Doch schon in den ersten Jahren liefen die Plebejer Gefahr diese

Rechte, welche sie durch die Auswanderung (~secessio~) auf den heiligen

Berg errungen hatten, wieder zu verlieren. Damals nämlich wurde Rom

durch eine furchtbare Hungersnot heimgesucht. Der Senat hatte auswärts

Vorräte an Getreide aufkaufen lassen, und fast alle Senatoren waren

der Meinung, man solle dieses Getreide den Plebejern entweder umsonst

oder um einen sehr geringen Preis überlassen. Nur +C. Marcius+ stimmte

ihnen nicht bei. Dieser Marcius hatte durch seine Tapferkeit Corioli,

eine Stadt der den Römern benachbarten, aber immer feindlichen Volsker,

eingenommen und sich dadurch den Beinamen +Coriolanus+ erworben. Er war

ein erbitterter Gegner der Plebejer, denen er ihre neue Obrigkeit zu

entreißen suchte. Daher machte er jetzt im Senate den Vorschlag, man

solle dem Volke das Getreide nur unter +der+ Bedingung geben, daß es

seine Tribunen wieder abschaffe.

Kaum hatte das Volk von diesem Vorschlage Kunde, als es in die größte

Wut geriet und den Coriolanus zerrissen hätte, wenn es die Tribunen

nicht gehindert hätten. Diese bestimmten darauf dem Coriolanus einen

Tag, wo er vor dem Gerichte des Volkes erscheinen und sich verantworten

sollte. Die Patrizier flehten um Gnade für ihn, er selbst aber zeigte

Trotz und Hohn und verachtete die Anklage. Als er jedoch sah, daß er

verurteilt werden würde, wartete er den Gerichtstag nicht ab, sondern

entfernte sich aus Rom. Das Volk verurteilte ihn, da er sich nicht zu

Gericht gestellt hatte, zu lebenslänglicher Verbannung.

Coriolanus war nach Antium, einer Stadt der Volsker, gegangen, wo ihn

sein Gastfreund Attius Tullius bereitwillig aufnahm. Hier brachte er

es dahin, daß die Volsker gegen die ihnen verhaßten Römer aufs neue

zu den Waffen griffen. An der Spitze eines volskischen Heeres drang

Coriolanus bis in die Nähe von Rom und lagerte sich eine Meile weit

von der Stadt. Weit und breit verwüstete er die Güter der Plebejer,

verschonte aber die der Patrizier, entweder um seinen Haß gegen jene an

den Tag zu legen, oder um beide Parteien gegen einander aufzureizen.

Rom befand sich in der größten Gefahr. Von außen wütete der Feind,

im Innern der Streit zwischen Volk und Senat. Endlich ward eine

Gesandtschaft der vornehmsten Patrizier an ihn abgeordnet, kehrte

aber unverrichteter Sache zurück. Dann wurden Priester mit allen

Zeichen ihrer Würde abgeschickt. Coriolanus empfing sie mit großer

Ehrerbietung, doch auch sie richteten nichts aus. Endlich gingen

+Vetúria+, die Mutter des Coriolanus, und dessen Gemahlin +Volúmnia+

mit seinen Kindern nebst anderen römischen Matronen ins volskische

Lager. Als Coriolanus von ihrer Ankunft hörte, eilte er auf seine

Mutter zu, um sie zu umarmen. Allein Veturia wies seine Umarmung ab,

voll Zorn und Schmerz brach sie in laute und bittere Klagen aus über

des Sohnes frevelhaften Krieg, über des Vaterlandes Not und das eigene

Unglück die Mutter eines solchen Sohnes zu sein. Tief erschüttert gab

Coriolanus nach. „Mutter,“ rief er, „das Vaterland hast du gerettet,

aber deinen Sohn verloren!“ Er verließ mit dem Heer der Volsker das

römische Gebiet und kehrte nach Antium zurück. Dort soll er bald darauf

von dem erzürnten Volk erschlagen worden sein, nach einer anderen Sage

aber als Verbannter ein hohes Alter in der freudelosen Fremde erreicht

haben.

XI.

Untergang der Fabier.

(477 v. Chr.)

Auch nach dem Abzuge des Coriolanus hörten die inneren Kämpfe zwischen

Patriziern und Plebejern in Rom nicht auf; jene suchten ihre Vorrechte

unverkürzt zu behaupten, diese forderten, unter der Führung ihrer

Tribunen, immer lebhafter eine rechtliche Gleichstellung. Insbesondere

erbitterte es die Plebejer, daß alles Land, welches den besiegten

Feinden entrissen und Eigentum des römischen Volkes ward (~ager

publicus~ „Gemeinland“), ausschließlich den Patriziern gegen eine

geringe Abgabe in Erbpacht gegeben wurde. Gegen ihre billige Forderung,

daß der Vorteil aus solcher Kriegsbeute allen Bürgern gleichmäßig

zufallen sollte, sträubte sich besonders das adelstolze zahlreiche

Geschlecht der +Fabier+, und gegen sie war der Unwille des Volkes

vorzugsweise gerichtet. Sieben Jahre nach einander, von 485-479 v. Chr.,

bekleidete jedesmal ein Fabier das Konsulat. Nun brach im Jahre 483

ein Krieg mit +Veji+, einer benachbarten Stadt Etruriens, aus. In

den beiden ersten Jahren geschah nichts Erhebliches, aber im dritten

ereignete sich Schmachvolles. Das größtenteils aus Plebejern bestehende

Heer folgte seinem Feldherrn, dem +Käso Fabius+, mit Ingrimm; ihm zum

Trotze wich es im Kampfe, gab das Lager dem Feinde preis und floh in

größter Unordnung nach Rom. Da beschlossen die Fabier, ohnmächtig

gegen des Volkes Haß und Starrsinn, sich mit ihm auszusöhnen. So

gelobten die Soldaten dem +Marcus Fabius+ Gehorsam und Sieg; sein

Bruder +Quintus+ fiel in einer Schlacht gegen die Etrusker, und ebenso

der andere Konsul, aber Marcus trug einen glänzenden Sieg davon. Der

Senat bewilligte ihm einen Triumph, den er jedoch wegen des Todes

seines Bruders und seines Kollegen ablehnte. Die verwundeten Plebejer

verteilte er in die patrizischen Häuser, viele nahm sein eigenes

Geschlecht auf und verpflegte sie aufs beste. Seitdem waren die Fabier

des Volkes Lieblinge, und Käso Fabius wurde zum dritten Male Konsul.

Dieser Mann forderte die Patrizier auf, einen Teil des jüngst

gewonnenen Gemeinlandes unter die armen Bürger zu verteilen, aber

vergeblich; er zog sich dadurch nur den Haß seiner Stammesgenossen

zu. Um so mehr vertrauten ihm die Plebejer. Noch immer dauerte der

Kampf mit den Vejentern fort, die, wenn ihnen gerade kein Heer

gegenüberstand, Streifzüge in das römische Gebiet unternahmen. Da

faßten Käso Fabius und sein ganzes Geschlecht den Entschluß mit ihren

Schützlingen und Anhängern (Klienten) die Vaterstadt zu verlassen und

für das Wohl des Staates auf eigene Hand den Grenzkrieg gegen Veji zu

übernehmen. Als sich die Kunde von diesem Entschlusse durch die Stadt

verbreitete, entstand ein allgemeiner Jubel, und das Volk erhob die

Fabier bis in den Himmel. Unter Gebeten und Segenswünschen zogen nun

die Fabier, 306 Helden, alle Patrizier, alle aus +einem+ Geschlecht,

jeder des Feldherrnamtes würdig, mit ihrem Gefolge von etwa 4000

Männern, durch das carmentalische Tor bis an das Flüßchen +Crémera+, wo

sie sich niederließen und verschanzten (479 v. Chr.).

Drei Jahre lang führten sie dort den Grenzkrieg gegen die Etrusker mit

Glück; die ganze vejentische Landschaft bis in die fernsten Winkel

wurde von ihren Streifzügen heimgesucht, und manches Treffen im offenen

Felde von ihnen gewonnen. Das Glück machte sie kühn und sicher, zuletzt

sorglos. Einst wurden Rinderherden unter schwacher Bedeckung an ihnen

vorbeigetrieben. Durch diese ließen sie sich auf eine Bergweide locken,

wo aus den Waldhöhen umher viele Tausende bewaffneter Feinde sich

verborgen hatten. Die Hüter des Viehes entflohen zum Schein; die Römer,

den Rindern nachjagend, zerstreuten sich und gerieten immer tiefer in

die verderbliche Talenge, als plötzlich von allen Seiten Schlachtruf

erscholl, und ein Hagel von Wurfgeschossen auf sie niederfiel. Die

Übermacht der Feinde umdrängte sie und immer enger ward der Kreis, in

den sie sich zusammenziehen mußten. Nachdem sie lange gegen den von

allen Seiten andringenden Feind gefochten hatten, wandten sie sich

endlich insgesamt in keilförmiger Aufstellung nach einer Richtung

hin und bahnten sich, durch die Macht ihrer Leiber und Waffen, den

Weg nach einer nahen Anhöhe. Hier bestanden sie den Kampf gegen die

nachstürmenden Feinde, bis diese auf einem Umweg den Gipfel des Berges

im Rücken der Römer erstiegen, von wo sie, Steinblöcke und Geschosse

hinabschleudernd, die Helden alle bis auf den letzten erschlugen. Der

Tag, an dem dies geschah, war der 18. Juli des Jahres 477 v. Chr. und

blieb im Andenken der Römer auf immer ein Unglückstag, der in stiller

Trauer begangen ward. Auch das carmentalische Tor, durch welches die

Fabier aus Rom gezogen waren, galt fortan für unheilbringend. Nur ein

Sprößling des Geschlechts, ein noch unmündiger Knabe, soll in Rom

zurückgeblieben sein, von dem das spätere fabische Geschlecht abstammte.

XII.

Appius Claudius und die Decemvirn.

(451-449 v. Chr.)

Die Römer hatten bis zu dieser Zeit noch keine geschriebenen Gesetze.

Die patrizischen Richter sprachen Recht nach altem Herkommen oder nach

Gutdünken, wobei sie sich oft Begünstigung ihrer Standesgenossen zum

Nachteile der Plebejer zuschulden kommen ließen. Um sich gegen solche

ungerechte Urteilssprüche zu sichern, setzten es die Plebejer unter

ihrem Tribunen +Terentilius Harsa+ durch, daß zu ihrem Schutze gegen

die Willkür der Patrizier +geschriebene Gesetze+ aufgestellt werden

sollten (453 v. Chr.). Nun wurden Gesandte in die griechischen Städte

Unteritaliens und nach Athen geschickt, um dort die weisesten Gesetze

zu sammeln. Nach ihrer Rückkehr wurde ein Ausschuß von zehn Männern

(~decemvirn~) ernannt, der aus diesen Gesetzen diejenigen auswählen

sollte, welche dem römischen Staate angemessen wären und zu gleicher

Zeit auf ein Jahr mit der unumschränkten Regierungsgewalt betraut,

sodaß alle anderen Obrigkeiten inzwischen aufhörten. Unter diesen

Zehnmännern oder +Decemvirn+ war +Appius Claudius+ der angesehenste und

einflußreichste.

Die Decemvirn regierten anfangs zu völliger Zufriedenheit des

Volkes. Am Ende ihres Amtsjahres stellten sie auf zehn Tafeln eine

Reihe von Gesetzen auf, bezeigten aber keine Lust, nun auch ihr Amt

niederzulegen. Besonders wünschte der stolze Appius Claudius seine

Herrschaft noch fortzusetzen. Durch erheuchelte Milde und Leutseligkeit

hatte er das Volk für sich gewonnen und bewirkte ohne Mühe, daß die

Decemvirn auch für das folgende Jahr im Amte blieben. Am Schluß des

zweiten Jahres stellten sie noch zwei Gesetztafeln auf. Aber auch jetzt

legten die Decemvirn ihr Amt nicht nieder, sondern mißbrauchten es zu

Gewalttätigkeiten gegen das Volk, besonders gegen diejenigen Plebejer,

die ihrer Herrschaft gefährlich schienen. Nun geschah es, daß die

benachbarten Äquer und Sabiner in die römische Landschaft einbrachen

und die Decemvirn gegen sie zwei Heere ins Feld führen mußten. Beide

Heere wurden durch die Schuld der Krieger, welche absichtlich ihre

Pflicht versäumten aus Unwillen gegen die Decemvirn, geschlagen. Als

der erste Schreck vorüber war und von Rom Verstärkung anlangte, rückte

das eine Heer in das Gebiet der Sabiner vor. In diesem Heere befand

sich ein alter Hauptmann, +Siccius Dentatus+, der in vielen Schlachten

gefochten, acht Feinde im Zweikampfe erlegt und vierzehn Bürgern

im Kampf das Leben gerettet hatte, dessen Brust zahlreiche Narben

schmückten und dem eine Menge von Bürgerkränzen, goldenen Ketten,

Armbändern und anderen Ehrenzeichen als Lohn seiner Heldentaten zuteil

geworden waren. Dieser Mann, über die Gewaltherrschaft der Decemvirn

empört, forderte seine im Felde stehenden Mitbürger zu einer zweiten

Auswanderung nach dem heiligen Berg auf, um die verlorenen Rechte

wiederzugewinnen. Als die Decemvirn davon Kunde erhielten, beschlossen

sie seinen Tod. Sie sandten ihn, begleitet von einer Schar gedungener

Meuchelmörder, in die Umgegend, um den Platz für ein neues Lager zu

suchen. Diese überfielen in einem einsamen Hohlwege den ahnungslosen

Helden. Aber es ward ihnen schwer den gewaltigen Mann zu fällen, und

um seine Leiche lagen viele der Verräter, die er in seiner Notwehr

hingestreckt hatte. Die übrigen berichteten im Lager Siccius sei mit

einigen seiner Leute in einen Hinterhalt der Feinde geraten und tapfer

kämpfend gefallen. Man eilte hin, seine Leiche zu holen: da wurde

der Verrat offenbar, denn es lagen keine Feinde, sondern nur Römer

um ihn her. Das Heer drohte Aufstand und wollte die Leiche nach Rom

tragen, ließ sich aber für diesmal noch dadurch beschwichtigen, daß

die Decemvirn dem Gefallenen ein prächtiges Leichenbegängnis mit allen

kriegerischen Ehren anordneten.

So nachteilig auch diese Tat für den Ruf der Decemvirn war, so

gelang es diesen doch sich in der Gewalt zu behaupten, bis endlich

der Frevelmut des Appius Claudius eine allgemeine Empörung gegen sie

veranlaßte. Appius hatte die schöne +Virginia+, die Tochter eines

Plebejers, des +Virginius+, und Braut des Icilius gesehen und strebte

nach ihrem Besitze. Anfangs suchte er sie durch lockende Versprechungen

zu gewinnen. Da ihm dies nicht gelang, so bewog er einen seiner

Klienten die Virginia für die Tochter seiner Sklavin auszugeben und als

sein Eigentum zurückzufordern.

Ihr Vater Virginius stand im Lager, als der Klient die Virginia auf

offener Straße ergriff und vor den Richterstuhl des Appius Claudius

führte, von dem er sie sich nun als Eigentum zusprechen ließ. Auf das

Geschrei des um Hilfe stehenden Mädchens strömte eine Menge Volkes

herbei. Auch Icilius war herbeigeeilt, und nur mit Mühe vermochte er

den Appius zu bewegen, bis zur Ankunft des Vaters die Sache anstehen

und die Jungfrau in den Händen derer zu lassen, welche sich für sie

verbürgten. Alsbald schickte Appius heimlich einige Diener ins Lager

an die Decemvirn, die dort den Oberbefehl hatten, mit dem Auftrage,

sie sollten dem Virginius keinen Urlaub gewähren. Doch die Boten des

Icilius waren früher gekommen. Virginius hatte bereits Urlaub und war

auf dem Wege nach Rom.

Am folgenden Tage erschien er vor dem Richterstuhle des Decemvirn

mit seiner Tochter, beide in Trauergewand, von vielen Matronen und

Freunden begleitet. Der ganze Marktplatz war von Menschen angefüllt,

die das traurige Schauspiel herbeigelockt hatte. Appius bestieg die

Richterbühne; sein Klient wiederholte seine Klage, und abermals wurde

die Jungfrau ihm als Eigentum zugesprochen. Als er sie ergreifen

wollte und der Vater ihn drohend abwies, die Umstehenden aber in ihrer

Entrüstung einen schützenden Kreis um Vater und Tochter schlossen, da

befahl Appius seinen mit Beilen bewehrten Amtsdienern, den Liktoren,

den Haufen zu sprengen und das Mädchen zu ergreifen, und bedrohte mit

schwerer Strafe alle diejenigen, die sich gestern und heute gegen

seine Richtergewalt gesträubt hätten. Dadurch eingeschüchtert wich die

Menge auseinander. Virginius aber, der keine Rettung mehr sah, bat

nur noch um die Gunst von seiner Tochter Abschied nehmen zu dürfen.

Dies ward ihm gewährt. Da führte er sie zu einer nahen Fleischerbude,

ergriff ein Messer und stieß es ihr in die Brust, indem er ausrief:

„Hiermit allein, mein Kind, kann ich deine Ehre retten!“ Darauf

wandte er sich gegen Appius und schrie: „Bei diesem Blute weihe ich

dein Haupt den Göttern der Unterwelt!“, bahnte sich mit dem Messer in

der Hand einen Weg durch das Gedränge und gelangte bis ans Tor, um

zurück ins Lager zu eilen. Icilius aber zeigte dem Volke den blutenden

Leichnam seiner Verlobten und forderte zum Sturz der Decemvirn auf; die

Liktoren des Appius wurden übermannt und er selbst floh mit verhülltem

Haupte in sein Haus. Auch im Lager brach der Aufruhr los. Das Volk

zog zum zweiten Male auf den heiligen Berg und kehrte erst dann nach

Rom zurück, als der Senat verordnete, daß die Decemvirn ihr Amt

niederlegen und wieder Konsuln an ihre Stelle treten sollten.

Appius Claudius aber, der ruchloseste der Decemvirn, ward in den Kerker

geworfen und nahm sich dort selbst das Leben.

XIII.

M. Furius Camillus. Einbruch der Gallier.

Nicht weit von Rom, auf etrurischem Gebiet, lag die mächtige Stadt

+Veji+, die mit den Römern seit lange in Fehde lag und schon oft

blutige Kämpfe geführt hatte. Nun geschah es, daß die Vejenter römische

Gesandte ermordeten, wofür die Römer Genugtuung verlangten und mit

neuem Kriege drohten. Im Vertrauen auf ihre Macht und die Festigkeit

ihrer Stadt nahmen ihn die Vejenter an, und es begann ein zehnjähriger

Kampf (405-396 v. Chr.), der mit der völligen Zerstörung der Stadt Veji

endete. Der Ruhm dieses Sieges gebührte dem Marcus +Furius Camillus+.

Zehn Jahre lang ward die Stadt von den Römern belagert, aber nicht

ohne Unterbrechung. Ihr Heer zog gewöhnlich nur im Sommer und lagerte

einige Monate um die Stadt, die übrige Zeit begnügte es sich ihr durch

Streifzüge die Zufuhr abzuschneiden. Erst im zehnten Jahre schritt man

zu einer förmlichen Belagerung, wobei das römische Heer zum ersten Male

den Winter über im Felde blieb und die Mannschaften für ihren Unterhalt

einen Sold aus der Staatskasse erhielten.

In diesem letzten Jahre aber erlitten die Römer eine so schwere

Niederlage, daß banges Zagen das Heer und auch die Bevölkerung Roms

ergriff, und man schon den Feind vor den Mauern erwartete. In dieser

Not ward +M. Furius Camillus+ zum Diktator gewählt. So hieß bei den

Römern der Beamte, den sie in Zeiten großer Bedrängnis ernannten,

und mit unumschränkter höchster Gewalt ausstatteten, um den Staat

zu retten, und mit dessen Ernennung die Amtsgewalt aller anderen

Obrigkeiten aufhörte.

Camillus sammelte eine bedeutende Streitmacht und rückte, nach einem

glücklichen Treffen gegen die Falisker, welche auf Seite der Vejenter

standen, vor Veji, schloß die Stadt ein und erbaute rings umher

eine Reihe fester Schanzen. Auch ließ er einen unterirdischen Gang

graben, welcher in das Innere der Burg von Veji hineinführen sollte.

Tag und Nacht wurde ohne Unterlaß an diesen Werken gearbeitet; man

hoffte zuversichtlich, daß Vejis Untergang nahe sei. Unter vielen

anderen Wunderzeichen hatte es sich im Jahre vorher ereignet, daß der

Albanersee, südlich von Rom, im trockenen Hochsommer ungewöhnlich

anschwoll und die umliegende Landschaft überschwemmte. Man schickte

nach Delphi, um über die Bedeutung der seltsamen Erscheinung den

Gott zu befragen. Um Veji war um diese Zeit Waffenruhe, und die

Vorposten auf beiden Seiten führten Gespräche mit einander. So hörten

die Belagerten von dem Wunder des Sees, und ein etruskischer Seher

verkündigte, Veji sei nicht einzunehmen, so lange das Wasser nicht

abgeleitet sei. Bald nachher lud ein römischer Hauptmann den Wahrsager

zu sich, unter dem Vorwande, er wolle sich einige Zeichen, die ihn

allein beträfen, von ihm deuten lassen. Er kam, aber der starke

Hauptmann ergriff den schwachen Alten und schleppte ihn mit Gewalt

zu dem Feldherrn, der ihn nach Rom abführen ließ. Hier vor dem Senat

bekannte der Seher: „Die Schicksalsbücher von Veji verkünden, solange

der See überströme, könne Veji nicht eingenommen werden, und wenn sein

Wasser das Meer erreiche, werde Rom untergehen.“ Damit stimmte die

Antwort des delphischen Orakels überein.

Nun wurde ein Kanal gegraben und das Wasser des Sees auf die Felder

geleitet. Vejis Untergang hielt man jetzt für so gewiß, daß Camillus,

ehe er die Stadt bestürmen ließ, den Senat befragte, wie er mit der

Beute verfahren solle. Der Senat beschloß, daß jeder, der daran

teilhaben wollte, ins Lager ziehen möge, und jung und alt strömte hin.

Als nun der unterirdische Gang in die Burg bis unter dem Boden des

Junotempels vollendet war, gelobte Camillus den Zehnten der Beute den

Göttern zu weihen, zur Göttin Juno aber betete er, sie möge den Siegern

nach Rom in ein prächtigeres Wohnhaus folgen. Zur bestimmten Stunde

wurde der Gang mit Kriegern gefüllt, die Camillus selbst anführte,

während das übrige Heer ringsum den Sturm auf die Mauern begann, wo

allein die Belagerten ihren Angriff erwarteten. Im Junotempel opferte

inzwischen der König der Vejenter, und der Seher erklärte, +der+ werde

siegen, welcher der Göttin das Opferfleisch zerlege. Kaum hörten dies

die Römer in dem Gange, so brachen sie aus demselben hervor, raubten

das Opferfleisch und trugen es zu dem Diktator. Zugleich verbreiteten

sich von der Burg aus die aus dem Gange Eingedrungenen in die Stadt,

um den Stürmenden die Tore zu öffnen. In allen Straßen wurde gekämpft

und unter den Einwohnern ein furchtbares Gemetzel angerichtet, bis der

Diktator verkünden ließ die Wehrlosen zu verschonen. Die dem Blutbade

entronnen waren, wurden als Sklaven verkauft, und so überschwänglich

war die übrige Beute, daß der Diktator, als er sie überschaute, mit gen

Himmel gehobenen Händen zu den Göttern gebetet haben soll, daß, wenn

ihnen dies Glück übergroß erschiene, das römische Volk nur mit einem

kleinen Unfall büßen möge. Bei der Rückkehr nach Rom feierte der Sieger

einen prächtigen Triumph, wobei er auf einem mit vier weißen Rossen

bespannten Wagen das Kapitol hinauffuhr.

Auch die Stadt +Falerii+, die es mit den Vejentern gehalten hatte,

unterwarf Camillus der Botmäßigkeit der Römer. Zwar trotzten anfangs

die Einwohner, die Falisker, auf die Festigkeit ihrer auf steilen

Felsen gelegenen Stadt vertrauend, und die Belagerung zog sich in

die Länge; bis der hochherzige Sinn, den Camillus hier zu zeigen

Gelegenheit hatte, die Falisker zur Unterwerfung geneigt machte.

Eines Tages nämlich führte ein Schulmeister eine Schar Kinder aus

den vornehmsten Familien der Stadt, wie zur Friedenszeit, zu einem

Spaziergange aus der Stadt und zog mit ihnen weit vor die Mauern, bis

er zu den Vorposten der Feinde und an das Zelt des Camillus kam. „Diese

Knaben sind die Söhne der vornehmsten Bewohner der Stadt. Behalte sie

als Geiseln, so bringst du ihre Stadt ohne weitern Kampf in deine

Gewalt.“ So sprach der Arglistige, in Hoffnung auf einen großen Lohn.

Aber der hochgesinnte Römer ließ dem verräterischen Lehrer die Hände

auf den Rücken binden und übergab ihn den Kindern, die ihn unter

Rutenschlägen in die Stadt zurücktrieben. Diese Ehrlichkeit des Feindes

verwandelte den Haß der Falisker in Bewunderung; sie suchten und fanden

in Rom einen billigen Frieden.

In den folgenden Jahren verlor indes der um Rom so hochverdiente Mann

die Gunst des Volkes. Ja, ein Volkstribun klagte ihn an einen Teil der

vejentischen Beute unterschlagen zu haben. Verlassen von Freunden und

Klienten, ging er in die Verbannung, mit dem Gebete an die Götter,

daß, wenn man ihm Unrecht tue, bald eine Zeit kommen möge, wo das

Vaterland seiner bedürfe. Sein Wunsch ging bald in Erfüllung, wie die

folgende Geschichte lehrt.

Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form · 第 3 / 21 段