Nun gab Hannibal die Stadt Capua ihrem Schicksal preis. Die Belagerten

erkannten ihren hoffnungslosen Zustand und beschlossen die Übergabe; da

trat ein Mann, namens Vibius Virrius, der am meisten zum Abfall von Rom

geraten hatte, hervor und sagte: „Von dem erbitterten Feinde ist keine

Gnade zu hoffen; retten kann uns nur der Tod. Wer von euch den Mut hat

dies Ende auf sich zu nehmen, der komme heute zu mir als Gast. Habt

ihr euch da an Speise und Trank gelabt, so will ich euch einen Becher

bieten, der von aller Schmach erretten soll.“ Siebenundzwanzig folgten

ihm zu diesem Totenmahle, bei dem sie sich erst mit Wein berauschten,

dann das Gift, das er ihnen reichte, tranken, sodaß sie vor dem Einzuge

der Feinde den Geist aufgaben. Die Stadt aber erfuhr eine furchtbare

Züchtigung. Siebzig Ratsherren wurden hingerichtet, dreihundert der

edelsten Campaner starben im Kerker, eine Menge Bürger wurde verkauft,

und Capua fortan als ein untertäniger, des Stadtrechts entkleideter Ort

behandelt. Gleiche Strenge erfuhren mehrere kleinere Städte Campaniens

als Strafe für ihren Abfall, und die treu gebliebenen fühlten sich in

ihrem Widerstand gegen den Feind eines glücklichen Ausgangs sicher.

Dieser Kampf dauerte in den südlichen Teilen Italiens mit wechselndem

Glück noch Jahre lang fort, ohne eine Entscheidung herbeizuführen.

Marcellus, der Eroberer von Syrakus, wiederholt zum Konsul gewählt,

führte ihn mit der ihm eigenen Umsicht und Zähigkeit, bis er in einem

ihm gelegten Hinterhalt den Tod fand (208). Zwei Jahre nach Capuas

Fall ward auch Tarent von dem Konsul Q. Fabius -- es war das fünfte

Konsulat des 80jährigen Helden -- erstürmt und mit furchtbarer Härte

für den Abfall gestraft. Hannibals Versuch, die unglückliche Stadt zu

schützen, kam zu spät.

=8. Hannibal und Scipio. Schlacht bei Zama.= (202).

Da Hannibal ohne Unterstützung von Karthago blieb, so setzte er seine

Hoffnung auf das an Hilfsmitteln unerschöpfliche Spanien, von wo ihm

seine Brüder Hasdrubal und Mago zu verschiedenen Malen neue Truppen

zuzuführen suchten. Aber auch diese Hoffnung täuschte ihn. Hasdrubal

war schon mit einem starken Heere, dem letzten, das er in Spanien hatte

sammeln können, über die Alpen nach Italien und am östlichen Apennin

entlang bis in die Landschaft Picenum gelangt, wo ihm der Konsul Livius

Salinator entgegentrat. Auf die Kunde hiervon eilte auch der andere

Konsul Claudius Nero, der in Unteritalien Hannibal gegenüber im Lager

stand, bevor dieser von der Ankunft seines Bruders Nachricht erhalten,

in raschem Zuge seinem Amtsgenossen zu Hilfe. Vereinigt schlugen und

vernichteten sie bei Sena Gallica am Flusse Metaurus, im Jahre 207,

das feindliche Heer. Als Hasdrubal die Niederlage der Seinen erkannte,

stürzte er sich unter die Feinde und kämpfte, bis er den Tod fand.

Darauf kehrte Nero in sein altes Lager zurück und ließ, wie erzählt

wird, das blutige Haupt Hadrubals unter die feindlichen Vorposten

schleudern. Als Hannibal seines Bruders Kopf erkannte und seine letzte

Hoffnung geschwunden sah, soll er in bitterem Schmerze ausgerufen

haben: „Daran erkenne ich Karthagos Schicksal!“

In den letzten Jahren behauptete sich Hannibal nur noch im Gebiete der

ihm treuen Bruttier und verfuhr nur verteidigungsweise. Endlich ward er

vom Rate zu Karthago zum Schutze der Vaterstadt zurückgerufen, da die

Römer in Afrika gelandet waren und Karthago selbst bedrängten. Hannibal

zögerte nicht dem Ruf zu folgen; denn seine Rolle in Italien war

ohnehin zu Ende. In Kroton (Cortona) bestieg er mit dem Reste seines

Heeres die Schiffe und verließ den Schauplatz seines sechzehnjährigen

Kampfes (203). Ebenso wurde sein jüngster Bruder Mago, der seit

drei Jahren in Norditalien sich festgesetzt und behauptet hatte,

heimgerufen, starb aber auf der Fahrt an einer Verwundung.

In Rom atmete man auf, als der gewaltige „libysche Löwe“ endlich den

italischen Boden freiwillig verließ. Bei diesem Anlaß ward dem einzig

überlebenden der Feldherren, die gegen ihn gefochten hatten, dem bald

90jährigen Quintus Fabius von Senat und Bürgerschaft die höchste Ehre

erwiesen, die ein Bürger erreichen konnte. Er empfing den Graskranz,

den nach alter Sitte das Heer seinem Feldherrn darbrachte, dem es seine

Rettung zu verdanken hatte. Noch in demselben Jahre starb der alte Held.

Der Feldherr aber, der den Krieg nach Afrika verlegt hatte, war

+Publius Cornelius Scipio+, der Sohn jenes Scipio, der im Treffen

am Ticinus verwundet worden war. Sein Vater und sein Oheim hatten,

nachdem sie fast ganz Spanien erobert hatten, zuletzt im Kampfe gegen

Hannibals Bruder Hamilkar schwere Niederlagen erlitten und selber den

Tod gefunden (211), und so hoffnungslos schien damals die Lage der

Römer auf dieser Halbinsel, daß in Rom jeder den Oberbefehl in diesem

gefahrvollen Kriege ablehnte. Nur der erst siebenundzwanzigjährige

Publius Scipio bot dem Vaterlande seine Dienste an. Er hatte noch nicht

das zu Staatsämtern erforderliche Alter erreicht, aber der aus schönem

Körper hervorleuchtende hohe und stolze Geist, seine Begierde den Tod

des Vaters zu rächen und seine schon bewährte Tapferkeit bestimmten

den Senat dem edlen Jüngling den Heerbefehl zu übertragen. Im Jahre

211 ging er, den die Römer mit dem Kriegsgott selber verglichen, nach

Spanien, um dieses wichtige Gebiet dem Feinde zu entreißen.

Hier fand er ein niedergeschlagenes und zerrüttetes Heer, dem er erst

Mut und Vertrauen einflößen mußte. Schon 210 eroberte er Neukarthago

und gewann unermeßliche Beute. Die Geiseln, welche die Karthager für

die Treue der Spanier hier aufbewahrten, behandelte er mit großer

Freundlichkeit und Schonung. Unter ihnen befand sich eine Jungfrau

von ausgezeichneter Schönheit. Er fragte sie nach ihren Eltern und

ihrer Heimat. Sie sagte ihm, sie sei die Tochter eines keltiberischen

Häuptlings und die Braut des Allucius, eines keltiberischen Fürsten.

Sogleich ließ Scipio ihre Eltern und ihren Bräutigam herbeikommen. Sie

naheten sich in banger Ungewißheit, aber Scipio beruhigte sie: „Hier

ist deine Braut“, sprach er zu Allucius, „nimm sie unverletzt und ohne

Lösegeld zurück, und werde ein Freund der Römer!“ Da ergriff Allucius,

von Dankgefühl und Freude hingerissen, die Rechte des Scipio und bat

die Götter solchen Edelmut würdig zu belohnen. Auch die Eltern des

Mädchens waren tief gerührt. Sie hatten ein großes Lösegeld mitgebracht

und baten ihn dies als ein Zeichen ihrer Dankbarkeit anzunehmen. Scipio

nahm das Geld, wandte sich noch einmal an Allucius und sagte: „Zu der

Mitgift, die du von deinem Schwiegervater erhalten wirst, nimm von mir

dieses Hochzeitsgeschenk.“ Freudig kehrte der glückliche Bräutigam

mit den Seinigen zurück, und indem er überall das Lob des Scipio

verbreitete, brachte er seine Mitbürger auf die Seite der Römer. „Ein

Jüngling,“ sagte er zu den Keltiberern, „ist nach Spanien gekommen,

ganz den Göttern ähnlich, der nicht bloß durch Waffen, sondern auch

durch Milde und Wohltun alles besiegt.“

Nachdem Scipio in sechsjährigem Kriege die karthagische Macht in

Spanien völlig vernichtet und die Einwohner teils mit Waffengewalt,

teils durch kluge Großmut und Milde unter römische Botmäßigkeit

gebracht hatte, kehrte er sieggekrönt nach Rom zurück (205), wo

ihm das Konsulat für das folgende Jahr übertragen wurde. Er ging

nach Sizilien und traf hier gewaltige Zurüstungen zu einem Zuge

nach Afrika, an dessen Küste er im Jahre 204 landete. Die Karthager

hatten ein bedeutendes Heer unter Hasdrubal und Syphax, dem König

von Westnumidien. Aber Scipio wußte durch eine List ihr Lager

auszukundschaften, steckte es bei einem nächtlichen Überfall in Brand

und rieb fast das ganze Heer auf. Auch in einer zweiten Schlacht schlug

er die Feinde. Da riefen die Karthager, im eigenen Lande gefährdet,

ihren Feldherrn Hannibal zurück.

Der gefürchtete Held erschien in Afrika und bezog bei +Zama+, fünf

Tagereisen von Karthago, ein Lager (202). Vor der Schlacht wünschte

er, da er wohl einen unglücklichen Ausgang voraussah, eine Unterredung

mit Scipio, um über den Frieden zu verhandeln. Sie ward ihm gewährt.

Auf einer Ebene unweit von Zama kamen beide Feldherrn zusammen. Sie

gerieten beim ersten Anblick in solches Erstaunen, daß sie sich

eine Zeit lang schweigend betrachteten. Beide hatten sich noch

niemals gesehen und doch schon so viel von einander gehört. Beide

waren die größten Feldherrn ihrer Zeit, aber in ihrem Äußeren weit

verschieden. Hannibal, damals fünfundvierzig Jahre alt, zeigte ein

finsteres, schwermütiges Antlitz; die Mühseligkeiten seiner langen und

wechselvollen Feldzüge hatten ihre tiefen Spuren darin zurückgelassen.

Scipio hingegen, damals in einem Alter von fünfunddreißig Jahren, war

ein Muster männlicher Schönheit. Nach langem Schweigen fing endlich

Hannibal die Unterredung an. Er sprach zuerst von der Veränderlichkeit

des Glücks und seinen eigenen Schicksalen; dann riet er Scipio, er möge

dem Glücke, das ihm jetzt lächele, nicht zu sehr vertrauen, und einen

sicheren Frieden einem ungewissen Kampfe vorziehen. Hierauf legte er

ihm seine Friedensbedingungen vor; er versprach im Namen der Karthager

Spanien, Sardinien und alle anderen Inseln zwischen Afrika und Italien

den Römern abzutreten. Scipio aber verwarf diese Bedingungen und

forderte vollständige Unterwerfung der Karthager. Da Hannibal diese

nicht versprechen wollte noch konnte, so schied man ohne Ergebnis von

einander, um sich zum Entscheidungskampfe zu bereiten.

Am folgenden Tage stellte Scipio die drei Linien seines Fußvolkes

in die Mitte, und zwar in durchbrochenen Gliedern, um den achtzig

Elefanten, welche Hannibal vor seiner Schlachtlinie aufstellte, Raum

zum Durchbrechen zu lassen. Auf dem linken Flügel stand die italische

Reiterei, auf dem rechten +Massinissa+, der mit den Römern verbündete

König von Ostnumidien, an der Spitze seiner numidischen Reiter. Auch

Hannibal ordnete sein Fußvolk in drei Linien. Vorn, gedeckt durch die

Reihe der Elefanten, die karthagischen Soldtruppen, hinter diesen

die libyschen Truppen, und darauf die Veteranen, die er aus Italien

hergeführt hatte. Auf den beiden Flügeln standen wie üblich die

Reitergeschwader.

Gleich beim Beginn des Treffens wurden die Elefanten durch das

Kampfgeschrei und die Feldmusik der Römer, dann durch einen Hagel von

Geschossen scheu, brachen durch die Lücken der römischen Aufstellung

und warfen sich auf die Reiterei des eigenen Heeres. Diese geriet in

Unordnung und ergriff, als jetzt die römische zum Angriff vordrang,

die Flucht. So wurden gleich anfangs die Flügel des punischen Heeres

entblößt. Aber auch die Leichtbewaffneten in der ersten und zweiten

Linie der Karthager wurden nach kurzem Gefecht auf die Hauptkolonne

zurückgeworfen. Ganze Haufen von Erschlagenen lagen der vordringenden

ersten Linie der Römer im Wege und hinderten sie im weiteren

Vorrücken. Da ließ Scipio die zweite und dritte Linie eine Schwenkung

machen und in die Flanken des Feindes vordringen. Gleichwohl hielt das

punische Heer, von Hannibal rasch wieder gesammelt und geordnet, und

zumal seine italischen Kerntruppen noch tapfer stand, bis die römische

Reiterei von der Verfolgung der punischen zurückkam und dem Fußvolk in

den Rücken fiel. Dies entschied die Niederlage der Punier; 20000 lagen

tot auf dem Schlachtfelde, etwa ebenso viele wurden gefangen. Hannibal

selbst entkam mit wenigen Reitern. Er erkannte, daß fortan jeder

Widerstand vergeblich sei, und riet in Karthago dringend zum Frieden.

Der Friede kam auf folgende Bedingungen zustande (201): die Karthager

behalten nur ihr Gebiet in Afrika, bezahlen 10000 Talente (über 47

Mill. Mark) in 50 Jahren, liefern ihre 500 Kriegsschiffe bis auf 10

aus, ebenso die Elefanten, und dürfen ohne Roms Genehmigung keinen

Krieg anfangen. Damit war die Macht und die Vorherrschaft Karthagos im

westlichen Mittelmeer gebrochen. Sicilien und die iberische Halbinsel

standen fortan als die ersten Provinzen des erstehenden römischen

Reiches (~imperium~) unter der Verwaltung römischer Statthalter. Nicht

lange, so gerieten auch die Küstenländer des östlichen Mittelmeeres

unter die Hoheit dieses Reiches.

Nach seiner Rückkehr feierte Scipio in Rom einen Triumph, der alle

früheren an Bedeutung und Glanz übertraf, und erhielt den Ehrennamen

+Africanus+.

9. Hannibals und Scipios Ausgänge.

Nach Abschluß des Friedens war Hannibal rastlos bemüht die durch den

langen Krieg erschöpften Kräfte seiner Vaterstadt wieder herzustellen

und einer besseren Zeit, auf die er immer noch hoffte, vorzusorgen. Vor

allem verwaltete er die Einkünfte und Ausgaben des Staates so weise und

sparsam, daß nicht nur die außerordentliche Kriegssteuer regelmäßig

an die Römer bezahlt wurde, sondern sogar noch ein Überschuß blieb.

Aber unter den Bürgern fehlte es ihm nicht an mächtigen Feinden, die,

von den Römern heimlich ermuntert, auf sein Verderben sannen. Um ihren

Nachstellungen zu entgehen, verließ er nach vier Jahren sein Vaterland

und ging zu +Antiochus+, dem König von Syrien, mit dessen Hilfe er

aufs neue einen Kampf gegen Rom zu beginnen hoffte. Dieser mächtige

König geriet einige Jahre später in Krieg mit Rom, den er auf Hannibals

Rat in Griechenland und Italien zu führen beschloß. Aber statt mit

aller Macht nach Italien zu gehen, zögerte er in Griechenland, bis ein

römisches Heer dort erschien und ihn bei +Thermopylä+ besiegte, worauf

er eiligst nach Asien zurückkehrte (191). Hier trat ihm im folgenden

Jahre der römische Konsul +Lucius Cornelius Scipio+ entgegen, dem sein

Bruder Publius, der Sieger von Zama, als Berater und eigentlicher

Leiter des Feldzugs beigegeben war. Die entscheidende Schlacht erfolgte

in Lydien bei +Magnesia+ am Berge Sípylos (190).

Den Angriff machten die Syrer mit ihren furchtbaren Sichelwagen.

Aber die römischen Schleuderer und Bogenschützen scheuchten die

Pferde derselben durch ihre Geschosse und ihr Geschrei, sodaß sich

diese mit den Wagen wendeten und auf den einen syrischen Flügel

einstürmten, und als hier durch die Fliehenden eine Lücke entstand,

drangen die römischen Reiter ein und brachten denselben samt dem

ganzen Mitteltreffen in Verwirrung. Auf dem rechten Flügel dagegen war

Antiochus schon nahe daran das römische Lager zu erobern, als er von

der dort aufgestellten Besatzung so empfangen wurde, daß er sein Pferd

zur Flucht wandte und den Römern das Schlachtfeld überließ. Von den

Syrern waren 50000, von den Römern nur einige hundert Mann gefallen.

Antiochus, gänzlich geschlagen, mußte in einem schimpflichen Frieden

Kleinasien bis an das Gebirge Taurus abtreten und 15000 Talente (über

70 Millionen Mark) zahlen. Auch gehörte zu den Friedensbedingungen

Hannibals Auslieferung. Dieser floh aber zu +Prúsias+, dem König

von Bithynien, der ihn sehr freundlich aufnahm und mit einer Burg

beschenkte. Hier lebte er eine Zeitlang in Frieden, richtete aber seine

Wohnung so ein, daß sie nach jeder Seite einen Ausgang hatte; denn er

zweifelte ebenso sehr an der beharrlichen Treue des Königs, als er von

dem Hasse der Römer gegen sich alles fürchtete. Und er irrte sich nicht.

Als die Römer von dem Aufenthalte ihres größten Feindes Nachricht

erhalten hatten, schickten sie eine Gesandtschaft zu Prusias, an deren

Spitze Flaminius stand. Dieser bat den König um die Auslieferung

Hannibals. Der König scheute sich das Gastrecht zu verletzen, er

fürchtete aber nicht minder das Gesuch abzuschlagen. Er ließ daher

die Römer selbst hingehen, um sich Hannibals zu bemächtigen. Eines

Tages sah dieser sein Haus auf allen Seiten von Bewaffneten umringt

und keinen Ausweg zur Flucht mehr übrig. Eingedenk seiner großen

Vergangenheit wollte er sich nicht lebendig gefangen geben. „So will

ich denn endlich die Römer“, rief er aus, „von ihrer Angst befreien, da

sie den Tod eines alten Mannes doch nicht erwarten können!“ Darauf nahm

er das Gift, das er schon längst bei sich zu führen gewohnt war, und

starb, wie er gelebt hatte, voll Haß gegen die Römer (183), einer der

größten Feldherrn der alten wie der neuen Zeit, der furchtbarste Feind,

den Rom je zu bestehen hatte.

In demselben Jahre endete auch das Leben seines großen Gegners Publius

Scipio, des Siegers von Zama. Auch dieser war dem Neide und der

Mißgunst seiner Mitbürger nicht entgangen. Er war als Unterfeldherr

seinem schwächlichen und wenig begabten Bruder Lucius im Krieg gegen

Antiochus nach Asien gefolgt, nach dessen siegreichem Ausgang jener

den Ehrennamen Asiaticus erhielt. Nach seiner Rückkehr wurde er nebst

seinem Bruder, auf Anstiften des +Cato+, angeklagt, sie wären von

Antiochus bestochen worden, um ihm einen milden Frieden zu gewähren,

und hätten einen Teil der Beute unterschlagen. Viele ehrliche, aber

allzu argwöhnische Bürger mißbilligten zwar eine solche Anklage gegen

einen so verdienstvollen Mann; dennoch ward Scipio von den Tribunen

vor das Volksgericht geladen. Und er erschien am bestimmten Tage, aber

wie ein Triumphator, das Haupt bekränzt, von zahlreichen Freunden

und Anhängern begleitet. Mitten durch die Versammlung schritt er zur

Rednerbühne. Aber anstatt sich gegen den schmählichen Vorwurf der

Bestechlichkeit und der Unterschlagung zu verteidigen, zerriß er

vor den Augen des Volkes die Rechnungen über seine und des Bruders

Amtsführung, und rief: „An diesem Tage habe ich einst Hannibal bei

Zama geschlagen und Karthago euch zinsbar gemacht. Laßt uns nicht

undankbar gegen die Götter sein! Auf! gehen wir aufs Kapitol, um ihnen

zu danken!“ Mit diesen Worten verließ er die Bühne und stieg zum nahen

Kapitol hinan. Alles Volk brach in Beifall aus und folgte ihm, nur die

Tribunen blieben, beschämt und verhöhnt, allein auf dem Platz zurück.

Scipio wurde von dem Volke zuerst auf das Kapitolium, dort zum Tempel

des Jupiter und endlich in seine eigene Wohnung zurückbegleitet. So

ward dieser Tag der Anklage für ihn fast noch ehrenvoller als der Tag

seines Triumphes.

Da aber die Anfeindungen seiner Neider und Gegner gleichwohl nicht

nachließen, so erfüllte sich das Gemüt des stolzen Mannes mit solcher

Bitterkeit, daß er nicht mehr inmitten so vieler Undankbarkeit weilen

mochte: er verließ Rom und zog sich auf sein Landgut Liternum in

Campanien zurück. Aber der Haß der Tribunen verfolgte ihn auch hier.

Sie erneuerten ihre Anklage; vergebens entschuldigte ihn sein Bruder

durch eine Krankheit. Erst als Tiberius Gracchus, sonst ein Feind der

Scipionen, eine solche Anklage für eine des römischen Staates unwürdige

Handlung erklärte, ließen die Tribunen davon ab. Scipio aber verlebte

den Rest seiner Tage in Liternum, ohne je nach Rom zurückzukehren. Ja

der Groll gegen seine Vaterstadt war so groß, daß er seiner Gattin

befahl seinen Leichnam nicht in dem Grabmal der Scipionen an der

appischen Straße, nahe vor Rom, sondern in Liternum beizusetzen und

dort auf sein Grab die Worte zu schreiben: „Undankbare Vaterstadt, auch

meine Gebeine sollst du nicht haben!“

XXI.

Kriege gegen Makedonien. Ämilius Paulus. -- Der jüngere Scipio

Africanus. Karthagos Zerstörung.

Nachdem die Römer aus dem zweiten punischen Kriege, der anfangs ihren

Staat mit dem Untergang bedroht hatte, siegreich hervorgegangen waren,

dehnten sie ihre Eroberungen auch nach Osten aus, wo sie den Kampf

mit den aus Alexanders des Großen Weltmonarchie entstandenen Reichen

begannen. Schon ehe Lucius Scipio, wie bereits erwähnt, Antiochus,

den König von Syrien, bei Magnesia besiegte, war Philippus III. von

Makedonien, der im punischen Kriege auf Hannibals Seite getreten war,

in der Schlacht bei +Kynosképhalä+ in Thessalien, wo die berühmte

makedonische Phalanx den römischen Legionen gegenübertrat, von

+Quinctius Flamininus+ geschlagen worden (197). Im Frieden mußte

Philippus alle seine Eroberungen in Griechenland herausgeben, worauf

Flamininus, für griechische Bildung begeistert, bei den isthmischen

Spielen Griechenlands Freiheit verkündigte. Die Griechen sollten fortan

nach eigenen Gesetzen leben, keine fremde Besatzung im Lande haben und

keinen Tribut bezahlen.

König Philipp suchte zwar den Frieden mit dem stetig vordringenden

Rom solange als möglich zu erhalten, erkannte aber die seinem Reiche

von dort dräuende Gefahr und traf alle Vorbereitungen zu einem neuen

Kriege, der auch bald nach seinem Tode unter seinem Sohne +Perseus+ zum

Ausbruch kam. Die Römer führten diesen Krieg in den ersten Jahren sehr

lässig, und erst +Ämilius Paullus+ erzwang durch den entscheidenden

Sieg bei +Pydna+ die Unterwerfung Makedoniens (168).

Kurz vor dieser Schlacht trat eine Mondfinsternis ein, die ein

römischer, der Astronomie kundiger Oberst, Sulpicius Gallus, dem Heere

vorhergesagt und erklärt hatte, damit sie dieselbe nicht für ein

böses Vorzeichen halten möchten, während die Makedoner sie für ein

Unglückszeichen hielten und vor Angst laut schrieen. Als die Schlacht

begann, bot der starre Lanzenwald der dichtgeschlossenen makedonischen

Phalanx den Römern einen so furchtbaren Anblick dar, daß es lange Zeit

nicht gelingen wollte die Legionen zum Angriff heranzubringen. Erst

als Ämilius hier und da Lücken bemerkte, befahl er in Keilstellung

sich in die Lücken einzudrängen, und während die Elefanten den einen

seiner Flügel zum Weichen brachten, sprengte er selbst mit einer Legion

die Mittelstellung des Feindes. So ward der Sieg in +einer+ Stunde

entschieden; 20000 Makedoner bedeckten das Schlachtfeld, 11000 wurden

gefangen. Bald darauf war Perseus genötigt sich mit den Seinigen den

Römern zu ergeben.

Ämilius Paulus feierte zu Rom einen dreitägigen Triumph und brachte

eine unermeßliche Beute heim. In allen Straßen und auf allen freien

Plätzen waren Schaugerüste für das Volk errichtet; alle Tempel

waren geöffnet und strömten, mit Kränzen geschmückt, den Duft des

köstlichsten Weihrauchs aus. Am ersten Tage wurden die erbeuteten

Gemälde, Bildsäulen, Vasen und sonstiges Kunstgerät auf 250 Wagen

aufgeführt. Am zweiten Tage wurden die eroberten Waffen und Rüstungen

im hellsten Glanze und in kunstreicher Anordnung umhergefahren,

darauf 750 Gefäße mit gemünztem Silber, zuletzt die kunstvollsten

Silbergeräte der verschiedensten Art, von zahlreichen Trägern

vorübergetragen. Am dritten Tage eröffneten 120 bekränzte Opferstiere

den Zug; ihnen folgten festlich geschmückte Knaben und Jünglinge mit

Opfergefäßen; dann kam des Perseus Schatz und sein Wagen mit dem Diadem

und Waffenschmuck, endlich seine Kinder, Perseus selbst mit verstörtem

Gesicht, samt seiner Gemahlin und Verwandtschaft. Alsdann wurden

400 goldene Ehrenkronen, welche die griechischen Städte dem Sieger

gewidmet hatten, vorbeigetragen. Den Schluß machte Ämilius selbst auf

einem mit vier weißen Rossen bespannten Triumphwagen in goldgesticktem

Purpurgewand, einen Lorbeerzweig in der Hand, und hinter ihm das

siegreiche Heer.

Perseus endete in römischer Gefangenschaft. Makedonien wurde in vier

gänzlich von einander getrennte Gemeinwesen geteilt. Mit dem Siege bei

Pydna war Roms Oberherrschaft auf der Balkanhalbinsel entschieden.

Bei all diesen Erfolgen aber blieb die Aufmerksamkeit der Römer auch

auf Karthago gerichtet, das, an günstigster Stelle der afrikanischen

Nordküste gelegen, durch seinen Handel, durch die Fruchtbarkeit und den

Reichtum des Landes sich von neuem zu einem Wohlstand erhoben hatte,

welcher den Neid und das Mißtrauen der Römer erregte. Sie ruhten nicht

eher, als bis die alte Nebenbuhlerin gänzlich vernichtet war. Der Ruhm,

Rom von dieser noch immer nicht ungefährlichen Stadt befreit zu haben,

fiel dem Publius +Cornelius Scipio Ämilianus+ zu.

Dieser Mann war der Sohn jenes Ämilius Paullus, der den makedonischen

König Perseus überwunden hatte. Er war ein tapferer und einsichtiger

Soldat, wenn auch kein großer Feldherr, von reiner edler Sinnesweise,

von einer Bildung, die ihn über alle seine Standesgenossen erhob, ein

Kenner und Freund hellenischer Kunst, Literatur und Wissenschaft.

Er war von dem kinderlosen Sohne des großen Scipio an Sohnes statt

angenommen, führte deshalb nach römischer Sitte dessen Namen und

außerdem, zur Erinnerung an sein väterliches Geschlecht den Beinamen

Ämilianus. Nachdem er während der Belagerung Karthagos sich als der

tüchtigste Offizier des Heeres bewährt hatte, wurde ihm der Oberbefehl

übertragen. Dieser Krieg aber hatte folgende Veranlassung.

+Massinissa+, König von Numidien, den die Römer den Karthagern zum

Nachbar und Aufseher hingestellt hatten, beunruhigte diese unaufhörlich

und nahm ihnen Provinzen und Städte weg. Die wiederholten Klagen der

Karthager fanden in Rom kein Gehör. Als sie endlich gegen ihn zu den

Waffen griffen, sah der römische Senat darin eine Verletzung des

Friedens. Der Mann, der fortwährend im Senate zur Zerstörung Karthagos

aufreizte, war der schon oben (S. 90) erwähnte +Marcus Porcius Cato+.

Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form · 第 8 / 21 段