Dagegen hatten Hannibals Truppen vor ihren Zelten Feuer angezündet,

ihre Glieder mit Öl geschmeidig gemacht und in Ruhe gegessen. Rüstig

an Leib und Seele ergriffen sie die Waffen und standen zur Schlacht

gerüstet, als der Feind über den Fluß gegangen war. Ins Vordertreffen

stellte der karthagische Feldherr als Plänkler 8000 leicht bewaffnete

balearische Schleuderer und Speerwerfer; hinter diesen das schwere

Fußvolk, den Kern seines Heeres; die Flügel umgab er mit seinen

zahlreichen Reitern und an die beiden Flügelspitzen stellte er zu

gleichen Teilen die wenigen Elefanten, welche ihm geblieben waren.

Vergebens ließ jetzt Sempronius seinen hitzig verfolgenden Reitern zum

Rückzug blasen; er mußte die Schlacht annehmen und ordnete die Seinen.

Die ermüdeten leichten Truppen wichen gleich anfangs zurück; dann

kam die römische Reiterei ins Gedränge und wurde von einer Wolke von

Schleuderkugeln und Speeren, welche die Balearen warfen, überschüttet.

Der Anblick und der ungewohnte Geruch der Elefanten brachte die Pferde

in Verwirrung und verursachte allgemeine Flucht. Das Fußvolk hielt

länger stand; aber die Punier waren, zuvor durch Speise gestärkt, in

das Treffen gezogen; den ermüdeten, hungrigen, vor Kälte starrenden

Römern versagte der Körper den Dienst. Da brach endlich Mago mit

seinen Numidern aus dem Hinterhalt hervor und fiel den Römern zu ihrem

großen Schrecken in den Rücken, so daß diese nach allen Seiten hin zu

kämpfen hatten. Eine Abteilung von 10000 Römern durchbrach in fester

Haltung die Mitte der feindlichen Linie und wandte sich nach Placentia;

die übrigen suchten sich an verschiedenen Stellen und unter blutigem

Gemetzel einen Ausweg. Die nach dem Lager ihren Rückzug nahmen, deren

ertranken viele in dem Fluß oder wurden von den verfolgenden Feinden

erschlagen; die meisten entrannen ohne Ordnung nach Placentia. Eben

dorthin führte der verwundete und im Lager zurückgebliebene Konsul

Scipio den Rest des Heeres. Sempronius, der sich mit wenigen Reitern

gerettet hatte, begab sich bald darauf nach Rom, wohin er berufen war,

um die Wahl der neuen Konsuln zu leiten.

Aber auch die Punier hatten starke Verluste erlitten, und die rauhe

Jahreszeit nötigte sie in Winterquartieren Ruhe und Erholung zu suchen.

Inzwischen bedrängten ihre Reiter und leichten Truppen fortwährend die

Römer in den festen Städten Placentia und Cremona, und die gallischen

Stämme folgten großenteils dem Rufe des siegreichen Puniers und

kündigten den verhaßten Römern den Gehorsam.

=4. Schlacht am trasimenischen See= (217).

Kaum begann der Frühling, so brach Hannibal gegen Italien auf.

Ansehnliche gallische Hilfsvölker begleiteten ihn, teils aus Kampf- und

Beutelust, teils um den Krieg aus ihren Gebieten entfernen zu helfen,

alle aber, um mit den Puniern die ihrer Unabhängigkeit gefährliche

römische Übermacht zu vernichten. Von den beiden Straßen, von denen

die eine von Rom über den Apennin bei Ariminium das Meer erreichte,

die andere bei Arretium, diesseits des Gebirges, endete, waren von

den beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius und Gnaeus Servilius mit

vier während des Winters vom Po fortgeführten und ergänzten Legionen

besetzt. Hannibal wählte den Weg deshalb mehr westlich in das Tal

des Arno, der nicht besonders schwierig, damals aber durch die

Schneeschmelze und die Frühlingsregen auf weite Strecken überschwemmt

war. Vier Tage und drei Nächte marschierte das Heer fortwährend durch

Wasser und Morast, aller Erquickung entbehrend. Die, welche ausruhen

wollten, warfen Haufen von Gepäck ins Wasser, um sich damit ein Lager

zu bereiten, oder legten sich auf die Leiber der gefallenen Lasttiere.

Hannibal, der auf dem einzigen noch übrigen Elefanten ritt, erlitt eine

Augenentzündung, in deren Folge er ein Auge verlor. Als er endlich nach

Verlust vieler Tiere und Menschen auf das Trockene gekommen war und das

erste Lager auf etruskischem Boden bei Fäsulä (Fiésole) bezogen hatte,

meldeten Kundschafter, das römische Heer unter dem Konsul Flaminius

stehe ostwärts in der Gegend von Arretium (Arezzo). Um diesen Mann,

dessen Unbesonnenheit ihm bekannt geworden, zum Angriff zu reizen,

verwüstete Hannibal die schönen Gefilde zwischen Fäsulä und Arretium

durch Raub und Brand. Umsonst mahnte man den Flaminius erst die Ankunft

des andern Konsuls, der noch jenseits des Gebirges am adriatischen

Meere stand, abzuwarten. Er gab das Zeichen zum Aufbruch, weil er die

Verheerungen des Feindes nicht länger dulden mochte.

Hannibal war auf seinem Marsche zu dem schmalen Landstrich gekommen,

wo der +trasimenische See+ (~lago di Perugia~) nahe an die Berge

von Cortona herantritt. Ein ganz enger Weg führt zwischen dem See

und den Hügeln in eine breitere Fläche, an deren Ende, dem Eingange

der Landenge gegenüber, eine Anhöhe emporragt. Auf dieser Anhöhe

lagerte sich Hannibal mit dem Kern seines Heeres, dem spanischen und

afrikanischen Fußvolk. Die Balearen und die übrigen leichten Truppen

stellte er in langer Reihe hinter den Hügeln auf, welche jene Fläche

auf einer Seite begrenzten; die Reiterei und die Gallier verbarg er

neben den Waldhöhen, die dem engen Eingang am See gegenüberlagen. Bei

diesem Eingange langte am Abend des folgenden Tages Flaminius an.

Gleich am nächsten Morgen, als ein dicker Nebel auf den Wassern des

Sees lag und Berg und Tal verhüllte, zog er, ohne vorher die Gegend

ausgekundschaftet zu haben, durch die enge Straße in die mittlere

Fläche, indem er nur die ihm gegenüber liegende Anhöhe von den Puniern

besetzt glaubte. So wie er sich derselben näherte und die letzten

seines Zuges an dem äußersten Hinterhalt der Feinde vorüber waren,

erfolgte der Angriff der Punier von allen Seiten und mit solchem

Ungestüm, daß sich die Römer nicht einmal in Schlachtordnung aufstellen

konnten. Kaum drei Stunden währte die Schlacht, und so hitzig ward auf

beiden Seiten gekämpft, daß man das furchtbare Erdbeben nicht gewahr

wurde, das um diese Zeit die Landschaft heimsuchte. Der Konsul selbst

fiel unter den ersten und 15000 der Seinen mit ihm. Viele wurden

in den See gejagt und ertranken, oder wurden von den verfolgenden

Reitern erschlagen. Nur einer Abteilung von 6000 Mann gelang es sich

durchzuschlagen; sie retteten sich auf eine nahe Anhöhe, von wo

sie, als der Nebel sich zerstreut hatte, das Schicksal der Ihrigen

erkannten. Ihre eilige Flucht setzten sie auch noch den nächsten Tag

fort, bis sie der Hunger zwang, sich dem Maharbal, der sie mit seiner

Reiterei verfolgte, zu ergeben. Viertausend Reiter, die der andere

Konsul zu Hilfe geschickt, wurden ebenfalls teils vernichtet, teils

gefangen. Die Zahl der Gefangenen belief sich auf 15000. Hannibal

ließ von ihnen die römischen in Fesseln legen, die italischen Bündner

(~socii~) aber frei in ihre Heimat ziehen. Ebenso hatte er schon nach

der Schlacht an der Trebia getan; denn er gedachte als der Befreier

Italiens von der Römerherrschaft aufzutreten, und hoffte dabei auf den

Beistand der bündnerischen Städte Mittel- und Unteritaliens.

Auf die erste unbestimmte Nachricht von der unglücklichen Schlacht und

der Vernichtung der zwei Legionen geriet das Volk in unbeschreibliche

Aufregung. Keiner wußte Genaues, selbst die obersten Beamten nicht;

Männer und Weiber bestürmten sie mit Fragen. Erst gegen Abend erhielt

der Senat sichere Kunde, und der Prätor teilte sie auf dem Markte mit:

„Wir haben eine große Schlacht verloren, das Heer ist vernichtet, der

Konsul tot, die Stadt in Gefahr.“

Man war darauf gefaßt den Sieger alsbald vor den Toren der Stadt

erscheinen zu sehen, und traf in höchster Eile alle Vorkehrungen zur

Abwehr. Vor allem galt es die Verteidigung des Vaterlandes, da der

eine Konsul tot, der andere fern war, in +eines+ Mannes Hand mit

unbeschränkter Machtbefugnis zu legen, das heißt einen Diktator zu

ernennen. Die Wahl fiel auf +Fabius Maximus+, der sich den Minucius

Rufus als Reiterobersten zugesellte.

5. Hannibal gegen Fabius Cunctator.

Aber Hannibal zog nicht gegen Rom, sondern wandte sich von Etrurien

ostwärts nach Umbrien und drang bis zur Stadt Spoletium, die er

vergebens bestürmte, da sie von einer tapferen Besatzung verteidigt

ward. Von da ging er in die fruchtbare picenische Landschaft

hinüber, ließ die Truppen einige Tage ausruhen und drang dann, unter

schrecklichen Verwüstungen, südwärts die Küste entlang bis nach

Apulien. Aber seine Hoffnung, daß sich die Bundesgenossen Roms, der

römischen Herrschaft überdrüssig, auf seine Seite schlagen würden,

blieb unerfüllt. Alle Städte schlossen ihre Tore und behandelten ihn

als Feind.

Inzwischen hatte der alte bedächtige Diktator Fabius zwei neue Legionen

gebildet und die beiden des Konsuls Servilius sowie den versprengten

Rest des geschlagenen Heeres an sich gezogen. Er folgte dem Feinde auf

seinem Marsche, nicht um im offenen Felde eine neue und vielleicht

letzte Schlacht zu schlagen, sondern um seine neuen Truppen zu üben

und zu ermutigen, die Bündner in Treue zu halten und dem Gegner keine

Rast zu lassen. Bei Arpi in Apulien bekam er ihn zuerst zu Gesicht.

Hannibal bot ihm gleich die Schlacht an; aber Fabius wich vorsichtig

aus und hielt sein Heer im festen Lager, das er immer auf den Höhen der

Berge und in ziemlicher Entfernung vom Feinde aufschlug. Da Hannibal

den vorsichtigen Gegner zu keiner Schlacht bewegen konnte, so brach er

endlich auf und zog unter steten Verwüstungen durch Samnium, um wieder

auf die Westseite des Gebirges nach Campanien zu gelangen.

Auf dem Wege dorthin kam er in eine von Bergen und Flüssen

eingeschlossene Talebene. Fabius war ihm auf dem Fuße gefolgt, hielt

die Höhen ringsum besetzt und hatte auch den Rückweg nach Samnium

verlegt. Schon schienen die Karthager verloren zu sein, als Hannibal

sich der Umschließung durch folgende List zu entziehen wußte. Er befahl

gegen zweitausend Ochsen aus den erbeuteten Herden zusammenzutreiben,

ließ ihnen dürre Reisbündel an die Hörner binden und, nachdem diese

angezündet waren, den ganzen Haufen mit Anbruch der Nacht gegen die

Anhöhen jagen, die der Feind besetzt hielt. Die römischen Truppen, die

unten am Ausgange des Tales standen, sahen mit Staunen die eilenden

Feuerlinien über sich auf den Bergen, und da sie glaubten, die

Karthager hätten sie umgangen und zögen bei Fackelschein ab, so wichen

sie seitwärts auf die Anhöhen, während die, welche oben standen, vor

dem Ansturm der wütenden Tiere flohen. Selbst Fabius wagte es nicht

seine Stellung auf der andern Seite des Tales zu verlassen. Indessen

zog Hannibal durch die geöffneten und unbewachten Pässe und entkam so

der Falle, die ihm Fabius gelegt hatte.

In Rom aber war man über die Weise, wie Fabius den Krieg führte,

unwillig, und auch im Lager erhob sich lautes Murren über den

Feldherrn, den sie wegen der Art seiner Kriegsführung spöttisch den

Zauderer (~cunctator~) nannten. Am meisten suchte sein Reiteroberst

+Minucius+ den Diktator in ein ungünstiges Licht zu stellen, und als er

nun gar eines Tages, während der Diktator in Rom beschäftigt war, ein

glückliches Gefecht geliefert hatte, brachte er es wirklich dahin, daß

die Diktatur und der Heerbefehl zwischen ihm und Fabius geteilt ward.

Sie bezogen, jeder mit zwei Legionen, getrennte Lager. Eines Tages

reizte Hannibal, der die Zwietracht seiner Gegner kannte, das Heer des

Minucius in einem engen Tale zum Gefecht. Eine plötzlich aus einem

Hinterhalte hervorbrechende Schar von 5000 Puniern faßte es in Seite

und Rücken; schon schien seine Vernichtung unvermeidlich, als Fabius,

der den ganzen Hergang von seinem nahe gelegenen Lager aus beobachtet

hatte, mit seinen Legionen ausrückte und die bereits siegreichen Feinde

so bedrängte, daß nicht nur das Heer des Minucius entsetzt wurde,

sondern auch Hannibal den Rückzug antrat und sich für besiegt erklärte.

„So habe ich doch einmal,“ sagte er zu den Seinen, „diese Wetterwolke,

die immer um den höchsten Berggipfel schwebt, in die Tiefe herab

und zur Entladung gebracht.“ Den Fabius aber begrüßte der beschämte

Minucius als Vater, und seine Legionen die des Diktators als ihre

Patrone (Beschützer). Die beiden Lager wurden wieder vereinigt, und

Minucius verzichtete gern auf den ihm eingeräumten Mitbefehl.

Von da an wurde das Verfahren des Fabius, der den Krieg in die Länge

zu ziehen und den Feind zu ermüden suchte, als weise anerkannt, der

Spottname Cunctator ward ihm jetzt zu einem Ehrennamen und der größte

Dichter jener Zeit, +Quintus Ennius+, pries ihn mit dem Verse:

+Ein+ Mann brachte dem Staat durch klügliches Zaudern Errettung.

=6. Die Schlacht bei Cannä= (216).

Die hinhaltende Kriegführung des Diktators hatte auch ihre Nachteile;

sie erschöpfte die Hilfsmittel des Landes und drohte die Treue der

darunter leidenden Bundesgenossen ins Wanken zu bringen. Deshalb

beschloß der Senat, nach Ablauf der Amtszeit des Diktators, wieder

Konsuln an die Spitze des Heeres zu stellen und dieses in solcher

Stärke ins Feld zu schicken, daß man hoffen konnte den Krieg mit einem

Schlage zu beendigen. Statt der bisherigen vier wurden acht überstarke

Legionen aufgestellt und eine gleiche Anzahl bündnerischer Truppen

einberufen. Außerdem wurde eine neunte Legion ins Po-Tal geschickt, um

die bei Hannibal stehenden Gallier zum Abzuge in ihre bedrohte Heimat

zu bewegen. Niemals hatte Rom eine solche Kriegsmacht aufgestellt. Aber

die Wahl der neuen Konsuln war nicht glücklich. Neben dem besonnenen

und kriegserfahrenen +L. Ämilius Paullus+ stand der beim Volk beliebte,

aber ebenso anmaßende wie unfähige +G. Terentius Varro+.

Hannibal, der im ganzen über 10000 Reiter und etwas mehr als 40000

Mann Fußvolk verfügte, hatte im Frühjahr 216 eine starke Stellung in

der kornreichen apulischen Ebene eingenommen, bei +Cannä+ (zwischen

den heutigen Städten Canōsa und Barletta), südlich des Flusses

Aufĭdus (Ofanto). Nordwärts standen die beiden Konsuln in gesonderten

Lagern zu beiden Seiten des Flusses. Hannibal wünschte nichts mehr

als eine entscheidende Schlacht; denn die Ebene gestattete ihm den

unbehinderten Gebrauch seiner überlegenen Reiterei, und die Nähe des

feindlichen Heeres erschwerte ihm die Verpflegung des eigenen. Eben

deshalb wollte Paullus, der die Lage des Gegners richtig beurteilte,

den entscheidenden Kampf noch hinausschieben und auf ein den Römern

günstigeres Schlachtfeld verlegen. Aber der hitzige Varro achtete nicht

auf seine Vorstellungen, und da sie im Heerbefehl einen Tag um den

andern wechselten, so führte er an seinem Tage das Heer, gegen 80000

Mann, zur Schlacht hinaus auf das rechte Flußufer, während ein kleiner

Teil, 10000 Mann, auf dem linken im Lager zurückblieb.

Beide Schlachtlinien lehnten sich mit einem Flügel an das rechte

Flußufer, so daß der römische nach Süden stand, der punische nach

Norden gewandt war. Varro hatte die römischen Reiter am Flusse,

die der Bundesgenossen auf dem andern Flügel, in der Mitte das

Fußvolk in tiefen Massen aufgestellt; vor der ganzen Linie standen

in mäßigen Zwischenräumen die Leichtbewaffneten. Auf dem rechten

Flügel befehligte Ämilius Paullus, auf dem linken Varro, in der Mitte

Servilius, der Konsul des vorigen Jahres. Auch Hannibal stellte

seine Leichtbewaffneten vor die Front, links zunächst am Flusse die

schwere gallische und spanische Reiterei, auf der andern die leichte

numidische. Dazwischen bildete das schwerbewaffnete Fußvolk eine

weite halbmondförmige Linie, in deren Mitte die Gallier und Spanier

am meisten nach vorn, die Afrikaner nach beiden Seiten mehr zurück

standen. Diese mittleren Truppen befehligte Hannibal selbst mit seinem

Bruder Mago, den linken Flügel Hasdrubal, den rechten Hanno.

Es war ein heißer Junitag; glühend blies der Südwestwind den Römern

ins Gesicht und wirbelte ihnen große Staubwolken entgegen. Die

Leichtbewaffneten begannen die Schlacht, jedoch auf beiden Seiten ohne

Entscheidung. Dann aber erfolgte ein blutiger Kampf zwischen den am

Flusse stehenden Reitern, die in dem engen Raum zum Teil absprangen und

zu Fuß Mann gegen Mann stritten. Die Römer, völlig geworfen, wurden

teils niedergemacht, teils in den Fluß getrieben und zersprengt.

Paullus, schwer verwundet, rettete sich zu dem Fußvolk. Dieses hatte

inzwischen den Angriff auf die feindliche Mitte siegreich begonnen. Die

Gallier und Spanier, überwältigt von dem ersten Stoße der Legionen,

wichen zurück und öffneten die Linie, während die Afrikaner etwas

weiter seitwärts unbewegt feststanden. Die römische Schlachtlinie,

die Weichenden verfolgend, drang immer tiefer in den offen gelassenen

Raum hinein und sah sich auf einmal von den Afrikanern in ihren

Flanken angegriffen. Indes währte das Gefecht auf dem andern Flügel

unentschieden fort, bis Hasdrubal von der linken Seite den Puniern zu

Hilfe kam und auch hier die römische Reiterei zum Weichen brachte.

Das Verfolgen der Geschlagenen überließ er den Numidern; er selbst

schwenkte mit seinen Reitern nach der Mitte hin und griff das römische

Fußvolk im Rücken an. Dieses, nunmehr von allen Seiten eingeschlossen,

wurde fast bis auf den letzten Mann niedergemacht. Von den 76000

Mann, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, lagen 70000 auf der

Walstatt, darunter ein Konsul des vorigen Jahres, über dreißig, die

andere hohe Staatsämter bekleidet hatten, achtzig Senatoren und auch

der Konsul Ämilius Paullus selbst. Auch die Besatzung des Lagers, 10000

Mann, mußte sich großenteils ergeben. Viel geringer war der Verlust auf

punischer Seite, kaum 6000 Mann.

Als Paullus sich ins Lager zu retten suchte, hatte er sich, von seiner

Wunde ermattet, auf einen Stein gesetzt und hier den Tod erwartet.

So traf ihn Lentulus, ein Kriegsoberster, der selbst verwundet aus

der Schlacht floh, und bot ihm sein eigenes Pferd zur Flucht. Aber

Paullus schlug es aus und sagte: „Rette dich, edler Freund, sage den

Vätern, sie sollten Rom verrammeln und stark besetzen, und dem Fabius,

ich hätte seine Lehren im Leben befolgt und im Tode noch gebilligt.

Mich laß unter diesen Leichenhaufen meiner Krieger den Tod finden,

damit ich nicht als Ankläger meines Amtsgenossen aufzutreten brauche.“

Kaum hatte er dies gesagt, so naheten die Feinde. Lentulus entkam

durch die Schnelle seines Rosses, der Konsul wurde niedergemacht. Und

gleichsam als wollte das Schicksal Roms sich in diesem Unglücksjahre

ganz vollenden, geriet auch jene neunte Legion in einen Hinterhalt der

Gallier und wurde völlig vernichtet.

Varro entkam mit wenigen Reitern nach Venusia, wohin sich auch eine

Anzahl der Versprengten und ein kleiner Teil der im Lager Gebliebenen

rettete. Als er von dort, tief gedemütigt, auf Einladung des Senats

nach Rom kam, zog ihm dieser vor das Tor entgegen und dankte ihm, daß

er am Vaterlande nicht verzweifelte.

Die Folge dieser furchtbaren Schlacht war, daß nunmehr viele Städte und

Landschaften Unteritaliens, sowie alle cisalpinischen Gallier von Rom

abfielen. Rom war am Rande des Untergangs; stündlich erwartete man den

Sieger vor den Toren. Aber die Römer zeigten wiederum, daß sie niemals

größer waren, als im Unglück, und bewiesen eine Stärke der Seele,

welche die höchste Bewunderung verdient. Niemand sprach von Frieden,

und die Abgeordneten Hannibals, welche Friedensanträge brachten, ließ

man nicht einmal in die Stadt, ja sogar den Loskauf der Gefangenen

lehnte man ab. Hannibal aber marschierte nicht sofort gegen Rom, wie

ihm Maharbal riet, und mußte deshalb von diesem den Vorwurf hören: „Zu

siegen verstehst du, aber den Sieg auszunutzen verstehst du nicht.“

7. Hannibal und Marcellus.

Mit dem Siege bei Cannä hatte Hannibal den Gipfel seines Glückes

erstiegen; von nun an sehen wir ihn, obgleich den Römern noch immer

furchtbar, keine so glänzenden Taten mehr verrichten. Sein Heer

legte er zum Winterquartier in die große und reiche Stadt Capua,

deren Bewohner ihn als einen Befreier vom römischen Joche zu sich

eingeladen hatten. Unter dem milden Himmel Campaniens und durch die

üppigen Genüsse, die dieses ihm bot, soll das Heer verweichlicht worden

sein und die alte Kriegszucht und Manneskraft eingebüßt haben. Dazu

kam, daß Hannibal von Karthago aus ohne Unterstützung blieb, weil

ihm eine feindliche Partei entgegenarbeitete, obschon zwei Scheffel

goldener Ringe, die in der Schlacht bei Cannä von den Händen römischer

Ritter gezogen und nach Karthago geschickt worden waren, eine große

Begeisterung für den Sieger erweckt hatten.

Dagegen zeigten die Römer bei den härtesten Schlägen des Schicksals

eine große, unerschütterliche Standhaftigkeit. Neue Legionen wurden

ausgehoben, und der Prätor +Claudius Marcellus+ war der Erste, unter

dem die Römer wieder siegen lernten. Der alte Mut kehrte allmählich

zurück, und wie sie Fabius ihren Schild nannten, so den Marcellus ihr

Schwert. Er stand mit einem Teil des neuen Heeres bei Nola in Campanien

und hinderte Hannibal an der Eroberung dieser Stadt. Anfangs hielt

er seine noch ungeübten Truppen innerhalb der Mauern, dann machte er

Ausfälle und übte es in kleinen Gefechten; zuletzt überfiel er die

Feinde in ihrem Lager und erschlug ihrer mehrere Tausende. Im folgenden

Jahre (215) kam es vor +Nola+ zu einer förmlichen Schlacht, in welcher

Marcellus den ersten vollständigen Sieg über die Punier erfocht.

Nach diesem Siege ward Marcellus von Italien nach einem andern

Schauplatz des Krieges abgesandt. In Sicilien war die mächtige und

blühende Stadt +Syrakus+ nach dem Tode ihres Königs Hiero, des treuen

Bundesgenossen der Römer, von ihnen abgefallen, und Marcellus hatte

den Auftrag sie wieder zu unterwerfen. Allein die Belagerung zog sich

bis ins dritte Jahr hin (214-212). Von zwei Seiten, vom Lande und vom

Hafen aus, versuchte er sie zu erstürmen; aber ein Bürger der Stadt,

der große Mathematiker +Archimēdes+, erfand Maschinen, durch die er die

Schiffe und Sturmwerke der Römer vernichtete und alle ihre Versuche

vereitelte. Die Mauern versah er mit jeder Art von Geschützen, welche

die feindlichen Schiffe mit Steinkugeln bewarfen; in die Mauer brach er

von unten bis oben breite Schießscharten, durch welche die Verteidiger

mit Pfeilen und Handgeschossen den Feind ungesehen überschütteten. Wenn

römische Schiffe in die Nähe kamen, so ließ er eiserne Ketten mit Haken

herab, zog durch Hebelkräfte die Schiffe in die Höhe und stürzte sie

dann wieder ins Meer hinab. Auch soll er Brennspiegel erfunden haben,

um die feindlichen Schiffe anzuzünden. Durch diese Maschinen fügte

er den Römern furchtbare Verluste zu und setzte sie so in Angst, daß

zuletzt alle, wenn nur ein Seil oder Holz sich auf der Mauer zeigte,

eiligst die Flucht ergriffen. Aber endlich wurde Marcellus doch auf

folgende Weise Herr der Stadt.

Einst unterhandelten die Syrakusaner von einem Turme herab mit den

Römern. Einer von diesen zählte dabei die Quadersteine der Mauer und

merkte sich ihre Größe. Daraus berechnete man ihre Höhe an dieser

Stelle und verfertigte Leitern zum Ersteigen. Als nun das dreitägige

Fest der Göttin Artĕmis (Diána) in der Stadt gefeiert wurde, und die

Bürger nach den Festmahlen des Tages sich zur Ruhe gelegt hatten,

erstiegen tausend der kühnsten Krieger die bezeichnete Mauerstelle,

töteten die hier aufgestellten Wachen und erbrachen das nächste Tor,

durch welches Marcellus mit dem Heere eindrang. Den Bürgern ward Leben,

Freiheit und Wohnung gesichert und nur das bewegliche Gut geplündert.

Eine Menge von Kunstwerken und Schätzen ward nach Rom geschleppt.

Der große Archimedes soll im Getümmel seinen Tod gefunden haben. Ein

Krieger, der ihn nicht kannte, stürmte in sein Haus und fand ihn in das

Zeichnen von Sandfiguren vertieft. „Zertritt mir meine Kreise nicht!“

rief er ärgerlich dem Manne zu, worauf dieser ihn erschlug. Gern hätte

ihm Marcellus das Leben erhalten; den Toten ehrte er durch ein Denkmal.

Inzwischen hatte der Krieg auch in Italien nicht geruht. Zwar hatte

Hannibal die wichtige Seestadt Tarent durch Verrat genommen (212),

dagegen mußte er sehen, wie Capua von einem römischen Heere aufs

härteste bedrängt wurde. Um diese Stadt von dem Belagerungsheere zu

befreien, unternahm er einen Zug gegen Rom, und schlug eine Meile vor

der Ostseite der Stadt sein Lager auf (211). Von einer Anhöhe herab

betrachtete er die Lage und die Mauern der Stadt, und eine Sage ging,

er habe eine Lanze in eine der nächsten Straßen geschleudert. Zweimal

stand er dem römischen Heere kampfbereit gegenüber, und zweimal nötigte

ein Ungewitter mit furchtbarem Hagel- und Regenguß die Heere in ihre

Lager zurückzukehren, während das heiterste Wetter eintrat, sobald

sie sich getrennt hatten. Darin erkannten selbst die Punier einen

Götterwink, und Hannibal trat den Rückweg an. Aber noch lange nachher

erhielt sich im Volke der Eindruck des Schreckensrufs: „Hannibal vor

den Toren!“

Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form · 第 7 / 21 段