Tarquinius und der jüngeren Tullia stattfand, brachte zwischen beiden
bald eine Vertraulichkeit zuwege, die sie zu den schändlichsten
Handlungen verführte. Beide töteten, er seine Gattin, sie ihren Gatten.
Dies konnte Servius nicht nur nicht verhindern, sondern mußte sogar
erlauben, daß sie sich einander heirateten. Aber damit nicht zufrieden,
suchten sie den Servius der Regierung zu berauben. Tarquinius warb
sich eine Partei unter den Bürgern und gewann besonders die Vornehmen,
die sich durch die neuen Einrichtungen des Königs in ihren alten
Vorrechten gekränkt fühlten. Eines Tages erkühnte er sich, angetan mit
den Abzeichen der Königswürde, in königlichem Schmuck in das Rathaus
zu gehen, sich auf den Königsstuhl zu setzen und, als wäre er bereits
König, den Senat zu berufen. Sie kamen in großer Anzahl, und er hielt
eine Rede an sie, worin er ihnen seine Absicht, sich auf den Thron zu
setzen, entdeckte. Inzwischen kam auch Servius Tullius voll Zorn herbei
und wollte sogleich seinen Eidam vom Throne herabziehen. Allein dieser,
an Kräften dem alten König überlegen, ergriff und stürzte ihn von der
obersten Stufe des Rathauses auf den Markt hinab. Verwundet wollte
Servius sich nach Hause begeben, allein die Boten des Tarquinius holten
ihn unterwegs ein und töteten ihn auf der Stelle.
Indessen war Tullia herbeigekommen und hatte den Vorgang gehört.
Frohlockend ließ sie ihren Mann aus dem Rathause rufen und begrüßte
ihn zuerst als König. Als sie wieder nach Hause fuhr, führte der Weg
durch eine enge Straße, wo der Leichnam des ermordeten Königs lag.
Bei diesem Anblick hielt der Wagenführer an und wollte ausweichen,
aber die gottlose Tullia befahl ihm über den Leichnam ihres Vaters
hinwegzufahren. So kam sie, mit dem Blute ihres Vaters bespritzt, nach
Hause.
VII.
König Tarquinius Superbus.
(534-510 v. Chr.)
+Tarquinius+ hat sich durch seine eigenmächtige und gewalttätige
Herrschaft den Beinamen +Superbus+ (Tyrann) zugezogen. Er hatte sich
des Königsamtes bemächtigt, ohne vom Volke gewählt und durch die
Auspicien bestätigt zu sein. Die Reichen drückte er durch willkürliche
Auflagen, die Armen durch Frohndienste. Viele Vornehme, die treu zum
vorigen Könige gehalten hatten oder die ihm verdächtig schienen,
bestrafte er mit Hinrichtung, Verbannung oder Verlust des Vermögens.
Er berief den Senat nicht mehr, und entschied allein über Krieg und
Frieden und über Bündnisse mit anderen Völkern. Nach außen aber nahm
der Staat unter seinem klugen und unternehmenden Regiment an Größe,
Macht und Ansehen stetig zu. Er entriß den latinischen Städten ihre
Selbständigkeit und machte Rom zum herrschenden Haupte des latinischen
Bundes.
Eine derselben, die große und feste Stadt Gabii, belagerte Tarquinius
sieben Jahre lang vergebens, bis er sie endlich durch List eroberte.
Sein jüngster Sohn, +Sextus+ Tarquinius, flüchtete, scheinbar in Zwist
mit seinem Vater, nach Gabii, wo er über dessen unerträgliche Härte
klagte, und dadurch das Mitleid der Gabinier erregte. Sie nahmen ihn
gern auf, und bald wußte er ihr volles Vertrauen zu erwerben. Mit
einem gabinischen Heerhaufen trieb er die Kriegsmannen seines Vaters
zurück; die sich der Verabredung gemäß schlagen lassen mußten. Durch
diese Arglist betrogen, übertrugen ihm die Gabinier bald den Oberbefehl
über Stadt und Heer. Nun schickte er einen vertrauten Boten an seinen
Vater, mit der Frage, was er nun, da die Götter ihn zum Herrn von Gabii
gemacht hätten, dort tun sollte. Der König führte schweigend den Boten
in den Garten, schlug mit einem Stabe die höchsten Mohnköpfe ab, und
hieß ihn dann dem Sohne sagen was er gesehen hätte. Sextus verstand
seines Vaters Wink und schaffte die vornehmsten Gabinier teils durch
heimlichen Mord, teils durch falsche Anklagen und Verbannung beiseite.
Nachdem er auf diese Weise die Stadt ihrer Häupter beraubt, und das
gemeine Volk durch Verteilung der Güter der Verurteilten gewonnen
hatte, lieferte er sie ohne jeden Widerstand in die Hand seines Vaters.
Der kriegerische König war zugleich prachtliebend und verschönerte
Rom durch großartige Bauten, die er durch kunstgeübte etrurische
Werkmeister ausführen ließ. Die Kosten bestritt er aus den Gütern der
verbannten Reichen und der angesammelten Kriegsbeute, während das
ärmere Volk zu harten Frondiensten herangezogen wurde. Von diesen
Bauten waren am berühmtesten die „große Kloake“ und das Capitolium mit
dem dreifachen Tempel des Jupiter, der Juno und der Minerva, der mit
ehernen Götter- und Königsbildern geschmückt war. Als man bei dem Bau
dieses großen capitolinischen Tempels die vielen älteren Altäre und
kleinen Tempel, welche den Ort bedeckten, wegräumte, ließen sich die
des „Grenzgottes“ (~Terminus~) und der Göttin der „Jugend“ (~Juventus~)
nicht wegrücken. Diese Wunderzeichen deutete man dahin, daß die Jugend
des römischen Staates nie verblühen seine Grenzen nie zurückweichen
würden. Man schloß daher diese Götter mit in die Mauer des Tempels ein.
In einem unterirdischen Gewölbe des Tempels wurden in bleiernem Kasten
die drei sibyllinischen Bücher verwahrt, in deren Besitz Tarquinius auf
folgende Weise gelangt war.
Einst kam eine unbekannte Alte von seltsamem Ansehen zum König und bot
ihm neun Bücherrollen zum Kauf an. Aber der Preis, den sie forderte,
war dem König zu hoch, und die Frau wurde abgewiesen. Alsbald ging
sie fort und verbrannte drei von ihren Büchern, kam dann wieder und
bot die übrigen sechs dem Könige zu demselben Preise an. Wiederum
zurückgewiesen, verbrannte sie abermals drei Bücher. Als sie dann zum
dritten Male erschien und die drei letzten Bücher zu verbrennen drohte,
wenn sie jenen Preis nicht erhielte, wurde der König aufmerksam und
ließ die Bücher von den Augurn untersuchen. Auf ihren Rat kaufte er
die Bücher, und sofort verschwand die Fremde. Die Abfassung dieser mit
dunklen, rätselhaften Sprüchen und Weissagungen in griechischer Sprache
angefüllten Bücher schrieb man einer Sibylle zu, mit welchem Namen man
in alten Zeiten geheimnisvolle, mit Sehergabe ausgestattete Frauen
bezeichnete, und davon hießen fortan diese wundersamen Schriftrollen
die +sibyllinischen Bücher+. Der besondern Obhut zweier Priester
anvertraut, wurden sie fortan zu Rate gezogen, so oft auffällige
Naturerscheinungen die Gemüter erschreckten, oder der Staat, durch
innere oder äußere Not bedrängt, eines göttlichen Rates zu bedürfen
schien.
Nicht lange, so ängstigten böse Zeichen und Träume das Gemüt des
Königs. Eine Schlange schlüpfte aus dem Altar des königlichen Hauses
und raubte das dargebrachte Opferfleisch. Der König beschloß das
delphische Orakel, welches damals im größten Ansehen stand, über
dieses Wunder zu befragen und sandte seine beiden Söhne +Titus+ und
+Aruns+, denen er den Junius +Brutus+ als Begleiter gab, mit kostbaren
Weihgeschenken dahin ab. Dieser, obgleich ein naher Verwandter des
Königs, war der Grausamkeit des Tyrannen, der schon seinen Vater und
Bruder getötet hatte, nur dadurch entgangen, daß er sich blödsinnig
stellte. Tarquinius hatte ihn wirklich für dumm gehalten, ihm den
Namen Brutus (der Dumme) gegeben und ihn der Kurzweil wegen an seinen
Hof genommen. Doch äußerte Brutus bisweilen Spuren der in ihm
versteckten Klugheit. In Delphi machte er dem Orakel einen Stab von
Kornelkirschholz zum Geschenk, aber der hölzerne Stab war hohl und mit
Gold gefüllt, und so ward er das Sinnbild des Brutus selbst.
Als die Jünglinge den Auftrag des Vaters vollzogen hatten, trieb sie
die Neugier das Orakel zu befragen, wer nach dem Vater in Rom herrschen
würde, und es geschah die Antwort: „Der, welcher zuerst von euch seine
Mutter küssen wird.“ Die Königssöhne, welche meinten, das Orakel weise
auf ihre Mutter, die Königin, die Gattin des Tarquinius, machten
unter sich aus ihre Mutter zu gleicher Zeit zu küssen, um später
gemeinschaftlich zu regieren. Brutus aber verstand unter der Mutter
die Erde, die gemeinsame Mutter aller Menschen. Darum tat er, als sie
heimkehrten und aus dem Schiff ans Land stiegen, mit Absicht einen
Fehltritt, fiel nieder zur Erde und berührte sie mit seinen Lippen, und
erfüllte so das Geheiß des Orakels.
Bald darauf geschah es, daß bei einer Belagerung von Ardĕa, der
Hauptstadt der Rútuler, sich die Söhne des Königs die Langeweile im
Lager durch Gastmähler und Trinkgelage zu vertreiben suchten. Als sie
so einst bei ihrem Bruder Sextus, dem Eroberer von Gabii, schmausten,
fiel die Rede auch auf ihre Frauen, und sie stritten, wer von ihnen
die preiswürdigste hätte. Da jeder seine eigene dafür hielt, rief
Collatinus Tarquinius, ihr Vetter: „Wozu all dies Streiten? Laßt uns
unsere Rosse besteigen und unsere Frauen besuchen! Womit wir eine jede
beschäftigt finden, darnach mag der Preis zuerkannt werden.“ Alle waren
mit dem Vorschlage zufrieden. Beim Anbruch der Dunkelheit gelangten sie
nach Rom, wo die Frauen der Königssöhne die Zeit in Lust und Wohlleben
verbrachten; von da ging ihr Ritt nach Collatia, zum Landgute des
Collatinus. Hier fanden sie die ebenso schöne wie züchtige +Lucretia+,
die Gattin desselben, noch in später Nacht unter ihren Mägden sitzen
und mit Wollarbeit beschäftigt. Ihr wurde der Preis zuerkannt.
Freundlich bewirtete sie den Mann und die mitgebrachten Gäste, bis sie
ins Lager zurückkehrten.
Einige Tage nachher erschien Sextus Tarquinius diesmal allein und ohne
Wissen des Collatinus, wieder in Collatia. Er ward von der arglosen
Lucretia gastlich aufgenommen, vergalt aber diese Aufnahme damit, daß
er der tugendhaften Frau eine rohe und entehrende Gewalt antat. Als der
Verräter sie verlassen, ließ sie ihren Vater Lucretius und ihren Gemahl
zu sich nach Collatia entbieten. Sie kamen, der Gatte begleitet von
jenem Junius Brutus, der Vater von seinem Freunde Valerius. Jammernd
erzählte sie ihnen den erlittenen Schimpf, und nachdem sie ihnen
den Schwur abgefordert, den Sextus Tarquinius, ihren Beleidiger, zu
bestrafen, stieß sie sich vor ihren Augen einen Dolch in die Brust.
Während die anderen vor Schreck wie gelähmt dastanden, trat Brutus
hervor, zog den Dolch aus der Leiche und schwur bei dem Blute des
unschuldigen Opfers, daß er nicht ruhen und rasten wolle, bis er dies
gottlose Königsgeschlecht aus Rom verjagt und der Königsherrschaft ein
Ende gemacht hätte. Und den gleichen Schwur ließ er den beleidigten
Gatten und den Vater nebst Valerius auf den blutigen Dolch leisten.
Darauf hoben sie die Tote und trugen sie auf den Markt, wo sie dem
herzueilenden Volke die Schandtat des Tarquiniers erzählten. Die
Bürger von Collatia bewaffneten sich, besetzten die Tore ihrer Stadt
und zogen, von Brutus und den anderen geführt, nach Rom. Hier berief
Brutus das Volk zusammen und zählte ihm alle Freveltaten auf, die
der König, sein Weib und seine Söhne vom Morde des Servius Tullius
an bis zu dieser letzten Schandtat verübt hätten. Das Volk erklärte
den Tarquinius der Königswürde verlustig und beschloß seine und
seines Geschlechtes Verbannung. Darauf zog Brutus mit einer Schar von
Jünglingen in das Lager von Ardea, jedoch auf einem Umwege, sodaß er
dem Könige, der auf die erste Nachricht von dem Aufruhr nach Rom geeilt
war, nicht begegnete. Freudig nahm das Heer den Brutus auf und verjagte
die Königssöhne. In Rom aber ließ man den König nicht herein, sondern
verschloß ihm die Tore und kündigte ihm seine Verbannung an. So von
Volk und Heer verlassen, floh er mit seiner Familie nach der Stadt
Cäre in Etrurien. Sextus ging zu den Gabiniern, die ihn, eingedenk des
früheren Verrates, erschlugen.
Rom als Republik.
VIII.
Brutus, erster Konsul der Römer.
(509 v. Chr.)
An Stelle des einen Königs traten von jetzt an +zwei+ oberste
Beamte, die +Konsuln+, die, vom Volke gewählt, beide zwar dieselbe
Machtbefugnis als oberste Heerführer und Richter übten, wie bisher
die Könige, aber ihr Amt nur +ein+ Jahr lang bekleideten und sich
gegenseitig an Ausschreitungen hindern konnten. Die ersten Konsuln
waren +Brutus+ und +Collatinus+.
Obschon die Vertreibung der Könige von den alten Geschlechtern, den
Patriziern, ausgegangen war, so waren doch nicht alle Patrizier damit
zufrieden. Zumal die jüngeren unter ihnen, welche den Glanz und die
Freuden eines königlichen Hofes vermißten, fanden sich nicht leicht
in den neuen Zustand, und warteten nur auf eine Gelegenheit, um den
König zurückzuführen. Als der König von dieser Stimmung Kunde erhielt,
schickte er alsbald Gesandte nach Rom, unter dem Vorwande, daß sie
die Herausgabe seiner Güter fordern sollten, in der Tat aber, um
eine Empörung zum Sturz der Konsuln zuwege zu bringen. Mehrere junge
Patrizier, unter ihnen sogar die Söhne des Konsuls Brutus, ließen sich
dafür gewinnen und warben unter ihren Freunden zahlreiche Genossen. Man
verabredete an einem bestimmten Tage die Konsuln zu töten und zugleich
dem König die Tore der Stadt zu öffnen, und schrieb einen Brief an ihn,
um ihn zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Allein, ehe noch die Gesandten
mit dem Briefe Rom verlassen konnten, wurde die Verschwörung entdeckt.
Ein Sklave hatte eine Zusammenkunft der Verschworenen belauscht und
ihren Plan den Konsuln angezeigt. Diese ließen sofort die Gesandten
und die Verschworenen ergreifen, und der vorgefundene Brief bezeugte
unwidersprechlich ihre Schuld. Die Gesandten wurden, dem Völkerrechte
gemäß, unverletzt entlassen, die ganze Habe des Königs aber dem Volke
preisgegeben, sein großer Landbesitz nordwärts der Stadt bis zur Tiber
dem Kriegsgott geweiht und seit der Zeit Marsfeld (~campus Martius~)
genannt.
Die Verschworenen wurden in Fesseln vor die Konsuln geführt, welche
auf ihren Amtsstühlen zu Gerichte saßen. Da sie nichts zu ihrer
Verteidigung vorbringen konnten, so verurteilte sie Brutus, der Vater
die eigenen Söhne, zum Tode. Diese Strenge machte auch dem Collatinus,
dessen Neffe unter den Verschworenen war, ein milderes Urteil
unmöglich. Mit fester Miene und unverwandtem Blick sah Brutus seine
Söhne mit Ruten geißeln und dann mit dem Beil hinrichten. Darauf bewog
er das Volk zu dem Beschluß, daß auch alle Verwandten des Königshauses
verbannt sein sollten. Da zu diesen auch der Konsul Collatinus gehörte,
so legte er sein Amt nieder und ging in die Verbannung. An seine Stelle
trat der oben erwähnte Publius Valerius.
Tarquinius suchte von nun an mit Waffengewalt die verlorene Herrschaft
wiederzugewinnen. Er rückte mit einem Heere, das ihm die etruskischen
Städte Veji und Tarquinii gestellt hatten, gegen Rom. Die Bürger
zogen ihm entgegen. Am Walde Arsia kam es zum Treffen. Als Brutus
und Arnus, beide an der Spitze ihrer Reiterei, einander ansichtig
wurden, sprengten sie, von gleichem Haß und Kampflust getrieben,
gegen einander an. Beide fielen, jeder vom andern zu Tode getroffen.
Darauf entbrannte die Schlacht allgemein und dauerte ununterbrochen
bis gegen Mitternacht. Plötzlich erscholl aus dem Forste die Stimme
des Waldgottes: „Bei den Etruskern ist ein Mann mehr gefallen, der
Sieg gehört den Römern!“ Da gaben die Etrusker die Sache verloren und
wandten sich zur Flucht, und die Römer kehrten als Sieger nach Hause.
Den Brutus bestatteten sie auf das ehrenvollste, und die römischen
Frauen betrauerten ihn ein ganzes Jahr wie einen Vater.
IX.
Krieg mit König Porsenna.
Tarquinius ließ die Hoffnung, die Königswürde wieder zu erlangen, noch
nicht fahren. Er begab sich in den Schutz +Porsennas+, des mächtigen
Fürsten der Stadt Clusium in Etrurien. Der Krieg, den dieser deshalb
mit Rom begann, erreichte zwar nicht das eigentliche Ziel, die
Herstellung des Tarquinius als römischen Königs, aber die Römer mußten,
trotz heldenhafter Gegenwehr, einen Teil ihres Gebietes an Porsenna
abtreten. Von diesen Heldentaten berichtet die Sage folgendes.
Da die kleine Festung auf dem Berge Janiculum, auf der rechten Seite
der Tiber, der Stadt gegenüber, beim ersten Angriff vom Feinde erobert
ward, so zog sich die Besatzung vor der Übermacht in die Mauern der
Stadt zurück. Nun wäre Porsenna unaufhaltsam über die schmale hölzerne
Tiberbrücke nachgedrungen, wenn nicht +Horatius Cocles+ durch seine
Unerschrockenheit und Tapferkeit es verhindert hätte. Als er sah, daß
seine Genossen nicht mehr standhielten, riet er ihnen selbst über die
Brücke zu eilen und sie so schnell als möglich abzutragen. Während dies
geschah, wehrte Horatius mit zweien seiner Gefährten das feindliche
Heer von dem Zugang zur Brücke ab. Als dieselbe beinahe abgetragen
war, entließ er auch seine Gefährten, um sich über die Reste in die
Stadt zu retten. Hierauf stellte er sich allein dem Feinde entgegen,
und erst, als die letzten Balken krachten, sprang er, den Stromgott um
Schutz anflehend, mit Schild und Wehr in die Fluten. Unter einem Hagel
feindlicher Pfeile schwamm er unversehrt an das andere Ufer.
Die festen und hohen Mauern der Stadt schützten sie zwar gegen einen
stürmischen Angriff; aber der Feind begann ihr von allen Seiten die
Zufuhr abzuschneiden und ihr Gebiet zu verwüsten, sodaß bald Mangel an
Nahrung entstand. Um Rom von dieser Bedrängnis zu befreien, beschloß
+Mucius Scävŏla+, ein mutiger Jüngling, den feindlichen König zu töten.
In etruskischer Kleidung, einen Dolch unter dem Gewande, schlich er
ins feindliche Lager, wo eben ein Schreiber neben dem König saß, der
mit den Kriegern verhandelte, die ihren Sold erhalten sollten. Weil
sich dieser in seiner Tracht gar nicht vom König unterschied, so hielt
ihn Mucius für den König selbst und stieß ihn mit dem Dolche nieder.
Ergriffen und vor den König geführt, bekannte er unerschrocken sein
Vorhaben. Als ihn Porsenna mit dem Feuertode bedrohte, streckte er, um
zu zeigen, daß er alle Drohungen verachte, seine Rechte in die Flamme
des nahestehenden Opferherdes, ohne das geringste Zeichen von Schmerz
zu verraten. Da verwandelte sich des Königs Zorn in Bewunderung, er
schenkte dem Mucius das Leben, und dieser erklärte nun, gleichsam um
den König für seine Milde zu belohnen, daß nicht er allein, sondern
dreihundert römische Jünglinge sich zu gleichem Zwecke verschworen
hätten, um durch den Tod des Königs ihre Vaterstadt zu befreien.
Der junge Held, der später von dem Verluste seiner rechten Hand den
Beinamen Scävola (Linkhand) erhielt, ward entlassen; der König aber,
der sich jetzt von steten Gefahren bedroht glaubte und für sein Leben
fürchtete, ward zum Frieden geneigt, der auch bald zustande kam. Er
hob die Belagerung auf und verzichtete auf die Wiedereinsetzung des
Tarquinius; dagegen traten die Römer das rechte Tiberufer an ihn ab und
stellten zehn Jünglinge und ebenso viele Jungfrauen als Geiseln.
Unter diesen Jungfrauen befand sich die edle +Clölia+. Sie täuschte
die Wächter und schwamm mit den übrigen Jungfrauen über die Tiber.
Vergebens schossen die Feinde ihre Pfeile auf sie ab; sie kam mit ihren
Gefährtinnen glücklich nach Rom. Aber der römische Konsul schickte sie
auf die drohende Forderung Porsennas in das etruskische Lager zurück.
Doch hatte der Heldenmut der Jungfrau des Königs Bewunderung erregt; er
vergab ihr nicht nur und schenkte ihr die Freiheit, sondern er erlaubte
ihr sogar einige von den römischen Jünglingen, die als Geiseln im Lager
waren, mit nach Hause zu nehmen. Sie wählte die jüngeren, deren zartes
Alter ihr im Feindeslande am meisten der Kränkung ausgesetzt schien.
In Rom aber errichtete man, zu dauerndem Andenken an den Heldenmut der
Clölia, ein ehernes Denkmal, eine Jungfrau zu Roß.
So war denn auch dieser Versuch des Tarquinius, die Herrschaft
wiederzugewinnen, mißlungen. Er nahm hierauf seine Zuflucht zu den
Latinern, die er zu einem Kriege gegen die Römer aufreizte, der im
Jahre 496 v. Chr. zum Ausbruch kam. Am See +Regillus+ trafen beide
Heere aufeinander; es war ein Heldenkampf, in dem die Führer selber
sich im Zweikampf begegneten, während die Menge ohne Entscheidung
focht, und der Sieg bald hierin, bald dorthin sich wandte. Selbst der
hochbejahrte Tarquinius nahm an der Schlacht Anteil und ward verwundet.
Endlich siegten die Römer und nahmen das feindliche Lager; Tarquinius
ging hoffnungslos zu Aristodémus, dem Fürsten der griechischen Stadt
Cumä, nahe dem heutigen Neapel, wo er im folgenden Jahre starb.
X.
Innerer Zwist. Menenius Agrippa und Marcius Coriolanus.
Die Bürgerschaft Roms zerfiel in zwei an Herkunft, Recht und Ansehen
verschiedene Klassen, unter denen nicht einmal ein gemeinschaftliches
Verkehrsrecht (~commercium~) und Eherecht (~conubium~) bestand. Die
eigentliche Gemeinde bildeten nur die +Patrizier+, die Nachkommen
der alten Geschlechter, aus denen die ursprüngliche Bevölkerung Roms
bestanden hatte. Sie besaßen alle Vorrechte; aus ihrer Mitte wurden
die Beamten und Senatoren gewählt, sie allein bildeten das „Römische
Volk“ (~populus Romanus~) und beschlossen in ihrer Versammlung
(~comítia curiāta~) über die Angelegenheiten des Staates. Die
+Plebejer+ dagegen, die Nachkommen derjenigen Zuwanderer, welche sich,
freiwillig oder gezwungen, nach und nach in Rom niedergelassen hatten,
an Zahl weit überlegen und zu allen Diensten für das Gemeinwesen, zu
Kriegsdienst und Steuern verpflichtet, entbehrten alles Anteils an der
Regierung, welche die patrizischen Beamten mit stolzer Härte gegen
die rechtlose Menge ausübten. Die plebejischen Bauern konnten oft
wegen der häufigen Kriege, zu denen sie eingerufen wurden, ihr Land
nicht rechtzeitig bestellen, gerieten in Schulden, und wenn sie die
hohen Zinsen nicht bezahlen konnten, so verfielen sie, nach dem harten
römischen Schuldrecht, mit ihrer Person der Gewalt der Gläubiger, die
sie als Knechte fronden lassen oder sogar in die Fremde verkaufen
durften. So waren schon viele in Armut und Knechtschaft geraten, und
die Unzufriedenheit über die ungerechte Bedrückung stieg unter den
Plebejern immer höher.
Schon hatten sie einige Male den Kriegsdienst verweigert; aber den
Patriziern war es noch immer gelungen, bald durch Drohungen, bald
durch leere Versprechungen, den Ausbruch der Unzufriedenheit zu
unterdrücken. Einst geschah es, daß das Volk, von einem beutereichen
Feldzuge zurückkehrend, zum Lohn eine Erleichterung seiner drückenden
Lage erwartete. Allein die Patrizier suchten es aufs neue zu täuschen,
indem sie es sogleich zu einem neuen Kriege führen wollten. Da aber kam
die lang verhaltene Wut der Plebejer zu offenem Ausbruch. Bewaffnet,
wie sie waren, rotteten sie sich zusammen, verließen die Stadt und
zogen, unter einem selbstgewählten Anführer, auf eine nicht weit von
Rom gelegene Anhöhe, die man den „heiligen Berg“ nannte, wo sie ein
festes Lager aufschlugen und sich dauernd niederzulassen drohten. (494
v. Chr.)
Darüber entstand zu Rom eine allgemeine Bestürzung. Das
zurückgebliebene Volk fürchtete die Härte der Patrizier, diese die
völlige Auswanderung des Volks. Endlich beschloß der Senat eine
Gesandtschaft abzuschicken, um das Volk zur Rückkehr zu bewegen. An
der Spitze derselben stand ein kluger und beredter, als Volksfreund
bekannter und beliebter Mann, +Menénius Agrippa+. Auf dem heiligen
Berge angekommen, begann er seine Rede damit, daß er dem Volke folgende
Fabel erzählte.
„Die Glieder des Leibes empörten sich einst wider den Magen, weil er
allein untätig sei, während sie alle für ihn arbeiten mußten. Sie
versagten ihm daher den Dienst. Die Hände wollten keine Speise mehr
in den Mund bringen, der Mund sie nicht aufnehmen und die Zähne sie
nicht zerreiben. Eine Zeitlang führten die Glieder diesen Vorsatz aus.
Bald aber fühlten sie, daß sie sich selbst dadurch schadeten. Sie
erkannten, daß es der Magen sei, der die empfangene Speise verdaue,
das damit genährte Blut durch alle Glieder verbreite und ihnen allen
Leben und Kraft verleihe. Sie gaben daher ihr Vorhaben auf und söhnten
sich wieder mit dem Magen aus. So ist es auch, fuhr Agrippa fort, mit
den Gliedern eines Staates. Keiner von ihnen vermag für sich allein zu
bestehen; nur auf ihrer Eintracht beruht das Wohl des Ganzen.“
Durch solche Rede soll Agrippa das Volk zur Rückkehr geneigt gemacht
haben. Sie erfolgte jedoch nicht eher, als bis die Patrizier das
feierliche Versprechen gaben, die Schuldgefangenen in Freiheit zu
setzen und den Plebejern die Wahl einer eigenen unverletzlichen
Obrigkeit zu gestatten. Von dieser Zeit an wählte das Volk aus seiner
Mitte jährlich zwei Beamte, +Tribunen+ genannt, deren Zahl später bis
auf zehn vermehrt ward. Sie hatten das Recht die Gemeinde der Plebejer
zu berufen und mit ihr zu beraten, und die Pflicht jeden einzelnen
derselben gegen eine Härte oder Ungerechtigkeit der Konsuln und
anderen Beamten zu schützen. Auch durften sie gegen jeden Beschluß des
Senats, vor dessen Tür sie ihren Sitz hatten, Einsprache (~veto~ „ich
verbiete“) tun und ihn dadurch ungültig machen.