Der Krieg zwischen Rom und Karthago dauerte hiernach noch neun Jahre.

In dieser Zeit hatten die Karthager einen ausgezeichneten Feldherrn an

+Hámilkar+ mit dem Beinamen +Barkas+ („Blitz“), der sich im Nordwesten

Siziliens sieben Jahre lang gegen alle Anstrengungen der Römer

siegreich behauptete, bis der Seesieg des +Lutatius Cátulus+ bei den

+ägatischen+ Inseln die erschöpften Karthager zum Frieden zwang (241).

Sie traten Sizilien ab, welches die erste römische Provinz ward, und

zahlten 3200 Talente Silber (13½ Millionen Mark).

XX.

=Der zweite punische Krieg= (219-201).

Hannibal.

1. Hannibals erstes Auftreten.

Während bald darauf die Römer mitten im Frieden das erschöpfte

Karthago zur Abtretung von Sardinien und Corsica nötigten, dann

die seeräuberischen Illyrier und die Gallier im Gebiete des Po zu

unterwerfen begannen, hatte Hamilkar Barkas in Karthago die Empörung

der unbezahlten Söldnerhaufen zu dämpfen, die den karthagischen

Staat dem Untergange nahe brachte. Nach Beendigung dieses Kampfes

ging Hamilkar, ein unversöhnlicher Feind der Römer, nach Hispanien

(Spanien), um durch die großen Hilfsmittel dieser damals noch freien

und von den kriegerischen Stämmen der Ibēren bevölkerten Halbinsel

seiner Vaterstadt wieder aufzuhelfen und neue Kräfte gegen Rom zu

gewinnen. Als er im Begriff war abzureisen, bat ihn Hannibal, sein

Sohn, ein Knabe von neun Jahren, ihn auf diesem Zuge begleiten zu

dürfen. Der Vater versprach es und suchte zugleich das Herz seines

Sohnes mit unaustilgbarem Hasse gegen Rom zu erfüllen. Er führte

ihn vor den Altar, auf welchem er eben opferte. Alle Zeugen wurden

entfernt, dann hieß er seinen Sohn den Altar umfassen und schwören, daß

er zeitlebens ein Feind der Römer sein wolle. Das tat Hannibal, und nie

ist ein Schwur treuer gehalten worden.

Neun Jahre focht Hamilkar in Spanien mit glücklichem Erfolg, unterwarf

sich einen großen Teil der Einwohner mit Gewalt oder Klugheit, und

gründete dort eine Herrschaft, welche den Verlust der Inseln reichlich

ersetzte. Nachdem er in einer Schlacht gefallen war, übernahm sein

Eidam +Hásdrubal+ den Oberbefehl. Dieser setzte die kriegerischen

Unternehmungen mit großem Glücke fort und gab dem neuerworbenen Lande

in der von ihm gegründeten Stadt Neukarthago (heute Cartagena) eine

trefflich gelegene Hauptstadt. Die Römer wurden über diese Fortschritte

so besorgt, daß sie in einem Vertrage mit Hasdrubal den Fluß Ibērus

(Ebro) als Grenze der karthagischen Eroberungen feststellten und die

griechischen Handelsplätze, darunter die Stadt Saguntum (nördlich von

Valencia), in ihren Schutz nahmen.

Hannibal war nach des Vaters Tode nach Karthago zurückgekehrt;

Hasdrubal ließ ihn wieder zu sich kommen und vollendete seine

kriegerische Erziehung. Acht Jahre hatte Hasdrubal den Oberbefehl in

Spanien geführt, als er von einem Eingeborenen ermordet wurde. Jetzt

rief das Heer den jungen Hannibal als Feldherrn aus, und Senat und Volk

zu Karthago bestätigten die Wahl.

Im Lager aufgezogen, war Hannibal der Liebling des Heeres; die alten

Krieger sahen in ihm des Vaters Ebenbild. Wenn eine Unternehmung Mut

und Ausdauer erforderte, stellte schon Hasdrubal ihn am liebsten an

die Spitze, und unter keinem Führer hatten die Krieger mehr Vertrauen

und Siegeszuversicht. Mit der größten Kühnheit ging er in Gefahren,

mit der größten Besonnenheit benahm er sich mitten in denselben, durch

keine Beschwerde konnte sein Körper ermüdet, sein Geist gebeugt werden,

Hitze und Kälte ertrug er mit gleicher Ausdauer, in Speise und Trank

war er mäßig, und zum Schlafe gönnte er sich nur die Zeit, die ihm

die Geschäfte übrig ließen. Dazu bedurfte er keines weichen Lagers,

noch der Stille der Nacht, oft sahen ihn seine Krieger, nur mit einem

kurzen Feldmantel bedeckt, zwischen den Wachen und Posten auf dem Boden

liegen. Seine Kleidung war von der seiner Waffengenossen in nichts

unterschieden, nur Waffen und Rosse kündigten den Feldherrn an. Er war

bei weitem der beste Reiter, wie der beste Fußgänger. Als vorderster

ging er ins Treffen, als letzter kehrte er zurück. Unerschöpflich in

klugen Anschlägen, stets wohl unterrichtet von den Plänen der Feinde,

fand er in jeder Not und Gefahr einen rettenden Ausweg. Einer der

größten Feldherren aller Zeiten, ein weitschauender Staatsmann, ein

tapferer Krieger, ließ er sich im Glück nicht zum Übermut verleiten,

und trug er das Unglück mit zäher Geduld und festem Sinn. Milde lag

nicht in seiner Art; hart und grausam gegen die Feinde, scheute er

keine Arglist und Untreue, wenn sein Vorteil dazu riet.

Er war erst 28 Jahre alt, als er an die Spitze des hispanischen Heeres

trat (221 v. Chr.). Sofort entschloß er sich mit Rom zu brechen.

Hasdrubal hatte den Vertrag mit den Römern, die Stadt +Saguntum+ nicht

anzugreifen, treulich gehalten. Hannibal kümmerte sich nicht darum,

sondern schritt alsbald zu ihrer Belagerung. Als die Römer von der

Bedrängnis der mit ihnen verbündeten Stadt hörten, ordneten sie eine

Gesandtschaft an Hannibal ab, um ihn an den Vertrag zu erinnern. Der

aber ließ sie gar nicht ins Lager, sondern befahl sie zu bescheiden,

daß er mitten im Kampfe keine Zeit habe Gesandtschaften anzuhören.

Ebenso erfolglos war die Gesandtschaft in Karthago. Inzwischen

erfuhren die Saguntiner alle Schrecken einer Belagerung. Unter

dem heldenmütigsten Widerstand der Einwohner und erst nach einer

achtmonatlichen Einschließung und Bestürmung konnte Hannibal sich der

Stadt bemächtigen (219). Als den Saguntinern alle Hoffnung geschwunden

war, hatten die Vornehmsten alles Silber und Gold aus ihren Häusern auf

dem Markt auf einen brennenden Scheiterhaufen geworfen und sich dann

selber hinein gestürzt. Alle Wehrhaften wurden getötet, viele hatten

sich mit Weib und Kind in ihre Häuser verschlossen und diese in Brand

gesteckt. Alle übrigen wurden in die Knechtschaft verkauft (219).

Als die Kunde von dem schrecklichen Untergang der ihrem Schutze

anvertrauten Stadt nach Rom kam, war die Entrüstung über solchen

Friedensbruch unbeschreiblich. Sofort ging eine Gesandtschaft nach

Karthago, an deren Spitze +Quintus Fabius+ stand. Sie sollte die

Auslieferung des vertragsbrüchigen Feldherrn fordern, oder, wenn diese

verweigert würde, den Krieg ankündigen. Der karthagische Senat, in

zwei Parteien geteilt, konnte zu keinem Entschluß kommen. Er suchte

Ausflüchte zu machen und die Sache hinzuziehen, allein Qu. Fabius

forderte eine bestimmte Erklärung. Indem er seine Toga zu einem Bausche

faltete und dem Senate hinhielt, sagte er: „Hier liegt Krieg und

Frieden: nehmt was ihr wollt!“ -- „Wir nehmen,“ rief man ihm entgegen,

„was ihr uns gebt.“ -- „So nehmt den Krieg!“ erwiderte Fabius und

entfaltete seine Toga mit einer drohenden Geberde, als ob er Waffen und

Krieger herausschüttete.

So begann der +zweite punische Krieg+, der achtzehn Jahre (219-201)

hindurch Italien, Spanien und Afrika verwüstete, Rom an den Rand des

Verderbens brachte, und zuletzt mit der völligen Niederlage Karthagos

endete.

2. Hannibals Zug nach Italien.

Hannibal hatte sich nach der Eroberung von Sagunt in die

Winterquartiere begeben. Hier entbot er die Hauptleute der auf der

Halbinsel geworbenen Krieger zu sich und machte sie mit seinem Plan,

in fernes Land zu ziehen, bekannt. Um ihnen aber Zeit zu geben, sich

von den Beschwerden des letzten Krieges zu erholen und ihre Familien

wiederzusehen, erteilte er allem Kriegsvolk einen Urlaub, mit dem

Befehl, beim Anbruch des Frühlings sich wieder einzustellen. Nachdem

er dann im Frühjahr die Truppen gemustert hatte, ließ er, um Spanien

zu behaupten, ein Heer von 15000 Mann und eine Flotte von 50 Schiffen

unter dem Befehl seines Bruders Hasdrubal zurück. Ein anderes,

größtenteils aus Ibérern bestehendes Heer von nahe an 20000 Mann

schickte er nach Afrika, um teils als Besatzung von Karthago zu dienen,

teils im karthagischen Gebiet verteilt zu werden. Er selbst brach im

Frühjahr 218 mit 90000 Mann Fußvolk, 12000 Reitern und 37 Elefanten

nordwärts nach dem Ibérus (Ebro) auf (218).

Auf diesem Zuge erschien ihm einst, wie die Sage erzählt, im Schlaf ein

Jüngling von göttlicher Gestalt, welcher sagte: „Ich bin von Jupiter

als dein Wegweiser nach Italien gesandt; mache dich auf und folge mir

unverwandten Auges.“ Hannibal folgte anfangs schüchtern, nirgends

um oder hinter sich blickend; dann aber konnte er aus menschlicher

Ängstlichkeit, was das wohl sein möge, wonach er sich nicht umsehen

solle, seine Augen nicht mehr beherrschen. Er blickte hinter sich und

gewahrte eine Schlange von wundersamer Größe, die hinter ihm herschoß,

Bäume und Sträucher weithin niederschlagend, und hinter der Schlange

einen Platzregen mit Donnerschlägen. Auf seine Frage, was das für ein

Ungetüm sei, und was das Zeichen bedeute, erhielt er die Antwort, daß

es die Verwüstung Italiens sei; er solle aber nur vorwärts gehen, nicht

weiter fragen und das fernere Schicksal in seinem Dunkel ruhen lassen.

Froh über dieses Gesicht setzte er über den Ebro und bezwang die noch

unabhängigen Völkerschaften zwischen diesem Fluß und den Pyrenäen. Um

die Pässe des Gebirges und die neu eroberten Landschaften zu hüten,

ließ er eine Truppe von 11000 Mann zurück, während er noch andere

11000 Mann, welche die Furcht vor einem Kriege mit Rom entmutigt hatte,

nach Hause entließ. Ihm selbst blieben damals 50000 Mann zu Fuß und

9000 Reiter, alle bewährte Krieger, zum größeren Teil Libyer aus dem

Gebiete Karthagos, zum kleineren Teil Hispanier (Ibérer). Die Völker

des südlichen Galliens gewann er durch List und Geschenke, und als man

in Rom vernahm, er habe den Ebro überschritten, stand er bereits am

rechten Ufer der unteren Rhódanus (Rhone), an der Stelle des heutigen

Avignon.

Die dort seßhaften Gallier standen auf seiten der Römer, fühlten sich

aber zu schwach, um den Anmarsch des punischen Heeres in offenem Felde

aufzuhalten. In der Hoffnung auf die Hilfe des römischen Heeres, das

bereits bei Massilia (Marseille) an der Rhonemündung eingetroffen

war, nahmen sie auf dem linken Flußufer eine feste Stellung ein. Aber

Hannibal ließ sich nicht aufhalten. Er ließ alle Schiffe und Kähne

aufwärts und abwärts des Flusses zusammenholen, Bäume fällen und

Flöße bauen, und traf alle Anstalten zu raschem Übergang. Aber auf

der anderen Seite standen die Feinde, die zu Pferd und zu Fuß das

ganze Ufer innehatten. Um sie von dort zu vertreiben, befahl Hannibal

dem Hanno mit einem Teil des Heeres zwei Tagereisen weit am Flusse

hinaufzuziehen und dort an einer geeigneten Stelle überzusetzen.

Pünktlich führte Hanno den Befehl aus. Auf Flößen und verkoppelten

Baumstämmen brachte er Roß und Mann und alles übrige hinüber. Die

Hispanier steckten ihre Kleider in Schläuche, legten sich darauf und

schwammen ohne weitere Vorkehrung über den Fluß. Von dort zog er

eilends stromabwärts in den Rücken der Feinde, und bereits am dritten

Tage seit seinem Aufbruch meldete er durch Rauchsignale dem Feldherrn

seine Ankunft. Sofort gab Hannibal den Befehl zum Übergang. Die Gallier

anderseits stürzten gegen das Ufer mit vielstimmigem Geheul, ihrem

gewohnten Schlachtgesange, die Schilde zusammenschlagend und in der

Rechten den Speer schwingend. Da plötzlich loderte in ihrem Rücken

das eigene Lager in hellen Flammen auf. Hanno hatte es überfallen

und bedrohte ihre Rückseite. Zwar suchten die Gallier anfangs nach

beiden Seiten das Feld zu halten, gaben aber bald den hoffnungslosen

Widerstand auf und zerstreuten sich in ihre Dörfer. So konnte Hannibal

sein ganzes Heer mit allem Troß ungefährdet über den reißenden Strom

führen und jenseits ein Lager schlagen.

Ganz eigentümlich war die Art, wie Hannibal die Elefanten hinübersetzen

ließ. Er ließ ein 200 Fuß langes und 50 Fuß breites Floß vom Lande aus

in den Fluß hineinbauen und damit es nicht vom Strome fortgerissen

würde, durch starke Taue am Ufer festbinden. Dann ließ er es mit Erde

beschütten, damit es die Tiere ohne Scheu gleich wie festes Land

betreten könnten. Ein zweites Floß, ebenso breit, 100 Fuß lang und

zur Überfahrt eingerichtet, wurde an jenes angebunden. Wenn nun die

Elefanten über das feststehende Floß, wie auf einer Straße, auf das

zweite kleinere Floß hinübergegangen waren, so wurden sogleich die

Bindetaue gelöst und dies Floß an das andere Ufer gezogen. So lange sie

auf dem ersten Floß wie auf einer breiten Brücke gingen, blieben sie

ruhig; dann erst zeigten sie Angst, wenn das zweite Floß abgelöst war

und mit ihnen in die Mitte des Flusses trieb. Da drängten sie sich vom

Wasser weg zusammen und verursachten ziemliche Störung, bis endlich die

Furcht selbst sie ruhig machte.

Um die Zeit, da Hannibal über die Rhone ging, stand der römische Konsul

P. Cornelius Scipio an der Mündung dieses Stromes. Er hatte mit seinem

Heere nach Spanien übersetzen sollen, um dort den Krieg zu beginnen,

während der andere Konsul, Titus Sempronius Longus, von Sicilien aus

Karthago selbst angreifen sollte. Als er aber auf dieser Fahrt nach

Massilia kam, mußte er zu seiner großen Überraschung erfahren, daß der

Feind bereits in der Nähe stände und sich anschickte über die Rhone zu

gehen. Statt nun sofort dem Hilferufe der Gallier zu folgen, zauderte

er, bis es zu spät war. Ein Reitergeschwader, das er darauf den Fluß

hinaufsandte, um Erkundigungen über den Standort und die Stärke des

feindlichen Heeres einzuziehen, traf auf eine zu gleichem Zwecke

abgeschickte Abteilung Numider (aus Nordafrika). Es kam zu einem sehr

hitzigen Gefecht, in dem sich der Sieg endlich auf die Seite der Römer

neigte. Doch als Scipio in eiligem Marsche nach der Übergangsstelle

hinaufzog, war das feindliche Heer schon in weiter Ferne, und es blieb

ihm nichts übrig als nach Italien zurückzukehren und dort den Feind zu

bestehen.

Für Hannibal aber begann jetzt erst der schwierigste Teil seiner kühnen

Unternehmung. Es galt den Marsch zu wagen mitten durch zahlreiche

Feinde, über die schnee- und eisbedeckten Alpen, auf ungebahnten,

vielleicht noch nie betretenen Wegen, die selbst für Fußgänger

kaum gangbar waren, viel weniger noch für Elefanten, Rosse und

schwerbeladene Karren und Saumtiere. Kein Wunder, daß beim Anblick der

steilen Gebirge selbst die abgehärtesten Krieger zu zagen begannen. Nur

ihr Feldherr blieb festen Mutes und verstand es auch seinen Truppen

neue Zuversicht einzuflößen. Er schilderte ihnen die reichen Gebiete,

die sie jenseits des Gebirges erreichen, die große Beute, die sie dort

gewinnen, und die Hilfe, die sie im Tale des Po bei den kriegstüchtigen

und von Römerhaß erfüllten gallischen Stämmen finden würden. Er führte

ihnen sogar einen eben von dort eingetroffenen gallischen Fürsten vor,

Magilus mit Namen, der dies alles bestätigte.

Man kannte damals nur zwei Pässe zum Übergang von Gallien nach dem

oberen Italien. Der eine kürzere aber rauhere führte durch das Tal der

Dürance über die cottischen Alpen (Mont Genèvre) in das Gebiet der

Tauriner (Turin), der längere aber weniger schwierige im Tal der Isère

aufwärts zu den graischen Alpen und über den kleinen St. Bernhard ins

Tal der Doria (Baltéa). Diesen zweiten wählte Hannibal auch deshalb,

weil die an seinem jenseitigen Ausgange wohnenden Gallier nur auf seine

Ankunft warteten, um sich mit ihm gegen die Römer zu verbinden.

Der Marsch ging zuerst sechzehn Tage lang durch das fruchtbare Gebiet

der Allóbroger zwischen Isère und Rhone, bis zum Fuße des Hochgebirges.

Der von den Bewohnern gesperrte nächste Paß wurde genommen; aber auf

dem steilen und glatten Abstieg von der Höhe geriet das Heer in harte

Not: feindliche Haufen brachen in die Reihen, ein wildes Getümmel

entstand, Menschen und Tiere stürzten in die Tiefe. Erst als man ins

Tal der Isère gelangte, ward der Marsch gefahrlos, bis man in das

Gebiet der Centronen hinaufstieg, welche das Heer mit allen Zeichen

der Freude gastlich empfingen und aus dem Tale zum Fuß der Paßhöhe des

kleinen St. Bernhard geleiteten. Da plötzlich griffen sie die nächste

durch eine Schlucht emporklimmende Abteilung von allen Seiten an. Unter

blutigen und verlustvollen Kämpfen gelangte man am folgenden Tage auf

die Hochfläche des Passes.

Den erschöpften und durch die schweren Verluste an Menschen und Tieren

entmutigten Truppen gewährte hier der Feldherr eine kurze Rast, die

er benutzte, um alle Nachzügler und Versprengte zu sammeln und durch

den Hinweis auf die Nähe des ersehnten Zieles, durch den Ausblick auf

die in der Ferne sich breitende Ebene Italiens die gesunkene Stimmung

wieder zu heben. Man näherte sich zwar den befreundeten Galliern, aber

die vorgerückte Jahreszeit -- es war schon Anfang September -- brachte

neues Ungemach. An den engen und steilen Talrändern der Dora, auf denen

der Abstieg geschah, lag frischer Schnee, der die Pfade verdeckte;

haufenweise stürzten Menschen und Tiere in die Abgründe. An einer

Strecke von nur 200 Schritt Länge mußte vier Tage lang mit Aufgebot

aller Kräfte gearbeitet werden, um die Elefanten und das Gepäck

über die glatten Eismassen hinüber bringen zu können. Nach weiterem

dreitägigen Marsch bergab gelangte man endlich in die Talebene, wo die

Dörfer der Gallier, in der Gegend des heutigen Ivréa, Rast und Pflege

boten.

So war das Ziel endlich erreicht, aber mit welchen Opfern! Mehr als

die Hälfte des Heeres, die meisten Pferde und Elefanten waren auf den

Märschen und in den Kämpfen zugrunde gegangen, und was hinübergelangt

war, bedurfte längerer Erholung, um sich zu den bevorstehenden harten

Kämpfen zu stärken und neu auszurüsten. Hätte Hannibal beim Austritt

aus dem Gebirge ein römisches Heer kampfbereit sich gegenüber gefunden,

so wäre er dem Untergang schwerlich entronnen.

3. =Hannibals Siege am Ticinus und an der Trebia= (218).

Anfangs hatten die Römer, wie oben berichtet ist, die Absicht den Krieg

gegen Karthago in Spanien und Afrika zu führen. Sie hatten daher den

Konsul T. Sempronius Longus mit der größeren Heeresmacht, 24000 Mann zu

Fuß, 1800 Reitern und 160 Kriegsschiffen, nach Sicilien gesandt; der

andere Konsul, P. Cornelius Scipio, sollte mit 22000 Mann zu Fuß, 1600

Reitern und 60 Schiffen einen Angriff auf Spanien unternehmen. Aber

Hannibal war den Römern zuvorgekommen. Schon stand er an der Rhone,

als Scipio auf seiner Fahrt erst an der Mündung derselben angekommen

war, wo er dann die Nähe des Feindes erfuhr und das bereits erwähnte

Reitergefecht vorfiel. Nun änderte Scipio seinen Plan, er sandte

seinen Bruder Gnaeus mit dem größeren Teile des Heeres nach Spanien,

während er selbst mit dem übrigen zurück in die Ebene des Po eilte,

um sich dort an die Spitze des römischen Heeres zu stellen, welches

dort die aufrührerischen Gallier niederzuhalten bestimmt war, und dem

anrückenden Feinde die Stirn zu bieten. Hannibal hatte inzwischen

seinem Heere die nötige Rast gegönnt, hatte den Widerstand der Tauriner

durch Erstürmung ihrer Hauptstadt gebrochen, und war dann rasch bis

an den +Ticīnus+ (Tessin), einen Nebenfluß des Po, vorgedrungen.

Scipio ließ eine Brücke über den Po schlagen und rückte ihm entgegen.

Nicht lange, so kam es dort in der Ebene am Ticinus zu einem ersten

Zusammenstoß. Beide Feldherren zogen eines Tages an der Spitze ihrer

Reiterei, Scipio auch von leichtem Fußvolk begleitet, aus, um die

Stellung der Feinde auszukundschaften. So stießen sie aufeinander.

Gleich nach Beginn des Kampfes floh das leichte römische Fußvolk,

das Scipio in die vorderste Reihe gestellt hatte, vor dem Anprall

der schweren punischen Reiter, warf sich unter die eigene Reiterei

und brachte sie in Verwirrung. Gleichwohl nahm diese den Kampf auf

und bestand ihn eine Zeitlang, unerschüttert durch die feindlichen

Angriffe. Als dann aber die leichten numidischen Geschwader sie auf den

Flanken und im Rücken anfielen war die Niederlage und Flucht der Römer

nicht mehr aufzuhalten. Der Konsul selbst ward im Getümmel verwundet

und nur durch die Entschlossenheit seines siebzehnjährigen Sohnes, des

später als Besieger Hannibals berühmt gewordenen Scipio Africanus, aus

dem feindlichen Gedränge herausgehauen und gerettet.

In der folgenden Nacht führte Scipio sein Heer ungestört über den

Po zurück und nahm an dem rechten Ufer des +Trébia+, eines kleinen

Nebenflusses des Po, eine feste Stellung, wo sein rechter Flügel sich

an den Po bei der Koloniestadt Placentia (Piacenza), sein linker an

die Vorberge des Apennin lehnte, in einem hügeligen Gelände, das die

Bewegung der überlegenen feindlichen Reiterei hinderte. Hier stieß

auch der andere Konsul, Sempronius, der auf die erste Nachricht von

dem Erscheinen Hannibals aus Sicilien zurückberufen worden war, mit

seinem Heere zu ihm. Aber zwischen den beiden Konsuln herrschte keine

Eintracht: Sempronius drang auf eine entscheidende Schlacht, während

Scipio, durch seine Wunden an der Führung behindert, sich von einer

bloß abwehrenden Haltung mehr Vorteil versprach. Ihre Uneinigkeit

blieb Hannibal nicht unbekannt. Er war den über den Po zurückweichenden

Römern alsbald nachgezogen und hatte ihnen gegenüber auf der linken

Seite der Trebia sein Lager genommen. Als er durch seine Kundschafter

erfahren, daß die Römer zum Kampf bereit wären, wählte er einen

Ort zum Hinterhalt. In der Nähe seines Lagers war ein Bach, auf

beiden Seiten von einem sehr hohen Ufer eingeschlossen und rings mit

Gesträuch und Dorngebüsch dicht besetzt, wo ein Reitertrupp eine ganz

verdeckte Aufstellung nehmen konnte. Darin versteckte Hannibal tausend

auserlesene Reiter und ebenso viel Fußvolk unter Führung seines Bruders

Mago.

Früh am folgenden Tage ließ er seine numidischen Reiter über die

Trebia setzen, sich vor den Toren des feindlichen Lagers tummeln, um

den Feind zum Kampfe herauszulocken und, wenn ihnen dies gelungen war,

langsam über den Fluß zurückzuweichen. Kaum hatten sie sich gezeigt,

so führte Sempronius, der an diesem Tage den Oberbefehl auch über

Scipios Legionen führte, erst seine ganze Reiterei, darauf 6000 Mann

Fußvolk, endlich sein ganzes Heer zum Kampfe heraus. Es war ein kalter

schneeiger Dezembertag; Roß und Mann wurden, ohne vorher durch Speise

gestärkt zu sein, ungeschützt gegen die Kälte, ins Treffen geführt. Als

sie aber auf der Verfolgung der fliehenden Numider sogar ins Wasser

gingen, das ihnen bis an die Brust reichte, erstarrten ihnen vollends

die Glieder, daß sie kaum die Waffen zu halten vermochten und bald der

Ermattung und dem Hunger erlagen.

Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form · 第 6 / 21 段