Solche Gestaltung war (auch für Rembrandt) keine Selbstverständlichkeit.

Zwanzig Jahre früher hatte er den betenden Hieronymus (B 101) radiert,

durchaus von der Gesinnung steilster profaner Aktion erfüllt, in

der Verkrampfung des Körpers, der Verklammerung der Hände, dem

Hervorbrechen der dunklen Gestalt aus jäher Erhellung.

Schon diese drei Blätter offenbaren grundlegende Erkenntnis: daß

vermittels +Licht+ und +Gebärde+ Rembrandt das religiöse Erlebnis

versinnlicht. Von Licht und Gebärde reden, heißt zugleich Art und

Richtung seiner Religiosität festlegen. Religiöses Schaffen bedeutete

ihm Übertragung seelischer Ergriffenheit in Fläche, Helligkeit und

Dunkelheit.

Ein anderes Bild. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Man kennt

die Worte des Evangeliums: Dann hob er ihn auf sein Lasttier, führte

ihn in die Herberge und trug Sorge für ihn. Rembrandt hat das Thema oft

in Gemälde, Radierung und Zeichnung gestaltet, zuerst im Jahre 1633

(Wallace Museum London). Das Pferd, von dem ein Knecht den nackten

Verwundeten hebt, hält vor der Herberge. Oben auf der Treppe verhandelt

der Samariter mit dem dienernden Wirt über die Unterbringung. Alles

Beiwerk wird mit größter Ausführlichkeit und Freude am Gegenständlichen

geschildert: Die breite Freitreppe, das Portal des Hauses, der

Ziehbrunnen im Hintergrund mit der wasserschöpfenden Magd, Sattel

und Halfter des Pferdes, der mit dem Wirt redende Samariter, der

breitspurige Pferdeknecht.

Hier wird Gleichgültiges und Wichtiges im gleichmäßigen Tonfall

epischer Erzählung ausgebreitet. Erst in der zweiten Fassung (Louvre

1648) wird der eigentliche Sinn dieses Gleichnisses der Barmherzigkeit

geformt. Das dämmrige Licht der einbrechenden Nacht dämpft alle

Einzelheit, die Stadt mit den breiten schattigen Bergen, die ruhige

Fläche des Hauses, Pferd und Pferdejungen. Sorglich und innerlich

bewegt tragen zwei Knechte den zusammengesunkenen Mann zum Wirtshaus,

und mitleidsvoll schaut der Samariter auf ihr Tun. In abendliches

Dunkel ist das traurige Geschehen eingebettet, in Strömen der

Hinneigung von Mensch zu Mensch das Mitleiden gebunden.

Ein anderes mit Vorliebe gestaltetes Thema: Christus und die Jünger

zu Emaus. „Und es geschah, da er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das

Brot, segnete es, brach es und reichte es ihnen, da wurden ihre Augen

aufgetan und sie erkannten ihn.“ Die erste Formulierung aus dem Jahre

1629. Christus, herrisch zurückgelehnt, hebt sich als schwarzer

Profilschattenriß vom grellen Lichtkreis ab. Der eine Jünger ist

erschrocken in die Knie gesunken, der andere fährt entsetzt zur Seite

und starrt mit weitaufgerissenen Augen auf das Zauberwerk.

Vor hohem ruhigen Nischenhintergrund geschieht in der zweiten Fassung

(Louvre 1648) der Vorgang. Die farbige Erscheinung ist zu ruhigem

Gesamtton abgedämpft, aus dem einzelne Farbigkeiten nicht selbständig

hervortreten. Christus, der das Brot bricht, sitzt den beiden Jüngern

gelassen und segnend gegenüber. Eine Quelle sanften Lichtes strömt von

ihm auf die zwei, die voll Ergriffenheit den Herrn erkennen.

Überaus still und feierlich ist das Geschehen, wie es eine dritte

Fassung (Louvre 1661) gibt. Wirkte das Zueinander der drei Figuren in

dem Bild von 1648 irgendwie noch zufällig, nicht restlos notwendig,

so scheint hier die Anordnung von einem fast klassischen Gefühl für

Symmetrie bestimmt; freilich, daß die Zentralachse, Christus, sowohl

im Gesamtraum wie im Verhältnis zu den beiden Jüngern nach links

verschoben ist, erinnert daran, daß die Komposition nicht in Italien

des 16. Jahrhunderts entworfen wurde. Der Herr, in weißem Gewand,

schwach beleuchtet, das Haupt von unkörperlichem Lichtschimmer umgeben,

sitzt unbeweglich, feierlicher Ruhe voll, zwischen den Jüngern, deren

einer, von Ehrfurcht bewegt, sich vorneigt, indes der andere in

ergriffenem Staunen langsam die Hand hebt. Die drei vor gleichmäßig

matt erhellter, breit gelagerter Wand; durch das geöffnete Fenster

strömt, wie ferne köstliche Musik, die Abenddämmerung in das Gemach.

* * * * *

Den jungen Rembrandt, das scheint aus solchen Gegenüberstellungen

sich zu ergeben, fesseln an der religiösen Geschichte das erzählende

Beiwerk, das Stilleben, die dramatischen Möglichkeiten der Handlung;

im Alter erst geht ihm der Sinn, die gleichnishafte Bedeutung des

religiösen Geschehens auf, erst im Alter formt er die religiöse

Stimmung.

In dem frühen radierten Blättchen der heiligen Familie (B 62), wo Maria

das Kind säugt, während Josef teilnahmslos bei Seite sitzend, sich

in ein Buch vertieft, klingen gewiß weiche Töne an; wie die Mutter

mit der einen Hand das Kind festhält, mit der anderen ihm die Brust

reicht, während Josef und die Räumlichkeit ins Dunkel zurücktreten --

aber ihre Begrenzung finden Mutterliebe und Familienglück doch in der

Stube des holländischen Hauses, in der Enge bürgerlich-hausbackener

Triebe.

Erst die Radierung von 1654 (B 63) gibt Gefühl in zeitloser

Unbegrenztheit. Die gleichen Personen wie früher, Maria, das Kind,

Josef, die gleichen Requisiten, der Raum mit seinen Wänden, allerlei

Hausrat und Getier. Und doch ist mehr da: Ströme sanfter Glückseligkeit

fließen von dem Antlitz des durch das Fenster schauenden Josef zu Maria

hin, die von der Süße und Dunkelheit der Mutterschaft wie überwältigt

zu dem Kind sich neigt und es an sich drückt. Als letzte Bekräftigung

des religiösen, über menschliches Begreifen herausgehobenen Geschehens

wird die Verklärung in sinnlicher Sichtbarkeit wirksam: Maria vor der

Helligkeit des Fensters, den Strahlenkranz ums Haupt.

* * * * *

Solche Querschnitte nehmen Ergebnisse voraus. Man kann einwenden,

sie seien willkürlich der thematischen Idee zuliebe gelegt. Es wird

notwendig, Werden und Gewordenheit auf breiter Grundlage aufzubauen.

Da sind die +frühen Zeichnungen+ aus den ersten fünfzehn Jahren des

Schaffens, beiläufig bis zum Jahre 1642 hin.

Die Kreuzschleppung (HdG 71). Christus unter der Riesenachse des

Kreuzes zusammenbrechend. Um ihn in wirrem Knäuel neun Menschen;

vorn links, breit laviert, die überaus wirksame Rückenansicht

eines Mannes. Die Federstriche dünn und schnörkelhaft hingesetzt. Den

Menschen und dem Raum fehlt Klarheit und Körperlichkeit. Alles ist

überaus handgreiflich gegeben und bleibt doch irgendwie im Ungefähren.

[Illustration: Die heilige Familie im Zimmer]

[Illustration: Die Kreuztragung]

[Illustration: Christus treibt die Händler aus dem Tempel]

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Die heilige Familie 1646]

Ein anderes Blatt dieser Jahre: Jakob mit Josefs blutigem Rock (HdG

29). Jakob ist von dem gräßlichen Schauspiel auf das schwerste

getroffen in seinen Stuhl zurückgefallen. Seine ganze Körperlichkeit,

Augen und Stirn, Hand und Beine, krampft sich in jammerndem Schmerz

zusammen, seinem Mund entringt sich ein gellender Schrei. In kleinen

heftigen Strichen wird die hochdramatische Szene hingesetzt.

Ähnliche Erregung brennt in einem andern Blatt: Der Engel entschwindet

Manoah und seinem Weib (HdG 31): in der jähen Flugbewegung des Engels,

der sich von der Erde abstößt, in der zwischen erschrockener und

ehrfürchtiger Verehrung schwankenden Gebärde der Zurückbleibenden.

Nichts vom Geheimnis der Verkündigung; es schreit die stoßende,

schlagende Geste.

+Radierungen+ des gleichen Zeitraums. Christus vertreibt die Händler

aus dem Tempel vom Jahre 1635 (B 69). Ein wirres Durcheinander der

Stimmen und Bewegungen, dabei eine kindliche Freude an beschaulicher

Ausmalung jeder Einzelheit. Ein wimmelndes Vielerlei der Erzählung,

kein bestimmender Grundton, kein durchgehender Rhythmus.

Die Darstellung im Tempel von 1639 (B 49). In langer Aneinanderreihung

der Zug der Zuschauenden, ohne ersichtliche Teilnahme die meisten,

ohne Verbindung mit dem Hauptvorgang, der sich vorn rechts ohne

sonderliche Akzentuierung in matter Gleichgiltigkeit abspielt.

Lichtwellen fließen im Hintergrund auf und nieder, ein zufälliger und

äußerlicher Hinweis auf den sakralen Charakter des Vorgangs.

Die kleine Auferweckung des Lazarus vom Jahre 1642. Die Wunderlichkeit

des Geschehens wird betont. Christus, der große Zauberer und Magier,

streckt beschwörend die Hand aus -- den Toten gleichsam beschwörend.

Lazarus kann solcher Beschwörung nicht widerstehen und erhebt sich

langsam und widerstrebend aus dem Grab. Die Phantastik des Vorgangs

wird unterstrichen durch die mächtige Felsenkulisse, vor der er

sich begibt, und findet einen deutlichen Widerhall in den teils

erschrockenen, teils ehrfürchtig staunenden Gesichtern der Zuschauer.

Aus dem ersten Jahre des Rembrandtschen Schaffens stammt das +Gemälde+

„Paulus im Gefängnis“ (Stuttgart). Vor hellbeleuchteter Wand, auf

schönfaltig hingebreiteter Decke, sitzt der Apostel; um ihn, in

liebevoller Ausführlichkeit, ein Stilleben: Bücher, Blätter, eine

Reisetasche, ein Schwert. Paulus sitzt mit gutgespielter, gewichtiger

(und dabei so konventioneller) Miene da und stützt sinnend das Kinn auf

die Rechte. Die grelle und kalte Beleuchtung wirkt als aufdringlicher

Hinweis, keinesfalls vergeistigend.

Der Zinsgroschen von 1629 (London). Der Szene soll die mächtige,

nicht ohne Sinn für monumentale Raumwirkung aufgebaute Architektur

Bedeutsamkeit leihen. Es läßt sich nicht leugnen, daß hierdurch ein

Hintergrund von gewisser Großartigkeit geschaffen wurde, aber nicht

ersichtlich ist, wodurch sich der Vorgang von irgendwelchem profanen

Geschehen unterscheidet.

In einem anderen Dialogstück, dem „Ungläubigen Thomas“ der Eremitage

von 1634 wiegt die Geste weit schwerer als das seelische Gefühl. Man

sieht um den in seiner Strahlenglorie schimmernden Christus eine

Anzahl Menschen angeordnet, und die Skala ihrer Gefühle wird in

geschickter Steigerung vorgeführt. Von dem rechts vorn Schlafenden über

Verwunderte, Erstaunende hin bis zu dem in höchster Erschrockenheit

zurückweichenden Apostel. Die zu sehr überlegte Mannigfaltigkeit der

Gestikulation, der allzu derbe handgreifliche Überredungsversuch

Christi verblüfft; er überzeugt nicht, er ergreift nicht.

Das Opfer Abrahams der Eremitage von 1635 bleibt noch stärker

in rein theatralischem Pathos befangen. Unmöglich hier an Weihe

des Opfers zu denken. Die Art, wie Abraham mit klammerndem Griff

das Gesicht des Sohnes zudeckt und mit der anderen Hand zum Stoß

ausholt, erinnert peinlich an die Tätigkeit des Fleischers; die

gleiche rohe Handgreiflichkeit bestimmt die Bewegung des Engels, der

mit so schmerzhafter Kraft Abrahams Handgelenk umfaßt, daß dieser

unwillkürlich das Messer fallen läßt.

Vier Jahre später, 1639, ist das Münchener Bild „Die Auferstehung

Christi“ entstanden. Als neues Phänomen hier die verklärende

Wolke dunstig stäubenden Lichtes, welcher der Engel entschwebt.

Handwerkliche geläufige Mache, das allzu geschickt angeordnete

Durcheinander des Soldatenhaufens vorn links, das mit stillebenhaftem

Eifer gemalte Spiel der Lichtreflexe auf den Rüstungen. Allzu

rationalistisch der Gedanke, daß Christus des Engels, der den schweren

Stein hochwälzt, zur Auferstehung bedarf. Auch die Haltung des im Grabe

liegenden langsam Erwachenden bestätigt den Eindruck, als bedürfe er

eines Wundertäters zur Erweckung. Aus dem Zwiespalt von Verklärung und

Rationalismus spricht aber das Werden neuer Dinge, deren Zeit nur noch

nicht reif ist.

* * * * *

Das religiöse Werk der folgenden anderthalb Jahrzehnte, bis etwa

zum Jahre 1654, wurzelt im Erdhaften. Es ist in dem vorhergehenden

Abschnitt dieses Buches angedeutet worden, wie sehr die Bemühung um die

Landschaft die Arbeit dieser Jahre bestimmt. Aber damit ist noch zu

wenig gesagt. Die Landschaft weitet sich in dieser Zeit zum Gleichnis

des erdverbundenen Lebens. Zur Landschaft tritt die Pflanze („die

Muschel“), das Tier (im Pfauenstilleben, in den geschlachteten Ochsen).

Neben der Natur wird die andere Wurzel des Lebens, die Familie, in

den Kreis der Darstellung eingefügt. Wenn diese Schöpfungen über das

Erdhafte hinaus den Charakter des Religiösen tragen, so ist es dadurch,

daß hier, was in den Dingen des Lebens, der Natur wesenhaft, dauernd

gesetzlich, gleichnishaft ruht, in sinnlicher Form verwirklicht wurde.

[Illustration: Die Flucht nach Ägypten 1654]

[Illustration: Die Kreuzabnahme bei Fackelschein]

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Moses zerschmettert die Gesetzestafeln]

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Jakob ringt mit dem Engel]

Die innigste der verschiedenen in den vierziger Jahren entstandenen

Darstellungen der heiligen Familie ist die sogenannte Holzhackerfamilie

in Cassel. Der gemalte Rahmen, der abschließende Vorhang erweckt von

vornherein eine trauliche, behagliche Stimmung, die in der ganzen

Einrichtung des Innenraums ihren Widerhall findet: In dem lustigen

Feuerchen mit der Katze, in dem weiten dämmrigen Fenster -- draußen ist

gewiß ein kalter Winterabend --, in dem im Dunkel fast verschwimmenden,

mit Holzhacken beschäftigten Josef, in dem malerischen Gewinkel der

Hütte, die in spitzbogiges Gemäuer eingebaut ist. Und alles steigert

sich zu sanfter Musik in der von weichem Licht überfluteten Maria, die

zärtlich und innig das Kind herzt.

Sachlichkeit der Erzählung, der Linie ist entscheidendes Kennzeichen

eines Blattes, wie der Abschied des verlorenen Sohnes (Berlin HdG 60).

Klar und bestimmt, fast hart, schnörkellos und doch ohne allzu sehr

vereinfachende Kürzung ist jeder Strich hingesetzt, mit Bestimmtheit

Volumen und Umriß der Menschen und Dinge gekennzeichnet, ohne redselige

Weitläufigkeit, aber doch auch nicht zurückgeführt auf das gültige,

dauernde Gleichnis, wie es die heilige Geschichte erzählt. Solche reife

Sachlichkeit ist Frucht rastloser Bemühung um die Natur. Und doch ist

mehr als das in dem Blatt: In der erregten Hast, mit der der Sohn das

Roß besteigt, in der erschrockenen Handbewegung und Kopfwendung des

Vaters wird Rhythmus lebendig.

Das in diesen Jahren so häufige Thema der heiligen Familie wird

variiert dadurch, daß die Szene in die Landschaft verlegt wird: Die

Flucht nach Ägypten. So die Szene, wo Josef den Esel mit der Mutter

und dem Kinde führend, den Weg durch Walddickicht und einen Bach sucht

(B 55 vom Jahre 1654). Jede feste Form wird von den durch die Blätter

rinnenden Lichtern aufgelöst. Im Umriß bleibt fast nur das Gesicht der

drei Menschen und des Tieres kenntlich, in den unergründlichen Überfluß

des Waldes gebettet.

* * * * *

Die +Alterswerke+ Rembrandts möchte man als religiös in dem

eigentlichen und wesenhaften Sinn des Wortes bezeichnen, sodaß alles

vorangehende als stoffliche Vorbereitung, als handwerkliche Vorstufe

erscheint.

Was bleibt als entscheidende Erinnerung an ein Bild wie die Landschaft

mit Tobias und dem Engel (aus der Mitte der fünfziger Jahre): Die

Gebärde des zurückschreckenden Tobias, der Engel im weißen Gewand

und den weit gebreiteten Flügeln hinter ihm, beruhigend, ermutigend.

Die verschwimmende Umrißlinie des abendlichen Hügels. Der Dunst der

Dämmerung, worin die Geschehnisse lagern.

Das Licht, gellende Trompetenstöße, feierliche Trauermusik, auf der

radierten Kreuzabnahme bei Fackelschein (B 83). Aus weiter Ferne

und vereinzelt die ersten zitternden Stöße, ein Gesicht, ein Arm,

ein Haus, eine Hand. Und weiter vorn, gesammelt, die langgezogenen

erzenen Tuben: Das weißgebreitete Linnen, der steife Leichnam des

Herrn, gequälte erloschene Gesichtszüge, den vier Männer vom Kreuze

herabgleiten lassen. Licht wird Gebärde und alle Gebärde ist Licht

geworden. Gletscherhaft erstarrt in der ungeheuren Kälte des Schmerzes

liegt der grelle weiße Strom.

Das Gemälde „Jakob ringt mit dem Engel“ (Berlin), das um das Jahr 1660

entstanden ist, gibt seelisches Geschehen in stärkster Zusammenfassung.

Nur zwei Massen sind hier wirksam, eine helle Masse und eine dunkle

Masse, vor unbestimmt dämmrigem Grund; der lichte, sanft abwehrende

Engel mit weitgespannten Flügeln, der dunkle, von seinem Drängen nicht

ablassende Mann; und nichts anderes geht in dem Bild vor sich als ein

unaufhörliches Strömen stärkster geballter Kraft, nicht ermattender

Überredung von der einen Masse zur andern: ich lasse dich nicht, du

segnest mich denn.

Ist nicht in jene Ölbergzeichnung (Berlin HdG 66), da Christus die

Jünger schlafend findet, unendliches Gefühl der Trauer, der Einsamkeit,

gesenkt? Wenige zackige Kurven genügen zur Belebung der waldigen

Örtlichkeit. Und davor die eilend suchende Gestalt des Herrn, die

gramvoll gebeugte Linie des Rückens, das vorgeneigte Antlitz, die

angstvoll vorgestreckten Hände. Ein Mensch, gesättigt von Bitterkeit

und Verzweiflung: Konntet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen und

beten?

Knappste gedrängteste Fassung der Linie gibt die Zeichnung vom

wunderbaren Fischfang (Paris, Sammlung Gay HdG 778). Auf dem Boot

vor gespanntem Segel aufrechtstehend die Majestät des Herrn, rechts,

unter der Last des Fanges gebeugt, die Jünger, zuvorderst Petrus, von

der Schwere der Schuld des Zweifels zur Erde gedrückt: Ich bin ein

sündiger Mensch. Wenige andeutende Linien umschreiben die ganze Tiefe

der Geschehnisse.

Gereifte Erfüllung allen Strebens bringen die letzten Werke. So der

„David vor Saul“ (im Haag). Die Farbigkeit ist zu einem rauschenden,

gesättigten Einzelklang abgedämpft; der Aufbau, die Einzelform zu ihrem

wesenhaften Ausdruck vereinfacht; das Gefühl in nicht zu steigernder

Stärke und Eindeutigkeit gesammelt. Alles was geschieht, ist

Vorbereitung für den großen Strom der Empfindung, der Ergriffenheit,

der aus beiden Gesichtern bricht. Wer fragt noch nach Handlung,

Historie? Von tiefster Rührung der Seele ist die Fläche durchackert.

* * * * *

Es ist ein riesiger Bogen, der von der Erde zur dunklen Unfaßbarkeit

der Seele hin sich spannt. Es wird kaum ein Jahr im Schaffen Rembrandts

geben, in dem nicht irgendein religiöses Thema gestaltet wurde.

Die entscheidende Erkenntnis ist: einzusehen, zu erleben, wie die

Einstellung in vierzig Jahren eine artverschiedene geworden ist.

[Illustration:

Phot. F. Bruckmann A.-G., München

Christus an der Martersäule]

[Illustration: Christus am Ölberg]

Aus dem Anfang der dreißiger Jahre das Gemälde: David vor Saul die

Harfe spielend (in Frankfurt), das gleiche Thema also wie das eben

erwähnte Spätwerk im Haag. Auch der szenische Aufbau, das Beieinander

der zwei Menschen, -- der thronende König, der unscheinbare David

am Rand des Bildes, -- scheint unverändert. Und doch erschüttert die

Polarität der Anschauung. Das Hochformat gibt hier von vornherein

die Entscheidung für die Aktion. Alles ist aufs Augenblickliche,

Handlungsmäßige, auf die effektvolle Geste berechnet. Der starre

krampfhafte Blick des Königs, die jähe Wendung seines Kopfes, der

krampfhafte Griff, mit dem er den Speer umklammert, die derbe Betonung

der Gegensätze -- der Knabe David versinkt fast im Dunkel, Saul steht

vom weißen Rampenlicht bestrahlt da -- dies alles erinnert immer wieder

an Geste und Pose der theatralischen Darbietung.

Die Himmelfahrt der Münchener Pinakothek von 1636. Der Herr, in eine

stäubende Lichtgloriole gehüllt, entschwebt den staunenden Jüngern.

Der dankbare Kontrast von dunkler Tiefe und lichter Höhe. Der Aufbau

nach fast italienischem Schönheitskanon entwickelt -- man mag etwa an

Raffaels Verklärung denken. Man wird einwenden, das prunkvolle Pathos

wohne von vornherein dem Stoff inne; andererseits ist sicher: in

späterer Zeit hätte Rembrandt ein solches Thema überhaupt nicht gewählt.

Zehn Jahre danach, ebenfalls in der Pinakothek, die Anbetung der

Hirten. Das Licht ist nun nicht mehr dekoratives, effektvolles

Zierstück, sondern bildbauendes Element und zugleich vermöge seines

unwirklichen Eigenlebens vergeistigende Kraft, die Gesichter, den Raum

irgendwie ins Unfaßbare, Traumhafte verklärend.

Die entscheidende Wendung zum Religiösen ist mit der Radierung der

Predigt Christi vom Jahre 1652 (B 67) getan. Der ganze Kreis teils

gleichgültiger, teils andächtiger Zuhörer empfängt sein Leben von der

im Mittelpunkt stehenden Gestalt Christi, die (ganz im Gegensatz zu

dem „schönen“ Christus des Hundertguldenblattes) aller äußerlichen

Anmut entbehrt. Von dem tröstend geneigten Haupt, von den rührend

eindringlich erhobenen Armen gehen Ströme andächtigen Gefühls,

mitleidender Erbarmung aus. Wie die Geschlossenheit des Aufbaues hier

notwendig und organisch wirkt, so selbstverständlich entfällt die

Akzentuierung durch willkürliche Kunstmittel.

Fünf Jahre später die Anbetung der drei Könige im Buckingham

Palace. Man weiß, daß gerade dieses Thema häufig den Vorwand zu

Ausstattungsstücken der klassischen Malerei gab und mag sich

vorstellen, welchen Prunk der junge Rembrandt hier aufgewandt hätte.

Die Anordnung ist die herkömmliche: die Mutter mit dem Kind vor der

verfallenen Hütte, die drei Könige, ein endloser Troß von Dienern.

Und dabei ist alles von Grund aus anders. Alles gleichgültige Beiwerk

-- die Diener, der Hintergrund -- wie gelöscht, nur durch Schleier

sichtbar. Aus der Dämmerung treten die Frau mit dem Kind und die drei

Könige. Der erste, noch abseits stehend, wie ergriffen und erschrocken

das Geheimnis abwehrend; der zweite schon näher, zu Opferung und

Anbetung bereit, ergreift die Krone; und der dritte ist überwältigt vor

der Mutter, die sich gütig neigt und ihm das Kind reicht, zur Erde

gesunken. Andacht, versinnlicht in der Gebärde des Gesichtes und der

Hände.

Am Ende steht das Gemälde „Die Heimkehr des verlorenen Sohnes“

(Petersburg). Wie aus grauer, unfaßbarer Ferne tauchen die Gestalten

des Bildes und wachsen in riesige Größe. Dämmrig, unbestimmt drei

weiter zurückstehende Menschen: die Mutter vielleicht und der ältere

Bruder, von dem die Schrift erzählt, und irgend ein Fremder. Ganz vorn

links der verlorene Sohn und der Vater. Jener in grobem, zerrissenem

Gewand, einen armseligen Strick um die Hüfte, demütig flehend

niedergesunken, das halbabgewandte Gesicht von Reue und Zerknirschung

überflutet, mit den Händen am Vater sich anklammernd: Vater, ich habe

gesündigt ... Und der Vater, gütig, verzeihend, neigt sich zum Sohne,

legt die Hände auf seine Schulter und zieht ihn zu sich heran. Tiefste

Ergriffenheit wird in dieser Gebärde reine einfache ungebrochene Form.

* * * * *

Es ist an der Zeit, das Ganze als Ganzes zu sehen. Den Keimkern

herauszuschälen, der diese Welt gezeugt hat. Die Gesinnung eindeutig

festzulegen, die in den religiösen Werken dieses Mannes lebt.

Zusammenhänge zu überschauen: welchen Sinn die Religiosität Rembrandts

im vielheitlichen -- unendlich vielheitlich trotz verhältnismäßig

einheitlicher Grundlage des Dogmas -- Mosaik der abendländischen

Religiosität erfüllt.

Rembrandt(#73268) · 第 2 / 3 段