12000 Reitern, sowie aus einer Flotte von 500 Schiffen, die von
ungewöhnlicher Größe und deshalb für den Kampf in engen Gewässern zu
schwerfällig waren. Octavians Landheer betrug 80000 Mann zu Fuß mit
12000 Reiter, und seine Flotte bestand aus 250 kleinen Schiffen, die
aber leicht beweglich und trefflich bemannt waren. Vor allem kam es
ihm sehr zustatten, daß der bewährte Seeheld +Agrippa+ sie befehligte.
Des Antonius Schiffe bildeten einen dichten Wall, den die Feinde lange
Zeit vergeblich zu durchbrechen suchten. Endlich gelang es doch und es
entstand eine Öffnung in die Octavians Schiffe eindrangen. Bei diesem
Anblick fuhr Kleopatra, die mit ihren Schiffen hinter der Schlachtreihe
gehalten hatte, davon, und Antonius, der ihr Schiff an dem Purpursegel
erkannte, segelte ihr eiligst nach. Die Flotte kämpfte noch fort;
zuletzt aber mußten sich die Schiffe, ihres Führers beraubt, ergeben.
Das dem Antonius treu ergebene Landheer wartete noch sieben Tage auf
seine Rückkehr, dann streckte es auch die Waffen und ergab sich dem
Sieger. Dieser gründete später an der Stelle, wo sein Lager gestanden
hatte, zu dauernder Erinnerung an den entscheidenden Sieg, die Stadt
Nikópolis (Siegstadt) und stiftete in Rom zu jährlicher Feier die
Aktischen Kampfspiele.
Im folgenden Jahre zog Octavianus gegen Ägypten, wo Antonius und
Kleopatra ihr üppiges Leben fortgeführt hatten. Von allen seinen
Truppen verlassen, empfing jetzt Antonius von der Königin, die sich
seiner zu entledigen wünschte, die Nachricht, sie habe sich getötet.
Da wollte auch er nicht länger leben und durchbohrte sich mit seinem
Schwert. Als er aber, in seinem Blute liegend, hörte, daß sie noch
lebte, verlangte er zu ihr gebracht zu werden. An Stricken wurde er in
das obere Stock des Grabgebäudes hinaufgezogen, in das sie sich begeben
hatte, und starb in ihren Armen. Nun versuchte die listige Kleopatra
auch den siegreichen Cäsar durch ihre Reize zu berücken. Als ihr dies
nicht gelang und er merken ließ, daß er sie zu seinem Triumph aufspare,
beschloß sie zu sterben. Man fand sie entseelt auf einem Ruhebette
liegend, im königlichen Schmuck; an ihrem Arme wollte man feine Stiche
bemerken, die entweder von Nadeln oder von giftigen Nattern herrührten.
Octavianus ließ sie mit königlichen Ehren bestatten.
Der Sieger machte Ägypten zu einer römischen Provinz und feierte nach
seiner Rückkehr in Rom einen dreifachen Triumph (29). Er bezahlte seine
Schulden, belohnte seine Krieger mit Land und Geld, und suchte auch das
Volk durch reiche Gaben für seine neue Herrschaft zu gewinnen.
XXIX.
Cäsar Octavianus als Augustus.
=1. Augustus’ Regierung= (30 v. Chr. bis 14 n. Chr.).
Wenngleich nun Octavianus durch die Siege über alle seine Gegner
und an der Spitze eines erprobten und unbedingt ergebenen Heeres
der wirkliche Beherrscher des römischen Reiches war, so war er klug
genug die bisherigen Rechte des Senates und des Volkes wenigstens
der Form nach bestehen zu lassen, und mit dem Senat eine Verfassung
zu vereinbaren, die ihm selbst zwar nicht den Namen, aber die Gewalt
eines wirklichen Monarchen verlieh. Anfangs zwar hatte er im Senate
erklärt die Obergewalt niederlegen zu wollen, aber nur zum Schein. Der
Senat, den er von allen unwürdigen oder feindlich gesinnten Mitgliedern
gereinigt und auf die Zahl von 600 Senatoren beschränkt hatte, war
auf dieses Gaukelspiel vorbereitet; er drang mit Bitten in ihn die
Regierung doch länger zu behalten und Oberhaupt des Reiches zu bleiben.
Lange sträubte sich Octavianus, endlich versprach er, auf inständiges
Bitten der Senatoren, die Regierung über den Staat auf zehn Jahre
weiter zu übernehmen. Dieses Spiel, wobei er sich seine Macht alle zehn
oder fünf Jahre erneuern ließ und sie mit scheinbarem Widerstreben
annahm, wiederholte Augustus in der Folge noch mehrmals. So schien
es, als habe er die Alleinherrschaft nicht in gewaltsamer Weise an
sich gerissen, sondern auf gesetzmäßigem Wege erlangt. Die Würden und
Ämter der Republik ließ er zwar bestehen, wußte aber alle mit ihnen
verbundene Gewalt auf sich zu übertragen. Als +Imperator+ führte er
allein den Oberbefehl über die bewaffnete Macht; als dauernder Inhaber
der +tribunicischen+ Amtsbefugnis (~tribunicia potestas~) hatte er
allein das Recht das Volk zu versammeln und ihm Gesetze vorzuschlagen
und wurde persönlich unverletzlich; als erstes und vornehmstes Mitglied
des Senates (~princeps senatus~) hatte er die erste und maßgebende
Stimme bei allen Beschlüssen dieses höchsten Staatsrates. Als diese
neue Ordnung nach längeren Verhandlungen am 1. Januar 27 in Kraft
trat, erhielt er vom Senat und Volk den Beinamen +Augustus+ (der
Erhabene) und wurde damit als erhaben über alle Bürger und göttlicher
Verehrung würdig feierlich anerkannt. Er besaß überdies die Würde des
Oberpriesters (~póntifex maximus~) und übernahm wiederholt das Amt des
Konsuls. Der Monat Sextīlis erhielt ihm zu Ehren den Namen Augustus.
So kam er in den Besitz einer unumschränkten Macht, seine Person war
heilig und unverletzlich und den jährlichen Konsuln blieb wenig mehr
als die damit verbundene äußere Würde und Ehre. Auch das Volk behielt
noch seine Versammlungen, lernte aber unter Festen, Spielen und
Getreidespenden seine Freiheit vergessen.
Unter Augustus war das römische Reich zu einer ungeheuren Ausdehnung
gelangt, die fast alle Länder des damals bekannten Erdkreises umfaßte.
Außer Italien gehörten dazu Gallien, Spanien, Griechenland, Makedonien,
Thrakien, Kleinasien, Syrien, Ägypten und die ganze Nordküste
Afrikas bis zur Grenze Mauretaniens. Alle diese Völker erkannten
Roms Oberherrschaft an, nur die Parther im Osten und die Stämme der
Germanen hatten sich noch nicht unter das römische Joch gebeugt. Die
Statthalter dieser Provinzen, Prokonsuln oder Proprätoren, wurden teils
von Augustus, teils vom Senat ernannt. An Stelle der alten Bürgerheere
waren allmählich Söldnertruppen getreten, die von nun an zu stehenden
Heeren wurden und an den von Feinden gefährdeten Grenzen, besonders
am Rhein, an der Donau und am Euphrat ihre dauernden Lager hatten.
Im ganzen unterhielt das Reich etwa 25 Legionen von je 6-7000 Mann.
Außerdem standen in und bei Rom 9000 Mann als Leibgarde des Herrschers,
die sog. prätorischen Kohorten, die zum Teil aus Germanen bestanden.
Zwei mächtige Flotten sicherten das Meer, von denen die eine bei
Ravenna im adriatischen, die andere bei Misēnum, nahe bei Neapel, ihren
Standort hatte.
Nachdem sich Augustus in seiner Macht befestigt hatte, war sein
Streben darauf gerichtet, durch die Wohltaten eines ungestörten
Friedens die Greuel der Bürgerkriege und seine eigenen Grausamkeiten
in Vergessenheit zu bringen. Die Bevölkerung des weiten Reiches
begann sich, dank einer umsichtigen und gerechten Verwaltung, von den
Leiden der langen verwüstenden Kriege zu erholen; Ackerbau, Gewerbe,
Handel blühten auf, und mit dem steigenden Wohlstand gediehen auch
wieder die Künste und Wissenschaften. Die Stadt Rom verschönerte er
durch Aufführung der prachtvollsten Bauten so sehr, daß er sich mit
Recht rühmen konnte, er habe das aus Backsteinen gebaute Rom in ein
marmornes verwandelt. In den Werken der Baukunst wetteiferte mit ihm
der edle +Agrippa+, sein Feldherr, Berater und Schwiegersohn; er
erbaute unter andern prachtvolle Bäder und inmitten derselben einen
riesigen Kuppeltempel, das Pantheon, so genannt, weil er dem Dienste
aller Götter zusammen geweiht wurde. Außer Agrippa war es besonders
der kunstliebende +Mäcēnas+, der Berater und Freund des Kaisers, der
Gelehrte, Geschichtsschreiber und Dichter unterstützte und ihre Werke
belohnte. Dieser Kreis von hochgebildeten Männern, der den Hof des
Kaisers umgab, hat besonders dazu beigetragen, dem augustinischen
Zeitalter den Charakter einer Hochblüte der römischen Literatur und
Kunst zu verleihen.
Obschon sich Italien unter Augustus des tiefsten Friedens erfreute,
der nach den zerrüttenden Bürgerkriegen dem erschöpften Lande die
größte Wohltat gewährte, so gemahnten doch einige Verschwörungen, die
gegen des Augustus Leben gerichtet waren, diesen an das Schicksal
seines Großoheims Cäsar. Um so mehr war er darauf bedacht allen Schein
des Machthabers von sich zu entfernen und in allen seinen Handlungen
Mäßigung und Leutseligkeit zu beweisen. Den Senat behandelte er mit
der größten Achtung; in der Stadt sah man ihn nur in der Tracht eines
Senators, ohne daß irgend eine Auszeichnung an den weltgebietenden
Imperator erinnerte. Bei der Rückkehr von einer Reise vermied er
alles Aufsehen und hielt seinen Einzug gewöhnlich zur Nachtzeit. Er
bewohnte ein einfaches Haus auf dem palatinischen Hügel; erst als
dieses abgebrannt war, erbaute er das sogenannte +Palatium+, wovon
das Wort Palast zur Bezeichnung fürstlicher Wohnungen abstammt. Es
bleibt freilich zweifelhaft, ob die Tugenden, die Augustus als Kaiser
entfaltete, in seinem Charakter begründet, oder eine Folge kluger
Berechnung und des heilsamen Rates seiner Freunde waren. Soviel aber
ist gewiß, daß ihn das Volk als seinen Wohltäter liebte, weshalb seine
Zeitgenossen von ihm sagten: „Augustus hätte entweder nie sterben oder
nie geboren werden sollen!“
Der viel gepriesene Beherrscher des Reiches mußte, wie um die
Unbeständigkeit alles Menschenglückes zu bestätigen, in seiner Familie
schweren Kummer und Herzeleid erfahren. Seine einzige Tochter +Julia+
aus seiner dritten Ehe führte ein lasterhaftes Leben, und seine
vierte Gemahlin +Livia+, die ihm zwei Stiefsöhne, den +Tiberius+ und
+Drusus+, zubrachte, ward für ihn die Ursache mancher häuslichen
Sorgen. Die Nachfolge in der Regierung hatte er dem +Marcellus+, einem
hoffnungsvollen Jüngling, dem Sohne seiner Schwester Octavia aus ihrer
ersten Ehe und Gemahl der Julia, zugedacht, aber der Tod raffte diesen
in der Blüte seiner Jahre dahin. Auch zwei Enkel aus der zweiten Ehe
der Julia mit Agrippa sah der Kaiser vor sich ins Grab sinken, während
ein dritter, Agrippa Pósthumus, ihn zwar überlebte, aber blödsinnig und
zur Nachfolge unfähig war. So schwand ihm die Hoffnung die Herrschaft
in seinem eigenen Geschlechte zu erhalten. Er nahm deshalb seinen
Stiefsohn +Tiberius+, den älteren Sohn der Livia aus ihrer früheren
Ehe mit Tiberius Claudius Nero, an Sohnes statt an, und erfüllte damit
einen von Livia lange gehegten und eifrig betriebenen Plan. Tiberius
war ein im Krieg und Staatsgeschäften rühmlich bewährter Mann, und da
er zugleich auf Wunsch des Augustus die Julia, nach dem Tode ihres
zweiten Gatten Agrippa, geheiratet hatte, so stand jetzt niemand der
Thronfolge näher.
Inzwischen hatten Alter und häusliches Unglück die Kräfte des Kaisers
aufgerieben. Um seine zerrüttete Gesundheit wieder zu stärken,
unternahm er eine Reise nach Campanien. Anfangs war er ungemein munter,
bald aber nahm die Schwäche seines Körpers zu, und er beschloß nach Rom
zurückzukehren. Doch schon zu Nola in Campanien ereilte ihn der Tod.
Als er sein Ende herannahen fühlte, forderte er einen Spiegel, ließ
seine Haare in Ordnung bringen und seine gerunzelten Wangen glätten.
Dann fragte er seine umstehenden Freunde: „Was dünkt euch, habe ich die
Rolle meines Lebens gut gespielt?“ Als sie dies bejahten, fuhr er fort:
„Nun, so klatscht Beifall, denn sie ist ausgespielt!“ Darauf verschied
er, am 18. August, im 76. Jahre seines Lebens und im 41. seiner
Regierung (14 n. Chr.). Sein Leiche ward nach Rom gebracht und daselbst
feierlichst bestattet.
2. Kriege gegen die Deutschen. Arminius, Deutschlands Befreier.
Das Land der Germanen war zu den Zeiten des Kaisers Augustus im Norden
von der Nord- und Ostsee, im Osten von der Weichsel und den Karpathen,
im Süden von der Donau und im Westen vom Rhein begrenzt. Das Land war
rauh und von undurchdringlichen Waldungen durchzogen. Der magere Boden
trug nur Gerste, Hafer und Hanf. In den Urwäldern hauste zahlreiches
Wild, Auerochsen, Renn- und Elentiere, Bären und Wölfe; auf den Felsen
horsteten Adler und Falken. Die Bewohner dieses Landes, die Germanen
oder Deutschen, waren durch blaue Augen und langes blondes Haar vor
anderen Völkern kenntlich und überragten an Leibesgröße und Gliederbau
die Bewohner der südlichen Völker. Schon von früher Jugend an übten
sie sich Schwert, Lanze und Schild zu führen, und der Krieg war ihre
liebste Beschäftigung, an deren Stelle im Frieden die Jagd trat.
Ackerbau und Hauswesen überließen sie den Frauen und Knechten. Obschon
dem Trunk und Spiel leidenschaftlich ergeben, zeichneten sie sich
doch durch die Tugenden der Tapferkeit, Freiheitsliebe, Keuschheit,
Gastlichkeit und vor allem durch Treue aus. Ihre Götter verehrten sie
nicht in Tempeln, sondern im stillen Dunkel heiliger Eichenhaine;
dorthin wallfahrtete das Volk; dort opferte der Oberpriester im Namen
des gesamten Volks, und großes Gewicht legte man auf die Weissagungen
kluger Frauen.
Da die Germanen beständige Einfälle in das den Römern unterworfene,
an Wohlstand und Gütern aller Art viel höher entwickelte Gallien
machten, so ließ Augustus endlich seinen jüngeren Stiefsohn +Drusus+
sie in ihrem eigenen Lande angreifen. Vier Jahre nach einander, 12-9
v. Chr., machte Drusus Heerzüge in das Land der Germanen, legte
jenseits des Rheines eine Reihe von Kastellen an, und drang von
dort bis zur Elbe vor. Als er schon im Begriff stand diesen Fluß zu
überschreiten, soll ihm eine germanische +Wole+ oder weise Frau von
übermenschlicher Gestalt auf dem jenseitigen Ufer zugerufen haben:
„Wohin, Unersättlicher? Nicht alles zu sehen ist dir vom Schicksal
beschieden. Kehre um, denn schon bist du am Ziele deiner Taten und
Tage.“
Nach Errichtung eines Siegeszeichens an diesem Strom beschleunigte
Drusus seinen Rückweg. Auf diesem aber stürzte er mit dem Pferde, brach
den Schenkel und starb dreißig Tage darauf in den Armen seines Bruders
Tiberius, der auf die Nachricht von seinem Unfall herbeigeeilt war.
Nach seinem Tode übernahm Tiberius den Oberbefehl. Mehr durch Klugheit,
indem er die Zwietracht unter den deutschen Stämmen nährte, als durch
offene Schlachten suchte er die Deutschen allmählich zur Unterwerfung
zu bringen. Und er tat dies mit solchem Erfolg, daß die Römer das
Land zwischen dem Rhein und der Weser schon als eroberte Provinz
betrachteten und alsbald auch römische Gesetze, Sprache und Sitten
einzuführen begannen.
Von seinen Nachfolgern ließ es sich besonders der Statthalter
+Quinctilius Varus+ angelegen sein das römische Gerichtswesen in
Anwendung zu bringen. Und weil er anfangs überall Willfährigkeit zu
bemerken glaubte, so wähnte er die neuen Einrichtungen in aller Ruhe
durchführen zu können. Aber mit tiefer Entrüstung sahen die Germanen,
wie ihnen ihre altheimischen Volksgerichte und ihre freie Gauverfassung
entzogen, wie sie nach fremdem Rechte in fremder Sprache und von
fremden Richtern verurteilt, wie sie mit Rutenstreichen mißhandelt, ja
mit der Todesstrafe belegt wurden.
Am meisten empört über die Herrschaft fremden Rechts und fremder Sitte
waren die Cherusker und unter ihnen vorzüglich +Arminius+ (Hermann?),
der Sohn +Segimers+, eines Cheruskerfürsten. Er hatte in römischen
Kriegsdiensten gestanden, wie viele seiner Volksgenossen, und dort als
Anführer einer cheruskischen Söldnerschar das römische Bürgerrecht
und die römische Ritterwürde erlangt, aber auch die unersättliche
Eroberungssucht und die Unterjochungskünste der Römer kennen gelernt.
Jetzt, da Roms Absicht, die freien Germanen dem Reiche einzuverleiben,
nahezu erfüllt schien, fühlte sich Arminius zum Retter seines Volkes
berufen, und entwarf mit andern cheruskischen Edlen den Plan der
Befreiung.
Sorglos waltete Varus in Germanien; die scheinbare Willfährigkeit der
deutschen Häuptlinge hatte ihn sicher gemacht, und am allerwenigsten
besorgte er von seiten des Arminius eine Gefahr, dem er solches
Vertrauen schenkte, daß nicht einmal die Warnungen des +Segestes+,
eines andern Cheruskerfürsten und Oheims des Arminius, bei ihm Eingang
fanden. Während er an dem linken Ufer der Weser ein vergnügliches
Lagerleben führte, erhielt er plötzlich Kunde von dem Aufstande eines
benachbarten Stammes. Sofort traf er Anstalten zum Aufbruch und
ließ sich bei einem Gastmahl von den cheruskischen Häuptlingen das
Versprechen des Zuzugs wiederholen. Zwar machte ihn Segestes noch am
Tage vor dem Aufbruch mit der ganzen Gefahr bekannt; aber Varus, der
wohl wußte, daß zwischen Segestes und Arminius bittere Feindschaft
bestand, weil dieser jenem seine Tochter +Thusnelda+ entführt und wider
seinen Willen zu seiner Ehefrau gemacht hatte, schenkte ihm keinen
vollen Glauben. Eine höhere, den Germanen günstige Macht schien seinen
Sinn geblendet zu haben, daß er jählings in das bereitete Verderben
fiel.
Unter dem Vorwande, dem Prokonsul ihre Scharen zuführen zu wollen,
trennten sich die germanischen Fürsten von ihm; daheim aber riefen
sie die Ihrigen zur Freiheit. Von Gau zu Gau erscholl der Ruf und
riß alle mit sich fort. Selbst Segestes, der Römerfreund, mußte sich
anschließen, während sein Sohn Segimund, ein Priester, die heilige
Binde zerriß und zu dem Freiheitskampfe eilte.
Nichts schlimmes ahnend, zog das Römerheer unter Varus, ohne strenge
Ordnung, mit großem Troß und Gepäck, in langem Zuge durch Wald und
sumpfiges Gelände, wo erst Wege durch das Dickicht gebahnt und Gewässer
überbrückt werden mußten. Bald lockerten anhaltende Regengüsse den
Boden so sehr, daß Roß und Mann einsank und allgemeine Erschöpfung
eintrat. Plötzlich brachen die Germanen, anfangs einzeln, dann in
Haufen von allen Seiten aus dem Dickicht hervor und griffen die vom
Wege und Wetter erschöpften Römer an. Unter schweren Kämpfen erreichte
das Heer endlich eine lichte Stelle, wo der Angriff nachließ und ein
Lager zur Nachtrast geschlagen werden konnte.
Am folgenden Morgen ging der Zug weiter. Kaum hatten die Legionen den
+Teutoburger Wald+ erreicht, so wurden sie von neuem auf allen Seiten
angefallen, und mit Mühe gelangten sie am Abend wieder an einen Platz,
wo einige Ruhe die Ermüdeten erquickte. Aber auch am dritten Morgen
wiederholte sich der Regensturm und der Angriff der Feinde. Die vom
Regen erschlafften Bogensehnen versagten, und die schwere Bewaffnung
empfand man als verdoppelte Last, während die leichtbewaffneten, mit
ihrem Boden und Klima vertrauten Deutschen weniger gehemmt waren.
Zwischen den Quellen der Lippe und Ems war die germanische Hauptmacht
versammelt; hier kam es zum letzten Kampfe. Vor dem ungestümen
allgemeinen Angriff weichen die erschöpften Legionen; ihre Reiter
werfen sich in Flucht; ihre Adler werden genommen. Varus selbst, als er
alles verloren sah, stürzte sich in sein Schwert, um die Schande nicht
zu überleben; die noch übrigen Römer erlagen dem Schwerte der Germanen,
und nur wenige entkamen.
Die Rache der erbitterten Sieger schonte auch der Gefangenen nicht: die
vornehmsten Kriegshauptleute wurden an den Altären der Götter geopfert.
Vorzüglich aber kehrte sich die Wut der Germanen gegen die römischen
Richter und Sachwalter, die unter grausamen Martern getötet wurden. Der
Leichnam des Varus wurde zerfleischt, sein Kopf von Arminius an Marbod,
dem Könige der Markomannen in Böhmen gesendet, der sich eigensüchtig
von dem Freiheitskampf ferngehalten hatte. Von den Gefangenen, die zu
Leibeigenen gemacht wurden, hat mancher ehemalige Ritter oder Senator
als Hausknecht oder Viehhüter eines deutschen Bauern seine übrige
Lebenszeit zubringen müssen.
Diese +Hermannsschlacht+, im Jahre 9 n. Chr., vernichtete eines der
tapfersten und geübtesten römischen Heere, das mit den Hilfstruppen
auf 40000 Mann geschätzt wird. Als die Schreckensnachricht von der
Niederlage nach Rom gelangte, geriet alles in größte Bestürzung. Schon
glaubte man das linke Rheinufer samt Belgien und Gallien verloren und
Italien bedroht; selbst Augustus verlor anfangs die Fassung so sehr,
daß er, im Schmerz sein Gewand zerreißend, ausrief: „Varus, Varus, gib
mir meine Legionen wieder!“ Mit ängstlicher Hast, als ob der Feind
schon gegen Rom heranzöge, wurden alle Germanen und Gallier aus der
Stadt entfernt und die deutsche Leibwache auf Inseln abgeführt. Allein
die Sieger dachten nicht an Eroberung; sie zerstörten alle Denkmale
römischer Knechtschaft, und kehrten dann wieder an ihren Herd zurück.
Tiberius eilte an den Rhein, um dem erwarteten Einbruch der Germanen
zu wehren, beschränkte sich aber klüglich auf die Befestigung der
römischen Herrschaft an diesem Strom. Jedoch unmittelbar nach Augustus
Tod begann des Drusus Sohn, +Germánicus+, der Nachfolger des Tiberius
im Oberbefehl am Rhein, den Eroberungsversuch zu wiederholen. Viermal
in drei Jahren drang er in Germanien ein (14-16 n. Chr.) Im zweiten
dieser Feldzüge hatte er das Land der Chatten (Hessen) verwüstet und
war schon auf dem Rückzuge begriffen, als ihn der alte Römerfreund
Segestes zur Hilfe gegen Arminius rief.
Segestes nämlich hatte seine Tochter +Thusnelda+, des Arminius
Gemahlin, in dessen Abwesenheit wieder in seine Gewalt gebracht, und
ward deshalb von seinem Eidam hart bedrängt. Sogleich kehrte Germanicus
um und zwang durch einen Überfall den Arminius zur Aufhebung der
Belagerung, worauf sich Segestes samt seiner Tochter in den Schutz der
Römer gab. Bei dieser Übergabe schritt Thusnelda, ihrem Gatten, nicht
ihrem Vater ähnlich, ohne Tränen, ohne Worte, die Hände unter der Brust
gefaltet, mit gesenktem Blicke einher. In der Gefangenschaft gebar sie
den +Thumélicus+, der späterhin zu Ravenna erzogen ward und dessen
weiteres Schicksal unbekannt blieb. Arminius und Thusnelda sahen sich
nie wieder.
Auf die Nachricht von des Segestes Übertritt und Thusneldas
Gefangenschaft durchflog Arminius mit der Wut der Verzweiflung die
cheruskischen Gaue und rief alle seine Bundesgenossen zur Rache auf
gegen die Römer, die, sagte er, sich nicht schämten den Krieg durch
Verrat und gegen schwache Weiber zu führen. So gelang es ihm wieder
einen großen Bund der nordgermanischen Stämme gegen die Römer zustande
zu bringen.
Um einem Angriffskriege der Germanen zuvorzukommen, eröffnete
Germanicus den dritten Feldzug, in dem er bis zum Teutoburger Walde
vordrang. Mit seinem ganzen Heere langte er bei der Walstatt der
Varusschlacht an, wo seit sechs Jahren die römischen Krieger noch
unbegraben lagen. Mit Grauen sahen die Römer die bleichenden Gebeine
der Gefallenen, dazwischen zerbrochene Waffen, Pferdegerippe, an den
Baumstämmen angenagelte Schädel, auf Altären die Reste der Geopferten.
Einige, die damals der Schlacht entkommen und jetzt zugegen waren,
zeigten die Stellen, wo die Legaten gefallen, wo die Adler genommen,
wo Varus verwundet, wo die Gefangenen geschlachtet worden waren.
Germanicus ließ alle Gebeine in ein gemeinsames Grab sammeln und legte
selbst den ersten Rasen zu dem Erdhügel, der es decken sollte.
Während er auf einen sicheren Sieg seiner von Rachedurst entflammten
Legionen hoffte, zogen sich die Germanen in die Wälder zurück, aus
denen sie dann hervorbrachen und den Rückzug der Feinde beunruhigten.
Auf seinem vierten Feldzuge rückte Germanicus bis an die Weser, auf
deren rechtem Ufer die Cherusker standen. Hier forderte Arminius
seinen Bruder +Flavius+, der im römischen Heere diente, zu einer
Unterredung auf, die von beiden Ufern aus gehalten wurde. Zunächst
suchte Flavius, der im Dienste der Römer reichen Lohn und Ehre
erhalten, aber ein Auge verloren hatte, den Bruder durch Aufzählung
aller Vorteile auf die Seite der Römer zu ziehen. Aber Arminius
erinnerte den Entarteten an die uralte Freiheit, an die heimischen
Götter, an den Schmerz der Mutter, an die Pflicht gegen sein Vaterland,
und beschwor ihn nicht der Verräter, sondern der Führer seines Volkes
sein zu wollen. So leidenschaftlich und vorwurfsvoll ward schließlich
die hin- und herschallende Rede, daß Flavius nach Roß und Waffen rief
und es zwischen den Brüdern, ungeachtet sie der Fluß trennte, zum
Zweikampf gekommen wäre, wenn nicht ein römischer Befehlshaber ihn
diesseits des Stromes zurückgehalten hätte.