöst, dann ist der menschliche Emporstieg

sehr leicht.

[Fußnote 2: Der Erfinder des Dampfschiffes.]

Hätten wir eine Maschine, mittels welcher wir die in der Kohle

schlummernden Kräfte ebenso vollständig ausnützen könnten, wie die

Seemöwe den Kohlenstoff ausnutzt, den sie aus ihren Nährstoffen zieht,

so würden wir aus unserem Feuerungsmaterial das Zehnfache der Kraft

herausholen können, die wir jetzt brauchen, um die Räder unserer

Maschinen zu drehen. Aber selbst wenn wir imstande wären, eine solche

Maschine zu erfinden, so würde uns das doch noch lange nicht genügen, um

unseren Bedarf auch für die Zukunft zu decken; denn die großen

Kohlenlager der Erde könnten ja doch nur noch ein paar Jahrhunderte

vorhalten. Bei dem jetzigen Stande des Kohlenverbrauchs werden alle jene

großen Kohlenlager, welche die Sonne in der Kohlenzeit für uns angelegt

hat, binnen wenigen Generationen aufgebraucht sein.

Aber nicht die Gefahr des Kohlenmangels allein droht uns, wir werden

auch, wie es Lord Kelvin prophezeit hat, unsere Luft dabei völlig

verbrannt haben; denn jede Tonne Kohle, die von uns verbraucht wird,

macht 12 Tonnen Luft zum Atmen untauglich, so daß, wenn wir selbst

hinreichend Kohle auf ganz unbegrenzte Zeit hätten, wir doch nicht genug

Sauerstoff in der Luft vorrätig fänden, um sie zu verbrennen; denn die

Luft würde schon bis zum Ersticken mit Kohlensäure angefüllt sein.

Möglicherweise erfinden wir eine Art Motor, der die Wärme nutzbar machen

kann, die von den Sonnenstrahlen ausgeht. Man schätzt den Totalwert der

Energie, welche die Erde von der Sonne empfängt, als gleichwertig mit

der, die von einem Wasserfalle entwickelt werden würde, der, wenn er dem

Niagarafall an Mächtigkeit gliche, 75000 englische Meilen breit sein

müßte, breit genug also, um die Erde dreimal damit zu umspannen. Die

ungeheuere Kraft verteilt sich aber auf eine riesige Ausdehnung, daß die

Schwierigkeit nur darin liegt, sie zu konzentrieren. Freilich ist die

Wasserkraft selbst nichts anderes als eine indirekte Ausnutzung der

Sonnenwärme. Aber würden wir auch wirklich jeden Strom, jeden Wasserfall

und jeden Wasserlauf bis zu seiner höchsten Möglichkeit ausnutzen, so

würde die also gewonnene Kraft doch nicht mehr ausreichen, den

menschlichen Bedürfnissen zu genügen.

Die Entdeckung der strahlenden Materie hat uns eine ganz neue

Perspektive und so wunderbare Möglichkeiten eröffnet, daß wir mit

unserem gegenwärtigen Wissen kaum wagen können, an deren doch so

zweifellose Verwirklichung auch nur zu glauben. Wir haben gefunden, daß

die der Materie innewohnenden Molekularkräfte so über jeden irdischen

Begriff hinausgehen, daß, wenn es uns jemals gelingen sollte, sie dem

menschlichen Gebrauch dienstbar zu machen, wir bis in alle Ewigkeit

hinein die Welt damit erleuchten, erwärmen und befahren könnten.

Jedes Molekül der Materie ist aus einer großen Anzahl kleiner

Partikelchen zusammengesetzt, die wir Atome nennen; diese Atome aber

bewegen sich mit einer Geschwindigkeit von 100000 englischen Meilen in

der Sekunde -- d. i. mit mehr als der Hälfte der Geschwindigkeit des

Lichts. Ins gewandte Technische übersetzt, heißt das aber nichts

anderes, als daß in jedem Pfund wägbarer Substanz eine Kraftmenge

vorhanden ist, die genügen würde, ein einpfündiges Projektil mit einer

Geschwindigkeit von 100000 englischen Meilen in der Sekunde

hinausschleudern zu können!

Zukunftsträume.

Die Erfüllung jedes menschlichen Erfordernisses hängt lediglich mit

Wärme und Kraft zusammen, und wenn Wärme und Kraft so billig zu haben

sein werden, dann wird die Erde nichts als ein Spielplatz sein und jedes

Land und jedes Meer wird unter der Hand des Menschen und der Führung des

menschlichen Hirns pulsieren und vibrieren. Wenn jener Tag einst kommen

wird, dann werden alle unsere Felder mit Hilfe der auf elektrischem Wege

direkt aus dem Stickstoff der Luft gewonnenen Stickstoffdüngung

fruchtbar gemacht werden können, und die Landwirtschaft wird zu einem

bloßen Zeitvertreib werden. Es wird elektrisch geheizte Treibhäuser

geben, die Tausende von Aeckern bedecken, und selbst die Landgüter unter

nördlichem Klima werden ihre Sommer- und Winter ernten haben. Man wird

neue Methoden erfinden, das Wachstum der Pflanzen durch elektrische

Wärme und elektrisches Licht zu beschleunigen. In Gärten, die in dieser

Weise eingerichtet sein werden, wird es Johannisbeeren geben, so groß

wie die Damascenerpflaumen, Damascenerpflaumen in der Größe von Aepfeln,

Aepfel, so groß wie Melonen, Erdbeeren, so groß wie Orangen und alle

werden in Form und Wohlgeschmack die besten von heut übertreffen, so daß

sie selbst dem wählerischesten Geschmack eines Gourmets entsprechen

werden.

Das drahtlose Telephon wird zu jener Zeit die ganze Welt umfassen, und

es wird dann ebenso leicht sein, mit unseren Antipoden Zwiegespräche zu

halten, wie wir jetzt zwischen Newyork und Boston, London und Paris,

Berlin und Budapest sprechen.

Einsame Bauernhäuser wird es keine mehr geben; das Volk wird sich

vielmehr zu kleinen Städten mit hauptstädtischen Erholungs- und

Vergnügungsplätzen zusammenfinden. Obgleich auch die kleinste Ortschaft

ihr Theater haben wird, werden doch die Schauspieler nur in Newyork,

London, Paris oder Wien leben und auch nur dort spielen. Die Bühne solch

einer Kleinstadt wird ein einfacher Vorhang sein, und der »Hamlet«, der

in. London gespielt wird, wird mittelst Fernseher, Fernsprecher und

Fernharmonium auf dem Schirm, der die Bühne in Chautauqua ersetzt,

reproduziert werden. Die Patti jener Zeit wird nicht nötig haben, erst

weite Konzertreisen zu machen, denn jedes Theater der ganzen Welt wird

sich das Weltrepertoire gleichzeitig zu eigen machen: Gestern abend

Londoner Schauspiel, heute abend Pariser Premiere, morgen abend

Newyorker Posse, Petersburger Oper, Wiener Hofoper und Mailänder

Ballett, und selbst der Polarreisende wird sich dieses Repertoire auf

dem ewigen Eise der Arktis oder Antarktis zu leisten vermögen.

Neuerliche Versuche haben die Hoffnung der Alchimisten erneuert, daß wir

denn doch noch dazu kommen werden, gemeine Metalle in Gold umzuwandeln,

und wenn wir damit wirklich Erfolg haben, dann wird das Gold eine neue

ausgedehnte Anwendung finden. In schwacher Legierung würde Gold ganz

genielle Gewehrkugeln abgeben; denn es könnte so hergestellt werden, daß

es die erforderliche Härte besitzt, während seine Dichtigkeit den

Geschossen eine ungeheuere Tragweite und Durchschlagsfähigkeit geben

würde. Eine solche Kugel müßte selbst von jedem Friedensfreunde auf das

wärmste empfohlen werden, denn wer würde nicht lieber eine goldene Kugel

in seinem Fleische verheilen lassen, als eine von gewöhnlichem Blei!

Der Erfinder des ersten Maschinengewehres versah dieses mit _einem_ Lauf

für runde und mit einem zweiten für eckige Geschosse, und zwar waren

erstere für Christen und letztere für die Türken bestimmt. Nun ist es

keineswegs leicht, Kugeln von angenehmer Wirkung herzustellen, in jedem

Falle aber würde die runde, _goldene_ Kugel doch die mildtätigste und

menschlichste sein.

Die Kriegsführung der Zukunft wird einem Schachturnier gleichen. Jede

Bewegung wird dem Auge der ganzen Welt sichtbar sein, und Verstecke und

Scheinmanöver werden unmöglich sein. Die Zeitungen werden ihre

Luftkorrespondenten haben die über allen Schlachtfeldern, über allen

Lagerplätzen und allen Flotten schweben und jede Bewegung der Seeschiffe

und Landheere wird man in jedem Hause verfolgen und jeder seine Kritik

üben können.

Im Jahre 1896 leitete ich in Faradays Haus in London einige Experimente

mit elektrischer Heizung, und da gelang es mir bekanntlich zuerst, auf

galvanischem Wege mikroskopisch kleine Diamanten herzustellen. Damals

nahm ich mir vor, diese Arbeit später wieder aufzunehmen. Ich bin fest

überzeugt und neuere Experimente geben mir Recht, daß es sehr bald

gelingen wird, Diamanten jeder beliebigen Größe so billig und zahlreich

herzustellen wie man nur will.

In jedem Falle aber werden sie nicht kostspieliger sein, als alle

anderen elektro-chemischen Produkte. Diamanten in Erbsengröße wird man

zweifellos bei einer Mark noch mit Gewinn verkaufen, und Diamanten, so

groß wie der Kohinoor, werden nicht mehr als einen Taler kosten.

Die Stadt der Zukunft.

Der Fremde, der Newyork besucht, wird bei dem Anblick der gen Himmel

strebenden Geschäftsgebäude von Staunen ergriffen; könnte er aber wie

Rip Van Winkle schlafen gehen und erst nach einem Jahrhundert wieder

erwachen, dann würde er den größten Teil der jetzigen Stadt dem Boden

gleichgemacht und von neuem aufgebaut finden. An Stelle der alten Häuser

würden sich Monumentalbauwerke erheben, mit denen verglichen ihm die

mächtigsten Gebäude der Jetztzeit wie kleine Hütten vorkommen würden.

Die Stadt der Zukunft wird nicht mehr aus einzelnen getrennten Gebäuden

bestehen, die eine verschiedenartige Architektur haben, nein, sie wird

ein einziges weit ausgedehntes Gebäude sein.

Die Straßen von jetzt werden nur die Zugangsstraßen zu dem untersten

Stockwerk bilden, sofern wir nicht gar, was sehr wahrscheinlich ist,

auch in die Tiefe der Erde unsere Häuser hineinbauen werden, die

eigentlichen Geschäftsstraßen aber werden sich hoch oben in der Höhe der

verschiedenen Stockwerke ziehen. Riesige Brücken und Bogen, mächtige

Durchgänge, wundervolle Gärten und Spielplätze werden sich immer einer

über dem anderen hoch und höher erheben, so hoch, daß das Auge kaum bis

hinauf wird reichen können, und der ganze luftig schöne Häuserkomplex

wird durch mächtige turmähnliche Bauten gestützt und gehalten werden,

die zweitausend Fuß hoch und noch höher emporragen werden, und deren

jeder eine Basis haben wird, die zehn, zwölf oder mehr Häuservierteln

von jetzt entsprechen wird. Jedes Gebäude wird natürlich so eingerichtet

sein, daß es bequem mehrere hunderttausend. Leute beherbergen kann. Die

höchsten Wohnungen werden in Gärten liegen, die gleichsam im Himmel

hängen, oder in großen Parkanlagen hoch oben in der klaren, kühlen,

reinen Luft, und die Leute werden Expreß-Elevatoren nehmen, um nach

mühevollem Tagewerk ihr Heim zu erreichen, das wirklich im luftigen,

schönen Traumland der Lerchen und Nachtigallen liegen wird, dort wo die

Wolken vorüberziehen und noch lange im Abendsonnenschein glühen werden,

während das Dunkel der Nacht die niedrigen Stockwerke längst wird

umfangen haben.

Wenn man solch eine Stadt aus der Ferne betrachten wird, dann wird sie

wie aus durchgebrochenem Netzwerk von Stahl und von Eisen erscheinen,

durch welches Licht und Luft einen weit freieren Zutritt zur Erde finden

werden, als dies jetzt, innerhalb der Mauern unserer jetzigen Städte der

Fall ist.

Und nachts, wenn Millionen von Lichtern den Himmel erhellen, und durch

ihr vereintes Feuer weit in das Dunkel umher eindringen werden, dann

wird die Stadt einer ungeheueren Fackel gleichen, um die schnell

vorwärtsstrebende Flugmaschinen, riesigen Motten gleich, vorbeihuschen

und verschwinden werden.

Der Nachthimmel der Landbewohner aber wird in der kommenden

»tausendjährigen Zeit« der Maschine durch hellstrahlende, hoch in der

Luft verankerte Fahrzeuge erleuchtet werden, deren Schein die Sterne

verdunkeln und den bleichen, neidischen Mond sicher beschämen wird.

Robert Sloss.

Das drahtlose Jahrhundert.

Das drahtlose Jahrhundert.

Von Robert Sloss.

Der »Sturmvogel« war seit länger als achtundvierzig Stunden ruhig und

sicher über die Eisfelder geflogen, als ein plötzliches Stillstehen des

Motors den Kapitän aus seinem tiefsten Schlummer weckte.

»He, Kettner, was ist denn los?« rief er, aus der Kajüte auf Deck

tretend, dem Leutnant zu.

»Die Kraft ist ausgeblieben«, kam die Antwort. »Ich habe aber die

Ersatzbatterien sofort angeschlossen und 's hat nichts weiter zu sagen.

Sie sehen ja selbst, es geht ganz gut auch so.«

Und tatsächlich flog der »Sturmvogel« ganz wundervoll seinen Kurs

weiter.

»Keine Meldung vom Schiff?« fragte der Kapitän, sich ans Steuer

begebend, und gerade, als er fragte, kam ein zuckendes, blitzartiges

Aufleuchten und ein metallisches Knistern von dem Telephonapparat zu

seinen Füßen. Er nahm den kombinierten Reciver und Transmitter sofort

auf und befestigt ihn an seinem Kopfe.

»Das Schiff spricht mit uns«, sagte er. »Der Dynamo ist nicht in

Ordnung.«

»Wie lange kann der Schaden denn dauern?« fragte der Leutnant, dem man's

wohl ansah, wie schwer ihm das Mißgeschick des Flugschiffs zu Herzen

ging.

»Sie können's nicht sagen«, war die Antwort des Kapitäns, der noch immer

am Telephon lauschte, »in jedem Fall aber können sie uns in absehbarer

Zeit keine Kraft mehr abgeben.«

»Dann ist es wohl besser, wir landen«, meinte der Leutnant, »und sparen

uns unsere Batterien für alle Fälle auf.«

Und da der Kapitän zustimmend nickte, so lenkte er sofort den Aeroplan

gegen eine etwa eine Meile weit ab südlich liegende Eisfläche zu. Hier

wurde die Maschine glatt zum Landen gebracht und von den beiden Männern

fest vertaut und verankert.

»Ja, ja«, sagte der Kapitän, durch den Zwischenfall sichtlich sehr

deprimiert. »Das ist's, was ich gefürchtet habe. Steinmetz hat den von

Cook entdeckten Nordpol 1918 nur deshalb durchforscht, weil es ihm

möglich gewesen ist, in Spitzbergen seine Dynamos aufstellen zu können.

Wir aber müssen uns mit einem einzigen begnügen und haben _den_ noch auf

einem Schiffe. Ich weiß, ich weiß, Kettner, was Sie sagen wollen. Ich

weiß, daß der Südpol so unglücklich liegt, daß ihm kein Festland nahe

genug liegt, um mit Sicherheit operieren zu können. Gerade darin aber

liegt unser Nachteil, denn Steinmetz konnte immer von einem oder dem

anderen seiner Dynamos Kraft genug von dem kolossalen Energiestrom

abbekommen, den die Kraftanlagen am Niagarafall durch den Aether

entsandten. Wir aber . . .«

»Wir werden uns durch diesen Zwischenfall auch nicht entmutigen lassen,

Kapitän«, sagte der Leutnant. »Denken Sie nur daran, wie sehr wir

heutzutage Richtung und Kraft des Stromes in unserer Gewalt haben, und

wie viel drahtlose Kraft zur Zeit Steinmetz verloren ging. Nein, nein,

ein Pech ist es freilich, daß wir nur einen Dynamo haben, aber daß wir

von unserem Schiff von Melbourne aus ebenso viel Kraft erhalten, wie er

damals vom Niagara, das ist gewiß.«

»Sie können recht haben«, sagte der Kapitän, »aber eine verdammte

Geschichte bleibt es doch. Im übrigen können wir wenigstens feststellen,

wo wir uns befinden, und Sie, Kettner, sehen Sie mal zu, daß Sie ein

bißchen Feuer hinter den Leuten machen, sie sollen sich mal sputen,

denn, hol' mich der Teufel, wenn ich diesmal die Fahrt unterbreche und

_nicht_ bis zum Pol komme.«

Und während sich Leutnant Kettner den Hörer anschnallte, ging der

Kapitän in seine Kabine zurück. Noch aber hatte der Leutnant keine

Verbindung erhalten, als der Kapitän, den Sextanten in Händen, atemlos

auf ihn zustürzte.

»Kettner! Freund! Mensch! Wissen Sie, wo wir sind? Weit näher dem Pole,

als Steinmetz damals dem Nordpol war, als er sein letztes Lager bezog,

von dem aus er dann seinen glücklichen Flug unternahm. Und wissen Sie,

was das heißt? . . . Daß wir in drei Stunden unser Ziel erreichen

können. Daß wir den Südpol erreichen _werden_, selbst wenn uns das

Schiff im Stich läßt, denn unsere Batterien müssen genügen.«

»Darf ich dem Schiff davon Nachricht geben?« fragte der Leutnant, der

den Enthusiasmus seines Vorgesetzten selbstverständlich teilte.

»Ja, lieber Kettner, tun Sie das.«

Auf dem Schiffe erregte die Nachricht natürlich lauten Jubel.

»Sie sind außer Rand und Band«, sagte der Leutnant. »Sie lassen Ihnen

Glück wünschen zu dem grandiosen Erfolge. Sie fragen an, ob sie die

Nachricht weiter geben können. Sie versichern, daß sie alles daran

setzen werden, um die Maschine wieder in Gang zu bringen.« Und plötzlich

schmunzelte er, »Conners vom Internationalen Nachrichten-Bureau will die

Nachricht noch rechtzeitig für die Londoner Morgen- und die Newyorker

Abendblätter geben. Er möchte aber gern ein Interview mit Ihnen selbst

haben. Geht's?«

Der Kapitän lachte. »Das ist ein unternehmender Bursche«, sagte er.

»Sagen Sie, ich stehe ihm später gern zur Verfügung. Gibt's sonst noch

was? Hat meine Frau nicht angefragt?«

Kettner gab die Frage an das Schiff, das hart an den Eisbarrieren des

Mont Erebus lag, die Antwort weiter.

»Nein. Sobald sie aber anrufen wird, wird man Sie davon verständigen.«

»Gut. Dann wollen wir also vor allem etwas essen, und es uns dann bequem

machen und schlafen. Wir werden unsere Kräfte noch brauchen.«

Und mit diesen Worten begab sich der Kapitän auch schon in die

asbestausgelegte, feuersichere Kabine, und bald waren beide Forscher

emsig damit beschäftigt, sich über den elektrischen Kocher ihr Mahl zu

bereiten, und als der Kaffee dampfte und die Pfeifen gestopft und in

Brand gesteckt waren, da kam jene behagliche Stimmung über die beiden,

in der man wenig spricht und sich im Schweigen doch so unendlich viel

sagt.

Plötzlich aber legte der Kapitän die Pfeife beiseite. »Kettner«, sagte

er, »ich habe eine Idee. Wie wär's, wenn wir mal alle unsere Batterien

in Gang brächten und den Versuch machten, uns mit Umgehung der

drahtlosen Station mit der Welt telephonisch in Verbindung zu setzen.

Das wäre mal wieder was, wovon die Welt sprechen könnte. Hier, nicht

hundert Meilen vom Südpol und . . . ja, wir wollen versuchen. Wie spät

ist es jetzt?'«

»Zehn Uhr siebenundzwanzig Ortszeit.«

»Gut. Wir sind nahezu am 180. Meridian. Dann ist's in London ungefähr

halb elf Uhr abends und in Bermuda halb sieben. Da ist sie zu Haus.

Bitte, Kettner, verbinden Sie mich mit meiner Frau.«

Große Oper am Südpol.

Kettner verband das Halbdutzend leichter, aber ungemein kraftvoller

Batteriezellen mit einander, machte die nötigen Handgriffe, drückte den

Knopf nieder und das allgemeine Anrufsignal ging hinaus in den Aether.

Der Leutnant lauschte und lauschte, aber keine Antwort kam; plötzlich

aber lächelte er: »So, jetzt habe ich sie; die Bermuda-Station hat sich

gemeldet. Ja . . . mit Frau Kapitän Kingsley . . . jawohl.«

Ein Blitz zuckte auf und ein eigentümliches Summen wurde gehört.

»Die Kälte hat den Ton ein bißchen beeinflußt«, sagte er, »der Apparat

ist verschnupft. So . . . das werden wir gleich beheben . . . ja . . .

jawohl . . . bitte, Kapitän, Ihre Frau ist am Apparat.«

Sofort legte sich der Kapitän den Hör- und Sprechapparat um und

schaltete den Fernseher mit ein, so daß er mit seiner Frau nicht nur

sprechen konnte, sondern sie in dem an den Apparat aufgeschraubten,

feingeschliffenen Metallspiegel auch sah und jede ihrer Bewegungen und

den Ausdruck ihres Gesichtes beobachten konnte. Eine Viertelstunde lang

und noch länger dauerte das Gespräch, denn was hatte man sich nicht

alles zu sagen. Er gab einen ganz genauen Bericht von seiner Fahrt über

das ewige Eis und seinem Zwischenfall, der ihn verhinderte, jetzt schon

am Südpol zu sein. Sie war natürlich stolz auf den unsterblichen Triumph

ihres Mannes, und ehe sie das Gespräch abbrach, ließ sie noch des

Kapitäns Töchterchen, seinen Liebling, an das Telephon kommen.

»Großartig, Kettner«, sagte der Kapitän. »Wenn uns _das_ gelungen ist,

dann können wir auch versuchen, uns mit Newyork zu verbinden. Da ist's

gerade um die Theaterzeit. Wie wär's, wenn wir uns auch ein klein wenig

Musik gönnten und uns die Oper ein Stündchen anhörten? -- Wollen wir?«

Statt jeder Antwort gab Kettner wieder das Anrufsignal. Wieder sprühten,

zuckten und flammten die knisternden Blitze. »In fünf Minuten haben wir

die Musik. Soll ich den Megaphonreciver anschließen?«

»Selbstverständlich. Wissen Sie schon, was gegeben wird?«

»Jawohl. »Der Held der Lüfte«.«

»O,« rief der Kapitän. »Von Redfers, dem Wagner unserer Zeit? Das trifft

sich famos.« Und nun saßen die beiden Männer und lauschten -- hier im

ewigen Eise der Polarregion den Klängen und Stimmen der Newyorker Oper.

Mitten in der Aufregung aber kam ein anderer Ton. Ein Anruf. Ein wahrer

Sprühregen von Blitzen prasselte nieder.

»Nanu, was ist denn los? Hurra!« rief er aber plötzlich aus. »Der Dynamo

auf dem Schiff ist wieder im Stand. Wir haben wieder die Kraft. Herr

Leutnant, der Platz am Steuer gebührt jetzt mir.«

Und fünf Minuten später erhob sich das zierliche Luftschiff auf seinen

Schwingen hoch in die Luft und glitt über die Eisfelder hin -- _dem Pole

entgegen_.

Wunder, denen wir entgegengehen.

Ich könnte in diesem Stile fortfahren, Gott weiß wie lange, und Wunder

über Wunder erzählen, ohne meine Phantasie auch nur im geringsten

anzustrengen, denn alles, was in dem bisherigen Gang der »Erzählung« so

wunderbar sich angehört hat, sind Probleme, die heut schon gelöst sind

und die keineswegs mehr in das Gebiet der frommen Wünsche oder der

überspannten Hoffnungen und Erwartungen gehören. Nein, es sind

Tatsachen, die nur darauf warten, in unser praktisches Leben eingeführt

zu werden, gerade so, wie Telegraph und Telephon und Phonograph sich

darin eingeführt haben.

Der Berliner _Graf Arco_ und der Amerikaner _De Forest_ und der Däne

_Paulsen_ haben den Nachweis geliefert, daß eine Entfernung von 4 bis

500 englischen Meilen kein ernstes Hindernis für ein drahtloses

Telephongespräch ist, und daß man Musik und Gesang ebenso drahtlos

übertragen kann, wie jede andere menschliche oder andere Stimme. Und was

das »Sehen« der Person betrifft, mit der man spricht, so ist das Problem

auch schon gelöst, wenn auch noch nicht jene Vollkommenheit erreicht

ist, auf die wir aber keineswegs mehr zehn, geschweige denn hundert

Jahre warten müssen. Und was das Treiben eines Aeromobils durch diese

erstaunliche Kraft, die wir die »Drahtlose« nennen, anbelangt, weshalb

nicht? Gerade im letzten Jahre haben wir das Problem auch dieser

Kraftanwendung gelöst, und ein schwerer Treidelzug wurde auf

»drahtlosem« Wege in Bewegung gesetzt. Was aber die Geschwindigkeit der

Luftschiffe und Flugmaschinen anbelangt, so haben wir selbst gesehen,

daß man jetzt schon Geschwindigkeiten von 90 Kilometern in der Stunde

erreicht, und auf dem letzten »Fliegerkongreß« wurde die gar nicht

sanguinische Ansicht vertreten, daß wir »jeden Tag« diese

Geschwindigkeit auf 500 Kilometer werden erhöhen können.

Alles was wir jetzt durch den Draht senden und erreichen können, können

wir auch auf drahtlosem Wege senden und erreichen. Das ist die Wahrheit,

die gegenwärtig alle Ansichten und Methoden unserer wissenschaftlichen

und maschinellen Welt revolutioniert, und wir können uns dieser Tatsache

freuen, wenn auch die Kupfermagnaten kein allzu freundliches Gesicht

dazu machen und das drahtlose Jahrhundert, das nicht nur kommen muß,

sondern schon im Kommen ist, zu allen Teufeln wünschen.

Das Prinzip, auf welchem die drahtlose Kraftübertragung aufgebaut ist,

ist eines der einfachsten, das die Wissenschaft kennt, und wird und kann

nie eine Aenderung erfahren, es sei denn, die Welt und der Weltenbau

selber ändern sich.

Wir wissen alle, daß uns das Sehen nur dadurch möglich gemacht ist,

daß das Licht in Wellen zu uns gelangt, die bis zu unseren

lichtempfindlichen Sehnerven dringen. Ebenso geht jeder Ton in Wellen

durch die Luftatmosphäre und dringt an unser Trommelfell, das unter

ihrem Einflusse vibriert, und uns das Hören ermöglicht. In ganz gleicher

Weise geht ein elektrischer Impuls, von wo er immer auch ausgeht, in

Wellen durch den Aether, der jedes Molekül jeder Materie umgibt und die

elektrischen Vibrationen durch die Luft, durch das Wasser, durch die

Erde und durch Wälle und Mauern führt. Und es ist möglich, diese

Vibrationen überall aufzufangen, vorausgesetzt, daß man den richtigen,

auf die richtige Wellenlänge abgestimmten Reciver (oder Empfänger) zur

Verfügung hat.

Sobald die Erwartungen der Sachverständigen auf drahtlosem Gebiet

erfüllt sein werden, wird jedermann sein eigenes Taschentelephon haben,

durch welches er sich, mit wem er will, wird verbinden können, einerlei,

wo er auch ist, ob auf der See, ob in den Bergen, ob in seinem Zimmer,

oder auf dem dahinsausenden Eisenbahnzuge, dem dahinfahrenden Schiffe,

dem durch die Luft gleitenden Aeroplan, oder dem in der Tiefe der See

dahinfahrenden Unterseeboot. Ueberall wird er mit der übrigen Welt

verbunden sein, mit ihr sprechen und sich mit ihr verständigen können,

und er wird sie sehen, wenn er sie sehen will, und sei er auch tausend

Fuß tief unter der Erde oder unter dem Spiegel des Ozeans, und wird

gesehen werden in jeder, auch in der kleinsten seiner Bewegungen.

Das Telephon in der Westentasche.

Die Bürger der drahtlosen Zeit werden überall mit ihrem »Empfänger«

herumgehen, der irgendwo, im Hut oder anderswo angebracht und auf eine

der Myriaden von Vibriationen eingestellt sein wird, mit der er gerade

Verbindung sucht. Einerlei, wo er auch sein wird, er wird bloß den

»Stimm-Zeiger« auf die betreffende Nummer einzustellen brauchen, die er

zu sprechen wünscht, und der Gerufene wird sofort seinen Hörer vibrieren

oder das Signal geben können, wobei es in seinem Belieben stehen wird,

ob er hören oder die Verbindung abbrechen will.

Solange er die bewohnten und zivilisierten Gegenden nicht verlassen

wird, wird er es nicht nötig haben, auch einen »Sendapparat« bei sich zu

führen, denn solche »Sendstationen« wird es auf jeder Straße, in jedem

Omnibus, auf jedem Schiffe, jedem Luftschiffe und jedem Eisenbahnzug

geben, und natürlich wird der Apparat auch in keinem öffentlichen Lokale

und in keiner Wohnung fehlen. Man wird also da nie in Verlegenheit

kommen.

Und in dem Bestreben, alle Apparate auf möglichste Raumeinschränkung hin

zu vervollkommnen, wird auch der »Empfänger« trotz seiner

Kompliziertheit ein Wunder der Kleinmechanik sein.

Dieses System des Abgestimmtseins für ganz bestimmte Schwingungen kann

durch die jedem bekannte Tatsache verständlich gemacht werden, daß, wenn

man in der Nähe eines offenstehenden Klaviers, oder einer Violine einen

bestimmten Ton singt, die entsprechende Saite des Instrumentes sofort

mitzuvibrieren und mitzuklingen beginnt. Und gerade so wie ein tiefer

Ton in langen und ein hoher Ton in kurzen Wellen schwingt, so kann auch

in der drahtlosen Telegraphie und Telephonie durch einen eigenen Apparat

die Länge der entsandten Vibrationen genau kontrolliert werden.

Der drahtlose Telephonapparat, der jetzt allerdings noch in seiner

Kindheit steckt, ist ziemlich schwerfällig und groß. Aber das Ballsche

Telephon erforderte Anfangs auch eine eigene und noch dazu ziemlich

geräumige Zelle, während man heute schon Taschentelephone hat, mit denen

man sich auf fünf, sechs Kilometer Entfernung ganz gut verständigen

kann, und schon jetzt gibt es Forscher auf drahtlosem Gebiete, die,

möglichst in regnerischen Nächten, mit einem gewöhnlichen Regenschirm,

der ihnen die nötigen Antennen liefert, Nachrichten aus dem Aether mit

einem Reciver auffangen, der nicht größer als eine Pillenschachtel ist.

Wenn aber dieser Apparat erst so vervollkommnet sein wird, daß auch der

gewöhnliche Sterbliche sich seiner wird bedienen können, dann werden

dessen Lebensgewohnheiten dadurch noch weit mehr beeinflußt werden, als

sie dies schon jetzt durch die Einführung unseres gewöhnlichen

Telephones geworden sind.

Auf seinem Wege von und ins Geschäft wird er seine Augen nicht mehr

durch Zeitunglesen anzustrengen brauchen, denn er wird sich in der

Untergrundbahn, oder auf der Stadtbahn, oder im Omnibus oder wo er grad'

fährt, und wenn er geht, auch auf der Straße, nur mit der »gesprochenen

Zeitung« in Verbindung zu setzen brauchen, und er wird alle

Tagesneuigkeiten, alle politischen Ereignisse und alle Kurse erfahren,

nach denen er verlangt.[3]

Und ist ihm damit nicht gedient, sondern steht sein Sinn nach Höherem,

so wird er sich mit jedem Theater, jeder Kirche, jedem Vortrags- und

jedem Konzertsaal verbinden und an der Vorstellung, an der Predigt oder

den Sinfonieaufführungen teilnehmen können, ja, die Kunstgenüsse der

ganzen Welt werden ihm offen stehen, denn die Zentrale der Telharmonie

wird ihn mit Paris, Wien, London und Berlin ebenso verbinden können, wie

mit der eigenen Stadt. Diese Errungenschaft des drahtlosen Zeitalters

werden wir übrigens auch über kurz oder lang schon erreicht haben; denn

jetzt schon sind die Vorbereitungen im Gange, um Groß-Newyork mit einer

solchen drahtlosen Telephonverbindung zu versorgen, da gefunden wurde,

daß dieses Telephon Ton und Klang weit klarer wiedergibt, als unser

bisher gebrauchtes Telephon mit Drahtleitung. Das einzige, noch in weite

Ferne gerückte Problem ist das, unsere Empfangsapparate so empfindlich

zu gestalten, daß sie alle Vibrationen aufnehmen können, und daß wir den

Sendungsimpuls so in unserer Gewalt haben, daß er direkt zu dem ihm

entsprechenden Reciver geht, ohne sich in alle Richtungen hin

auszudehnen und zu zerstreuen, wie die Wellen, die nach allen Richtungen

hin sich verbreiten, wenn man einen Stein ins Wasser wirft.

Verbrecherjagd auf drahtlosem Wege.

In jüngster Zeit wurde die fabelhafte Kunst der drahtlosen

Bildertransmission so außerordentlich vervollkommnet, daß sie kein

Spielzeug mehr ist, sondern zweifellos berufen ist, in der Ausgestaltung

unserer zukünftigen Lebensverhältnisse eine sehr große Rolle zu spielen.

Und wenn diese Erfindung auf die Höhe der Vollkommenheit gehoben sein

wird, dann werden wir eine neue Reihe von täglichen Wundern zu

verzeichnen haben. Hier ist beispielsweise eine Szene, die sich in

hundert oder weniger Jahren alltäglich abspielen wird.

[Fußnote 3: Eine solche »gesprochene Zeitung«, allerdings noch nicht auf

»drahtlosem Wege«, gibt es jetzt schon u. a. auch in Budapest.]

Der erste Leutnant des Elektroturbinenschiffs »Vorwärts« stürzt in die

Kajüte seines Kapitäns. »Kapitän«, sagt er, »wir erhalten soeben die

drahtlose Nachricht von der Newyorker Polizeidirektion, daß Präsident

Kramington von der Newyorker Stadtbank eine Million Dollars

unterschlagen und die Flucht ergriffen hat. Es wird vermutet, daß er

sich auf dem Wege nach Europa befindet.« Der Kapitän liest die im

Steckbrief enthaltene Beschreibung und lächelt sarkastisch.

»Bis auf den weißen Bart und das weiße Haar ist nichts da, was den Dieb

von anderen Sterblichen unterscheiden würde und da er wahrscheinlich

sein Haar gefärbt und seinen Bart abrasiert hat, so werden wir ihn wohl

kaum finden können, wenn die liebe Polizei sich nicht dazu bequemt, uns

wenigstens sein Bild zu schicken.«

Im selben Augenblick kommt der zweite Leutnant und übergibt im Auftrage

des Telegraphenbeamten die auf drahtlosem Wege übersandte Photographie,

die die Newyorker Polizei sofort dem Steckbrief nachgesandt hat.

»Donnerwetter«, sagt der Kapitän, »das ist ja der Mensch da in der

Luxuskabine. Der war mir längst schon verdächtig. Er gibt sich für einen

alten Missionar aus, der nach Afrika zurück will, und behauptet, daß er

am Fieber erkrankt ist. Trotz der Veränderung, die der Kerl mit sich

vorgenommen hat, ist die Aehnlichkeit unverkennbar. Der Ausdruck in den

Augen und die Art seiner Kopfhaltung sind derart, daß ich mich absolut

nicht täuschen kann. Teilen Sie nach Newyork mit, daß wir den Burschen

haben.«

Und um zu begreifen, daß es künftighin nicht einem Verbrecher mehr

möglich sein wird, über das Meer zu kommen, ohne der Gerechtigkeit in

die Hände zu fallen, brauchen wir uns nur vorzustellen, daß künftighin

sämtliche Schiffe, und nicht nur die wenigen großen Ozeandampfer, von

jetzt an mit Apparaten drahtloser Telegraphie versehen sein werden. Daß

diese Zeit nicht nur kommen wird, sondern sogar in nicht allzu weiter

Ferne steht, ist sicher. Auf diese Art würde dann auch sehr häufig die

lästige Auslieferungsformalität vermieden werden. Der deutsche

Verbrecher, der Amerika auf einem deutschen Dampfer wird erreichen

wollen, wird auf die eben geschilderte Art, auf hoher See erkannt und

gleichzeitig mit der Meldung an die Berliner Zentralbehörde wird eine

andere Meldung an irgend ein in der Nähe befindliches deutsches

Kriegsschiff gehen, den Verbrecher einfach auf hoher See in Empfang zu

nehmen. Oft wird auch durch den schnellen Vorgang eine Panik an der

Börse oder eine Verstimmung derselben umgangen werden; denn häufig wird

der Dieb noch eher in den Händen der Gerechtigkeit sein, als sein

Diebstahl den Blättern, und durch die Blätter dem großen Publikum

bekannt geworden sein wird.

Das Senden von Bildern und Photographien an in Bewegung befindliche

Schiffe, Züge, Autos und Luftschiffe wird einfach durch die Anwendung

der beiden, jetzt »drahtlich« in Gebrauch befindlichen Methoden nunmehr

»drahtlos« vonstatten gehen.

Die Methode des Herrn Professors Korn, der bisher in München gewesen ist

und nun in Berlin weilt, basiert auf der Eigenschaft des Selens, eine

größere oder geringere Menge von Elektrizität mit sich zu führen, die in

einem ganz bestimmten Verhältnis zu dem Lichte steht, das auf dieses

Metall fällt. So werden die verschiedenen Intensitäten von Licht und

Schatten, die sich auf einem Negativbild zeigen, auf dem elektrischen

Drahte in die Ferne versandt, und dort übertragen sie sich auf einen

gewöhnlichen photographischen Film, der in der üblichen Art dann

entwickelt wird. Die etwas zerrissene Art der dadurch erhaltenen Bilder,

die namentlich bei Landschaften und Bildern mit feineren Details

unangenehm auffällt und sehr störend wirkt, wird durch die Methode

Edouard _Belins_ in Paris vermieden. Da wird erst eine dicke

Kohlenzeichnung von der zu sendenden Photographie gemacht, und über

diese Kohlenzeichnung fährt, vermittels eines rotierenden Zylinders, die

feine Saphirspitze eines Stiftes, der über die ganze Fläche des Bildes

in Spirallinien zieht, die nur ein Zwanzigstel eines Millimeters von

einander abstehen. Der Höhenunterschied an der Oberfläche der Zeichnung,

der für das Auge ebensowenig wie für das Gefühl bemerkbar ist, genügt,

um auf den Hebel übertragen zu werden, der den Stift hält, und diese

Bewegung überträgt sich wieder auf den Reciver der Empfangsstation, wo

man sie auf eine Lichtspitze wirken läßt, die durch ihre größere oder

geringere Intensität, ebenso wie bei dem Kornschen System, auf einen

Film einwirkt, der dann einfach entwickelt wird. Ein anderes Wunder

unserer Zeit ist der Graysche Telautograph, der ein geschriebenes

Manuskript durch den drahtlosen Aether zu senden vermag. Man male sich

nur aus, welche große Rolle diese Möglichkeit künftighin in den Stücken

unserer Sensations-Komödienschreiber spielen wird.

Szene: Ein Zuchthaus, weiß der Himmel wo. Zeit: Eine Stunde vor der

Hinrichtung eines unschuldig Verurteilten. Die Mutter und die Braut des

Verurteilten bitten um Gotteswillen die Hinrichtung zu verschieben, weil

ein neues Gnadengesuch an den Kaiser abgegangen ist. Aber kein Aufschub

ist möglich. Die Hinrichtung muß pünktlich zur festgesetzten Zeit

stattfinden, und der Kaiser ist weit, weit auf einer seiner Nordlands-

oder Mittelmeerreisen. »Ohne des Kaisers Unterschrift«, lautet die

Antwort, »ist kein Aufschub möglich«. Der Henker ist bereit, der Henker

wird seines Amtes walten. Alle Hoffnung ist somit verloren. Aber nein.

Die Heldin des Stückes eilt zu einer drahtlosen Station. Sie kennt die

Nummer des Kaisers, die sonst nur seine Vertrautesten kennen. Sie ruft

ihn an und spricht mit ihm, der Gott weiß wo auf der Jagd oder mit

Staatsgeschäften beschäftigt ist. Und plötzlich ein Leuchten, ein

Knistern und auf dem sich langsam abrollenden Papier erscheinen die

Schriftzüge des Kaisers. Die Begnadigung ist von ihm unterschrieben. Sie

eilt zurück und kommt gerade zur rechten Minute, um die Hinrichtung noch

zu verhindern.

Wenn wir so einem Stück auf der Bühne begegnen werden, so werden wir uns

bald über diese »Unwahrscheinlichkeit« nicht mehr wundern, denn schon

jetzt ist das Problem der Uebertragung der Handschrift vollständig

gelöst, wenn es auch der Allgemeinheit noch nicht zugänglich gemacht

worden ist. Der Graysche Telautograph überträgt mit Hilfe zweier

Seidenfäden die zitternde Bewegung, die ein Stift verursacht, mit dem

man auf einer sich schnell abhaspelnden Rolle Papier schreibt, die über

diese zwei Seidenfäden läuft. Diese Bewegung übernimmt der Reciver an

der Empfangsstation und sie verursacht die entsprechende Bewegung einer

ganz dünnen, offenen Tintentube, die infolgedessen auf dem sich ebenso

gleichmäßig abrollenden Papier dieselben Schriftzeichen wiedergibt, die

auf der Empfangsstation verursacht wurden. Man kann auf diese Art

selbstverständlich nicht nur Handschriften, sondern auch jede andere

Zeichnung und alle Zeichen übertragen. Was der Telautograph in

Verbindung mit der drahtlosen Bilderübertragung auf dem Gebiete der

Identifizierung bei weiten Distanzen alles wird leisten können, das

entzieht sich gerade unserer Beurteilung, denn dies würde uns auf

Gebiete führen, die uns heute noch ganz phantastisch erscheinen müssen,

obwohl sie zweifellos nichts als die Wahrheit sind. Allerdings die

Wahrheit der Zukunft. Kein Bankbetrug wird mehr möglich sein, es wird

keine falschen Anweisungen und keine gefälschten Schecks mehr geben.

Jeder Mensch wird jeder Bank sozusagen persönlich bekannt sein; denn

wenn sie mit ihm in Verbindung steht, wird sie ihn sehen, wird seine

Schrift kennen, wird ihn selbst seine Unterschrift leisten sehen, und

das auch dann, wenn die Bank in Berlin ist und der Auftraggeber in

Mexiko. Das drahtlose Jahrhundert wird also sehr vielen, wenn auch nicht

allen Verbrechen ein Ende machen. Es wird ein Jahrhundert der Moralität

sein, denn bekanntlich sind Moralität und Furcht ein und dasselbe.

Das Ende von Raum und Zeit.

Monarchen, Kanzler, Diplomaten, Bankiers, Beamte und Direktoren werden

ihre Geschäfte erledigen und ihre Unterschriften geben können, wo immer

sie sind. Direktoren einer und derselben Gesellschaft werden ganz ruhig

eine legale Versammlung abhalten können, wenn der Eine auf der Spitze

des Himalaya ist, und der Andere in einer Oase der afrikanischen Wüste,

der Dritte in irgend einem Badeort und der Vierte sich gerade auf einer

Luftreise befindet. Sie werden sich sehen, miteinander sprechen, werden

ihre Akten austauschen und werden sie unterschreiben, gleichsam, als

wären sie zusammen an einem Orte. Nirgends, wo man auch ist, ist man

allein. Ueberall ist man in Verbindung mit allem und jedem. Jeder kann

jeden sehen, den er will, sich mit jedem unterhalten, mit jedem Whist,

Skat und Poker, mit jedem Schach und Dame spielen und wäre der

Betreffende auch tausend Meilen von ihm entfernt. Er kann jedes

Vergnügen und jede Zerstreuung, wie sie sich jeder andere Mensch gönnen

kann, auch mitmachen. Er kann die Tänzerinnen des Königs von Siam

ebensogut in Paris in seinem Studierzimmer sehen, wie er während der

Fahrt im Bahncoupé einer Vorstellung der großen Oper von Monte Carlo

beiwohnen kann. Es gibt nichts, was er sich nicht zu leisten vermag. Er

kann die Berühmtheiten seiner Zeit alle mit Augen sehen, er kann, wenn

sie sich darauf einlassen, mit ihnen sprechen. Ja, vielleicht wird auch

noch der Apparat erfunden, durch den man ihnen die Hand drücken und

ihren Händedruck empfinden kann.

Auch das Reisen wird im drahtlosen Jahrhundert eine fabelhafte

Umgestaltung erfahren. Es wird mit einer riesigen Schnelligkeit auch

eine großartige Sicherheit verbinden. Schon jetzt haben die »drahtlosen

Techniker« den Aerophor nicht nur erfunden, sondern auch derart

vervollkommnet, daß ein automatischer Signalapparat dem Lokomotivführer

selbsttätig anzeigt, wenn ein anderer Zug auf demselben Schienenstrang

läuft und sich in einer Entfernung von nur zwei englischen Meilen

befindet. Natürlich gibt der Apparat auch die Richtung an, in der dieser

Zug sich bewegt. Dadurch sind die Lokomotivführer der beiderseitigen

Züge imstande, die Fahrt zu verlangsamen oder zu halten oder eventuell

auf ein anderes Gleise zu führen. In jedem Falle aber ist ein

Zusammenstoß ganz unmöglich. Derselbe Apparat warnt den Seemann bei

schwerem Nebel und kündigt ihm die Nähe eines andern, seinen Kurs

kreuzenden, oder in seinem Kurs auf ihn zufahrenden Schiffes an.

Und jedes andere, in einer gewissen Entfernung befindliche

Schiffahrtshindernis, wird ihm ebenso sicher durch den Apparat

signalisiert, und er wird ihm auch die genaue Entfernung angeben können,

in der es sich befindet. Ja, man hat den Apparat sogar derart

konstruiert, daß er beim Signalisieren der Gefahr sofort im

Maschinenraum nicht nur das Haltesignal gibt, sondern auch die Maschinen

selber automatisch zum Stillstand bringt.

Man wird künftig ganz wundervoll reisen, sei es _auf_ dem Meer, oder

_unter_ dem Meer, sei es _auf_ der Erde oder _unter_ der Erde oder über

der Erde in unserem neuen eroberten Reiche der Luft. Wer aber trotz

alledem nicht wird reisen wollen, der wird, wie gesagt, ganz bequem in

seinem eigenen Zimmer die ganze Welt bereisen können. Es wird keine Zeit

und keine Entfernung mehr geben, und einer Katastrophe, wie der jüngsten

von Messina und Kalabrien werden wir alle beiwohnen können, sicher in

unserem Hause sitzend, wo immer dieses auch steht. Wir werden einfach

auf drahtlosem Wege uns mit der Unglücksstätte verbinden lassen, und wer

an dem Anblick allein nicht genug hat, sondern die Sensation

furchtbarster Art ganz wird auskosten wollen, der wird, wenn er will,

auch das Angstgewimmer der Leute, das Verröcheln der Sterbenden und die

Schreie der Hungrigen und die Flüche der Irrsinnigen hören. Jedes

Ereignis werden wir so mitmachen können. Die ganze Erde wird nur ein

einziger Ort sein, in dem wir wohnen. Kein Raum wird uns mehr trennen,

wir werden überall sein, nur dadurch schon, daß wir überhaupt da sind.

-- Auch dieses Bild, das ich eben ausgemalt habe, ist keineswegs eines,

das wir erst in hundert Jahren erreichen werden. Nein. Der Apparat, der

das vermag, ist auch schon erfunden und wurde erst im vergangenen

Dezember einem jungen New Yorker Erfinder, Rothschild, patentiert. Und

im Grunde ist es eigentlich nichts weiter, als die geniale Kombination

von Kinematograph, Telautograph, Telephon und wie die großartigen

Vorläufer-Erfindungen desselben alle heißen.

Auch im politischen Leben wird die drahtlose Telegraphie eine

außerordentliche Rolle spielen. Der Wahlvorgang zum Beispiel wird

vollständig zentralisiert werden können, und Wahlen werden einfach bloß

noch in den Reichshauptstädten vorgenommen werden. Jeder wird imstande

sein, seine Stimme von dort abzugeben, wo er sich grade befindet und

jeder Wähler wird einfach durch Vergleichen mit den Wahllisten

identifiziert werden, die nicht nur den Namen und Stand des Wählers

enthalten werden, sondern auch dessen Photographie. Von den höchsten

Gletschern, von den Feldern und Sümpfen der Marschen aus wird man seine

Stimme abgeben können, und das Staatsoberhaupt wird Gelegenheit haben,

sich, wenn er will und auf welche Weise immer er dies zu tun

beabsichtigt, von der Stimmung im Volke ein wahrheitsgetreues Bild zu

schaffen, denn kein Kaiser und kein Präsident wird mehr auf den Bericht

irgend eines Schranzen angewiesen sein, sondern wird selbst, in seinem

Schlosse sitzend, jeder Volksversammlung, jeder Volksdemonstration

beiwohnen können und wird sich mit jedem in Verbindung zu setzen

vermögen, von dem er wahrheitsgetreuen Aufschluß zu erhalten glaubt. Die

Stimme der Wahrheit wird bis in die abgeschlossensten Paläste

hineindringen und dort nicht mehr ungehört verhallen können.

Auch im Gerichtssaale wird die drahtlose Telegraphie eine gewaltige

Rolle spielen. Zeugen werden nicht mehr von weit her herbeigeschafft

werden müssen, sondern sie werden einfach vor Gericht erscheinen,

während sie ruhig zu Hause bleiben oder ihren Geschäften nachgehen. Die

Kosten des Gerichtsverfahrens werden dadurch wesentlich billiger werden;

die Zeitverschwendung wird nicht mehr ins Gewicht fallen wie jetzt, und

niemand wird im Gerichtsgebäude stundenlang warten müssen. Ein Anruf

wird genügen, und jeder Zeuge, und sei er selbst am Nordpol, wird im

Augenblick zur Stelle sein. Konfrontationen werden auf dieselbe Weise

zustande kommen. Der Mörder in Chikago wird auf drahtlosem Wege dem

Kronzeugen, der sich vielleicht in Sibirien befindet, gegenüber gestellt

werden. Beide Zeugen werden einander Aug in Auge gegenüber stehen, und

hier wie dort wird man der ganzen Gerichtsverhandlung folgen und an ihr

teilnehmen können. Das einzig störende wird eben der Zeitunterschied

sein, so daß einige Zeugen mitten in der Nacht werden aussagen müssen,

wenn sie an einer Verhandlung teilnehmen, in der der lokale

Zeitunterschied ein so bedeutender ist.

Das drahtlose Zeitalter und die Mode.

Szene: Ein elegantes Boudoir in der 5. Avenue in New York. Eine Braut,

die Tochter eines Multimilliardärs, ist ganz außer sich und schwimmt in

Tränen. Ein furchtbares Unglück ist geschehen. Ihre Brauttoilette ist

ruiniert worden; ein Loch wurde durch eine Zigarette eingebrannt. So

kann sie unmöglich am nächsten Sonnabend zur Hochzeit gehen, lieber gar

nicht heiraten. Und den Schaden durch eine Spitze etwa zu verdecken,

nicht um die Welt. Entweder ist das Kleid tadellos oder sie zieht es

nicht an. Ein heimischer Schneider? Fällt ihr gar nicht ein. Das Kleid

muß von Paquin sein. Von jener weltberühmten, über hundertjährigen

Firma, die schon 1908 tonangebend in ihrem Geschmack war. »Aber Kind«,

ruft der Bräutigam, »das ist doch ganz einfach. Wir lassen uns

telautophonisch mit Paquin verbinden, suchen uns eine Brauttoilette aus,

geben Dein Maß an und lassen uns das Kleid durch drahtlosen Luftmotor

hierherkommen.« Wie weggeflogen ist in diesem Augenblick der Schmerz der

jungen Braut. Sie jubelt laut auf, klatscht in die Hände und gibt sofort

Befehl, ihren Apparat hereinzubringen. Fünf Minuten später wandeln schon

die Pariser Modelle mit den ausgesuchtesten Brauttoiletten an ihr

vorüber. Die Maße werden genau genommen und angegeben, und sechs Stunden

später hat die jetzt wieder glückliche Braut ihr Kleid, das zehnmal so

schön ist, wie das, was ihr Bräutigam verdorben hat. Ueberhaupt wird das

Einkaufen zu jener Zeit ein noch größeres Vergnügen sein, als jetzt. Man

wird einfach von seinem Zimmer aus alle Warenhäuser durchwandern können

und in jeder Abteilung Halt machen, die man eingehender zu besichtigen

oder wo man etwas auszuwählen wünscht. Die Kommis werden die Waren in

den Warenhäusern ausbreiten, so wie jetzt; die Kundinnen werden nicht in

den Warenhäusern selbst sein, sondern da, wo sie grad' weilen. Bei sich

zu Haus, oder in einer Gesellschaft oder irgendwo anders. Und sie werden

wählen und an ihrer Wahl alle ihre Freundinnen teilnehmen lassen können,

und alles wird leibhaftig vor ihren Augen erscheinen; denn natürlich

werden alle die Bilder in ihren natürlichen Farben zu sehen sein.

Auch auf Ehe und Liebe wird der Einfluß der drahtlosen Telegraphie ein

außerordentlicher sein. Liebespaare und Ehepaare werden nie von einander

getrennt sein, selbst wenn sie Hunderte und Tausende Meilen von einander

entfernt sind. Sie werden sich immer sehen, immer sprechen, kurzum, es

wird die Glückszeit der Liebe angebrochen sein und die des

Strohwitwertums vernichtet; denn künftighin wird sich die leibliche

Gattin stets davon überzeugen können, was ihr Herr Gemahl treibt; aber

auch der Herr Gemahl wird ganz genau wissen, wie und ob seine Gattin nur

an ihn denkt.

Auch der Krieg wird wesentlich durch das drahtlose Zeitalter

modifiziert. Das Durchschneiden der Kabel und das Zerstören der

telegraphischen Leitungen wird in den Bewegungen der Heere keine

Verzögerungen herbeiführen. Es wird keine falsch verstandenen Befehle

mehr geben, und der Oberbefehlshaber wird nicht erst darauf warten

müssen, daß man ihm berichtet, wo der Gang der Schlacht ist, sondern er

wird das ganze Schlachtfeld selber übersehen, und nicht das eine

Schlachtfeld allein, sondern das ganze Land, in welchem die

kriegerischen Operationen vor sich gehen. Er wird sogar imstande sein,

nach seinem Willen nicht nur die große Armeekolonne in Bewegung zu

setzen, sondern auch die kleinen Abteilungen. Sein Feldherrnblick allein

wird entscheiden; denn er in seinem Zimmer oder in seiner Baracke wird

alles sehen, die Bewegungen seiner Armeen, sowie die der feindlichen

Heereshaufen. Die Berichterstattung wird natürlich auf außerordentlicher

Höhe stehen; denn jedes, selbst das allerkleinste Blättchen, ja jeder

Abonnent desselben wird sich den Luxus erlauben können, von seinem

Zimmer aus den Kriegsereignissen beizuwohnen und alle Details derselben

zu sehen. Kurz, alle diese Wunder der drahtlosen Telegraphie werden das

kommende Zeitalter zu einem großartigen, unglaublichen machen.

Unglaublich? Nicht doch. Wir haben ja ebenso große Wunder auch schon

erlebt. Noch vor dreißig Jahren gab es kein elektrisches Licht, kein

Telephon, kein Grammophon und keinen Phonographen. Die großen Wunder

haben wir jetzt geschaffen, und was ich geschildert habe, ist nichts als

die allgemeine Nutzanwendung derselben; das ist nur das, was ganz

bestimmt kommen wird und zum Teil schon da ist. Doch es liegen noch ganz

andere Möglichkeiten vor. Es ist möglich, daß der Landmann sechs- bis

zehnfach so große Früchte züchten wird, als jetzt. Es ist

wahrscheinlich, daß er statt einer und zweier Ernten sechs- bis zehnmal

im Jahre die Früchte nach Hause bringen wird. Es ist möglich, daß ein

Arzt eine ganze, von einer Seuche heimgesuchte Stadt auf einmal dadurch

heilen wird, daß er eine elektrische Zyklonwelle drahtloser Energie über

sie wird fluten lassen. Der Wetterprophet wird nicht mehr das Wetter

ansagen, sondern das Wetter machen. Sonnenschein und Regen wird nur von

dem Willen der Menschen abhängen. Ueberall auf Erden wird man den Winter

und jeden Sturm durch elektrische Wärmewellen vertreiben, die den ewigen

Frühling über das Land breiten werden. Und ein neuer Marconi wird

vielleicht mit den Bewohnern des Mars sich verbinden und wird die

Geheimnisse der fremden Welten dadurch offenbaren.

Professor Cesare Lombroso.

Verbrechen und Wahnsinn im XXI. Jahrhundert.

Verbrechen und Wahnsinn im XXI. Jahrhundert.

Von Professor Cesare Lombroso.

Es ist heutzutage nicht so leicht wie früher, als Prophet aufzutreten,

noch schwerer aber ist es, wenn man prophezeiht, die Leser oder Zuhörer

zum Glauben zu zwingen. Trotz alledem gibt es Voraussagungen, die nicht

auf die mehr oder weniger glaubwürdigen und unglaubwürdigen Eingebungen

gestützt sind oder gar aus Geistermunde verkündet werden, sondern die

nichts weiter sind, als die logischen Folgerungen, die man aus den

bestehenden Prämissen zieht und die daher zweifellos Anspruch auf

Beachtung und Glaubwürdigkeit haben.

Wenn wir zum Beispiel die Behauptung aufstellen wollten, daß es im

nächsten Jahrhundert im Verhältnis zur Bevölkerungsziffer fünfmal mehr

Wahnsinnige geben wird, als jetzt, so ist das nichts als eine

statistische Deduktion aus den Zahlen, die uns die zivilisierten Völker

aller Länder heutzutage bieten.

Jacobi weist nach, daß die Zahl der Irrsinnigen in Frankreich in 33

Jahren um 53 Proz. stieg, während im gleichen Zeitraum die

Bevölkerungsziffer nur um 11 Proz. gestiegen ist.

In Italien gab es im Jahre 1880 17471 Irrsinnige und 27 Jahre später

zählte man in dem italienischen Königreiche nicht weniger als 45000.

In England kamen im Jahre 1889 auf je 10000 Einwohner 18 Irre. Im Jahre

1893 war diese Zahl schon auf 29 gestiegen, und bis zum heutigen Tage

hat diese Steigerung noch immer bedeutend zugenommen.

In den Vereinigten Staaten wuchs die Bevölkerungsziffer in 30 Jahren um

das Doppelte an, die Zahl der Irrsinnigen aber um mehr als das

sechsfache; denn sie stieg von 15610 auf 95998.

Diese erschreckenden Zahlen sind leider nur allzu verständlich; denn die

Gründe, die den Irrsinn zur Folge haben, werden immer stärker und

häufiger und mannigfacher.

Der Orient überschwemmt uns mit seinem Opium und seinem Haschisch; der

Norden Europas gibt dem Süden ungeheure Mengen seines Mutterkornes ab,

und der Süden schickt als Revanche dem Norden seinen verdorbenen Mais,

die alle in sich das tödliche Gift für unsern Geist und unser Hirn

tragen.

So wie seit Jahrhunderten der Wein unsere Psyche vergiftet hat und wie

es in noch ärgerem Maße das Bier, der Schnaps, der Absinth und der

Wermut tun und getan haben, so wirkt jetzt auch noch zum Ueberfluß der

Aether, das Morphium und Codein tödlich auf unsern Geist ein, und man

hat gut gegen diese Gifte, insbesondere aber gegen den Alkoholgenuß zu

predigen und zu reden, es wird doch immer weiter getrunken werden, teils

um sich zu betäuben, teils um dem immer trüber dahinfließenden Strome

des Lebens doch wenigstens eine Stunde des Glücks und des Vergessens zu

entreißen. Und man wird weiter trinken, um lustig zu sein und immer

lustiger, bis eine weisere, aufgeklärtere, gescheiter gewordene

Menschheit dem immer genußdurstigen, menschlichen Hirn andere harmlose,

aber ebenso mächtige, ebenso energische Genüsse verschafft haben wird,

wie sie ihm heute das Trinken tatsächlich schafft.

Vom Tee und Kaffee spreche ich hier gar nicht, die zwar auch

Erregungsmittel des Geistes sind, aber doch nicht kräftig genug, um auf

die Phantasie und die Sinne derart zu wirken, daß sie als Ersatzmittel

derselben gelten könnten. So lange die Welt so bleibt, wie sie ist, wird

man mit den Verheerungen rechnen müssen, die der Alkohol anrichtet. Nun

füge man noch den höllischen Wirbel hinzu, in den der Mensch jetzt durch

das Hasten des Lebens gerissen wird, und der ihn arbeiten und arbeiten

und immer arbeiten läßt, bis auch die stärkste Energie aufgebraucht und

die widerstandsfähigsten Kräfte gebrochen werden; und man nehme das

Ruhelose dieses Lebens hinzu, das die Ruhe nur findet, wenn sie längst

schon zu spät kommt, und denke an all' die horrenden Arbeitsmengen, die

jeder schaffen muß und die, wie Beard sagt, jeden Amerikaner schon in

einen Neurastheniker verwandelt haben und auch jeden gebildeten Europäer

dazu machen, von welch letzterem schon Kräpelin sagt, daß er viel zu

viel Nerven und viel zu wenig Nerv hat! Vielleicht ist auf diese

Erschöpfung, die sich in der Degenerationsvererbung zeigt,

zurückzuführen, daß wir in den letzten Jahren das Kolorit des Wahnsinns

sich merkwürdig verändern sehen, und daß wir diese Veränderung im

nächsten Jahrhundert zweifellos noch prononzierter sehen werden. Es

verschwinden nämlich allmählich jene eigentümlichen Fälle von Paranoia,

Melancholie und Halluzinationen, die früher so häufig waren und unsere

Irrenanstalten mit so viel Fürsten, so viel Genies, so viel

Erfindern und so viel eingebildeten Opfern von Jesuiten- und

Freimaurer-Verfolgungen übervölkern. Jetzt treten dafür immer mehr jene

verschwommenen Formen auf, die wir geistige Zerstreutheiten und

Störungen nennen, oder jene frühen Wahnsinnsformen, die im Jugendalter

auftreten und eine Mischform der eben genannten Zerstreutheitsstörungen

mit den alten Formen der Monomanie und Melancholie bilden, durch welche

die Grenzlinien dieser vollständig verwischt werden. Die Entdeckung

_dieser_ Form verdanken wir dem großen Deutschen _Kräpelin_, obwohl sie

schon _vor_ ihrer Entdeckung, d. h. vor ihrer Erkennung Opfer über Opfer

gefordert hat.

Dieser frühzeitige Irrsinn, die alkoholischen Wahnsinnsformen und die

allgemeinen progressiven Paralysen, sowie die anormalen Formen der

Epilepsie werden dann die Insassen für unsere Irrenanstalten abgeben,

dagegen wird die Zahl der Idioten, vor allem aber die der Kretins ganz

außerordentlich abnehmen. Ebenso wird die vornehmlich bei uns in Italien

herrschende, durch den Maisgenuß hervorgerufene Pellagra kein Opfer mehr

fordern. Das Verschwinden dieser Formen wird nur eine Folge unserer

zunehmenden Kultur und unseres nicht zu leugnenden, zunehmenden

Wohlstandes sein.

Das Verbrechen.

Im Gegensatz zum Wahnsinn wird das Verbrechen sowohl an Zahl wie an

Größe und Intensität immer mehr abnehmen. Wer die Verbrecherstatistik

von Mitteleuropa studiert, würde auf den ersten Blick allerdings diese

rosige Voraussetzung nicht verstehen; denn die ganz schweren Verbrechen,

d. h. Mord und Totschlag, haben zwar ein klein wenig abgenommen, aber

Diebstahl, Betrug und Fälschungen haben im ganzen so außerordentlich

zugenommen, daß sie in den letzten 25 Jahren auf beinahe das Doppelte

stiegen. Der Zahl nach sind also die Verbrechen jetzt noch immer in der

Zunahme begriffen. Wer aber genauer hinsieht, wird trotzdem zu dem von

mir angegebenen günstigen Resultate der Zukunft gelangen, weil er die

Verminderung der kapitalen Verbrechen in Australien mit in Rechnung

ziehen wird und nicht nur der Kapitalverbrechen, sondern der Verbrechen

überhaupt. Auch wird er nicht übersehen können, daß in Nordamerika der

Verbrechenszuwachs eigentlich nur zu Lasten der nach Amerika

eingewanderten, sowie der farbigen Bevölkerung fällt. Und ebensowenig

wird er es unterlassen, seine günstigen Schlüsse aus der Abnahme des

Verbrechens sowohl in London als in Genf zu ziehen, wo man mit allen

Mitteln versucht hat, dem Verbrechen energisch zu Leibe zu gehen und ihm

möglichst den Garaus zu machen, ein Versuch, der, trotzdem es sich um

große Zentren des Verbrechens handelt, dennoch einen günstigen Erfolg zu

haben scheint. Und wer nun das alles in Rechnung zieht, der wird ohne

viel Mühe prophezeien können, daß im nächsten Jahrhundert die Zahl der

Verbrechen ganz außerordentlich abgenommen haben muß, wobei allerdings

nicht zu übersehen ist, daß sehr viele Verbrecher infolge unserer weit

ausgedehnteren Kenntnisse des Wahnsinns und der psychischen Erkrankungen

ihr ganzes Leben lang in Irrenhäusern oder in Irrenreservationen

eingeschlossen sein werden. Diese Art, die Verbrecher unschädlich zu

machen, wird der Menschheit aber zum größten Nutzen gereichen, da eine

weitere Vererbung des Uebels dadurch unmöglich gemacht werden wird.

Die momentane Verschlechterung in bezug auf die Zahl der Verbrecher, die

namentlich auffallend in der großen Zahl Rückfälliger[4] und

Minderjähriger, namentlich in Europa, zum Ausdruck kommt, findet ihre

Erklärung in dem doppeltabnormen Zustande unserer Gesetzgebung und

unseres Gefängniswesens, die sich beide, wenn auch erst ganz schüchtern

und zaghaft, einerseits den Theorien jener so sehr angefeindeten Schule

nicht mehr verschließen können, die das Verbrechen als ein

Krankheitssymptom auffaßt, die aber andererseits noch in den alten,

alteingewurzelten Ideen fußen, die auf der freien Willensäußerung

basieren. So vereint unsere Zeit in blindem Unverstande alle Schäden der

beiden Anschauungen, ohne daß die Allgemeinheit irgendwelche Vorteile

aus deren Vorzügen zieht. Es ist dies ein Zustand, der etwa dem zu

vergleichen wäre, wenn ein Irrenarzt, der mit den alten Ideen so sehr

verwachsen ist, daß er die Wahnsinnigen gleich Verbrechern behandelt und

sie in Ketten legt, schlägt und mißhandelt, nun plötzlich von den Ideen

der modernen Erkenntnis angehaucht würde und plötzlich anfinge, seine

Pfleglinge gleichzeitig sowohl als Verbrecher wie als Kranke zu

behandeln.

[Fußnote 4: Rückfällige waren im Jahre 1880 20 Prozent aller Verbrecher

und im Jahre 1900 40 Prozent. Ganz genau dasselbe Verhältnis zeigte sich

auch in Belgien. In Italien wuchs die Zahl der minderjährigen

Verbrecher, die zu längeren oder kürzeren Strafen verurteilt wurden, von

30118 im Jahre 1890 67944 im Jahre 1905.]

Tatsächlich bricht sich, was das Verbrechen anbelangt, immer mehr

_unsere_ Anschauung Bahn, daß auch dieses als eine organische

Erscheinung, nicht aber als eine menschliche Willensäußerung aufzufassen

ist. Daß wir uns daher wohl vor ihm schützen müssen, nicht aber in

Unmenschlichkeiten gegen den Verbrecher ausarten dürfen. Mit dieser

Erkenntnis nun stehen unsere starren, eisernen Gesetze noch völlig im

Widerspruche, und die »mildere Auffassung« derselben schadet weit mehr

als sie nützt, denn sie geben der Menschheit den Verbrecher immer

wieder, und geben ihm so die Gelegenheit, den Keim des Verbrechertums

immer weiter und weiter zu verbreiten.

Im kommenden Jahrhundert aber werden alle Hindernisse, die sich heute

noch einer vernunftgemäßen Behandlung von Verbrechen und Verbrechern

entgegenstellen, längst beseitigt sein. Die Anfänge dazu sind ja schon

da, und die Erfolge zeigen sich überall, wo man den Mut hatte, die

Neuerungen einzuführen. In London sowohl wie in Nordamerika, wo man

jetzt mit aller Energie daran geht, die Verbrecher im Sinne der modernen

Wissenschaft für die Menschheit ungefährlicher zu machen. An die Stelle

unserer Zuchthäuser werden große Verbrecherkrankenhäuser treten, in

denen der rückfällige Verbrecher auf Lebenszeit interniert werden wird,

ohne an der Behandlung körperlich, geistig oder seelisch zu leiden.

Große humane Arbeitsanstalten werden errichtet werden; riesige Farmen

werden dem Verbrechernachwuchs zum Aufenthalt dienen, aber auch denen,

die Neigung zum Alkoholismus verraten, und sich darin als

unverbesserlich erweisen; und an die Stelle unserer furchtbaren

Zuchthaus- und Gefängnisstrafen werden Geldstrafen, Arbeitsstrafen,

Duschen, Feldarbeiten und Hausarrest treten. Natürlich werden _diese_

Strafen nur die Gelegenheitsverbrecher treffen und die jugendlichen

Verbrecher, die ja die Mehrheit unserer Verbrecherwelt bilden und die

erst _durch_ unsere Gefängnisse in ihren Verbrecherinstinkten bestärkt

werden. Keiner wird dann mehr die »Strafe« als solche empfinden, sondern

nur einen Versuch darin sehen, den psychischen Krankheitskeim in ihm zu

stören, ihn wieder »gesund« zu machen, und ihn als gesundes Mitglied der

Menschheit wiederzugeben. Schulen, Bibliotheken, Vorträge und der

Verkehr mit geistig hervorragenden und charakterfesten Menschen, die

wahre Aerzte der Seele sein werden, werden das ihrige dazu beitragen,

diesen Heilungsprozeß zu ermöglichen und zu beschleunigen.

Damit ist noch immer nicht gesagt, daß im kommenden Jahrhundert das

Verbrechen vollständig verschwinden wird. Gerade weil das Verbrechen

teils von unserem Organismus, teils von unserem sozialen Verhältnis

abhängt, wird das Verbrechen zwar abnehmen und andere Formen annehmen,

aber niemals vollständig verschwinden. In jedem Falle werden, wie man

jetzt schon statistisch nachweisen kann, in den nächsten Jahrzehnten in

den zivilisierten Ländern die durch Frauen begangenen Verbrechen aller

Voraussicht nach ganz außerordentlich an Zahl zunehmen. Gegenwärtig ist

das Verhältnis der Verbrecherin zum Verbrecher ein geradezu minimales;

aber der große Zahlenunterschied verwischt sich immer mehr, und auch in

bezug auf die Schwere der Verbrechen werden die Frauen ihren männlichen

Kollegen bald ebenbürtig werden, wenn sie sie nicht überflügeln werden.

Haben wir nicht jüngst erst eine _Madame Humbert_ gesehen, die sich

jahrelang die finanziellen Kombinationen und Geldoperationen in so

außerordentlich raffinierter und schlauer Weise zunutze machte, wie es

kein Mann imstande gewesen wäre. Wir haben die _Gouransee_ gesehen, die

sich den Annoncenteil der Blätter und die unglaublichsten Kenntnisse auf

dem Gebiete der Toxikologie zunutze machte, um unter dem Vorwande einer

reichen Heirat Personen anzulocken und sie zu vergiften und im eigenen

Garten zu begraben. Und eine _Grete Beier_, die in Deutschland die

juridischen Kenntnisse, die sie sich im Laufe der Zeit angeeignet hatte,

dazu benutzte, um ein falsches Testament aufzusetzen, die Handschriften

fälscht, die Gift braucht und überdies zur Feuerwaffe greift, um einen

Verliebten zu töten und seine Erbin zu werden. Diese Kompliziertheit der

Verbrechen wird man auch bei den Missetaten der Männer bald in

verhältnismäßig zunehmender Zahl finden, wenn auch die Gesamtsumme der

Verbrechen selber abnehmen wird. Denn keiner macht sich die technischen,

ökonomischen und sozialen Errungenschaften so schnell und so sicher

zunutze wie der Verbrecher. Wir haben schon in diesem Jahrhundert ganz

neue Arten von Verbrechen auftauchen sehen, bei denen das Zweirad, das

Motorrad und das Automobil eine große Rolle gespielt haben. Und in

Amerika, wo alles, selbst das Verbrechen einen großartigen Zug hat,

werden auch Eisenbahnzüge und Dampfmaschinen dazu benutzt. So brach der

berüchtigte _Trassy_ aus dem Zuchthaus von Oregon, sprang auf eine

Schnellzugs-Lokomotive und raste mit ihr davon, so daß er nur dadurch

festgenommen werden konnte, daß eine noch schnellere Maschine ihm

nachraste und ganze Züge von Polizeisoldaten ihm entgegen fuhren. In

unserer Zeit der Genossenschaften und Vereinigungen ist

es selbstverständlich kein Wunder, daß wir auch auf große

Verbrechergenossenschaften stoßen. In Nord-Amerika, in Rußland, in

Deutschland und in England hat man geradezu Aktiengesellschaften von

Dieben, Einbrechern und Falschspielern entdeckt. Aktiengesellschaften,

die eigene luxuriös eingerichtete Bureaus hielten, über jedes Verbrechen

Buch führten und es im Einnahmen- und Ausgabenkonto verzeichneten. In

Moskau hob man eine, aus dreißig Aristokraten bestehende Verbrecherbande

auf, die mit enormem Kapital arbeitete, das in die Millionen ging.

Dieser Bande standen in den verschiedensten Städten prachtvolle

Wohnungen, Paläste und glänzend ausgestattete Villen, sowie ein Heer von

Dienern, Automobilen und Equipagen zur Verfügung, und sie hatten überall

ihre Komplizen. In New York gibt es Hunderte von Assekuranzschwindlern,

die sich zu einer Spezialität ausgebildet haben. Vor zwei Jahren wurden

acht Versicherungsgesellschaften von einer Verbrecherbande von Fälschern

um fünf Millionen Dollars, das ist über zwanzig Millionen Mark,

beschwindelt; sie versicherten alte, sterbenskranke Menschen auf hohe

Summen, statt der Kranken aber wurden bei der Untersuchung vollständig

gesunde Personen für die zu versichernden ausgegeben; überdies wurden

von ihnen Hunderte von Ausweispapieren und Totenscheinen gefälscht, und

sie gingen in ihrer Frechheit so weit, selbst ein Begräbnis zu

inszenieren und eine Wachspuppe in pomphaftem Leichenzuge zur letzten

Ruhestätte geleiten zu lassen, während derjenige, den die Wachspuppe

vorstellte, sich den Spaß machte, mit unter den Leidtragenden mitzugehen

und seinem eigenen Begräbnisse zuzusehen!

Der berühmte Giftmischer _Holmes_ könnte als der vollendetste Typus des

Verbrechers der Zukunft gelten. Er versicherte das Leben seiner Opfer

auf hohe Summen, brachte ihnen dann Gift bei und strich zuletzt das Geld

ein. Als hypermoderner Mensch, der er war, spielte bei allen seinen

Verbrechen der Anzeigenteil der Journale, der Telegraph, das Telephon

und sogar die drahtlose Telegraphie eine ganz bedeutende Rolle. Er war

der Virtuose des modernen Verbrechertums und führte jedes Verbrechen so

künstlerisch, d. h. so kompliziert wie nur möglich aus, um nicht nur den

Nutzen, sondern auch seine Freude daran zu haben.

Aber wenn sich die Verbrecher von einst auch all der Erfindungen ihrer

Zeit noch ausgiebiger werden bedienen können, wie es die Gauner unserer

Zeit jetzt schon in oft ganz verblüffender Weise tun, so werden doch

damit auch gleichzeitig die großen Erfindungen Hand in Hand gehen, die

den Verbrechern das Handwerk legen werden. Es wird immer schwerer und

schwerer werden, ein Verbrechen auszuführen, ohne geradezu im selben

Momente auch schon entdeckt zu werden. Und auch darin wird ein guter

Teil des Grundes liegen, warum die Verbrechen werden abnehmen müssen.

Allerdings werden gerade die Gefahren manchen verlocken, die

Ueberlegenheit seines Geistes zu zeigen, die ihn befähigt, _dennoch_ ein

Verbrecher zu sein, aber das werden nur wenige Enthusiasten sein, die

man immer noch findet und die es auch heute schon gibt.

Regierungsrat Rudolf Martin.

Der Krieg in 100 Jahren.

Der Krieg in 100 Jahren.

Von Regierungsrat Rudolf Martin.

Die Kriegführung in hundert Jahren wird sich von der Kriegführung der

Gegenwart weit mehr unterscheiden, als diese von der Kriegführung vor

der Erfindung des Schießpulvers. Und doch hat die Erfindung des

Schießpulvers die gewaltigsten Veränderungen zustande gebracht. Das

gesamte Kriegswesen wurde durch das Aufkommen des Schießpulvers um die

Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa umgestaltet. Das Rittertum

verschwand. An die Stelle des Lehnsaufgebots trat das stehende Heer. Der

Lehnsstaat hörte auf. Die Macht des unbeschränkten Königtums kam in den

meisten Ländern zur Geltung.

Daneben zeigten sich Wirkungen des europäischen Schießpulvers, durch das

mit dem Jahre 1492 einsetzende Zeitalter der Entdeckungen. In Amerika

und in Ostindien unterlag die Kultur der Eingeborenen den Schießwaffen

der europäischen Entdecker. Aber das Schießpulver war nur ein Teil der

Ueberlegenheit der Europäer. Im übrigen verdankten sie ihre Erfolge

ihrer Seetüchtigkeit. Das Aufkommen des Kompasses seit ungefähr dem

Jahre 1310 hatte die Sicherheit der Schiffahrt vermehrt und die

Entdeckungsfahrten ermöglicht. Die Fortschritte der Astronomie, der

Geographie und die Zunahme der Bildung im Zeitalter der Reformation

ermöglichten die Herstellung brauchbarer Seekarten. Selbst die Erfindung

der Buchdruckerkunst um das Jahr 1462 hat an den Erfolgen und Siegen der

Seefahrer und Entdecker einen großen Anteil.

Von größter Bedeutung aber war das Aufkommen reiner Segelschiffe, die

nicht mehr auf Ruder eingerichtet waren. Der Transport des Proviants und

des Trinkwassers für die vielen Ruderknechte hatte bis zum Jahre 1300

jede größere Entdeckungsfahrt unmöglich gemacht. Indem im Laufe der

Jahrhunderte die Segelschiffe immer größer wurden, konnten weitere

Reisen unternommen und eine größere Zahl von Soldaten transportiert

werden. Wäre aber in der Zeit von 1300 bis 1500 die Kunst des Lavierens

nicht aufgekommen, so würden die europäischen Seeschiffe an größeren

Unternehmungen verhindert worden sein.

Diese umgestaltende Wirkung der Technik auf die Kriegsführung wird sich

in verstärktem Maße in den kommenden hundert Jahren vollziehen. Die

Technik der Motorluftschiffahrt, der Unterseeboote, der drahtlosen

Telephonie und Telegraphie und wahrscheinlich auch der drahtlosen

Uebertragung von Starkstrom wird neben der Fortbildung der Sprengmittel,

der Artillerie und der Schutzvorkehrungen den Krieg vollkommen

umgestalten und eine weitgehende Einwirkung auf die Politik ausüben.

Besonders aber wird die Motorluftschiffahrt die gesamte Kriegführung

umgestalten. Die Motorluftschiffahrt verstärkt die Macht der

industriellen, kapitalreichen Großmächte mit dichter, geistig hoch

entwickelter Bevölkerung und mit großen Landheeren gegenüber den

agrarischen, armen Großmächten mit dünner, geistig rückständiger

Bevölkerung oder mit kleinen Landheeren.

Begünstigt kann die militärische Stärke einer Großmacht im Zeitalter der

Motorluftschiffahrt auch durch die geographischen Verhältnisse werden.

Deutschland, welches im Zentrum des Kontinents von Europa gelegen ist,

kann vermittels seiner Motorluftschiffahrt Einfluß nach allen Seiten und

auf alle anderen europäischen Großmächte ausüben.

Auch in hundert Jahren dürfte die Lage Deutschlands sich besser für die

Motorluftschiffahrt eignen als die Lage Englands. Der Verkehr über den

Atlantischen Ozean wird wesentlich schwächer sein, als der Verkehr auf

dem Kontinent von Europa. Von jedem Punkt Europas oder Asiens oder

Afrikas kann man aufsteigen, um irgend einen Punkt in Deutschland auf

dem Motorluftfahrzeug zu erreichen. Man kann aber nicht von einem

einzigen Punkte in dem Atlantischen Ozean aufsteigen, um auf dem

Motorluftfahrzeuge England zu erreichen. Dabei soll nicht in Abrede

gestellt werden, daß auch die Dampfer auf dem Meere in hundert Jahren

einen Verkehr durch Drachenflieger mit dem Festlande unterhalten.

Für die Seeschiffahrt war England als Insel besonders günstig veranlagt.

Für die Motorluftschiffahrt ist England als Insel besonders ungünstig

veranlagt. Denn auf dieser Insel herrschen heftige Stürme, und lagert

häufig ein dichter, gefährlicher Nebel. Ueberdies aber ist der Verkehr

über den Ozean weit seltener als der Verkehr über Land. Deutschland aber

erfreut sich nicht nur des größten Landverkehrs durch die Luft, sondern

auch wahrscheinlich des größten Seeverkehrs durch die Luft. In jedem

Falle ist Deutschland für den transatlantischen Verkehr durch die Luft

ebenso geeignet wie Großbritannien. Da aber auf den britischen Inseln

heute nur 42 Millionen Einwohner wohnen, gegenüber 62 Millionen

Köpfen in Deutschland, so ist anzunehmen, daß die stärkere

Bevölkerungsvermehrung, durch welche sich Deutschland schon heute

auszeichnet, in hundert Jahren eine gewaltige Ueberlegenheit an Zahl der

Bevölkerung geschaffen hat. Auf Grund einer weit stärkeren Bevölkerung,

welche die englische um etwa 50 Millionen überragen dürfte, wird

Deutschland auch einen viel größeren Verkehr an Personen und leichten

Gütern durch die Luft mit Amerika unterhalten.

Da die Bevölkerung Frankreichs schon seit Jahrzehnten stagniert, während

die Bevölkerung Deutschlands jährlich um 860000 Köpfe zunimmt, so wird

Deutschland in hundert Jahren mehr als die doppelte Einwohnerschaft von

Frankreich haben. Schon aus diesem Grunde ist die aeronautische

Ueberlegenheit Deutschlands über Frankreich eine gewaltige. Verstärkt

wird diese Ueberlegenheit durch die zentrale Lage Deutschlands im Herzen

von Europa. Da Rußland an Industrie, Kapital und geistiger Bildung

Deutschland in hundert Jahren noch längst nicht erreicht haben wird, so

wird auch Rußland auf dem Gebiete der Motorluftschiffahrt weit hinter

Deutschland zurückstehen. Die großen internationalen Luftlinien von

Berlin bis Peking oder von Berlin über Südrußland nach Teheran und

Indien werden nicht im Eigentume russischer sondern deutscher Firmen

stehen.

Je mehr Motorluftfahrzeuge eine Großmacht im Kriege besitzt, um so

stärker ist sie. Die Masse der Motorluftfahrzeuge kann eine Großmacht in

hundert Jahren während des Krieges aber nur aus dem Verkehr entnehmen.

Die Großmächte können nicht für die Heeresverwaltung und die

Marineverwaltung für 10 oder gar 20 Milliarden Mark Motorluftfahrzeuge

im Frieden für den Kriegsfall beschaffen. Dasselbe gilt von den

Luftschiffhäfen. Wie das Deutsche Reich sich heute im Kriegsfalle der

bestehenden und dem Verkehre dienenden Eisenbahnen bemächtigt, so wird

es in hundert Jahren bei Ausbruch eines Krieges seine Hand nicht nur auf

die Verkehrsluftlinien und Luftschiffhäfen, sondern auch auf die im

Besitze der Sportsleute befindlichen Drachenflieger und Motorballons

legen. Nur wenn man diese Veränderungen des Verkehrs und des

Stärkeverhältnisses der Mächte im Auge behält, kann man sich ein Bild

von der Art der Kriegführung in hundert Jahren machen. Der Charakter des

künftigen Krieges wird schon durch die Tatsache ein verändertes Aussehen

haben, daß die sich feindlich gegenüberstehenden Kriegsmächte andere

geworden sind, als wir es aus der Geschichte der letzten tausend Jahre

gewohnt sind. Zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und

England oder Deutschland und Oesterreich-Ungarn ist ein Krieg in hundert

Jahren vollkommen ausgeschlossen. Sämtliche europäischen Staaten, keinen

ausgenommen, bilden in hundert Jahren eine Staatengemeinschaft, welche

den gegenseitigen Krieg ebenso ausschließt, wie heute etwa ein Krieg

zwischen dem Königreich Bayern und dem Königreich Preußen oder dem

Deutschen Reiche unmöglich ist. Der zunehmende Luftverkehr hat eine

solche Menge gemeinsamer Bedürfnisse und Interessen geschaffen, daß in

hundert Jahren sämtliche europäischen Staaten als Staatengemeinschaft

ein gemeinsames europäisches Parlament und eine gemeinsame europäische

Gesetzgebung haben. Durch die gemeinsame Gesetzgebung und durch die

Verfassung der europäischen Staatengemeinschaft ist aber ein Krieg

zwischen europäischen Staaten nicht nur ausdrücklich untersagt, sondern

auch tatsächlich zur Unmöglichkeit geworden.

Solange ein märkischer Raubritter einen benachbarten Raubritter

bekriegen konnte, bewegte sich die Kriegführung in den entsprechenden

primitiven Formen. Sie wurde großartiger in dem Zeitalter der

Entdeckungen und des Schießpulvers. In hundert Jahren können die

vereinigten Staaten Europas Kriege nur führen mit der gelben Rasse, also

mit China, Japan und Siam oder mit den Vereinigten Staaten Amerikas. Im

übrigen hat das europäische Militär nur die Aufgabe der Niederwerfung

von Aufständen. Volkserhebungen in Europa sind undenkbar, da die

europäische Gesamtverfassung und die Regierung aller Einzelstaaten eine

sehr freiheitliche und dem Volkswillen entsprechende ist. Nicht selten

aber finden sich gewaltige Erhebungen der Neger und anderer Stämme in

Afrika, der Indier und der Bewohner Vorderasiens.

Nur durch die massenhafte Anwendung der Motorluftfahrzeuge kann Afrika,

welches unter die verschiedenen europäischen Großmächte aufgeteilt ist,

niedergehalten werden. Auch die Herrschaft über die 400 Millionen

Einwohner Indiens würde den Engländern längst dauernd entwichen sein,

wenn nicht die gesamten europäischen Staaten die riesenhafte Menge ihrer

Motorluftfahrzeuge und Luftschiffertruppen gemäß den Verpflichtungen der

Gesamtverfassung bei jeder indischen Revolution den Engländern sofort

zur Verfügung gestellt hätten.

Zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika, welche den gesamten

Kontinent von Nordamerika und Südamerika umfassen, und den Vereinigten

Staaten von Europa bestehen die denkbar besten politischen Beziehungen.

Allerdings sind die europäischen Generalstäbe ebenso wie die

amerikanischen Generalstäbe auf die Möglichkeit eines Krieges

vorbereitet. Aber es ist außerordentlich unwahrscheinlich, daß ein

solcher Krieg jemals ausbrechen wird.

Der einzige wirklich bedeutende Weltkrieg, der in hundert Jahren

stattfindet, ist ein Krieg der Vereinigten Staaten Europas gegen das

verbündete China und Japan. Während dieses viermonatlichen ungewöhnlich

blutigen Krieges haben sich die Vereinigten Staaten von Amerika

vollkommen neutral gehalten. Tatsächlich haben sie aber zur schnellen

Niederwerfung der gelben Rasse einen bedeutsamen Beitrag geliefert,

indem sie die Ausfuhr von allem Kriegsmaterial nach Ostasien

verhinderten.

In diesem Weltkriege ist aber die fortgeschrittene Kriegstechnik, wie

sie in dem ersten Jahrhundert der Motorluftschiffahrt sich ausgebildet

hat, voll und ganz zur Geltung gekommen. Der Hauptangriff Europas gegen

China wie gegen Japan erfolgte von der Landseite, also vom Westen aus.

Unterstützt wurde diese Aktion durch einen Angriff der vereinigten

europäischen Flotten in dem Stillen Ozean.

Die Ursache des Krieges ist nicht ohne Zusammenhang mit der Strategie

und Taktik des Feldzuges. China und Japan hatten beide beschlossen, die

Motorluftschiffahrt zu verstaatlichen und den europäischen

Verkehrsluftlinien die Erlaubnis zu entziehen, eigene Luftschiffhäfen in

China und Japan zu besitzen und den Transport von Personen und Waren

durch die Luft zu betreiben. Die europäische Staatengemeinschaft hatte

einstimmig von vornherein diese Verletzung der althergebrachten Rechte

der europäischen Verkehrsluftlinien abgelehnt. Am 1. Juni des Jahres

2008 setzten China wie Japan das wenige Tage zuvor von ihnen erlassene

Gesetz in die Wirklichkeit um, indem die staatlichen Behörden sämtliche

Luftschiffhäfen Chinas und Japans mit Beschlag belegten und die

europäischen Motorluftfahrzeuge auswiesen. Da sich die deutschen,

russischen, englischen und französischen Beamten der Luftschiffhäfen und

der Motorluftfahrzeuge diesen Anordnungen der chinesischen Behörden

vielfach widersetzten, und in einer Reihe chinesischer Städte schwere

Ausschreitungen des Pöbels gegen die Europäer vorkamen, an denen auch

nachweisbar chinesische Beamte und Soldaten nicht unbeteiligt waren,

beschloß die Gesamtvertretung der europäischen Regierungen die sofortige

Kriegserklärung.

Durch drahtlose Telegraphie wurden alle Motorluftfahrzeuge europäischer

Gesellschaften aus China und Japan zurückberufen und ihnen der Auftrag

gegeben, nach Möglichkeit die europäische Bevölkerung nach Europa oder

Indien oder Sibirien zurückzuführen.

Sofort begann die Mobilisierung der europäischen Luftflotte. Siam bat

die europäischen Regierungen neutral bleiben zu dürfen, versprach aber

der Rüstung europäischer Motorluftflotten in Siam nicht entgegentreten

zu wollen.

Innerhalb von wenig Stunden wurden alle Luftschiffhäfen rings um das

chinesische Reich von Wladiwostock bis Samarkand in Zentralasien und

weiter bis nach Lee 3434 Meter hoch in den Bergen des Himalaya-Gebirges,

in Kalkutta, Siam und Tonking in Kriegszustand gesetzt. Mehr als tausend

Motorballons waren von Sibirien, Indien und Tonking schon in den ersten

drei Stunden nach der Kriegserklärung in das Innere von China unterwegs,

um den Europäern behilflich zu sein, auf den Motorluftfahrzeugen zu

entkommen und um an Benzin oder Gas notleidende europäische

Motorluftfahrzeuge auf ihrer Heimreise zu unterstützen. Von zahlreichen

Luftschiffhäfen und in der Luft fahrenden Motorluftfahrzeugen treffen in

Sibirien, in Anam, Indien und russisch Turkestan drahtlose Depeschen mit

Nachrichten über den Stand der Dinge ein. Da eine Reihe von

Luftschiffhäfen in China sich gegen die chinesischen Behörden und den

Pöbel verteidigen, so muß ihnen von den ersten verfügbaren Streitkräften

der Luftflotten zunächst Hilfe gebracht werden. Die ersten großen

Luftgeschwader, welche Wladiwostok, Hanoi in Anam, Kalkutta verlassen,

dringen gleich tief in das Innere von China ein. In Erwartung der

kommenden Ereignisse hatte die englische Regierung ebenso wie die

internationalen Luftlinien Vorsorge getroffen, daß eine ungewöhnlich

starke Luftmacht in Lasar, der Hauptstadt Tibets, konzentriert war.

Insonderheit waren auch die Luftschiffhäfen an der Nordgrenze Tibets mit

gut ausgerüsteten Riesenluftschiffen versehen.

Die Entscheidung in einem solchen Kriege liegt nicht bei den

Aluminiumluftschiffen oder Ballonetluftschiffen. Sie liegt auch nicht

bei den Drachenfliegern. Die Schlachtluftflotte der Zukunft besteht aus

den riesenhaften Vakuumluftschiffen, die nicht von Gas getragen werden,

sondern auf Grund der Leere des Raumes aufsteigen. Die alte Idee des

Jesuitenpaters Franzesko Lana aus dem Jahre 1670 war bereits am 9.

September 1908 in einem Leitartikel des hervorragenden deutschen

Gelehrten G. J. Derb in den Illustrierten aeronautischen Mitteilungen

wieder aufgenommen worden. Seitdem ist sie nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Im Jahre 2008 verfügen die europaischen Luftlinien zusammen über mehr

als 10000 Vakuumluftschiffe, während die Heeresverwaltungen und

Marineverwaltungen der europäischen Staaten etwa 5000 Vakuumluftschiffe

besitzen. Keines dieser Vakuumluftschiffe hat einen geringeren Umfang

als 300000 Kubikmeter. Die Wände sind aus feinem Nickelstahl

hergestellt, welcher fester ist als im Jahre 1908 die Panzerplatten.

Eine genaue Beschreibung dieses wichtigsten Motorluftfahrzeuges der

Zukunft habe ich in meinem soeben erschienenen Buch »Von Ikarus bis

Zeppelin« (Brandussche Verlagsbuchhandlung, Berlin) Seite 144 gegeben.

Ein solches Luftschiff wird vor der Fahrt durch große Luftpumpen

vollkommen von Luft entleert. Solche Pumpen sind in allen

Luftschiffhäfen vorrätig. Auch führt das Luftschiff selbst eine durch

einen Motor in Gang gehaltene Luftpumpe mit sich. Das Vakuumluftschiff

hat den großen Vorzug, daß es allen Gefahren des Wasserstoffgases

überhoben ist.

Das Vakuumluftschiff kann nicht explodieren oder verbrennen.

Ueberdies kostet das Wasserstoffgas der Aluminiumluftschiffe und

Ballonetluftschiffe viel Geld und muß immer wieder ergänzt werden. Das

Vakuumluftschiff kann sich solange in der Höhe halten, wie die

Luftpumpen ordnungsgemäß arbeiten, also Monate lang und unter Umständen

Jahre lang.

Auf Grund ihres riesenhaften Umfanges haben die Vakuumluftschiffe eine

ungeheure Tragfähigkeit. Allerdings wiegt die schwere Stahlumhüllung

eines Vakuumluftschiffes von 300000 cbm bereits 200000 kg. Aber der noch

verfügbare freie Auftrieb von 100000 kg oder 100 Tonnen gestattet den

Transport von 1000 Personen auf eine kürzere und 600 Personen auf eine

weitere Entfernung.

Ein Teil der Vakuumluftschiffe in Sibirien, Zentralasien und Indien

wurde mit Militär beladen, ein anderer Teil mit Dynamittorpedos.

Insgesamt gingen gleichzeitig 200 Vakuumluftschiffe von allen Seiten in

das Innere von China vor. Dies alles geschah in den ersten drei Stunden

nach der Kriegserklärung. Gleichzeitig wurden zunächst alle

Vakuumluftschiffe in Deutschland, Frankreich, England aus dem Verkehr

genommen und auf dem kürzesten Wege zu den Luftschiffhäfen an den

Grenzen des Reiches der Mitte gesandt. Auch allen Vakuumluftschiffen,

die zwischen Berlin und Ostasien oder zwischen Berlin und Kalkutta

verkehrten, wurde durch drahtlose Telegraphie die Anweisung gegeben,

sofort in dem nächsten Luftschiffhafen die Passagiere wie die Waren auf

Aluminiumluftschiffe oder Drachenflieger zu verladen und selbst

unverzüglich nach bestimmt angegebenen Luftschiffhäfen an der

chinesischen Grenze zu fahren. Innerhalb 24 Stunden waren nicht weniger

als 1000 Vakuumluftschiffe längs der chinesischen Grenze zum Ersatz und

zur Verstärkung der schon vorhandenen Vakuumluftflotte zusammengezogen.

Innerhalb drei Tagen waren insgesamt 12000 Vakuumluftschiffe auf dem

Kriegsschauplatz.

Der größte Unterschied, abgesehen von der Motorluftschiffahrt selbst,

zwischen der heutigen Kriegführung und der Kriegführung im Jahre 2009

ist vielleicht darin zu finden, daß der Krieg nicht an den Grenzen des

feindlichen Landes beginnt, sondern sofort tief in das Innere

hineingetragen wird.

Sobald die Gesandtschaften Peking verlassen haben würden, sollte das

Bombardement Pekings und insbesondere der militärischen Gebäude sowie

des Kaiserpalastes beginnen. Von Hongkong, Anam und Wladiwostok waren

sofort nach der Kriegserklärung insgesamt 20 Aluminiumluftschiffe nach

dem Gesandtschaftsviertel in Peking beordert, um das ordnungsmäßige

Aufsteigen der Gesandtschaften in ihren Aluminiumluftschiffen sicher zu

stellen und diese Luftfahrzeuge gegen die Angriffe der chinesischen

Luftflotte zu beschützen.

Die Luftmacht des chinesischen Reiches bestand aus etwa 300

Aluminiumluftschiffen und 600 Ballonetluftschiffen. Die chinesische

Regierung besaß im Jahre 2009 noch nicht ein einziges Vakuumluftschiff.

Der geringe Umfang der chinesischen Luftflotte hatte seinen Grund in der

Ausdehnung der europäischen Verkehrsluftlinien über das ganze

chinesische Reich. Gerade um zu einer großen, selbständigen Luftmacht

für den Kriegsfall zu gelangen, wollten China und Japan das unbequeme

Joch der europäischen Verkehrsluftlinien von sich abschütteln.

Ganz ausgezeichnet war aber die japanische Luftflotte. Sie hatte einen

großen Rückhalt an den japanischen Luftlinien, die von Tokio bis

Wladiwostok, Peking und selbst bis Schanghai reichten. Japaner pflegten

nach Rußland wie China aus Patriotismus regelmäßig nur auf japanischen

Luftschiffen zu fahren. Den inneren Verkehr Japans haben von Anfang an

nur japanische Luftlinien versorgt. Natürlich war die japanische

Luftmacht noch nicht ein Viertel so groß wie die englische und noch

nicht einmal ein Zehntel so groß wie die deutsche. Auch qualitativ stand

sie nicht unerheblich hinter der deutschen zurück. Ein welterfahrenes,

mit den Eigentümlichkeiten aller Länder vertrautes Luftschifferkorps

kann eine Kriegsmacht nur auf Grund internationaler Verkehrsluftlinien

heranbilden.

Die japanische Luftmacht war wenig größer als die chinesische, aber

qualitativ besser. Zusammen bildeten die Luftflotten Chinas und Japans

eine recht ansehnliche Macht, die einer einzelnen weit vorgeschobenen

Luftflotte der vereinigten europäischen Kriegsmächte leicht gefährlich

werden konnte.

Es ist für unsere Zeitgenossen wirklich nicht leicht, sich eine Schlacht

im Jahre 2009 auszumalen. Das Wesen einer jeden Schlacht zu Lande wie zu

Wasser besteht in dem Luftangriff. Nur wer das Zeppelinsche

Aluminiumluftschiff in der Nacht vom 4. auf den 5. August 1908 oder den

Parsevalschen Motorballon am 23. Oktober 1908 in einer Höhe von 1500

Metern jenseits der Wolken hervorschießen und sich hinter den Wolken

wieder verbergen sah, wird einen Begriff von dem Wesen des künftigen

Schlachtgetümmels haben.

Ein Sieg rein auf dem Lande oder rein auf dem Wasser in Abwesenheit der

Luftflotten ist ohne jeden strategischen Wert. Nur durch eine seltene

Verkettung von Zufällen könnte sich ein reiner Landsieg ohne Luftsieg

denken lassen. Was würde es einer Armee von sechs Armeekorps nützen,

wenn sie in einer gewaltigen Feldschlacht eine andere vielleicht gleich

starke Armee zurückgeschlagen hätte und nun plötzlich in das Feuer einer

Luftmacht von 3000 Motorluftfahrzeugen käme? Es ist nichts leichter, als

mit Truppen gefüllte Ortschaften oder Biwaks aus der Luft vollständig zu

zerstören oder marschierende Kolonnen auf der Landstraße zu beschießen.

Wenn eine Luftflotte auf der Landstraße marschierende Truppen

überraschen will, so fahren die Luftschiffe zu Vieren nebeneinander und

vielleicht in hundert Reihen oder Gliedern hintereinander. Wenn ein auf

der Landstraße marschierendes Infanterieregiment plötzlich bei bewölktem

Himmel von einer Luftflotte von 400 Luftschiffen, die sich

hintereinander über das marschierende Regiment begeben, beschossen wird,

so ist das Regiment vernichtet. Innerhalb einer Stunde kann aber

dieselbe Luftflotte eine Reihe von Regimentern vernichten, solange eben

der Vorrat an Dynamittorpedos reicht.

Ein einziges Vakuumluftschiff normaler Größe trägt neben der Besatzung

von etwa 500 Mann auf kürzere Entfernungen 950 schwere Dynamittorpedos à

75 kg oder 4750 leichte Dynamittorpedos à 15 kg. Welches Bataillon

könnte wohl einen Hagel von 4750 Dynamittorpedos aushalten? Wenn nun

aber 20 solcher Vakuumluftschiffe hintereinander fahren, so können sie

aus der sicheren Höhe von 1500 Metern die marschierende Infanterie

einfach wegrasieren. Breite Streuapparate, die sechsmal so breit sind

als eine Landstraße, lassen gleichzeitig die Dynamittorpedos fallen, so

daß ein Zielen nicht nötig und ein Nichttreffen ausgeschlossen ist. Der

Transport ganzer Armeekorps und Armeen auf den Hauptstraßen eines Landes

ist in der Nähe feindlicher Luftschiffe überhaupt nicht mehr möglich.

Wenn die Fachleute der Aeronautik und die Generalstäbe im Jahre 1908

noch nicht zu dieser Erkenntnis gekommen waren, so liegt dies lediglich,

daran, daß sie immer nur an ein Exemplar oder höchstens drei Exemplare

des Zeppelinschen Aluminiumluftschiffes denken. Mit der Möglichkeit, daß

man 1000 oder gar 10000 Motorluftschiffe verschiedener Art herstellen

könne, haben sie überhaupt nicht gerechnet. Die deutsche Nation allein

hatte im Jahre 1909 ein Nationalvermögen von etwa 225 Milliarden Mark

und im Jahre 2009 ein Nationalvermögen von 450 Milliarden Mark, welches

zum großen Teil in Afrika und Vorderasien angelegt wird. Nach einer

genauen Aufstellung aus dem Jahre 2009 sind etwa 10 Milliarden Mark des

deutschen Nationalvermögens in Motorluftfahrzeugen und Luftschiffhäfen

angelegt. Unter diesen Umständen ist die ausschlaggebende Rolle der

Luftflotten im Kriege nicht zu verwundern.

In dem Weltkriege des Jahres 2009 haben die Kriegsflotten der

europäischen Mächte nur insoweit eine Rolle gespielt, als sie bereits im

Beginn des Krieges in den ostasiatischen Gewässern zusammengezogen

waren. Ihre Hauptrolle haben sie aber nicht als Seeschiffe gespielt,

sondern gewissermaßen als Flösse oder Stationen zum Absenden von

Motorluftfahrzeugen gegen das feindliche Land.

Gleich bei Beginn des Krieges in den ersten 24 Stunden ließen die

Spezialschiffe für Motorballons und Drachenflieger der vereinigten

europäischen Luftflotten 100 Drachenflieger und 50 Motorballons in der

Nähe von Tonking aufsteigen. Diese vom Meere kommende Luftflotte

vereinigte sich über Peking mit den ersten von der Landseite

eingetroffenen Luftflotten und griff die chinesische Luftflotte direkt

über der Hauptstadt an. Wenn die europäischen Luftschiffe nicht

wiederholt während des ersten Tages nach der Kriegserklärung zur neuen

Aufnahme von Munition nach den vor Taku liegenden Spezialschiffen

zurückkehren konnten, so würden sie sich total verausgabt haben. Der

stete Ersatz der Munition an Dynamittorpedos, sowie des Benzins

ermöglichte aber die Niederkämpfung des bei Peking zusammengezogenen

Hauptteils der chinesischen Luftmacht an einem Tage.

Die lange Dauer des Krieges von vier vollen Monaten beruht nur in dem

Widerstande der japanischen Luftmacht und in der Größe des chinesischen

Reiches, wo fast jede einzelne Stadt bis zur Zahlung von staatlichen

Kontributionen und Bestrafung der schuldigen Beamten bombardiert wurde.

Erst im Jahre 2009 ist die gelbe Rasse zu der Erkenntnis gekommen, daß

infolge der aeronautischen Ueberlegenheit der weißen Rasse jeder

Widerstand künftig vergeblich sei. Die Marine, die Infanterie und

Artillerie verloren seitdem mehr und mehr ihre Bedeutung für den Krieg,

nachdem die Kavallerie schon um das Jahr 1950 fast ganz verschwunden

war. Im Jahre 2009 genügte es, ein guter Aeronaut zu sein, um als ein

tüchtiger Soldat mit Erfolg kämpfen zu können. Die Kinder in Deutschland

wie in China verwechselten bereits vollständig den Begriff des Soldaten

mit dem des Luftschiffers. Meist begriffen sie nicht, daß nicht jeder

Soldat ein Luftschiffer sei. Und in der Tat, die Zahl der reinen

Infanteristen und Artilleristen war schon enorm zusammengeschrumpft. Die

Menge der Infanteristen und Artilleristen ging auf Drachenfliegern in

das Gefecht. Das Rückgrat der ganzen Kriegsmacht Deutschlands aber

bildete die Mannschaft der Vakuumluftschiffe.

Bertha von Suttner.

Der Frieden in 100 Jahren.

Der Frieden in 100 Jahren.

Von Bertha von Suttner.

In der »Sorbonne von Europa« war für den 1. März 2009 ein Vortrag des

berühmten brasilianischen Geschichtsprofessors, Dr. Pedro Diaz,

angesagt. Allwöchentlich las an dieser Universität ein Gelehrter aus

einer anderen Metropole des Globus. Nicht nur die Vortragenden, auch die

Zuhörer rekrutierten sich aus allen Weltgegenden. Wie man hundert Jahre

früher von allen Ländern zu den Bayreuther Festspielen pilgerte, so kam

man jetzt aus den übrigen Kontinenten nach der auf einem Schweizer

Hochplateau als Prachtbau errichteten Sorbonnen geflogen, um den

Zelebritäten zu lauschen, die dort dozierten.

Das für jenen 1. März angesetzte Thema hieß:

»_Die moderne Friedensherrschaft und ihre historische Entwicklung_.«

Wie das die Geschichtsprofessoren stets zu tun pflegen, so holte auch

Pedro Diaz bei der entrücktesten Vorzeit aus und es dauerte etwa

anderthalb Stunden, ehe er von den Pfahlbauern bis zum zwanzigsten

Jahrhundert vorgedrungen war. Beim Jahre 1908 angelangt, sagte er:

»Dies ist das denkwürdige Jahr, in welchem die Menschheit den Luftozean

erobert hat; damit hebt eine neue Epoche -- unsere Epoche -- an, und da

wollen wir in unserem Rückblick ein paar Minuten aussetzen.«

Nach kurzer Erholungspause fuhr der Professor also fort: »Der

Rüstungswahnsinn war um diese Zeit schon zum Paroxismus gestiegen. Jedes

Land war ein bewaffnetes Lager; was immer der menschliche Genius auf

technischem Gebiete erfand, wurde in den Dienst der Massentötung

gestellt; die Lasten der Heeres- und Flottenbudgets und der daraus

entspringenden Steuern- und Schuldenerhöhungen waren so drückend

geworden, daß man schon an der Grenze des Unerträglichen stand, und doch

war die Losung immer nur: Weiterrüsten. Die Erde war mit Festungen

gespickt, mit Minen untergraben, die Meere auf und unter den Wogen mit

Todesfahrzeugen gefüllt, und kaum waren die ersten Versuche, sich der

Luft zu bemächtigen, gelungen, als sich schon die Heeresleitungen

anschickten, auch dieses Element mit Sprengstoff-Schleuderern zu

bevölkern. Wirklich ein hoffnungsreicher Zustand unserer lieben

Gotteserde! Diese ist zwar auch nicht immer menschenfreundlich; das

bewies sie wieder in jenem Jahre 1908, wo sie mit einem ungeduldigen

Ruck einen ganzen Landstrich und dessen 200000 Einwohner vernichtete;

aber diese Katastrophe war doch nur ein Spiel gegen jene, welche die

zivilisierte Menschheit sich selber vorzubereiten eifrig bestrebt war.

Wenn man, von unserer Zeitdistanz aus, das bis an die Zähne bewaffnete

und nach »immer mehr, immer mehr Waffen« rufende Europa ins Auge faßt,

so muß dem Unwissenden scheinen, als wäre damals von der

Friedensherrschaft, deren wir uns heute erfreuen, noch kein Schimmer am

Horizont aufgegangen, und als ob eine gewaltige und plötzliche

Revolution -- etwa die der Lufteroberung -- nötig gewesen sei, um so

gänzlich veränderte Zustände herbeizuführen. Das ist aber nicht der

Fall. Dem gewissenhaften Historiker offenbart sich die Erkenntnis, daß

damals unsere heutige kriegslose Weltordnung schon in Bildung begriffen

war, daß alle ihre moralischen und materiellen Voraussetzungen bereits

gegeben waren, von vielen erkannt, von der Masse unbemerkt; und daß

tausend Kräfte -- selbst die scheinbar in der entgegengesetzten Richtung

tätigen -- sich in der Entwicklungslinie bewegten, die zur modernen

Friedensherrschaft geführt hat.

Es gab ja damals auch schon, wie ich in meinen früheren Ausführungen

erwähnte, eine direkte Friedensbewegung, die sichtbare und wirksame

Ergebnisse gezeitigt hatte: das Zarenreskript, die Union, die

zahlreichen Schiedsgerichtsverträge, die Friedensvereine und -Kongresse,

eine ganze pazifistische Literatur, eine pan-amerikanische Konvention,

ein von Andrew Carnegie gestiftetes Friedens-Palais im Haag usw.; aber

diese Erscheinungen wurden vielfach ignoriert und gering geschätzt. Sie

hatten ihr Endziel nicht erreicht, neben ihnen wuchsen und gediehen die

militärischen Einrichtungen, stiegen Kriegsgefahren auf, kamen auch

Kriege zum Ausbruch -- also hatte man leichtes Spiel, sie als leere

Träume zu behandeln. Aber die Kräfte, die ich meine, die unsichtbaren,

die indirekten, die arbeiteten unablässig an der Organisierung der Welt,

d. h. an ihrem Zusammenschluß und an Ihrem Aufstieg zu einer höheren

Kulturstufe. Immer enger knüpfte sich das Netz der Internationalen

Interessen. Die Mächte schlossen Ententen, um die zwischen Ihnen

schwebenden Streitfragen aus der Welt zu schaffen; solche

Freundschaftsbündnisse, mit der Spitze gegen niemand -- dehnten sich von

einem Land zum anderen und von einem Kontinent zum anderen:

Frankreich--England; Deutschland--Amerika; Amerika--Japan; und besonders

was Europa betrifft, so wuchs aus all den verschiedenen

Freundschaftsbündnissen langsam ein verbündetes Europa heraus. Noch hieß

es nicht so, aber gebärdete sich schon als solches. In moralischer

Hinsicht: bei dem Unglück in Sizilien schlug _ein_ europäisches Herz in

Mitgefühl und diktierte vereinte Hilfsaktion; in politischer Hinsicht:

bei all den Balkan-Kriegsgefahren arbeiteten die Mächte mit Eifer daran,

den Krieg abzuwehren; der Fall von Casablanca wurde dem Haager

Schiedsgericht zugewiesen; über die Marokko-Frage schlossen die

langjährigen Gegner, Frankreich und Deutschland, ein Abkommen. Der

Widerwille vor den Massenschlächtereien, der Respekt vor dem

Friedensideal nahmen zu. Die mächtigsten Kriegsherren rechneten es sich

zur Ehre, als Friedensfürst gepriesen zu werden, -- kurz, der Uebergang

von der Gewaltepoche zur Rechtsepoche hat sich schon vor hundert Jahren

deutlich vollzogen und hätte -- auch ohne Eroberung der Luft -- zu

unserem heutigen Zustande geführt.«

Der Professor blickte auf seine Uhr. »Wir haben nicht mehr Zeit, die

Ereignisse des letzten Jahrhunderts, sofern sie sich auf unser Thema

beziehen, Revue passieren zu lassen; ich will nur die Grundlagen und

Prinzipien erörtern, auf welchen die gegenwärtige Friedensherrschaft

ruht.

Leider kann ich nicht, indem ich von unserem Zeitalter spreche, es als

ein goldenes schildern. Wir schreiben 2009 -- sind also noch dem

mittelalterlichen Barbarentum bedenklich nahe. Die Menschheit ist --

wenn man bedenkt, daß noch hunderttausend, vielleicht millionen Jahre

vor ihr liegen -- noch immer in ihrer Kindheit; jedenfalls hat sie noch

mehr von der Tierähnlichkeit, die ihrem Ursprung entspricht, als von der

Gottähnlichkeit an sich, die ihr Ziel ist. Erwägt man, daß vor hundert

Jahren der Mensch noch des Menschen Wolf war, daß ihm von nirgend her

mehr Gefahren des Zerrissen- und Zerfleischtwerdens drohten als von

seinem eigenen Geschlecht, dazu das tiefe Elend und die krasse

Unwissenheit von neun Zehnteln ihrer Masse, so kann man nicht verlangen,

daß sie nach so kurzer Frist auf dem Gipfel der Zivilisation angelangt

sei, und daß jenes Maß von Kultur, das sie besitzt, schon in alle Winkel

und alle Niederungen hätte dringen können. Nein, wir haben noch gegen

vieles Leid und viele Gefahren zu kämpfen, und hinterlassen auch noch

unseren Kindern ein großes Kampfeserbe.

Immerhin, gegen unsere Vorfahren, die vor hundert Jahren lebten, sind

wir glücklich zu preisen. Vor allem haben wir, was sie gar nicht

kannten, wofür sie nur einen Namen, aber niemals das Wesen hatten -- wir

haben den Frieden. Was bei ihnen so hieß, waren die Pausen zwischen den

Kriegen; zu seiner Sicherheit hatte man nichts Besseres erfunden als die

durch Drohung eingeflößte Furcht; der Krieg war -- akut oder latent --

der herrschende Zustand; von dem Kriege der Zukunft wurde täglich als

von etwas Selbstverständlichem gesprochen und gedruckt. Den »ewigen

Frieden« haben wir ja heute auch noch nicht, denn immer noch können

Ueberfälle minder vorgeschrittener Völkerschaften gewärtigt werden, aber

dann erscheint dies als etwas Außerlegales, als ein von seiten des

Angreifers verübtes Verbrechen. Wir besitzen immer noch zu Lande, zur

See und zur Luft disziplinierte bewaffnete Heere, Schutztruppen im

höchsten Sinne des Wortes, weil sie -- wie die Gendarmerie und Polizei

unserer Vorfahren, niemals zu Offensiv- und Eroberungs-, Haß- und

Rachezwecken dienen, sondern zur Aufrechterhaltung der Ruhe und der

Gesetze im Innern, zur Hilfeleistung und Rettung überall dort, wo ein

Volk in Not ist. Durch diese hehre Sendung wird unserem Militärstande

noch immer, wie einst, der Rang des »ersten Standes« zuerkannt.

Auf welchen Grundlagen ruht unser Friedensregime?

Einmal auf der einfachen Unmöglichkeit, Kriege zu führen. Wir sind im

Besitze von so gewaltigen Vernichtungskräften, daß jeder von zwei

Gegnern geführte Kampf nur Doppelselbstmord wäre. Wenn man mit einem

Druck auf einen Knopf, auf jede beliebige Distanz hin, jede beliebige

Menschen- oder Häusermasse pulverisieren kann, so weiß ich nicht, nach

welchen taktischen und strategischen Regeln man mit solchen Mitteln noch

ein Völkerduell austragen könnte.

Einmal entschuldigte sich ein Bürgermeister beim Empfang seines

Landesherrn, daß er keine Kanonenschüsse abfeuern ließ. »Ich hätte

siebzehn Gründe,« sagte er, »erstens besitzen wir keine Kanonen -- --«

»Dann erlasse ich Ihnen die sechzehn übrigen Gründe,« unterbrach der

Landesherr.

Ebenso könnten Sie mir sagen, es sei überflüssig, noch andere Grundlagen

für den Bestand des Friedens anzugeben, wenn schon die Unmöglichkeit des

Krieges erwiesen ist. Aber ich will den Schein nicht aufkommen lassen,

als ob wir bloß darum nicht mehr Krieg führten, weil wir nicht mehr

können. Unser Verzicht auf das Recht gegenseitigen Todschlags hat höhere

Motive und sicherere Garantien:

Alle Interessen der kultivierten Menschheit sind als solidarisch erkannt

worden. Jahrtausende lang hat man seine Ansichten und seine Taten auf

das Recht des Stärkeren gegründet und sich dabei -- als man

Naturwissenschaft studiert hatte -- auf den »Kampf ums Dasein« berufen,

und alle Entwicklung durch das Auffressen der Kleinen durch die Großen

erklärt. Erst später ist man zu der Erkenntnis gekommen -- und unter

diesem Einfluß leben wir heute -- daß der eigentliche Faktor in Natur

und Gesellschaft, der zu höheren Formen führt, _die gegenseitige Hilfe

ist_.

Zu den Grundlagen unseres Friedens gehören auch die Religionen. Das

Christentum hat sich auf seinen tiefsten Sinn besonnen; das Judentum

erinnert sich des mosaischen Gebotes »Du sollst nicht töten«; der

Buddhismus folgt seinem, die ganze Schöpfung umfassenden, liebevollen

^tat wam asi^; die Anhänger des Confuzius haben seither den Krieg

verachtet, und die Bekenner der kosmischen Religion, d. i. jener

Religion, die aus allen übrigen Glaubenslehren nur die Ahnung des

Göttlichen in die Offenbarungen der Wissenschaft hinübergerettet hat,

die verabscheuen den Krieg als die Negation des Gottes in ihrer Brust.

Vor hundert Jahren haben die an Wunder grenzenden Errungenschaften der

Technik, des Verkehrs, der gemeisterten Naturkräfte ganz neue

Lebensbedingungen geschaffen, aber die moralische Wandlung hielt mit der

physischen nicht gleichen Schritt. Man hielt trotz der verwandelten

Umstände die alten Zustände, die alten Denkweisen eine Zeitlang fest.

Man war mit einem Worte dem Milieu nicht angepaßt. Aber was nicht

sterben will, muß sich anpassen, und da kam nun für die Menschheit eine

Epoche, wo sie auf dem Gebiete der geistigen und moralischen Kräfte

ebensoviel Neues und Umwälzendes schuf, wie ihr dies auf dem physischen

Gebiete gelungen war. Seelenkräfte, die früher zwar auch schon vorhanden

waren, wie die Naturkräfte auch, wurden sozusagen erst entdeckt, oder

vielmehr -- sie wurden nutzbar gemacht, in den Dienst der Lebensführung

gestellt, in die Regeln des politischen Verkehrs eingefügt, aus dem sie

bisher verbannt waren, z. B. _die Güte, die Ehrlichkeit, das Vertrauen_.

Damit ward eine andere Atmosphäre geschaffen, in der wir heute atmen und

in der der Krieg -- dessen Luft aus Haß- und Verdachtsstoff besteht --

einfach ersticken mußte.

Was aber unserem Friedensregime die sicherste, gegen Rückfälle und

Zufälle gefeite Basis verleiht, ist dies: Wir wissen, daß es nichts

Starres, nichts Ewiggleichbleibendes gibt. Unsere Vorfahren wußten das

zwar auch, aber sie bauten darum nicht minder ihre Staaten und ihre

staatlichen Einrichtungen auf der Voraussetzung auf, daß an ihren

Grenzen nicht gerückt, an ihren Institutionen nicht einmal gemäkelt

werden dürfe. Hier führten sie unbeugsame Starrheit ein. Da aber Grenzen

sich auch verschieben, Regierungsformen sich auch verändern müssen, so

blieb dieser, Notwendigkeit keine andere Möglichkeit sich durchzusetzen,

als die Anwendung der Gewalt. Und so stellten sich immer zur rechten

Zeit Kriege und Revolutionen ein. Wir hingegen lassen das _Prinzip der

Elastizität_ walten. Wir wissen, Bevölkerungen nehmen ab oder nehmen zu

und müssen sich im letzteren Fall über die Grenzen ergießen; wir wissen,

Nationen und Rassen entstehen und vergehen; wir wissen, es finden neue

Zusammenschlüsse und neue Trennungen statt; wir wissen, die Bedürfnisse

nach Verwaltungsformen wechseln und streben überhaupt immer größerer

Freiheit zu, und unser Leben hat sich dieser Naturnotwendigkeit

angepaßt; wir widersetzen uns ihr nicht -- und auch damit ist die

häufige Ursache für Krieg und Bürgerkrieg behoben. Die durch den

Luftverkehr aufgezwungene Handelsfreiheit -- denn wo wollte man da oben

Zollschranken anbringen -- hat die Zollkriege aus der Welt geschafft --

überall findet jede Handelsmacht die »offene Tür« -- kurz, für

Wettkämpfe auf industriellem und geistigem Gebiet liegt vor uns die Welt

noch offen -- für Waffenkämpfe ist sie verschlossen.

Von den beim Anbruch der krieglosen Zeit freigewordenen, materiellen

Reichtümern und geistigen Kräften, welche jetzt, statt für

Vernichtungszwecke, im Sinne der »gegenseitigen Hilfe« verwendet werden

und ungeahnten Wohlstand und Hochstand verbreitet haben, will ich nicht

reden, sondern als unsern herrlichsten Gewinn hervorheben, daß wir, über

alle Längen- und Breitengrade hinaus, unsere Mitmenschen lieben und

achten dürfen, daß nicht mehr den Grenznachbarn gegenüber Mißtrauen und

Mißgunst, Bosheit und Gehässigkeit unsere Seelen trüben. Daß wir nicht

mehr, wie einst die Verteidiger der Kriegsinstitution es taten, deren

Ewigkeit durch die Ewigkeit unserer bösen Instinkte beweisen müssen,

sondern daß wir mit dem Philosophen, von dem ich Ihnen als einem der

Vorkämpfer und Vordenker des Friedens erzählen konnte -- mit Immanuel

Kant sagen dürfen: »Der Mensch kann nie zu hoch vom Menschen denken«.

Frederick Walworth Brown.

Die Schlacht von Lowestoft.

Die Schlacht von Lowestoft.

Von Frederick Walworth Brown.

Schlacht? Nein, es ist keine Schlacht, die ich schildern will. Es ist

etwas anderes. Es ist die Vernichtung einer Flotte und deren

Konsequenzen. Es ist . . . doch _was_ es ist, werden die Leser ja sehen,

und sie werden Schlußfolgerungen selber zu ziehen vermögen. Die

Schlußfolgerungen, die sich ganz von selber ergeben und die darin

gipfeln, daß ein Krieg der Zukunft schon deshalb unmöglich sein wird,

weil er entschieden sein dürfte, noch ehe er beginnt. Ob allerdings

meine Schilderungen erst _in hundert Jahren_ zutreffen wird oder nicht

schon viel, viel früher, das will ich nicht direkt entscheiden. Mir

kommt es vor, als wäre es eine Sache von Morgen, dem unser Heute mit

Riesenschritten entgegengeht.

* * * * *

Als die Tür aufging, sah der Admiral der Luftflotte auf. »Ah, Sie sinds,

Hellborn!« fragte er den vor seinem obersten Vorgesetzten

strammstehenden jungen Offizier. »Bitte, setzen Sie sich.«

Einen Augenblick lang suchte der Admiral in einigen Akten herum, dann

sah er plötzlich wieder auf den jungen Offizier hin, und es war, als

wolle er mit seinem Blicke förmlich das Innerste dieses Mannes

durchdringen. _Der_ aber hielt den Blick mit der unbefangensten Miene

von der Welt aus. »Hellborn,« sagte der Admiral, »ich habe Sie für eine

Aufgabe ausersehen, die Sie mit Stolz erfüllen dürfte; Sie wissen wohl,

daß uns der Krieg droht und zwar ein Krieg, der dem Lande ganz ungeheure

Opfer auferlegen würde, und dessen Ausgang zum mindesten sehr

zweifelhaft ist. Es gilt nun, und ich verlasse mich auf Sie, daß Sie mit

niemandem davon sprechen, diesen Krieg unmöglich zu machen.« »Wie?« rief

der junge Offizier, als hätte er nicht recht gehört. »Das kann doch Ihr

Ernst nicht sein, Exzellenz? Wir brennen doch gerade darauf, endlich zu

zeigen, was wir vermögen; welch eine mächtige, allen überlegene Waffe

wir sind, und wollen doch endlich der Seeflotte den Beweis auch

erbringen, daß _sie_ das Spielzeug ist, nicht aber _wir_, die wir noch

immer dafür gehalten werden.« »Das sollen Sie ja auch, lieber Hellborn,«

sagte der Admiral, »und darum rief ich Sie her. Der »Albatros« ist ja

flugfertig, machen Sie sich bereit, heute mit Anbruch der Nacht, sagen

wir um 1/2 9, loszufahren, und richten Sie sich auf eine Fahrt von 6 bis

8 Tagen ein.« »Und wohin soll es gehen?« »Das kann und darf ich Ihnen

nicht sagen. Sie erhalten an Bord des »Albatros« Ihre versiegelten

Ordres. So, und jetzt gehen Sie, und Glück auf die Fahrt. _Viel_ Glück,

denn vergessen Sie nicht, daß in Ihre Hand Krieg und Frieden, in Ihre

Hand die ganze Zukunft des Landes gegeben ist.«

* * * * *

Leutnant Hellborn war mit der Aufgabe, die seiner harrte, nicht sehr

zufrieden. Es wollte ihm nicht recht in den Sinn, daß er, der sich auf

den Krieg gefreut hatte, wie sich nur ein Mensch zu freuen vermag, der

Soldat in jedem seiner Muskeln, jedem seiner Nerven ist, daß er nun --

den Friedensvermittler spielen sollte. Wie, das wußte er ja selbst

nicht, aber die Aufgabe paßte ihm nicht. Absolut nicht. Und nun kam ihm

noch Leutnant Ester von der Seeflotte in den Weg. »Na, schon gehört?

endlich scheint's loszugehen. Freu' mich schon riesig. 's ist wieder mal

Zeit, daß wir die Glieder recken. Na, sollst einmal sehen, wie wir die

Kerls zusammenschießen. Ihr fliegt wohl auch aus. Ja, ich hörte sogar,

wie Admiral Willems von Euch sprach. Ihr sollt ihm den Aufklärungsdienst

leisten.« »So? weiter nichts?« sagte Hellborn, der über die

nebensächliche Rolle, die man der Luftschiff-Flotte wieder zuweisen

wollte, empört war. »Na, wenn Ihr Euch nur nicht irrt.«

»Wieso irrt? Was anderes könnt Ihr ja doch nicht machen, und nehmt Euch

mal vor den Zenithkanonen in acht. _Eine_ Kugel daraus und Ihr habt

genug . . .« »Nur keine Angst um uns. Sieh' Du Dich lieber vor den

Lenktorpedos und den Unterseebooten vor. Adieu.«

Und in keineswegs gehobener Stimmung setzte er seinen Weg zur

Luftschiffstation fort. Es war sieben Uhr, als er beim »Albatros«

anlangte. Der kommandierende Offizier war von der Mission Hellborns

schon verständigt. »Was ist denn los?« fragte er diesen.

»Weiß nicht. Hab' keine Ahnung. Ich erwarte meine Orders erst hier.«

»Ist der Krieg schon erklärt?« »Ich glaube nein.« »Und wann macht Ihr

klar?« »In anderthalb Stunden.«

Hellborn machte sich sofort daran, »sein« Schiff zu inspizieren. Es war

das erste Mal, daß er ein selbständiges Kommando führte, und er fühlte

einen berechtigten Stolz darüber, daß der Admiral gerade _ihn_ dazu

ausersehen hatte, das Schiff zu führen. Uebrigens wuchs seine

Bewunderung für seinen Chef mit jedem Schritte, den er auf dem

Luftkreuzer machte, denn das sah er sofort, daß die Expedition, die er

heute so plötzlich unternehmen mußte, von langer Hand vorbereitet war,

und daß sie einen sehr, aber sehr ernsten Zweck hatte. -- In weniger als

einer Stunde war die Inspektion beendet und Hellborn hatte sich

überzeugt, daß nichts fehlte, und alles, jedes kleinste

Maschinenteilchen, tadellos funktionierte. Fünf Minuten vor halb neun

kündigte er dem Admiral auf drahtlosem Wege seine Abfahrt an, dann

befahl er seinem Operator, den Apparat auszuschalten, »denn ich will

keine Befehle und keine Contreorders erhalten«. Fünfzehn Minuten später

begannen die Motore die Arbeit, durch den Schiffsleib ging erst ein

leises, bebendes Zittern, dann schoß der »Albatros«, gleich als suche er

seinen Namen Ehre zu machen, empor in die Luft, in das Reich, in welchem

er herrschte. An Bord befanden sich außer Hellborn noch zwei andere

Offiziere, Leutnant Schmidt, Leutnant Ester und zehn Mann. Geschützt war

der Kreuzer durch doppelte Stahl- und Kautschuckpanzerplatten, während

seine fünfzig Falltorpedos eine furchtbare Angriffswaffe waren, deren

Explosion wohl zweifellos nichts stand zu halten vermochte. Das

Luftschiff, auf dessen Leibe alle Lichter gelöscht waren, durchschnitt

die Luft mit einer Geschwindigkeit von 92 Kilometern und hatte Kurs NNO.

genommen. Leutnant Hellborn aber zog sich in seine Kabine zurück und

öffnete -- -- seine versiegelten Orders. Was er las, war folgendes: »Der

Krieg ist heute abend 9 Uhr erklärt worden. Es gilt, die feindliche

Flotte, die sich in Lowestoft konzentriert hat, noch in der Nacht zu

erreichen, sie zu überrumpeln und kampfunfähig zu machen. In Lowestoft

liegen feindliche Schlachtschiffe vor Anker. Sie müssen zerstört sein,

ehe sie morgen bei Tagesanbruch klar zur Fahrt machen können. Bei

gehöriger Ausnützung der Munition kann das unschwer erreicht werden.« --

Ein kleiner Aerostat zeigt siebzehn Schlachtschiffe! Wahrhaftig, das war

ein Befehl, der seines Gleichen nicht kannte. Während aber Hellborn ihn

wieder und wieder las, erhellte sich sein Gesicht immer mehr in

strahlender Freude. Herrlich! herrlich! O, wenn ihm das gelang! Nie,

nie, würde er's dem Admiral vergessen, daß er ihn, gerade ihn zu diesem

Heldenstück ausersehen. Denn ein Heldenstück war es, selbst wenn es ihm

gelang, ungesehen an die nichtsahnende feindliche Flotte heranzukommen.

Eine Stunde lang saß er über seinen Karten, dann suchte er den

Maschinenraum auf. »Nun, wieviel machen wir?« fragte er.

»Zweiundneunzig, aber wir könnten gern unsere dreißig mehr machen.«

»Dann vorwärts mit ganzer Kraft. Der Kurz bleibt NNO.« Bis dahin hatte

Hellborn in der ruhigen, gemessenen Sprache des Kommandanten gesprochen.

Jetzt aber packte er Schmidt plötzlich an beiden Schultern und »weißt

Du, Junge, wo's hingeht? Weißt Du, Fritz, was der alte Herr uns für eine

Aufgabe gegeben? Paß einmal auf. In Lowestoft die Flotte in Grund

bohren, weiter nichts.« »Donnerwetter, ist das wahr? und wie viele

sinds?« »Siebzehn.« »Und wir ganz allein, wir sollen . . .?« »Jawohl,

mein Junge, wir ganz allein.« »Hurra, hurra!« rief der Leutnant. »Das

ist mal was! Da werden die Seehasen Augen machen. Ich allein nehm die

siebzehn auf mich. Wie viel Treffer hatten wir immer beim Schulschießen?

Sieben von zehn, was? Da bohren wir mit unseren Torpedos nicht siebzehn,

sondern zwei mal siebzehn in Grund.« »Ganz recht. Und nun wollen wir's

ihnen mal zeigen, wer mehr wert ist, _ein_ Luftschiff oder 'ne ganze

Flotte ihrer modernen Schlachtschiffe, die man so bequem treffen kann.«

Natürlich wurde auch Leutnant Ester und die Mannschaft über Zweck und

Ziel der Fahrt aufgeklärt und die Nachricht erregte allgemeinen Jubel.

»Wir schaffens! Wir schaffens!« Darüber waren sich alle klar. Und

Hellborn stand und rechnete. Wenn's in _dieser_ Geschwindigkeit weiter

ging, dann konnte Lowestoft zwischen der zweiten und dritten

Morgenstunde erreicht werden, zu einer Zeit also, wo noch die absolute

Dunkelheit herrschte, da der Admiral wohlweislich eine Neumondnacht zu

der Ausführung seines genialen Planes gewählt hatte.

Der »Albatros« machte jetzt nämlich, auf die höchste Geschwindigkeit

gebracht, 118 Knoten in der Stunde, und mit jeder Minute wuchs die

Erregung der kleinen Bemannung, denn jede brachte sie ja dem Ziel, der

Entscheidung entgegen. Und nun . . . nun schimmerten unten, tief, tief

unter ihnen, Lichter. Das war Lowestoft. Dort blitzte ein besonders

helles Licht auf, das in regelmäßigen Zwischenräumen kam und verschwand.

Das war das gelbe Licht des Leuchtturms von Lowestoft, und vor diesem

lagen kleine Lichtpünktchen, die Signallichter der vor Anker liegenden

Flotte. Hellborn legte einen Augenblick lang die Hand aufs Herz, als

wolle er dessen Pochen eindämmen; dann atmete er hoch auf und stellte

den Indikator auf 1000 Fuß. Sofort senkte das Luftschiff sich auf diese

Höhe. Die Motore waren abgestellt, damit ihr surrendes Geräusch unten um

Gotteswillen nicht gehört werde, und der »Albatros« glitt nun lautlos

durch die Luft und hing über den unten verankerten Schiffen. Diese lagen

in weitem Halbkreise regungslos da, und es war leicht, sie alle siebzehn

zu zählen und zu übersehen. Die einzige Frage war die, wo sollte der

Angriff beginnen? Die beiden Leutnants waren zur Torpedokammer

kommandiert, ein Glockenton schrillte durch den Raum, sie gaben das

Signal zurück »fertig«. Der Plan war der, lautlos über das der

Zerstörung geweihte Schiff zu fliegen, sich bis zu einer Höhe von 300

Fuß über dieses herabzulassen und ein Falltorpedo auf das Schiff

herabsausen zu lassen. Ging der Schuß fehl, dann sollte Ester seinen

Torpedo lancieren, sonst aber auf ein zweites Angriffsobjekt, an dem es

ihm nicht fehlen sollte, warten.

In demselben Moment stellte Hellborn den Indikator auf 300. Wieder

senkte das Luftschiff seinen Bug und glitt auf die angegebene Tiefe

hinab. Ganz, ganz leise arbeiteten jetzt die Motore. Im Maschinenraum

wie in der Torpedokammer sah man wie in einer ^Camera obscura^ ganz

deutlich in ganz, ganz kleinem Maßstabe die Schiffe, über die man

langsam hinwegglitt. Jetzt war man genau über der Brücke des einen,

jetzt war es Zeit, jetzt konnte das Ziel nicht verfehlt werden, ein

Druck auf den Knopf, und der Tod und Vernichtung bringende Torpedo fiel

durch die Luke hinab. Gerade zwischen den zwei mächtigen Schloten des

Schlachtschiffes fiel er auf, und in demselben Augenblicke zuckte ein

grünlicher Lichtschein auf und erhellte den Hafen, dann warfen die Hügel

den dumpfen Schall der Explosion donnernd und rollend zurück, und das

getroffene Schiff sank, mittschiffs auseinandergerissen, und wurde von

dem Wirbel des Meeres verschlungen. Hoch oben in den Lüften aber fuhr

der »Albatros« nach dem linken Flügel der Schlachtlinie und bereitete

sich vor, sein so glänzend geglücktes Manöver von vorhin zu wiederholen.

Unten war alles in maßloser Verwirrung. Die Scheinwerfer flammten auf

und fuhren grell leuchtend über die Schiffsleiber hin, als suchten sie

sie alle gegenseitig ab. Wie leuchtende Schwerter durchschnitten die

grellen, weithintragenden Strahlen das Dunkel, empor in die Lüfte aber

fuhr keiner, denn an die von dorther drohende Gefahr wurde nicht

gedacht. Alles, was man unten wußte, war nur, daß eine furchtbare

Explosion eines der stolzen, herrlichen Schiffe zerstört hatte. Niemand

aber schrieb diese einem feindlichen Angriff zu. Es war aber ein

unerklärliches Unglück und alles eilte den in den Wellen mit dem Tode

Ringenden zu Hilfe. Oben im »Albatros« -- der im Momente der Explosion

wieder in größere Höhen emporgeschnellt war -- schrillte wieder das

Zeichen. Wieder senkte sich das Luftschiff auf 300 Fuß Höhe herab und

schwebte jetzt dicht über dem die Spitze des linken Flügels haltenden

Schiffe. An Bord war alles in wilder Bewegung. Das Deck wimmelte von

Menschen. Die Boote wurden klar gemacht, oben auf der Kommandobrücke

aber brüllte ein Mann seine Befehle durch das Megaphon. Und der

»Albatros« flog, einem Nachtvogel gleich, über das Schiff hin. Wieder

war es bei dieser Distanz ganz unmöglich, daß der Schuß fehlging. Wieder

zuckte der furchtbare grüne Schein auf, wieder rollte der Schall der

Explosion als Donner über das Meer hin, und wieder sank eines der

stolzen Schiffe hinab zum Grunde des Meeres. Im selben Augenblicke aber

hatte der »Albatros« die kurze Distanz vom linken Flügel zur Spitze des

rechten überflogen und nun fiel das Falltorpedo, das Leutnant Ester

abschoß, auf das dort verankerte Schiff. Das furchtbare Geschoß fiel

gerade hinter dem Achterturm des mächtigen Panzerschiffes nieder, das

sich aufbäumte gleich einem wild gewordenen Pferde und dann bugaufwärts

mit dem Hintersteven zu sinken begann. Die Panik auf all den anderen

Schiffen war ganz entsetzlich, das Schauspiel der schwimmenden Trümmer

und Menschen und Toten ganz furchtbar, aber das Grauen des Geheimnisses

war mit einem Male gewichen, ein Strahl eines Scheinwerfers hatte gerade

vom sinkenden Schiffe aus durch Zufall das Luftschiff getroffen, und

dieses ward so entdeckt. _Ein_ Schrei der Wut erhob sich von den noch

unversehrt gebliebenen Schiffen, aber auch _ein_ Schrei des Schreckens.

Alle Scheinwerfer spielten jetzt mit ihren Strahlen nach oben und

suchten den Himmel ab, während von zwei Schiffen aus der »Albatros« hell

beleuchtet wird, auf seiner Fahrt von dem grellen Lichte verfolgt.

Hellborn war mit seinem Witz nicht zu Ende, er schoß mit seinem

Luftschiff in eine Höhe von 5000 Fuß, bis wohin ihm das Licht nicht zu

folgen vermochte, dann beschrieb er hoch oben einen großen Kreis und

stürzte in eine Tiefe von nur 40 Fuß ab, so daß die den Himmel

absuchenden Strahlen über den »Albatros« weg glitten, diesen völlig im

Dunkeln lassend, ihm aber förmlich selber den Weg weisend. Und nun hob

sich der »Albatros« plötzlich und erschien so unerwartet über dem einen

Schiffe, daß keine Zeit mehr war, die Kanonen zu richten, denn in

demselben Augenblick war auch schon das Torpedo gefallen und das

Schicksal auch dieses Schiffes besiegelt. Hoch schnellte der »Albatros«

wieder empor; aber nun half ihm sein Trick nicht mehr, alle Scheinwerfer

warfen Hunderte von Strahlenbündeln nach allen Richtungen hin, sich

förmlich zu einem Strahlenmeer vereinend, das kein Fleckchen rundum,

nicht in der Luft und nicht auf dem Meere, unbeleuchtet ließ. Diese

Fülle von Licht hatte das Unangenehme, ein Ueberrumpeln der noch übrigen

Schiffe unmöglich zu machen. Trotzdem mußte Hellborn es darauf ankommen

lassen, und so senkte er denn sein Schiff wieder tiefer hinab; in dem

Augenblick aber, wo er auf 500 Fuß niedergesunken war, wurde sein Leib

von einer Kugel aus einem der großen Zenith-Geschütze getroffen, während

ein Hagel von Geschossen aus der Zenith-Schnellfeuerkanone folgte.

Glücklicherweise war der Schaden, dank der Panzerbekleidung des

Luftschiffes, nicht groß, trotzdem wurde ein Mann der Besatzung

verwundet, und Hellborn dachte an die furchtbare Gefahr, wenn ein

Geschoß den Stapelraum der Torpedos traf. Dann war alles zu Ende, und er

hatte die Hoffnungen getäuscht, die sein Admiral in ihn gesetzt hatte.

Er mußte sich also in einer Höhe halten, in der ihm die Geschosse nicht

mehr viel anhaben konnten und wo die Zielsicherheit gewissermaßen

aufhörte. Er erhob sich also auf 1200 Fuß und lavierte hier in dem

Luftmeer. Von dieser Höhe aus sah es natürlich auch für ihn mit der

Zielsicherheit böse aus, aber immerhin hatte man bei den Schießversuchen

auch aus solchen Höhen noch unter zehn Schüssen zwei Treffer erzielt,

warum sollte man im Ernstfalle weniger glücklich sein! So -- jetzt war

der Moment -- Leutnant Schmidt drückte auf den Knopf, der Torpedo

durchschnitt sausend die Luft und -- fiel ins Wasser, wo er ohne Schaden

zu tun dennoch durch die Wucht des Falles explodierte und nur eine hohe

Wassersäule emporwarf, im selben Augenblick aber hatte Leutnant Ester

seinen Vorteil ersehen. Auch er schoß sein Torpedo ab, der das

Vorderdeck des Admiralschiffes traf und seinen Vordersteven bis zur

Kommandobrücke fortriß. Einen Augenblick später sausten zwei weitere

Torpedos hinab auf das Feld der Verwüstung und Verwirrung, aber ohne

weiteren Schaden zu tun, als nur die Panik zu erhöhen. Vergebens

spielten alle Kanonen, man konnte dem Feinde, dem man machtlos

preisgegeben war, nicht bei. Noch ein Schiff sank und noch eins, und da

-- da hißten die übrigen Schiffe eins nach dem anderen die weiße Flagge.

Sie gaben den ungleichen Kampf, der kein Kampf, sondern ein

Vernichtetwerden war, auf und ergaben sich. Nichts aber hätte Hellborn

in größere Verlegenheit setzen können, als gerade dieses völlig

unerwartete Ereignis. »Teufel,« sagte er zu den beiden Leutnants, die er

sofort zum Beratschlagen rufen ließ, »was können wir tun? Wir können

doch nicht elf Schlachtschiffe mit unseren zehn Mann wegnehmen? Das geht

doch nicht an.« »Hm,« sagte Schmidt, »wir könnten unseren »Drahtlosen«

wieder in Stand setzen und unserer Flotte drahten, sie soll die Schiffe

in Empfang nehmen.« »Können wir nicht,« sagte Hellborn, »ist ganz

unmöglich, die braucht acht Tage, ehe sie hier ist, und solange können

wir uns nicht halten. Wir _müssen_ sie in den Grund bohren, ob wir

wollen oder nicht.« Und -- so sehr es ihr Soldatenherz auch bedrückte,

die schönen Schiffe, die sich ihnen ergaben, zu zerstören, so mußte es

doch sein. Langsam senkte sich das Luftschiff, stets einer Verräterei

gewärtig, bis auf 200 Fuß Höhe hinab, beide Offiziere mit dem Finger auf

dem Drücker, um die todbringenden. Torpedos im Bedarfsfalle zu

schleudern. Dicht über dem einen der Schiffe hielt sich das Luftschiff,

und nun griff Hellborn nach seinem Megaphon. »Ich gebe Ihren Schiffen

bis 2 Uhr nachmittag Zeit, die Bemannung zu landen, dann werden die

Schiffe unerbittlich mit allem, was drauf ist, zerstört . . .« Und

wieder erhob sich der Aerostat in die Luft, und die Sonne ging auf und

beschien ihn und die Flotte, um die es von Booten wimmelte, in denen die

Besatzung die Schiffe verließ. Um zehn Uhr war kein Mann mehr an Bord,

nur der Kapitän _eines_ Schiffes hatte sich geweigert, das Schiff zu

verlassen, er, der darauf gelebt, wollte auch mit ihm gleichzeitig

sterben. Um 2 Uhr senkte sich der »Albatros« langsam über die Schiffe

hinab. Drüben am Hafendamm stand in atemloser Spannung die angstvolle

Menge und nun, nun sauste _ein_ Torpedo hinab, und wo früher ein Schiff

stand, trieben jetzt nur die Trümmer. Neun mal noch wiederholte sich

dieses Schauspiel, und in dumpfem Schmerz sah ein Volk seinen Stolz und

seine Hoffnung zertrümmert. In stiller, grausamer, erbarmungsloser Weise

verrichtete das furchtbare Luftschiff sein Werk. Ein einziges Schiff

noch war da, »Inflexible«, der Unbeugsame, stand auf seinem Steven zu

lesen, und auf seiner Kommandobrücke stand _ein_ Mann, stumm, mit

gekreuzten Armen und sah seinem Schicksal entgegen. Wie ein Vogel aber

senkte sich das Luftschiff ganz nahe auf Deck. »Lassen Sie uns einen

Helden retten,« sagte Hellborn durch sein Sprachrohr, »kommen Sie zu uns

an Bord.« Der Kapitän aber lachte laut auf. »Zur Hölle ich und Ihr,«

rief er und drückte auf einen Knopf. Im selben Augenblicke bäumte der

Schiffsleib sich auf, das Schiff barst auseinander und hoch empor wurden

die Schiffsteile geschleudert. Der »Albatros« aber schwebte, da Hellborn

die Bedeutung der Worte des alten Kapitäns sofort erkannt, und sein

Schiff in unendliche Höhen gerissen hatte, lautlos über den Wolken und

flog der Heimat zu, die glaubte, vor einem Kriege zu stehen, der lange

schon beendet war. Beendet durch die neue Waffe -- die Waffe der Luft.

Das oder so ungefähr denke ich mir die Zukunft der Kriege. Mit Land- und

Seemacht ist nichts mehr zu wollen. Die Zukunft liegt in der Luft.

Hoffentlich aber eine Zukunft des Friedens, denn dem Himmel noch näher

soll man die Kriege nicht bringen.

Karl Peters.

Die Kolonien in 100 Jahren.

Die Kolonien in 100 Jahren.

Von Karl Peters.

Gustav Havermann stand in Morgenkleidung auf der Veranda seines netten

Hauses und machte seinen Tee. Die Sonne war gerade im Aufgehen, und im

Norden zeigten sich die Umrisse der Gebäude von Windhoek. Seine Frau war

noch nicht erschienen. Sie liebte es, bis in den vollen Tag hinein in

ihrem Schlafballon, 500 Meter über der Farm, zu ruhen. Havermanns hatten

nur ihre Schlafeinrichtungen in höheren Lufträumen; die reicheren

Familien, über ganz Afrika hin, wohnten Tag und Nacht 1000 bis 2000

Meter hoch in verankerten Lufthäusern, wo sie frei waren von den

Unbequemlichkeiten der tropischen und subtropischen Sonne. Ueber dem

Kongo und in den Tropengebieten von Amerika stieg man mit seinen

Wohnungseinrichtungen bis zu 3000 Meter und darüber empor.

»Dieser südafrikanische Tee«, sagte Havermann, »wird immer noch nichts

Rechtes. Wir wollen doch wieder zum Ceylon-Tee zurückgehen, der

Geschmack und Aroma hat. Hallo!« fuhr er fort, als er seinen Freund

Agatz schnell auf sein Wohnhaus zuschreiten sah, »was bringt Dich so

früh her?«

»Hast Du Deinen telegraphischen Empfangsapparat denn noch nicht

eingesehen?« antwortete Agatz.

Zeitungen, muß bemerkt werden, gab es 2009 nicht mehr. Der gesamte

Nachrichtendienst auf der Erde, und auch vom Mars herüber wurde durch

ein weitangelegtes System drahtloser Telegraphie vermittelt, an welches

jedes private Haus von irgendwie bemittelten Besitzern angeschlossen

war.

»Was ist denn los?« fragte Havermann.

»Die Bundesversammlung in Durban hat vorige Nacht beschlossen, daß das

Dreisprachensystem, welches bislang noch in unserem Parlament zu Recht

besteht, aufgegeben werden solle; Englisch und Holländisch seien

genügend für die südafrikanischen Staaten.«

»Nun, das braucht uns kaum aufzuregen; seit einem Menschenalter wird

deutsch kaum noch im Parlament von Windhoek gesprochen, und im Kongreß

zu Prätoria ist englisch schon seit einem halben Jahrhundert

obligatorisch. Sind wir doch alle nur Glieder der großen

angelsächsischen Konföderation.«

»Viel wesentlicher für unser Wohl und Wehe«, fuhr er fort, »scheint mir

die Entdeckung des Professors Buterreck in Berlin, der es endlich fertig

gebracht hat, stickstoffhaltige Nahrung aus der Atmosphäre herzustellen,

um dadurch die Produktion von Fleisch, Eiern, Milch usw. überflüssig zu

machen. Wir Südwestafrikaner sind so wohlhabend geworden durch unsere

Rindvieh- und Schafzucht, seit es gelungen war, alle die bösen

Viehkrankheiten durch Impfungsverfahren aus der Welt zu schaffen.«

»Was nützt uns unsere Mühe nun, wenn Fleisch und Milch nichts mehr

gelten werden am Markt?«

»Uns bleiben Häute und Wolle.«

»Und Obst und Gemüse; das ist wahr, und unser herrliches Klima. Ich war

vorgestern mit dem Schnell-Luftschiff »Möwe« in London; aber ich kann

Dir sagen, ich freute mich, heute morgen in Südwestafrika zurück zu

sein.«

In diesem Augenblick näherte sich eine große, stattliche Erscheinung dem

Hause.

»Was will denn Eggers so früh hier?« sagte Havermann.

»Ich komme«, sagte Eggers, nachdem er die beiden Männer begrüßt hatte,

»um Ihnen, Herr Havermann, mitzuteilen, daß wir Ihre Felder heute erst

gegen 10 Uhr berieseln können. Etwas an dem Pumpwerk in Swakopmund ist

nicht in Ordnung. Es tut mir sehr leid; aber ich erhalte soeben die

Funkennachricht.« Eggers war der Direktor der südwestafrikanischen

Elektro-Berieselungs-Werke. Schon seit mehr als einem Menschenalter war

das Problem gelöst, die Kraft der Meeresfluten in elektrische Kraft

umzusetzen, und seit einem halben Jahrhundert verstanden es die

Menschen, das Seewasser durch einen sehr einfachen chemischen Prozeß in

Süßwasser umzuwandeln. Das hatte einen enormen Fortschritt, besonders

auch in der wirtschaftlichen Entwicklung des trockenen Südwestafrika

bedeutet. Trinkwasser freilich hatte man längst aus der Atmosphäre

abzuschlagen verstanden. Aber für die Ausbeutung der weiten Gelände von

Damaraland war die von der Natur versagte Bewässerung aus dem

Atlantischen Ozean nötig gewesen. Die enorme elektrische Kraft, welche

die See selbst lieferte, hatte es möglich gemacht, das befruchtende

Element, welches die Wolken versagten, über die Felder zu ergießen; und

dies hatte zu einer neuen Epoche in der Geschichte des Landes geführt,

ähnlich wie in Kapland und Rhodesia. Eine Konkurrenz zu der

»Oceano-Elektrischen Gesellschaft mit beschränkter Haftung« war übrigens

die »^Kalahari-Sunlight and Electrical Co. Ltd.^«, welche durch

gewaltiges Konzentrationsverfahren, das auf die Kalahari-Wüste

herabströmende Sonnenlicht in Motorkraft und Erleuchtung umwandelte.

Indes versorgte diese mehr den Osten und Süden des Erdteiles. Sie

arbeitete nach dem Vorbild der großen Sahara-Gesellschaften, welche

schon seit einem Vierteljahrhundert Heizung und Fortbewegungskraft,

sowie Erleuchtung für Europa lieferten. Seit dem Niedergang der

Kohlenproduktion hatte die Menschheit sich mehr und mehr diesem Ersatz

zugewendet.

»Haben Sie übrigens bereits die letzten Nachrichten aus Ostafrika

vernommen, welche mein Apparat gerade eben mitteilte?« fragte Eggers die

beiden Herren.

»Was ist es?«

»Die >Republik der steigenden Sonne< hat gestern beschlossen, die

Deutschen wieder in ihrem Lande zuzulassen; und für den Kilimandjaro

haben sich sofort drei Familien von Uganda angemeldet.«

»Wie geht es eigentlich zu, daß Deutsche dort überhaupt ausgeschlossen

waren?« fragte Havermann.

»Wissen Sie das nicht?« sagte Agatz. »Das ist doch die Folge der großen

Negerrevolution von 1953, als sich dieses »>Haiti< des Indischen Ozeans«

konstituierte. Ostafrika, gegenüber Zanzibar, ist früher einmal unter

deutscher Flagge gewesen. Aber bereits vor einem Jahrhundert setzte in

Berlin eine sentimentale Verbrüderungspolitik an, welche sehr schnell zu

Emanzipationsgelüsten der schwarzen Bevölkerung führte. Das war ein Teil

der sogenannten äthiopischen Bewegung. Die Reise eines Berliner

Kolonialministers, dessen Name nicht weiter überliefert ist, in die

sogenannte Deutsch-Ostafrikanische Kolonie, führte zunächst zur

Aufsässigkeit der schwarzen Arbeiter gegen ihre weißen Herren!«

»Wie war denn das möglich?«

»Es wurde den Negern von Regierungs wegen allerhand von Rechten gegen

die Arbeitsgeber erzählt, wovon sie bis dahin keine Ahnung hatten, und

natürlich wirkte das wie ein Funken im Pulverfaß.«

»Natürlich, der Schwarze mußte das als direkte Aufforderung zum Aufstand

auffassen.«

»Anstatt die Entwicklung ihren natürlichen Gesetzen zu überlassen und

wesentlich die Vorschläge der deutschen Kolonisten selbst abzuwarten,

operierte man vom grünen Tisch in Berlin. Man »taperte« hinein. Die

Folge waren Unlust unter den Weißen und Rebellionsgelüste unter den

Schwarzen. Das führte zu wiederholten Aufstandsversuchen, und

schließlich, 1953, zur allgemeinen Erhebung der Eingeborenen, welcher

fast alle Deutschen, Männer, Frauen und Kinder, zum Opfer fielen.

Darauf, unter Garantie der Vereinigten Staaten und Großbritanniens,

schritten die Rebellen zur Begründung ihrer eigenen glorreichen

Republik, und begannen damit, zunächst einmal allen deutschen

Reichsbürgern Asyl- und Freizügigkeitsrecht zu nehmen. Schließlich

erkannten es auch die alten Weiber in Berlin, die am meisten mit

geschrien hatten, »wie so gar herrlich weit wir es gebracht hatten«. Die

Kolonie war weg, und dafür bestand eine uns Deutschen direkt feindliche

Republik.«

»Aber wie ist es zugegangen, daß das benachbarte Britisch-Ostafrika

nicht in diesen Mahlstrom hineingezogen wurde?«

»Die Briten hatten ihre ostafrikanischen Besitzungen, denen sie noch die

italienischen anschlossen, bereits seit 1910 zu Dependanzen des

Ostindischen Reiches gemacht. Die Hochplateaus von Naicobi und Naiwasha,

das Tanatal und das Hinterland von Guardafui und Berbera wurden

systematisch mit auswandernden Hindus besiedelt, denen die britische

Regierung in Südostafrika, Australien und Tasmanien, sowie in Neuseeland

keinen Ellenbogenraum mehr bieten konnte. Dies hielt die schwarze

Gesellschaft in Schach, und erlaubte daher der London Stock Exchange die

ungestörte kapitalistische Ausbeutung, worauf es doch im Grunde ankam.

Genau, wie in den voreinst deutschen Besitzungen in Neu-Guinea, den

Karolinen usw., welche heute friedlich und genügsam zum

austral-asiatischen Common wealth gehören, wie Kiautschou seit 90 Jahren

unter die Flagge des »gelben Drachen« zurückgekehrt ist. Ja, die

Deutschen haben Staat gemacht mit ihrer Kolonialpolitik am Ausgang des

19. Jahrhunderts. Ich las vor kurzem ein Buch aus dieser Zeit. Es konnte

gar nicht anders kommen, wenn man den Neid, Haß, die Verleumdung und das

Geschimpf betrachtet, mit denen sie ins Feld zogen. Einer gegen den

andern, und Gnade Gott dem, welcher gegen den Fremden wirklich etwas

leistete!«

»Nun, in Europa ist es ihnen kaum besser gegangen, als über See; die

Welt ist wesentlich englisch geworden.«

»Allemal, damit gehört sie immerhin einer vornehmen Rasse an.«

In diesem Augenblick sah Heinrich Agatz nach seiner Uhr. Die Uhren

wurden durchweg durch drahtlose Telegraphie von der nächsten Sternwarte

aus getrieben und zeigten demnach absolute Universalzeit. »Ich erwarte

meinen Bruder Ernst heute morgen mit dem Falken von Kapstadt; wir wollen

nach Nyangwe am Ober-Kongo, wo wir um 11 Uhr Termin in einem Minenprozeß

haben. Wir bearbeiten dort Kupferminen mit Ozeankraft-Tiefdruck, und

finden in den letzten Wochen, daß die Pression über 50000 Meter Tiefe

sehr unregelmäßig ist. Unser Rechtsanwalt, der die Sache hat sorgfältig

untersuchen lassen, meint, daß die »Ozean-Elektrische Gesellschaft m. b.

H.« schuld an dem schlappen Betrieb ist.«

»Ich will heute mittag nach Kairo«, sagte Havermann, »und morgen mit

meiner Frau nach Wien, wo unser Neffe getauft werden soll.«

»Da kommt endlich meine Frau von oben.«

Frau Havermann kam aus ihrem Schlafballon mit Hilfe eines Lifts, der an

dem mittleren Ankertau des Luftfahrzeuges angebracht war. Diese

Fahrzeuge waren lange Zeit durch die bei Nacht entstehenden

unregelmäßigen Windströmungen in ihrer Lage bedroht gewesen. Seit die

Menschheit es jedoch fertig gebracht hatte, die Luftzonen bis in Höhen

von 10000 Metern mit meteorologischen Stationen zu überziehen, seit

insbesondere auch die Polargegenden völlig der Beobachtung geöffnet

waren, hatte man eine solche Kontrolle über die verschiedenen

Witterungs-Faktoren erzielt, da man die Wetter-Prognosen bis auf halbe

Monate voraus mit voller Genauigkeit stellen und demgemäß jede

erforderlichen Maßnahmen zur rechten Zeit treffen konnte. Automatische

Wind- und Temperaturnachrichten von allen Teilen unseres Planeten liefen

auf allen Stationen ein, und es hatte keinerlei Schwierigkeiten, zu

bestimmen, welche Höhe die Wohneinrichtungen einzunehmen hatten, und

nach welcher Seite sie besonders stark zu verankern waren. Der Verkehr

von oben nach unten war früher durch kleine Luftboote vermittelt; aber

bereits seit einem halben Jahrhundert hatte man elektrisch betriebene

Fahrstühle, als billiger und bequemer, vorgezogen. Die Erde war jetzt in

allen Zonen bewohnt; auch an den Polen, wo man in die Tiefen stieg. Die

unbegrenzte Masse elektrischer Kraft, über welche man verfügte, überwand

jedes Beleuchtungs- und Erwärmungs-Problem. Natürlich hielt sich um den

Nord- und Südpol für gewöhnlich nur auf, wer da zu tun hatte.

Insbesondere fand um den Nordpol ein außerordentlich starker Betrieb von

Gold- und Platina-Produktion statt.

Eine überplanetarische Verbindung war bislang nur mit dem Mars erzielt

worden; und gerade von den drahtlosen Stationen der Pole aus. Jedoch

hatte man von dort wirkliche Kunde immer noch nicht erzielt. Elektrische

Stöße, welche von der Erde hinübergetrieben wurden, waren beantwortet.

Man hatte eine Art von Codebuch, die Sonnenvorgänge und andere

astronomische Vorgänge betreffend, zusammengestellt, und war

augenscheinlich von der anderen Seite verstanden. Astronomische

Beobachtungen konnte man sich jetzt ganz gut mitteilen. Aber sobald es

sich um Kunde von Geschichte, Sitte und Völkerleben handelte, versagte

der Vermittlungsapparat durchaus. Augenscheinlich lebte und dachte und

plante auf dem Mars ein ganz anderes Lebewesen als hier. Selbst die

einfachsten irdischen Begriffe versagten dort. Dazu kam, daß die beiden

Planeten dauernd sich so fern blieben; 5 Millionen englische Meilen,

selbst bei ihrer größten Annäherung. Praktische Vorteile aus den

Mars-Mitteilungen -- so enorme Kraftleistungen sie erfordert hatten --

hatten sich nicht ergeben; und jeder Versuch, mit dem Mond in

Beziehungen zu treten, war gescheitert. Augenscheinlich gibt es drüben

keine intellektuelle Resonanz mehr.

»Nun, Anna«, sagte Havermann, als seine sehr niedliche Frau aus ihrem

Fahrstuhl heraustrat, »welche Pläne hast Du denn für heute?«

»Ach, ich möchte in Kamerun, in Buëa frühstücken; meine Schwester

erwartet mich, und dann mit ihr den Tee in Togo einnehmen; das sind

unsere einzigen beiden deutschen Kolonien, wo Deutsche noch Geld machen.

Mein Vater in Stettin hat stets gewünscht, daß ich dort einmal mich

niederlassen sollte. Aber Du, Böser, schleppst mich hierher in Euer

Britisch-Südafrika.«

»Nun, gefällt es Dir denn bei uns nicht?«

»Well, das Klima ist hier gut genug; aber, wer kümmert sich heute noch

um das Klima, wo Malaria, Dysenterie, Moskitos und Fliegen von der Erde

vertrieben sind und wir in den »höheren Regionen« wohnen. Wo bleiben

denn aber unsere Schnellboote?«

In diesem Augenblick näherte sich mit der Geschwindigkeit von 1000

Kilometern per Stunde der »Falke«, welcher Agatz nach Nyangwe bringen

sollte. Er hielt 3000 Meter über Havermanns Farm, und dieser lieh ihm

seinen Steigballon, um hinein zu klettern. »Auf Wiedersehen, morgen!«

hieß es. Bald darauf erschien das große Expreßluftschiff für den Westen

Afrikas, das Frau Havermann gewählt hatte, der »Habicht«. Sie trank

schnell ihre Tasse Tee und ging hinauf. Man beklagte sich in diesen

afrikanischen Kolonien über die Langsamkeit des Luftbetriebes; von

Südwestafrika nach Kairo dauerte es an 18 Stunden, während Bahnen und

Dampfschiffe nur noch den Frachtverkehr vermittelten. -- »Sagen Sie

einmal, Eggers«, fragte Havermann, »weshalb haben wir Deutschen hier in

Afrika, und überhaupt in der Welt, eigentlich so gar nichts fertig

gebracht?«

»Das will ich Ihnen sagen«, antwortete Eggers, »unsere Landsleute haben

den Witz der Sache eigentlich überhaupt nicht kapiert. In den achtziger

und neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ulkten sie über

Kamerun und Zanzibar. Dann erfand man die Kolonialskandale! Eine Fülle

schmutziger Verleumdungen und gemeiner Denunziationen gegen einzelne

Pioniere zierten den nationalen Rekord! Das war erst recht etwas für den

Berliner. Das war etwas für das Metropol-Theater! Dazu der Neid und die

Gemeinheit der Konkurrenten von Leuten, welche wirklich etwas geschaffen

hatten, die Streberei und Speichelleckerei der Lumpen, welche sich an

die Kolonialpolitik drängten, die Ordenskriecherei, die am Anfang des

20. Jahrhunderts deren eigentliches Charakteristikum auszumachen schien!

Was Wunder, wenn der Kram in Deutschland verächtlich ward und die

Engländer anfingen, mit Hohn auf diesen »Mitbewerb« herabzublicken!

Diese erhielten schließlich die eigentlichen Assets, und das ist für die

Entwicklung der Menschheit sicherlich auch gut gewesen. Die Leute in

Deutschland, wie z. B. Carl Peters, welche unser Volk zu einer Weltmacht

umzuschmelzen gedachten, blieben im Grunde stets Träumer. Wenn Du ein

»Herrenvolk« finden willst, kannst Du eher zu Mashonas und Buschmännern

gehen, als zu den Leuten in Zentral-Europa.«

Ellen Key.

Die Frau in hundert Jahren.

Die Frau in hundert Jahren.

Von Ellen Key.

In hundert Jahren sind alle großen Erfindungen der Neuzeit

vervollkommnet, und ihre beiden großen Bewegungen -- die Frauen- und die

Arbeiterbewegung -- haben ihre Ziele erreicht. Luftschiffe, mit größerem

Komfort als dem der Gegenwart ausgestattet, Luftjachten,

führen die Alpinisten zu Bergbesteigungen auf den Mond. Alle

modernen Sommerfrischen sind submarine Villenstädte, denn die

Landschaftsschönheiten der Erde sind alle zerstört, teils durch ihre

Verwertung für die Industrie, durch Gebäude, Kabel und dergleichen mehr,

teils durch die noch bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in

Luftballons geführten Kriege. Die »Landwirtschaft« wird jetzt in

chemischen Fabriken betrieben, und in diesen vollzieht sich die Arbeit,

wie überall, durch Drücken auf Serien elektrischer Knöpfe. In gleicher

Weise werden die Säuglinge in den kommenden Kinderheimen, an die sie --

eine Stunde nach der Geburt -- abgegeben werden, ernährt und gekleidet.

Die Kinder werden in der Weise produziert, daß sich Freiwillige -- aus

sozialem Eifer -- für diese Arbeit melden. Unter ihnen wird durch ein

ärztliches Komitee die nötige Anzahl ausgewählt. Und von dieser Anzahl

werden wieder die für einander Geeignetsten zusammengeführt. Das große

Problem der Naturwissenschaft ist die Entdeckung des Mittels, die

Menschheit ohne Elternschaft fortzupflanzen, dieses der Menschen

unwürdigen Mittels, das die Natur in der Eile zusammengepfuscht hat,

aber das die fortschreitende Kultur entbehrlich machen muß. In den

ersten Jahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts wurde die Welt durch

die -- leider verfrühte -- Botschaft erfreut, daß ein Laboratorium

wirklich die Methode gefunden habe, und daß so die einzige noch übrige

Frauenbefreiungsfrage aus der Welt verschwunden sei. Aber obgleich immer

wieder enttäuscht, lebte die Hoffnung auf den endlichen Sieg doch

weiter, und dies um so mehr, als man im Jahre 2006 endlich ein beinahe

ebenso kompliziertes Problem löste: man fand das Serum, durch welches

die entsetzliche Krankheit, gegen die die Gesellschaft trotz zahlloser

hygienischer Verhaltungsmaßregeln vergebens angekämpft hat -- -- die

Individualitäts- und Originalitätssucht --, ganz erlöschen wird. Die

Paragraphen 123, 456, 789 des hygienischen Gesetzes, das 2008 erlassen

wurde, verfügten eine allgemeine Zwangsimpfung mit diesem Serum, so daß

die Gesellschaft für alle Zeiten gegen die Verheerungen der Krankheit

geschützt sein wird.

Alle Männer und Frauen haben den Tag in vier gleiche Arbeitspensa

eingeteilt: sechs Stunden Schlaf, sechs Stunden Arbeit bei den

elektrischen Drückern, sechs Stunden im Parlament und sechs Stunden

Gesellschaftsleben. Die Parlamente tagen ständig. Soziale Vorträge

ersetzen bei den Sonntagssitzungen die ehemaligen Gottesdienste. Und bei

den Alltagssessionen wird alles bestimmt: von der Größe der

Stecknadelköpfe und der Zusammensetzung der Eßpillen bis zu der

Kinderquantität, die die Bedürfnisse der Gesellschaft im folgenden Jahre

erfordern, und der Ideenqualität, die im Interesse des Gemeinwohls für

den genannten Zeitraum zulässig erscheint. Nach beendetem

schulpflichtigen Alter treten alle ins Parlament ein, auch die Idioten,

als eine unbestreitbare Folge der Humanität und der Menschenrechte. Nur

verurteilte Verbrecher haben nicht Sitz im Parlament, aber diese

irdische Begrenzung beraubt sie keineswegs ihrer Menschenrechte. Sie

werden nämlich auf den Planeten Mars deportiert, die neueroberte Kolonie

der Erde. Und dort können sie frei die ihnen aus vergangenen

Jahrhunderten wohlbekannte Kolonialpolitik treiben.

In der ersten Klasse der Schule lernen die Kinder -- nach neuen

Methoden -- Zähne zu bekommen, zu gehen und zu sprechen. Die

Unterrichtsanstalten, die alle nach demselben Lehrplan arbeiten,

behalten die Schüler zwölf Stunden im Tag bis zum Alter von dreißig

Jahren.

Die Universitätsstudien mit ihren gefährlichen Freiheitsbestrebungen

sind hingegen abgeschafft. Nach Schluß der Schule rührt keiner mehr ein

Buch an, falls er (oder sie) nicht Spezialist in irgend einem Zweige der

Wissenschaft sein sollte. Darum findet man öffentliche Lesesäle ohne

Bücher. Hingegen laden die Elevatoren dreimal im Tage die jetzt im

Taschenbibelformat gedruckten Zeitungen ab, mit ihren illustrierten

Annoncenbeilagen, wo den Künstlern, allerdings innerhalb strenger

Grenzen, noch eine gewisse Freiheit der Phantasie gestattet ist. Alle

öffentlichen Gebäude -- mit anderen Worten alle Gebäude -- sind hingegen

mit Kunstwerken geschmückt, welche von einem zwölfgliedrigen Komitee

ausgeführt werden.

Das Wort »Heim« hat eine bedeutungsvolle Umwandlung durchgemacht und ist

jetzt ein Synonym des Wortes Schlafstelle.

Das Gesellschaftsleben ist eine Gesellschaftspflicht, und der Einsame

wird als anarchistischer Attentäter betrachtet. Man trifft sich in

Sport- und Diskussionsklubs zu einem Verkehr, welcher keine materiellen

Genüsse verlangt. Seine Eßpillen nimmt jeder aus seiner Schachtel ein.

Nur sehr alte Leute, die sich aus dem zwanzigsten Jahrhundert noch die

Lust an den alkoholfreien Weinen, an den nikotinfreien Zigarren und dem

coffeinfreien Kaffee bewahrt haben -- die einzige Form, in der

Genußmittel noch zu finden sind -- schleichen zu dem einen oder andern

geheimen Automaten, um dort die niedrigen Bedürfnisse zu befriedigen,

die die jüngere Generation verachtet. Wenn diese masculinfreien Männer

und femininfreien Frauen zusammentreffen, dann ist der einzige Stimulus

der Austausch sozial-allgemeinmenschlicher Gedanken. Der männliche und

der weibliche Typus sind in so hohem Grade verschmolzen, daß der Blick

nur durch gewisse, aus Zweckmäßigkeitsgründen noch beibehaltene

Verschiedenheiten in der Kleidung die Geschlechter unterscheiden kann.

Was die öffentlichen Vergnügungen betrifft, so hat das soziale

Verantwortlichkeitsgefühl Konzerte ohne Musiker und Theater ohne

Schauspieler geschaffen. Denn seit die Pianolas, die Phonographen und

die Marionetten so phänomenal vervollkommnet worden sind, braucht man

nur elektrische Knöpfe, damit der Kunstgenuß in Gang gesetzt wird. Aber

man hat eine sehr notwendige Vermehrung der Lehrjahre beantragt. Denn

die Schulen kommen kaum dazu, ihren Zöglingen die fünfundfünfzig

Uebungsgegenstände und die einhundertelf intellektuellen Gegenstände

beizubringen, die jetzt von einem gebildeten Menschen verlangt werden,

und in denen alle drei Monate ein Examen abzulegen ist.

Mitten in dieser allgemeinen Glückseligkeit trifft jedoch die

unerhörteste Katastrophe der Weltgeschichte ein. Am Neujahrstage 2009,

-- gerade in dem Jahre, wo die obenerwähnte Zwangsimpfung die Erde von

allen weiteren Heimsuchungen ihrer letzten und gefährlichsten Pest

definitiv befreien sollte, bricht eine über den ganzen Planeten

verzweigte Verschwörung der Schuljugend zwischen zwanzig und dreißig

Jahren aus. Die erste Gewalttat der Revolution ist, in gewaltigen

Emigranten-Zeppelins alle Journalisten auf den Mars zu verschicken; die

zweite, alle Parlamente zu verbieten; die dritte, alle Schulen zu

sperren; die vierte, alle Mütter zusammen mit ihren Kindern

einzuschließen; die fünfte . . . aber warum alle diese Greuel aufzählen?

Genug, diese gewaltigste aller Umsturzbewegungen stellt schließlich auf

Erden jenen barbarischen Zustand wieder her, wo das Leben noch

gewaltsam, mühevoll, tragisch, reich, berauschend war. Was dann

geschieht, ist leicht vorauszusehen. Eine ebenso heftige Reaktion tritt

ein. Erst gegen das Jahr 2100 befindet sich endlich die Menschheit

wieder im Gleichgewicht. Sie hat dann vermutlich einen großen Teil

dessen wieder erlangt, was für vergangene Geschlechter das Leben

_lebenswert_ gemacht. Aber sie hat zugleich viele von diesen

Geschlechtern ungeahnte Dinge errungen, die das Leben in höherem Grade

denn je _liebenswert_ machen.

Dora Dyx.

Die Frau und die Liebe.

Die Frau und die Liebe.

Von Dora Dyx.

In den wenigsten Fällen, in denen wir heutzutage von Liebe sprechen, ist

Liebe, Liebe. Wir haben, so paradox dies auch klingen mag, und so

lebhaften Protest ich mit meiner Behauptung bei all denen, die zu lieben

wähnen, auch wecken mag, den Begriff der Liebe verloren. Sie hat sich

unter unseren Händen so verwandelt, daß sie, von einzelnen Fällen

abgesehen, keine Liebe mehr ist. Nicht nur die materielle Basis, auf

welche unser Jahrhundert gestellt ist, ist zum Grabe jener feinen und

feinsten Regungen geworden, aus denen die Liebe besteht, sondern noch

mehr haben unsere Moralbegriffe dazu beigetragen, sie so zur

Unkenntlichkeit zu verwandeln, daß man gerade von dem als Liebe spricht,

was absolut mit ihr nichts zu tun hat, und von dem was Liebe ist,

entweder gar nicht, oder nur mit Entsetzen gesprochen werden kann. Es

muß zugegeben werden, daß der aktive Eintritt der Frau in den Kampf ums

Dasein viel dazu beigetragen hat, das Liebesbedürfnis der Frau

herabzumindern. Die körperliche Ermüdung und Uebermüdung ist ebenso

wenig wie die geistige Erschlaffung ein Erregungsmittel der Liebe, und

wir sehen, daß unter dem als leichtfertig verschrienen Volk der Artisten

die Turnerinnen und Akrobatinnen geradezu als unnahbar gelten können,

insofern bei ihnen nicht auch die »Liebe« Mittel zum Zweck, d. h.

Berechnung ist. Andererseits hat die durch die Berufstätigkeit der Frau

nahezu aufgehobene Trennung der Geschlechter viel dazu beigetragen,

jenen Nimbus des Geheimnisvollen zu zerstören, der bisher die jungen

Männer und die Mädchen wechselseitig umgab. Und damit ist _ein_

Hauptreiz zum Fortfall gekommen, denn gerade das Geheimnisvolle, das

sozusagen Verbotene wirkte auf die Phantasie der Sinne. Die Liebe ist

aber, wie wir jetzt wissen, nichts weiter als Seelenphantasie, und daß

diese von der Sinnesphantasie ganz gewaltig beeinflußt wird, ist

selbstverständlich. Bei uns gibt es drei Hauptformen von dem, was wir

»Liebe« nennen. Die Ehe, die Prostitution und die freie Liebe, zu

welcher auch die zwischen Ehe und Prostitution liegenden vorübergehenden

Verhältnisse gerechnet werden können. Daß die Ehe nur in den seltensten

Fällen ein wirkliches Liebesband schlingt, wissen wir alle. Die Ehe ist

vor allem zur Versorgung geworden und alle Bedenken »ich liebe ihn

nicht« werden durch den selbstlügnerischen Trost niedergeschlagen: »Die

Liebe kommt schon in der Ehe«. In den meisten Fällen aber kommt sie

nicht, und im Punkte der Liebe herrschen darum nur noch Entsagung oder

Betrug, die zu den bekannten Erschütterungen führen, welche bei uns den

dramatischen Stoff -- und nicht fürs Theater nur -- liefern. Hie und da

allerdings werden solche »Vernunftehen«, wie man sie nennt, auch ganz

»glücklich«. Man lebt sich ineinander ein, keiner verlangt etwas oder

viel von dem andern und ist überrascht, wenn er mehr findet, als er

erwartet. Meist sind es auch resignierte Naturen, deren Seele keine

Ansprüche stellt, so maßlos oft auch die anderen, ans Leben gestellten

Ansprüche sein mögen. Die meisten Ehen aber -- wenn schon nicht alle --

sind unglücklich, und in jedes, auch des glücklichsten Menschen Leben,

werden Augenblicke vorkommen, in denen er sich dies eingesteht. Dabei

darf nicht verschwiegen werden, daß auch die »Liebesehen« unglücklich

werden und gerade deshalb noch viel unglücklicher, weil die Ehe mit

Illusionen begonnen wurde, auf welche die dürre Ernüchterung folgen muß;

Und so wandelt sich auch in _diesen_ Ehen die Liebe in Gleichgültigkeit

und diese in Haß. Der große Philosoph hat recht, der zuerst das Wort

sprach: »Die Ehe ist das Grab der Liebe«. Die Liebe ist ja das freieste

Gefühl, das unserer Seele gegeben, und jeder Zwang -- und als solcher

ist die Ehe vom Standpunkt der Liebe nur aufzufassen -- muß diese

Freiheit lähmen, einengen und bedrücken. Von der Prostitution rede ich

nicht. Sie ist das schmachvolle Kainszeichen, das unsere Zeit sich

selber aufgedrückt hat. Bleibt -- die freie Liebe. Aber auch hier, wo

wir eigentlich den Inbegriff der heißen, schrankenlosen Liebesglut

finden müßten, ist davon wenig zu merken. Selten ist es wirklich die

Liebe, die »_zwei Menschen die müssen_« zueinander treibt. Meist sind es

der Leichtsinn, die Laune, die Eitelkeit und die Vergnügungssucht, die

ihr gewichtiges Wort mitsprechen.

In jedem Falle ist die Liebe heutzutage ein Opfer, das die Frauen

bringen. Unsere ganzen verkehrten Anschauungen haben die Liebe dazu

gemacht und wenn es in diesem Schritt weiterginge, so würde man bald

überhaupt nicht mehr wissen, was Liebe ist. Unsere Seelen scheinen für

die Schwingungen der Liebe eben nicht mehr empfänglich zu sein; die

Seele hat die Sensibilität dafür verloren, und unser Seelenapparat muß

erst wieder darauf gestimmt werden. Und auch _diese_ Zeit wird kommen.

Mit eilendem Schritte gehen wir der Zeit entgegen, wo für den Menschen

die Arbeit nicht Arbeit, sondern nur Lust, Zerstreuung und Erholung sein

wird. Die Lebensbedingungen werden sich so gewaltig verändern, daß uns

um unsere »Versorgung« nicht mehr bange sein wird; die Herzensfragen

werden daher keine Magenfragen mehr sein, und die Schwingungen der Liebe

werden wieder gefühlt, gesehen und verstanden werden. Die Liebe ist ja

weiter nichts als das Resultat einer Anziehungskraft und infolgedessen

auch denselben Gesetzen unterworfen wie diese. So wie der Mond durch die

nähere Erde mehr angezogen wird, als durch die entferntere mächtige

Sonne, so wird ein Mann durch ein in seiner Nähe weilendes liebliches

Geschöpf natürlich mehr angezogen, als durch ein anderes Wesen, dem er

und das ihm ferner bleibt, von dem er sich aber unter anderen

Verhältnissen weit stürmischer angezogen fühlen würde, als durch das

erste. Den Gesetzen der Anziehungskraft zufolge kann nun das Herz

gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen angezogen werden. Es gibt

keinen Himmelskörper, der nicht zu kleinen Abweichungen von der ihm

zugewiesenen Bahn gezwungen würde, die man Störungen nennt. Bei uns im

menschlichen Leben werden diese Störungen Sünde genannt, Verrat und

Betrug. Die Flammen der Liebe gehen dann in die Flammen der Eifersucht

und des Hasses über, und bald suchen die einen, den geliebten Gegenstand

wieder zu umfassen und zu umhüllen, bald lodern sie zuckend zurück, weg

von dem Gegenstand des Hasses und Abscheus! In jener kommenden Zeit aber

-- wird es keine Eifersucht mehr geben und daher auch keine

Liebestragödien.

Man wird die Radioaktivität der Seele und ihre Wechselwirkung

aufeinander sehen und messen können. Man wird die »Flammen der Liebe«,

von denen unsere Dichter so lange schon geträumt und gesungen haben,

einander in heißer Sympathie entgegenschlagen sehen und wird genau _den_

Grad der Sympathie und der Liebe aus dem stürmischen einander

Entgegenlodern der Flammen oder dem ruhigen in einander Uebergehen

derselben erkennen können, und niemand wird _mehr_ Liebe verlangen, als

des anderen Herz für ihn zu empfinden und als des anderen Herz ihm

selber zu geben vermag. Der Fall ist ja nun allerdings denkbar, daß die

Flammen des Herzens einem und demselben »Gegenstande« von zwei Seiten

zulodern, daß sie selber aber nur nach einer Seite hin sich gezogen

fühlen. Dann wird sich der, dessen Flammen unerwidert nach des andern

Gluten reichen, ruhig bescheiden, denn allmählich legen sich ja auch die

heißesten Flammen, und des Dichters Wort bleibt auch für die Zukunft

bestehen: »es ist die Zeit das Oel, das all die wilden Wogen unseres

Herzens glättet«. Natürlich werden und müssen sich bei dieser

Erkennbarkeit oder Sichtbarkeit der Liebe auch alle unsere Anschauungen

über diese ändern. Ein Vortäuschen und Vorspiegeln von Liebe wird es

nicht mehr geben können. Treue in unserem Sinne des Wortes wird man

weder mehr verlangen noch wollen, aber ebensowenig wird der Betrug

möglich sein. Man wird einander gehören, solange die Sympathie da ist,

und wird sich trennen, sobald sie im Erlöschen ist; trennen in guter

Freundschaft, in freudigem Erinnern an das, was man sich gewesen ist. An

die Stelle der Ehe wird die Gemeinschaft getreten sein, die so lange

dauern wird wie die Seelengemeinschaft besteht. Denn ein einander

Angehören _ohne_ das Fortbestehen dieser Gemeinschaft der Seele ist

Prostitution, und Prostitution wird es _dann_ nicht mehr geben. In gar

keiner Hinsicht. Man wird aber andererseits auch seine Liebe nicht

verbergen. Vor niemandem schon aus _dem_ Grunde nicht, weil man sie

nicht wird verbergen können. Man wird aber nicht wie jetzt laut

ankündigen: »ich will mich in nächster Zeit oder in einem oder in zwei

Jahren mit dem oder jenem vereinen«, und wird noch weniger allen guten

Freunden und Bekannten und Verwandten feierlichst Nachricht geben, ich

werde heute oder an dem und dem festgesetzten Tage mich dem von mir

Auserwählten hingeben, sondern man wird es nicht für möglich halten, daß

in einem Zeitalter, das sich für gesittet hielt, so etwas Brauch sein

konnte; ebenso wie wir den Kopf darüber schütteln, daß im Mittelalter

sogar das Beilager als Krönung der Hochzeitsfestlichkeiten öffentlich

stattfinden durfte. In solch einer Sittenroheit, die die feinsten,

heißesten Seelenregungen öffentlich preisgibt, wird das Jahrhundert der

Zukunft nicht mehr befangen sein. Niemand wird wissen, wann und wo sich

ein Paar angehört hat, das zu einander gehört, und er wird einfach die

Tatsache vermerken, daß zwei eine Gemeinschaft geschlossen haben, die

auf der Harmonie der Seelenschwingungen beruht. Denn, wie gesagt, einen

anderen Grund wird es nicht mehr geben und nicht geben können, und die

niedrigen, materiellen Gründe von heute werden nicht bestimmend sein

können, weil ihnen der Boden der Notwendigkeit fehlen wird.

Ein anderes wichtiges Moment aber wird schwer in die Wagschale fallen:

Die _Kinder_. Heutzutage gilt es häufig noch als anstößig, Mädchen

wissen zu lassen, daß der Zweck der Ehe die Kinder sind, obwohl Gott sei

Dank die sexuelle Aufklärung sich in unserer Erziehung immer mehr Bahn

bricht; die ganz aufgeklärten, hypermodernen Braut- und Eheleute

schwören dagegen auf Kinderlosigkeit und suchen späterhin den

Kindersegen auch wirklich tunlichst einzuschränken. Auch das hat seine

Begründung in unseren heillosen ökonomischen Verhältnissen, in denen die

Existenz nur weniger so gesichert ist, daß sie den Kindersegen nicht als

direkte Schädigung ihrer Vermögenslage auffassen müssen. Andererseits

aber hat sich auch in jenen Kreisen, denen es nicht gerade darauf

ankommt, die Ansicht befestigt, daß es nicht zum guten Ton gehört, mehr

als zwei Kinder zu haben. In Newyork wird aus den Kreisen der oberen

Zehntausend die geradezu köstliche Geschichte kolportiert, daß Mrs.

Astor sich über Mrs. Gould (beide bekannte Milliardärinnen) mißbilligend

geäußert habe: »Etwas direkt Böses kann man ihr ja nicht nachsagen, aber

unanständig ist es doch, daß sie so viel -- Kinder hat«. -- In den

kommenden Zeiten, den Zeiten, da die Liebe sich auf sich selbst und

somit auch auf ihren Zweck besinnen wird, wird eine solche, sei es

selbst erfundene, Anekdote nicht gut möglich sein. Denn da werden nicht

nur die Mädchen, nicht nur die Frauen, sondern vor allem die _Mütter_ in

hohem Ansehen stehen. Die Mütter werden eine besondere Ehrenstellung in

der Gemeinschaft der Menschen einnehmen. Natürlich wird es dann die

große Ambition der Mädchen sein, Mütter zu werden, und die der Frauen,

gesunde, schöne und begabte Kinder zu gebären. Und es wird auch ein

Nachwuchs erstehen, der an Kraft, Schönheit und Geist weitaus alles

übertreffen wird, was wir heute als solche bewundern. Denn unser

Geschlecht ist, namentlich nach der Seite der Seele und des Geistes hin,

ganz gewaltig im Erstarken begriffen. Ein gesundes Geschlecht bereitet

sich vor, und da dieses Geschlecht nur Kinder der Liebe erzeugen wird,

nicht auch wie wir Kinder der Pflicht, so werden in erhöhtem,

verfeinertem, vergeistigtem Maße alle die Eigenschaften des Vaters und

der Mutter auch auf sie übergehen und in potenzierter Kraft in ihnen zum

Ausdruck gelangen. Das aber kann, wie gesagt, mit Sicherheit nur

geschehen, wo die Liebe den Bund geflochten hat. Die Natur selbst

verlangt, daß die Rechnung stimme und die Anziehung eine gegenseitige

sei, weil nur so der Zweck erreicht werden kann, den sie sich mit der

Liebe gesteckt hat. Der Geschlechtstrieb hat allerdings die Aufgabe, das

menschliche Geschlecht zu erhalten, die Liebe aber hat die Aufgabe, es

zu veredeln. Die Liebe ist die Zuchtwahl in edlerem Sinne und nur in

diesem veredelndem Sinne wird die Liebe künftig geübt werden. Wir in

unseren, von Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit regierten Verhältnissen

sind davon weit entfernt und sind im Gegenteil in dem Begriffe der Liebe

derart verroht, daß uns sogar das Urteil über das Vernünftige im

Haushalte der Natur abgegangen ist, und daß -- was viel, viel schlimmer

ist -- unsere Zeit Lüstlinge und Wüstlinge herangebildet hat, deren

Opfer zu Tausenden und Abertausenden ihrem Dasein fluchen.

Auch mit unseren Begriffen von Schande und Ehre stehen wir derart im

Banne starrer, längst als falsch und verächtlich erkannter, trotzdem

aber noch immer zu Recht bestehender gesellschaftlicher Dogmen, daß wir

ein Mädchen fallen lassen, weil es Mutter geworden ist, und das Kind

zugrunde gehen lassen, weil es die unglaubliche Frechheit hatte, sich

erzeugen zu lassen!! Und keiner denkt daran, welche Menschenwerte in

diesen Kindern verloren gehen. Denn -- ich erwähnte es früher schon

flüchtig -- gerade die sogenannten Kinder der Liebe, bei deren Entstehen

vielleicht wirklich die Liebe, in den meisten Fällen aber zumindest das

Liebesbedürfnis und das Temperament mitgewirkt haben, die geistig

veranlagtesten sind, gerade so wie bei unseren Ehen das erstgeborene

Kind meistens das gewecktere ist. Und das erinnert mich an ein

chinesisches Sprichwort. Dieses Sprichwort lautet: »Das erste der

Arbeit, das zweite der Schönheit, das dritte dem Geist«. Das erste,

zweite und dritte Kind nämlich. Das würde nun allerdings dem, was ich

früher gesagt habe, widersprechen, aber -- in China und überhaupt im

Osten ist das mit der Ehe und Liebe ganz anders als bei uns. Ein Chinese

selber setzte mir in Frisko den Unterschied einer europäischen und

asiatischen Ehe in folgender drastischen Weise auseinander. »_Ihr_ füllt

den Teekessel, zu dem ihr euch hinsetzt, gleich mit heißem, glühendem

Wasser, und immer mehr und mehr kühlt der Tee sich darin ab, bis er ganz

kalt wird und ihr keine Freude daran haben könnt, wir aber setzen das

Wasser kalt auf und zünden dann erst das Flämmchen an, das das Teewasser

allmählich durchwärmt, bis er schließlich den Grad von Wärme erreicht,

der es zu einem uns angenehmen, anregenden und durchwärmenden Getränk

macht.« Und der Mann hat mit seinem Vergleiche, so wie die Dinge heute

stehen, leider, von seinem Standpunkt aus, recht, aber -- sie werden

anders werden, ganz anders. Bei uns ebenso wie dort. Bei uns natürlich

zuerst. Die Kinder, die die Liebe gezeugt hat, werden nicht mehr die

Parias der Welt sein, denn es wird keine anderen mehr geben, und eine

einzige große Liebe wird alle diese Kinder umfassen, die Liebe der

Menschheit. Keines der Kinder aber wird um dessentwillen, weil es auf

die Welt kam, seelisch, moralisch und physisch verkommen müssen, sie

alle werden sich sonnen in dem Glück ihrer Kindheit, und es wird keinen

Vorzug der Geburt mehr geben, weil es keinen Makel einer solchen mehr

geben wird. Es wird das Reich der Liebe sein, der großen, unendlichen,

allumfassenden Liebe, und man wird über unser Jahrhundert als das

Jahrhundert der Lieblosigkeit, Grausamkeit und Härte stillschweigend

hinweggehen.

Baronin von Hutten.

Die Mutter von einst.

Die Mutter von einst.

Von Baronin von Hutten.

Es gab eine Zeit, in der man Mütter nur aus dem einzigen Grunde

verachtete, weil sie Mütter geworden waren. Doch man verachtete nicht

alle. Aber einige davon und gerade die, die der Stimme der Natur allein

gehorchend und sich nicht um die banalen Gesetze der Gesellschaft

kümmernd, die den höchsten Beruf erreicht hatten, den ein Weib überhaupt

zu erreichen vermag. Diese wurden verurteilt, verfemt und geächtet;

diese wurden aus der Gesellschaft als unwürdig ausgeschlossen, diese

wurden womöglich hinausgestoßen in Verzweiflung, in Elend und Schande,

denn sie hatten _einen_ Makel an sich:

_Den Makel der Mutterschaft_,

und schleppten ihn das ganze Leben lang mit sich fort. Es gab solch eine

Zeit, und es war eine sittlich erbärmliche, verkommene Zeit, die der

Heuchelei voll war. Denn in dieser Zeit galt die Liebe nichts, galten

die Impulse der Natur nichts, die alle eingezwängt waren in den

schnürenden Panzer wahnwitziger gesellschaftlicher Lügen und Vorurteile,

die man zum Gesetz erhoben hatte. Und nicht nur die Mutter wurden

verfemt, auch auf den Kindern -- merkt wohl auf -- lastete zeitlebens

der _Makel ihrer Geburt_, und sie hatten unter ihm zu leiden schwer,

schwerer noch als der Galeerensklave unter der Kettenkugel des Bagno.

Ja, es gab diese Zeit, und das war eine böse, grausame Zeit, die der

Ungerechtigkeit und Unvernunft voll war. Aber diese so häßliche Zeit

kannte doch _auch_ die Achtung vor Müttern. Sie neigte sich tief vor

_den_ Müttern, die mit _dem_ Manne, mit dem sie nicht im Herzen eins,

wohl aber im Range und der »Geburt« eins waren, und dem sie sich nicht

aus Liebe, sondern nur aus kühlster Berechnung, vielleicht sogar mit dem

Ekel des Herzens hingegeben hatten, um Mütter zu werden, vor _diesen_

Müttern neigte sie sich und pries sie und lobte sie, vorausgesetzt, daß

sie -- nicht zu oft Mutter wurden. Ja, es gab solch eine Zeit, und es

war eine verwerfliche Zeit, eine Zeit, auf die wir zurückblicken als auf

eine Zeit, die uns unbegreiflich, unfaßbar ist, und vor der uns graut

und ekelt. Denn wir schreiben ja jetzt das Jahr 2010, und diese Zeit, in

der das Höchste im Weibe so erniedrigt und so in den Staub gezerrt

wurde, liegt hundert Jahre zurück. _Nur_ hundert Jahre, ja, nicht einmal

so viele. Viel, viel weniger noch. Und in diesem kurzen Zeitraum, welch

ein wundervoller Wandel, der _unsere_ Zeit förmlich

_zum Zeitalter der Mutter_

gemacht hat.

Mutter! Kein herrlicheres Wort hat bisher noch die Sprache geschaffen.

Keinen herrlicheren Begriff hat ein Wort jemals gedeckt. Kein größeres

Mysterium hat die Natur jemals hervorgebracht. Neigt Euch, Ihr Frauen

und Männer, neigt Euch, ihr Jungfrauen, die Ihr Euch nach der

Mutterschaft sehnt, vor dem Weibe, das schon Mutter geworden. Drängt

Euch, Ihr Kinder, um sie, denn nur sie kann Euch verstehen, nur sie, die

in dem Stolze einhergeht, ein Wesen wie Euch geschaffen zu haben, ein

Wesen, bestimmt, die Menschheit emporzuführen bis zu dem weit, weitab

liegenden Ziele der Vollkommenheit.

Auch damals schon, in jener häßlichen Zeit, von der ich früher

gesprochen,[5] nährte man den Keim, die Ahnung der Mutterschaft in dem

Kinde. Man gab ihm in richtiger Erkenntnis seines künftigen großen

Berufes Puppen in die Hand und ließ es Kind und Mutter damit spielen,

ja, man ging sogar schon so weit, eigene Schulen zu errichten, in denen

man das Kind, in dem man die künftige Mutter schon sah, ahnte oder sehen

wollte, in denen man dieses Kind unterwies, seine Puppen als wirkliche

Kinder zu behandeln, zu behüten und zu betreuen, und in denen man

künstlich für die Puppen alle jene »Lebens«lagen schuf, in die ein Kind

später vielleicht kommen konnte, so z. B. Krankheiten, Unfälle und

allerlei Ereignisse, die eben das Leben ausmachen, und in die sich das

Kind so hineinzufinden und hineinzuleben erlernte.[6] Dann aber -- wenn

die Ahnungen wirklicher Mutterschaft in dem zur Jungfrau heranblühenden

Kinde erwachten, zerstörte man wieder die Saat, die man vorher gestreut,

zerstörte den Keim, der sich aus dieser entwickelte und zerstörte damit

alles, was man geschaffen, eine Verwirrung in dem Gefühlsleben des

Kindes hervorrufend, die die größten Sinnes- und Gewissenskämpfe zur

Folge hatten. Die Natur wurde unterdrückt, ihr Geschrei durfte kein Echo

in dem Herzen der heranwachsenden und herangewachsenen Mädchen mehr

finden, die ehernen Gesetze der Konvention, die Gesetze der

»Gesellschaft« hatten die Forderungen und Gesetze der Natur zu

Verbrechen und Vergehen gestempelt. _Das_ war die Kultur jener Zeit, die

Kultur, die wir heute nicht mehr begreifen.

[Fußnote 5: Gemeint ist das Jahr 1909, das soll nochmals ausdrücklich

betont werden.]

[Fußnote 6: Solche Puppenspielschulen wurden in London errichtet und in

vielen englischen Städten jetzt nachgeahmt.]

Mutet es uns nicht unfaßbar an, daß in jener Zeit die zartesten Regungen

des Herzens und des Temperaments geradezu mit Stolz an die

Oeffentlichkeit gezerrt wurden? Daß es »Verlobungen« gab, durch welche

aller Welt mitgeteilt wurde, ich, das bisher keusche Mädchen, habe

beschlossen, mich diesem und diesem Manne hinzugeben? Aber nicht heute,

nicht wenn die Natur, wenn die heiße Liebe mich dazu drängt, mich dem

Geliebten selig und beseligend in die Arme zu werfen, sondern in einigen

Monaten, in _einem_ Jahre, an dem und dem Tage und zu der und der

Stunde? Erinnert das nicht an jene barbarischen, schamlosen Zeitalter,

in denen das erste Beilager sogar öffentlich und mit gewissem Prunke

gefeiert wurde? Und weitab war man in jenen seltsamen Zeiten, die nur

hundert Jahre fernab von uns liegen, auch tatsächlich nicht, denn auch

_der_ Tag, der festgesetzt war für »das Opfer, das die keusche Scham der

Liebe bringt«, wurde prunkvoll begangen, und der heilige Bund wurde in

heimlicher Stille, unbemerkt und unbelauscht von jedermann, geschlossen,

nein, man wies selbst durch allerlei prunkvolle Zeremonien darauf hin,

und forderte niedrige Menschen dadurch heraus, schamlosen, unreinen

Gedanken hämischen Ausdruck zu geben. Wie ganz anders heut! Sich selber

unbewußt, sinken die Liebenden, von heißer Sehnsucht übermannt, sich in

die Arme, und im Kusse der Liebe wird der heilige Bund wortlos und

zeugenlos geschlossen. Im übrigen wurde auch damals mehr als _ein_ Bund

auf diese Art geschlossen. Wer's aber tat, der war für immer gerichtet,

der hatte sein Recht auf die Gesellschaft für immer verloren! Außerdem

war der Bund, der »nach den Gesetzen«, also unfrei, geschlossen wurde,

sehr schwer nur lösbar. Die Liebe wurde also förmlich für's ganze Leben

durch Unfreiheit bezahlt. Das freieste aller Gefühle wurde in Fesseln

geschlagen und zu einem Zwang umgewertet. Was Wunder, daß man an andere

Münze dachte, die Liebe, die man brauchte, zu bezahlen, und daß die

größte Schmach, die je die Welt gekannt hat, daß die Prostitution

geschaffen, gestärkt und großgezogen wurde. Was Wunder, daß der Zwang

die Liebe gar oft in ihr Gegenteil verkehrte, und die liebeleer

gewordenen Herzen, die sich nach einer Liebe sehnten, diese suchten und

sich ihr ergaben. Damit aber . . . damit hatten sie sich abermals gegen

die Gesetze der Gesellschaft vergangen und verfielen wieder dem Spott

und der Mißachtung. Freilich nicht immer. Denn da die Menschen damals

nicht gleich in allen ihren Rechten waren, half der »Rang« auch über

diese »Mißachtung« hinweg.

Was Wunder, daß in einer solchen Zeit die Mütter nicht jene Achtung,

nicht jene große, berechtigte Vorzugsstellung genossen, wie heute, wo

wir glücklicherweise dem Jahre 1909 um hundert Jahre voraus sind. Damals

gab es mehr Kinder, heutzutage gibt es mehr Mütter. Dieser scheinbare

Widerspruch findet in den veränderten Verhältnissen seine Erklärung.

Damals war seltsamerweise nicht für jeden Menschen gesorgt. Damals hatte

wohl jeder die _Pflicht zu leben_, nicht aber das Recht. Damals mußte,

um sich lieben zu »dürfen«, ein eigener Hausstand gegründet werden, was

von Jahr zu Jahr _teurer_ wurde, so unerschwinglich teuer, daß die

Frauen und Mädchen, die sich keinen Mann _kaufen_ konnten (durch ihre

Mitgift, ihren Erwerb, ihre Stellung), auch keinen oder nur sehr schwer

einen fanden. Viele von diesen hielt die Scham zurück, sich einem Manne

hinzugeben, selbst wenn man ihn liebte. Dadurch entstand ein seiner ihm

von der Natur gegebenen Bestimmung entzogenes Wesen, das man »die alte

Jungfer« nannte, und das merkwürdigerweise deshalb, weil es sich den

Gesetzen der Gesellschaft fügte, den leisen oder lauten Spott dieser

selben Gesellschaft erfuhr!! Hunderttausenden von Frauen[7] wurde es so

unmöglich gemacht, zu Müttern zu werden. Dafür trugen die staatlich und

gesellschaftlich anerkannten »Ehen« viel dazu bei, den Kinderreichtum zu

vermehren, denn durch das gezwungene Zusammenbleiben wurde die Liebe

eine Sache der Gewohnheit, und die Gemeinschaft bestand ruhig auch

zwischen _nicht_ harmonierenden, einander gleichgiltigen, ja sich

hassenden und verachtenden Eheleuten aufrecht. Heutzutage haben unsere

Frauen den richtigen Instinkt. Sie fürchten den Umgang mit Männern,

denen sie schon ein Kind geschenkt haben, während die Mädchen gerade den

bewährten, reiferen Männern den Vorzug geben, ein Prinzip, das damals

schon für richtig anerkannt wurde, aber nur -- in der Aufzucht der

Tiere. Die Aufzucht der Menschen aber, das hat _unser_ Jahrhundert, das

einundzwanzigste, glücklich erkannt, die Aufzucht der Menschen ist doch

ein gut Teil wichtiger noch. Und da es heutzutage _nicht_ als eine

Schmach gilt, Mutter zu werden, sondern als der größte Stolz, es zu

sein, besteht selbstverständlich die größte Ambition unserer Frauen

darin, ein gesundes, schönes und begabtes Kind zu gebären. Daher

schwärmen unsere Mädchen weit häufiger für Männer, welche das dreißigste

Jahr überschritten haben, als für jüngere Elemente. Es war nun damals

schon erwiesen, daß Kinder der Liebe im allgemeinen weit geweckter,

stärker, kräftiger und gesunder waren, als jene Kinder der Pflicht, die

eine Folge jener seltsamen Eheverhältnisse waren. Bei uns nun sind alle

Kinder Kinder der Liebe, selbst wenn -- was nur vereinzelt vorkommt --

_einem_ Paare mehr als _ein_ Kind entstammt. Denn welche Frau würde ihr

Leben (und das tut sie bei jeder Geburt) für einen Mann aufs Spiel

setzen, den sie nicht liebt? Keine. Aber nicht eine. Und darum sind

unsere Kinder so geweckt, so kräftig, so durch und durch nur gesund, und

darum vervollkommnet sich unser Geschlecht von Tag zu Tag, ich möchte

sagen von Stunde zu Stunde. Freilich nicht darum allein. Auch die

Wissenschaft hat uns neue, wunderbare Kräfte erschlossen, die auch

beigetragen haben, das Menschengeschlecht zu veredeln. Die Hauptsache

aber sind doch immer die Eltern. Vor allem die Mutter. Von _dem_

Augenblick an nun, da sie Mutter geworden, hört sie auf, als solche

Pflichten zu haben und genießt nur deren Rechte. Da nämlich jedes Kind

das gleiche Anrecht hat, nach allen Errungenschaften der Wissenschaft

aufgezogen zu werden, es aber unmöglich ist, diese Errungenschaften

jedem individuell zukommen zu lassen, so werden die Kinder der Mutter

abgenommen und mit Kinderwartung und Kinderpflege vertrauten Müttern

übergeben, die den entsprechenden, wundervoll eingerichteten

Kinderanstalten vorstehen, in denen die Entwicklung eines

Krankheitskeimes geradezu ausgeschlossen ist. Kinderkrankheiten,

Epidemien also, die in früheren Jahrhunderten und Jahrzehnten die Kinder

zu Millionen dahingerafft haben, sind ausgeschlossen, ebenso wie es

ausgeschlossen ist, daß Kinder darben und an Nahrungslosigkeit oder

schlechter Nahrung zugrunde gehen. Es ist aber für jedes Kind

gleicherweise gesorgt. Wohl aber ist es den Müttern erlaubt, ihre Kinder

zu bestimmten Stunden des Tages und zwar viermal täglich selber zu

nähren. Dadurch wird den Kinder die ihnen von der Natur zugedachte

Nahrung zugeführt, gleichzeitig aber verhindert, daß die Kinder schlecht

gewöhnt oder überernährt werden, was in früheren Zeiten sehr häufig der

Fall war, da auch jedes Schreien der Kinder durch die Muttermilch

»gestillt« wurde. Solch eine verständnislose Ernährung hat aber nicht

wenig dazu beigetragen, die Krankheits- und Sterblichkeitsziffer der

Kinder zu erhöhen, oder aber die Erziehungsfähigkeit der Kinder zu

vermindern. Denn bei uns beginnt die Erziehung mit dem ersten Tag.

Dadurch nun, daß die Erziehung nicht den Müttern überlassen bleibt, sind

auch die Gefahren vermieden, die in der mütterlichen Erziehung früher

oft lagen. Und diese Gefahren waren keine geringen, denn wenn _eine_

Liebe blind ist, so war es und ist es zum Teil noch heute die

mütterliche gewiß. Wie jeder Mensch, jeder Künstler _das_ Werk, das er

selber geschaffen, für das beste hält, so hält zweifellos jede Mutter

ihr Kind für das beste und liebste und schönste, und die Schwachheit der

Mutter gegen dieses ihr Werk hat mehr Schaden geschaffen als Nutzen.

Sehr viele Knaben sowohl wie Mädchen haben sich jenem »Kampf ums

Dasein«, von dem wir heute glücklicherweise nur vom Hörensagen noch

wissen, der aber in den früheren Zeiten die Individuen förmlich

zerrieben hat, nicht gewachsen gezeigt, weil sie von ihren Müttern zu

»Muttersöhnchen« erzogen, in ihrem Charakter nicht gefestigt und in

ihrer Widerstandsfähigkeit lahmgelegt waren. Das ist ja nun anders. Der

Kampf ums Dasein hat dank der sozialen Einrichtungen, die unser

herrliches neues Jahrhundert eingeführt und getroffen hat, aufgehört zu

bestehen. Jeder, der lebt, hat als Teil der Gesamtheit auch Teil an der

Gesamtheit. Die Arbeit ist nicht zur bitteren Lebensnotwendigkeit,

sondern zur Lust und zur Freude geworden, und die Mütter nehmen an

dieser Freude teil, wie sie früher am Spiel ihrer Kinder teilgenommen

haben. Denn die Arbeit ist Spiel. Sie wird von Anfang an als Spiel nur

gelehrt, als Spiel nur geübt, und es gibt daher keine Unlust zur Arbeit,

zumal jedes Kind nur das arbeitet oder spielt, was es arbeiten will. Die

Haupterziehung richtet sich nun danach, des Kindes Wollen auf das nur zu

richten, was es auch erreichen kann, und was ihm durchzuführen möglich

ist. Dem Geiste des Kindes diese Richtung zu geben, ist nun vornehmlich

die Sache der Mütter, da sie ja durch die angeborene Intuition der

Mutter am ehesten imstande sind, die geheimsten Seelenregungen des

Kindes zu erkennen und seine Neigungen und Wünsche kennen zu lernen. Der

Hauptstolz der Mutter wird es nun sein, um _ihrem_ Kinde im Wettstreit

des Arbeitsspiels die Palme zuerkannt zu sehen, die Geistesrichtung

ihres Kindes zu erforschen und es auf dem eingeschlagenen Wege zu leiten

und zu bestärken. Die Mutter wird die vornehmste Beraterin, der Vater

der beste Freund seiner Kinder werden. Nicht nur seiner freilich,

sondern aller, hauptsächlich aber doch der eigenen. Und die Liebe der

Kinder wird sich allen Müttern, allen Vätern, vor allem aber natürlich

den eigenen zuwenden. Diese Liebe wird aufgebaut sein auf dem großen

Gefühle der großen, echten, grenzenlosen Dankbarkeit. Der Dankbarkeit

für das größte Geschenk, das einem zuteil werden kann, der Dankbarkeit

für _das Leben_. Denn das Leben ist, was es heute ist, nichts als eine

Kette edelster Freuden, und es ist uns unfaßbar, daß es in früheren

Zeiten für die Menschen ein Kampf, für alle ein Fluch war. Die

Geschichte von jenem großen, unglücklichen Mann, der nach schwerer,

grausamer Jugend, in einem Augenblick unerwarteten Glücks, von dem

ungeahnten Wonnegefühl übermannt, seiner Mutter um den Hals fiel und ihr

schluchzend und jubelnd zurief: »Mutter, Mutter! ich verzeihe Dir, daß

Du mir dieses Leben gabst«, erschüttert uns wie alles für uns

unbegreifliche uns erschüttert. Heutzutage aber ist das eine

Unmöglichkeit. Heute ist es das überströmende Dankgefühl, das uns

unseren Müttern gegenüber niemals verläßt. Und aus diesem Dankgefühl

wächst die große Verehrung hervor, die sich fast zu einer Religion

verklärt hat, zur _Religion der Mutter_. In der Mutter hat die Natur ihr

höchstes Wunder vollbracht, und das Gefäß dieses Wunders ist für uns

geheiligt. Natürlich fällt ein Abglanz von diesem Strahle auch auf die

Liebe, die nicht mehr in den Staub und Kot getreten wird, wie dies noch

im vergangenen Jahrhundert der Fall war, sondern die als die einzige von

der Natur gewollte, von der Natur geheiligte Wandlung zum hehren Berufe

der Frau, zum Berufe der Mutter aufgefaßt wird. Nie wagt sich daher

mehr, so wie einst, schmähliche Nachrede an ein Paar, das sich liebt,

nie heftet sich an dessen Sohlen Spott, Niedertracht und Verachtung,

denn jeder weiß, daß echte Liebe jederzeit rein ist, und daß die Natur

sie will und verlangt. In unserem Jahrhundert gilt nur das, was die

Natur von uns fordert. Nur ihren Satzungen folgt man, denn die Natur ist

zum Gesetze der Menschheit geworden. Eine Zeit des Lichts ist

angebrochen in allem und jedem, eine Zeit glänzenden alles überflutenden

Lichts, in welchem am hellsten _eines_ erstrahlt, das Licht der

Mutterschaft und der Liebe.

[Fußnote 7: Das Mädchen gibt es zurzeit nach einem bestimmten Alter

nicht mehr.]

Alexander von Gleichen-Rußwurm.

Gedanken über die Geselligkeit.

Gedanken über die Geselligkeit.

Von Alexander von Gleichen-Rußwurm.

Die meisten Träumer und Verfasser utopischer Weltbilder verirrten sich

in einem Wald politischer Ideale und vertraten den Standpunkt, daß

Staatsverfassungen, Gesetze, öffentliche Einrichtungen, den Kern des

Lebens ausmachten. Alle diese Dinge umgeben uns wie die Landschaft,

wirken wohl ab und zu auf die Stimmung, bilden einen Gesprächsstoff,

greifen aber in das eigentliche intime Dasein nur in außergewöhnlichen

Fällen ein und dann meist auf unangenehme, störende Weise. Vielleicht

trägt gerade das störende Element dieser Eingriffe die Schuld, daß bei

allen Zukunftsträumereien eine durchdringende Veränderung der

öffentlichen Verhältnisse hauptsächlich ins Auge gefaßt war. Von Plato

bis Bellamy und Laßwitz, der die Erdbewohner mit den Marsleuten in

Verbindung brachte, haben die Autoren soziale Märchen erzählt und die

Frage ausgeschaltet oder höchstens gestreift, ob sich seine anmutige

Geselligkeit in den neuen Zustand der Dinge einfügen könne.

Die »große« und die »schöne« Welt, wie nach französischem Beispiel die

Kreise genannt werden, in denen man sich unterhält oder wenigstens

unterhalten soll, haben noch jeden Umsturz überdauert und tauchten immer

aus der Unordnung gewaltsamer Katastrophen empor, sobald nur ein wenig

Ruhe eintrat und ein bißchen Ordnung Platz schaffte. Es ist merkwürdig,

wie gering die Einwirkung großer, historischer Ereignisse auf das

tägliche Leben und seine Sitten ist. Nur langsam ändern sie sich infolge

bahnbrechender Erfindungen, indem sich die Gesellschaft die Arbeit der

Gelehrten zunutze macht, sobald sich die Industrie ihrer bemächtigen

konnte. Die Leichtigkeit, mit der wir uns fortbewegen, die

Schnelligkeit, mit der fremde Genüsse eingeführt werden, die Billigkeit

angenehmer Dinge tragen viel bei zum Wechsel der moralischen

Anschauungen, unter denen die Geselligkeit seit alters steht.

Der harmlose Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern ist der

Angelpunkt jeglicher Geselligkeit. Ob anmutiges Gespräch und sinnig

heiteres Spiel, ob der Tanz oder die Karten, ob schließlich ein Sport

diesen Verkehr beherrscht, entscheidet vorübergehende Mode. Der

Charakter unserer Entwicklung, der auf starker Individualisierung

beruht, läßt dahin schließen, daß in einem Jahrhundert -- je nach

Geschmack der einzelnen Kreise -- die verschiedensten Unterhaltungen

nebeneinander ihr Recht behaupten und daß die strengen Gesetze, die

heute eine sogenannte herrschende »Koterie« vorschreibt, bei steigender

Kultur an Bedeutung verlieren. Anmutig feine Geselligkeit, die aus

Memoiren und Briefen noch einen Abglanz auf spätere Zeiten wirft, war

immer selten und auf wenig Auserlesene beschränkt. Daß die Zahl dieser

Auserlesenen sich vermehrt, ist wünschenswert und wahrscheinlich, denn

ein Rundblick über Literatur, Kunst und Kunstgewerbe zeigt eine

Sehnsucht nach heiter ausgefüllter Muße, wie sie nur vornehm froher

Verkehr im Salon gewähren kann.

Aber unser allgemein anerkanntes Nützlichkeitsprinzip -- höre ich sagen

-- widerspricht solch rosafarbenem Optimismus, der im Jahrhundert der

Arbeit einen Triumph der großen und der schönen Welt prophezeit. Und ein

gelehrter Freund erzählt mir von Madachs berühmter »Tragödie des

Menschen«, deren Zukunftsbilder zu meiner leichten Plauderei in

schärfstem Widerspruch stehen. In dieser tiefen Dichtung ist ein Staat

entworfen, der das Prinzip absoluter, nüchterner Nützlichkeit endgültig

zum Sieg brachte. Alles ist durchaus sachlich und praktisch geordnet,

Phantasie, die gute Fee, die einst zu Spiel und Vergnügen geleitete, hat

den Menschen verlassen und alles, was einst den Schönheitsdurst stillte,

gehört zum vergessenen Plunder. Es ist mit Etiketten versehen, in einem

Museum gesammelt und wird den Kindern gezeigt. Alle Ueberflüssigkeiten

des Lebens sind darin, die Erinnerungen an harmlosen Verkehr, auch die

letzte Rose, denn die ausgenutzte Erde hat keinen Platz mehr für solches

Zeug. Diesem düstern Bild halte ich aber die schöne Wirklichkeit

entgegen, in der die Blumen mehr Platz einnehmen denn je, und in der

vornehmer, geselliger Verkehr endlich bewußt von den Gebildeten als

Kulturträger anerkannt wird. Diese Anerkennung verbindet den modernen

Wunsch, die Gegenwart schön und die Zukunft noch schöner zu gestalten

mit dem praktischen Gesichtspunkt, die Dinge in ihrem Gebrauchswert

entsprechend zu behandeln. Die Wichtigkeit des geselligen Lebens als

Bildungsmittel für Geist und Gemüt, als anregende Ruhezeit nach den

Stunden des Erwerbs steht allgemein fest. Aber seine Bedeutung in einer

Zeit, in der alle Anschauungen naturgemäß freier werden, wird meiner

Ansicht nach in einem Jahrhundert noch besser geschätzt sein als heute.

Denn nur der freiwillige Zwang, den edler Verkehr den Gebildeten

auferlegt, mildert die Sitten und schafft ein hohes Kulturbild, wie es

als Ideal den heutigen Aestheten vor Augen schwebt. Ideale werden aber

-- wenigstens zum Teil -- Selbstverständlichkeiten der Zukunft. So ist

es mit der Gedankenfreiheit, mit der politischen Selbstbestimmung, mit

dem gleichen Recht für alle gegangen. So wird es auch sein mit den

Träumereien von einem »schönen« Leben, zu denen vor allem anmutige

Geselligkeit zur Feierstunde gehört.

Der kultursuchenden Gegenwart schweben die »^mondainen^« Verhältnisse

Englands als Beispiel vor Augen. Wir verehren darin die absolute

Sicherheit, mit der die klassische Mahlzeit, der richtige Anzug, die

bestimmte Art des Vergnügens, Ort und Zeit entsprechend gewählt werden.

In hundert Jahren hat wohl die ganze gebildete Welt jene Fehlgriffe

überwunden, die heute den eingefleischten Provinzler, den Parvenü, den

Snob bei großstädtischen Gelegenheiten so possierlich erscheinen lassen.

Man wird in den Regeln des Anstands und der feinen Sitte auch in Kreisen

Bescheid wissen, denen heute die geistige Bildung nicht mangelt, sondern

nur die gute Kinderstube. »Also Uniformierung, keine Originalität mehr,

stilgerecht durchgeführte Langeweile!« wirft mir eine lebhafte Gegnerin

ein. -- Wenn langweilige Menschen im Salon sind, gewiß, aber ich glaube,

daß es weniger langweilige Menschen geben wird, denn sie werden weniger

abgespannt, weniger müde, weniger nervös zusammenkommen und die

ausreichende Freiheit, die beiden Geschlechtern eine neue Weltanschauung

gewährt in bezug auf Moral, Berufswahl und vielleicht Familienleben,

läßt sie den äußeren Zwang eines wohlgeregelten Salons um so angenehmer

empfinden. Die Geselligkeit wird blühen, weil dann gute Manieren so

selbstverständlich sind wie frische Wäsche und alle, die unter Menschen

gehen, sich geistig wie körperlich ein Festgewand anlegen.

Ob dieses Festgewand dem unseren gleicht? -- Wer zurückblättert in den

dicken Bänden der Kulturgeschichte wird eine verneinende Antwort

herauslesen. Mit den äußeren Lebensbedingungen ändert sich der Witz und

das Gebiet, das den Unterhaltungsstoff liefert. Wer nicht durch

historische Studien belastet ist, lacht kaum über die Witze unserer

Vorfahren und würde schwerlich mit Vergnügen an ihren Gesprächen

teilnehmen. Wir können es ebensowenig von den Nachkommen für unsere

Bonmots und Interessen verlangen. Mit der geistigen Toilette ändert sich

aber auch die Tracht. Nach den Bestrebungen der Gegenwart zu schließen,

wird sie immer bunter und prächtiger für die Frau und dürfte auch für

den Mann geschmeidiger und farbiger werden. Da sich unter veränderten

Verhältnissen die Geselligkeit nicht mehr auf die Welt der Müßiggänger

vorzugsweise beschränkt und deshalb auf die Abendstunden fallen wird,

kann sich der künftige Gesellschaftsanzug Farben und Stoffe erlauben,

wie sie ganz moderne Menschen heute vielleicht in kühnen Augenblicken

träumen.

In einer Zeit, in der sich die Verkehrsbedingungen von Jahr zu Jahr

bedeutend verbessern, in der sich aber die Grundlagen eines eigenen

eleganten Haushalts jährlich verschlechtern, tauchen neue Fragen auf für

die Zukunft der Geselligkeit. Der Kommunismus, dessen rohe,

kulturzerstörende Elemente ängstlichen Gemütern meist allein bewußt

sind, hat auch seine reiche, elegante Seite. Leute, die sich zu

unterhalten wissen, lieben es nicht, sich außerhalb ihres Berufs oder

sonstigen Interessenkreises zu plagen. Da nun allem Anschein nach nicht

nur der Mann sondern auch die Frau außerhalb des Haushalts in steigendem

Maße beschäftigt sind, und da fremde Leute, das heißt hauptsächlich

Dienstboten, sich immer weniger zuverlässig erweisen, wächst das

Bestreben, die Bürde der eigenen Wirtschaft abzuwerfen und im frohen,

komfortablen Kommunismus des vornehmen Hotels aufzugehen.

Die offiziellen Feste der großen Welt werden ihren Charakter auch in

hundert Jahren wenig geändert haben. Vertreter der unteren

Volksschichten erscheinen vielleicht zahlreicher als heute, aber ihre

Gegenwart wird noch weniger auffallen, da sie durch die steigende,

verallgemeinerte Kultur gelernt haben werden, sich den feinen Sitten

geselligen Verkehrs einzufügen, aber die kleinen, gemütlichen

Veranstaltungen der schönen Welt, in denen sich immer der lieblichste

Zauber menschlicher Zusammengehörigkeit zeigte, sind in hundert Jahren

wohl hauptsächlich in jenen lichtdurchfluteten, geschmackvoll

eingerichteten Hotelräumen zu finden, in denen der neueste Komfort, die

eleganteste Mode, der Schein des größten Reichtums zu den

Selbstverständlichkeiten gehören. Da knarrt kein Rädchen einer schlecht

geölten Haushaltungsmaschine und stört das Gespräch mit seinem Geräusch,

da schaut die Dame des Hauses nicht mehr ängstlich auf die Diener, ob

sie nichts vergessen und nichts zerbrechen. Die ganze Mühe ist auf

Bestellen und auf Zahlen beschränkt. Ein Privathaus -- es sei denn, daß

ihm vielfache Millionen den Glanz eines Fürstenhofs verleihen -- wird

kaum in der Lage sein, den Anforderungen künftiger verwöhnter

Generationen zu genügen. Wenn ein Teil der Gäste im Luftschiff

heransaust und am Dachstuhl landet, ein anderer durch unterirdische

Bahnen herangeführt aus dem Keller emporsteigt und einige altmodische

Leute vielleicht noch im Auto am Straßentor anfahren, muß überall für

Empfang gesorgt sein. Mit den Erfindungen, die man gebrauchen und

genießen möchte, aber beschränkter Mittel wegen sich nicht dienstbar

machen kann, wächst auch für den geselligen Kulturmenschen der Wunsch

nach Zusammenschluß. So wird der große soziale Gedanke, der im

neunzehnten Jahrhundert gefahrdrohend auftauchte, auch der feinen Kultur

unterworfen, im geselligen Leben unserer Enkel und Urenkel gute Früchte

tragen.

Prophezeien ist zwar eine mißliche Sache, weil man die Grundbedingungen

des gegenwärtigen Zustands nicht verlassen kann und über die Grenzen des

menschlichen Geistes gar nicht Bescheid weiß, aber ein gesunder

Rückblick auf die Vergangenheit ermöglicht, die allgemeine Richtung

festzustellen. Ein kleines Buch »^l'an deux mille^«, das anonym im

achtzehnten Jahrhundert erschien, enthält manche ganz richtige Meinung,

indem es die großartige Entwicklung voraussah, die entdeckte und

bezähmte Naturkräfte später hervorriefen. Damals herrschte das Vertrauen

auf eine allein seligmachende Wissenschaft. Heute hat der Wunsch nach

höchster Kultur sich mit der Sehnsucht vermählt, durch Abwerfen falscher

Zivilisation mit der Natur wieder in innigere Verbindung zu kommen.

Diese erstrebte Harmonie öffnet günstigen Ausblick auf das künftige

Weltbild.

So können wir hoffen, daß schönere und gesündere Menschen im Salon der

Zukunft heiterer Muße pflegen. Doch spätere Zeiten gleichen für uns

einem Spiegel, in dem nichts anderes erscheint, als die Erfüllung der

eigenen Wünsche.

Jehan van der Straaten.

Unterricht und Erziehung in 100 Jahren.

Unterricht und Erziehung in 100 Jahren.

Von Jehan van der Straaten.

Es war einmal ein alter, weiser Mann, der war fast so alt wie die

Spitzen der Berge und noch älter. Und er war so weise und hatte eine

solche Macht, daß ihm alle Feen, Gnomen, Elfen auf einen Wink

gehorchten, so verschieden sie auch in ihrer Art voneinander waren.

Aber mein Gott! Er war schon zu alt, daß er keines jener Wesen mehr

verstand; kein Faun und kein Gnom konnte ihm mehr ein Lächeln abzwingen,

kein Kobold konnte ihn durch seine Streiche ergötzen, keine Fee, so

herrlich und schön sie auch war, konnte ihm noch gefallen, er war schon

zu alt, und das war sehr schlimm, um so schlimmer, als er sich manchmal

doch wünschte, er könne diese Wesen wieder verstehen. Und so dachte er

sich, er würde das Verständnis für sie wieder finden, wenn er sie durch

die Augen des Kindes betrachten würde, und er sagte zu einem der Kinder:

»O, Du liebes, junges Kind, laß mich doch durch Deine Augen sehen.« Und

das liebe, junge Kind sagte: »Warum nicht?« Und da versuchte der alte

weise Mann durch die Augen des lieben, jungen Kindes zu sehen, aber er

vermochte es nicht, denn ihm fehlte das Verständnis für die Seele des

Kindes, durch das dieses mehr sieht als durch sein leibliches Auge. Und

er verstand die Späße der Kobolde und Gnomen und die Schönheit der Fee

und all der phantastischen Gestalten weniger als je, und da wurde er

totbleich und seine Lippen zitterten und seine Hände auch und er sagte:

»Meine Zeit ist um, jetzt bist Du an der Reihe!« Und das liebe, junge

Kind war glücklich und selig, als wäre ihm ein Stein vom Herzen

gefallen.

* * * * *

Es war nicht leicht möglich, besser und eindringlicher als dies _James

Arthur Colton_ in den wenigen Zeilen tat, die ich meinen Ausführungen

voranschickte, die unglaubliche Verständnislosigkeit zu schildern, mit

der unsere Lehrer -- nein, unsere Unterrichts- und Erziehungsmethoden,

den Kindern gegenüberstehen, die sie zu Männern zu machen berufen sind.

In der Zwangsjacke der sogenannten Erziehung verkümmert heutzutage jede

Bewegungsfreudigkeit des kindlichen Geistes, die Phantasie, die das

herrliche Prärogativ der Jugend ist, wird unterbunden, und sie darf um

Gotteswillen ihre Flügel nicht regen, der Gedanke, der hinausschweifen

möchte, Gott weiß in die Ferne und alles erfassen, was ihn wie ein

Mysterium umgibt, wird an die kalten, starren Buchstaben gefesselt, in

dessen Geiste die ganze Erziehung vor sich geht. Statt daß der Lehrer

die Kinder versteht, verlangt man, die Kinder sollen den Lehrer

verstehen, und das allein charakterisiert das ganze Absurde unserer

Unterrichtsmethoden und unseres Erziehungssystems. Es ist kein Zufall,

daß gerade die größten Männer meistens die schlechtesten Schüler waren,

d. h. _die_ Schüler, die sich durch ihren geringeren Fleiß, ihre größere

Unruhe und Lebhaftigkeit, also durch ihr schlechtes Betragen und ihre

Unaufmerksamkeit ausgezeichnet haben, wobei allerdings die Lehrer stets

die gleichzeitig sich zeigende schnelle Denkfähigkeit und das rasche

Erfassen übersehen haben. Gerade alle die gerügten Mängel aber sind oft

-- natürlich nicht immer -- aus dieser großen geistigen Regsamkeit der

Kinder zu erklären. Es ist nicht Sache des lebendigen Geistes, über

einem Buche zu hocken; nicht Sache des Temperaments (und Temperament und

Geist sind im Kinde fast ein und dasselbe) stundenlang auf einem Flecke

zu hocken; es ist nicht seine Sache, immer nur auf die eine Seite des

einen Buches die Blicke zu heften, wo sie hinaus schweifen können,

hinaus, wo es des Schönen und Rätselhaften und Wissenswerten so viel

gibt, nein, nein, das Kind will und muß aus sich selbst heraus, es muß

aufatmen können nach Herzenslust und will mit der eigenen Lunge atmen,

und sich nicht die Luft einblasen lassen, die es einatmen will und

einatmen darf, damit es nur ja nicht Schaden nehme an Leib und an Seele.

Glücklicherweise bricht sich die Erkenntnis von der Verkehrtheit unserer

Erziehungsmaximen immer mehr Bahn, und die Zeit ist wohl nicht mehr

fern, in der das ganze Jammergebäude, das wir »_Schule_« nennen, in sich

zusammenstürzt und auf dessen Trümmern der Tempel der Vernunft glorreich

ersteht. Es wird dazu keiner Revolution bedürfen, sondern die Sache wird

sich ganz von selber ergeben.

Wir Menschen werden nämlich allmählich beginnen, uns daran zu erinnern,

daß uns selber Kräfte innewohnen, die in den meisten von uns völlig

latent liegen blieben, und von deren Vorhandensein wir gar keine Ahnung

haben, ja, deren Bestehen wir bei anderen heut noch als etwas nahezu

Uebernatürliches empfinden. Außerdem werden sich in uns selber jene

Wunder vollziehen, die wir tagtäglich in der Wissenschaft vor sich gehen

sehen. So wie es ganz zweifellos ist, daß wir die Welt und deren Farben

heutzutage ganz anders sehen als die Menschen vor tausenden,

zehntausenden und hunderttausend Jahren sie gesehen haben, so wie unser

Auge erst vor Jahrzehnten vorerst in der Kunst und darauf in der Natur

die violetten Strahlen für sich entdeckt hat, so ist es gar kein

Zweifel, daß über kurz oder lang auch die X- und anderen Strahlen für

uns sichtbar sein werden, und es uns gegeben sein wird, mit unseren

Blicken auch die Materie zu durchdringen. Möglich, daß wir uns dazu noch

besonderer optischer Vorrichtungen werden bedienen müssen, wie wir ja

auch jetzt unser schlechtes oder falsches Sehen mit Brillen korrigieren;

möglich, oder vielmehr sehr wahrscheinlich, daß unser Auge allein die

neuen Fähigkeiten sich aneignen wird. Aber nicht nur unser physisches

Auge wird sich in der angedeuteten Richtung wesentlich schärfen und

vervollkommnen, sondern unser geistiges auch. Es ist ein alter tiefer

Bauernglaube, daß bei der Geburt die Kinder alles Wissen dieser Welt

besitzen. Bevor sie aber so gut sprechen gelernt haben, daß sie's uns

mitteilen könnten, haben sie's auch wieder vergessen. So naiv diese

Ansicht ist, so ist doch eine tiefe Wahrheit darin verborgen. Wir lernen

das verhältnismäßig Geringe, um das Große, Gewaltige, uns Innewohnende

zu -- vergessen. Wir lernen und werden erzogen, um eingeschränkt zu

werden in unseren Kräften. Unsere Sinne verlieren ihre Schärfe, ja

selbst unsere Gliedmaßen lernen wir nur einseitig gebrauchen. Der

hervorragende Spürsinn, mit dem der Mensch begabt ist, geht in der

Kultur vollständig unter, die »Witterung« geht uns verloren, der gesunde

Blick schwindet, Kurzsichtigkeit nimmt überhand, der Tastsinn, dessen

Feinfühligkeit die Blinden wiedergewinnen, ist abgestumpft, das Gehör

ist durch das Eindringen von tausenderlei von Geräuschen, für die feinen

Schwingungen nicht mehr empfänglich. Und ist dies alles mit unseren

groben Sinnen der Fall, die förmlich gewaltsam zum Verkümmern gebracht

werden, so tritt das bei unseren feinen und feinsten Sinnen erst recht

in die Erscheinung, so zwar, -- daß ihr Bestehen geradezu geleugnet

wird. Gerade im Kinde sind aber die Schwingungen der Seele ganz

außerordentliche, und wehe dem Kinde, dessen Schwingungen keine Resonanz

finden. Nun ist aber das Trostlose an der Sache, daß diese Resonanz sehr

schwer zu finden ist. So schwer, daß man dreist behaupten kann, daß

unter den Millionen von Kindern nicht eines das richtige Verständnis

findet, nicht eines _den_ Anschluß an »das Leben«, den es in seiner

Seele sucht. Das Kind fühlt sich infolgedessen jenes trostlosen Gefühles

voll, das im Unverstandenwerden liegt und rückt -- wenn es es selbst

bleibt --, auch immer mehr vom Verstehen der anderen ab. Andere wieder,

und es ist dies die gewaltige Masse der Kinder, tauchen in der

verdammten Alltäglichkeit unter, in der auch die meisten von uns leben

und über die sie sich nicht mehr erheben können. Diese Alltäglichkeit

wurde dadurch zur Norm. Unter der Norm sind alle die Wesen, die -- durch

Vererbung, Krankheit, Entbehrung, Mißhandlung idiotisch sind oder

werden. Ueber der Norm, d. h. also ganz ebenso anormal sind die Genies

oder -- die Narren. Und kein Mensch weiß oder ahnt es, daß gerade der

allumfassende, schaffende und schöpfende Geist, daß gerade das Genie das

Normale ist. _Jedes Kind kommt_ (von krankhafter Degeneration abgesehen)

_als Genie auf die Welt_. Es gilt nicht einmal, den Genius zu erwecken;

er ist wach; er strebt mit allen Kräften danach, sich zu offenbaren und

wird -- getötet. Das Kind wird zum Menschen (!) erzogen. Zum

Alltagsmenschen ohne Schwung, ohne Energie, ohne eigene Initiative.

Schon unsere Erziehung im Hause legt das Fundament dazu, und die Schule

gibt dem Genie dann den Gnadenstoß. . . . Nehmen wir, um den Vorgang zu

illustrieren, Zuflucht zu einem Bilde aus unserer genialsten, modernsten

Wissenschaft. Drahtlose Telegraphie. Vom Transmitter geht, von den

Herzschen Wellen getragen, eine Botschaft aus und sucht den auf ihn, auf

seine Schwingungen gestimmten Reciver. Findet sie ihn, so wird die

Botschaft gehört, sie hat ihren Zweck erfüllt, und neue Botschaft geht

herüber und hinüber.

Der Verkehr ist angebahnt, das Verständnis ist geschaffen. Nehmen wir

aber an, der Reciver arbeitet nicht; die Botschaft umkreist, umflutet,

umzittert und umschwingt die ganze Welt; nirgends aber wird sie gehört,

nirgends erfaßt, und immer neue und neue Kunde entzittert dem gebenden

Apparat, der nach dem Widerhall sucht. Vergebens. Endlich erlahmt die

Lust, die Kraft, das Mühen und Suchen. Resigniert wird der Apparat

abgebrochen, oder er verrostet und versagt, es sei denn, man habe ihn

auf ein anderes Schwingungsniveau gestellt und habe, den eigenen

Schwingungen entsagend, ihn auf _die_ Schwingungen eingestellt, für die

die Reciver massenhaft da sind. Das Bild ist klar. Und es ist gut. Denn

unsere Seele ist im Grunde nichts als der feinste, auf die feinsten

Schwingungen eingestellte Apparat. Und es kommt die Zeit, das ist ganz

unzweifelhaft, in der wir für die Feinfühligkeit dieses Apparates wieder

das Verständnis erhalten. Wo uns die Feinmechanik der Seele kein

verschlossenes Rätsel mehr sein wird, sondern auf die volle Entfaltung

der Seele und somit des Geistes das Hauptgewicht gelegt werden wird. Wir

stehen heute noch vor dem Gedankenlesen als vor etwas Fremdem. Und doch

waren wir in unserer Kindheit alle Gedankenleser. Wer hat jemals ein

Kind oder besser noch eine Reihe von Kindern beim Märchenerzählen

betrachtet! Wie hängen sie an den Lippen des Erzählers, wie lesen sie

förmlich von seinen Lippen die Worte ab. Wie leben sie auf in der

Gedankenwelt, die sich ihnen da eröffnet und die sie als die ihre

erkennen. Denn -- das Reich der Phantasie ist die Domäne, in der das

Kind unumschränkt herrscht. Die Grenzen dieser Phantasie kennen zu

lernen, wird das erste Ziel der zukünftigen Erziehung sein, nicht aber

ihr Grenzen zu stecken. Denn je größer die Phantasie, desto größer die

damit Hand in Hand gehende Aufnahmefähigkeit des Geistes. Die Phantasie

allein vermag die Eindrücke, die der Geist aufnimmt, selbständig zu

verarbeiten und sie zu neuen Formen umzugestalten. Der Lehrer wird also

in den Geist der Kinder eindringen müssen, er wird ihre Seelenregungen

und Seelenschwingungen alle erfassen müssen und wird erkennen müssen,

wieviel »Eindrücke«, d. h. wieviel Wissen, Kenntnisse und Erkenntnisse

er _dieser_ Seele zur Nahrung geben darf. Wie viele und welche. Denn wie

nicht jedem Magen dieselbe Nahrung zuträglich ist, so um so weniger

jedem Geiste. Die Erziehung wird also weit früher beginnen müssen als

jetzt. Sozusagen vom ersten Lebenstage an, und der Lehrer wird kein

solcher, sondern ein Lernender sein. Er wird _das_ ihm anvertraute Kind

und wird _von_ diesem lernen müssen. Er wird jede seiner

Seelenvibrationen erfahren müssen und wird erkennen müssen, welchem

anderen Lehrer die einzelnen Kinder zur geistigen Weiterentwicklung am

passendsten überantwortet werden müssen, um den Schatz von

Geistesenergie, der in dem Kinde liegt, nutzbar zu verwerten. Denn nicht

jeder Lehrer wird für alle Schwingungen gleich empfänglich sein, und es

wird Abstufungen geben, die den Seelenabstufungen der zu Entwickelnden

entsprechen werden. Auf diesem Seelenverständnis allein wird das ganze

Wesen des Unterrichts und der Erziehung beruhen. Das Wissen des Lehrers

wird einfach auf das Kind übergehen und diesem nie _mehr_ zugemutet

werden können, als es zu erfassen, zu verarbeiten und sich als dauernden

geistigen Besitz zu erwerben vermag. Er werden Gespräche sein, ein

Gedankenaustausch, weiter nichts, und es wird sehr oft die Frage sein,

wer der Lernende sein wird, ob der Lehrer oder -- das Kind. In

weitestgehender Weise wird den verschiedenen Geistes- und

Seelenrichtungen Folge gegeben werden. Jede Veranlagung wird als solche

erkannt, keiner Gewalt angetan werden; der Unterricht wird _ein Werk der

Befreiung_ sein, der Befreiung von allen Fesseln des Geistes, in die er

jetzt gleich einem Fronsklaven geschlagen wird. Dadurch aber wird die

_eine_ große Energie zur ungeahnten Erstarkung gelangen: der _Wille_ und

dieser Wille wird Wunder vollbringen. Wunder, die aufhören werden,

Wunder zu sein, denn sie werden zu Selbstverständlichkeiten geworden

sein. Keinem, der _so_ erzogen, so unterrichtet worden ist, wird auch

nur _ein_ Gedanke, der in seinem Fähigkeitsradius liegt, fremd sein. Und

jeder andere Gedanke wird -- in diesem von seiner eigenen Psyche

abgegrenzten Kreise -- klar und offen wie ein Buch vor ihm liegen. Es

wird kein Mißverstehen mehr geben und darum keine Zweifel und Kämpfe der

Seele. Das bedrückende Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit wird

aufgehört haben und alle die Genies, die heute zugrunde gehen oder auf

ihrer Seele fremden Gebieten Mittelmäßigkeiten werden und geworden sind,

werden das Große, das Aufbauende leisten können, das zu schaffen sie von

ihrer Neigung und von ihren Fähigkeiten gedrängt werden. Von überall her

wird der Geist neue Nahrung aufsaugen; kein Eindruck wird verloren

gehen, denn er wird sich einprägen mit der suggestiven Gewalt des

freiwillig Gewollten. Und wir wissen es alle: nur was man gern lernt,

ist wirklich gelernt. Nur das trägt dauernde Frucht und prägt sich uns

ein. Das eiserne Muß, das in unsern Schulen herrscht, hat aber zur

traurigen Folge, daß wir das, was wir in der Schule lernen, im großen

und ganzen nur lernen, um es zu vergessen, nicht um es zu wissen.

Angeblich -- und ein deutscher Gelehrter hat es bestätigt -- wird ein

Dutzend Kinder jetzt schon -- und seit Jahrhunderten schon so erzogen,

wie ich es oben in kurzen Zügen angedeutet habe: die Kinder, aus denen

der Dalai-Lama hervorgeht und die hohen Priester des Badhisatra und in

denen sich die Seele dieser immer wieder regeneriert. Und tatsächlich

ist es ja die eigene Seele der Lehrer, die mit auf die unberührte der

Kinder überströmt mit all ihrem Wissen, all ihrem Empfinden, all ihrem

Vermögen und die die Schätze der eigenen Erfahrung auf sie ebenso mit

überträgt, wie das auf sie selbst übergegangene ihrer eigenen Vorgänger.

Und so ist es denn gar nicht unglaubhaft, wenn der oben erwähnte

Gelehrte -- Prof. Dr. Rosenfeld -- erklärt: »im Angesichte des Dalai

Lama« (der damals, als er ihn sah, ein kränklich aussehender Knabe von

dreizehn Jahren war) falle jede Verkleidung der Seele, jede Verhüllung

der Gedanken von selber und diesem »Kind« gegenüber seien alle Worte

vergebens, denn ehe sie sich noch geformt, gebe _er_ schon Antwort auf

jenen Gedanken, dem sie bestimmt waren, Ausdruck zu geben. Es ist eben

die höchste Konzentration der Seele und des Geistes vorhanden und beide

sind für alle Schwingungen empfänglich, die auf sie zuströmen. Daß wir

ein ähnliches Resultat durch all die in uns verborgen liegenden aber zum

Durchbruch drängenden, jahrtausendelang gewaltsam in uns

zurückgedrängten Kräfte erreichen müssen, ist klar, und daß die

Schulmauern fallen werden und statt der Zwingburgen des Geistes freie

blumige Auen erstehen werden, auf der sich an der Hand und der Seite des

Lehrers die Seele des Kindes ergehen und den Kraft- und Schönheitstrank

der Natur in sich einziehen wird, das ist gewiß. Und sehr, sehr fraglich

ist es, ob es noch hundert Jahre dauern wird, ehe wir es erreichen, denn

auf den Aetherwellen, die uns umströmen, zieht es einher, das neue

tausendjährige Reich, das Reich des Kindes, der Menschheit.

Björn Björnson.

Die Religion in 100 Jahren.

Die Religion in 100 Jahren.

Von Björn Björnson.

Seine Religion hat jeder, auch der, der sie leugnet. Denn die Religion

ist das Ideal und jedes Ideal kann zur Religion werden. Also auch ihr

Leugnen. Und wir sehen tatsächlich, daß dem Atheismus Propheten

entstehen, und daß Jünger sich um sie scharen, die nachbeten, was diese

verkünden, und daß diese verkünden, was sie wissen und auch das, was sie

nicht wissen so, als wüßten sie es. Denn im Grunde ist der Quell aller

Religion nur unser Nicht-Wissen. Denn wüßten wir, brauchten wir nicht zu

glauben. Wer aber grübelt über das, was er nicht begreift, nur um nicht

glauben zu müssen, sondern um endlich zu _wissen_, der schafft sich

selbst eine Religion, selbst wenn er nur darum grübelt, um sie zu

zerstören. Er denkt eben dem Weltwunder nach und kommt zu dem Punkt, wo

er nicht mehr weiß. Nicht wissen kann.

Und an diesem Punkte beginnt -- die Religion.

Für ihn.

Und er baut sich um diesen Punkt eine Welt auf und zieht andere mit in

diese hinein, und ist diese Welt, die er sich erbaut hat, nicht auf

totem Wissensvorrat allein aufgebaut, und hat nicht bloß der Verstand

sondern auch der Geist, das Herz, das Verständnis mitgebaut an diesem

Baue, so daß auch andere, daß Viele, daß eine Menge sich daran erfreuen

und sich darin wohl fühlen können, dann wird er der Schöpfer einer

Religion, die um so mehr Jünger zählen wird, je mehr sie auf _den_ Ton

gestimmt ist, der den Hoffnungen, der Sehnsucht ihrer Seele entspricht.

Denn das große Sehnen liegt ja in jedem. Das Sehnen nach dem, was einem

hier nicht geboten.

Nicht hier?

Also wo?

Und diese Frage, auf die man sich Antwort gibt oder geben läßt, ist der

Kern aller Religionen.

Wie einem Kinde, das die Mühsal der Arbeit erträgt und spielend

bewältigt, weil ihm nach ihr eine Freude versprochen ist, so muß dem

Menschen ein Lohn, eine Freude versprochen werden, soll er das Leben

ertragen. Denn jedes Leben muß einen Zweck haben. Es hat ihn, aber man

muß ihn auch erkennen. Und da man ihn häufig beim besten Willen nicht zu

erkennen vermag, so muß man sich selber einen schaffen.

Einen Zweck für sich.

Den Zweck, der erklärt: warum arbeite ich, warum schufte ich, warum

leide ich? Und der die Erklärung gibt, daß ein _großer_ Preis winkt, der

_dieses_ Lebens und noch größerer Drangsale und Qualen wert ist.

Ein Preis, der uns für alles belohnt.

Wann?

Und in diesem »Wann« liegt der Wesenszweck aller Religionen. Durch die

Antwort darauf werden sie -- einerlei wie sie auch heißen -- zum großen

Troste der Menschheit. Und zum vollen Menschentume gehört solch ein

Trost, der nicht alle Hoffnung, nicht alle Poesie, nicht alle Initiative

vernichtet.

Die Poesie! Die ist es. _Die_ braucht man.

Man braucht nicht die nackten Wände des Lebens. Sie müssen auch ein

klein wenig geschmückt sein. Und _die_ Religion, die durch solchen

Schmuck, durch solches Beiwerk am meisten erfreut, zu der werden auch

die meisten sich drängen. Die Phantasie, auf der ja alle Religionen mit

aufgebaut sind, will auch ihr Recht haben. Sie will angeregt sein,

belebt, befruchtet.

Märchen?! mag sein.

Aber nehmt einmal einem Kind seine Märchen und ihr zerstört eine ganze

Welt in ihm. Und erzählt _ihr_ ihm keine, dann schafft es sie sich ja

selber.

Dem Soldaten aus totem Blei haucht es mit dem Hauche seiner Phantasie

das Leben ein.

Der Schuß, der aus dem kleinen Kanönchen abgefeuert wird, knallt,

blitzt, donnert und streckt ganze Kolonnen von Soldaten nieder, die oft

nur aus _einem_ Bleisoldaten bestehen.

_Sagt_ das dem Kinde, und ihr nehmt sein alles. Sagt es der Menschheit,

daß es keinen _Gott_, keine Religion, keinen Lohn nach dem Tode mehr

gibt, und ihr nehmt ihr ihr alles.

Ihr glaubt nicht daran? Ihr wollt den wunderbaren, den Wunderglauben

zerstören? Warum? Weil es doch keine Wunder gibt?

Wirklich?

Ein Samenkorn, das zu einem riesigen, mächtigen Baume wird, ist das kein

Wunder? Ein Ei, das zu einem laufenden, krähenden Hahne wird, ist das

kein größeres Wunder als in dem Märchen des Kindes der Bär, der zu einem

Prinzen, und die Gans, die zu einer Prinzessin geworden?

Gebt dem Kind _dieses Märchen_ oder seine, das ist einerlei, aber gebt

es ihm so, wie ihm das Märchen gegeben wird, so, daß es in dem toten Ei

schon den lebendigen Hahn zu sehen vermag.

Das Wunder -- das ist das Leben.

Das Wunder -- das ist die Religion.

Nehmt dem Menschen das Wunder, und ihr treibt ihn dem Tod, der

Verzweiflung, dem Wahnsinn entgegen.

Nun sind gar viele Religionen geschaffen und auf das Wunder aufgebaut.

Luftig, hell, voll Sonne und Licht. Dann aber kamen die, die dieses

Gebäude verschließen wollten. Abschließen vor allen denen, die in einem

anderen Hause wohnten, einem Hause, das anders geartet war als das ihre,

obwohl es auf denselben Wundern aufgebaut war und demselben Zwecke

diente: _denen_ Zuflucht zu gewähren, die Zuflucht brauchten. Und sie

bauten Mauern um das luftige Gebäude göttlicher Phantasie; starre,

einengende, zwingende Mauern, und nahmen also dem Glauben die Freiheit.

Aber -- sie schmückten wenigstens die Mauern mit Flittern und Bildern

und bauten Nieschen hinein, in denen sich jeder noch _das_ Bild

hineinstellen konnte, das seinem Herzen am nächsten war und zündeten

Kerzen und brennende Lampen an, die ein mystisches Dunkel ganz schwach

nur erhellten, und füllten den Raum mit Myrrhendüften und Weihrauch, mit

heiligem Singen und heiligem Klingen, und suchten so auf die Seelen und

die Gemüter zu wirken und ihnen die Empfindung zu nehmen, als seien sie

in diesem herrlich erhebenden Raume nicht frei.

Doch da waren andere, die fühlten die Mauern trotz alledem und fühlten

den Zwang und wollten die Mauern durchbrechen. Und andere, denen die

Mauern die Hauptsache waren, und die den Schmuck von den Wänden rissen,

den Schmuck und die Bilder, und die dann hingingen, sich selber ein Haus

zu bauen, das nach ihrem Sinn war, ganz ohne Schmuck und ganz ohne

Nieschen, nur aus kahlen Wänden bestehend. Und andere, die sich sagten:

was brauche ich ein Haus? Ich trage mein Elend auch ohne.

Keiner aber wollte des andern Haus gelten lassen, und hielt es für ein

Pechhaus. _Und war doch auf demselben Boden des Wunders aufgebaut wie

das seine_ . . . .

Wird es so bleiben?

Nein.

Stein auf Stein werden die starren, die Freiheit des Glaubens beengenden

Mauern auch wieder fallen. Sie verwittern und zerbröckeln für den, der

zu sehen weiß, ja schon jetzt, und in luftiger Schöne wird jedes

Wundergebein wieder erstehen. Vom selben Himmel umwölkt, von derselben

Sonne erhellt, vom selben Lichte erfüllt, von derselben Luft in all

ihrer Reinheit durchhaucht. Und die Linien der Häuser werden ineinander

verschwimmen, so wie bei der ^fata morgana^ _ein_ Haus in das andere

verschwimmt, so daß man nicht weiß, wo das eine aufhört und das andere

beginnt, und man wird auch hier nicht mehr wissen, welches ist _dieses_

und welches ist jenes. _Ein_ Haus wird es sein, das alle umfaßt, und in

ihm wird jeder sein Winkelchen finden, wie es seiner Seele behagt,

seinen Winkel oder seinen großen unendlichen Raum, ganz wie er's

braucht. _Er_, und jene, die so fühlen wie er. Und nicht einer wird

verlangen: fühle, denke, glaube so wie ich, denn eines wird ihren

Glauben ja dennoch vereinen, wird diesen Glauben zu einem einzigen

machen: Das Wunder! und in Jedes Glauben wird man dieses Wunder erkennen

und es wird das große, mächtige, unzerreißbare Band sein, das alle

umschlingt. Das wird die Religion sein; die Religion der Zukunft.

Ed. Bernstein.

Das soziale Leben in 100 Jahren.

Was können wir von der Zukunft des sozialen Lebens wissen?

Das soziale Leben in 100 Jahren.

Was können wir von der Zukunft des sozialen Lebens wissen?

Ed. Bernstein.

1. Wovon die soziale Entwicklung abhängt.

Was wir soziales Leben nennen, ist eine Summe gegenseitiger Beziehungen

und Verhaltungsarten der Menschen eines bestimmten Kulturkreises. Diese

Beziehungen selbst sind das Resultat einer Summe verschiedenartiger

Kräfte materieller und geistiger Natur, die teils fördernd und teils

hemmend auf einander einwirken und sich so stärker oder schwächer

gegenseitig beeinflussen. Die Entwicklung der wenigsten dieser Kräfte

läßt sich mit annähernder Sicherheit vorausbestimmen. Bei jeder, ob es

die Technik, diese Grundlage aller hervorbringenden und formgebenden

Arbeit, oder auch nur ein einzelner Zweig der menschlichen Arbeit, ob es

die wirtschaftliche Gliederung oder die politische Verfassung, ob es das

geschriebene Recht oder die ungeschriebene Sitte, ob es das ästhetische

Empfinden oder was immer sonst sei, stets wird die Linie, die wir

spekulativ vorausschauend in die Zukunft hinaus zu ziehen versuchen,

selbst für den sachkundigsten Fachmann mit der zunehmenden Entfernung

immer unsicherer. Wo zuerst _Wahrscheinlichkeiten_ formuliert werden

konnten, reicht das wissenschaftliche Voraussehen später nur noch für

die »_Möglichkeiten_« aus, um noch später sich mit bloßen

»_Denkbarkeiten_« begnügen zu müssen, und schließlich kommt stets ein

Punkt, wo es, mit unseres großen Dichters Wort über die Größe der Welt,

selbst für die menschlichen Dinge auf dieser kleinen Erde heißt:

»Kühne Seglerin, Phantasie,

Wirf ein mutloses Anker hie.«

Immerhin ist der Fachmann eines Spezialgebiets in dieser Hinsicht besser

daran, als der Vertreter des zusammenfassenden Wissensgebiets, das wir

_Gesellschaftslehre_ -- fremdsprachlich Soziologie -- nennen. Weil auf

das gesellschaftliche Leben _alle_ Kräfte der Umwelt und Innenwelt des

Menschen einwirken, wird das Resultat, sobald die einzelnen Faktoren

unsicherer werden, in bedeutend höherem Grade unsicher. Wenn von zwei

Kräften jede auch nur _einer_ Abweichung fähig ist, sind schon vier

verschiedene Kombinationen aus ihnen möglich, tritt eine dritte Kraft

gleicher Art, d. h. ebenfalls mit einer Abweichungsmöglichkeit begabt,

hinzu, so werden es acht verschiedene Kombinationen, und wenn jede der

drei Kräfte zwei Abweichungsmöglichkeiten hat, werden es 27,

und so wächst mit jeder weiteren Kraft und den weiteren

Abweichungsmöglichkeiten, die in Betracht kommen, die Zahl der denkbaren

Verbindungen in immer schnellerer Steigerung zu schwindelerregender Höhe

empor. Wie soll da die Schilderung der sozialen Welt in hundert Jahren

mehr sein, als ein von der Geistesrichtung des Schriftstellers

bestimmtes, also mehr oder weniger _willkürliches_ »Raten«?

In der Tat wird denn auch die Sozialwissenschaft immer vorsichtiger in

ihren Zukunftsbetrachtungen. Solange die Technik nur langsam

Fortschritte machte, waren die Menschen viel mehr geneigt, soziale

Zukunftsbilder zu verfassen, als heute. Als dann zu Beginn des

Zeitalters der großen Erfindungen die Menschheit sich vor unabsehbaren

Veränderungen ihrer Lebensbedingungen erblickte, stieg zunächst die Lust

an Spekulationen über die kommenden Gesellschaftsformen, und es entstand

die kühnste aller Zukunftstheorien, des genialen Franzosen Charles

_Fourier_ Werk von den »vier Bewegungen«. Aber von da ab weicht die

soziale Spekulation schrittweise zurück, das gesellschaftliche

Zukunftsbild gerät als »Utopie« in Mißkredit, an ihre Stelle tritt die

nach Entwicklungs_gesetzen_ forschende Sozialwissenschaft und die

Auffassung von der Gesellschaft als eines in seiner Entwicklung aller

Willkür spottenden _organischen_ Wesens. Zwar ist unter anderen das von

Karl _Marx_ aufgestellte Lehrgebäude ein Beispiel dafür, daß die

organische Gesellschaftslehre auch revolutionär aufgefaßt werden kann.

Aber den Zukunftsprojektionen gegenüber, welche die spekulative

Phantasie zu entwerfen imstande ist, erscheint sie doch selbst in dieser

Form noch als »konservativ«.

Und ebenso der technologischen Spekulation gegenüber, wie sie uns heute

in allerhand Zukunftsgemälden phantasiebegabter Schriftsteller

entgegentritt, die sich mehr oder weniger mit den technischen

Wissenschaften beschäftigt haben. Diese Wissenschaften, deren Grundlage

rein _physikalische_ Beziehungen sind, bieten der Phantasie auch ein

dankbares Feld, denn für sie kommen nur die Gesetze der _Mechanik_ in

Betracht, die uns verhältnismäßig einfache Aufgaben stellen, für sie

handelt es sich um die Hantierung mit _toter Materie_. Die _soziale_

Betrachtung aber hat neben den Gesetzen der Mechanik die Gesetze der

_Lebensbedingungen_ und _Lebensformen_ zu beachten, von den einfachsten

Bedingungen und Wirkungen _pflanzlichen_ und tierischen Lebens bis zu

den materiellen und geistigen Bedürfnissen des höchstentwickelten

Lebewesens unseres Planeten, als das wir den _Menschen_ erkannt haben.

Der Mensch ist allen Lebewesen überlegen, weil die höheren Organe bei

ihm zum vielseitigsten Gebrauch entwickelt sind. Diese Vielseitigkeit

macht ihn zum freiesten Wesen in der Natur, aber sie befreit ihn nicht

von der Natur, weder von der Gebundenheit an die ihn umgebende Welt,

noch von den Gesetzen seiner eigenen Natur, wie sie in einer nach

Hunderttausenden von Jahren rechnenden Entwicklung sich herausgebildet

hat. Seine Intelligenz, seine Fähigkeit, sich Obdach, Bedeckung und

Nahrung in der ihm passendsten Form zuzubereiten und die dazu nötigen

Pflanzen und Tiere selbst zu züchten, machen ihn anpassungsfähiger, als

es selbst die anpassungsfähigsten Tiere sind, aber sie können seinen

Organismus nicht grundsätzlich verändern.

Dies pflegen aber unsere von der Technologie ausgehenden

Zukunftsschilderer bei ihren Spekulationen leicht zu übersehen. Es

klingt z. B. wunderschön, was sie uns von dem Reichtum an

Nahrungsmitteln erzählen, mit denen die Chemie uns einst beschenken

werde. Aber der menschliche Körper ist keine Retorte, bei der es nur

darauf ankommt, daß man ihr eine Anzahl chemischer Grundstoffe in einem

gewissen Mengenverhältnis zuführt, um ein bestimmtes Resultat zu

erzielen. Für seine Ernährung spielen noch andere Eigenschaften der

Nahrungsmittel eine entscheidende Rolle, als ihr Gehalt an Stickstoff,

Kohlenstoff und so weiter; seine Verdauungsorgane sind für die

Verarbeitung _pflanzlicher_ und _tierischer_ Stoffe geschaffen. Sie

würden ohne solche verkümmern und mit ihnen der Mensch selbst. Nun ist

es vorläufig noch recht zweifelhaft, ob jemals die Chemie es dahin

bringen wird, aus Holz oder gar Stein direkt Nahrungsmittel

herzustellen. Sie ist bis jetzt nicht weiter gekommen, als ziemlich

untergeordnete organische Verbindungen künstlich herzustellen. Die

Herstellung von pflanzlichem oder tierischem Eiweiß auf chemischem Wege

liegt dagegen in noch sehr weitem Felde. Und nicht viel anders steht es

mit den Wunderdingen, die uns auf Grund von Experimenten auf kleinem

Raum hinsichtlich der Verwendung der Elektrizität in der Landwirtschaft

versprochen werden. Diese Experimente beweisen zwar, daß die

Elektrizität als Erreger von Atombewegungen imstande ist, gewisse

organische Prozesse zu beschleunigen, es wird sich aber auch hier

fragen, wie weit sie das kann, ohne daß die pflanzliche Natur des zu

erzielenden Produkts Schaden leidet. Man weiß, wie sehr Uebermaß im

Düngen Gemüse und Früchte ungenießbar zu machen vermag. Das ist auch

hier möglich, und ferner erhebt sich die Frage, ob die _Kosten_ der

Beschaffung der erforderten Elektrizität, da es sich bei Pflanzen doch

immer nur um Beschleunigung eines _organischen_ Prozesses handeln kann,

der auf jeden Fall Zeit braucht, und nicht um seine Verwandlung in einen

rein mechanischen Prozeß, im _Verhältnis_ stehen zu dem _Nutzen_, den

sie zu erwirken vermag. Unsere technologischen Zukunftsverkünder

verstehen sich vortrefflich auf die Mathematik, mit der _Oekonomie_

dagegen pflegen sie sich nicht gern abzugeben. Sie interessieren sich

für alle möglichen Punkte, nur den _Kostenpunkt_ behandeln sie gern ^en

bagatelle^. Er ist aber leider für das _soziale Leben_ keine Bagatelle.

Die Welt in hundert Jahren · 第 1 / 12 题