hin zum jenseitigen Ausgang, fanden ihn aber mit gefällten Bäumen
und vorgewälzten mächtigen Felsblöcken verschlossen. In demselben
Augenblick bemerkten sie, daß die Höhen ringsum von bewaffneten
Samnitern wimmelten, welche die Anrückenden hohnlachend erwarteten.
Sie kehrten daher eilig zurück, aber nun war auch schon der Eingang
von den Samnitern besetzt. In dieser verzweiflungsvollen Lage schlugen
die Römer, 20000 Mann stark, ein enges dürftiges Lager auf. Ein
Versuch sich durchzuschlagen mißlang; ihre Not ward von Tag zu Tag
größer; endlich zwang sie der Hunger Gesandte an den samnitischen
Heerführer Pontius zu schicken und um Frieden zu bitten. Pontius ließ
seinen Vater, einen wegen seiner Einsicht und Erfahrung hochgeachteten
Greis, um Rat fragen. Dieser antwortete: „Laßt alle Römer frei und
ungekränkt abziehen.“ Pontius, verwundert über diese Antwort, glaubte,
daß der Bote falsch gehört hätte. Er schickte daher zum zweiten Male
an seinen Vater. Jetzt gab der Alte die Antwort: „Tötet alle Römer
ohne Unterschied.“ Niemand verstand den Sinn dieser so verschiedenen
Bescheide. Pontius ließ daher seinen Vater selbst herbeiholen. Nun
gab der Greis die Gründe seiner Ratschläge an: „Ihr müßt“, sagte er,
„entweder alle Römer töten, um ihre Kraft auf lange Zeit zu schwächen,
oder ihr müßt sie alle schonen, um durch solche Großmut ihren Dank und
Freundschaft zu gewinnen.“ Aber Pontius verwarf beides und wählte einen
Mittelweg. Er ließ den Römern durch ihre Gesandten erwidern: Rom solle
Frieden schließen, ganz Samnium räumen, die dort angelegten Kolonien
aufgeben, das Heer aber Mann für Mann waffenlos durchs Joch gehen und
sechshundert aus dem Ritterstande als Geiseln stellen.
Über diese schimpflichen Vorschläge gerieten die Römer in die größte
Bestürzung. Keiner wagte zur Annahme zu raten, und doch konnten sie in
ihrer äußerst bedrängten Lage nicht länger ausharren. Sie mußten sich
darein fügen; die Konsuln und die Führer der Kohorten bestätigten den
Friedensvertrag mit ihrem Eide. Entwaffnet und halb entkleidet gingen
erst sechshundert Ritter, die als Geiseln ausgeliefert werden mußten,
dann die Konsuln und Hauptleute, endlich die übrigen Mannschaften
unter dem Joch, das durch einen quer über zwei Ständer gelegten Speer
gebildet wurde, hindurch. Es war der größte Schimpf, der einem freien
Kriegsmann angetan werden konnte; denn er erniedrigte die Freien zum
Knecht. Mit Hohn und Spott schauten die ringsum aufgestellten Samniter
diesem Vorgange zu. Waffen, Pferde, Knechte, alle Habe außer dem
Kleide, das jeder trug, blieben dem Sieger. Voll Scham und stiller Wut
zogen die Römer über Capua, wo sie liebreich aufgenommen wurden, nach
Rom, das sie erst im Dunkel der Nacht zu betreten wagten. Der römische
Senat aber bestätigte den geschlossenen Vertrag nicht; er beschloß, daß
alle, die den Frieden beschworen hatten, den Samnitern ausgeliefert
werden sollten. Damit glaubte er aller Verbindlichkeit, den Frieden zu
halten, überhoben zu sein. Es wurden also die beiden Konsuln und die
anderen, welche den Vertrag geschlossen hatten, gefesselt nach Caudium
vor den Amtsstuhl des Pontius geführt. Dieser jedoch lehnte ihre
Annahme ab, indem er sagte: „Entweder muß das römische Heer, das sich
in der Gewalt der Samniter befunden hat, in seine vorige Lage zwischen
den Bergpässen zurückkehren, oder das römische Volk muß den Frieden
halten.“ Zugleich ließ er den Überlieferten die Fesseln lösen und
schickte sie unverletzt nach Rom zurück. Hier rüstete man in Eile ein
neues Heer, das im zweitfolgenden Jahre (319), unter der Führung des
bewährten Papirius Cursor, nach dem von den Samnitern eroberten Luceria
vordrang, dem samnitischen Heere eine schwere Niederlage beibrachte,
Luceria und die dort verwahrten römischen Geiseln zurückgewann, und die
samnitische Besatzung nun ebenfalls durchs Joch gehen ließ. So löschten
die Römer ihre Schande in blutiger Wiedervergeltung aus.
XVII.
Der Krieg mit den Latinern und der dritte Samniterkrieg. Titus Manlius.
Die beiden Decius Mus.
Gleich nach Beendigung des ersten Samniterkrieges, im Jahre 340, brach
ein Kampf zwischen den Römern und den ihnen seit alters verbündeten
Latinern aus. Die Latiner hatten Gesandte nach Rom geschickt und
verlangten, daß fortan die Hälfte des Senats und der eine Konsul aus
ihnen gewählt und alle latinischen Städte in die volle Gemeinschaft
des römischen Staates aufgenommen werden sollten. Solche Forderung
erschien dem römischen Senate als freche Anmaßung, und der Konsul T.
Manlius rief den Jupiter, in dessen Tempel die Sitzung stattfand, zum
Zeugen der schmachvollen Zumutung an. Da soll der latinische Gesandte
Annius dem römischen Jupiter Trotz und Hohn geboten, aber sofort auch
des Gottes Zorn erfahren haben. Denn als er die Stufen des Tempels
hinabeilte, strauchelte er, fiel hinab und lag in Ohnmacht. Kaum
entgingen die Gesandten der Wut des Volkes. Der Senat aber beschloß den
Krieg gegen die Latiner.
Die Konsuln +Titus Manlius+ und +Decius Mūs+ zogen mit zwei Heeren
ins Feld. Am Fuß des Vesuvius kam er zur entscheidenden Schlacht. Als
die Heere einander gegenüber standen, verkündeten die Konsuln, bei
Todesstrafe sollte sich kein Römer bei den Vorposten in ein Gefecht
einlassen. Doch der eigene Sohn des Manlius handelte dem Befehle
zuwider. Abgeschickt mit einem Geschwader Reiter, um die Feinde zu
beobachten, begegnete er einem tusculanischen Befehlshaber, der ihn
zum Zweikampf forderte. Um dem Vorwurf der Feigheit zu entgehen, nahm
Manlius den Kampf an und hatte das Glück den Gegner zu erlegen und ihn
seiner Waffen zu berauben. Frohlockend kehrte er als Sieger ins Lager
zurück. Allein sein Vater ließ diese Verletzung der Kriegszucht nicht
ungeahndet: er ließ den eigenen Sohn im Angesichte des ganzen Heeres
durch den Liktor enthaupten.
Vor der Schlacht am Vesuv sahen beide Konsuln zu gleicher Zeit im
Traume eine übermenschliche Gestalt, welche ihnen verkündete, daß
von dem einen der kämpfenden Heere einer der Führer, das andere Heer
aber ganz den Todesgöttern und der Mutter Erde verfallen sei. Sie
kamen deshalb überein, daß derjenige von ihnen, dessen Flügel zuerst
weichen würde, sich selber und damit zugleich das feindliche Heer den
unterirdischen Göttern weihen sollte. Bald nach dem Anfang der Schlacht
ward der linke Flügel, den Decius Mus befehligte, zurückgedrängt.
Da rief dieser einen Priester herbei, der ihm den Spruch vorsagte,
mit dem er, über einem Schwerte stehend und das Haupt verhüllt, sein
Leben den Göttern der Unterwelt weihte. Dann bestieg er von neuem sein
Schlachtroß und stürzte sich mitten in die Feinde, Tod und Verderben
um sich her verbreitend, bis er von Geschossen durchbohrt niedersank.
Diese heldenmütige Aufopferung belebte seine Truppen mit neuem Mut; sie
stellten sich aufs neue dem Feinde entgegen und erfochten endlich durch
die geschickte Führung des Manlius einen vollständigen Sieg. Noch
zwei Jahre widerstanden die Latiner; dann mußten sie sich den harten
Friedensbedingungen Roms unterwerfen (338).
Wie damals Decius Mus, der Vater, so weihte sich sein Sohn +Publius
Decius+, im dritten samnitischen Kriege (298-290), den Todesgöttern.
In der Schlacht bei +Sentinum+ (295) hatte er schon zweimal die
Reitergeschwader der Gallier, die mit den Samnitern verbunden waren,
zurückgeworfen, als diese einen dritten Angriff mit ihren Streitwagen
machten, und durch das Ungewöhnliche der Kampfart die Römer in
Schrecken und Verwirrung brachten. Da ließ Publius Decius durch den
Priester sich und die Feinde den Todesgöttern weihen. Nachdem er
die Weihung in derselben Weise, wie sein Vater in der Schlacht am
Vesuv, erhalten hatte, fügte er noch die Fluchformel hinzu: „Vor
mir her treibe ich Angst und Flucht, Mord und Blutvergießen, der
himmlischen und der unteren Götter Zorn. Todesgrausen bringe ich auf
die Feldzeichen, auf Wehr und Waffen der Feinde. Ein und derselbe Ort
soll mein und der Feinde Grab sein!“ Darauf spornte er sein Roß in
die dichtesten Scharen der Feinde und fiel unter ihren Geschossen.
Ihm nach die Römer mit neuem Mute, und die Schlacht endigte mit der
vollständigen Niederlage des Feindes.
XVIII.
Pyrrhus, König von Epirus.
Schon hatten die Römer die mächtigsten Völker Italiens unterjocht;
Etrusker, Latiner, Campaner, Samniter und viele andere Völkerschaften
standen unter ihrer Herrschaft, als sie in Kampf gerieten mit der
griechischen Stadt Tarent, in Unteritalien, die sich durch Schiffahrt,
Handel und Kunstfleiß zu Reichtum und Macht emporgeschwungen hatte.
Zwischen Römern und Tarentinern bestand ein alter Vertrag, der den
Römern nicht gestattete über das lacinische Vorgebirge in Unteritalien
hinauszusegeln. Als nun einst eine römische Flotte durch einen Sturm
über dieses Vorgebirge hinaus in den Hafen von Tarent getrieben wurde,
erklärten dies die Tarentiner für einen Friedensbruch. Sie saßen gerade
im Theater, von dem man die Aussicht auf das Meer hatte, und bemerkten
die heraufsegelnden Schiffe. Von einem Redner aufgehetzt, eilte eine
Menge bewaffnet auf ihre Schiffe und machte auf die unvorbereiteten
römischen Fahrzeuge einen Angriff. Vier Schiffe wurden versenkt, der
Anführer und die Mannschaft ermordet. Für diesen blutigen Friedensbruch
forderte der römische Senat Genugtuung; aber seine Gesandten, in
das Theater vor das versammelte Volk geführt, wurden mit Spott und
Hohn empfangen. Ihr Führer Postumius redete in griechischer Sprache
zur Menge, ohne daß diese auf den Inhalt seiner Worte achtete, aber
so oft er einen Fehler gegen die Aussprache beging, lachte das Volk
laut auf und schalt ihn einen Barbaren. Ein gemeiner Possenreißer
drängte sich an ihn und besudelte sein Gewand. Postumius zeigte dem
Volke das beschmutzte Gewand, und neues Hohngelächter erhob sich. Da
sprach der Gesandte: „Lacht, so lange ihr mögt, ihr werdet auch lange
genug weinen!“ Als das Volk heftig dagegen schrie, rief Postumius:
„Damit ihr euch noch mehr erzürnt, so sage ich euch, dies Gewand wird
in Strömen eures Blutes rein gewaschen werden.“ Kurze Zeit darauf
begannen die Römer den Krieg. Da aber die Tarentiner ein weichliches,
unkriegerisches Volk waren, so riefen sie +Pyrrhus+, den König von
Epirus, zu Hilfe. Dieser kriegskundige und kampfliebende Fürst, der
sein Geschlecht von dem vielgefeierten Helden Achilleus ableitete,
wurde von seinem unruhigen Geiste immer zu neuen Kriegsfahrten und
Abenteuern getrieben und strebte ein zweiter Alexander der Große zu
werden. Er ging daher gern auf den Antrag der Tarentiner ein.
Im Frühling des Jahres 281 setzte Pyrrhus mit einem kriegsgeübten
Söldnerheere von 22000 Mann zu Fuß, 3000 Reitern und 20 zum Kriege
abgerichteten Elefanten nach Italien über. Zwar verlor er bei der
Überfahrt durch einen Sturm einen Teil seiner Schiffe und Mannschaft;
aber in Tarent angelangt, begann er alsbald mit großer Umsicht den
Kampf gegen das mächtige Rom zu rüsten. Er hoffte alle unterworfenen
Stämme Italiens unter seiner Fahne zu vereinigen. Zunächst führte er
in dem an üppiges Leben gewöhnten Tarent ein strenges kriegerisches
Regiment ein, was ihn bei den Bürgern keineswegs beliebt machte. Er hob
die tüchtigsten von ihnen für den Kriegsdienst aus und untersagte ihnen
Gelage und sonstige Lustbarkeiten.
Die erste Schlacht mit den Römern erfolgte bei +Heraklea+ in Lucanien
(280). Als Pyrrhus vorher das Lager der Römer betrachtete, soll er
ausgerufen haben: „Die Lagerordnung dieser Barbaren ist durchaus nicht
barbarisch; bald werden wir auch ihre Taten kennen lernen.“ Die heiße
Schlacht, welche nun entbrannte, in der dem König selbst ein Roß unter
dem Leibe getötet ward, wurde endlich durch den Ungestüm der auf die
Römer eindringenden Elefanten zum Vorteil des Pyrrhus entschieden.
Als er das Schlachtfeld in Augenschein nahm und die Leichen der Römer
betrachtete, die alle mit Wunden auf der Brust dalagen, soll er gesagt
haben: „Mit solchen Kriegern wäre die Welt mein, und sie gehörte den
Römern, wenn ich ihr Feldherr wäre!“ Auch ließ er ihre Toten zusammen
mit den seinigen bestatten; den Gefangenen bot er an unter ihm zu
dienen, und als sie sich weigerten, behandelte er sie dennoch mit
großer Milde.
Obschon der König den Sieg errungen hatte, sandte er doch den +Kineas+,
einen Mann von großer Klugheit und Beredsamkeit, nach Rom, um die Römer
zum Frieden zu stimmen. Dieser bot alle Kraft seiner Rede auf; der
Senat war schwankend und verbrachte mehrere Tage mit Beratungen. Da
ließ sich der alte blinde +Appius Claudius+, der seit Jahren den Senat
nicht mehr besucht hatte, auf einer Sänfte in den Senat tragen, wo er
die Ratsherren wegen ihrer Unschlüssigkeit und Neigung zum Frieden
heftig anließ. „Bis heute,“ sagte er, „habe ich immer den Verlust
meiner Augen beklagt, jetzt aber wünsche ich auch noch taub zu sein,
um so Unwürdiges nicht hören zu müssen.“ Da schlug die Strömung um.
Dem Kineas wurde befohlen, die Stadt zu verlassen und seinem König
zu sagen, daß an Frieden und Freundschaft mit ihm nicht zu denken
sei, bevor er nicht Italien verlassen hätte. Erstaunt über so stolze
Antwort der Besiegten, soll der König den Kineas gefragt haben, welchen
Eindruck die Stadt Rom und der Senat auf ihn gemacht hätten. „Mir
erschien“, antwortete jener, „die Stadt gleichwie ein Tempel, der Senat
aber gleich einer Versammlung von Königen.“
Nach der Schlacht bei Heraklea war Pyrrhus bis in die Nähe von Rom
vorgedrungen, zog sich dann aber, ohne einen Angriff auf die Stadt zu
wagen, wieder nach Tarent zurück. Um diese Zeit schickten die Römer
drei Gesandte zu ihm, um über eine Auswechselung der Gefangenen zu
unterhandeln, unter ihnen den +Gajus Fabricius Luscínus+, einen zwar
armen, aber stolzen und unbeugsamen Senator. Der König empfing die
Gesandten sehr freundlich und hoffte, daß sie ihn um Frieden bitten
würden; doch sie sprachen nur von der Auslösung der Gefangenen. Dieses
Begehren schlug er ihnen zwar ab, unterredete sich aber insgeheim
mit Fabricius, den er seiner Armut wegen zu bestechen hoffte. Allein
der Römer wies des Königs Versprechungen und Geschenke mit stolzer
Verachtung zurück. Am folgenden Tage gedachte Pyrrhus seinen Mut auf
eine Probe zu stellen. Er verbarg seinen größten Elefanten hinter einem
Vorhang des Zeltes, worin er den Römer empfing. Auf ein gegebenes
Zeichen mußte das ungeheure Tier ein Gebrüll erheben und seinen
Rüssel über den Kopf des Fabricius ausstrecken. Aber Fabricius blieb
unerschüttert. Lächelnd sagte er zum König: „So wenig mich gestern dein
Gold verlockt hat, so wenig schreckt mich heute dein Tier.“ Erfüllt
von Bewunderung eines so reinen und so unerschrockenen Charakters, und
um ihm einen Beweis seiner Hochachtung zu geben, gewährte der König
allen Gefangenen einen Urlaub, um nach Rom zu gehen und dort das Fest
der Saturnalien zu feiern. Wenn der Senat seine Friedensbedingungen
annehme, sollten sie frei sein, wo nicht, so sollten sie geloben, in
die Gefangenschaft zurückzukehren. Und keiner von ihnen blieb aus, als
der Senat die Bedingungen verworfen hatte.
Auch die zweite Schlacht bei +Askulum+ in Apulien (279) gewann Pyrrhus,
erlitt aber so starke Verluste, daß er denen, welche ihm zu seinem
Siege Glück wünschten, erwiderte: „Noch einen solchen Sieg, und ich bin
verloren!“ Abermals sandte er den Kineas nach Rom, um über den Frieden
zu unterhandeln, und mit ihm alle Gefangenen reichlich beschenkt und
bekleidet. Aber vergeblich machte dieser bei angesehenen Männern und
Frauen die Runde und bot Geschenke von Gold und kostbarem Schmuck, um
die Gemüter für den Frieden zu stimmen. Der Senat beharrte bei dem
Entschlusse nicht eher mit Pyrrhus zu unterhandeln, als bis er Italien
verlassen hätte.
Im folgenden Jahre (278) gab Gajus Fabricius als Konsul abermals einen
Beweis seines edlen Sinnes. Er erhielt eines Tages einen Brief vom
Leibarzte des Königs, worin sich dieser erbot gegen eine ansehnliche
Belohnung seinen Herrn zu vergiften. Aber Fabricius, voll Abscheu über
solchen Verrat, entdeckte die Sache dem König. Über diese Redlichkeit
erstaunt, rief Pyrrhus aus: „Es ist schwerer den Fabricius von seiner
Rechtschaffenheit abzubringen, als die Sonne von ihrem Laufe!“ Sogleich
gab er alle römischen Gefangenen, die er noch hatte, ohne Lösegeld
frei, und die Römer, um sich nicht an Großmut übertreffen zu lassen,
schickten ihm ebenso viele Gefangene zurück.
Da Pyrrhus keine Hoffnung mehr hatte den Krieg auf eine für ihn
rühmliche Weise zu beendigen, so war ihm eine Einladung der
Syrakusaner, die ihn gegen die Karthager zu Hilfe riefen, sehr
willkommen. Auch in Sizilien war er anfangs glücklich; zuletzt aber
nahm der Krieg eine für ihn so ungünstige Wendung, daß er auf den Ruf
der Tarentiner gern nach Italien zurückkehrte (276).
Damals führte +Curius Dentatus+ den Oberbefehl über das römische Heer.
Dieser Mann war ein vollkommenes Muster von Mäßigkeit und freiwilliger
Armut. Einst kamen Gesandte der Samniter zu ihm, um ihn durch eine
große Geldsumme für ihre Sache günstig zu stimmen. Sie fanden ihn, als
er gerade am Herde saß und sich selbst sein Rübengericht bereitete.
Trotz seiner Armut wies er das Angebot zurück, indem er sagte, es sei
angenehmer über solche, welche Gold besäßen, zu herrschen, als es
selbst zu besitzen. Nur zwei Reitknechte begleiteten ihn ins Feld,
und seine Töchter mußten auf Staatskosten ausgestattet werden. Diesem
Feldherrn gelang es endlich den Pyrrhus zu schlagen und aus Italien zu
vertreiben. Er hatte bei +Beneventum+ eine feste Stellung eingenommen,
als ihn Pyrrhus angriff (275). Diesmal ließen sich die Römer durch die
Elefanten nicht schrecken. Sie empfingen die anrennenden Ungetüme mit
Brandpfeilen, wodurch diese gereizt und verwirrt sich rückwärts auf die
Reihen der Feinde warfen und in völlige Unordnung brachten. Damit war
der Sieg der Römer entschieden. Das Lager des Königs mit vieler Beute,
darunter vier Elefanten, fiel in ihre Hände. Jetzt mußte sich Pyrrhus
entschließen Italien zu verlassen; er kehrte mit wenigen Reitern nach
Tarent zurück und schiffte bald nachher nach Epirus über.
Sein unruhiger, kampflustiger Sinn trieb ihn bald in neue Kriege. Einst
drang er bei dunkler Nacht in die Stadt Argos im Peloponnes ein; da
ward er im Straßenkampf von einem Stein, den eine alte Frau auf ihn
schleuderte, tödlich getroffen (272). In dem Jahre seines Todes mußte
sich Tarent an die Römer ergeben. Nachdem diese in den nächsten Jahren
auch das übrige Süditalien sich unterworfen hatten, waren sie die
Herren der ganzen Halbinsel bis nordwärts zum Gebiet der Gallier.
XIX.
=Der erste punische Krieg= (264-241).
Gajus Duilius. M. Atilius Regulus.
Kaum war ganz Italien der Herrschaft der Römer untertan, so kamen sie
mit den Karthagern auf Sizilien in feindliche Berührung. Auf dieser
Insel hatten sich seit zwanzig Jahren campanische Söldner, die sogen.
Mamertiner (Marsmänner), die vorher dem Fürsten von Syrakus gedient
hatten, der Stadt Messāna bemächtigt und sich dort sowohl gegen die
Syrakusaner, wie gegen die Karthager, die beiden Herren der Insel,
behauptet. Diese baten nun, von den Karthagern hart bedrängt, in Rom um
Hilfe, und der Senat beschloß sie zu gewähren. So wurde denn das erste
römische Heer auf schlechten Fahrzeugen nach Sizilien übergesetzt, und
es entbrannte der langwierige und blutige Krieg, der, weil er gegen die
Karthager oder Punier geführt ward, der +erste punische Krieg+ genannt
wird.
Im Fortgange dieses Kampfes, den die Römer zunächst auf Sizilien mit
großem Erfolge begonnen hatten, erkannten sie doch bald das Bedürfnis
einer Seemacht, und mit bewundernswürdiger Raschheit erbauten sie
in sechzig Tagen eine Flotte von 100 größeren und 20 kleineren
Schiffen, wobei ihnen ein gestrandetes karthagisches Kriegsschiff zum
Muster diente. Den Oberbefehl über die Flotte erhielten die Konsuln
+Gajus Duilius+ und +Cornelius Scipio+. Da diese einsahen, daß ihre
Schiffe mit der noch ungeübten Mannschaft von den feindlichen an
Geschwindigkeit der Bewegungen übertroffen wurden, so versuchten sie
diesen Nachteil dadurch auszugleichen, daß sie Enterbrücken an ihren
Schiffen anbrachten. Auf jedem Schiff nämlich ward vorn ein 24 Fuß
hoher Mast aufgerichtet und an dessen Fuß eine drehbare, 36 Fuß lange
und 4 Fuß breite Leiter befestigt, die man mittels eines Taues am Mast
emporzog und, sobald man einem feindlichen Schiffe nahe genug gekommen
war, niederfallen ließ, wobei sie mit ihrer hakenförmigen eisernen
Spitze in das feindliche Verdeck einschlug, und so eine Brücke bildete,
auf der die Besatzung hinüber gelangen und dort wie zu Lande kämpfen
konnte.
Nachdem die römische Flotte mit dieser Vorrichtung versehen und,
nach einem glücklichen Treffen mit einem feindlichen Geschwader, in
Messana eingelaufen war, ging sie, unter dem Konsul +Duilius+ -- der
andere war mit den ersten Schiffen, die er in See geführt, von den
Puniern überrascht und gefangen worden -- der karthagischen Flotte,
die von Pánormos (heute Palermo) heranfuhr, kühnlich entgegen. Bei
Mylä, nordwestlich von Messana, trafen sich die beiden Flotten. Sobald
die Punier ihrer Gegner ansichtig wurden, gingen sie ihnen in solcher
Siegeszuversicht entgegen, daß sie nicht einmal eine Schlachtordnung
bildeten. Fünfzig ihrer Schiffe, darunter das des Admirals, wurden von
den Enterhaken ergriffen und gewonnen oder versenkt, die übrigen zur
Flucht genötigt (260). Der siegreiche Konsul feierte unter großem Jubel
des Volkes seinen Triumph wegen der ersten gewonnenen Seeschlacht.
Auch wurde ihm für sein ganzes Leben die Auszeichnung bewilligt, daß
er sich abends, wenn er von Gastmählern heimkehrte, mit einer Fackel
vorleuchten und von einem Flötenspieler begleiten lassen durfte,
was damals noch keinem Römer gestattet war. Auf dem Forum ward eine
marmorne, mit den Schnäbeln der eroberten Schiffe verzierte Denksäule
aufgestellt, deren Reste noch jetzt erhalten sind.
Im weiteren Verlaufe des Krieges zeichnete sich der Konsul +Marcus
Atilius Régulus+ durch Kühnheit und seltene Charakterstärke in Glück
und Unglück aus. Nachdem er beim Berge Eknŏmos an der Südküste von
Sizilien die Karthager geschlagen hatte (256), setzte er nach Afrika
über, um die Feinde in ihrem eigenen Lande zu bekriegen. Er landete
glücklich und drang siegreich vor. Er eroberte viele feindliche Städte
und bedrängte die Karthager so sehr, daß sie Frieden geschlossen
haben würden, wenn nicht die Bedingungen des Regulus zu hart gewesen
wären. Als die Gesandten um mildere Bedingungen flehten, antwortete
er ihnen, sie sollten siegen oder den Siegern gehorchen, und an den
römischen Senat schrieb er: „Ich habe die Tore Karthagos mit Schrecken
versiegelt.“
Aber plötzlich änderte sich die Lage der Dinge. +Xánthippus+, ein
erfahrener griechischer Heerführer, war den Karthagern von Sparta aus
zu Hilfe gekommen, und diesem gelang es, das Kriegsglück Karthagos
einigermaßen wieder herzustellen. In einem hartnäckigen Treffen bei
Tunes (255) überwand er den Regulus, nahm ihn gefangen und führte ihn
nach Karthago, wo er fünf Jahre lang im Kerker schmachten mußte.
Mittlerweile wurde der Krieg zwischen Rom und Karthago mit
abwechselndem Glücke fortgesetzt, bis endlich die erschöpften
Karthager den Frieden wünschten. In der Person des Regulus glaubten
sie einen passenden Vermittler zu besitzen. Sie schickten ihn daher
nach Rom, um über den Frieden zu verhandeln, vorher aber ließen sie
ihn schwören, daß er zurückkehren werde, wenn er nicht imstande wäre,
den Frieden herbeizuführen. Regulus kam nach Rom und trug dem Senat
seinen Auftrag vor. Aber weit entfernt davon, dem Senat zum Frieden zu
raten, riet er vielmehr das Gegenteil. Er verwarf den Frieden, weil
Karthago jetzt schon so geschwächt wäre, daß es bald gänzlich zugrunde
gerichtet werden könnte. Der Senat billigte diese Meinung, wünschte
aber zugleich den hochgesinnten Mann zu retten. Allein dieser gedachte
seines Eidschwures. Vergebens baten ihn seine Freunde zu bleiben,
vergebens sprachen ihn die Priester von seinem Eide los. Ja, er vermied
sogar seine Frau und seine Kinder zu sehen, um nicht von ihren Tränen
erweicht zu werden. Er kehrte, getreu seiner Eidpflicht, nach Karthago
zurück.
Als die Karthager hörten, daß Regulus selbst gegen ihre Aufträge
gesprochen hatte, wurden sie äußerst aufgebracht und töteten ihn,
wie später in Rom erzählt wurde, durch die schrecklichsten Martern.
Sie schnitten ihm zuerst die Augenlider ab, warfen ihn so in einen
finsteren Kerker und führten ihn dann in die Sonne. Hierauf legten
sie ihn in einen hölzernen Kasten, der mit scharfen Nägeln inwendig
ausgeschlagen war, und ließen ihn darin langsam sterben. Es ist
jedoch wahrscheinlich, daß dies alles eine Erdichtung der Römer war,
die dadurch ihre eigenen Grausamkeiten zu beschönigen, oder ihren
unversöhnlichen Haß gegen Karthago zu rechtfertigen suchten.