Als Marius im nächsten Jahre (107) als Konsul die Leitung des Krieges

übernahm, änderte er die Kampfweise gegen Jugurtha, der sich inzwischen

mit seinem Schwiegervater +Bocchus+, dem König von Mauretanien

(Marokko), verbunden hatte. Statt die flüchtigen Reiterscharen des

Feindes zu verfolgen, suchte er ihm alle festen Orte und Hilfsquellen

zu entreißen. Er eroberte Burgen und Städte und machte große Beute.

Dann griff er die im Südosten Numidiens gelegene Stadt Capsa an.

Dorthin führte er sein Heer mit solcher Eile, daß seine Reiter schon

die nächsten Tore der Stadt besetzten, ehe die Einwohner seine Ankunft

erfuhren. Sie ergaben sich ohne Widerstand; dennoch ließ Marius alle

Waffenfähigen umbringen und die Stadt anzünden. Im folgenden Jahre

(106) erschien er auf der Westseite Numidiens vor der Stadt Mulucha, in

der Jugurtha seine meisten Schätze verwahrte. Sie lag am gleichnamigen

Flusse auf einem steilen Bergkegel, der nur einen einzigen Zugang bot,

und wurde von einer zahlreichen, mit allem Nötigen versehenen Besatzung

geschützt. Alle Versuche die Burg zu erstürmen mißlangen. Und schon

dachte Marius sein Vorhaben aufzugeben, als eines Tages ein Soldat

ihm anzeigte, wie er an der entgegengesetzten Seite des Berges beim

Schneckensammeln einen Weg entdeckt habe und auf die Höhe des Felsens

gekommen sei, wo die Burg unbesetzt wäre. Schon am nächsten Tage mußten

vier Centurien mit fünf Trompetern unter Leitung jenes Soldaten den

Fels erklettern. Sie fanden keine Gegenwehr, zumal da um dieselbe Zeit

die ganze Besatzung auf der andern Seite beschäftigt war, den heftiger

als je anstürmenden Feind zurückzudrängen. Plötzlich ertönten die

Trompeten der Römer und das Angstgeschrei der Weiber und Kinder, die

zuerst den eindringenden Feind erblickten. Bestürzt wich die Besatzung

in die Stadt zurück; Marius verdoppelte seine Anstrengung und drang

zugleich mit den Gegnern in die Festung ein.

Im Laufe des Jahres 106 geriet beinahe das ganze numidische Land in

die Hände der Römer. Noch in zwei Treffen besiegte Marius den Jugurtha

und den Bocchus. Letzterer zeigte sich endlich zum Frieden geneigt.

Die Unterhandlungen mit ihm betrieb +L. Cornelius Sulla+, der im Heere

des Marius Quästor war und bei Freund und Feind durch seine Tapferkeit

und kluge Führung zu großem Ansehen gekommen war. Er bewog den König

Bocchus seinen Schwiegersohn auszuliefern. Jugurtha wurde zu einer

Unterhandlung eingeladen, und als er am bestimmten Orte und Tage

erschien, von den Leuten des Königs ergriffen, gefesselt und dem Sulla

überliefert. Aber Marius kränkte es tief, daß es nicht ihm, sondern dem

Sulla gelungen war die Person des Jugurtha in seine Gewalt zu bekommen;

vor allem aber erweckte es seinen unversöhnlichen Groll, daß sich Sulla

einen Siegelring verfertigen ließ, auf dem die Auslieferung Jugurthas

dargestellt war. Die Feindschaft, die von jetzt an zwischen beiden

Männern bestand, sollte in der Folge dem römischen Staate großes Unheil

bringen.

Am ersten Tage des Jahres 104 ward Jugurtha in Rom beim Triumph des

Marius einhergeführt. Dabei riß ihm der rohe raubsüchtige Pöbel

die Kleider und Ohrringe samt den Ohrläppchen ab. Dann ward er

nackt in eine unterirdische Felskammer am Kapitol, ein ehemaliges

Brunnengewölbe, das als Gefängnis diente, hinabgestoßen. „Hu, wie kalt

ist euer Bad!“ rief der Unglückliche beim Hinabfallen. Dort ließ man

ihn sechs Tage ohne Nahrung, worauf man ihn aus Gnaden erdrosselte

(104). Sein Königreich ward geteilt: den westlichen Teil erhielt

König Bocchus als Lohn seines Verrates, den östlichen ein Enkel des

Massinissa und Halbbruder des Jugurtha.

Marius war inzwischen, während er noch als Prokonsul in Afrika an der

Spitze des Heeres stand, und ohne daß er sich darum beworben hatte,

gegen alles Herkommen abermals zum Konsul für 104 erwählt worden. Das

römische Reich nämlich und Rom selbst war an anderer Stelle in Gefahr

des Untergangs geraten, und Marius sollte es retten. Ein furchtbarer

Feind stand plötzlich an der Grenze Italiens.

Schon vor Beginn des jugurthinischen Krieges vernahm man in Rom, daß

unter den Völkern nördlich der Alpen eine große Bewegung entstanden

sei; in großen Haufen zögen sie gegen die Alpen, um im Süden neue

Wohnsitze zu erobern. In der Tat erschienen im Jahre 113 v. Chr. an

den Ostalpen, im heutigen Krain, die +Cimbern+, ein germanischer

Volksstamm, der wahrscheinlich bis da im Norden Germaniens gesessen

hatte. Zu ihnen gesellten sich später die +Teutonen+, +Ambronen+ und

andere Stämme. Sie zogen mit Weibern und Kindern und aller fahrenden

Habe, ein ungeheurer Schwarm von mehr als 300000 Kriegern. Bei

Aquileja stellte sich ihnen der Konsul Papirius Carbo entgegen, erlitt

aber eine völlige Niederlage. Doch wandte sich der feindliche Zug für

diesmal von Italien ab nach Westen, wo er Gallien und Spanien raubend

und verwüstend heimsuchte. Dort begegneten sie den Römern abermals im

südöstlichen Gallien, in der römischen Provinz (~Gallia transalpina~,

der heutigen Provence), und brachten ihnen in den Jahren 109-105

mehrere vernichtende Niederlagen bei.

Italien zitterte vor den gewaltigen Scharen des Nordens, wie in den

Tagen Hannibals: der Schrecken war zu Rom so groß, daß sich niemand um

das Konsulat des Jahres 104 zu melden wagte. Da hoffte das Volk von

Marius, dem Bezwinger Jugurthas, Rettung. Es wählte ihn zum Konsul

und übertrug ihm die Leitung des Krieges in Gallien. Nachdem er im

Beginn des Jahres, wie oben erzählt, seinen Triumph über Jugurtha

gefeiert hatte, begab er sich in die Provinz jenseits der Alpen, zum

Kampf gegen die Germanen, fand sie aber dort nicht mehr: sie waren

durch Südgallien über die Pyrenäen nach Spanien gezogen, und kehrten

von dort erst nach zwei Jahren zurück. Diese durch die Torheit der

Gegner gewährte Frist benutzte Marius, um ein neues Heer zu bilden und

die erschlaffte Kriegszucht durch unerbittliche Strenge und harten

Dienst herzustellen, und in Gallien alles vorzubereiten, was für den

neuen Kampf erforderlich schien. So groß war die Furcht in Rom und die

Zuversicht auf Marius, daß ihm, bis zur Beendigung des Krieges, das

Konsulat noch vier Mal erneuert wurde; eine Auszeichnung, die noch nie

einem Römer widerfahren war.

Im Jahre 102 kehrten die Feinde aus Spanien, wo sie hartnäckigen

Widerstand gefunden hatten, nach Gallien zurück, um nunmehr mit aller

Macht in Italien einzudringen. Sie teilten sich in zwei Haufen; die

Cimbern gingen über den Rhein, um von Rhätien (Tirol) aus in Italien

einzufallen; die Teutonen und Ambronen gedachten an der Küste entlang

durch Ligurien einzudringen.

Marius hatte am Zusammenfluß der Rhone und Isère ein Lager errichtet

und erwartete hier die Teutonen und Ambronen. Er vermied die offene

Schlacht, obschon die Feinde drei Tage lang sein Lager bestürmten, und

seine eigenen Leute ungeduldig den Kampf forderten. An der Festigkeit

der Schanzen scheiterte alle Tapferkeit, aller Ungestüm der Germanen.

Da beschlossen sie nicht länger zu zaudern, sondern geradeswegs am

römischen Lager vorüber nach Italien zu ziehen. Höhnisch riefen sie

den römischen Soldaten zu, sie zögen nach Italien; ob sie Aufträge an

ihre Frauen und Kinder zu bestellen hätten? Kaum bändigte Marius den

Zorn seiner Krieger. So groß war die Menge der Barbaren, so gewaltig

ihr Troß an Wagen und Lasttieren, daß sie sechs Tage lang an dem Lager

vorbeimarschierten. Kaum waren sie vorüber, so folgte ihnen Marius

auf dem Fuße nach und gelangte auf kürzerem Wege zugleich mit ihnen

an einen kleinen Fluß, an dem +Aquä Sextiä+ (~Aix en Provence~) lag.

Hier wählte Marius einen Hügel zum Lagerplatz, von welchem herab er die

Gegend ringsum zu übersehen vermochte. Die Germanen lagerten sich an

beiden Seiten des Flusses. Durch diese Lagerung wurden die Römer vom

Wasser abgeschnitten. Diese, von Durst gequält, klagten und murrten.

Marius aber wies auf den Fluß hin: „Ihr seid Männer“, sprach er, „dort

ist Wasser für Blut feil, und ihr klagt, daß es fehle?“ Da gingen

römische Troßknechte mit ihren Tieren zum Fluß hinab und vertrieben

einige Feinde; als aber mehr Barbaren erschienen, eilten auch römische

Soldaten hinzu. Die Teutonen aber und ihre Bundesgenossen fühlten sich

in voller Sicherheit; sie aßen, badeten und freuten sich des schönen

fruchtreichen Landes. Wie nun von beiden Seiten Hilfe erschien, wurden

zuletzt die Hauptheere selbst in den Kampf hineingezogen. Der Ambronen

waren 30000 Mann. In dem Augenblick, wo sie über den Fluß setzten, ließ

sie Marius von allen Seiten angreifen und zwar mit solchem Erfolg, daß

die meisten auf dem Platze erschlagen wurden. Die Flüchtlinge drangen

gleich den Römern bis an die Zelte und Wagen der Teutonen, die am Kampf

noch nicht teilgenommen hatten; hier wurden sie auch von den Weibern

mit Beilen und Schwertern empfangen, und erst die Dunkelheit brachte

die Kämpfenden auseinander.

Nun folgte eine grauenhafte Nacht. Die Totenklagen der Teutonen um die

gefallenen Brüder, dazwischen die Wehrufe der Verwundeten, und ihr

wilder Schlachtgesang wiederhallten in den Wäldern und klangen in das

römische Lager hinüber, daß es den Römern durch Mark und Bein ging.

Marius, der 3000 Mann unter Claudius Marcellus in einen Hinterhalt

gelegt hatte, stellte mit Anbruch des Tages sein Heer vor dem Lager in

Schlachtordnung und reizte die Teutonen durch abgesandte Reiterscharen

zur Schlacht. In dicht geschlossenen Massen stürmten diese die

beschwerlichen Höhen hinan und die Römer ihnen entgegen. Noch vor Mitte

des Tages waren die Angreifer in die Ebene zurückgedrängt, und schon

begannen ihre Reihen sich zu lösen, als auch Marcellus aus seinem

Hinterhalt hervorbrach und ihre Verwirrung vermehrte. Ordnungslose

Flucht kam über ihr ganzes Heer und nun erst begann ein entsetzliches

Morden unter den fliehenden Scharen. Der Erschlagenen und Gefangenen

waren an 100000. Der ganze Stamm war vernichtet bis auf einen geringen

Rest, der sich nach dem nördlichen Gallien rettete. Von den gefangenen

Frauen und Mädchen hatten viele nach verzweifelter Abwehr, um der

Schmach der Knechtschaft zu entgehen, sich selber den Tod gegeben.

+Teutobod+ selber, der König, geriet in Gefangenschaft (102).

Inzwischen waren die noch unbesiegten Cimbern über den Brennerpaß

vorgedrungen, hatten das Heer des +Lutatius Catulus+ an der unteren

Etsch geschlagen und südwärts über den Po zurückgedrängt. Ihr Plan

war, sich mit den Teutonen, deren Schicksal ihnen noch unbekannt

war, zu vereinigen und dann gegen Rom zu ziehen. Darüber versäumten

sie die günstige Gelegenheit, sofort nach ihrem Siege über den Po

vorzurücken und das wehrlose Italien zu erobern. Im Frühlinge des

folgenden Jahres (101) verband sich Marius mit Catulus. So rückten sie,

50000 Mann stark, wieder über den Po und stießen bei Vercellä auf den

Feind, nahe der Mündung der Sesia in den Po, wo einst Hannibal seine

erste italische Schlacht geschlagen hatte. Die Cimbern aber schickten

Abgeordnete an die römischen Feldherren und ließen um Land für sich

und ihre Brüder, die Teutonen, bitten. Sie erhielten die Antwort: für

ihre Brüder sei bereits gesorgt; sie hätten ein Land bekommen, wo

sie ewig bleiben würden. Dabei ließ Marius, um ihnen die Vernichtung

der Teutonen glaublich zu machen, den gefangenen Teutobod in Ketten

vorführen. Jetzt rückten die Cimbern vor das Lager der Römer, und

+Bojorix+, ihr König, forderte, nach dem Brauche seines Volkes, den

Gegner auf Ort und Zeit zur Schlacht zu bestimmen. Marius bezeichnete

den folgenden Tag und das raudische Feld, das der überlegenen römischen

Reiterei einen günstigen Kampfplatz bot.

Die Cimbern erwarteten den Angriff in einer viereckigen

Schlachtstellung, die sich dreiviertel Meilen in Breite und Tiefe

erstreckte. In den äußeren Gliedern hatten sich die Kämpfer mit

eisernen Ketten aneinander gebunden, um das Eindringen der Feinde zu

verhindern. Bei den Römern stand das Heer des Catulus im Mitteltreffen,

das des Marius bildete die Flügel. Im Morgennebel ward die

cimbrische Reiterei von der römischen überrascht und auf ihr Fußvolk

zurückgetrieben, das sich eben erst ordnete. Schon aber rückte das

römische Fußvolk, Sonne und Wind im Rücken, aus der staubigen Ebene

heran. Der Tag war schwül; die Cimbern hatten Sonne und Wind gegen

sich und ertrugen nicht lange die ungewohnte Hitze. So errangen die

Legionen mit geringen Verlusten einen völligen, mit der Vernichtung

des cimbrischen Volkes endigenden Sieg. Nachdem ein Teil der Feinde

dem römischen Schwerte erlegen war, floh der Rest der Wagenburg zu, wo

auch die Frauen sich zur Wehr stellten. Hier begann ein neues Gemetzel,

dem nur wenige Haufen durch die Flucht entgingen. Auch hier geschah

es, daß viele der Frauen, um nicht in Gefangenschaft zu geraten, erst

ihre Kinder, dann sich selbst töteten. Dennoch betrug die Zahl der

Gefangenen 60000; die der Gefallenen 120000.

Die Römer aber erwiesen dem Marius als dem Retter Italiens die höchste

Ehre. Sie nannten ihn den dritten Gründer der Stadt und erteilten

ihm zum sechsten Male das Konsulat. Am Triumphe aber ließ Marius den

Catulus teilnehmen. Vor dem Triumphwagen mußte der gefangene Teutobod

einherschreiten, ein Mann von so riesigem Wuchse, daß er noch über die

Siegeszeichen emporragte.

XXIV.

Bürgerkrieg. Sulla und Marius.

1. Sulla, Feldherr gegen Mithridates, vertreibt den Marius.

+Lucius Cornelius Sulla+ stammte aus einem patricischen Geschlechte.

Ein stattlicher Mann, von vornehmer stolzer Haltung, hochbegabt, mit

griechischer Sprache, Kunst und Wissenschaft gründlich vertraut, dabei

ein tapferer Soldat und geschickter Heerführer, im Verkehr gesprächig,

witzig, liebenswürdig und einnehmend, war er in Tugenden und Fehlern

das Muster der damaligen römischen Aristokratie. Ausschweifend im

Genuß, sittenlos und verschwenderisch, bewies er doch in Amt und

Dienst, in den Kämpfen des Krieges und der Politik eine unermüdliche

Kraft des Geistes und Leibes, und wo es den Sieg seiner Partei, der

Optimaten, galt, schreckte er vor keiner blutigen Gewalttat zurück. So

war er fast in allen Stücken das Gegenteil des Marius; nur in maßloser

Ruhmbegier und in der Kunst der Heerführung waren beide Männer einander

gleich. Schon seit dem Ende des jugurthinischen Krieges, wo Sulla dem

Marius die Ehre, sich der Person des Jugurtha zu bemächtigen, entrissen

hatte, lebten beide in bitterer Feindschaft, die dadurch unversöhnlich

wurde, daß Marius, nach seinen glorreichen Siegen, in Rom bald offen an

die Spitze der allmählich wieder erstarkten Volkspartei trat. Aber zu

offenem Kampfe steigerte sich dieser Gegensatz erst, als Rom in einen

neuen großen Krieg verwickelt wurde.

+Mithridátes+, der König von Pontus, an der Südküste des schwarzen

Meeres, war ein Mann von ungewöhnlichen Eigenschaften. Körperlich

ungemein stark und abgehärtet gegen alle Beschwerden, kühn und

rastlos in Gefahren und Wagnissen, enthaltsam im Sinnengenuß, wilden,

unbeugsamen Sinnes, doch nicht ohne alle Großmut, dabei von großem

Verstand und außerordentlichem Gedächtnis, herrschsüchtig, mißtrauisch

und grausam, war er ein unversöhnlicher, erbitterter Feind der Römer.

Nicht zufrieden mit seinem Reiche Pontus, erweiterte er seine Macht

durch Eroberung anderer Staaten Kleinasiens, wobei ihm der Umstand

zu großem Vorteil gereichte, daß er, der zweiundzwanzig asiatische

Sprachen redete, mit jedem Volke in seiner eigenen Sprache unterhandeln

konnte. Er hatte die Absicht sich zum Herrn von ganz Asien zu machen.

Schon hatte er einen römischen Feldherrn, den Manius Aquillius,

geschlagen, und als er ihn in seine Gewalt bekommen, gefesselt auf

einem Esel durch die Städte Kleinasiens führen und ihm zuletzt

geschmolzenes Gold in den Hals gießen lassen, um in ihm die römische

Habgier zu verhöhnen und zu strafen. Mit Freuden öffneten ihm die

griechischen Städte, als dem Erretter vom römischen Druck, ihre Tore.

Daran erließ er an alle Städte Kleinasiens den greulichen Befehl,

an einem bestimmten Tage alle römischen Bürger, ohne Unterschied

des Standes, Alters und Geschlechts zu töten. Mit schrecklicher

Pünktlichkeit erfüllten die Obrigkeiten aller Orte den Befehl, und

80000 Italiker erlagen an einem Tage der Wut des Volkes. Nachdem

Mithridates den Römern in Asien ihre Provinz entrissen hatte, streckte

er seine Hände auch nach Griechenland aus, und es war hohe Zeit für die

Römer gegen diesen Eroberer entscheidende Maßregeln zu ergreifen.

Kurz vorher hatte sich Sulla in dem gefährlichen Kriege der Römer

mit ihren aufständischen italischen Bundesgenossen (90-88), die

sich die völlige politische Gleichstellung erkämpfen wollten und

auch größtenteils erlangten, ausgezeichnet und wegen seiner überall

siegreichen Erfolge den Ehrennamen des Glücklichen erhalten. Während

seines Konsulats (88) wurde der Krieg gegen Mithridates beschlossen,

und da ihm für das folgende Jahr, bei der üblichen Verlosung der

Provinzen, die Verwaltung der Provinz Asia (des westlichen Kleinasiens)

zufiel, so übertrug ihm der Senat auch den Oberbefehl gegen

Mithridates. Dadurch fühlte sich der alternde Marius, dessen Ehrgeiz

trotz seiner 68 Jahre noch nicht gesättigt war, zurückgesetzt und

gekränkt. Wenn auch kränklich, besuchte er täglich das Marsfeld und

machte dort unter den jungen Männern alle körperlichen Übungen mit,

um den Verdacht der Hinfälligkeit zu entfernen. Er verband sich mit

dem verwegenen Volkstribunen +Sulpicius Rufus+, der ein ihm ergebenes

Gefolge von 600 Rittern hatte, die er ihrer dem Adel feindlichen

Gesinnung wegen seinen Gegensenat nannte, und außerdem noch eine Schar

von 3000 Bewaffneten in seinem Sold hatte.

Mit Hilfe dieses Sulpicius und seines Anhanges wußte Marius einen

Volksbeschluß zu erzwingen, durch den der Oberbefehl gegen Mithridates

dem Sulla genommen und ihm, dem Marius, übertragen wurde. Unter solchen

Umständen verließ der Konsul Sulla nicht ohne persönliche Gefahren die

Stadt und begab sich nach Nola in Campanien, wo die ihm angewiesenen

Legionen standen. Diesen stellte er die ihm widerfahrene Unbill und

Gewalt vor, worauf sie ihn mit stürmischem Eifer aufforderten sie

ungesäumt nach Rom zu führen, um sich sein Recht zu holen. Als daher

die von Marius abgeschickten Kriegstribunen kamen, um das Heer für ihn

zu übernehmen, wurden sie von Sullas erbitterten Soldaten gesteinigt.

Bald rückte dieser an der Spitze von sechs Legionen gegen Rom vor. Als

seine Soldaten anfangs von der Partei des Marius zurückgeschlagen

wurden, befahl Sulla den Bogenschützen Brandpfeile auf die Dächer zu

schießen, und ergriff selbst eine brennende Fackel. Darauf drangen

seine Legionen aufs neue vor, und umsonst riefen die Anhänger des

Marius Bürger und Sklaven zu den Waffen. Sulla zog siegreich in Rom

ein, vertrieb den Marius, Sulpicius und zwölf ihrer Genossen aus der

Stadt und brachte es dahin, daß sie als Feinde des Vaterlandes in die

Acht erklärt wurden. Hierauf schickte er Reiter aus, um die Flüchtigen

aufzusuchen und zu töten. Sulpicius wurde gefunden und ermordet, aber

Marius entging mit seinem Sohne und einigen Freunden den Verfolgern.

2. Flucht des Marius.

Er hatte sich an der Tibermündung nach Ostia begeben, wo er ein Boot

fand, das ihn aufnahm, aber durch einen Sturm genötigt wurde, bei

Circeji zu landen. Von den Anstrengungen der Fahrt erschöpft, von

Hunger gequält und auf allen Seiten von Gefahren umgeben, irrte Marius

mit seinen Begleitern in der Gegend umher. Gegen Abend stieß er auf

einige Kuhhirten, die er um Lebensmittel ansprach; allein sie waren

selbst arm und konnten ihm nichts geben. Indessen rieten sie ihm doch

sich eilig zu entfernen, denn eben wären Reiter dagewesen, die nach

ihm geforscht hätten. Marius verließ daher die Landstraße und floh mit

den Seinigen tief in den Wald. Am folgenden Morgen ging er, von Hunger

genötigt, wieder an die Küste, um Unterhalt und Mittel zur ferneren

Flucht zu suchen. Er war sehr ermattet, dennoch aber bestrebte er

sich seine Begleiter zu erheitern. Er bat sie nicht zu verzweifeln,

und erzählte ihnen folgendes Geschichtchen. Einst wäre er als Knabe

auf dem Felde gewesen, da wäre ihm ein Adlernest mit sieben Jungen

in den Schoß gefallen. Seine Eltern hätten die Wahrsager darüber

befragt und von diesen die Antwort erhalten, er werde einst unter den

Sterblichen sehr berühmt werden und siebenmal die höchsten Würden

bekleiden. Durch solche und ähnliche Unterhaltungen stärkte Marius den

Mut seiner Gefährten und zeigte ihnen, daß er selbst mitten im Unglück

die Hoffnung hegte, noch einmal Konsul zu werden; denn schon hatte er

sechsmal diese Würde bekleidet.

Marius war mit seinen Gefährten nicht mehr weit von der Küstenstadt

Minturnä entfernt, als er auf der einen Seite einen Haufen Reiter

erblickte, die auf ihn zueilten, und zugleich auf der andern Seite zwei

Fahrzeuge gewahr wurde, die nicht weit von der Küste hinsegelten. Ohne

sich lange zu bedenken, warf er sich mit den Seinen ins Meer und kam,

durch zwei seiner Diener unterstützt, in eines jener Schiffe; seine

übrigen Gefährten gelangten zu dem andern. Inzwischen kamen die Reiter

heran und schrieen den Schiffern zu, sie sollten landen und den Marius

entweder ausliefern oder über Bord werfen. Lange Zeit schwankten die

Schiffer, endlich ließen sie sich durch die Bitten des alten Mannes

rühren und riefen zurück, sie würden den Flüchtling schützen. Aber

kaum hatten die Reiter sich entfernt, so änderten die Schiffer ihre

Gesinnung. Sie fuhren zur Mündung des Liris zurück. Hier rieten sie dem

Marius ans Land zu gehen, einige Nahrung zu sich zu nehmen und ruhig

zu schlafen, so lange sie hier am Ufer verweilten. Er folgte ihnen,

schlief ein, und sogleich entfernten sich die Schiffer. Als Marius

erwachte und sich allein, von allen verlassen sah, blieb er lange Zeit

entmutigt am Ufer liegen. Traurige Betrachtungen mochten sein Herz

erfüllen und seinen Mut beugen. Erst nach einiger Zeit faßte er sich

wieder. Er schleppte sich durch unwegsame und sumpfige Gegenden fort

und kam zur einsamen Hütte eines Greises, den er um Schutz und Beistand

bat. Der Greis wurde durch den Anblick des Unglücklichen gerührt und

verbarg ihn unter dem gehöhlten Ufer des Liris. Aber nicht lange darauf

kamen die Reiter des Sulla und verlangten die Auslieferung des Marius.

Das hörte dieser; er verließ das Ufer und eilte zu den Morästen bei

Minturnä. Hier zog er seine Kleider aus, tauchte sich bis ans Kinn ins

Wasser und verhüllte den Kopf mit Rohr. Dennoch ward er von einigen

Reitern entdeckt. Diese warfen ihm einen Strick um den Hals, zogen ihn

aus dem Wasser und führten ihn nach Minturnä ins Gefängnis.

Die Obrigkeit von Minturnä war entschlossen den Befehlen des Senats zu

folgen und den Marius zu töten. Sie schickte deshalb einen cimbrischen

Sklaven von riesigem Wuchs ab, um durch diesen das Todesurteil

vollziehen zu lassen. Als der Sklave in das Gefängnis des Marius trat,

sah ihn dieser mit grimmem Blick und feuersprühenden Augen an und

rief ihm mit donnernder Stimme zu: „Sklave, du unterstehst dich den

Gajus Marius zu töten?“ Voll Schrecken und Entsetzen warf der Riese

sein Schwert weg, lief hinaus auf die Straße und rief: „Ich kann den

Marius nicht töten!“ Da wurden auch die Minturnenser unsicher in ihrem

Vorhaben; sie glaubten in der Furcht des Sklaven vor dem hilflosen

Greise einen Wink der Götter zu erkennen, ließen den Marius frei,

versahen ihn mit Geld und Kleidung und halfen ihm zur Flucht nach

Afrika.

Unterwegs hörte Marius, daß sich sein Sohn und einige seiner Anhänger

in Numidien befanden und segelte daher nach dem alten Hafen von

Karthago. Aber kaum war er daselbst angekommen, als ihm der Statthalter

Sextius durch einen Liktor befehlen ließ Afrika zu verlassen. Marius

war eben in düstere Betrachtungen versunken. Der Platz, auf welchem

sonst Karthago gestanden hatte, erinnerte ihn lebhaft an den Wechsel

seines eigenen Glückes. So blieb er eine Zeitlang stumm, bis ihn der

Liktor fragte, ob er ihm keine Antwort an den Prätor erteilen wollte.

Da sprach er die bedeutsamen Worte: „Melde dem Sextius, du habest den

alten Marius auf den Trümmern von Karthago sitzen sehen.“ Bald darauf

fand er seinen Sohn und dessen Gefährten. Mit diesem begab er sich auf

eine Insel unweit der Küste von Afrika, wo er den Winter hindurch lebte

und auf Rache sann.

3. Sullas Krieg gegen Mithridates.

Mittlerweile hatte Sulla in Rom die Wahl des ihm treu ergebenen

Octavius zum Konsul durchgesetzt, neben welchem das Volk den eifrigen

Marianer +Cornelius Cinna+ wählte. Diesen ließ Sulla schwören, daß er

an der Ordnung und Verfassung des Staates nichts ändern würde, und zog

im folgenden Jahre (87) mit seinem Heere gegen Mithridates, dessen

Feldherr Archelaos sich inzwischen Makedoniens und des größten Teils

von Griechenland bemächtigt und besonders in der Stadt Athen einen

festen Stützpunkt für sein Heer und seine Flotte gefunden hatte.

Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form · 第 11 / 21 段