Der farbigen Erscheinung dieser Bilder ist das gemeinsam, da

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1919 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht

mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original

unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Schreibvarianten, insbesondere bei Orts- und Personennamen, wurden

nicht vereinheitlicht.

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der

folgenden Symbole gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_

gesperrt: +Pluszeichen+

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KURT PFISTER/REMBRANDT

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Selbstbildnis 1669]

REMBRANDT

VON

KURT PFISTER

MIT 50 ABBILDUNGEN

[Illustration]

DELPHIN-VERLAG/MÜNCHEN

Copyright 1919 by Delphin-Verlag, Dr. Richard Landauer, München

Gedruckt von Emil Herrmann senior in Leipzig

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1 Selbstbildnis 1669 (Grittleton House) B. 507. Titelbild

„ 2 Die Judenbraut 1668 (Amsterdam, Reichsmuseum)

B. 538. gegenüber S. 6

„ 3 Anatomie des Professor Tulp 1632 (Haag, Museum)

B. 55. „ „ 7

„ 4 Die Staalmeesters 1661-1662 (Amsterdam,

Reichsmuseum) B. 486. „ „ 16

„ 5 Saskia als Braut 1633 (Berliner Kupferstichkabinett)

H. d. G. 99. „ „ 16

„ 6 Selbstbildnis Rembrandts mit seiner Gattin Saskia

1634 (Dresden, Gemäldegalerie) B. 157. „ „ 17

„ 7 Danae 1636 (St. Petersburg, Eremitage) B. 194. „ „ 17

„ 8 Saskia mit der roten Blume 1641 (Dresden,

Gemäldegalerie) B. 264. „ „ 18

„ 9 Bildnis der Hendrickje Stoffels 1652 (Paris,

Louvre) B. 350. „ „ 19

„ 10 Hendrickje Stoffels im Bett 1657 (Edinburg,

Nationalgalerie) B. 43. „ „ 20

„ 11 Bildnis der Hendrickje Stoffels 1658-1659 (Berlin

Kaiser Friedrich Museum) B. 437. „ „ 20

„ 12 Bildnis des Jan Six 1654 (Amsterdam, Galerie Six)

B. 371. „ „ 21

„ 13 Rembrandts Bruder Adriaen 1650 (Haag, Museum)

B. 355. „ „ 21

„ 14 Rembrandts Sohn Titus 1656 (Wien, Museum)

B. 443. „ „ 22

„ 15 Familienbild 1668-1669 (Braunschweig, Museum)

B. 539. „ „ 23

„ 16 Selbstbildnis 1634 (Berlin, Kaiser Friedrich

Museum) B. 167. „ „ 24

„ 17 Selbstbildnis 1640 (London, Nationalgalerie)

B. 256. „ „ 24

„ 18 Rembrandt zeichnend 1645. B. 22. „ „ 25

„ 19 Selbstbildnis 1660 (Paris, Louvre) B. 434. „ „ 26

„ 20 Selbstbildnis 1668 (Berlin, Frau v. Carstanjen)

B. 506. „ „ 27

„ 21 Die Landschaft mit den Kühen zwischen 1635-1640

(Berliner Kupferstichkabinett) H. d. G. 164. „ „ 28

„ 22 Kanal mit Boot 1650 (Berliner

Kupferstichkabinett) H. d. G. 180. „ „ 28

„ 23 Die Windmühle 1641. B. 233. „ „ 28

„ 24 Die Landschaft mit dem Turm 1648 B. 223. „ „ 29

„ 25 Die Landschaft mit dem Milchmann 1650 B. 213. „ „ 29

„ 26 Landschaft 1638 (Braunschweig, Museum) B. 231. „ „ 30

„ 27 Winterlandschaft 1646 (Kassel, Galerie) B. 341. „ „ 31

„ 28 Ein geschlachteter Ochse 1655 (Paris, Louvre)

B. 421. „ „ 32

„ 29 Die Mühle 1650 (Bowood, Landsdowne) B. 345. „ „ 33

„ 30 David im Gebet 1652 B. 41. „ „ 36

„ 31 Der heilige Hieronymus im Gebet 1632 B. 101. „ „ 36

„ 32 Die heilige Familie (Frühzeit) B. 62. „ „ 36

„ 33 Der barmherzige Samariter 1648 (Paris, Louvre)

B. 328. „ „ 37

„ 34 Christus in Emaus 1661 (Paris, Louvre) B. 519. „ „ 37

„ 35 Die heilige Familie im Zimmer 1654. B. 63. „ „ 40

„ 36 Die Kreuztragung (Frühzeit) H. d. G. 71. „ „ 40

„ 37 Christus treibt die Händler aus dem Tempel 1635

B. 69. „ „ 41

„ 38 Die heilige Familie 1646 (Kassel, Galerie)

B. 252. „ „ 41

„ 39 Die Flucht nach Ägypten 1654 B. 55. „ „ 44

„ 40 Die Kreuzabnahme bei Fackelschein 1654 B. 83. „ „ 44

„ 41 Moses zerschmettert die Gesetzestafeln 1659

(Berlin, Kaiser Friedrich Museum) B. 409. „ „ 45

„ 42 Jakob ringt mit dem Engel 1660 (Berlin, Kaiser

Friedrich Museum) B. 410. „ „ 45

„ 43 Christus an der Martersäule 1656 (Berlin, Frau

von Carstanjen) B. 317. „ „ 48

„ 44 Christus am Ölberg H. d. G. 66. „ „ 49

„ 45 David vor Saul 1665 (Haag, Museum) B. 529. „ „ 52

„ 46 David, vor Saul die Harfe spielend 1630-1631

(Frankfurt a. M. Städelsches Kunstinstitut.) „ „ 52

„ 47 Die Anbetung der Hirten 1646 (München, Alte

Pinakothek) B. 315. „ „ 53

„ 48 Die Predigt Christi 1652 B. 67. „ „ 53

„ 49 Die Anbetung der Könige 1657 (London,

Buckingham-Palast) B. 406. „ „ 56

„ 50 Die Rückkehr des verlorenen Sohnes 1668-1669

(St. Petersburg, Eremitage) B. 533. „ „ 56

Die Zahlen mit dem Zusatz H. d. G. verweisen auf den von dem

holländischen Forscher Hofstede de Groot gearbeiteten Katalog der

Handzeichnungen Rembrandts, der Zusatz B. auf den Katalog der

Radierungen, den Bartsch zusammengestellt hat.

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Die Judenbraut]

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Anatomie des Professor Tulp]

Es soll hier die Gebärde eines Schaffenden gedeutet werden.

Nicht die Legende seines täglichen Lebens. Man kann gewiß (Hofstede de

Groot hat in einer sehr sorgfältigen Sammlung den Versuch unternommen)

Urkunden und Dokumente zusammenstellen und so ein Gerüst des äußeren

Lebens errichten. Aber alles, was über die Feststellung solcher

Tatsächlichkeiten hinausgeht, -- Länder und Städte, deren Dunst und

Rhythmus einer in sich einsog, Frauen, die er liebte, Freunde, die um

ihn standen oder auch nur Duft und sanftes Dunkel eines Sommerabends,

in den er schritt -- alles dies entzieht sich begrifflicher

Festlegung und erschließt sich nur, in seltener Stunde der Gnade, dem

ahnungsvollen Gefühl des Liebenden.

Nichts von Katalog und Inventar. Der kunstphilologischen und

kunstwissenschaftlichen Arbeit von Bode, Neumann, Hofstede de Groot,

Bredius, Bartsch und anderen danken wir die (im großen und ganzen

endgültige) Festlegung des Rembrandtschen Werkes. Aber wir sind doch

alle darin einer Meinung, daß dadurch nur die allerdings unerläßliche

Grundlage geschaffen wurde, auf der die eigentliche Arbeit, das

Jakobsringen um das Werk, erst zu geschehen hat.

Wiederum außerhalb des gesteckten Zieles: Hymnische, aus dichterischem

Gefühl quellende Lobpreisung. Wer literarische Verklärung erwartet,

wird zu Fromentins oder auch Verhaerens von schöner Begeisterung

erfüllten Betrachtungen greifen.

Auch, was eher reizen konnte, die weltanschauliche Grundlage der

Rembrandtschen Kunst zu untersuchen, wie das Simmel unternahm, liegt

nicht unbedingt in der Richtung des hier eingeschlagenen Weges. Eine

solche Betrachtungsweise führt notwendig, gerade Simmels überaus

wertvolles Buch liefert den Beweis, zu allgemeinsten Feststellungen

philosophischer und psychologischer Natur, zu einer Betrachtung der

Gesetze künstlerischen Schaffens, und die eigentlich künstlerischen

Tatbestände, das individuelle Formproblem, verflüchtigen sich im

metaphysischen Chaos.

Hier soll die Gebärde eines Schaffenden gedeutet werden.

Gebärde ist sinnlicher Ausdruck innerer Gesichte. In die Sprache

der Kunstbetrachtung übersetzt: Seelischer Antrieb wird körperlich

vermittels Farbe und Umriß.

Es geht um das Problem der Entwicklung von Rembrandts Bildgestaltung.

Auf diesem Wege will das höchste Ziel einfühlender Betrachtung

erreicht werden: Einsicht in Form und Gesichte dieses Schaffenden.

Denn dies ist Ergebnis der Entwicklung und wird nur durch Erkenntnis

ihrer Eigenart deutlich: Wie das seelische Substrat sich weitet und

vertieft und sich zugleich immer lauterer in der Form verwirklicht.

(Damit ist zugleich der Standpunkt gegenüber Wölfflins bahnbrechender

Kategorienlehre bezeichnet, die ihre Aufgabe in der Darlegung des

sinnlich wahrnehmbaren Entwicklungsablaufs sieht, ohne die seelische

Kausalität in die Betrachtung einzubeziehen.)

Wie ein riesiger Gebirgsblock ragt das Werk des Mannes aus der Ebene.

Es gilt Umriß und organische Struktur der kolossalischen Masse in ihrer

Ganzheit zu erweisen. Aber man soll in keinem Augenblick übersehen:

Dieses Werk ist ein Komplex, keine Kategorie. Unmöglich, die gewaltige

Masse in einmaligem Anlauf zu bewältigen. Von drei Seiten her, in

dreimaliger Wanderung wurde der Versuch unternommen; indem Bildnis,

Landschaft und religiöse Szene gesondert -- keineswegs zusammenhanglos

-- betrachtet wurden.

Die Scheidung in stoffliche Kategorien ist kein äußerlicher Eingriff.

Nicht nur, daß das gegenständliche Gesicht der Dinge für Rembrandt in

schwer abzuschätzendem Maß bei Auslösung seelischer Erlebnisse wirkt.

Die Schichtung bringt irgendwie auch den organischen Sinn der wie

Gleichnis und Urgesetz sich vollziehenden Entwicklung zum Ausdruck:

Wie der junge Künstler mit Vorliebe in subjektiver Geste das Bild des

individuellen Menschen gestaltet; wie der reife Mann das in der Natur

und Sichtbarkeit ruhende Maß der Dinge in sich aufnimmt; wie das

Alterswerk in religiöse Verklärung mündet.

Der Name Rembrandt bedeutet das umfassendste Problem abendländischer

Kunstgeschichte, soweit der Künstler überhaupt als Einzelerscheinung

in Frage steht. Wer über Rembrandt schreibt, wird sich daher immer des

notwendig Bruchstückhaften der Bemühung bewußt bleiben.

Wiederum: Dies Werk ist zu gewaltig, um es zum Gegenstand dialektischer

Turniere, geistreicher Paradoxien zu machen. Es genüge, mit einfachen

Worten das auszusprechen, was gewiß viele der Generation ahnend

empfinden, wenn sie in Ehrfurcht den Namen Rembrandts nennen.

Ziel bleibt immer: Deutung der Gebärde als Versinnlichung der

seelischen Gesichte.

Was immer an Lebensgefühl und Geistigkeit zum Wesen des Menschen

gehört, setzt sich irgendwie in eine körperliche Form um. Ob sie

als Gebärde einer Hand, als Rhythmus des Ganges, als Linie der

Mundwinkel, als Klang eines Lachens in die Erscheinung tritt: wenn

man das Zufällige und Gleichgültige vom Wesentlichen, das Ererbte vom

Selbsterworbenen und Entwickelten zu unterscheiden weiß, wird die

zwingende Eindeutigkeit solcher Wechselwirkung offenkundig.

Nicht in täuschender Wiedergabe der menschlichen Erscheinung, nicht in

der Deutung seelischer Problematik, sondern in der vermittels Farbe und

Fläche geschehenden Versinnlichung jenes Umbildungsvorganges, vermöge

dessen sich die geistige Art in körperliche Form ausprägt, ist der

Sinn europäischer Bildnismalerei im 16. und 17. Jahrhundert zu suchen.

Im Rahmen solch allgemeinster Begrenzung bedeuten die schöpferischen

Bildnismaler Leonardo, Tizian, Velazquez im Süden, Holbein, Hals,

Rubens, Rembrandt im Norden in sich ruhende eigengesetzliche Welten.

Allein in der Art, wie +Rembrandt+ den Menschen sieht und formt, ist

ein Stück vom Wesen aller starken Menschenbildnerei enthalten. Manche

seiner Porträts lassen an Velazquez’ malerische Haltung, andere an

Holbeins Form und wieder andere an Leonardos Gefühl denken; ohne daß

sein eigenes Wesen durch solchen Zustrom sich jemals verwirren konnte.

* * * * *

Der +junge Rembrandt+ hat sich als Bildnismaler überraschend schnell

durchgesetzt. Schon bald nach seiner Übersiedelung von Leyden nach

Amsterdam, die er wohl im Jahre 1631, also etwa im Alter von 25 Jahren

bewerkstelligte, kann er als der bevorzugteste Porträtist der vornehmen

bürgerlichen Gesellschaft Amsterdams gelten. Es liegt im Wesen der

Sache begründet, daß solch durchgreifender Erfolg das Ergebnis eines

Kompromisses ist. Der Bürger, der sein Bildnis seiner Familie und

seinen Nachkommen hinterläßt, wird sich in den seltensten Fällen der

revolutionären Gebärde des gärenden Genies anvertrauen. Und so wird man

in diesen Porträts kein stürmisches Rütteln an überkommener Fessel,

selten genug den anderen Jugendwerken des Künstlers eigentümlichen

pathetischen Überschwang wiederfinden. Hier ist vielmehr zu einem guten

Teil Tradition und eine durchaus bürgerliche, dem geistigen Format des

Dargestellten kongeniale Gesinnung lebendig.

Der schnelle Erfolg wäre aber undenkbar, wenn nicht eine bedeutende

innere Überlegenheit Gleichalterigen und Mitstrebenden gegenüber

vorhanden wäre. In der Tat, wenn man, ohne auf einzelne Namen zu

achten, durch die holländischen Säle eines unserer Museen geht, halten

die Bildnisse des jungen Rembrandt, bisweilen sogar, wenn sie nur in

leidlichen Werkstattwiederholungen oder Kopien vorhanden sind, vor

andern zeitgenössischen Werken den Blick fest. Es liegt wohl in der

warmen, satten und geschmeidigen Tönung, in irgend einer eindringlichen

Gebärde der Hände, des Antlitzes, in der psychischen Gehaltenheit und

Bindung bildbauende Wirkung.

Das geistige Format dieser Bilder wirkt zunächst überraschend

stark, was damit zusammenhängen mag, daß der Blick, in dem sich die

Energien sammeln, alle Aufmerksamkeit auf sich vereinigt. Aber bei

längerer Betrachtung -- der martialisch ausgerüstete und zierlich

gelockte Offizier (New-York, Sammlung Charles T. Yerkes aus dem Jahre

1632) gleicht eher einem eleganten Kavalier, als einem handfesten

Kriegshelden, zu dem ihn Bewaffnung und Armgeste bestimmen wollen;

das Lächeln der jungen Frau (New-York, Sammlung Morris K. Jesup, um

1633) klingt ein wenig konventionell und gezwungen; die Haltung des

Gelehrten auf dem Bilde der Eremitage (vom Jahre 1631) ist zu sehr

auf die Betrachtung des Beschauers eingestellt; in den durchfurchten

Greisenköpfen, wie solche mehrere aus den Jahren 1632 und 1633 erhalten

sind, sind die Furchen des Schicksals vielleicht zu absichtlich, zu

bewußt eingegraben.

Am meisten altertümlich und unfrei wirken die Gruppendarstellungen.

Die Anordnung jenes Bildnisses eines Ehepaars (Boston, Sammlung

Gardner, 1633) -- der Mann in gespreizter Pose dastehend, die Gattin

lässig auf einem Sessel hingebreitet, die beiden nebeneinander ohne

alle geistige und formale Verbindung -- läßt an die Hochzeitsaufnahme

übler Photographen denken. In der Erinnerung taucht daneben jenes

späte, juwelenhaft flimmernde Gattenbild auf, die sogenannte Judenbraut

in Amsterdam vom Jahre 1668, wo die ergreifende Gebärde des Mannes

unvergleichlich überzeugend seelische Gemeinschaft versinnlicht.

Merkwürdig gezwungen und phantasiearm die Anordnung der acht geistlosen

gleichgültigen Köpfe auf der Anatomie des Professors Tulp (vom Jahre

1632), von denen einige mit krampfhafter Spannung dem Vortrag zuhören,

während andere den Beschauer verbindlich anlächeln. Gewiß, die

Anatomie, die elf Jahre vorher Thomas de Keyser malte (im Reichsmuseum

zu Amsterdam), wirkt um vieles flacher und hölzerner; aber wer vermag

es, den Notwendigkeiten der Entwicklung mit immer gerecht bleibendem

Urteil zu folgen? Die starken und glücklich ausgetragenen Schöpfungen

bleiben lebendig, aber die zahlreichen kleinen und mühsamen Stufen,

auf denen man zu ihnen gelangte, werden notwendig um vieles geringer

gewertet. Zumal es unmöglich ist, zu vergessen, mit welch hinreißendem

Schwung Rembrandt selbst später solche Gruppenprobleme gelöst hat: in

der sogenannten Nachtwache (Amsterdam, vom Jahre 1642), wo das pralle

Sonnenlicht, die Helligkeiten und Dunkelheitsmassen, das Bild bauen,

die Menschenmenge rhythmisieren; in der Anatomie des Dr. Deymann

(Amsterdam, vom Jahre 1656), -- von der Anlage des halbzerstörten

Originals legt eine Handzeichnung in der Sammlung Six in Amsterdam (H.

d. G. 1238) Zeugnis ab -- wo der riesige Pfeiler im Hintergrund, aus

dem die Menschen wie aus einem Baume wachsen, gültige Festigung und

Sammlung bedeutet; in den Staalmeesters endlich (Amsterdam, aus dem

Jahre 1661), wo nichts gestellt, nichts komponiert ist, vielmehr jede

einzelne Bewegung, die Anordnung im ganzen organisch und naturhaft

gewachsen ist, wo alle Erscheinung zu stärkster Vereinfachung

zusammengefaßt -- indem sich die Form in der Linie festigt und die

Farbigkeit fast monochrom abgedämpft wird -- ihren ruhenden Ausdruck

findet: so daß Steigerung oder irgendwelche Veränderung undenkbar

erscheinen.

Deutliche Zusammenhänge mit der einheimischen Tradition, aber dabei, in

vielen Arbeiten, ein beträchtliches Hinauswachsen und Überragen der

zeitgenössischen Produktion ist kennzeichnend für das Bildniswerk des

jungen Rembrandt.

* * * * *

Im Mittag seines Lebens hat Rembrandt häufig und mit besonderer Liebe

das Bild der beiden Frauen geformt, die Tisch und Bett mit ihm teilten:

Saskia von Uylenburgh, die er 1634 ehelichte -- sie starb 1642 -- und

Hendrickje Stoffels, die einige Jahre nach Saskias Tod in sein Haus kam

und 1663 starb.

Wir wissen einiges von Herkunft und Art beider Frauen. Es bedeutete

wenig, wenn das Werk nicht Zeugnis ablegte, wie sie als eigentlichen

und einzigen Sinn ihres Daseins hemmungslose Hingabe, Ausstrahlung

ihres fraulichen Wesens in seines empfanden; wie sehr jede der beiden

ihm alles war, was die Frau dem Schaffenden nur sein kann: Mutter,

Geliebte, Stoff der Schöpfung, zugleich Anreiz und Erfüllung.

Die Dresdener Galerie besitzt die entscheidenden Bildnisse der Saskia.

Da hängt, noch im Jahr vor der Hochzeit entstanden, das Porträt der

jungen Frau: völlig mädchenhafte Formen, ein rundes warmes Gesicht,

eine ungemein frische, lebendig bewegte Erscheinung, die durchaus im

Zustand des Augenblicklichen gefaßt wird: Die jähe Wendung des Kopfes

zum Beschauer hin, ein pralles Lachen, das über das volle Gesicht

stürzt, ein starkes Lichtfluten auf Hals und Schulter, das leuchtende

Rot des Samtbaretts im lebhaften Kontrast zum glänzenden Blau des

Kleides.

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Die Staalmeesters]

[Illustration: Saskia als Braut]

Zu schärfster schriller Disharmonie gesteigert ist dieser Eindruck

jäher augenblicklicher Erscheinung in dem etwa im Jahre darnach

entstandenen Bild, wo Saskia mit ihrem Gatten beim Frühstück sitzt. (Es

ist ein bezeichnendes Zeugnis der heutigen landläufigen Einstellung,

daß dieses Werk, ebenso wie das Berliner Selbstbildnis von 1634, zu

den populärsten Schöpfungen Rembrandts gehört.) Was Frans Hals aus

der Fülle triebhaften Erlebens so schlagend gelang, die Lust

schäumender Feste auf Leinwand zu setzen, hat Rembrandt mit gleicher

Unbefangenheit nie vermocht. Seine Freude wirkt krampfhaft lustig,

nicht herzhaft fröhlich. Eine merkwürdige Unruhe wird fühlbar, die

vielleicht in der überstürzten Hast der Bewegungen, vielleicht in

der übertriebenen Häufung von Schmuck und Kleiderpracht oder in der

unruhigen Farbgebung ihren Grund hat.

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Selbstbildnis Rembrandts mit seiner Gattin Saskia]

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Danae]

Am porträtähnlichsten wirkt der Kopf, wenn man von der wundervollen

unberührten und zarten Silberstiftzeichnung des Berliner

Kupferstichkabinetts, die Saskia als Braut darstellt, absieht, auf

einer im Jahre 1637 entstandenen Radierung (B 367), an der Rembrandt,

wie die verschiedenen Zustände bezeugen, mit besonderer Liebe

gearbeitet hat. Der wundervolle Körper der Frau aber ist in seiner

lebendig vibrierenden Pracht in der Danae der Eremitage geformt.

Im Jahre 1641, ein Jahr vor Saskias Tod, hat Rembrandt das letzte

Bild der Gattin gemalt: Saskia mit der Nelke. (Das Berliner Bild

ist, worauf Bode hingewiesen hat, erst nach dem Tode der Saskia

fertiggestellt worden.) Die farbige Erscheinung ist zu dem tiefen Rot

des Kleides und dem Braun des darübergelegten Schleiers beruhigt.

Ganz selbstverständlich auch die Haltung der Frau. Das Antlitz wenig

zur Seite geneigt, leicht überflogen von einem kindlich scheuen

und zugleich fraulich weichen Schimmer, die Hände ohne Zwang und

Bewußtheit, die eine auf der Brust liegend, die andere mit der roten

Nelke, der geschwellte Leib in weitem, langsam fallendem Gewand:

Im Sommer dieses Jahres 1641 gebar Saskia den Knaben Titus, und es

scheint, daß sie an den Folgen der schweren Geburt weiter kränkelte,

bis sie dann im folgenden Jahre starb.

Von Art und Einfluß der Amme des kleinen Titus, der Geertje Dirks, die

in den nächsten Jahren nach Saskias Tod Rembrandts Haus versorgte,

haben wir keine hinreichend klare Vorstellung. Es konnte bisher kein

Werk mit genügender Sicherheit als ihr Bildnis namhaft gemacht werden.

Die Frau, die dann vom Ende der vierziger Jahre an bis zu ihrem Tode

durch fast anderthalb Jahrzehnte in Rembrandts Haus lebte, war die

Magd Hendrickje Stoffels. Eines der frühesten Werke, in dem man mit

gutem Grund ihr Bild erkennt, hängt im Louvre, entstanden um 1652.

Die Frau ist fast frontal genommen und dadurch wird von vornherein

der Akzent vom Eindruck augenblicklicher Aktion weg auf die Wirkung

dauernder Wesensgestaltung gelegt. Dazu stimmt auch die ruhige Haltung

des Körpers, die heitere, stille, kaum bewegte Gehaltenheit der

Gesichtszüge.

In dem Edinburger Bildnis wird das Thema der Frau, die den Geliebten

in ihrem Bette erwartet, wieder aufgegriffen. (Denn nichts anderes

war der Gegenstand der vorhin erwähnten Petersburger Danae.) Aber

alles ist anders geworden. Jedwedes Beiwerk ist hier gelöscht: Kein

prunkvoller Raum, keine Dienerin, kein schwellendes Lager, kein

wollüstig gelagerter Körper -- aus dem tiefroten Vorhang hebt sich

das Weib dem Manne entgegen, von Verlangen durchflutet Auge, Brust und

die Gebärde der Arme.

[Illustration:

Phot. F. Bruckmann A.-G., München

Saskia mit der roten Blume]

[Illustration:

Phot. Braun & Co., Dornach u. Paris

Hendrickje Stoffels 1652]

Die reife schöpferische Zusammenfassung seiner Idee vom Weiblichen

hat Rembrandt im Berliner Bild der Hendrickje von 1558 gegeben. Die

Frau, die da mit leicht vorgeneigtem Oberkörper, mit leise lächelnden

Augen und hochgehobenem Arm im Fenster lehnt, bekleidet mit einem

Gewand, dessen schimmernder Reichtum in tiefem, strahlendem Rot seinen

herrschenden Grundton hat, ist nicht die arme Magd Hendrickje Stoffels,

die ihrem Herrn, dem Maler Rembrandt, demütig mit Leib und Seele ein

Leben lang diente: hier ist die Frau, die begreifende, die gütige

geformt, der Liebe und Hingabe tiefste Erfüllung ihres Seins bedeutet.

Wenn wir es nicht von gelegentlichen Dokumenten her wüßten, dieses

Bildnis würde es bezeugen, daß für Rembrandt, den das Leben sonst oft

mit harter Geißel schlug, die Frau nicht tragische Hemmung, sondern

Befreiung von starken Lebenstrieben und Antrieb zu schöpferischem Werk

wurde.

* * * * *

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens hat Rembrandt nur wenige

Porträtaufträge ausgeführt. Die Bestellungen mögen ausgeblieben

sein. Denn wenn auch der junge Künstler als Bildnismaler alle seine

Mitbewerber übertraf, wenn auch die Landschaften und Radierungen seiner

reifen Mannesjahre von Kennern hochgeschätzt wurden: den Alterswerken,

wir wissen es aus gelegentlichen Äußerungen und Auktionsberichten,

haben Bürger und Geldadel in Amsterdam wenig Verständnis

entgegengebracht. Sie galten als unfertig, roh, dilettantisch. Anderen

Künstlern gefälligeren aber geringeren Formates gehörte die Neigung

des Publikums. So hat Rembrandt in diesen Jahren, abgesehen von

mehr oder weniger ausgeführten Studien nach Bewohnern des jüdischen

Stadtviertels, in dem er wohnte, fast nur Bildnisse von Menschen, die

ihm verwandtschaftlich oder als Freunde nahestanden, geschaffen.

Der farbigen Erscheinung dieser Bilder ist das gemeinsam, daß trotz des

schillernden Reichtums der Palette das Werk nie bunt, selten auch nur

farbig wirkt. Die Polyphonie ruht auf einem in der Tiefe schwingenden

Grundakkord; oder aber die Erscheinung ist auf das Zusammengehen von

hellen und dunklen Massen, nicht wie früher von Licht und Schatten

eingestellt. Die Frage nach photographisch treuer Wiedergabe der

Wirklichkeit ist hier ohne Belang. Auch was man sonst wohl als

Aufgabe und Kennzeichen echter Bildniskunst bezeichnet, das Wesen des

Dargestellten in der Form zu deuten, ist hier nicht entscheidendes

Ziel. Vielmehr: was an Geistigem, an Seelischem in dem Menschen, der

Magdalena van Loo, Titus, oder sonst wie heißt, ruht, wird in Gebärde

und Farbe verwirklicht. Es wird nicht etwa ein Schnitt durch das

menschliche Wesen des Dargestellten gelegt, sondern gewissermaßen die

unwirkliche, traumhaft geahnte Idee seines Wesens geformt.

[Illustration:

Phot. Braun & Co., Dornach u. Paris

Hendrickje Stoffels im Bett]

[Illustration:

Phot. F. Bruckmann A.-G., München

Bildnis der Hendrickje Stoffels 1658-1659]

[Illustration:

Phot. F. Bruckmann A.-G., München

Bildnis des Jan Six]

[Illustration:

Phot. F. Bruckmann A.-G., München

Rembrandts Bruder Adriaen]

Einer dieser Menschen ist Jan Six, der ein Vierteljahrhundert nach

Rembrandts Tod Bürgermeister von Amsterdam geworden ist. Man nimmt an

-- es gibt freilich Umstände, die dagegen zu sprechen scheinen --,

er habe mit dem Meister häufigen und vertrauten Verkehr gepflogen.

Rembrandt hat eine Skizze in Öl, eine Radierung und ein Gemälde

nach ihm geschaffen. Das Gemälde (in Amsterdam) aus dem Jahre 1654.

Unvergeßlich der machtvolle Zusammenklang des brennenden Rot, des

tiefen beruhigten Grau, des gesättigten Gelb. Fast alles in prima

gemalt, oft nur in wenigen Strichen, wie mit Spachtel hingesetzt.

Unvergeßlich vor allem der Ausdruck des früh-alten, leicht zur Seite

geneigten Antlitzes, das von heimlicher, tiefer Melancholie, wie von

dunklem, unter der Haut rinnendem Blut durchströmt ist. Die 1647

entstandene Skizze, Six im Fenster stehend, wirkt daneben als harmlose

Lichtstudie: Kopf gegen das grelle Sonnenlicht gestellt. Bei der

Radierung aus dem gleichen Jahr (B 285), die ein ähnliches Problem löst

-- Kopf vor dem ruhigen Abendhimmel --, stört das genrehafte Beiwerk

des Zimmer-Innenraumes.

Ähnliches ist von einer Gruppe von Bildern zu sagen, in denen man (nach

Bodes Vorgehen) Porträts von Rembrandts Bruder Adriaen sieht. Das

schönste befindet sich im Haag (entstanden 1650). Auch hier ist alles

auf psychische Durchleuchtung abgestellt. Alter, Armut und Sorge haben

die Züge zerfressen, aber das Auge des armseligen Schuhmachermeisters

ist von solcher Weite des Schauens, die Züge von Feierlichkeit so

erfüllt, daß das Werk zu einer wundersamen Verklärung menschlichen

Leidens wird.

Die Titusbilder geben die Verklärung des jungen Menschen, wie sie von

Leonardo bisweilen ähnlich versucht wurde. Hier wird nicht körperliche

Schönheit, sondern das Schwebende, Unberührte, Traumhafte des jungen

Seins geformt. Nichts bringt das mehr zum Ausdruck als die Aufhellungen

spiritueller Art, die (in dem Wiener Bild etwa) über Gesicht und Hände

hingehen.

* * * * *

Alle diese gelösten jubelnden Einzelstimmen sammelt das Braunschweiger

Familienbild (1668) zu breit und feierlich strömender Symphonie. Hier

ist alle Form in zuckende, flimmernde Atome gelöst und zugleich wird

in Umriß und plastischer Durchbildung ihr unbewegt ruhendes Sein

gestaltet. Wie der Mann stark und frei dasteht, die Frau sich gütig

und mütterlich neigt, wie die Kinder in blühendem Jungsein einander

anlächeln: nie wurde im Abendland mit gleicher Kraft und Unbedingtheit

tiefste Bindung menschlichen Schicksals geformt.

* * * * *

Die Selbstbildnisse, die in ununterbrochener Folge das Schaffen

begleiten, ergeben, als Kunstschöpfungen betrachtet, naturgemäß

im allgemeinen die Bestätigung der hier angedeuteten formalen und

geistigen Entwicklung. Aber diese Werke, die den Meister in jedem

Lebensalter, von jeglichem Lebensgefühl bewegt, zeigen, sind zugleich

Zeugnisse, die einiges über seine Menschlichkeit aussagen. Bredius

und Hofstede de Groot haben bekanntlich in fast 500 Dokumenten mit

erstaunlicher Sorgsamkeit aus den Archiven alles zusammengetragen, was

zu dem Leben des Mannes auch nur in fernem und ungefährem Zusammenhang

steht. Wir begleiten ihn da sozusagen von der Wiege bis zum Grabe,

erfahren von seiner Taufe, von seiner Einschreibung als Student

in Leyden, von der Heirat mit Saskia und ihrem Tod, von häßlichen

Streitigkeiten mit Geertje Dirks, die, wie es scheint, der Hendrickje

nicht weichen wollte, von einer (wirkungslosen) Verwarnung der

Hendrickje durch den Kirchenrat wegen ihres illegitimen Zusammenlebens

mit Rembrandt. Taufen und Beerdigungen der Kinder (auch das letzte,

Titus, starb noch zu Rembrandts Lebzeiten), Wohnungen und Reisen, immer

wieder Prozesse, Schulden, Zahlungsunfähigkeit, Pfändungsmaßnahmen und

zuletzt, im Begräbnisbuch der Westerkerk, der Eintrag des Begräbnisses.

[Illustration:

Phot. F. Bruckmann A.-G., München

Rembrandts Sohn Titus]

[Illustration:

Phot. F. Bruckmann A.-G., München

Familienbild]

Worin unterscheidet sich aber dieser gleichsam protokollarisch

und notariell aufgenommene Lebenslauf von dem, was man über die

Schicksale irgend eines Bürgers aussagen könnte, was kann man an

seelischer Erregung diesen Berichten der Tatsächlichkeit entnehmen? Das

Wichtigste fehlt fast ganz: Äußerungen des Mannes selbst (von einigen

Geschäftsbriefen und gleichgültigen Bemerkungen abgesehen) und Belege,

wie die Geschehnisse des Lebens auf ihn wirkten. In diese Lücke treten

die Selbstbildnisse ein.

Das Bild der Berliner Galerie von 1634, eines der frühesten also,

zeigt den Rembrandt, der in der Vorstellung der Menge lebendig ist;

in elegantem Mantel, mit Pelzkragen, schön gewelltem Haar, kühn

schiefgerücktem Barett und jenem trutzig koketten Gesichtsausdruck,

der jegliche romantische Vermutung über Künstlers Erdenwallen restlos

befriedigt. Auch hier, wie in allen frühen Bildern, das Spiel mit

derben Lichteffekten, die in beunruhigendem Kontrast zu dem unklaren

graubraunen Ton, der die Farbigkeit bestimmt, stehen.

Das Londoner Porträt von 1640 ist in gesteigertem Maß der Ausdruck

jugendlich unreifen Selbstgefühls. Die Erscheinung ist durchaus auf

den weltmännischen Kavalier abgestimmt: die gepflegte Haartracht,

die prächtige Gewandung, der verbindliche Gesichtsausdruck. Unfrei

und unbefriedigend die Form: mit dem Trieb zur Augenblicklichkeit --

die Dreiviertelwendung des Körpers, der klammernde Blick, der jähe

Lichteinfall sind die entscheidenden Mittel -- stimmt die peinlich

genaue Ausführung und die Bindung in trübem bräunlichem Ton schlecht

zusammen.

Fünf Jahre später, nach Saskias Tod, ist das radierte Werk entstanden,

auf dem sich Rembrandt zeichnend porträtiert hat. Hier ist alles

gefestet und stark. Wie der Mann breit und ruhig am Fenster sitzt,

fast frontal zum Beschauer, ganz ohne Pose, intensiv sachlich. Vor

dem Fenster, noch auf der Fensterbrüstung, glüht praller weißer

Sonnenschein. Der Zeichnende ist von ruhigem, gleichmäßigem

Licht nur so weit erhellt, als nötig ist, um seine Gestalt aus dem

tiefdunklen Hintergrund herauszumodellieren. Bei aller Erregtheit

der Oberfläche, die in jedem Nerv vibriert, stärkste plastische

Herausarbeitung der körperlichen Erscheinung und bestimmte harte

Umrisse. Das Antlitz, wie ein Gleichnis bewährter starker Männlichkeit,

ernst und ungebeugt.

[Illustration: Rembrandt zeichnend 1645]

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Selbstbildnis 1634]

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Selbstbildnis 1640]

Eine Episode aus dem Jahre 1655: Rembrandt in Landsknechttracht. Man

weiß, daß der Künstler sich und Nahestehende in solche Vermummung zu

stecken liebte; aber wenn ihn früher das Genrehafte, Pittoreske zu

derlei Maskerade gereizt hatte, so erregt jetzt die malerische Pracht

reicher Gewandung sein Auge und seine Hand.

Drei Jahre später (1658) ist ein Bild entstanden, das sich heute

im Besitz des Earl of Ilchester befindet: breit und feierlich,

in mächtiger Frontalität sitzt der Mann da, wie die stärkste

Versinnlichung gesammelter Kraft und königlicher Würde. Wir wissen,

daß seit der Zeit, da Holbein die englischen Großen malte, in dem

Jahrhundert also zwischen 1500 und 1600, die Art des europäischen

Sehens von Grund aus sich gewandelt hat, daß, um die Gegensätze mit

Wölfflins Begriffen kurz zu formulieren, die flimmernde bewegte

Erscheinung an die Stelle des klaren, festumrissenen Seins getreten

ist. Und doch steigt vor diesem Bildnis die Erinnerung an Holbein auf:

die Erinnerung an die unbestechliche Sachlichkeit seines körperlichen

und geistigen Auges, an die granitene Festigkeit seiner Form.

Das Bild im Louvre von 1660 ergreift vor anderen als menschliches

Dokument. Unvergeßlich der gramvolle, zerquälte Gesichtsausdruck, wo

das Licht allen Schmerz in sanfte Verklärung wandelt.

Der alte Rembrandt scheut grelle sinnliche und seelische Effekte. Das

jäh anspringende Porträt der Sammlung Carstanjen von 1668 wirkt, von

dieser Seite betrachtet, überraschend. Man denkt unwillkürlich an das

andere, lachende Selbstbildnis, an die Dresdner Frühstücksszene mit

Saskia. Solche Erinnerung macht die ungeheuere Spannweite dieses Lebens

offenbar. Das Lachen des Dresdner Bildnisses klingt nach gezwungener,

gepreßter Lustigkeit und es schwingt ein Unterton unechter,

jungenhafter Prahlerei mit. Auch auf dem späteren Bild ist der Effekt

kein befreiender Ausdruck fröhlichen Gefühls; aber bei aller Bitterkeit

und krampfhafter Aufwühlung ist es bis in die letzten zuckenden

Fasern von tiefstem Gefühl stärkster Lebendigkeit entzündet. Wenn das

Licht dort allzu bewußt, allzu willkürlich den Bildrhythmus bestimmt,

fließt es hier, eine glitzernde, flimmernde Welle, als notwendiger,

gültiger Ausdruck innerer Lebendigkeit über Gesicht und Schulter. Nicht

Einfachheit, die quellende Lichtfülle bezeugt es, sondern Reichtum,

freilich gebändigter Reichtum ist das letzte Wort dieser Kunst.

* * * * *

[Illustration:

Phot. Braun & Co., Dornach u. Paris

Selbstbildnis 1660]

[Illustration:

Phot. F. Bruckmann A.-G., München

Selbstbildnis um 1668]

Es gibt aus dem Todesjahr Rembrandts, aus dem Jahr 1669, noch ein

Selbstbildnis, vielleicht das letzte Werk seiner Hand. Ein Brustbild,

der Kopf in Dreiviertelwendung dem Beschauer zugewandt. Das Antlitz

eines Greises, aber nicht so von Alter zerfressen, wie auf manchem

früheren Bild. Weiße, seidige Locken hängen auf die Schultern herab.

Die Wangen scheinen voll, schwammig aufgedunsen, fast ohne Furchen.

Alles ist ruhig: die farbige Erscheinung, der Lichteinfall, der ruhige,

gefaßte Gesichtsausdruck. Man meint die Stimme des Mannes zu hören:

Ich bin alle Wege gegangen und habe von allem Leben erfahren. Alle

Bitterkeit und alle Lust habe ich bis auf den Grund gekostet. Dich,

Bruder Mensch, habe ich geliebt, und euch, ihr Frauen. Dich, köstliche,

gesegnete Erde und auch dich, riesig gewölbter Himmel. Aber immer habe

ich nach meinem Werk getrachtet. Die Welt ist weit und unser Tag währt

kleine Zeit. Hand und Auge zerfällt in Staub, aber im Ewigen gebettet

ruhet das Werk.

Die +Landschaft+ des +jungen+ Rembrandt ist von jenem stürmischen

Pathos aufgewühlt, das die früheren Bilder des Meisters erfüllt. Man

mag darin vielleicht mit mehr Recht den in jeder jungen Generation

lebendigen Willen sehen, mit aller akademischen Übung und Überlieferung

zu brechen, als den Ausdruck eines inneren Nichtanderskönnens. Das

besagt: dieses Pathos ist eher als Geste und als Stilwille, denn als

Temperament und Gesinnung zu deuten.

Das Ungewöhnliche, die Romantik, die phantastische Erregung der Natur

ist Thema dieser Bilder; die Requisiten: steile Felswände, stürmische

Wellen, Baumriesen, heroische Ruinen.

Jede Linie zuckt in erregtem Überschwang, aber sehr selten hat

eine die Überzeugungskraft, die tief erregter Leidenschaftlichkeit

zukommt. Das Licht, das später die Funktion innerlicher Bindung und

Organisation übt, erscheint hier nur als spielerischer, die Gegensätze

willkürlich schärfender Effekt. Auch hat auf diesen früheren Bildern

-- das bekannteste ist das sogenannte Petrus-Schifflein in der

Sammlung Gardner zu Boston -- die Landschaft nur die Rolle des

Hintergrundes, der Kulisse, vor der sich die menschliche oder heroische

Handlung begibt.

[Illustration: Die Landschaft mit den Kühen]

[Illustration: Kanal mit Boot]

[Illustration: Die Windmühle]

[Illustration: Die Landschaft mit dem Turm 1648]

[Illustration: Die Landschaft mit dem Milchmann]

Gegen Ende der dreißiger Jahre verändert sich das Verhältnis Rembrandts

zur Natur vollständig. Es ist psychologisch wohl begründet, allerdings

historisch nicht ganz genau, -- das erste rein landschaftliche Bild ist

von 1638 datiert, Saskia starb erst 1642 -- wenn man sagt, der Künstler

habe sich nach dem Tode seiner Gattin oft und gerne auf dem Landgut des

Freundes Six aufgehalten und dort habe sich ihm, der Welt und Menschen

floh, die Wesenheit der Natur eigentlich erschlossen.

Jedenfalls sind die nun folgenden eineinhalb Jahrzehnte, also etwa die

Zeit von 1640 bis 1655, da die Landschaft als Thema in seinem Schaffen

überwiegt, entscheidend für Form und Geistigkeit seines Werkes.

Ein Blatt des Berliner Kupferstich-Kabinetts (H. d. G. 164) vom Ausgang

der dreißiger Jahre zeigt eine Flachlandschaft mit Fluß und Kühen und

im Hintergrunde Andeutungen von Bäumen. Eine zweite Zeichnung derselben

Sammlung (H. d. G. 180), entstanden etwa um 1650, gibt ein ähnliches

Motiv: eine Ebene mit Fluß und zwei Schiffen, ein Mann, der ein Kind

an der Hand hält. Schon das Material -- Rembrandt benutzt bei seinen

früheren Zeichnungen mit Vorliebe die Feder, später die Kreide --

begründet zu einem Teil die Verschiedenheit des Ausdruckscharakters.

Das frühe Blatt ist übersät von eckig gebrochenen, wirren Strichlein,

beim spätern genügen wenige kräftige, fast nur wagrechte Linien. Obwohl

die erste Zeichnung weit mehr ins einzelne hinein ausgeführt ist, gibt

die andere eine um vieles stärkere Belebung des Ausdrucks, nicht nur in

der Gesamtstimmung, sondern in jedem Detail; die Bäume, die Menschen,

das Wasser, dort zittrig, unbestimmt und ungefähr, sind hier in ein

paar Strichen mit höchstem Nachdruck ausgeprägt. Der Himmel dort ein

nüchtern leerer Raum, breitet sich hier in unbegrenzter Weite.

Um den Gegensätzen von einer anderen Seite her nahe zu kommen: die

radierte Windmühle von 1641 (B 233) ist das Ergebnis intensivster

Beobachtung der Natur. Mit beispielloser Eindringlichkeit und

Unerbittlichkeit sind hier Sein und Wachstum des Wirklichen von

Blick und Phantasie aufgesogen. Tür und Fenster, Dachschindeln und

Holzplankenzaun, der Mühlenflügel, alle Erscheinung wird in ihrer

letzten Schaubarkeit bloßgelegt. Daneben mag man eine etwa zehn Jahre

später entstandene Radierung legen, die Landschaft mit dem Milchmann

(B 213). Baum und Häuser, der Weg, das Gebüsch und der Mann sind als

Sonderexistenz und als Naturphänomen ohne Belang. Auf das, was hinter

den einzelnen Dingen steht, kommt es an, auf den unsichtbaren Strom,

der jedes Sonderwesen durchströmt und bindet; auf jenen starken,

unwirklich farbigen, rhythmischen Zusammenklang, der die Harmonie

des Bildes ausmacht. Was hier geschaffen wurde, ist nicht irgendeine

landschaftliche Ansicht, irgendein landschaftliches Motiv, vielmehr das

Naturhafte, das Landschaftliche in seinem dauernden ruhenden Wesen.

[Illustration:

Phot. F. Bruckmann A.-G., München

Landschaft um 1638]

[Illustration:

Phot. F. Hanfstaengl, München

Winterlandschaft]

Die Reihe der Gemälde setzt etwa mit der Stadt am Berge bei Gewitter

(Braunschweig um 1638) ein und schließt mit der Windmühle von 1650.

Dort Natur, leidenschaftlich erregt und durchwühlt von stürmischer

Bewegung: stürzende Gewitterwolken, unterbrochen von jäh erhellten

weißen und blauen Wolkeninseln, ein Stück Erde, sturmdurchrast und

von grellen Sonnenstrahlen durchzuckt. Und hier: die breit und ruhig

gelagerte Mühle, mächtig, hoch und feierlich, aus schattiger, kaum

bewegter Erde emporwachsend, selber unbewegt, aufgerichtet vor einem

riesigen, gleichmäßig erhellten abendlichen Himmel. Dort wird in

endgültiger Zusammenfassung jugendlicher Antriebe die Monumentalität in

der erregten Geste und im gegenständlichen Pathos gesucht. Hier wirkt

die Landschaft an sich groß, gefühlt und geformt als ein nach eigenen

Gesetzen aufgebauter und lebendiger Organismus.

* * * * *

Hiermit sind die beiden Pole festgelegt, zwischen denen Rembrandts

landschaftliche Gestaltungen schwingen. Die organische Logik der

Entwicklung wird offenbar: im Anfang jenes fanatische Ringen um das

Sichtbare in der Natur mit dem Ziel, die Erscheinung, die Impression zu

fassen.

Aus der Einsicht, wie dauernd schwankend, dauernd verwandelt alle

Erscheinung den Händen entflieht, wächst die Sehnsucht nach Erkenntnis

und Formung des ewig Ruhenden, Unverrücktseienden im Ding. Das

bedeutet, daß das Konstante an die Stelle des Variabeln, das Objekt

an die Stelle des Subjekts tritt. Die wichtigsten Zeugnisse dieser

Gesinnung sind die Radierungen der vierziger Jahre. Der Inhalt der

Darstellung: eine strohgedeckte Hütte, ein Baum, ein Fluß, eine Ebene.

Entscheidend ist die Eindringlichkeit, mit der auf diesen Blättern

frei von Lyrismus und Empfindung das Wachstum und der Organismus der

Natur erfaßt und bildhaft aufgebaut werden, so daß man wohl sagen kann:

dieses ist Baum, Hütte, Fluß, Ebene, nicht, wie ich sie sehe, sondern

wie sie sind. Ihre Lebendigkeit und ihre Struktur sind hier frei von

menschlicher Spiegelung nach ihren eignen Gesetzen geformt.

Aber die Erkenntnis, daß alle Gestaltung der Realität um ihrer

selbst willen notwendig Stückwerk bleibt, daß Erscheinung sowohl

wie Organismus nur von der Idee durchleuchtet zu restlosem Ausdruck

kommen, blieb Rembrandt nicht verborgen. Die Arbeiten vom Ende der

vierziger und Anfang der fünfziger Jahre, wo alles Gegenständliche,

alles Wirkliche gelöscht und von einer Welle innerlicher Lebendigkeit

durchströmt ist, geben davon Zeugnis. Schon in dem Winterbildchen der

Kasseler Galerie von 1646 wird das spürbar. Da ist ein gefrorener

Kanal, Schlittschuhläufer, eine Brücke, ein Bauernhaus, ein Schlitten.

Aber diese Einzeldinge sind nicht gesondert da, alles ist eingehüllt

in das starke winterliche Sein, das wie ein Odem alles erfüllt und

durchdringt, die hartgefrorene Erdkrume, den stumpfen Himmel mit seinen

grauweißen Wölkchen und die frostklare Atmosphäre.

[Illustration:

Phot. Braun & Co., Dornach u. Paris

Ein geschlachteter Ochse 1655]

[Illustration:

Phot. Braun & Co., Dornach u. Paris

Die Mühle 1650]

In diesem Sinn sind auch die Radierungen von Ende der vierziger und

Anfang der fünfziger Jahre zu deuten, wo über der verschwimmenden

Einzelform riesige Horizonte in dunstigen Weiten sich spannen; und von

den Gemälden mag hier vor allem auf die Landschaft mit der Ruine auf

dem Berg (Kassel um 1650) und auf die schon genannte Windmühle von 1650

hingewiesen werden.

Es ist der Mann Rembrandt, der zwischen jenen beiden Polen steht. Und

daß er gerade in den Jahren, die jenseits jugendlichen Überschwangs

und noch nicht bedrängt von den innerlichen Gesichten des Alters zum

ruhenden Sein der Dinge hinneigen, zur Natur, zur Realität kam, ist

eines der wunderbarsten Phänomene dieses mit immanenter Logik wirkenden

Schaffens.

* * * * *

In der Landschaft Rembrandts erfüllt sich Formwille und Naturgefühl

zweier Jahrhunderte.

Wenn der reife Dürer mit Bewußtheit immer das ruhende Wesen der Ding

gestaltet hat, so war doch auch ihm schon, zumal in frühen Jahren --

die Handzeichnungen legen davon Zeugnis ab -- die Vorstellung von der

Schönheit der Erscheinung lebendig. Und die Erscheinung als Formidee

bleibt das Ziel. Schon mancher Zeitgenosse Dürers, Altdorfer etwa, Wolf

Huber und Urs Graf, Hans Baldung mühen sich lebhaft um sie; und dann

kann man Jahrzehnt um Jahrzehnt beobachten, wie der Boden allmählich

sich lockert, wie die Dinge anheben zu schwingen und in Nerv und Gelenk

zu zucken.

In ähnlicher Weise wandelt sich das Naturgefühl. Die Landschaft des

Genter Altares -- spitze langstielige Bäumchen und zierliches Buschwerk

-- sehr geschmackvoll, höchst delikat empfunden und gemalt, ein fein

geschliffener Edelstein, aber keine lebendige Natur. Auch Dürers

landschaftliche Ansichten wirken, ganz im Gegensatz zu der quellenden

Fülle und Frische seiner Zeichnungen, merkwürdig befangen, gestellt,

zusammengesetzt. Wirkungsvoll angeordnete, stillebenhafte Staffagen und

Hintergründe, nur keine Natur. Undenkbar bei ihm eine landschaftliche

Ansicht als selbständiges Thema eines Gemäldes.

Sehr viel freier und unbefangener stehen einige Vorgänger Dürers und

manche seiner Zeitgenossen der Natur gegenüber. Man mag an das groß

empfundene, gobelinartige Genferseebild des Konrad Witz denken, an den

Tiefenbronner Altar des Lukas Moser, an manche frühe Niederländer,

jedenfalls auch hier wieder an Altdorfer und seine Freunde und unter

den späteren an Adam Elsheimer.

Die italienische Landschaft der Zeit, die Landschaft des Leonardo, des

Giorgione, des Palma, des Tizian ist intensiver und zugleich nervöser

empfunden, sinnlicher geformt, aber das Landschaftliche ist hier meist

nur der stimmungserzeugende, stimmungsbindende Grundton, aus dem sich

die Melodie des menschlichen Antlitzes, des menschlichen Geschehens

hebt.

Die entscheidende Tat geschieht in den Niederlanden, Pieter Bruegel

hat wohl die erste moderne Landschaft gemalt, das besagt, er hat zum

erstenmal die Landschaft als Natur, die Natur als Wirklichkeit und

zugleich als Organismus begriffen.

Die Landschaft Rembrandts ist der riesige Abschluß, die starke

Erfüllung des Werkes dieser Generationen. Hier wird die Sichtbarkeit

als Erscheinung begriffen und in der Erscheinung das Bleibende geformt.

Hier wird die Welt als Wirklichkeit und zugleich als ungegenständliches

Phänomen gefühlt.

Zunächst bei Rembrandt, der manches von ihm gelernt haben mag,

steht der um ein halbes Menschenalter ältere Herkules Segers, der

landschaftliche Prospekte gemalt und radiert hat, die von starker Kraft

der Persönlichkeit und einem ungemein sensibeln Empfinden durchdrungen

sind, ohne daß er sich zur letzten Freiheit und Unbefangenheit des

Schaffens hätte durchringen können.

* * * * *

Der alte Rembrandt hat keine Landschaft geschaffen. Wo, auf biblischen

Darstellungen etwa, landschaftliche Hintergründe sich auftun, sind sie

ohne individuelle, sinnliche oder stoffliche Bedeutung. Die Natur wird

vermöge einer alle Sichtbarkeit durchströmenden, seelischen Kraft,

die man als Religiosität bezeichnen mag, als wirkendes, aber nur im

Zusammenklang des Ganzen wirkendes Atom in den ungeheuren Kreislauf der

menschlichen und göttlichen Dinge eingefügt.

Im Jahre 1652, im hohen Mittag des Lebens, hat Rembrandt den Faust,

tiefstes Gleichnis immer unruhig fragender, suchender, irrender und

strebender Menschlichkeit radiert. Der Mann hinter dem mit Pergamenten

beladenen Schreibtisch ist aufgestanden und schaut ergriffen in den

magischen Lichtkreis, aus dem ihm der Name Christi entgegenstrahlt.

Fenster und Schreibtisch, Gewand und Gesicht werden im flammenden

Lichtstrom weiß geglüht.

Kurze Zeit danach wird die Radierung des „betenden David“ (B 41)

entstanden sein. Nicht der grübelnde, bohrende Zweifel, sondern die

in sich versunkene hingegebene Andacht. Durch das Bild geht der

gedämpfte Klang stiller demütiger Zwiesprache mit Gott, hebt an mit dem

vertrauensvoll erhobenen Haupt, den zuversichtlich gefalteten Händen,

setzt sich fort in der Beugung des Rückens und klingt in dem sanft

verströmenden Licht aus.

[Illustration: David im Gebet]

[Illustration: Der heilige Hieronymus im Gebet]

[Illustration: Die heilige Familie (Frühzeit)]

[Illustration:

Phot. Braun & Co., Dornach u. Paris

Der barmherzige Samariter 1648]

[Illustration:

Phot. Braun & Co., Dornach u. Paris

Christus in Emaus]

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