Nachdem Germanicus den Übergang über die Weser bewerkstelligt hatte,

traf er auf die vereinigte Macht der Germanen und brachte ihnen in

einer Ebene, +Idistavisus+ (Feenwiese?) genannt, oberhalb der heutigen

Stadt Minden, unter eigenem schweren Verlust, eine Niederlage bei.

Allein der Mut und die Kraft der Germanen war dadurch nicht gebrochen.

Empört über den Anblick der römischen Siegeszeichen, stand alles Volk

ringsum auf; hoch und niedrig, jung und alt griff zu den Waffen, und

so kam es zu einer zweiten Schlacht am Steinhudermeer. Furchtbar

wütete hier das Schwert der Römer; aber auch die Germanen fochten mit

dem Mut der Verzweiflung; Arminius selber ward verwundet. Daß sie

gewichen wären, wird nicht berichtet, obschon die Römer sich den Sieg

zuschrieben.

Schon gedachte Germanicus im folgenden Jahre doch noch die stolzen

Cherusker zu demütigen, als ihn Tiberius, nicht etwa aus Neid auf

seinen Kriegsruhm, wie die Gegner des Kaisers raunten, sondern aus

der Überzeugung von der Erfolglosigkeit dieser Unternehmungen, vom

Oberbefehl abrief, mit der Bemerkung, es sei genug getan und gelitten,

mit Klugheit richte man gegen diese Feinde mehr aus als mit Gewalt, man

werde sie fortan besser ihrer eigenen Zwietracht überlassen.

Und in der Tat brach die Uneinigkeit derselben bald in einen offenen

Krieg zwischen Arminius und Marbod aus.

Der Markomannenkönig +Marbod+ hatte sein Volk in das heutige Böhmen

geführt und von hier aus einen Bund mit den anwohnenden Stämmen

gebildet, den er noch immer weiter auszudehnen suchte. Zwischen ihm,

der sich stets von der gemeinsamen Sache der germanischen Freiheit

ferngehalten hatte, und Arminius, der an der Spitze der nordwestlichen

Völker stand, entstand Feindschaft. Es kam zu einer Schlacht, die

unentschieden blieb; aber dennoch bat Marbod den römischen Kaiser

Tiberius um Hilfe, der dann einen Frieden zwischen Cheruskern und

Markomannen zustande bringen ließ. Aber nicht lange, so wußte der

schlaue Tiberius einen gotischen Fürsten zu einem Einfall in das Land

der Markomannen aufzumuntern, der für Marbod so unglücklich endete,

daß er, von allen verlassen, über die Donau fliehen und den Kaiser um

eine Zuflucht bitten mußte. Die Stadt Ravenna wurde ihm als Aufenthalt

angewiesen; dort lebte er noch achtzehn Jahre vom römischen Gnadenbrot

und beschloß sein Leben als ein vergessener Mann.

Nicht lange nachher wurde auch Arminius ein Opfer der inneren

Zwietracht. Er fiel durch den Verrat seiner Verwandten, die,

eifersüchtig auf seinen Ruhm, ihm Streben nach Alleinherrschaft

vorwarfen.

Von ihm urteilt der römische Geschichtsschreiber Tacitus: „Ohne Zweifel

ist er der Befreier Germaniens gewesen. Er hat nicht, wie andere Könige

und Feldherren, das römische Volk in seinen Anfängen, sondern in

seiner ganzen Machtherrlichkeit bekämpft, und ist zwar in Schlachten

nicht immer sieghaft, im Kriege aber unbesiegt gewesen. Er starb im

37. Jahre seines Lebens, im zwölften seiner Feldherrnmacht. Noch

heute wird er bei seinem Volke in Liedern gefeiert.“ Ein kolossales

ehernes Standbild, auf der Höhe der „Grotenburg“, südlich der Stadt

Detmold, im Jahre 1875 in Gegenwart Kaiser Wilhelms I. eingeweiht, ist

ein Zeichen, daß sein Andenken und sein Verdienst um die Erhaltung

deutscher Freiheit und deutscher Stammesart noch heute vom deutschen

Volke dankbar verehrt wird.

XXX.

Kaiser Tiberius.

(14-37 n. Chr.)

Augustus hatte dem Tiberius die Nachfolge gesichert. Als sich der Senat

beeilte ihm die Herrschaft zu übertragen, weigerte er sich anfangs

sie zu übernehmen, und lehnte mit anscheinender Bescheidenheit und

Höflichkeit die dargebotenen Würden ab. Aber die Senatoren, welche die

heuchlerische und versteckte Art seines Wesens und Redens kannten,

ließen mit Bitten und Schmeicheleien nicht ab, bis er die Herrschaft

übernahm. Nachdem die Vergötterung des Augustus, kraft welcher dieser

den Beinamen „der Göttliche“ (~Divus~) erhielt, den oberen Göttern

zugezählt und in eigenen Tempeln und durch eigene Priester verehrt

ward, stattgefunden hatte, ward die Fülle aller Würden und Ehren, die

jener besessen, auf den Tiberius übertragen. Unter ihm fielen die

Volksversammlungen, die unter Augustus nur selten und bloß zum Schein

berufen worden waren, völlig weg; ihre Befugnisse wurden dem Senate

zugewiesen.

Tiberius führte die Regierung mit Kraft und Umsicht, und die ersten

neun Jahre derselben verdienen volle Anerkennung; nur seiner

Familie und dem Senate gegenüber zeigte er ein argwöhnisches und

zurückhaltendes Wesen. Darin mochte ihn, außer früheren verbitternden

Erfahrungen -- er hatte sich auf Augustus’ Verlangen von seiner

geliebten Vipsania, Agrippas Tochter, scheiden und die lasterhafte

Julia, des Kaisers Tochter und Agrippas Witwe heiraten müssen -- die

heimliche Anfeindung bestärken, die er von den Anhängern des Germanicus

und dessen stolzen und ehrgeizigen Gemahlin Agrippina erfuhr. Diese

war als Tochter der Julia eine Enkelin, Germanicus, durch seine Mutter

Antonia und Großmutter Octavia ein Großneffe des Augustus. Beide sahen

den Tiberius als Eindringling in die ihnen gebührenden Thronrechte

an. Zwar hatte dieser seinen Neffen Germanicus auf Wunsch des alten

Kaisers als Sohn adoptiert und ihm dadurch die Nachfolge gesichert.

Auch behandelte er ihn mit großer Nachsicht und Schonung. So hatte er

ihn zwar aus Germanien abberufen, weil seine eigenmächtigen Feldzüge

gegen die Deutschen ohne alle bleibenden Folgen waren, hatte ihm aber

doch einen glänzenden Triumph bewahrt, bei welchem des Arminius Gattin

Thusnelda mit ihrem dreijährigen Söhnlein mit aufgeführt ward. Da sich

aber die Vorliebe des Volkes für den Germanicus zu deutlich kundgab,

so suchte ihn der argwöhnische Tiberius aus den Augen des Volkes zu

entfernen. Zu diesem Zweck übergab er ihm den Oberbefehl in Asien, um

dort die gestörte Ruhe wieder herzustellen. Daneben beauftragte er

den Calpurnius Piso mit der Statthalterschaft von Syrien, der dort,

angeblich den geheimen Weisungen des Kaisers gemäß, den Befehlen des

Germanicus stets zuwiderhandelte. Dieser reiste daher nach Syrien

und bestrafte den ungehorsamen Piso mit Verweis und Entfernung. Als

er gleich darauf in schweres Siechtum fiel, entstand der Verdacht,

daß er durch Pisos und vielleicht sogar auf des Kaisers Anstiften

ein zehrendes Gift getrunken habe. Seine Gattin Agrippina teilte und

verbreitete diesen Verdacht. In ihren Armen starb Germanicus, fern

von Rom, im Jahre 19 v. Chr. Ganz Italien wurde bei dieser Nachricht

mit Trauer erfüllt, und die mit der Asche ihres Gatten zurückkehrende

Agrippina zu Rom vom Volke mit der größten Teilnahme empfangen. Piso

wurde zur Verantwortung gezogen, aber noch vor der Entscheidung seiner

Sache ward er eines Morgens, von einem Schwert durchbohrt, auf dem

Boden seines Gemachs gefunden. So blieb das Dunkel, das auf dem Tode

des Germanicus ruhte, unaufgeklärt. Agrippina aber und die Freunde

ihres Gatten ließen nicht ab in geheimen Umtrieben die Schuld seines

Todes auf den Kaiser zu wenden.

Diese gehässige Feindschaft und Verleumdung trug dazu bei, des Kaisers

angeborene Neigung zu Argwohn und Menschenverachtung zu steigern. Die

Anklagen wegen Majestätsbeleidigung, die schon unter Augustus nicht

selten gewesen waren, wurden seit dieser Zeit immer häufiger. Jede

unvorsichtige Äußerung des Unwillens oder Tadels gegen die Person des

Kaisers, jeder zweideutige Ausdruck wurde von dem immer gefügigeren

Senat mit Verbannung oder Tod bestraft, und da die Angeber belohnt

wurden, so warfen sich viele verworfene Menschen mit Eifer auf dies

abscheuliche Gewerbe.

So mißtrauisch Tiberius war, so wußte ihn doch sein Günstling +Älius

Sejanus+, der Befehlshaber der Prätorianer, mit listiger Schmeichelei

und dem Schein unbedingter Treue zu umstricken. Auf seinen Vorschlag

wurden sämtliche Abteilungen dieser Garden in einem festen Standlager,

dicht unter den Mauern Roms, vereinigt. Von dieser Zeit an konnte sich

der Kaiser dieser Truppen zur Durchführung jeder gewaltsamen Maßregel

bedienen, und der Befehlshaber dieser Prätorianer ward nach dem Kaiser

die wichtigste und mächtigste Person des Staates.

Acht Jahre lang (23-31) stand der sonst gegen jedermann argwöhnische

Kaiser unter dem Einfluß dieses Günstlings, dem er auch die

Leitung der Regierung vertrauensvoll überließ. Er selber, in

stolzer Menschenverachtung, müde der niedrigen und eigensüchtigen

Unterwürfigkeit des Senates und des Volkes, hatte sich auf der einsamen

Felseninsel Capreä (Capri), am Eingang des herrlichen Busens von

Neapel, prächtige Schlösser gebaut, und lebte dort, fern vom Gewühl

der Hauptstadt, seinen Neigungen. Aber auch dorthin verfolgte ihn die

hämische Verleumdung und erzählte von unerhörten Ausschweifungen, denen

sich der alternde Kaiser auf seiner Insel ergäbe.

Inzwischen schaltete Sejanus in Rom mit unumschränkter Gewalt.

Seine Bildsäulen standen allenthalben neben denen der kaiserlichen

Familienglieder. Bereits hatte er des Kaisers Sohn und Nachfolger

+Drusus+ durch Gift aus der Welt geschafft, und gegen die Familie des

verstorbenen Germanicus wütete er mit Verbannung und Einkerkerung.

Agrippina ward mit einem ihrer drei Söhne auf eine öde Insel verbannt,

ein anderer wurde in einem Kerker eingeschlossen. Als er aber endlich

seine Hand auch nach dem Throne ausstreckte, da wurden dem Tiberius

die Augen über seinen Günstling geöffnet. Er ernannte in der Stille

einen neuen Befehlshaber der Garden, und dieser legte eines Tages dem

Senat den kaiserlichen Befehl zur Verhaftung des ahnungslosen Sejanus

vor. Nicht nur der gefallene Günstling ward hingerichtet, sondern

Tiberius ließ auch seine Kinder, Verwandten und Anhänger in großer Zahl

umbringen.

Denn nach dieser neuen bitteren Erfahrung verdüsterte sich der Sinn

des Kaisers immer mehr. Jetzt erst ward er wirklich grausam und

blutdürstig. Fast täglich fielen vornehme Männer und Frauen als Opfer

schändlicher Angeberei; mancher nahm, um einer martervollen Hinrichtung

zu entgehen, sich lieber selbst das Leben. Agrippina und zwei ihrer

Söhne mußten im Kerker den Hungertod sterben. Von der Familie des

Germanicus blieben, außer den Frauen, nur +Claudius+, sein Bruder,

und sein jüngster Sohn, +Gajus Caligŭla+, übrig. Endlich erkrankte

der 78jährige Tyrann auf seiner Insel und fiel in eine todähnliche

Ohnmacht, worauf sogleich die ganze Umgebung den jungen +Gajus+ den

Tiberius an Sohnes Statt angenommen hatte, als neuen Kaiser begrüßte.

Aber Tiberius kam wieder zu sich, und nun schien Gajus verloren. Da

faßte Macro, wie erzählt wurde, der Befehlshaber der Prätorianer, einen

raschen Entschluß; er ließ Polster und Decken auf den Kranken werfen

und ihn darunter ersticken.

XXXI.

=Die Kaiser Gajus Caligula= (37-41) =und Tiberius Claudius= (41-54).

Gajus, der jüngste Sohn des Germanicus und der Agrippina, hatte, da

er mit seiner Mutter als Kind im Feldlager seines Vaters am Rhein

lebte, von den Soldatenstiefelchen (~caligae~), die er trug, von den

Soldaten den Beinamen +Caligula+ erhalten. Ihm allein war es gelungen

durch den Schein kindlicher Demut und Liebe das Herz des Tiberius

zu gewinnen, und als er nach dem Tode des alten Despoten als junger

Kaiser in Rom erschien, jauchzte ihm alles Volk wie einem Erlöser aus

harter Knechtschaft entgegen. In der Tat schien er anfangs die auf ihn

gesetzte Hoffnung erfüllen zu wollen. Er stellte die Untersuchungen

gegen die Verfolgten ein, wies die Angeber zurück, und machte sich

durch Freigebigkeit beliebt. Aber schon nach wenigen Monaten zeigte er

seine wahre Natur. Er erwies sich in Wirklichkeit als der schreckliche

Tyrann und ausschweifende Lüstling, für den Tiberius so lange gegolten

hatte. So sehr ging sein Tun und Denken gegen alle Vernunft, daß man

ihn für wahnsinnig halten mußte. In solchem Wahnsinn verfiel er auf

die grausamsten Handlungen. Den ungeheuren Schatz von 420 Millionen

Mark, den sein sparsamer Vorgänger gesammelt hatte, verschwendete er

gleich im ersten Jahre seiner Regierung. Über die Meeresbucht zwischen

Bajä und Putéoli, unweit des heutigen Neapels, eine Stunde weit, baute

er eine Schiffbrücke und legte auf derselben eine Kunststraße an mit

Häusern auf beiden Seiten, bloß um einmal in einem Prachtzuge darüber

fahren und sagen zu können, er habe das Meer in Land verwandelt.

Seinem Leibpferde Incitatus, dem er die Würde eines Konsuls zugedacht

hatte, ließ er einen Palast mit Hofhaltung einrichten, es mit

vergoldetem Hafer füttern, ja sogar an seiner eigenen Tafel fressen.

Als er durch solche wahnsinnige Streiche, durch Volksspeisungen und

öffentliche Spiele den Schatz vergeudet hatte, zwang er, um wieder Geld

aufzubringen, die Reichen die Kosten der öffentlichen Spiele zu tragen

und ihm große Geschenke und Vermächtnisse zu machen. Viele ließ er

hinrichten, um ihr Vermögen einzuziehen; er drückte die Reichen durch

eine Menge von Steuern und errichtete endlich eine Spielbank, wobei er

selbst den falschen Spieler machte. Seiner Grausamkeit wurden viele

Menschen geopfert; manche ließ er lebendig zersägen, andere den wilden

Tieren vorwerfen, ja bei den Tierhetzen, wenn gerade keine Verbrecher

mehr da waren, Zuschauer ergreifen und den Tieren preisgeben. In seinem

Blutdurste wünschte er, daß das ganze römische Volk nur +einen+ Kopf

haben möchte, um ihn mit einem Streich abschlagen zu können. Sein

Wahlspruch war: „Mag man mich hassen, wenn man mich nur fürchtet!“

(~Odĕrint, dum métuant!~)

In seiner Eitelkeit wollte er auch als siegreicher Eroberer glänzen. Er

unternahm deshalb sogenannte Feldzüge nach Germanien und Britannien.

Er ließ nämlich von Gallien aus einige germanische Söldner über den

Rhein setzen und sich dort verstecken; dann zog er mit einem Teil

der Reiterei hinüber und brachte sie als Gefangene zurück: das war

sein Sieg über die Germanen! Ebenso stellte er ein ungeheures Heer an

Galliens Nordküste auf, angeblich zum Zuge gegen Britannien, fuhr dann

auf einem Prachtschiff ein wenig ins Meer hinaus, und ließ nach seiner

Rückkehr die Soldaten am Strande Muscheln sammeln, die er nachher als

eine dem Ozean abgenommene Beute samt einer Anzahl Gefangener, die aus

Galliern in germanischer Tracht bestanden, bei seinem Triumph in Rom

aufführte.

Nachdem er so fast vier Jahre lang gewütet hatte, bildete sich unter

seiner Umgebung, die zuletzt ihres eigenen Lebens nicht mehr sicher

war, eine Verschwörung, und zwei Hauptleute seiner Leibwache ermordeten

den Kaiser samt seiner Gemahlin und seiner Tochter (41).

Während der Ermordung Caligulas hatte sich sein Oheim +Tiberius

Claudius+ hinter einem Türvorhang versteckt. Ihn zogen jetzt die

Soldaten der Leibgarde hervor und huldigten ihm als Kaiser, wofür

er ihnen eine große Summe Geldes versprechen mußte. Der Senat ward

genötigt ihn anzuerkennen. Wenn auch Claudius in Geschichte und

Sprachen wohl unterrichtet war, so fehlten ihm doch alle Eigenschaften

zur Regierung des Reichs. Er überließ sie Günstlingen und Frauen.

Unter diesen hatten besonders die durch ihren sittenlosen Wandel

berüchtigte +Messalina+, und nach ihrer Hinrichtung die, zwar nicht

sittenlose, aber weit herrschsüchtigere +Agrippina+, eine Tochter des

Germanicus und Schwester des Caligula, großen Einfluß. Da Agrippina den

Sohn des Kaisers von der Messalina, den +Britannicus+, vom Throne zu

verdrängen suchte, um ihrem eigenen Sohn aus erster Ehe, dem Domitius

+Nero+, Platz zu machen, so bewog sie den alten willensschwachen Kaiser

diesen als Sohn anzunehmen. Sobald ihr dies gelungen war, ließ sie

den alten Kaiser durch vergiftete Pilze töten, welche die berüchtigte

Giftmischerin Lacusta bereitet hatte. Daran ward Nero, als der ältere

der beiden Söhne, auf den Thron gehoben.

XXXII.

=Nero= (54-68).

Nero gelangte im Alter von siebzehn Jahren zur Regierung. Solange

er sich der weisen Leitung des +Burrus+, des Obersten der Garde,

und seines Erziehers, des beredten und geistvollen +Séneca+ hingab,

regierte er ohne Tadel und zeichnete sich durch Bescheidenheit und

Milde, durch Wohltätigkeit und Enthaltsamkeit so sehr aus, daß man die

ersten fünf Jahre (~quinquennium~) seiner Herrschaft das glückliche

Quinquennium des Nero genannt hat. Doch alle diese Tugenden waren nur

die Wirkung des Zwanges und der Verstellung. Länger vermochte der

junge Monarch die Maske der Tugend nicht zu tragen, er warf sie ab und

offenbarte alsbald einen solchen Hang zu Grausamkeit, Eitelkeit und

Heuchelei, daß er ein wahres Ungeheuer von einem Tyrannen wurde.

Da ihm seine Mutter Agrippina Vorwürfe über seine Ausschweifungen

machte und ihm drohte den jüngeren Stiefbruder Britannicus, an dem

sich treffliche Eigenschaften entwickelten, auf den Thron zu erheben,

so beschloß Nero sofort dessen Tod. Eines Tages ward bei einem

Festmahle ein warmes Getränk umhergereicht, dieses aber dem Britannicus

so heiß gegeben, daß er es nicht trinken konnte. Eiligst wurde kaltes

Wasser zugegossen, das die oben erwähnte Locusta vergiftet hatte.

Kaum hatte Britannicus davon getrunken, als er vor Neros und aller

Gäste Augen leblos niederfiel. „Es ist nichts als die Fallsucht, die

er schon öfters gehabt!“ rief der heuchlerische Nero und ließ die

Leiche wegschaffen, aber gleich in der Nacht auf einem Scheiterhaufen

verbrennen, Agrippina mußte den kaiserlichen Palast räumen und verlor

allen Einfluß. Bald ließ sich Nero durch die schöne, aber lasterhafte

+Poppäa Sabina+ bewegen seine tugendhafte Gemahlin Octavia, die

Schwester des Britannicus, zu verstoßen und seine eigene Mutter zu

ermorden. Burrus und Seneca bebten vor diesem Entschluß zurück, hatten

aber nicht den Mut sich zu widersetzen. Auf den Vorschlag eines

Günstlings wurde in der Nähe von Bajä eine Lustfahrt auf dem Meere

veranstaltet. Bei dieser Gelegenheit sollte Agrippina mit dem Schiffe

versenkt werden. Doch der Anschlag mißlang, Agrippina rettete sich ans

Land, ward aber gleich darauf von gedungenen Mördern in ihrer Wohnung

umgebracht.

Seitdem von Gewissensangst verfolgt, suchte sich Nero durch den

Taumel wilder Vergnügungen zu zerstreuen. Er scheute sich nicht, um

seiner krankhaften Eitelkeit zu frönen, öffentlich als Wagenrenner,

Zitherspieler, Sänger und Schauspieler aufzutreten, ohne auf die

Mahnungen des Burrus und Seneca Rücksicht zu nehmen. Als Burrus starb

und Seneca sich ganz vom Hofe zurückzog, konnte sich nun Nero ganz

den Einflüsterungen elender Günstlinge hingeben. Seine Verschwendung

war schrankenlos; oft warf er am Schlusse der Feste, die er dem Volke

gab, kleine Kugeln unter dasselbe, auf denen Anweisungen auf Geld,

Edelsteine, Gemälde, Pferde, Äcker und Landgüter standen, die dann dem

glücklichen Erhascher ausgehändigt wurden. Darum mochte ihn sowohl das

Volk, das er durch Spiele und Kornspenden befriedigte, als auch das

Heer, das er reich besoldete, wohl leiden.

Die größte Greueltat in seiner Regierung war der Brand von Rom. Um sich

eine schönere Hauptstadt bauen zu können, ließ er Rom an verschiedenen

Stellen anzünden; seine Mordbrenner durchzogen die Stadt, drangen mit

Fackeln und Brandstoffen in die Häuser und hinderten die Leute mit

Gewalt am Löschen. Während der Feuersbrunst stand er auf einem Turme

und sah mit grausamer Lust dem furchtbaren Schauspiel zu, indem er

dabei ein Gedicht von Trojas Untergang deklamierte. Durch diesen Brand

ward ein großer Teil der Stadt in Asche gelegt und unsägliches Elend

über die Bevölkerung gebracht, die damals bereits gegen eine Million

betrug. Es war also natürlich, daß sich eine wütende Entrüstung gegen

die Anstifter zu verbreiten begann. Darum suchte er mit teuflischer

Arglist die Schuld auf die Christen zu schieben, die, weil sie sich

von allen öffentlichen, mit heidnischen Gebräuchen verbundenen

Festlichkeiten zurückhielten, dem Volke schon lange verdächtig und

verhaßt waren. Viele derselben wurden als Mordbrenner angeklagt und

verurteilt, ein Teil enthauptet oder gekreuzigt, ein anderer in Felle

wilder Tiere genäht und den Hunden zum Zerfleischen vorgeworfen, andere

mit Pech übergossen und angezündet, um wie Fackeln in langen Reihen

bei nächtlichen Rennspielen zu leuchten. So ward Nero der Urheber der

ersten +Christenverfolgung+.

Darauf ließ Nero die Stadt neu aufbauen, wobei er ein ganzes Quartier

für sich nahm und daselbst mit verschwenderischer Pracht einen Palast,

das sogenannte +goldene Haus+, bauen ließ, das mit Gärten, Bädern,

Lusthäusern, sogar mit Seen und Wildbahnen umgeben ward. Um die

ungeheuren Kosten zu decken und das Innere auszuschmücken, mußten

alle Provinzen, besonders die Tempel Griechenlands und Asiens, einen

Teil ihrer Geld- und Kunstschätze dazu steuern, und selbst die Heere

ihren Sold entbehren. Dadurch machte er sich allgemein verhaßt, und es

bildete sich eine Verschwörung von Senatoren und Rittern, um ihn zu

stürzen und den edeln +Gajus Piso+ auf den Thron zu setzen. Aber die

Verschwörung wurde entdeckt, Piso gab sich selbst den Tod, und viele

andere wurden hingerichtet Auch Neros Lehrer Seneca wurde, obschon

unschuldig, zum Tode verurteilt. Da man ihm die Gunst gewährte sich

selbst töten zu dürfen, so öffnete er sich die Adern; da aber bei dem

Greise das Blut zu langsam floß, ließ er sich durch die Dämpfe eines

Bades ersticken. Seine treue Gattin teilte freiwillig sein Schicksal.

Um die Angst seines Gewissens zu betäuben, stürzte sich Nero in

immer neue Zerstreuungen. Er reiste nach Griechenland, wo er in den

Spielen als Sänger und Wagenlenker auftrat. Als die Griechen seine

Kunst bewunderten und ihm den Preis zuerkannten, verkündete er selber

als Herold Griechenlands Freiheit, was ihn jedoch nicht hinderte die

griechischen Tempel zu plündern. Mit 1800 Siegeskränzen geehrt, kehrte

er nach Rom zurück und feierte wegen seiner Kunstsiege einen Triumph.

Vierzehn Jahre lang hatte Nero auf diese Weise regiert, als sich einige

Statthalter gegen ihn empörten. Noch hätte der Aufstand unterdrückt

werden können, wenn er sich zu entschlossenem Widerstande hätte

aufraffen können. Als es zu spät war, als in Rom selbst der Aufstand

siegte, machte er sich, von allen verlassen, auf die Flucht, um sich

auf einem Landgut bei Rom zu verstecken. Dahin ritt er mit vier

Begleitern in einer sturmvollen Nacht; der Beherrscher der Erde hatte

sich in einen schlechten Mantel vermummt und hielt sich ein Tuch vor

das Gesicht. Zuckende Blitze erleuchteten den Weg. Neros Pferd ward

scheu. Reisende, die ihnen begegneten, fragten: „Was neues von Nero?“

Einen andern hörten sie sagen: „Die setzen gewiß auch dem Nero nach.“

So geängstigt erreichte er halbtot das Landgut. Er wagte es nicht durch

den gewöhnlichen Eingang in das Haus zu kommen, und bis man ihm eine

Öffnung durch die Mauer gebrochen hatte, versteckte er sich im Schilf

und schöpfte sich, von Durst gequält, mit der Hand Wasser aus einer

Pfütze. Am folgenden Tage erhielt er die Nachricht, der Senat habe ihn

als einen Feind des Vaterlandes geächtet, der, wenn man ihn fände, nach

der Sitte der Vorfahren hingerichtet werden sollte. Seine Begleiter

forderten ihn dringend auf dieser Schande zuvorzukommen; er versuchte

auch, unter unsäglichem Wehklagen, sich selbst zu töten, aber er fand

nicht den Mut dazu. „Welch ein Künstler geht in mir unter!“ rief er

einmal über das andere aus. Da sprengten Reiter heran. Nun ergriff

er den Dolch und ein Freigelassener half beim Stoß in die Kehle. Die

Reiter, die ihn gern lebendig fangen wollten, traten ein, als er sich

fast verblutet hatte. Er stand im 32. Jahre, als er starb (68). Mit ihm

war Cäsars Geschlecht gänzlich erloschen.

XXXIII.

=Flavius Vespasianus= (69-79).

Seine Söhne =Titus= (79-81) und =Domitianus= (81-96).

Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form · 第 19 / 21 段