Volk. Als Bauer im Sabinerlande geboren, war er Zeit seines Lebens von
derben bäuerischen Sitten geblieben, und ein erbitterter Feind der
feineren griechischen Bildung und der damit verbundenen Sittenänderung.
Wie er im punischen und makedonischen Kriege sich in vielen Schlachten
hervorgetan, so war er auch im Frieden unermüdlich im Dienste des
Staates und erreichte die höchsten Ämter. Als Zensor übte er gegen alle
Bürger, selbst die vornehmsten, welche sich ihres Standes unwürdig
benommen hatten, eine unnachsichtige Strenge. Man nennt ihn deshalb,
zum Unterschiede von dem gleichnamigen Gegner Cäsars, Censorius. Zur
Prüfung einer Streitsache zwischen Karthago und Massinissa war er nach
Afrika geschickt worden, und sah mit Erstaunen und Sorge, wie sehr sich
die Stadt in dem halben Jahrhundert des Friedens wieder gehoben hatte.
Handel und Verkehr blühten, die Volkszahl war so groß wie ehemals, der
Kriegshafen voll von Schiffen und die Zeughäuser angefüllt mit Waffen
und aller Art von Kriegsgerät. Seit dieser Zeit stimmte Cato für die
Zerstörung Karthagos und fügte jedem Vortrage, den er im Senat hielt,
die Worte hinzu: „Übrigens bin ich der Meinung, daß Karthago zerstört
werden muß.“ Einst brachte er einige Feigen in die Senatsversammlung.
Als die Senatoren deren Größe und Schönheit bewunderten, sagte er:
„Diese Feigen sind erst vor drei Tagen in Karthago gepflückt worden; so
schöne Frucht trägt dies feindliche Land, und so nahe sind wir ihm.“
Durch solche und ähnliche Künste suchte Cato den Senat für seinen
Vorschlag zu gewinnen.
Vergeblich erhob sich im Senat ein lebhafter Widerspruch gegen ein so
ungerechtes und zugleich unkluges Verfahren. Man besorgte mit Recht,
daß die Kräfte der Römer erschlaffen oder sich gegen den Staat selbst
richten würden, wenn sie nicht mehr durch Furcht vor der Nebenbuhlerin
angespannt oder nach außen geleitet würden. Endlich drang jedoch
Cato mit seiner Meinung durch. Als bald darauf Karthago, durch die
unablässigen Übergriffe Massinissas gereizt, sich mit Waffengewalt
gegen ihn erhob, benutzte der römische Senat diesen Anlaß, um die Stadt
des Friedensbruches anzuklagen, und die Konsuln erhielten den Befehl,
von Sicilien aus nach Afrika zu gehen und den Krieg gegen Karthago zu
beginnen (149).
Als die Karthager davon hörten, gerieten sie in die größte Bestürzung.
Im Gefühl ihrer Schwäche schickten sie zu wiederholten Malen Gesandte
nach Rom und unterwarfen sich gänzlich dem Willen der Römer. Der
Senat nahm ihre Unterwerfung an und befahl ihnen dreihundert Geiseln,
Söhne ihrer vornehmsten Bürger, nach Sicilien zu bringen und den
Konsuln Folge zu leisten. Die Geiseln wurden gestellt, aber die
Konsuln segelten gleichwohl mit ihrem Heere nach Afrika. Bei der
Ankunft eines so großen Heeres schickten die Karthager von neuem eine
Gesandtschaft an die Konsuln, um sie zu fragen, was sie tun sollten,
und mit dem Versprechen, daß sie alles zu tun bereit wären. Die Konsuln
verlangten, die Karthager sollten ihre vorrätigen Schiffe, Waffen und
Kriegsmaschinen ausliefern. Die Karthager stellten ihnen vor, daß sie
von inneren und äußeren Feinden umgeben wären und also ihrer Waffen
bedürften. Allein die Konsuln antworteten in stolzem Tone: „Rom wird
für eure Sicherheit sorgen.“ Und Karthago gehorchte noch einmal. Die
Schiffe wurden verbrannt, die Kriegsgeräte ausgeliefert. Ihre Zahl soll
sich auf 200000 schwere Rüstungen und 3000 Katapulten (Wurfmaschinen)
belaufen haben. Hierauf riefen die Konsuln die vornehmsten Senatoren
der Karthager zu sich, um ihnen die letzten Befehle des römischen
Senats zu eröffnen. Sie erschienen, ein ehrwürdiger Zug von dreißig
Greisen, denen eine nicht minder ehrwürdige Anzahl von Priestern und
vornehmen Männern folgte. Jetzt verlangten die Konsuln im Namen des
Senats: die Karthager sollten ihre Stadt verlassen und eine andere
bauen, die über 10000 Schritte weit vom Meer entfernt wäre Und keine
Mauern hätte; denn das jetzige Karthago müsse dem Erdboden gleich
gemacht werden.
Mit Entsetzen hörten die Abgeordneten diese furchtbaren Befehle,
und brachen in so herzergreifendes Wehklagen aus, daß selbst das
umstehende Kriegsvolk dadurch gerührt wurde. Aber die Konsuln blieben
erbarmungslos, sie bestanden auf ihrer Forderung, und die Gesandten
kehrten ganz entmutigt nach Karthago zurück. Hier aber, als sich die
Schreckenskunde verbreitete, bemächtigte sich des Volkes eine rasende
Wut und Verzweiflung. Die Wut wendete sich zuerst gegen diejenigen der
Senatoren, die zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten.
Andere ergriffen die Abgeordneten, steinigten sie und schleiften
ihre Körper durch die Straßen der Stadt. Noch andere ermordeten alle
anwesenden Italiker oder zogen mit Hohngelächter in die Tempel der
Götter, die, wie sie sagten, nicht einmal Kraft genug zu ihrer eigenen
Verteidigung hätten. Nur wenige behielten bei der allgemeinen Aufregung
einige Besonnenheit. Diese verschlossen die Tore der Stadt und trugen
eine große Menge Steine auf die Mauern, um damit wenigstens den ersten
Angriff zurückzutreiben.
Als die Heftigkeit des ersten Schmerzes vorüber war, versammelten
sich die Senatoren von neuem. Alle waren entschlossen ihre Stadt aufs
äußerste zu verteidigen und entweder zu siegen oder zu sterben. Eine
rastlose Tätigkeit begann und setzte alles in Bewegung. Die Verbrecher
wurden aus den Gefängnissen erlöst, die Sklaven freigelassen,
die Verbannten zurückgerufen und alle Einwohner zum Waffendienst
verpflichtet. Aber nun fühlte man den Mangel an Waffen. Da wandelten
sich alle Tempel und öffentlichen Gebäude in Werkstätten. Alle, ohne
Unterschied des Standes und Alters, Männer und Weiber, arbeiteten Tag
und Nacht an der Verfertigung von Waffen. Überall suchte man Eisen
und Erz zusammen und nahm sogar den Gold- und Silberschmuck von den
Bildnissen der Götter. Die Weiber schnitten ihre Haare ab, um daraus
Stricke zu drehen. Bei einem solchen Eifer wurden täglich 140 Schilde,
300 Schwerter, 500 Lanzen und 1000 Wurfspeere verfertigt. Sogar fünfzig
neue Kriegsschiffe wurden gebaut.
Die Konsuln hatten indessen mit ihrem Angriff gezögert. Als sie
endlich heranrückten, um die Stadt mit Sturm zu nehmen, wurden sie
zurückgeschlagen. Außerdem war Hasdrubal, ein verbannter Karthager,
mit 20000 Vertriebenen zurückgekehrt. So verteidigten sich die
Karthager zwei Jahre lang (149-147) mit verzweifeltem Mute, und alle
Anstrengungen der römischen Feldherren blieben ohne Erfolg.
Da wählten die Römer, des langen Zauderns müde, den +P. Cornelius
Scipio+ zum Konsul und übertrugen ihm den Oberbefehl gegen Karthago.
Scipio fand ein zuchtloses und träges Heer; die Herstellung der
Kriegszucht war daher seine erste Sorge. Dann legte er große Wälle und
Dämme an, um den Karthagern die Zufuhr vom Lande und von der Seeseite
her abzuschneiden. Aber die Karthager gruben auf der inneren Seite des
Hafens eine neue Mündung ins Meer hinaus. Da sie die Arbeit ganz geheim
betrieben hatten, so erstaunten die Belagerer nicht wenig, als sie
eines Tages die Feinde mit 50 Kriegsschiffen heranfahren sahen. Scipio
schlug sie jedoch in einem Seegefechte, und machte nun Anstalt zur
Bestürmung der Stadt und rückte an die Mauer. Im Frühling des Jahres
146 erstürmte er zuerst den unteren Teil der Stadt, der an die Häfen
stieß, während die Burg Byrsa und die zunächst anstoßenden Straßen
noch von Feinden besetzt blieben. Hier waren die Häuser am höchsten
und ein jedes mußte von den Römern, während die Punier Geschosse jeder
Art schleuderten, mit stürmender Hand genommen werden. In den Straßen,
in den Häusern, sogar auf den Dächern wurde gekämpft. Und als nun die
äußerste Häuserreihe genommen war, befahl Scipio das ganze Quartier
anzuzünden, um einen freien Raum für die Bestürmung der Burg selbst
zu gewinnen. Sechs Tage vergingen, ehe die entsetzliche Verwüstung
vollendet und die Trümmer- und Leichenhaufen weggeräumt waren. Am
siebenten Tage kamen 25000 Frauen aus der Burg herab und baten um
Schonung ihres Lebens. Scipio bewilligte ihre Bitte. Darauf kamen
30000 Männer und verlangten dieselbe Gnade. Noch wollte Hasdrubal,
der Befehlshaber der Burg, nichts von Übergabe wissen. Mit Weib und
Kind und mit 900 römischen Überläufern zog er sich zuletzt in das
hohe Tempelgebäude des Äsculapius (des Gottes der Heilkunst) zurück.
Als aber die Römer auch bis zu dieser äußersten Höhe herangerückt
waren, verließ ihn der Mut. Ohne Mitwissen der anderen kam er mit
einem Ölzweige in der Hand und bat zu Scipios Füßen um Frieden. Seine
Gattin und die übrigen zündeten den Tempel an und stürzten sich in die
Flammen. Die noch nicht zerstörten Teile der Stadt wurden darauf zur
Plünderung den Truppen preisgegeben; nur die Beute der Tempel an Gold,
Silber und Kunstwerken behielt Scipio für den öffentlichen Schatz. Die
meisten Einwohner wurden als Sklaven verkauft; viele, unter ihnen auch
Hasdrubal, wurden als Gefangene an einzelne italische Städte verteilt
und von diesen bis zu ihrem Tode in Haft gehalten. Der Senat beschloß,
daß Karthago dem Erdboden gleich gemacht und jeder verflucht sein
sollte, der je die Stätte desselben wieder bebauen würde. Nach diesem
Beschluß wurden auch die noch stehenden Reste der Stadt angezündet.
Siebzehn Tage brannte die vorher von 700000 Menschen bevölkerte, über
700 Jahre alte gewaltige Stadt. Eines Tages beschaute Scipio an der
Seite seines Freundes, des griechischen Geschichtschreibers Polybios,
von einer Anhöhe aus die rauchenden Trümmer der Stadt, deren Flotten
einst die Meere beherrscht hatten. Eine tiefe Wehmut ergriff ihn, da er
der Hinfälligkeit aller Menschenmacht und Menschenglückes gedachte, und
er erinnerte sich und die Freunde jener Worte, die der Dichter Homer
dem Priamos in den Mund legt:
Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs.
Scipio erhielt von der Zerstörung Karthagos den Ehrennamen Africanus,
und wird, um ihn von dem älteren Scipio, dem Sieger bei Zama, zu
unterscheiden, der jüngere Afrikaner (~Africanus minor~) genannt. Das
Gebiet Karthagos ward unter dem Namen Afrika eine römische Provinz.
In demselben Jahre, als Karthago fiel, wurde auch Makedonien in eine
römische Provinz verwandelt, und auch das freie Griechenland infolge
einer Empörung unter den Statthalter von Makedonien gestellt, nachdem
die große und reiche Stadt Korinth durch den Konsul +Mummius+ erobert
und zerstört worden war (146).
Nachdem Scipio zwölf Jahre in Ruhe und Muße, mit den Wissenschaften
beschäftigt, gelebt hatte, wurde ihm eine neue Gelegenheit zu
kriegerischer Auszeichnung zuteil. Die Veranlassung zu diesem neuen
siegreichen Feldzug bot der Kampf gegen die Stadt +Numántia+ in Spanien.
In dieser Provinz hatte die Habsucht, die Willkür und rohe Grausamkeit
der römischen Statthalter, von denen einer sogar wehrlos versammelte
Einwohner, die sich unterwarfen, niederhauen ließ, eine allgemeine
Empörung erregt. An die Spitze stellte sich +Viriáthus+, ein kühner
Lusitanier. Gewöhnt an ein freies Leben im Gebirge, abgehärtet,
gewandt, kräftig von Körper, keine Gefahr scheuend, geliebt von seinen
Landsleuten, vertraut mit dem Boden seines bergigen Vaterlandes,
verstand er sein Volk zum Kampf für die Freiheit zu begeistern. So
verteidigte er sich acht Jahre lang (148-140) gegen die römischen
Feldherren, bis er endlich durch Meuchelmord fiel.
Aber auch nach seinem Tode dauerte der Freiheitskampf der Spanier
fort. Den heftigsten Widerstand leistete zuletzt die Stadt +Numántia+.
Sie lag auf der altkastilischen Hochebene, am Flusse Durius (Dūero),
auf steiler Höhe, von Talschluchten und Wäldern umgeben; Wälle und
Gräben schützten den einzigen Zugang aus der Ebene. Die keltiberischen
Einwohner, unter ihnen gegen 8000 wehrhafte Männer, waren wegen ihrer
kriegerischen Tüchtigkeit bekannt. Schon sieben Jahre lang hatten sie
sich gegen die römischen Angriffe behauptet, und in Rom begann man
unruhig und besorgt zu werden. Man zieh die bisherigen Führer der
Unfähigkeit oder des Verrats und meinte, nur Scipio, der Zerstörer
Karthagos, könne hier helfen. So übertrug ihm das Volk den Heerbefehl
in Spanien (134).
Bei seiner Ankunft im Lager fand er die Kriegszucht im Heere gänzlich
erschlafft; im Lager wimmelte es von Krämern, Schenkwirten und
Gesindel; die Soldaten lebten nur in Lust und Spiel. Die Herstellung
der alten Mannszucht beschäftigte ihn daher ein ganzes Jahr. Er übte
die der Arbeit entwöhnten Soldaten unaufhörlich und mit unerbittlicher
Strenge im Lagerbau, Lasttragen, Marschieren, in Manövern und
Streifzügen. Da er die Stadt auszuhungern gedachte, so vermied er einen
Sturm, rückte aber immer näher an sie heran, schloß sie mit Wall und
Graben ein und schnitt ihr so von allen Seiten die Zufuhr ab. Da der
reißende Strom des Duero die Linie der Einschließung unterbrach und den
Bau einer Brücke nicht zuließ, so baute er an beiden Ufern Kastelle,
von denen aus schwere, mit Seilen aneinander hangende Balken, die
rundum von Sicheln und eisernen Spitzen starrten, über das Wasser von
einer Seite zur andern gespannt wurden, so daß man weder schwimmend
noch fahrend den Fluß hinabkommen konnte. Das Heer hatte Scipio bis auf
60000 Mann gebracht und die Belagerten bei mehrmaligen Ausfällen mit
großem Verlust zurückgeschlagen. Schon währte die Belagerung fünfzehn
Monate; die Hungersnot wütete unter den Numantinern; Gras und das
Lederwerk von den Waffen dienten zur Nahrung; man verzehrte Leichname,
und die Mütter schlachteten zuletzt ihre Kinder. Endlich baten die
Belagerten um Frieden. Aber Scipio verlangte Übergabe auf Gnade oder
Ungnade. Die Gesandten, welche diesen Bescheid brachten, wurden von den
verzweifelten Einwohnern erschlagen; dennoch blieb ihnen nichts anderes
übrig. Sie öffneten die Tore, baten aber die Römer erst am dritten
Tage einzuziehen. Diese Frist benutzte ein Teil der Einwohner sich
durch freiwilligen Tod der Knechtschaft zu entziehen. Der kleine Rest,
von Elend und Krankheit furchtbar entstellt, ergab sich dem Sieger.
Sie wurden als Sklaven verkauft; nur fünfzig sparte Scipio für seinen
Triumph auf. Die Stadt wurde gänzlich zerstört. Scipio erhielt von
dieser Eroberung einen zweiten Beinamen, +Numantīnus+.
Als er nach Rom zurückgekehrt war, stand er in den dort ausgebrochenen
blutigen Parteikämpfen auf der Seite des Adels gegen die von den
Gracchen geführte Demokratie, bis er, wahrscheinlich ein Opfer des
Parteihasses, starb. Nachdem er in einer Volksversammlung eine dem
Volkswillen abgünstige Rede gehalten, fand man ihn am folgenden Tage
tot im Bette; der Dolch eines Meuchelmörders hatte ihn getroffen (129).
Wer die Tat verübt und auf wessen Anstiften, ist niemals aufgehellt
worden.
XXII.
Die beiden Gracchen.
Jener Tiberius Sempronius Gracchus, der sich des älteren Scipio gegen
seine Ankläger angenommen hatte (S. 91), vermählte sich in der Folge
mit dessen Tochter +Cornelia+. Einst, erzählt man, ergriff er auf
seinem Lager ein Paar Schlangen. Die Wahrsager, über dies schreckhafte
Zeichen befragt, erklärten, daß, wenn das männliche Tier getötet würde,
dies dem Tiberius, der Tod des weiblichen aber der Cornelia den Tod
bringen werde. Da ließ Tiberius, in edler Gattenliebe, das männliche
töten, das andere aber verschonen, und nicht lange hernach starb er.
Cornelia aber gab ihren beiden Söhnen +Tiberius+ und +Gajus+, und ihrer
Tochter Sempronia, die sich später mit dem jüngeren Scipio Africanus
vermählte, die sorgfältigste Erziehung. Einst erhielt sie den Besuch
einer vornehmen Campanerin, welche ihren reichen Schmuck von Gold und
kostbaren Steinen vor ihr ausbreitete. Als sie dann Cornelia bat, sie
möchte ihr nun auch den ihrigen zeigen, da ließ die stolze Römerin
ihre beiden Söhne kommen und sagte, auf sie hinweisend: „Diese sind
mein Schmuck, meine Kleinodien.“
Zum Jüngling herangewachsen, machte der ältere, +Tiberius Sempronius
Gracchus+, mit seinem Schwager Scipio als dessen Zeltgenosse den
Kriegszug gegen Karthago mit. Er zeichnete sich hier durch Pflichttreue
und Tapferkeit aus und erstieg zuerst von den Römern die Mauer der
Stadt. Später ging er als Quästor (Schatzmeister) mit dem Konsul
Mancīnus nach Spanien in den Krieg gegen die Numantiner. Als dieser
ungeschickte Feldherr einst, nach vielen großen Verlusten, aufbrechen
und das Lager verlassen wollte, wurde er mit seinem ganzen Heere
von den Numantinern eingeschlossen und in Gegenden gedrängt, die
keine Flucht zuließen. Mancinus, an aller Rettung verzweifelnd,
schickte Gesandte an die Numantiner um Waffenstillstand und
Friedensunterhandlungen. Die Numantiner erklärten, daß sie allein
zu Tiberius Vertrauen hätten und nur mit ihm unterhandeln wollten.
So ward denn Tiberius gesandt, und er schloß mit den Feinden einen
Friedensvertrag, der dem römischen Staate 20000 Bürger rettete. Als
er aber nach Rom zurückkehrte, ward der ganze Vertrag vom Senate
verworfen, und der Beschluß gefaßt, daß alle Befehlshaber, die sich an
dem Abschluß des schmachvollen Vertrages beteiligt hätten, dem Feinde
ausgeliefert werden sollten. Doch des Tiberius menschenfreundliche
Denkungsart, sein leutseliges Wesen und seine Rechtlichkeit hatten
ihm bereits die Volksgunst in solchem Grade gewonnen, daß seine
Auslieferung abgelehnt wurde. So wurde nur der Konsul Mancinus
ausgeliefert, aber die Numantiner waren edelmütig genug dieses
Sühnopfer des Vertragsbruchs nicht anzunehmen und den unglücklichen
Mann unverletzt zu entlassen.
Doch nicht seine Taten im Felde, sondern seine Wirksamkeit im Staate
war es, die den Tiberius berühmt gemacht hat. Schon früh hatte Cornelia
den Ehrgeiz ihrer Söhne geweckt und genährt. „Warum rühmt man mich“,
sagte sie zu ihnen, „immer nur als die Schwiegermutter des Scipio und
nicht auch als die Mutter der Gracchen? Den Kriegsruhm eures Schwagers
werdet ihr einst übertreffen oder erreichen; aber eine andere nicht
minder ehrenvolle Laufbahn steht euch offen, durch weise Gesetze für
das gemeine Wohl des Volkes zu sorgen.“
Diesen von der Mutter angedeuteten Weg schlug jetzt Tiberius ein.
Erbittert durch den ihm in der numantinischen Sache angetanen Schimpf,
wandte er sich von seinen adligen Standesgenossen ab, um fortan die
Sache des Volkes zu vertreten und die Vorherrschaft des Adels im Staate
und in der Ausnutzung des Staatsgutes zu bekämpfen. Zu diesem Zwecke
bewarb er sich um das Volkstribunat für das Jahr 133, und ward unter
großem Beifall des Volkes gewählt, das seit langer Zeit von gärender
Unzufriedenheit erfüllt war.
Der Grund bestand darin, daß bei weitem der größte Teil alles Landes
in Italien in den Besitz der reichen herrschenden Familien, der
Optimaten, gekommen war, während die große Masse der eigentlichen
Bauern mehr und mehr verarmt war und ihre kleinen Höfe verkaufen oder
ihren harten Gläubigern überlassen mußten. Und doch waren sie es, die
in den unaufhörlichen Kriegen Roms den Kern des Heeres bildeten und
ihr Blut für die Eroberungen des Staates vergossen. Um nun dieser
für den Bestand des Staates so wichtigen Klasse von Bürgern einen
neuen Grundbesitz zu verschaffen, erneuerte Tiberius als Volkstribun
jenes alte licinische Gesetz (S. 47), daß kein Bürger mehr als 500
Morgen des ursprünglich dem Staate gehörigen Landes (~ager publicus~)
besitzen sollte. Dies Land war nämlich den unterworfenen Städten und
Gemeinden Italiens abgenommen und als Eigentum des römischen Staates
gegen geringen Pachtzins an vornehme römische Bürger vergeben worden
und bildete einen großen Teil alles anbaufähigen Landes der Halbinsel.
Der Staat hatte demnach das Recht diesen Besitz zurückzunehmen oder
einzuschränken, zumal er nur den großen Familien zugute kam. Jedoch
erlaubte das neue Gesetz, daß ein Familienvater für jeden Sohn, der
noch unter seiner Aufsicht lebte, 250 Morgen mehr besitzen dürfe.
Alles übrige Land sollte eingezogen und, zu kleinen Gütern vermessen,
unter die besitzlosen Bürger verteilt werden. Um dieses Gesetz
durchzuführen, verband sich Tiberius mit einer Anzahl der angesehensten
und wohlmeinendsten Männer, welche seine politischen Ansichten teilten;
unter ihnen war sein Schwiegervater Appius Claudius, der Oberpriester
Crassus und der große Rechtsgelehrte Mucius Scävola.
Es war natürlich, daß Tiberius durch seinen Vorschlag die Gunst
des Volkes in vollstem Maße gewann, dagegen aber auch den Haß und
den Widerstand der herrschenden Partei aufs heftigste reizte. Mit
hinreißender Beredsamkeit schilderte er die traurige Lage des armen
Volkes: „Die Tiere des Feldes und Waldes haben ihre Gruben und Nester,
und jedes findet eine Stätte zum Ruhen. Aber die Männer, die für
Italien bluten und sterben, haben nur Anteil an Luft und Licht; ohne
Häuser, ohne feste Wohnsitze irren sie umher mit Weib und Kind. Was
will es noch bedeuten, daß der Heerführer seine Krieger, wenn es in die
Schlacht geht, ermahnt, für Haus und Herd und die Gräber ihrer Väter zu
fechten? Keiner von all den Tausenden besitzt mehr die Stelle, da einst
die Hausgötter seiner Vorfahren standen, oder wo ihre Väter begraben
liegen. Für anderer Wohlleben und Reichtum kämpfen und fallen sie, und
werden Herren der Welt genannt, die doch selbst keine Scholle mehr zu
eigen besitzen.“
Gegen den Vorschlag des Tiberius erhob sich, wie zu erwarten gewesen,
der heftigste Widerstand, und die Erbitterung der Gemüter stieg auf
beiden Seiten, bis endlich der Tag herannahte, an welchem in der
Volksversammlung über das Gesetz abgestimmt werden sollte. Als Tiberius
an diesem Tage seinen Vorschlag noch einmal dem Volke vortrug, trat
plötzlich ein anderer Tribun, +Octavius+, auf und hinderte durch seine
Einsprache die Verlesung des Vorschlags und die Abstimmung darüber.
Diesen Tribunen hatten die Optimaten für sich gewonnen, da sie sonst
kein Mittel hatten, das Gesetz, das ihrer schrankenlosen Habsucht
Grenzen setzte, zu hintertreiben. Denn nach dem geltenden Rechte konnte
kein Vorschlag Gesetzkraft erhalten, wenn auch nur einer der zehn
Tribunen dagegen Einspruch tat.
Vergebens suchte Tiberius den Gegner umzustimmen. In der Meinung,
jener befürchte selbst bei der Verteilung des Landes Verlust an seinem
Eigentum, bot er ihm Ersatz aus seinem eigenen Vermögen an. Als auch
dies nichts fruchtete, verließ ihn seine bisherige Geduld. Die milden
Bestimmungen seines Vorschlages zugunsten der Söhne nahm er weg; von
jetzt an sollte jeder Reiche nur 500 Morgen und ohne alle Entschädigung
für das, was er verlor, behalten. Die Reichen legten Trauerkleider an
und suchten Mitleid bei der Bürgerschaft zu erregen; aber heimlich
sollen sie Meuchelmörder gedungen haben, um den tödlich gehaßten Mann
aus dem Wege zu räumen. Dieser trug fortan einen Dolch, sprach vor
dem Volke von seiner Gefahr, und ging nicht mehr ohne Geleit seiner
Anhänger aus dem Hause. Oft war eine Schar von 3-4000 Menschen um ihn.
In der nächsten Volksversammlung befahl Tiberius von neuem die
Verlesung seines Vorschlags, und Octavius wiederholte seine
Einsprache. Die Volksmenge geriet in Aufruhr. Als Tiberius dennoch
zur Abstimmung schreiten wollte, bemerkte man, daß die Urnen, worein
die Stimmtäfelchen geworfen wurden, weggenommen waren. Wie nun die
Volksmenge immer heftiger tobte und Octavius nicht nachgeben wollte,
rief Tiberius: „Ich weiß kein anderes Mittel als dies, daß einer von
uns sein Amt niederlege. Laß du das Volk über mich zuerst abstimmen;
wenn es mich meiner Würde entsetzt, so gehe ich als Privatmann nach
Hause.“ Da Octavius auch dies versagte, so beschied Tiberius das Volk
auf den anderen Tag wieder, um über die Absetzung zu entscheiden.