Aus den Ländern jenseits der Alpen hatten sich nicht lange vor dieser

Zeit zahlreiche Schwärme des großen +keltischen+ oder +gallischen+

Volkes in Bewegung gesetzt, um in den fruchtbaren Gefilden der

apenninischen Halbinsel neue Wohnsitze zu erobern. Sie besetzten die

vom Padus (Po) durchströmte reiche Landschaft zwischen den Alpen

und dem Apennin, welche dann nach ihnen ~Gallia cisalpina~ (Gallien

diesseits der Alpen) genannt und damals noch nicht als zu Italien

gehörig betrachtet wurde. Aber mit dieser Eroberung nicht zufrieden,

drangen sie bald in neuen Scharen unter König +Brennus+ über das

Gebirge südwärts in das Land der Etrurier ein, und belagerten dort

die Stadt Clusium, wo einst Porsenna geherrscht hatte. Die Clusinier

baten in ihrer Bedrängnis die Römer um Hilfe, und diese ordneten drei

Gesandte ab, welche den Galliern mit Krieg drohten, wofern sie nicht

das von ihnen ohne alles Recht besetzte Gebiet räumten. Aber die

Gallier antworteten: „Zum ersten Male hören wir den Namen der Römer

und halten sie für tapfere Männer; unser Recht jedoch beruht auf

unsern Waffen, alles gehört den Tapfern!“ Die Gesandten nahmen darauf

sogar an dem Kampfe gegen die Gallier teil und töteten dabei einen

ihrer Heerführer. Für diese Verletzung des Völkerrechts forderten

die Gallier Genugtuung und drangen, da sie ihnen verweigert ward,

gegen Rom vor. Am Flüßchen +Allia+ stießen sie auf das römische Heer,

das sie in ihrer großen Überzahl und ihrer ungewohnten stürmischen

Angriffsweise in jähe Flucht warfen und mit solchem Schreck erfüllten,

daß ein großer Teil der Flüchtlinge nicht nach Rom, sondern nach dem

näheren Veji und anderen Orten sich rettete. In Rom selbst geriet alles

in die größte Bestürzung und Verwirrung. Man fand es unmöglich die

Stadt gegen den vorrückenden Feind zu verteidigen und beschloß sie zu

verlassen. Nur das Kapitol blieb besetzt; der Senat und etwa tausend

Krieger waren entschlossen diese heilige Tempelburg gegen die Barbaren

zu verteidigen. Das übrige Volk, darunter auch die Vestalinnen und

Priester mit den Heiligtümern, die sie mit sich nehmen konnten, flohen

nach dem seit seiner Eroberung verlassenen und leeren Veji und in

andre benachbarte Städte. In der Angst und Verwirrung schloß man nicht

einmal die Tore. Nur die ältesten Senatoren blieben unten in der Stadt

zurück; geschmückt mit den Zeichen ihrer Würde, saßen sie auf ihren

Amtssesseln auf dem Markte, des Todes durch Feindeshand gewärtig.

Nicht lange, so erschienen die ersten Gallier vor den Mauern. Da sie

die Tore der Stadt offen und unverteidigt fanden, fürchteten sie

anfangs einen Hinterhalt. Endlich aber wagten sie sich mit aller

Vorsicht hinein. Da fanden sie niemanden als jene alten ehrwürdigen

Senatoren, die still und unbeweglich auf ihren Stühlen saßen. Ihr

Anblick flößte zugleich Furcht und Verwunderung ein, sodaß sie

anfänglich von den Galliern für die Bildsäulen der Schutzgötter Roms

gehalten wurden. Erst nach einiger Zeit trat ein kühner Gallier an

einen der ältesten, Marcus Papirius, heran und zupfte ihn am Barte, um

zu sehen, ob er lebte. Erzürnt hob Papirius sein elfenbeinernes Szepter

und schlug damit den Gallier aufs Haupt. Da fielen die Gallier über die

Greise her und töteten sie alle. Hiernach verbreiteten sie sich über

die ganze Stadt, schleppten alle Beute heraus und steckten die Häuser

in Brand. Das ganze Rom, mit Ausnahme des Kapitols, ging in Flammen auf

(389 v. Chr.).

Während nun Brennus mit seinen Galliern das Kapitol belagerte, um

die Besatzung auszuhungern, unternahm ein anderer Teil seines Heeres

einen Streifzug, um Lebensmittel zu holen. Diese Schar kam in die

Nähe von Ardea, wo Camillus in der Verbannung lebte. Eilig sammelte

er die Ardeaten und überfiel mit ihnen die Gallier, von denen viele

niedergemacht wurden, die übrigen sich in wilder Flucht zerstreuten.

Durch diesen Erfolg ermutigt, beschloß das nach Veji geflüchtete

Volk den Camillus aus der Verbannung zu rufen und zum Diktator zu

ernennen. Dazu war die Zustimmung des Senats nötig, der sich auf dem

Kapitol befand. Um die Genehmigung einzuholen, erbot sich ein kühner

Jüngling, +Pontius Cominius+. Nachts schwamm er die Tiber hinab, betrat

nahe am Kapitol das Ufer, erkletterte die steile Burghöhe und kam,

nachdem er seinen Auftrag ausgerichtet, unbemerkt wieder durch die

Posten der Feinde hindurch. Am andern Morgen entdeckten die Gallier

aus den Fußspuren den Weg, wo jener hinauf- und herabgekommen war,

und beschlossen, auf demselben einen Versuch auf die Burg zu machen.

In einer mondhellen Nacht, als alles auf dem Kapitole schlief, kamen

sie in tiefster Stille, da selbst die Hunde oben sich nicht regten,

bis an den Rand der Höhe, als plötzlich das Schnattern der Gänse,

die im Heiligtum der Juno gehalten wurden, den +M. Manlius+ aus dem

Schlafe weckte. Eiligst lief er der unbewachten Stelle zu und stieß den

vordersten Gallier, der eben den äußersten Felsenrand erklommen hatte,

in die Tiefe. Sein Sturz riß auch alle ihm Nachfolgenden hinab. So

wurde die Burg gerettet. Manlius ward von allen gepriesen und belohnt,

die achtlosen Wächter aber zur Strafe über die Felsen in die Tiefe

gestürzt.

Schon währte die Belagerung bis in den sechsten Monat, und der Mangel

an Nahrung nahm auf der Burg mit jedem Tage zu; schon zwang der Hunger

selbst das Leder von den Schuhen und Schilden zu verzehren, und noch

immer erschien Camillus nicht zum Ersatz. Aber auch von den Galliern

wurden viele durch Seuchen weggerafft. Unter solchen Umständen wurden

beide Teile zum Frieden geneigt. Brennus versprach die Stadt und ihr

Gebiet zu verlassen, wenn man ihm tausend Pfund Goldes zahle. Als es

hierzu gewogen werden sollte, ließ Brennus falsches Gewicht anwenden,

und auf die Beschwerde der Römer warf er sein Schwert und Wehrgehäng

auf die Wagschale und rief: „Wehe den Besiegten!“ In diesem Augenblicke

kam die Nachricht, daß Camillus mit dem Heere von Veji heranziehe,

und als er zur Stelle war, erklärte er den ohne seine, des Diktators,

Genehmigung geschlossenen Vertrag für ungültig, hieß die Römer das Gold

wegtragen, die Gallier aber sich zur Schlacht bereiten: mit Eisen,

nicht mit Golde wolle er seine Vaterstadt befreien. In zwei Schlachten

schlug er die Gallier und vernichtete sie bis auf den letzten Mann.

Brennus wurde gefangen und hingerichtet, wobei man ihm die Worte:

„Wehe den Besiegten!“ höhnend wiedergab. Camillus zog triumphierend in

die Stadt zurück; das Volk nannte ihn Romulus und pries ihn als Roms

zweiten Gründer.

Aber die wiedergewonnene Stadt war, mit Ausnahme des Kapitols, eine

öde Brandstätte. Viele der Bürger wünschten nach Veji zu ziehen und

sich in den leerstehenden Häusern anzusiedeln; Camillus und der Rat

widerrieten. Eines Tages war der Senat versammelt, als gerade ein

Hauptmann eine Rotte Krieger über das Forum führte und ihnen zurief:

„Halt, hier bleiben wir am besten!“ Dies Wort nahmen die Senatoren

für eine glückliche Vorbedeutung; das Volk gab seinen Beifall, und

der Wiederaufbau der Stadt wurde beschlossen. Aber noch lange nachher

ließen die engen und unregelmäßigen Straßen erkennen, mit welcher Eile

der Neubau geschehen war.

Camillus führte noch mehrere glückliche Kriege gegen benachbarte

Völker. Bei einem neuen Einfall der Gallier übernahm er in einem Alter

von achtzig Jahren noch immer die Diktatur und schlug die Feinde

abermals. Kurz darauf raffte ihn die Pest hinweg. Er hatte im ganzen

vier Triumphzüge gefeiert und fünfmal die Diktatur bekleidet.

XIV.

Titus Manlius Torquatus. Marcus Valerius Corvus. -- M. Curtius.

Nach der Vertreibung der Gallier gerieten die Römer noch öfters mit

ihnen in Krieg, weil immer neue Schwärme ihre Einfälle in das römische

Gebiet wiederholten. In diesen Kämpfen zeichneten sich unter allen

+Titus Manlius+ und +Marcus Valerius+ durch Heldenmut und Heldentaten

aus.

Einst trat aus den Reihen der Gallier ein riesiger Streiter in

prunkender Rüstung hervor und forderte den tapfersten Römer zum

Zweikampf heraus. Da kein anderer Römer die Herausforderung anzunehmen

wagte, erklärte sich Titus Manlius dazu bereit. Mit Genehmigung des

Diktators trat er dem prahlenden Gallier entgegen, und der Kampf begann

im Angesicht beider Heere. Mit wuchtigen Hieben seines gewaltigen

Schwertes fiel der Riese auf den viel kleineren Römer, aber dieser wich

gewandt zur Seite, drang dann dicht an den Leib und hinter den großen

Schild des Gegners und durchbohrte ihm mit seinem kleinen Schwerte die

Weichen, daß er totwund niederfiel. Weil er dem so erlegten Feinde den

aus Draht gewundenen Halsring (~torques~), den jener nach gallischer

Sitte trug, abnahm und selber als Siegeszeichen anlegte, bekam er den

Beinamen +Torquatus+. Die Gallier aber wurden durch diesen Ausgang

des Zweikampfes so mutlos, daß sie in der folgenden Nacht ihr Lager

verließen und nach Campanien abzogen.

Ein ganz ähnlicher Vorfall ereignete sich bei einem späteren Einbruche

der Gallier in das römische Gebiet. Beide Heere hatten sich in einer

sehr sumpfigen Gegend gelagert, und keines wollte das andere zuerst

angreifen. Auch hier trat ein gallischer Krieger hervor und forderte

den tapfersten Römer zum Kampfe. Diesmal nahm ihn +Marcus Valerius+ an

und bestand ihn, wie es heißt, unter dem besonderen Schutze der Götter.

Denn gleich beim Anfang des Kampfes setzte sich ein Rabe auf den Helm

des Valerius, der dies für eine gute Vorbedeutung ansah. Während des

Kampfes blendete der Rabe den Gallier durch seinen Flügelschlag und

hackte nach ihm mit seinen Krallen. Dadurch wurde dieser so außer

Fassung gebracht, daß ihn der Römer mit leichter Mühe erlegte. Um den

Leib des getöteten Galliers entstand ein allgemeiner Kampf der beiden

Heere, in welchem die Gallier geschlagen wurden. Valerius aber erhielt

von diesem Vorfall den Beinamen Corvus (Rabe).

Im Jahre 362 v. Chr. soll mitten auf dem Forum, wahrscheinlich durch

ein Erdbeben, ein tiefer und breiter Spalt im Boden entstanden sein,

den man vergeblich auszufüllen versuchte; denn alle Erdmassen, die man

hineinschüttete, verschwanden spurlos in der Tiefe. Da erklärten die

Weissager, er werde sich nur schließen, wenn Rom das Kostbarste, was

es habe, hineinwerfe. Alsbald trat, wie die Sage berichtet, +Marcus

Curtius+, ein junger berühmter Krieger, in vollem Waffenschmuck hervor,

mahnte die Römer, daß Waffen und tapferer Mut Roms beste Kleinode

seien, und weihte sich selbst den Göttern der Unterwelt als Opfer.

Darauf schwang er sich auf sein Schlachtroß und sprang in den Abgrund,

während das Volk, Männer und Frauen, Früchte und andere Gaben ihm

nachwarfen. Und sofort schloß sich der Abgrund über ihm.

XV.

Die Tribunen Licinius und Sextius. Gleichstellung der Plebs.

Obschon sich die Plebejer durch die Auswanderung auf den heiligen

Berg das Recht, Tribunen als ihre Schützer und Vertreter zu wählen,

erzwungen hatten, so blieben doch die Patrizier noch immer im Besitze

bedeutender Vorrechte. Namentlich konnten zu den höheren Ämtern nur

Patrizier gewählt werden, obgleich doch schon viele plebejische

Familien an Reichtum und Ansehen hinter keiner patrizischen mehr

zurückstanden, und in den häufigen Kriegen zahlreiche plebejische

Führer sich durch Tapferkeit und Einsicht hervorgetan hatten. Um den

immer dringenderen Forderungen der Plebs auf Anteil an der Regierung

auszuweichen, hatte man schon Jahre hindurch an Stelle der Konsuln

sogenannte Kriegstribunen gewählt, aber selbst dieses den Plebejern

zugängliche Amt war meist den patrizischen Bewerbern zugefallen. Dieser

lange erbitterte Streit endete damit, daß immer der eine von den beiden

Konsuln aus den Plebejern gewählt werden sollte. Die beiden Tribunen

+Licinius Stolo+ und +Lucius Sextius+ waren es, welche den Plebejern

dieses Recht erwarben. Der Hergang wird in folgender Weise erzählt.

Der vornehme Patrizier Fabius Ambustus hatte zwei Töchter, von denen

die eine mit einem Patrizier, die jüngere mit dem Plebejer Licinius

Stolo vermählt war. Einst besuchte die Frau des Licinius, als dieser

Volkstribun war, ihre Schwester, deren patrizischer Gatte damals einer

der Kriegstribunen war, als sie plötzlich erschrocken zusammenfuhr: die

Trabanten des Kriegstribunen, die sogenannten Liktoren, hatten durch

Schläge auf das Tor seine Heimkehr verkündigt. Sie verriet dadurch, daß

ihr dieser Gebrauch nicht bekannt war, und mußte den Spott der älteren,

vornehmeren Schwester über diese Unkenntnis ertragen. Aber sie konnte

es nicht verwinden, daß sie der Schwester an Stand und Ehre soweit

nachstehen sollte, und ruhte fortan nicht, bis ihr Gatte und selbst der

Vater ihr versprachen, sie würden alles aufbieten, daß ihrem Hause und

Stande die gleiche Ehre zuteil werde.

Nun brachte Licinius zusammen mit Sextius den Antrag vor das Volk, daß

der eine der beiden Konsuln immer aus den Plebejern gewählt werden

solle. Diesen Vorschlag bekämpften die Patrizier aus allen Kräften, und

bestachen von den zehn Tribunen die acht übrigen, damit diese durch

ihren Einspruch den ganzen Antrag vereiteln sollten. Aber Licinius

und Sextius hielten fest zusammen und hinderten ihrerseits durch ihre

Einsprache die Wahl aller höheren Obrigkeiten fünf Jahre hindurch,

während sie selbst vom Volk immer wieder von neuem zu Tribunen gewählt

wurden. Mit der Zeit wurde der Widerstand der Patrizier schwächer, da

es ihnen nicht mehr gelang die übrigen Tribunen durch Bestechungen für

sich zu gewinnen. Endlich, nach einem zehnjährigen Kampfe (376 bis 367

v. Chr.), wurde der Antrag zum Gesetz erhoben. Von da an waren auch die

Plebejer zum Konsulat berechtigt, und Lucius Sextius, der mit Licinius

so beharrlich um das Recht gestritten hatte, ging aus der Wahl als der

erste plebejische Konsul hervor (366).

Doch nicht bloß dieses, sondern noch ein anderes Recht setzten die

beiden Tribunen für die Plebejer durch. Bis dahin hatten sich nämlich

die Patrizier allein das Recht angemaßt, das Gemeinland des Staates,

das durch die fortdauernde Unterwerfung italischer Gemeinden immer

größer geworden war, in billiger Erbpacht zu erhalten. Zugleich mit

seinem Antrage über das Konsulat brachte deshalb Licinius auch das

Gesetz durch, daß kein Patrizier mehr als 500 Morgen des Gemeinlandes

besitzen, das übrige aber in Teilen von je sieben Morgen an arme

Plebejer verteilt werden sollte.

Durch diese Gesetze, welche die Gleichstellung der Plebejer mit den

Patriziern sehr beförderten, erwarben sich die beiden Tribunen ein

großes Verdienst um den römischen Staat, der nur durch vollkommene

Einheit und Eintracht der beiden Stände zu jener Größe und Macht sich

entwickeln konnte, die ihm in der Folgezeit zur Weltherrschaft verhalf.

Denn auch zu den drei übrigen höheren Ämtern, welche zum Eintritt in

den Senat befähigten, wurden die Plebejer nach und nach zugelassen. Das

waren 1. die +Prätur+, die im Jahre 366 von dem Konsulat abgetrennt

wurde. Die Prätoren, anfangs nur einer, später bis acht, leiteten die

Gerichte und vertraten die abwesenden Konsuln. 2. Die +Ädilen+ übten

die Aufsicht über Handel, Verkehr, Straßen- und Staatsbauten. 3.

Die +Quästoren+ verwalteten, als Gehilfen der Konsuln und Prätoren,

die Einnahmen und Ausgaben des Staates. Alle diese Beamten wurden

nur auf je ein Jahr gewählt. Außerdem wurden alle fünf Jahre aus

den angesehensten früheren Konsuln, den Konsularen, zwei +Zensoren+

gewählt, denen es oblag die Listen der drei Bürgerklassen (Senatoren,

Ritter, Bürger) zu prüfen und festzustellen, das Einkommen der Bürger

einzuschätzen, und damit zugleich eine Oberaufsicht über das sittliche

Verhalten jedes einzelnen zu üben und Unwürdige durch Ausstoßung aus

ihrer Klasse zu bestrafen. Hatten sie diese Schätzung und Musterung

der Bürger (~census~, daher ihr Name ~censōres~) beendigt, so legten

sie ihr Amt nieder. Aus den Familien aber, deren Angehörige eines der

hohen Ämter bekleidet hatten, bildete sich mit der Zeit, an Stelle des

Patriziats, das ein Geschlechts- oder Geburtsadel gewesen, eine neue

Adelsklasse, die einen Dienst- oder Amtsadel darstellte.

XVI.

Die zwei ersten Samniterkriege. -- P. Decius. -- Papirius Cursor. --

Der Samniter Pontius.

Nachdem sich die Römer ganz Latium und die Nachbarstädte im sabinischen

und etrurischen Lande untertänig gemacht und die Kämpfe mit den

Schwärmen der Gallier siegreich bestanden hatten, gerieten sie in

einen langen und wechselvollen Krieg mit dem stammverwandten, großen

und streitbaren Bergvolk der Samniter. Diese waren aus ihren rauhen

Bergtälern in die fruchtbaren Gefilde Campaniens vorgedrungen, um sich

dort festzusetzen. Die Stadt der Sidiciner, Teānum, von ihnen hart

bedrängt, wandte sich an die mächtigste Stadt Campaniens, Capua, um

Hilfe, und diese hinwieder rief den Beistand der Römer an. So kam es

zwischen den Samnitern und Römern zu einem Kampf, der, mit mehrjährigen

Unterbrechungen, über fünfzig Jahre, von 343-290 v. Chr. dauerte.

In dem ersten Kriege gegen die Samniter (343-340) zogen zwei Heere

unter den beiden Konsuln +M. Valerius Corvus+ und +A. Cornelius Cossus+

ins Feld, von denen das eine den Marsch nach Campanien nahm, das andere

bestimmt war in Samnium selbst einzurücken. Valerius schlug sein

Lager in der Nähe der griechischen Seestadt Cumä, am Berge +Gaurus+,

auf, und kampflustig rückte ihm der Feind entgegen. In der Schlacht

standen seine Reihen unerschüttert und wiesen alle Stürme der Römer

zurück. Schon war der Tag weit vorgerückt, als der Konsul selbst an der

Spitze seines Heeres mit einem letzten ungestümen Angriff die Samniter

endlich zum Weichen brachte. Auf der Flucht wurden viele erschlagen und

gefangen, bis die Nacht der Verfolgung ein Ende machte.

Inzwischen war das Heer des andern Konsuls in große Not geraten. Von

der Grenze Samniums führte Cornelius Cossus sein Heer über die Gebirge

auf einem Wege, der nach der Stadt Beneventum lief. Nirgends zeigten

sich Feinde, und die Römer wurden sorglos. So kamen sie durch einen Paß

in eine tiefe Talschlucht, wo die Samniter die Höhen ringsum besetzt

hatten. Doch nicht eher gewahrte man sie, als bis schon der Rückweg

abgeschnitten war. In dieser Gefahr erbot sich der Kriegstribun P.

Decius mit den beiden ersten Schlachtreihen einer Legion, 1600 Mann,

einen Gipfel zu besetzen, der den Weg, aus dem die Samniter vordrangen,

beherrschte. Es gelang ihm denselben vor dem Feinde zu erreichen. Von

hieraus griff er diese an und zog ihren Angriff auf sich, sodaß das

übrige Heer den Bergpaß wieder erreichen und in einiger Entfernung von

da eine bessere Stellung nehmen konnte. Decius behauptete sich indessen

mit den Seinen in unaufhörlichem Gefecht bis in die Nacht. Während sich

nun die Samniter um die Höhe lagerten und sich dem Schlafe überließen,

machte sich der kleine Haufe der Römer nach der zweiten Nachtwache

in aller Stille auf, um sich einen Weg zu ihrem Heere zu bahnen. Sie

waren schon in der Samniter Mitte, als einer von ihnen an einen Schild

stieß und dieses Geräusch die zunächst liegenden Samniter aufweckte.

Allein ehe die schlaftrunkenen und verwirrten Feinde sich zu gehörigem

Widerstande geordnet hatten, gelang es den Römern zu entrinnen. In der

Nähe des römischen Lagers ließ Decius sie Halt machen, bis es tage;

denn es gezieme sich nicht, daß so tapfere Männer unter dem Dunkel der

Nacht ins Lager einrückten. Auf die Kunde, daß die, welche sich für

die Rettung aller dem Tode dargeboten, wohlerhalten und in der Nähe

wären, zog ihnen fast das ganze Heer aus dem Lager entgegen. Unter

allgemeinem Jubel rückte die tapfere Schar ins Lager. Als dort der

Konsul anhub ihm eine Lobrede zu halten, unterbrach ihn Decius mit der

Mahnung lieber sofort den Feind zu überraschen, bevor er sich von dem

nächtlichen Schrecken erholt und in sein festes Lager zurückgezogen

hätte. Und so geschah es. Ungesäumt wurden die Legionen über die Berge

geführt, die Feinde zerstreut, verfolgt und alle, die sich in ihr

Lager gerettet, niedergehauen und das Lager geplündert. Decius erhielt

als Belohnung von dem Konsul einen goldenen Kranz, hundert Rinder und

einen weißen Stier mit vergoldeten Hörnern; seine Leute empfingen

auf immer doppelte Portionen, jeder zwei Mäntel und einen Ochsen.

Das Heer überreichte dem Decius einen aus Gras gewundenen Kranz, den

gewöhnlichen Ehrenlohn dessen, der eine Schar aus Feindes Gewalt und

Belagerung befreit hatte.

Ein nochmaliger Sieg des Valerius bei +Suéssula+ führte den Frieden

herbei, in dem die Römer Campanien behielten. Aber nach Beendigung

eines Kampfes mit den Latinern (s. XVII) veranlaßte die Anlage

einer römischen Kolonie in der Grenzstadt +Fregellä+ den zweiten

Samniterkrieg (326-304).

Im vierten Jahre dieses Krieges hatten die Römer, da die Zahl der

Feinde sich durch den Beitritt mehrerer Stämme im Süden Italiens

vermehrt hatte, den +Papirius Cursor+ zum Diktator gewählt. Allein

abergläubische Furcht hielt den Fortgang seiner Unternehmungen auf.

Da man glaubte, daß bei der feierlichen Wahl des Diktators ein Fehler

vorgekommen sei, so eilte Papirius nach Rom, um sie von neuem anstellen

zu lassen, befahl aber seinem Unterfeldherrn, dem Reiterobersten

(~magister equitum~) +Fabius Rullianus+ während seiner Abwesenheit

ruhig im Lager zu bleiben. Allein durch Ehrgeiz und Kampflust

angetrieben, lieferte dieser dennoch den Samnitern ein Treffen, und das

Glück war ihm so günstig, daß er den Feinden eine schwere Niederlage

beibrachte. Alle freuten sich dieses Sieges. Als aber der Diktator ins

Lager zurückkehrte, ließ er sogleich die Legionen zusammenberufen und

den Fabius vor sich fordern. Vergebens suchte sich dieser wegen seines

Ungehorsams zu verteidigen. Der Diktator befahl ihn zu entkleiden und

hinzurichten. Aber Fabius entfloh den Händen des Liktors, der ihn

ergriffen hatte, und barg sich unter die Haufen der umherstehenden

Krieger. Es entstand ein lautes Murren; die Befehle des Diktators

wurden nicht mehr gehört, und der Tumult dauerte, bis die anbrechende

Nacht die Versammlung zu entlassen nötigte. In der Nacht floh Fabius

aus Furcht vor der unerbittlichen Strenge des Diktators nach Rom. Auf

Betreiben seines Vaters, eines sehr angesehenen Mannes, wurde sogleich

der Senat berufen. Hier klagte er über die Härte des Diktators und

beschwor den Senat das Leben seines Sohnes zu retten. Dieser war dazu

geneigt, aber er vermochte es nicht. Denn plötzlich erschien der

Diktator selbst in seiner Mitte, fest entschlossen den Ungehorsam

seines Untergebenen kraft seines Amtes nach Kriegsrecht zu bestrafen.

Umsonst baten ihn alle Senatoren um Milde. Papirius befahl den Fabius

zu ergreifen. Nun blieb dem alten Fabius nur noch ein Ausweg übrig: er

wandte sich an die Versammlung der Volksgemeinde. Dies war zwar eine

gesetzwidrige Handlung, denn gegen die Entscheidung des Diktators gab

es keine Berufung (~provocatio~) an das Volk. Gleichwohl gestattete sie

Papirius. Er ging in die Versammlung und zeigte dem Volke, wie nötig es

sei die Strenge der Kriegszucht aufrecht zu halten und die Amtsgewalt

des Diktators unverletzt zu wahren. Obschon nun das Volk geneigt

war, den Fabius zu retten, konnte es doch das Recht des Diktators

nicht mißachten. Es wagte daher keine Entscheidung, sondern legte nur

seine Fürbitte für das Leben des Reiterobersten ein. Eben dies taten

auch seine Verwandten, indem sie sich zu den Füßen des Diktators

niederwarfen. Da erst ließ Papirius Milde walten. Nachdem er das

Ansehen des Oberbefehls vor Senat und Volk behauptet hatte, konnte er

den Ungehorsam verzeihen, nicht weil er mußte, sondern weil er wollte.

Und er tat es zur Freude des ganzen Volkes.

In demselben Kriege erlitten die Römer unter der Anführung des

+Veturius Calvinus+ und +Spurius Postumius+ in den caudinischen

Engpässen eine bittere Schmach (321). Beide Konsuln lagerten bei

Calatia in Campanien. Darauf gründete +Gavius Pontius+, der Feldherr

der Samniter, einen Kriegsplan. Er ließ das Gerücht verbreiten, daß er

jenseits des Gebirges die Stadt Lucéria, eine von den Römern in Apulien

angelegte Festung, belagere. Um dieser wichtigen Stadt schleunige Hilfe

zu leisten, schlugen die Konsuln den kürzesten Weg ein, der durch

die caudinischen Pässe führte. So nannte man ein tiefes Wiesental,

nicht weit von Caudium, einer Stadt der Samniter, das rings von hohen

bewaldeten Bergzügen eingeschlossen war und nur einen schmalen Eingang

und Ausgang hatte. Um dieses Tal herum hatte Pontius sein Heer in den

Wäldern versteckt, und ohne Arges zu ahnen, gingen die unvorsichtigen

Konsuln in die ihnen gelegte Falle.

Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form · 第 4 / 21 段