Unger

vor uns liegt, über dessen hohen Gipfel wir den Rückweg nach +Schandau+

machen wollen. Das Prachtgemählde, das hier vor unsern Blicken

aufgerollt liegt, steht an Umfang und Reichthum nur den Aussichten

vom großen +Winterberg+ und +Zschirnstein+ nach. Auf dem nächsten

Standpunkte gegen Mitternacht und Abend ist die Aussicht in die

Gegenden von +Dresden+, +Königsbrück+ und auf die Lausitzer Gebirge

jenseit +Stolpen+, zum Theil durch Bäume verdeckt. Auf der Morgenseite,

am Rande eines Kiefernwäldchens, auf einer mit Granitblöcken bedeckten

Erhöhung, überblicken wir eine Landschaft, welche die Gebirge von

+Zittau+ bis +Altenberg+ in blauer Ferne begränzen. Ueber +Sebnitz+ und

den +Buchberg+ hin, folgt unser Blick dem Bergzuge, den die +Lausche+

bei Zittau, der +Nestelberg+, der +Tanneberg+, der +Kaltenberg+, und

die +Kemnitzer Berge+ bilden. Hinter dem mahlerischen Felsenkranze

von +Hinterhermsdorf+ bis +Schandau+, woran das jenseitige Uferland

sich knüpft, blicken der +Rosenberg+, und aus blauerem Hintergrunde

der +Gräber+ und der +Göltsch+ hervor, und beginnen einen neuen

Gebirgrücken, über welchen wir das Schloß +Blankenstein+ bei Aussig

schimmern sehen. Vom +Schneeberg+ zieht sich eine Bergferne, wo wir das

böhmische Dorf +Schönewalde+, den +Sattelberg+, den +Geiersberg+, und

endlich den +Kahlenberg+ und +Geisingberg+ erblicken. Gehen wir durch

das Gebüsch auf die höchste offene Kuppe des Berges, so schließen sich

auch die östlichen Fernen an das unermeßliche Landschaftbild, und über

dem +Porzen+ sehen wir die +Tafelfichte+, das +Friedländergebirge+ und

einen matten Streif des +Riesengebirges+ dämmern.

Den Berg hinab steigend, kehren wir über +Ulbersdorf+ und +Altendorf+

auf dem bekannten Wege nach +Schandau+ zurück.

IV. Reise in die Felsengegenden, östlich von Schandau, auf die hohe

Liebe, zum Schrammstein, Reischenstein und Falkenstein.

Wir gehen über die +Ostrauer Scheibe+ (s. S. 51.) oder auf dem,

hinter dem Bade am linken Ufer der +Kirnitsch+ am Bergabhange

ansteigenden Wege zu dem Dorfe +Ostrau+. Auf dem Feldwege, im

Angesichte des prächtigen +Schrammsteins+ und des schroff emporragenden

+Falkensteins+, nähern wir uns dem Saume des Waldes, der den, mitten

aus wilden Felsenumgebungen sich erhebenden Berg,

die hohe Liebe

vom Fuße bis zum Gipfel deckt. In einer halben Stunde erreichen wir

auf einem bequemen, selbst fahrbaren Wege die Höhe, wo die steilere

nackte Felsenkuppe, die kaum 30 Schritte lang und äußerst schmal

ist, sich erhebt. Anmuth und Wildheit wechseln mannigfaltig in dem

Gemählde, das sich hier vor uns ausbreitet. Vom +Unger+ senkt sich ein

Bergzug, der sich gegen Abend über +Ostrau+ und +Altendorf+ bis in

das Thal verliert, wo bei heiterm Himmel selbst Dresden sichtbar ist.

Zwischen den Felsen von +Königstein+ und +Rathen+ blicken anmuthige

Landschaftbilder hervor, und ziehen sich im Elbthale hinab bis zu dem

Hintergrunde, den die blauen Höhen des Erzgebirges einschließen. Gegen

Mittag erblicken wir einen Theil des jenseitigen Elbufers, wo Dörfer

und heitere Feldfluren zwischen dunkeln Wäldern lachen, über welchen

der +Zschirnstein+ und +Schneeberg+ hervor ragen. Gegen Morgen blickt

die hohe Spitze des +Rosenberges+ über den Rücken des +Winterberges+,

an dessen Fuße von den +Speichenhörnern+ an, eine furchtbar wilde

Felsenwelt, durch finstere Waldschluchten verbunden, sich ausbreitet.

Am Fuße des Berges liegt eine, von hohen Felsen umschlossene Wildniß,

der +Gemsgarten+, wo man in früherer Zeit schweizerische Gemsen

einheimisch zu machen versuchte, die aber bald über die Felsen

entflohen, bis auf einen Bock, der sich noch lange hier aufhielt.

Wir steigen herab, und wandern, am Fuße des +Falkensteins+ hin, zum

+Zahngrund+, wo der +große Backofen+, ein überhangender, mit starken

Eisenadern durchzogener Sandsteinfelsen, uns anzieht. Der Weg theilt

sich bald in vier Arme, wovon der erste links zur +Heidemühle+ im

Kirnitschthale, der andere zum +Kuhstall+ und in den +großen Zschand+,

der dritte zum +vordern Winkel+ und der vierte durch das +Schrammthor+

nach +Schmilka+ bringt. Wie folgen dem dritten zum

Schrammstein,

einer schroffen Wand, die mit dem anstoßenden Einsprunge, welcher

der +vordere Winkel+ heißt, eine prächtige Felsengruppe bildet. Wie

die Trümmer einer zerstörten Burg, zieht sie sich zu einer, auf der

östlichen Seite angränzenden Wand, auf welcher ein einzelnes Felsenhorn

hervor ragt. Hinter dem +vordern Winkel+ läuft eine Schlucht,

durch welche man auf einem beschwerlichen Pfade die Höhe erreicht;

den +Schrammstein+ selbst aber kann man nur mittels hoher Leitern

ersteigen. Die niedrigern Wände, die von den aus- und einspringenden

Felsen den Nahmen der +drei Winkel+ führen, ziehen sich weiter

südöstlich. Ein steiler Waldweg führt zu dem +mittlern Winkel+, den man

auf eingehauenen Stufen ersteigt. Längs den Wänden des +Gemsgartens+,

und am +Buchhübel+ hin, kommen wir endlich zu dem +hintern Winkel+, wo

die Felsenwand abgeschnitten ist. Auf der Südseite dieser Wand bringt

uns ein schmaler Weg, die +Lehne+, an den Rand eines tiefen Abgrundes,

die +breite Kluft+ genannt. Sehen wir von dem Felsenzuge der +Winkel+

zurück, so kommen wir in die tiefe Kluft des +Falkenheger Grundes+, in

welchen sich ein steiler Pfad senkt, der nach +Schmilka+ hinab führt.

Ein Weg über eine sumpfige Waldebene, bringt uns vom +Falkenheger

Grund+ zu einer tiefen Schlucht, das +Heringsloch+ genannt, in welcher

die +heilige Stiege+ hinab geht, eine Felsentreppe, die gegen Morgen

auf einen, zum +kleinen Winterberg+ führenden Pfad stößt.

Aus dem +Heringsloch+ kommen wir in den +Reischengrund+, der von

ungeheuren Felsen eingeschlossen ist, die bald als kühne Mauern empor

ragen, bald in steilen Klippen aus den dunkeln Waldwipfeln hervor

schauen. Zwei hohe Wände, die sich gegen einander neigen, bilden eine

Wölbung, das +Reischenthor+ genannt, und alsbald stehen wir vor dem

Reischenstein,

oder +Reischenschloß+, einem mächtigen Felsenbau, der sich gegen 300

Fuß hoch erhebt, von Sträuchern begrünt, die aus den Spalten hervor

wachsen. In der Mittagseite führt ein Weg aufwärts, und wir stehen

bald vor einem Spalt, durch welchen wir auf die Höhe des Felsens

klimmen. Auch dieser Felsen war, wie mehre Spuren anzudeuten scheinen,

welche die Ueberlieferung bestätigen, vor Zeiten bewohnt, wenn auch

die Bevestigung nicht aus Mauerwerk, sondern nur aus einem hölzernen

Blockhause bestanden haben mag. Auf der Felsenhöhe öffnet sich uns

gegen Mittag eine reiche Aussicht, die von den Dörfern +Schönau+ und

+Reinhardsdorf+ auf dem jenseitigen Elbufer, über +Königstein+ bis

in die Gegend von Dresden reicht, während gegen Mitternacht und

Morgen eine Felsenwildniß aus der Tiefe herauf blickt. Sind wir vom

+Reischenstein+ herab gestiegen, so suchen wir an der Morgenseite

desselben einen günstigen Standpunkt zur Ansicht der Felsenwände

des +Reischengrundes+, welche, wie wir hier deutlich sehen, in drei

verschieden geschichteten Absätzen aufgethürmt sind. Ein starkes

fünffaches Echo macht diesen Standpunkt doppelt anziehend.

Vom +Reischenstein+ kommt man durch den Felsengrund, die +Gostge+, in

südlicher Richtung an die Elbe. Wir gehen aus diesem Thale rechts durch

den +langen Grund+ zu den +Bierwänden+, einer Felsenreihe, die mit den

+Winkeln+ und der Elbe in gleicher Richtung läuft. Die +Postelwitzer+

Steinbrüche (s. S. 52.) liegen unter diesen hohen, merkwürdig

geschichteten Wänden. Ein vorspringender mächtiger Felsenkegel,

der +Butterweck+, dient den Bewohnern des jenseitigen Elbufers als

Sonnenweiser, da seine Spalten und Ritzen ihnen die Tageszeit anzeigen.

Wie gehen in dem +langen Grunde+ hinab. Am Wege verweilen wir

bei einem großen Sandsteinblocke, der viele Vertiefungen, deren

Ränder meist von Eisen braun gefärbt sind, und auf der Nordseite

eingesprengte Eisennieren hat. Nach einem kurzen Wege erreichen wir die

+Schrammthorwände+, und steigen auf einem Seitenpfade auf den hohen

Rand über den Steinbrüchen, wo eine herrliche Aussicht ins Elbthal uns

überrascht. Wir gehen von hier durch das +Schrammthor+, einen schmalen

Durchgang zwischen hohen Wänden, und stehen bald vor dem

Falkenstein,

welcher, aus ungeheuren Schichten aufgethürmt und abgesondert von den

benachbarten Felsengestalten, empor steigt, und rings umgangen werden

kann. In einem Spalt finden wir Falze und Stufen, welche auf den Gipfel

führen, wo wir Jahrzahlen eingehauen finden, die andeuten, das auch

hier während des dreißigjährigen Kriegs Flüchtlinge Zuflucht gefunden

haben. Gegen Abend öffnet sich eine schöne Aussicht nach +Schandau+ und

+Königstein+.

Wir gehen von hier über +Ostrau+ an die +Kirnitsch+ hinab, oder

durch den +Zahngrund+ nach +Schandau+ zurück, wo wir, wenn wir bei

Tagesanbruch abgereiset sind, in den ersten Nachmittagstunden ankommen.

Vergißmeinnicht Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens · 第 26 / 44 题