Nach Neros Tode ward der spanische Statthalter +Galba+, der an der

Spitze der Empörung stand, zum Kaiser ausgerufen, ward aber in Kürze

durch +Otho+ gestürzt, wider den wieder der Befehlshaber der am

Rhein stehenden Legionen, +Vitellius+, sich erhob und in blutigem

Bürgerkriege obsiegte. Gegen Vitellius ward im Osten des Reiches der

Statthalter Syriens, +Flavius Vespasianus+, aufgestellt, und erst

diesem gelang es wieder eine dauernde Regierung herzustellen.

Vespasianus stand eben mit seinen Legionen in Palästina, wo er einen

furchtbaren Aufstand der Juden gegen den Druck der römischen Herrschaft

zu bekämpfen hatte. Die Juden wehrten sich als Verzweifelnde. So lag

sechs Wochen lang ein römisches Heer von 60000 Mann vor der Stadt

Jotápata in Galiläa, ehe es sie erobern konnte. Vierzigtausend Juden

verloren dabei ihr Leben. Neben dem Krieg gegen den äußeren Feind

wüteten furchtbare innere Zwistigkeiten unter den Juden selbst. In

Jerusalem hatte sich eine wütende Rotte, Zeloten (Eiferer) genannt,

vor welcher die Gemäßigten, die den Frieden wünschten, zitterten, der

Tempelburg bemächtigt und führte eine furchtbare Schreckensregierung.

Bald zerfielen auch die Zeloten in zwei Parteien, welche einander mit

der größten Heftigkeit bekämpften, weshalb Vespasianus den Angriff auf

Jerusalem verschob, weil er darauf rechnete, daß diese Wütenden selbst

einander aufreiben würden.

Als die Nachricht von Neros Tode und von den neuen Machthabern Roms

sich verbreitete, trugen die Statthalter der östlichen Provinzen

dem Vespasianus die Kaiserwürde an. Er nahm sie an und überließ die

Fortsetzung des Krieges seinem Sohne +Titus+.

Dieser rückte im Jahre 70 vor Jerusalem, wo die Zerrüttung und das

Elend den höchsten Grad erreicht hatten. Die drei Parteien machten

einander den Besitz der Stadt und des Tempels streitig, und taten

alles, um sich gegenseitig zu verderben. Indes war Jerusalem so

stark befestigt, daß es kaum mit Waffengewalt einnehmbar schien.

Titus bot den Eingeschlossenen Verzeihung an, aber sie wollten sich

durchaus nicht ergeben. Die Hungersnot stieg in der von Flüchtlingen

vollgedrängten Stadt so hoch, daß eine Mutter ihr Kind schlachtete und

aß. Als Titus das hörte, rief er mit Entsetzen über die Empörer aus:

„Sie allein tragen die Schuld dieses Frevels! Ich will den Greuel des

Kindesfraßes mit den Trümmern der Stadt bedecken; die Sonne soll nicht

mehr eine Stadt bescheinen, in der Mütter also sich nähren!“

Neben dem Hunger wüteten Seuchen in der unglücklichen Stadt. Die

Leichen wurden zu Tausenden über die Mauern geworfen. Nachdem die Römer

den äußeren Mauerring erstürmt hatten, richtete sich ihre ganze Macht

gegen den Tempel, der von einem Haufen todesmutiger Männer auf das

tapferste verteidigt wurde. Aber dem unaufhaltsam vordringenden Angriff

erlagen alle Widerstände. Mauer auf Mauer warfen die Sturmwidder der

Römer nieder und erreichten endlich die den Tempel umgebenden Hallen.

Titus wünschte dies Prachtgebäude zu erhalten, aber umsonst. Die Juden

glaubten, ihr Tempel könne gar nicht erobert werden, Gott selber müsse

ihn beschützen. Aber die römischen Soldaten warfen Feuer hinein,

und bald bedeckte ein Flammenmeer den gewaltigen Bau. Es folgte ein

allgemeines Blutbad, wobei weder Alter noch Geschlecht noch Stand

geschont ward. Tausende fanden ihren Tod in den Flammen oder durch

Absturz von den Mauern. Die obere Stadt ward erst mehrere Wochen später

eingenommen, worauf Titus alles, was von Gebäuden noch stand, vollends

der Erde gleichmachen ließ. Mehr als eine Million Juden sollen in

diesem Vernichtungskriege ums Leben gekommen sein. Als Titus seinen

Einzug in die rauchenden Trümmer der Stadt hielt, brach er in die Worte

aus: „Wahrhaftig, mit Gott haben wir gesiegt! Gott hat die Juden aus

diesen Bollwerken vertrieben, denn was vermöchten Menschenhände und

Brechwerkzeuge gegen solche Steinmassen?“

Also ward das Wort Christi über Jerusalem erfüllt (Luk. 19, 44): „Sie

werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen.“

Noch zwei Jahre währten die Todeszuckungen des zertretenen Volkes, und

erst im Jahre 72 war die völlige Bezwingung Judäas erreicht. Damit

verloren die Juden ihren nationalen Mittelpunkt und den letzten Rest

einer politischen Vereinigung, und es vollendete sich ihre Zerstreuung

in alle Welt und unter alle Völker.

* * * * *

Unterdessen war Vespasianus in Rom mit der kaiserlichen Macht bekleidet

worden und feierte im folgenden Jahre mit seinem Sohne Titus, den er

zum Mitregenten erhoben hatte, einen glänzenden Triumph wegen der

Beendigung des jüdischen Krieges. Noch steht im ganzen wohlerhalten

der prachtvolle, innen und außen mit reichem Bildwerk geschmückte

Triumphbogen, der nach dem Tode des Kaisers an der sogenannten

„heiligen Straße“ (~via sacra~), nahe dem Forum, errichtet wurde.

Mit Vespasianus kehrte wieder Ordnung und Gesetz in das zerrüttete

römische Reich zurück. Er stellte die verfallene Kriegszucht bei den

Heeren wieder her; er reinigte den Senat von unwürdigen Mitgliedern

und ersetzte sie durch würdige Männer aus den Provinzen des Reiches.

Er beschränkte die Anklagen wegen beleidigter Majestät, die unter

seinen Vorgängern so vielen das Leben gekostet hatten, und füllte durch

Sparsamkeit und weise Verwaltung die gänzlich erschöpfte Staatskasse.

Unter den neuen Steuern, die er einführte, befand sich auch eine, die

er auf die Urinfässer legte, welche die Tuchwalker bei ihrem Gewerbe

gebrauchten. Als sich sein Sohn Titus darüber abfällig äußerte, hielt

er ihm ein aus dieser Steuer herrührendes Geldstück unter die Nase

und fragte ihn, ob es übel rieche. An seinem Hofe herrschte eine

soldatische Einfachheit, was nicht ohne einen günstigen Einfluß auf die

durch Luxus und Schwelgerei entartete römische Gesellschaft blieb.

Auch verschönerte er Rom durch den Wiederaufbau des im Bürgerkriege

niedergebrannten Capitoliums und der noch seit dem Neronischen

Brande in Asche liegenden Stadtviertel. Außerdem ließ er an Stelle

des Neronischen Goldenen Hauses einen Tempel der Friedensgöttin, den

größten und prächtigsten Roms, bauen, und ein ungeheures Amphitheater,

in dem 87000 Menschen Raum fanden. Hier wurden jährlich die blutigen

Gladiatorengefechte und Tierhetzen vorgeführt, an deren Anblick sich

das Volk nicht ersättigen konnte. Durch unterirdische Kanäle konnte

Wasser eingelassen werden, das den ganzen Bodenraum in einen See

verwandelte, worin Schiffsgefechte aufgeführt wurden. Noch jetzt

machen die hochragenden Überreste dieses Riesenbaues, das den Namen

Kolosséum führt, auf den Beschauer einen gewaltigen Eindruck. Bei den

Einweihungsspielen wurden 5000 wilde Tiere erlegt. Es war dies der Ort,

in welchem später Tausende von christlichen Märtyrern unter den Zähnen

der wilden Tiere verbluten mußten.

Dieser für das Reich so wohltätige Fürst starb als ein siebzigjähriger

Greis (79). Als er zum ersten Male in seinem Leben erkrankte und den

Tod herannahen fühlte, sprang er mit den Worten: „Ein Imperator muß

stehend sterben!“ vom Lager auf und sank tot um.

* * * * *

Er hinterließ die Herrschaft seinem Sohne Flavius Vespasianus +Titus+,

den er schon längst zum Mitregenten angenommen hatte. Wegen seiner

unordentlichen Lebensart und Neigung zur Grausamkeit hegte man von

ihm keine günstigen Hoffnungen, aber als Kaiser erschien er wie

umgewandelt und offenbarte das edelste und wohlwollendste Gemüt. Als

er sich einst bei der Mahlzeit erinnerte, daß er an dem ganzen Tage

niemanden eine Wohltat erwiesen hatte, rief er aus: „Freunde, ich

habe einen Tag verloren!“ Oft sagte er, von seinem Fürsten dürfte

niemand traurig weggehen. Den Regierungsgeschäften widmete er sich

mit der größten Gewissenhaftigkeit, behandelte jeden mit Milde und

Güte, selbst seine Feinde mit Großmut, und suchte die Leiden der

Menschheit durch Wohltätigkeit zu lindern, sodaß ihn das Volk die

Liebe und Wonne des Menschengeschlechts nannte. Seine kurze Regierung

gab ihm Gelegenheit genug, seine Freude am Wohltun in reichem Maße zu

offenbaren. Eine schreckliche Feuersbrunst wütete drei Tage lang in

Rom; eine verheerende Pest raffte Tausende hin. Furchtbarer noch war

der ganz unerwartete +Ausbruch des Vesuvs+. Bis fast zum Gipfel reich

angebaut, begann dieser Berg damals zum ersten Male und ganz plötzlich

die in ihm schlummernden vulkanischen Kräfte zu offenbaren. Am Mittag

des 24. August 79, unter gleichzeitigem Erdbeben und heftiger Bewegung

des nahen Meeres, erhob sich eine himmelhohe pinienförmige Rauch- und

Feuersäule, welche alles Land meilenweit mit einer mehrere Meter hohen

Schicht von kleinen Bimssteinen und dann mit einer noch höheren von

nasser Asche bedeckte. Mehrere Tage dauerte dieser Aschenregen, der

die Luft mit erstickendem Qualm erfüllte und den Tag in tiefe Nacht

verwandelte. Feurige Lavaströme brachen aus den Seiten des Berges und

erhöhten das Entsetzen des Volkes. Drei blühende Städte am Meerbusen,

Herculanum, Pompeji und Stabiä, wurden gänzlich verschüttet.

Viele tausend Menschen verloren Gut und Leben. Unter den Toten war

der Befehlshaber der Flotte im Hafen von Misēnum, der gelehrte

Naturforscher +Plinius+, der das unerhörte Ereignis in der Nähe schauen

wollte. Sein Neffe, Plinius der Jüngere, hat in Briefen an seinen

Freund, den Geschichtschreiber Tacitus, den ganzen Vorgang geschildert.

Am 24. August, erzählt er, erhob sich plötzlich ein Geschrei, es

steige aus dem Berge Vesuv eine ganz ungewöhnliche, fürchterliche

Wolke auf. Der unerschrockene Oheim wollte ein so merkwürdiges

Ereignis in größerer Nähe beobachten, bestieg ein Schiff und eilte

der Gefahr entgegen. Schon auf dem Meere erreichte ihn fallende Asche

und Bimsstein; der Steuermann bat ihn umzukehren. Vergebens. „Mit dem

Tapfern ist das Glück!“ rief er und ließ sich nach Stabiä bringen,

wo er die Nacht hindurch ruhig schlief, während die Flammen aus dem

Vesuv hervorbrachen und alles, was fliehen konnte, floh. Am Morgen

aber entstand die Besorgnis, daß der stärker strömende Aschenregen

zuletzt den Ausgang aus der Stadt versperren, oder die von dem heftigen

Erdbeben schwankenden Mauern einstürzen möchten. So zog man denn

hinaus, auf das Meer zu, welches fürchterlich tobte. Eine stockfinstere

Nacht überall, nur von den Fackeln, welche die Sklaven trugen, und

den Flammen des Berges erhellt. Da sank Plinius plötzlich tot nieder.

Er war von den bösen Dämpfen erstickt; seinen Leichnam fand man erst

am dritten Tage, denn so lange dauerte die Finsternis. Sein Neffe war

indes in Misenum geblieben, bis auch dort das entsetzliche Erdbeben

die Gebäude zu verlassen zwang. Eine Menge Volks zog aus; da wandelte

sich auch hier in so weiter Entfernung der Tag in Nacht, und die Asche

begann zu stäuben. Das Rufen, das Geschrei und Gejammer der auf dem

Felde umhertappenden, die Ihrigen suchenden Menschen war schrecklich.

Endlich, als der lange und schwere Aschenregen nachließ, und die Sonne,

wiewohl mit fahlem Scheine, wieder hervortrat, boten die Gegenstände

umher den traurigsten Anblick dar; der Boden war hoch mit Asche wie

mit Schnee bedeckt. -- Aus dem, was bei Misenum geschah, kann man

sich ungefähr vorstellen, wie die dem schrecklichen Ausbruch so viel

näheren Städte Pompeji und Stabiä unter der Asche, Herculanum unter

den Lavaströmen verschüttet wurden und gänzlich verschwanden. Erst

seit der Mitte des 18. Jahrhunderts sind ihre Reste teilweise wieder

aufgedeckt und zugänglich gemacht worden.

Titus, der Rom auch durch ein herrliches Werk der Baukunst, die nach

ihm genannten Thermen (allem Volk zugänglichen Bäder), zierte, regierte

zum Unglück für das Reich nur zwei Jahre und drei Monate. Er starb

kinderlos nach kurzer Krankheit (81).

Sein Bruder +Domitianus+, der ihm in der Herrschaft folgte, schien

anfangs die Regierungsweise seiner beiden Vorgänger fortsetzen

zu wollen, bis allmählich die übermäßige Vorstellung von seiner

persönlichen Bedeutung, mit der er schon dem Vater lästig und dem

Bruder feindselig gewesen war, in eine Art Herrscherwahnsinn ausartete,

und seine Regierung für alle gefährlich machte, welche seine Eifersucht

oder seinen Argwohn weckten. Die Zeiten Caligulas und Neros schienen

sich zu erneuern. Endlich bildete sich unter den Freigelassenen, seinen

Günstlingen, welchen er die Verwaltung der Staatsgeschäfte anvertraut

hatte, und Mitgliedern des Senates, die alle in steter Furcht für ihr

Leben standen, eine Verschwörung, die ihm ein blutiges Ende bereitete

(96). Selbst seine Gemahlin Domitia half den Wüterich zu beseitigen.

Mit ihm erlosch die Dynastie der Flavier. Das Reich aber hatte unter

ihm, wenn auch ohne sein Verdienst, eine ansehnliche Erweiterung

erfahren. Die +Eroberung Britanniens+, die schon von Cäsar eingeleitet,

aber erst unter Kaiser Claudius ernstlich begonnen war, wurde im Jahre

85, trotz des langen und heldenmütigen Widerstandes der Britanner,

durch Julius Agricola, den Schwiegervater des Geschichtschreibers

Tacitus, vollendet.

XXXIV.

=Die glücklichste Periode der römischen Kaiserherrschaft: Nerva,

Trajanus, Hadrianus und die beiden Antonine= (96-180).

Auf die Flavier folgte, während einer fast hundertjährigen Zeitdauer,

eine stetige Reihe trefflicher Fürsten, unter denen die Bewohner des

Reiches sich einer einsichtigen und gerechten Verwaltung, ungestörten

inneren Friedens und zunehmenden Wohlstandes erfreuten, sodaß man

diesen Zeitraum das goldene Zeitalter des römischen Reiches genannt hat.

Zunächst wurde der alte würdige Senator Coccejus +Nerva+ auf den Thron

erhoben (96-98). Er gab dem Senat den ihm gebührenden Anteil an der

Regierung zurück, bemühte sich durch Milde und Gerechtigkeit, den

Leiden und Klagen der armen Bevölkerung abzuhelfen, den zerrütteten

Staatshaushalt zu ordnen, erleichterte die Abgaben und ließ arme Kinder

auf öffentliche Kosten erziehen. Da er aber fühlte, daß ihm, dem

Übermut und den Ansprüchen der Leibgarden gegenüber, die nötige Kraft

fehlte, so adoptierte er den kriegserprobten Statthalter des oberen

Germaniens, +Ulpius Trajanus+, einen in Spanien geborenen römischen

Bürger, und ernannte ihn zu seinem Mitregenten. Er starb einige Monate

nach dieser Wahl, worauf ihm Trajanus als Alleinherrscher folgte

(98-117).

Durch seine Kraft und Milde, Güte und Bescheidenheit, Einsicht und

Gerechtigkeit erwarb er sich die Liebe und Bewunderung der römischen

Welt in dem Grade, daß ihm der Senat den Beinamen der „Beste“ erteilte,

und noch nach zweihundert Jahren die neugewählten Kaiser den Thron

unter dem Glückwunsch bestiegen: „Sei glücklicher als Augustus und

besser als Trajanus!“ Alle Tugenden, die den Herrscher, Feldherrn und

Menschen zieren, übte er in gleichem Maße. Die Majestätsprozesse hörten

auf; der Senat erhielt Freiheit der Beratungen. Der Kaiser selbst

unterwarf sich den Gesetzen und förderte dadurch auch in allen Bürgern

die Achtung vor Gesetz und Recht. Jedem Bürger gestattete er freien

Zutritt; die Provinzen beschützte er vor Bedrückung der Beamten; die

Armen unterstützte er, indem er in allen Teilen Italiens arme Kinder

auf Kosten des Staates erziehen ließ. Das Christentum aber, in dem der

heidnische Römer nichts anderes als einen jüdischen Aberglauben sah und

verachtete, suchte dieser beste der Kaiser planmäßig zu unterdrücken.

Wenn er auch geheime Anklagen und Verfolgungen der Christen nicht

gestattete, so befahl er doch die gesetzmäßig angeklagten und

überführten, wenn sie nicht widerrufen wollten, hinzurichten.

Auch glänzende Kriegstaten und eine erhebliche Ausdehnung des Reichs

sind mit dem Namen dieses Kaisers verknüpft. Zur Sicherung der Provinz

Moesia an der unteren Donau unternahm er einen Kriegszug gegen das

unruhige Volk der +Daken+ am jenseitigen linken Ufer des Stromes (im

heutigen Rumänien und Siebenbürgen), deren König +Decébalus+ dem

römischen Reiche unter Domitianus gegen die jährliche Zahlung eines

Tributes Frieden gewährt hatte. Trajanus befreite Rom von dieser

schmählichen Abgabe; Decebalus mußte seine Hauptstadt erobert, seine

Festungen geschleift und einen Teil seines Landes von den Römern

besetzt sehen (103). Als er sich dann, dem Friedensvertrage zuwider,

heimlich mit Nachbarvölkern gegen die Römer verband, zog Trajanus zum

zweiten Mal gegen die Daken. Zu diesem Zwecke baute er, in der Nähe der

heutigen Stadt Czernetz in der Walachei, über die Donau eine steinerne

Brücke, die aus 20 steinernen Pfeilern ruhte und 2500 Fuß lang war.

Dann drang er tief in das Land der Feinde und bedrängte den Decebalus

so, daß dieser sich selbst das Leben nahm (106). Sein Land ward

römische Provinz (~Dacia~) und nahm bald römische Sprache und Art so

gründlich an, daß noch der Name und die Sprache der heutigen Rumänier

davon zeugen.

Seine Siege über die Daken feierte Trajanus durch glänzende Triumphe

und Festspiele, bei denen an 123 Tagen 11000 wilde Tiere getötet

wurden. Das Andenken daran erhält noch heute die Trajanssäule in Rom.

Sie erhebt sich auf dem vormals mit Säulenhallen umgebenen Platze des

Trajanischen Forums, ist 117 Fuß hoch und aus hohlen Zylindern von

weißem Marmor zusammengesetzt, welche einen unten 11, oben 10 Fuß

starken Schaft bilden, an dessen Außenfläche Trajans Kriegstaten mit

etwa 2500 menschlichen Figuren dargestellt sind. Die Säule, unter

der sich des Kaisers Grabkammer befand, ist innen hohl, und 184

Stufen führen auf ihre Spitze, auf welcher eine 22 Fuß hohe eherne

Bildsäule Trajans stand, die aber im Laufe der Zeit zerstört und im 16.

Jahrhundert durch die Bildsäule des Apostels Petrus ersetzt worden ist.

Da die +Parther+ die Grenze des römischen Reiches im Osten

beunruhigten, so unternahm Trajanus auch einen Feldzug in die

Morgenländer. Er unterwarf Armenien, Mesopotamien und Assyrien und

machte diese Länder zu römischen Provinzen, deren Besitz jedoch von

nur kurzer Dauer war. Mit einer Flotte fuhr er den Tigris hinab in den

persischen Meerbusen und war schon nahe seinem Ziele, der Herstellung

des Reiches Alexanders des Großen. Das Reich der Parther machte er,

unter einem einheimischen, von ihm eingesetzten Fürsten, abhängig

von Rom. Aber diese Eroberungen waren nicht von Bestand. Die Parther

setzten ihren vertriebenen König wieder ein, und bevor er den Aufstand

bezwingen konnte, starb Trajanus zu Selinus in Cilicien, das ihm

zu Ehren Trajanopolis genannt ward. Seine Gebeine wurden nach Rom

geschafft und unter der Trajanssäule beigesetzt.

Nach seinem Tode ließ sich T. Aelius +Hadrianus+, der vom sterbenden

Trajan als Sohn angenommene Befehlshaber des Heeres und Statthalter

von Syrien, sogleich von dem Heere zum Kaiser ausrufen, und der Senat

bestätigte ihn in dieser Würde. Er war ein sehr gebildeter Mann und

mit einem so außerordentlichen Gedächtnis begabt, daß er schon in

seinem fünfzehnten Jahre die griechische Sprache so vollkommen wie ein

Grieche sprach und jedes einmal gelesene Buch fast auswendig wußte.

Als Kaiser wandte er den inneren Angelegenheiten seines Reiches die

größte Sorgfalt zu. Er bereiste selbst fast alle Provinzen seines

weiten Reiches, und zwar meistenteils zu Fuß, „denn ein Kaiser,“ sagte

er, „muß wie die Sonne alle Teile seines Reiches beleuchten“. Auch die

Literatur und die bildenden Künste gediehen unter ihm zu einer Art von

Nachblüte. Von den zahlreichen Bauwerken, die er in allen Provinzen

errichten ließ, verdient das sogenannte Mausoléum oder Grabmal des

Hadrianus Erwähnung, das jetzt die Engelsburg heißt. Außer seinen

glänzenden Eigenschaften besaß er aber auch grobe Fehler, und besonders

waren Neid und Argwohn hervorstechende Züge seines Charakters, die ihn

zuweilen zu grausamen Handlungen verleiteten. Er regierte von 117 bis

138.

Es folgte ihm sein Adoptivsohn +T. Aelius Hadrianus Antoninus+

(138-161). Die kindliche Ehrfurcht, mit der er das Andenken seines

Vorgängers in Ehren hielt, erwarb ihm den Beinamen +Pius+. Er regierte

wie ein zweiter Numa, den er sich auch zum Muster genommen haben soll.

Von ihm, den seine Zeit mit Recht den Vater der Menschen genannt, hat

die Geschichte keine Kriegstaten, sondern nur wohltätige Einrichtungen

zu melden. Selbst die unter früheren Kaisern verfolgten Christen

konnten unter ihm ein ruhiges Leben führen. Er pflegte zu sagen: „Ich

will lieber das Leben eines einzigen Bürgers erhalten, als tausend

Feinde töten!“

+Marcus Aurelius+ Antoninus, in Spanien geboren, war von Antonius

Pius zusammen mit dessen zweitem Adoptivsohn zum Nachfolger ernannt

worden. Mit edlen Anlagen des Geistes und Herzens begabt, hatten

ihn ausgezeichnete Lehrer schon früh in die Lehren der griechischen

Weisheit eingeführt, die auf seine Regierung von großem Einfluß

wurden. Mit der ganzen sittlichen Kraft, die er aus der Beschäftigung

mit dieser Weisheit schöpfen konnte, bestand er die mannigfachen

Stürme, die während seiner neunzehnjährigen Regierung (161-180)

über ihn und sein Reich kamen. Er sorgte für Recht und Gesetze und

beobachtete eine weise Sparsamkeit in der Verwaltung. Besonders lag

ihm die Besserung der Sitten am Herzen. In den Christen aber sah er

eine staatsgefährliche Partei und ließ sie besonders in Kleinasien

und Gallien grausam verfolgen. Seine Milde und Wohltätigkeit zeigte

er, als Rom von einer Überschwemmung und Hungersnot heimgesucht ward.

Zu derselben Zeit wurde das Reich durch die Einfälle der Germanen

und Parther im Norden und Osten beunruhigt. Am furchtbarsten war der

schwere und langwierige Krieg gegen die germanischen +Markomannen+

(166-190), der das römische Reich an den Rand des Untergangs brachte

und die Römerwelt in eine solche Angst versetzte, daß einer auf dem

Markte zu Rom den Untergang des Erdballes verkündete. Alle Donauvölker

erhoben sich wie in einem Bunde vereinigt, darunter besonders die

Markomannen (in Böhmen) und Quaden (in Mähren und Ungarn), stürmten

über die Donau in die römischen Provinzen und schleppten unter

furchtbaren Verheerungen ganze Bevölkerungen hinweg. Zu diesem Unglück

kam noch die Pest, welche die Legionen aus Asien mitbrachten und die

nun auch Italien und andere westliche Provinzen verheerte. Zwar zog

Marcus Aurelius gegen die Quaden und schlug sie mehrmals, feierte

auch zu Rom einen Triumph, aber die Markomannen und ihre Verbündeten

brachen immer wieder los und nötigten den Kaiser zu neuen Feldzügen.

Um die Mittel dazu aufzubringen, verkaufte er seine Kostbarkeiten und

Kunstschätze, bewaffnete Sklaven und Sträflinge, und nahm sogar zur

Wahrsagerei seine Zuflucht. Auf den Rat eines ägyptischen Wahrsagers

ließ er zwei Löwen über die Donau treiben, um die Barbaren durch diesen

Anblick zu erschrecken. Allein die Germanen hielten die Löwen für große

Hunde und schlugen sie mit Prügeln tot. In einer bald darauf folgenden

Schlacht töteten sie 20000 Römer.

Auf einem seiner Feldzüge stand der Kaiser mit seinem Heere diesseits

der Gran, eines Nebenflusses der Donau in Ungarn, in einer wasserlosen

Gegend, rings von Feinden eingeschlossen. Er und alle die Seinen waren

dem Verschmachten nahe, als plötzlich ein Gewitter mit Regengüssen

erfolgte und die Erschöpften, die den Regen in ihren Schildern

auffingen, erfrischte. Nach einer christlichen Legende war der

Gewitterregen eine Folge des Gebets der zwölften Legion, die meist aus

Christen bestand, während römische Berichte ihn dem Gebete des Kaisers

zuschrieben. Es war dem Kaiser nicht vergönnt, den Krieg gegen die

Markomannen und Quaden zu beendigen. Er starb zu Vindóbona (Wien).

Sein unwürdiger Sohn +Commodus+ (180-192) erkaufte von ihnen einen

schimpflichen Frieden.

XXXV.

Bis zum Ausgange des weströmischen Reiches (180-476).

Mit Marcus Aurelius schließt die Reihe der guten Kaiser. Zwar folgte

noch eine große Anzahl von Imperatoren nach ihm, von denen aber nur

sehr wenige verdienen hier erwähnt zu werden. Die innere Zerrüttung des

Reiches, der Verfall der Sitten, die Schwäche nach außen nahmen immer

mehr zu, und es zeigte sich in jeder Beziehung, daß die +römische Welt

sich ausgelebt hatte+. Ein anderes Volk war berufen an ihre Stelle zu

treten, das morsche Gebäude des römischen Reiches zu zertrümmern und

Träger des Christentums zu werden. Dieses Volk waren die +Germanen+.

Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form · 第 20 / 21 段