Am anderen Tage wiederholte Octavius abermals seinen Widerspruch. Da

ließ Tiberius über seine Absetzung stimmen. Als nahezu der größere

Teil des Volkes sich gegen Octavius ausgesprochen hatte und seine

Absetzung schon fast gewiß war, trat Tiberius vor aller Augen auf

Octavius zu, umarmte ihn und bat ihn flehentlich, er möge nachgeben.

Octavius, zu Tränen gerührt, war einige Augenblicke unschlüssig.

Als er aber seine Augen auf die nahe Schar der Optimaten warf, da

befiel ihn Scham, und er hieß den Gracchus tun was er wolle. So ward

Octavius seines Amtes entsetzt, und kaum entging er den Händen des

erbitterten Volkes. Das Gesetz des Tiberius ward nun genehmigt, und

drei Männer zu seiner Ausführung gewählt: er selbst, sein Bruder Gajus

und sein Schwiegervater Appius Claudius. Aber Tiberius hatte durch

die Amtsentsetzung des Octavius, dessen Person als Tribun heilig und

unverletzlich war, eine gesetzwidrige Handlung begangen, durch welche

die Verfassung verletzt ward, und damit zuerst den Weg betreten, der

endlich zum Untergang der Republik führen mußte.

Es war bereits um die Mitte des Sommers, und es nahte die Zeit, wo

die neuen Volkstribunen gewählt wurden. Die Reichen gedachten sich

an Tiberius zu rächen, sobald er seine Würde niedergelegt hätte, und

machten vorher alle seine Schritte gehässig. Und in der Tat, die

gesetzwidrige Absetzung des Octavius war beispiellos und befremdete

sogar manchen aus dem Volke. Um sich nun in der Gunst des Volkes

zu erhalten, machte er den Vorschlag, daß die Schätze des letzten

Königs von Pérgamon, des Attălus, der das römische Volk zum Erben

seines Reiches eingesetzt hatte, unter das Volk verteilt werden,

und daß dieses über jenes Reich verfügen sollte. Durch diesen

Vorschlag verletzte er den Senat, der bisher allein über solche

Angelegenheiten zu beschließen gewohnt war auf das tiefste, und seine

Feinde verbreiteten mit Arglist das Gerücht, daß er selber nach der

königlichen Würde strebe und ein Mann aus Pergamon ihm bereits Diadem

und Purpurmantel überbracht habe.

Unter solchen Umständen bewarb sich Tiberius um das Tribunat für das

folgende Jahr. Die Wahl fiel in die Erntezeit, wo nur der besitzlose

städtische Pöbel in Rom anwesend, die Landbewohner aber auf dem Felde

beschäftigt waren. An dem Wahltage aber kam es zu Streit und Einspruch

und Tiberius, der die Wahl leitete, verlegte die Versammlung auf den

folgenden Tag, den übrigen Teil des Tages ging er in Trauerkleidern,

seinen Knaben an der Hand, auf dem Forum umher und bat die Bürger

für die Sicherheit seines Lebens zu sorgen. Eine große Schar armen

Volkes begleitete ihn und bewachte während der Nacht sein Haus. Am

folgenden Morgen besetzten große Haufen Volks das Kapitolium; in der

Nähe versammelte sich der Senat in einem Tempel. Schlimme Vorzeichen,

erzählte man, schreckten den Tiberius, als er sein Haus verließ.

Aber die Freunde machten ihm Mut, und als er die Stufen des Kapitols

hinanstieg, begrüßte ihn das Volk mit lautem Freudengeschrei. Allein

die Versammlung blieb auch diesmal ohne Ergebnis. Inzwischen brachte

ihm ein Freund die Nachricht, daß die Gegner beschlossen hatten ihre

Sklaven und Klienten zu bewaffnen. Als dies ruchbar wurde, erhob sich

unter seinen Anhängern ein wilder Lärm. Tiberius wollte reden; da

er aber bei diesem Getümmel sich nicht hörbar machen konnte, zeigte

er mit der Hand nach seinem Kopfe, um dem Volke seine Lebensgefahr

anzudeuten. Von dieser Bewegung des Tiberius erhielten die Senatoren

sogleich Nachricht und legten sie boshafter Weise so aus, als habe

Tiberius die Krone gefordert. Da sprang +Scipio Nasīca+, ein harter

und leidenschaftlicher Aristokrat, auf und verlangte von dem Konsul,

er solle Gewalt gegen den Hochverräter gebrauchen. Der Konsul +Mucius

Scävola+ aber, ein Mann von strengem Rechtsgefühl und der Reform

geneigt, weigerte sich die geheiligte Person des Tribunen zu verletzen.

Darauf rief Scipio: „Weil denn der Konsul die gemeine Sache verläßt,

so folge mir jeder, der sie retten will!“ So stürmte er, von seinen

Anhängern begleitet, aus dem Tempel und viele schlossen sich ihm auf

dem Wege an. Das Volk erstaunte bei der Ankunft der Senatoren und

machte ehrerbietig Platz. Diese aber ergriffen was sie von Beinen und

Stücken zerbrochener Bänke und Gerätschaften vorfanden, und schlugen

auf das Volk los, das nach allen Seiten hin die schleunigste Flucht

ergriff. Auch Tiberius floh, stürzte aber über einige vor ihm liegende

Leichen. Da erschlug ihn einer der Wütenden -- der Tribun Publius

Saturnejus und Lucius Rufus stritten sich später um diese Heldentat

-- durch einen Knüttelschlag auf die Schläfe, vor den Bildsäulen der

sieben Könige beim Tempel der Fides (Treue). Seine Leiche und die der

übrigen Erschlagenen, deren über dreihundert waren, wurden am Abend

durch die Gassen geschleift und in die Tiber geworfen. Vergebens bat

sein Bruder Gajus sie bestatten zu dürfen.

Das Ackergesetz des Tiberius und der Ausschuß von drei Männern

(~triumviri~), die mit der Ausführung betraut waren, blieben auch

nach dem Tode ihres Urhebers bestehen, obgleich die Optimaten alles

aufboten, um die Verteilung des Gemeinlandes zu hintertreiben. Zu

diesen gehörte selbst der Schwager des Ermordeten, Scipio Africanus,

der, als er vor Numantia die Nachricht von dem Tode des Gracchus

erhielt, des homerischen Verses gedachte:

„So mags jedem ergehn, der solcherlei Taten verübt hat!“

Wie dieser dann einige Jahre nachher selber als ein Opfer des

Parteihasses fiel, ist bereits oben erzählt worden. Die an Tiberius

und seinen Anhängern verübte Freveltat, die in der ganzen bisherigen

Geschichte Roms nicht ihres gleichen hatte, ward zwar von den

Gemäßigten auch unter den Optimaten verurteilt, aber der Senat

suchte sie als die Strafe eines nach der Krone strebenden Verräters

zu rechtfertigen, und ließ sogar gegen seine Anhänger im Volke mit

blutigen Richtersprüchen vorgehen, während der Hauptschuldige, Scipio

Nasica, um ihn der Rache der Menge zu entziehen, mit einem Auftrage

nach Asien gesendet wurde. Seine Bluttat aber wirkte wie eine böse Saat

in den folgenden Parteikämpfen.

+Gajus Sempronius Gracchus+, neun Jahre jünger als sein Bruder Tiberius

-- er war im Jahre 153 geboren -- lebte nach dessen Untergang in

stiller Zurückgezogenheit. Er glich dem älteren Bruder an strenger

Sitte und hochstrebender vornehmer Gesinnung, übertraf ihn aber an

Geist und Beredsamkeit, und war viel feuriger und leidenschaftlicher,

dabei trotz seiner Jugend bereits im Felde bewährt und in allen

Staatsgeschäften sicher und gewandt, unermüdlich, unbeugsam in seinem

ererbten Kampfe gegen die volksfeindliche Optimatenpartei. Einst,

da er einen Freund vor Gericht verteidigte, erregte er durch seine

hinreißende stürmische Rede eine solche Bewunderung, daß der Adel in

Sorge geriet, es möchte in ihm ein Rächer seines Bruders erstehen, und

deshalb einen Vorwand suchte, um ihn von Rom zu entfernen. Er wurde

als Quästor nach Sardinien geschickt und dort über die gesetzliche

Frist festgehalten. Aber Gajus merkte die Absicht des Senats. Plötzlich

verließ er seine Stelle, eilte nach Rom zurück und bewarb sich um das

Tribunat (124). Man sagte, er sei dazu durch einen Traum aufgefordert

worden. Sein ermordeter Bruder sei ihm nämlich im Traum erschienen und

hätte gesagt: „Umsonst sträubst du dich, Gajus, dir bleibt doch ein Tod

wie der meinige beschieden.“

Als seine Mutter Cornelia von seiner Bewerbung um das Tribunat hörte,

suchte sie ihn davon abzubringen. Zwar hatte sie selbst vordem ihre

Söhne angetrieben nach Ehren und Ruhm zu streben, aber das traurige

Ende ihres älteren Sohnes hatte ihren stolzen Sinn gebeugt. Sie kannte

die Feuerseele des hochbegabten und früh zum Manne gereiften Sohnes,

seinen unauslöschlichen Haß gegen die herrschende Aristokratie, die ihm

den geliebten Bruder gemordet und seinen unbändigen Drang die Schäden

der öffentlichen Zustände zu heilen. In ihren Briefen bat sie ihn mit

den rührendsten Ausdrücken von einem Unternehmen abzulassen, das für

ihn höchst gefährlich werden könnte. Aber Gajus beharrte auf seinem

Vorhaben und erreichte seine Wahl für das folgende Jahr.

Zwei Jahre hintereinander, 123 und 122, bekleidete er das Tribunat. Er

erneuerte nicht nur das Ackergesetz seines Bruders, sondern schwächte,

um sich die Gunst der großen Volksmenge zu verschaffen, durch eine

ganze Reihe von Vorschlägen und Gesetzen die Macht des Senates. Sein

Getreidegesetz, wonach regelmäßig Getreide unter die ärmeren Bürger zu

sehr billigen Preisen abgegeben werden sollte, legte der Staatskasse

bedeutende Kosten auf, und konnte nur dazu dienen die ohnehin schon

bestehende Trägheit und Genußsucht des großstädtischen Pöbels zu

nähren. Besonders einschneidend war das Gesetz, durch welches er den

Senatoren die Gerichtsbarkeit entzog, indem es bestimmte, daß die

Gerichte fortan nicht mehr mit Männern aus dem Senatoren-, sondern

aus dem Ritterstande besetzt werden sollten, der zwischen dem Senats-

und dem Bürgerstande die Mitte bildete. Die Absicht war dem Unfug zu

steuern, daß die dem ersten Stande angehörigen Angeklagten von ihren

Standesgenossen, aller Schuld ungeachtet, häufig freigesprochen wurden.

Nun gehörten aber dem Ritterstande die zahlreichen Steuerpächter

(~publicani~) an, welche in großen Gesellschaften vereinigt, in den

Provinzen die Steuern erhoben, wobei sie durch Erpressungen aller

Art die Provinzialen auszubeuten gewohnt waren. Wenn sich nun die

ausgesogenen Provinzen gezwungen sahen die Steuerpächter in Rom vor

Gericht zu ziehen, so fanden sie bei den neuen Richtern, die eben aus

Rittern, den Standesgenossen der Angeklagten, bestanden, noch weniger

Schutz als früher, als die Richterstellen mit Senatoren besetzt wurden.

Außerdem gewann Gajus das Volk durch den Bau von Landstraßen, durch

Herabsetzung der Kriegsdienstzeit, durch Ausrüstung der Soldaten auf

Staatskosten, und stellte den Antrag eine römische Kolonie auf der

Stätte des zerstörten Karthago zu gründen.

Aber seine Gegner fanden ein Mittel, um dem unermüdlichen Tribunen

die Volksgunst zu entziehen. Sie gewannen einen seiner Kollegen,

+Livius Drusus+, der durch Vorschläge, welche den Wünschen des Volkes

entsprachen, namentlich durch Beantragung von Kolonien in +Italien

selbst+ statt der +überseeischen+ in Afrika, jenen noch bei weitem

überbieten, und für diese Vorschläge schon im voraus die Genehmigung

des Senats versprechen sollte. Durch dieses Verfahren suchte der

Senat im Volke die Meinung zu erwecken, daß er nur aus Abneigung und

Mißtrauen gegen den persönlichen Ehrgeiz des Gracchus den Wünschen

des Volkes widerstrebe, und daß er diese befriedigen werde, sobald

jener vom Tribunate entfernt sei. So verlor Gracchus allmählich die

schwankende Gunst des Volkes; er erlangte das Tribunat nicht zum

dritten Mal, während sein erbittertster Gegner +Opimius+ Konsul ward.

Eines Tages, als seine Unverletzlichkeit bereits aufgehört hatte,

erschien er mit einem Haufen der Seinigen auf dem Kapitol, als eben

Opimius die gewöhnlichen Opfer verrichtete. Gerade trug der Liktor

Antyllius die Eingeweide des Opfertieres heraus, ein stolzer und

trotziger Mensch. Als dieser zu den Anhängern des Gracchus kam, rief er

ihnen zu: „Hinweg, ihr schlechten Bürger, macht braven Leuten Platz!“

Diese Worte brachten einen Begleiter des Gracchus in so heftigen

Zorn, daß er den Beleidiger auf der Stelle niederstieß. Das war ein

schweres Vergehen gegen die Heiligkeit des Ortes und der Opferhandlung,

das man in dem entstehenden Auflauf dem Gracchus selber zu Lasten

legte und vom Konsul benutzt wurde, um gegen ihn und seinen Anhang

mit Gewalt einzuschreiten. Als Gracchus heimkehrte, führte ihn sein

Weg über das Forum an der Bildsäule seines Vaters vorbei. Er blieb

stehen, betrachtete sie eine Zeitlang in düsterem Schweigen, dann brach

ein Strom von Tränen aus seinen Augen. Seine Freunde, tief gerührt,

schwuren ihn niemals zu verlassen, und wachten die ganze Nacht vor

seiner Wohnung.

Inzwischen hatte der Senat, der früher den Mord des Tiberius

ungeahndet gelassen hatte, nicht nur die strengste Ahndung des an

dem Liktor begangenen Frevels beschlossen, sondern wie bei einem

hochverräterischen Aufstande den Konsuln den Auftrag erteilt,

„vorzusorgen, daß das Gemeinwesen keinen Schaden nähme“ (~videant

consules ne quid respublica detrimenti capiat~): was die Befugnis

bedeutete, nach eigenem Ermessen und ohne auf Gesetz und Herkommen zu

achten, gegen die Feinde des Staates zu verfahren.

Darauf bewaffnete der Konsul Opimius die Senatoren und Ritter und

ließ sie das Kapitol besetzen, während die Anhänger des Gracchus,

unter Führung seines Freundes Fulvius Flaccus, sich auf dem Aventin

versammelten. Als er selbst am nächsten Morgen, nur mit einem kleinen

Dolch versehen, eben im Begriff war, mit einigen Freunden das Haus zu

verlassen, trat ihm seine Gattin Licinia entgegen. Mit der einen Hand

führte sie ihren kleinen Sohn, mit der andern ergriff sie die Toga

ihres Gatten und rief: „Wohin eilst du, mein Gajus? Willst du dich

unbewaffnet deinen Feinden preisgeben? Erinnerst du dich nicht an das

Schicksal deines Bruders? Ach, ich Unglückliche, wer weiß, ob ich

nicht bald das Meer oder die Tiber bitten muß, mir deinen Leichnam

wiederzugeben, um ihn bestatten zu können.“ Gajus, tief erschüttert,

zögerte, aber er sollte seinem Verhängnis nicht entgehen. Seine Freunde

winkten, und er riß sich aus den Umarmungen seiner Gattin und entfernte

sich, ohne ihr zu antworten. Licinia folgte ihrem Mann und suchte ihn

zu halten; aber vergebens. Ohnmächtig sank sie auf der Straße nieder;

ein Diener trug sie ins Haus zurück.

Gajus kam indessen zum Fulvius auf den aventinischen Berg. Von hier

aus suchten beide mit dem Konsul zu unterhandeln. Fulvius schickte

einen seiner Söhne mit dem Friedensstab in der Hand an ihn ab; der

schöne Knabe trat mit bescheidenem Anstand vor den Konsul und meldete

tränenden Auges seines Vaters Anerbieten. Opimius aber gab ihm harten

Bescheid: nicht durch Boten sollten sie den Senat angehen, sondern

sich selber als schuldbeladene Bürger zum Gericht stellen und den Zorn

der Senatoren zu besänftigen suchen. Dem Boten aber befahl er auf

diese Bedingung oder gar nicht wieder zu kommen. Gleichwohl schickte

Fulvius seinen Sohn zum zweiten Mal; Opimius aber, der den Kampf zu

beginnen eilte, ließ diesen ergreifen und ins Gefängnis werfen. Darauf

zog er gegen den Aventin mit Schwerbewaffneten und mit Bogenschützen,

durch deren Pfeile viele verwundet wurden und die Menge in Verwirrung

geriet. Bei der allgemeinen Flucht verbarg sich anfangs Fulvius, ward

aber entdeckt und niedergehauen. Gajus floh über die Tiber in einen

der Furina geheiligten Hain. Als er keinen Ausweg mehr sah, ließ er

sich von einem treuen Sklaven töten. Sein Leichnam fiel in die Hand

eines vornehmen Mannes, des Septumulejus; dieser schnitt ihm den Kopf

ab, füllte ihn mit Blei und brachte ihn zum Konsul; denn Opimius hatte

versprochen, demjenigen, der den Kopf des Gracchus brächte, so viel

Gold zu geben, als der Kopf wiegen würde (121).

Nach dem Tode des Gracchus wurden fast alle seine Gesetze aufgehoben

und die Herrschaft der Senatspartei mit blutiger Strenge wieder

hergestellt. Aber auf die von den Gracchen versuchte Revolution folgten

bald neue Unruhen und zerrüttende Bürgerkriege, die Rom an den Rand des

Untergangs brachten, und mit dem Verlust der republikanischen Freiheit

enden sollten.

XXIII.

Gajus Marius. -- Jugurtha. -- Cimbernkrieg.

+Marius+ war der Sohn eines Landmanns aus Arpinum im Lande der Volsker.

Aus niederem Stande entsprossen, wuchs er ohne allen Unterricht auf

und war von rohen, derben Sitten. Frühzeitig entwickelte er eine

ungewöhnliche Begabung für das Kriegswesen, sodaß er in der Folge einer

der tüchtigsten Feldherren wurde. War er auch ohne gelehrte Bildung,

so besaß er doch viel Verstand, rasche Fassung, große Rednergabe und

eine glühende Begierde nach Ruhm. Seine ersten Kriegsdienste tat er

vor Numantia unter dem Oberbefehl des Scipio, und schon damals erregte

er durch seine militärische Begabung dessen Aufmerksamkeit. Als einst

einige Freunde des Scipio fragten: „Wer wird dich uns ersetzen, wenn

das Schicksal dich uns entreißen sollte?“ antwortete er, indem er

Marius auf die Schulter klopfte: „Dieser hier!“ Nach Rom zurückgekehrt,

erhielt Marius das Amt eines Volkstribunen und verteidigte als solcher

die Rechte seiner Standesgenossen gegen die Partei der Optimaten, die

er tödlich haßte, und die schon damals in ihm einen furchtbaren Gegner

erkannten. Die erste Gelegenheit, selbständig als Feldherr aufzutreten

und sich um sein Vaterland hochverdient zu machen, gab ihm der Krieg,

den die Römer gegen Jugurtha, König von Numidien, führten. Zugleich

zeigte dieser Krieg die Entartung der damaligen Römer, besonders die

Habsucht und Bestechlichkeit der Optimaten.

Des Königs Massinissa Sohn Micipsa hatte vor seinem Tode das numidische

Reich, das sich westlich von der römischen Provinz Afrika, die Küste

entlang und südwärts bis zur Wüste erstreckte, unter seine beiden

Söhne Adherbal und Hiémpsal und seinen Bruderssohn Jugurtha geteilt.

Aber der herrschsüchtige Jugurtha, der nach dem Besitz des Ganzen

trachtete, tötete bald darauf den Hiempsal und nötigte den Adherbal

zur Flucht nach Rom. Hier aber hatte Jugurtha durch sein Gold schon

viele Senatoren bestochen, sodaß an seine Bestrafung nicht gedacht,

vielmehr das Reich in zwei Hälften geteilt ward, von denen Jugurtha

die bessere erhielt. Auch damit noch nicht zufrieden, bekriegte er

ohne alle Veranlassung den Adherbal und ließ ihn, nach Übergabe seiner

Hauptstadt, ermorden. Da erst, nachdem bei dem Blutbad auch eine

Anzahl römischer Bürger umgekommen waren, entschloß sich der Senat,

durch die wachsende Erbitterung des Volkes geängstigt, den frechen

Missetäter zu bestrafen (111).

Aber der Konsul Calpurnius Piso Bestia, der mit einem Heere nach Afrika

übersetzte, und sein Legat, der vornehmste aller Senatoren, Ämilius

Scaurus, ließen sich durch Jugurthas Gold gewinnen und bewilligten ihm

einen Frieden, der den Besiegten nur zur Auslieferung seiner Elefanten

und zur Zahlung einer Geldbuße verpflichtete. Solchem Beispiel des

Konsuls folgten die unteren Führer der Truppen: einige lieferten dem

Jugurtha die abgenommenen Elefanten wieder aus, andere verkauften ihm

die Überläufer, und noch andere plünderten die Bewohner der Provinz

Afrika. Als die Nachricht von diesem Vertrage nach Rom kam, erkannte

man ohne Mühe den schmählichen Betrug, und ein Sturm des Unwillens

erhob sich. Mit flammender Rede erwirkte der Tribun Gajus +Memmius+

bei dem Volke den Beschluß, daß die Sache untersucht, die Schuldigen

bestraft und Jugurtha selber in Rom erscheinen sollte, um sich vor

dem Volke zu rechtfertigen. Unter der Zusage persönlicher Sicherheit

kam Jugurtha nach Rom, ohne königlichen Schmuck, im Trauergewand,

wie ein demütiger Angeklagter. Aber im geheimen begann er sofort

seine Bestechungen von neuem. Da er wußte, daß jedes Unternehmen

eines Tribunen vereitelt werden konnte, wenn sich ein anderer Tribun

widersetzte, so brachte er den Tribunen Bäbius durch große Geldsummen

auf seine Seite. In der Volksversammlung hielt ihm Memmius alle seine

Verbrechen vor. Als er ihn aber aufforderte, seine Mitschuldigen zu

nennen, fuhr Bäbius dazwischen und verbot dem König auf diese Frage zu

antworten. So wurde das Volksgericht vereitelt.

Durch diesen Erfolg ermuntert, und im Vertrauen auf die Macht seines

Goldes, trieb Jugurtha seine Frechheit noch weiter. In Rom hielt sich

damals ein Enkel des Massinissa, Massiva, auf, der nach dem Sturze

Jugurthas selber König von Numidien zu werden hoffte. Diesen ließ er

durch einen seiner Vertrauten meuchlings beseitigen, und als der Mörder

bestraft werden sollte, verhalf er ihm zur Flucht. Nun war auch die

Geduld des Senates zu Ende. Der geschlossene Friede ward für ungültig

erklärt, dem König aufs neue der Krieg angekündigt und befohlen sofort

Rom und Italien zu verlassen. Als er die Stadt verließ, soll er sich

wiederholt nach ihr umgewendet und zuletzt gesagt haben, die ganze

Stadt wäre käuflich und dem Untergang verfallen, wenn sich nur ein

Käufer fände, reich genug den Preis zu zahlen.

Aber der Wiederbeginn des Krieges brachte den Römern eine bittere

Enttäuschung. Der neue Konsul Postumius Albinus war unfähig oder

bestochen, das Heer zuchtlos und entartet. Und als während einer

Abwesenheit des Konsuls sein Bruder den Oberbefehl führte, ließ er sich

von dem schlauen Gegner in einen Hinterhalt locken, und wurde gezwungen

mit dem Heere unter dem Joche abzuziehen und sogar die Räumung

Numidiens zu versprechen (109).

Diese Schmach ertrug das römische Volk nicht. Der frühere und der

damalige Führer des Heeres und viele mitschuldige Senatoren wurden

wegen Landesverrat vor Gericht gestellt und in die Verbannung

geschickt. Gegen Jugurtha aber sandte man den Konsul +Q. Cäcilius

Metellus+, und +G. Marius+ begleitete ihn als Legat (Unterfeldherr).

Der unbestechliche Metellus stellte die Zucht des Heeres wieder her,

führte den Krieg zwei Jahre lang mit allem Nachdruck, trieb den

Jugurtha in die Enge und eroberte eine Stadt nach der andern, aber

den Ruhm, den Krieg zu beendigen, wußte ihm der ehrgeizige Marius zu

entziehen. Marius wollte sich um das Konsulat bewerben, und da er zu

diesem Zwecke in Rom anwesend sein mußte, suchte er beim Oberfeldherrn

um Urlaub nach. Der adelsstolze Metellus, über diese Absicht des

Emporkömmlings erstaunt und entrüstet, riet ihm, nicht über seinen

Stand hinauszustreben. Als aber jener nicht abließ um Urlaub zu bitten,

sagte Metellus mit bitterem Spotte: „Du wirst noch früh genug nach Rom

kommen, wenn du dich zugleich mit meinem Sohne zum Konsulate meldest.“

Der junge Metellus war aber erst zwanzig Jahre alt, und da zum Konsulat

ein Alter von dreiundvierzig Jahren erforderlich war, hätte Marius nach

den höhnischen Worten des Konsuls noch dreiundzwanzig Jahre warten

können. Marius, durch diesen Hohn schwer gekränkt, erzwang den Urlaub

und zeigte sich von jetzt an bei jeder Gelegenheit als Gegner des

stolzen Aristokraten. In Rom gab er zu verstehen, daß jener den Krieg

absichtlich in die Länge ziehe; und zum Konsul gewählt, erhielt er auch

den Oberbefehl gegen Jugurtha (108). Bis dahin war es noch keinem Manne

von niederer Herkunft gelungen diese höchste Würde zu erlangen.

Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form · 第 10 / 21 段