Wildenstein

hinan führt, wo wir am Fuße des Felsens den Eingang einer tief

einlaufenden finstern Höhle erblicken. Auf der Kuppe öffnet sich

eine reiche Aussicht auf den prächtigen Felsenkranz, der sich über

dem, das Thal bedeckenden dunkeln +Wildensteiner Walde+ vom +kleinen

Winterberge+ bis zu dem +langen Horn+, dem +Affenstein+ und den

+Speichenhörnern+ ausdehnt. Der +Schrammstein+, der +Falkenstein+ und

die +hohe Liebe+ blicken hinter dem +Affenstein+ hervor, und in der

Ferne sieht man den +Papststein+ und die +Bärsteine+, während sich auf

der nördlichen Höhe die Dörfer an der hohen Straße bis +Lichtenhain+

zeigen. Zwischen dem +Winterberge+ und dem +Kuhstallfelsen+ entdecken

wir gegen Morgen den +Lorenzstein+, den +Raubstein+ und den +Arnstein+

und im Hintergrunde die +Thorwalder Wände+. Man hat auch auf diese

Felsenkuppe eine Burg versetzen und darin das gleichnahmige Schloß

finden wollen, dessen eine Urkunde aus dem 15ten Jahrhundert gedenkt,

obgleich sich auf dem Gipfel nicht die mindeste Spur ehemahliger

Bewohnung findet.

In einer Viertelstunde kommen wir vom +Wildenstein+ zur +Heidemühle+

(s. S. 55.) und wandern an der +Kirnitsch+ nach +Schandau+ hinab.

VII. Reise über Hinterhermsdorf zur obern Schleuse, und zu den

Thorwalder Wänden.

Diese Wanderung wird, den Rückweg nach +Schandau+ mitgerechnet, zwar

nicht mehr als eine Tagereise fodern, da sich aber auch hier manche

Versuchungen zu anziehenden Abschweifungen darbieten, so werden wir

uns freilich einen erhöhten Genuß und mehr Bequemlichkeit bereiten,

wenn wir längere Zeit dazu bestimmen, und wenigstens am ersten Tage

den vierstündigen Weg von +Schandau+ nach +Hinterhermsdorf+ zurück

legen. Wir gehen am bequemsten auf der hohen Straße bis +Lichtenhain+,

und von hier über +Ottendorf+ nach +Saupsdorf+, wo es ansehnliche

Garnbleichen gibt. Auf dem nahen +Wachberge+ ladet ein freundliches

Obdach zum Verweilen ein, und wir genießen die reiche Aussicht über das

ganze Felsengebiet von den +Thorwalder Wänden+ bis zum +Schrammstein+.

Der +Winterberg+ und die nahen und fernen Gebirge Böhmens steigen im

Hintergrunde empor, während unser Auge gegen Abend dem Zuge der Berge

und Thäler bis in die blaue Ferne folgt, wo wir bei hellem Himmel

selbst Dresden sehen. Auf einem anmuthigen Wege, den die Aussicht in

eine schöne Bergferne erheitert, kommen wir in 1 Stunde nach

Hinterhermsdorf,

einem ansehnlichen und gewerbsamen Dorfe, wo wir im Lehngerichte gute

Bewirthung finden. Gegen Mitternacht, eine halbe Stunde vom Dorfe,

erhebt sich der +Weifberg+, und eine Viertelstunde weiter, jenseit

der böhmischen Gränze, der höhere +Hantschberg+, an dessen Fuße das

schöne und gewerbsame Dorf +Nixdorf+ sich ausbreitet. Wie besteigen

beide Berge, oder wenigstens den +Hantschberg+, wo ein herrliches

Landschaftbild vor uns liegt, das an die Aussicht vom +Winterberge+

erinnert. Wollen wir die Wanderung zur +obern Schleuse+ auf einem

angenehmen Umwege machen, so gehen wir von +Hinterhermsdorf+ in

östlicher Richtung an den +Steinbergen+ bis zur +Heidelbachmühle+.

Unterhalb dieser Mühle fließt der +Heidelbach+ in die +Kirnitsch+,

die nun, ungefähr 1 Meile weit, die Gränze zwischen Sachsen und

Böhmen bildet. Wir werden den Weg durch das ungemein reizende Thal,

in welchem die +Kirnitsch+ von dem böhmischen Städtchen +Schönlinde+

hinab fließt, künftig kennen lernen, und gehen vom Ausfluße des

+Heidelbachs+, wo die +Mittelmühle+ unter einer Berghöhe, +Toffel im

Fleckel+ genannt, jenseit der +Kirnitsch+ im böhmischen Gebiete liegt,

auf einem anmuthigen Wege zur +Niedermühle+. Längs dem rauschenden

Bache kommen wir bald zu +Reißers Höhle+, die uns unter einem

hohen, weit überhangenden Felsen einen kühlen Ruheplatz darbietet.

Wir verlassen hier das Ufer des Baches, steigen in +Reißers Grund+

zu den Steinbrüchen hinan, die einen harten und feinen Sandstein

liefern, und kommen über den +Hauberg+ zum +Schleusenberg+. Wer den

beschriebenen Umweg nicht machen will, geht von +Hinterhermsdorf+ auf

einem weit nähern und bequemen, im Jahre 1820 geebneten Wege über die

+Grünstelle+, einen hohen Felsen, wo wir das gebirgige Gränzgebiet

Böhmens überschauen, zum +Schleusenberg+, unter welchem die

obere Schleuse

liegt. Ein steiler Pfad führt von dem hohen Bergrande in diesen

Felsenspalt, dessen schroffe Wände mit Farrenwedeln, Moosen und

vielfarbigen Flechten bekleidet, über 300 Fuß hinab stürzen. Die

+Kirnitsch+ rauscht ungestüm durch ihr enges Felsenbett über die,

im Jahre 1816 von dem Floßmeister Hering in Schandau neu gebaute

Schleuse, und läßt hier, wo die schroffen Wände, der Krümmung des

Baches folgend, den finstern Schlund ganz zu verschließen scheinen, nur

einen schmalen Uferrand, auf welchem ein Hüttchen für die Floßarbeiter

an den Felsen sich lehnt. Die Wände rücken oben so nahe zusammen, daß

nur ein schmaler Streif des Himmelslichts den furchtbaren Abgrund

erhellet. Diese Schleuse ward, nebst einer andern unter dem +hohen

Holzig+, östlich von den +Thorwalder Wänden+, zuerst im Anfange des

17ten Jahrhunderts für die, im 16ten Jahrhunderte angelegte, wichtige

+Kirnitschflöße+ erbaut. Die Arbeiten des Flößens fangen im Herbst an.

Das Scheitholz wird während des Winters an den Bach, oder auf hohe

Uferränder gefahren, wo es hinab gestürzt werden kann. Solche Stellen,

die aus einem Kanal von Stangenholz bestehen, nennt man +Bloßen+, oder

+Huschen+. Können die Schlitten der Landleute, wie es gewöhnlich der

Fall ist, das gefällte Holz nicht weiter als auf Höhen bringen, die

von den Uferwänden der +Kirnitsch+ durch Felsenschluchten getrennt

sind, so werfen die Floßknechte über die Klüfte große Baumstämme, die

mit kleinern Stämmen und vielen Zweigen belegt werden, und über diese

kühnen Brücken schaffen sie das Holz auf Schlitten an die Bloßen. Die

herabgestürzten Scheite bilden am Bache einen hohen Haufen, der im

Winter vest friert, und im nächsten Frühlinge von den Floßknechten

in den angeschwollenen Bach hinab gestürzt wird, der das Holz nach

+Schandau+ trägt.

Wir steigen wieder auf den +Schleusenberg+, und kommen vom nahen

+Seufzengründel+ -- wo wir im Sandboden viele Mineralien, z. B.

braunen kristallisirten Hyacinth, Augit, selten nur edlen Granat,

aber Magneteisensand in großer Menge finden -- in einer halben Stunde

zum großen +Darnstein+, an dessen Fuße, jenseit der +Kirnitsch+,

ein böhmisches Wirthshaus liegt. Hier zieht sich durch einen langen

und engen Grund, +Kühzahl am Hühnerkropf+ genannt, und durch den

+Höllengrund+ eine Felsenstraße von +Hinterhermsdorf+, auf welcher

Möllendorf im Julius 1778 einen Heerhaufen mit Geschütz nach Böhmen

führte. Wir verlassen nun bald das Ufer der +Kirnitsch+, die bei

der vorspringenden Höhe, das +Kirnitschhorn+ genannt, ihren Lauf

nördlich richtet, und gehen abwärts in den +Ziegengrund+, welcher die

Landesgränze bildet, und auf der böhmischen Seite von wunderbaren

Felsenbildungen eingeschlossen ist. In einem großen Steine ist das Bild

eines Luchses ausgehauen, zum Andenken, daß hier im Jahre 1743 das

letzte der Raubthiere, die einst in diesen Felsenwildnissen wohnten,

durch einen Selbstschuß erlegt wurde. Nach einer halben Stunde kommen

wir zu dem +Altarstein+, wo die eingehauenen Jahrzahlen 1639 und 1640

die Ueberlieferung bestätigen, daß die, den Kriegsgräueln entflohenen

Landleute sich hier zu Andachtübungen versammelt haben. Wir nähern uns

nun der mächtigen Felsengruppe der

Thorwalder Wände,

auf deren Höhen uns ein beschwerlicher und für furchtsame, oder

unvorsichtige Wanderer zuweilen gefahrvoller Weg über den +Hänelsberg+

bringt. Die Aussicht über die Wildniß, die uns hier in prächtigen,

einen weiten Halbkreis einschließenden Felsengestalten umgibt, ist

überraschend, und zeigt uns eines der großartigsten Naturbilder, welche

das Hochland darbietet.

Wir können auch von hier, aber gleichfalls nur auf sehr beschwerlichen

Pfaden, über die +Daunenstellge+ zur Höhle in +Hiekels Schlüchte+ (s.

S. 111.) kommen.

Den größten Theil des beschriebenen Felsengebiets kann man auch zu

Wagen bereisen, wenn man von +Schandau+ nach +Hinterhermsdorf+ fährt,

und während man über die +Grünstelle+ zur +obern Schleuse+ wandert,

den Wagen durch den +Höllengrund+ in den +Ziegengrund+ fahren und

dann im +Zeughause+ (s. S. 110.) warten läßt, wofern man etwa +Hiekels

Schlüchte+, oder +Richters Schlüchte+ besuchen will. Mit dieser

Reise würde sich dann von hier aus (s. S. 112.) der Besuch des

+Prebischthores+, dem man auf keinem andern Fahrwege so nahe kommen

kann, verbinden lassen. Vom +Zeughause+ wird man auf dem bekannten

Fahrwege (s. S. 109.) nach +Schandau+ zurück kehren. Wir aber endigen

unsere Tagereise auf einem nähern und angenehmern Wege, wenn wir durch

den +Prebischgrund+ (s. S. 66.) nach +Hirniskretschen+ wandern, wo

eine Gondel uns aufnimmt, wenn wir nicht etwa von hier nach +Tetschen+

reisen, oder unsre Wanderung auf das jenseitige Elbufer antreten wollen.

Vergißmeinnicht Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens · 第 30 / 44 题