trägt, dessen prächtige, in einer Breite von mehren hundert Ellen sich
hinziehende Wände an ihrem Fuße von vielen Höhlen durchbrochen sind,
welche man, wie es scheint, früher zu Kellern benutzte. In der Mitte
der Felsenwand führen kleine Stufen durch einen engen Spalt auf den
ersten Absatz des Felsens, von hier bringt uns eine hölzerne Treppe auf
den 2ten, dann eine Felsentreppe auf den 3ten und endlich ein enger
Felsenweg auf den letzten Absatz, einen ebenen Platz, wo wir manche
Spuren früherer Ansiedelung sehen. Die merkwürdigste darunter ist ein
vierseitiger, senkrecht in den Felsen gehauener Brunnen, welchen die
Sage bis zur Fläche der +Kirnitsch+ hinab gehen läßt. Einige Landleute,
die vor mehren Jahren den Brunnen von Streu und Schutt bis auf zwanzig
Ellen reinigten, um Schätze zu suchen, sollen mit einer langen Stange,
die sie hinab stießen, keinen Grund gefunden haben. Andre Schatzgräber
gruben an andern Stellen eiserne Pfeile und Bolzen aus. Die Aussicht
von der Kuppe ist auf die nahen Felsenumgebungen beschränkt, da die
umliegenden Höhen den Blick in die Ferne hemmen. Wir steigen auf
demselben Wege hinab, welcher der einzige Zugang auf die Felsenplatte
ist, und westlich an der hohen Wand fortwandernd, erblicken wir
wieder viele Höhlen, worin man gleichfalls Spuren früherer Benutzung
bemerken kann. An der hintersten Seite, wo die Wände sich spalten und
viele eingehauene Falze sichtbar sind, will die Sage den Platz der
ehemahligen Burgkapelle finden. Einer der alten Burgherren, erzählt
die Ueberlieferung, entführte einst ein Fräulein von einem Schlosse in
der Umgegend, und ließ darauf einen Geistlichen mit Gewalt aus seiner
Wohnung in der Nachbarschaft hohlen und auf die Felsenburg bringen, der
ihn hier mit der geraubten Braut trauen mußte, und eine Zeitlang vest
gehalten wurde, um den Gottesdienst zu besorgen. Alles aber, was man
von dieser Felsenburg auf dem +Arnstein+ erzählt, gründet sich bloß auf
dürftige Ueberlieferung, die von den angegebenen Spuren ehemahliger
Ansiedelung nur schwach unterstützt wird, und es möchte wohl nicht
jeder in den Umrissen von drei Blättern mit einer dolchartigen Figur,
die man unten am Fuße der Felsenwand, wo ein Thor gestanden haben
soll, eingehauen sieht, gleich ein altes Wappen erkennen.[10] Bei
aller Unfruchtbarkeit der ältern Geschichte, ist es doch auffallend,
gar keine urkundlichen Spuren von den Burgen zu finden, womit man so
viele Felsen in diesem Gebirglande freigebig bebaut hat. Niemand wird
bei mehren derselben die frühere Bewohnung abläugnen wollen; selbst in
ältern Zeiten aber haben sie kaum lange zu Wohnsitzen, sondern wohl nur
als augenblickliche Zuflucht gedient, und leicht möchten sich in den
meisten Fällen alle Spuren ehemahliger Ansiedelung oder Bevestigung auf
die Zeit zurück führen lassen, wo während des dreißigjährigen Krieges
Flüchtlinge hier Rettung suchten. Aus diesem Umstande, aus dem Mangel
einer alten Geschichte, möchte denn auch der Mangel eigenthümlicher,
das Gebiet der Vorzeit sinnig schmückenden Ueberlieferungen zu erklären
sein. Die Sage wurzelt im Boden der Geschichte. Auch andre Reisende
haben, so viel wir wissen, vergebens nach solchen, +noch unter dem
Volke lebenden+ Sagen geforscht, womit die Fantasie, sollte man meinen,
die wunderbare Felsenwelt hier beleben müßte, wenn diese wirklich
einmahl belebt gewesen wäre. Alles der Art, was man eingesammelt
hat, ist entweder dürftig und ohne heimisches Leben, ohne örtliche
Eigenheit, oder aus neuerer Zeit, z. B. die anziehendste dieser Sagen,
die bekannte Erzählung von dem Ursprung des Nahmens +hohe Liebe+, wie
sie im Munde des Volkes lebt. Wer glücklicher im Sammeln sein sollte,
möge seinen Fund mittheilen.
Auch auf den gegenüber liegenden Felsen, den +Lorenzstein+, wo früher
ein alter Pfeil gefunden wurde, versetzt man eine Burg, deren Bewohner
mit den Rittern auf dem +Arnstein+ in langer Fehde gelebt haben sollen.
Die von dem Felsen getrennte Kuppe von gleicher Höhe, die rechts vom
Eingange sich erhebt, wird gleichfalls zum +Arnstein+ gerechnet, und
das Volk gibt diesen Nahmen der ganzen umliegenden Felsengruppe. Vom
+Arnstein+ führt ein, vor einigen Jahren gebahnter Pfad durch den
waldigen Wiesengrund, den der +Weißbach+ belebt, zu dem
Kleinstein,
in dessen hohen Wänden wir schon vom Thale aus, wo der Weg an seinem
Fuße hinläuft, eine scheinbar unbedeutende Oeffnung erblicken. Hinter
Felsenblöcken zieht sich der Weg auf den Gipfel, und wir treten in die
Oeffnung einer breiten Höhle, die sich zwischen zusammengeschobenen
Sandsteinfelsen spitzig wölbt, und oben einen schmalen Spalt hat. Die
Aussicht aus dem Eingange ist beschränkt, aber die Betrachtung des
wunderbaren Baues dieser Wölbung belohnt den Wanderer.
Wer nicht sogleich den Rückweg antreten will, kann an diese Wanderung
andere Reiselinien knüpfen. Den nächsten Ruheplatz bietet uns
+Saupsdorf+, nur eine halbe Stunde vom +Kleinstein+ entfernt, und von
hier würde man nach +Hinterhermsdorf+ gehen, wenn man die +obere
Schleuse+ an der +Kirnitsch+ besuchen wollte, die wir in der Folge
beschreiben werden. Wollen wir nach +Schandau+ zurückkehren, so
lassen wir uns, wenn geognostische Merkwürdigkeiten uns anziehen,
vom +Kleinstein+, am Abhange des +Hirschwaldes+ hin, durch das
+Kirnitschthal+ auf den +Heilenberg+ führen, aus dessen Sandsteinkuppen
in einem sehr beschränkten Umfange, regelmäßige Basaltsäulen, die
drei-, vier- und fünfseitig und oft 8 bis 10 Fuß lang sind, hervor
brechen, und zum Theil in großen Haufen umher liegen. Das Gestein
ist von grauschwarzer Farbe, und enthält häufig eingesprengte
Magneteisensandkörner, die sich darin rundlich und stark glänzend
zeigen, als ob sie geschmolzen wären. Auf dem Gipfel öffnen sich durch
einige Waldblößen Aussichten in die Nähe und Ferne. Am Fuße des Berges
sehen wir das Mundloch eines alten Stollns, deren man in der Umgegend,
wo früher auf Magneteisenstein gebaut wurde, noch mehre findet.
Sind wir durch das +Kirnitschthal+ hinaufgereiset, so werden wir den
Rückweg über +Ottendorf+, oder über die +Lichtenhainer+ Mühle (s. S.
90.) und die hohe Straße wählen. Wer früh von +Schandau+ aufgebrochen
ist, könnte seine Wanderung verlängern, und sich vom +Heilenberg+ über
die +drei Stege+ zum +Zeughause+ im +großen Zschand+ bringen lassen.
Von hier würde er entweder auf den nächsten Wegen durch +Dietrichs
Grund+ und das +Kirnitschthal+, oder auch am Fuße des +Falkensteins+
(s. S. 103.) nach +Schandau+ gehen, oder sich über den +Roßsteig+,
oder durch die anziehenden +Richters Schlüchte+ -- die wir künftig
besuchen werden -- auf den +großen Winterberg+ führen lassen und von
hier über +Schmilka+, wo die reizend liegende Mühle einen Ruheplatz
darbietet, zurück kehren.
[10] S. +Götzingers+ Schandau, S. 530.
VI. Reise in den großen Zschand, Hiekels Schlüchte, Richters Schlüchte,
und zurück über den Raubstein und Wildenstein.
Auch zu dieser Wanderung, wenn wir sie nicht an eine Verlängerung der
vorhergehenden Reiselinie knüpfen wollen, brauchen wir ungefähr 10
Stunden. Der Fahrweg in den +großen Zschand+ geht über +Ottendorf+;
den Fußweg über die +Lichtenhainer+ und +Keßlers+ Mühle haben wir auf
einer andern Wanderung (S. 104.) kennen gelernt. Wir wandern vom Bade
an der +Kirnitsch+ hinauf, bis sich, dem Fall des +Beuthenwassers+ (s.
S. 55.) gegenüber, der +Dietrichsgrund+ auf dem linken Ufer öffnet. Wir
folgen diesem Seitenthale, das die Felsen und Höhen durchschneidet,
und bis zum Fuße des +kleinen Winterberges+ sich fortzieht. Hat man
die früher (S. 56.) erwähnte +Höhle+ am +Wildenstein+, die wir auf dem
Rückwege sehen werden, von der +Heidemühle+ aus besucht, so kann man,
wenn man nicht gleich durch den +Habichtsgrund+ (s. S. 59.) weiter
gehen will, auch in den +Dietrichsgrund+ kommen. Aus diesem Thale führt
durch die +nasse Schlüchte+ ein Weg zu den beiden +Speichenhörnern+.
Die höchste dieser Felsengestalten, die wie Burgen empor ragen, heißt
das +vordere Raubschloß+, wo eine Burg gewesen sein soll. Man findet
auch auf dem Gipfel des schwer ersteiglichen Felsens manche Spuren
ehemahliger Bevestigungen und unter andern eine, wie es scheint,
durch Menschenhände erweiterte Höhle, die eine der größten in dieser
Felsengegend ist. Das +Bauerloch+, eine tiefe enge Felsenschlucht,
läuft zwischen dem +Speichenhorn+ und dem +langen Horn+, dessen Wände
in verschiedenen Absätzen sich aufthürmen, von welchen der obere, mit
dem untern nicht verbunden, auf Felsenstücken ruht, und von vielen
Höhlen durchbrochen ist. Von diesem merkwürdigen Felsenbau ist der nahe
+Affenstein+ durch eine Schlucht abgesondert.
Wir können durch das +Bauerloch+ auf einem steilen Pfade in den
+Dietrichsgrund+ zurück kehren, und gehen dann längs dem Fuße des
+kleinen Winterberges+ und unter dem +Raubstein+ weg durch die
+Wieselschlüchte+ in den
großen Zschand,
wo wir im +Zeughause+, einem königlichen Jagdgebäude, Obdach finden.
Das Felsengebiet östlich von +Schandau+ wird in seiner ganzen Breite
von diesem Thale durchschnitten, durch welches die Hauptstraße aus
dem, östlich von +Sebnitz+ liegenden Theil +Böhmens+ über +Ottendorf+
nach +Hirniskretschen+ führt. Auf beiden Seiten des Thales laufen
bis gegen das +Zeughaus+ hohe, in mannigfaltigen Gestalten empor
ragende Felsenwände, die bald mit jungem Gehölz bekleidet, bald mit
Moos, Farrenwedeln, oder wildem Efeu mahlerisch geschmückt, oft
auch von wildem Rosmarin umschlungen sind, dessen würziger Duft den
Wanderer an warmen Sommertagen erquickt. In der Nähe des +Zeughauses+
findet man Magneteisensand, womit der Boden in frühern Zeiten so
reichlich bedeckt war, daß man ihn im Anfange des vorigen Jahrhunderts
bergmännisch gewann. Die Gesellschaft, welche diesen Bau, zugleich
mit dem oben erwähnten Versuchbau am +Heilenberg+, betrieb, hieß die
Granatengewerkschaft, weil man den Eisensand Granaten nannte, und 1723
ward eine Münze von dem gewonnenen Metalle geprägt.
Auf beiden Seiten senken sich von den Höhen Felsenthäler in den +großen
Zschand+ hinab. Wir gehen zuerst längs der östlichen Wand hin, und
kommen in 3 Viertelstunden in
Hiekels Schlüchte,
die sich am Ende der +Thorwalder Wände+ öffnet. Wir steigen hinan
und stehen vor dem Eingange der merkwürdigen +großen Höhle+. Im
Hintergrunde dieser ungeheuren Wölbung quillt aus dem Felsen eine klare
Quelle, die sich erst in einem natürlichen Becken sammelt und dann in
einem verborgenen Abflusse sich verliert.
Wir gehen durch die Schlucht in den +Zschand+ zurück, und erreichen
nach einer Viertelstunde die, an der westlichen Wand des +Zschands+
sich öffnende +Webers Schlüchte+, die sich, von üppigem Pflanzenwuchse
begrünt, an den +Polischhörnern+ zwischen prächtig empor steigenden
Felsenwänden breit hinan zieht. Wer dem Zuge dieses Thales folgen
will, kann über den +Jordan+ (s. S. 64-65) bald zum +Prebischthor+
kommen, oder über den Schlüssel gerade nach +Hirniskretschen+ hinab
gehen. Wir kehren in den +Zschand+ zurück, und stehen bald vor dem
Eingange eines andern Felsenthales,