Nachdem er zuvörderst mit allen Nachbaren Frieden und Freund

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1904 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und

heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber

dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch

nicht beeinträchtigt wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht

vereinheitlicht, wenn die jeweiligen Formen mehrmals bzw. gleich

oft im Text vorkommen.

Personennamen werden bei ihrer ersten Erwähnung oft mit Betonungs-

und ggf. mit Aussprachezeichen versehen und erscheinen dann in der

Regel gesperrt gedruckt, später meist nicht mehr.

Die Buchwerbung wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber

am Ende des Texts zusammengefasst.

Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden

Sonderzeichen gekennzeichnet:

Fettdruck: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

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Erzählungen

aus der

alten Geschichte.

Von

Prof. ~Dr.~ Ludw. Stacke.

II. Teil. 27. Auflage.

Römische Geschichten.

Oldenburg, 1904.

Druck und Verlag von Gerhard Stalling.

Erzählungen

aus der

Römischen Geschichte

in biographischer Form.

Von

Prof. ~Dr.~ Ludwig Stacke.

Siebenundzwanzigste, verbesserte Auflage.

[Illustration]

Oldenburg.

Druck und Verlag von Gerhard Stalling.

1904.

Aus dem Vorwort zur 1. Auflage.

Dieses zweite Bändchen meiner Erzählungen enthält eine Auswahl

derjenigen Momente der römischen Geschichte, welche für den

biographischen Unterricht geeignet schienen. Die eigenen Worte der

Quellen anzuführen, wie ich es im ersten Bändchen, namentlich mit

den aus Herodotos gewählten Erzählungen getan habe, war hier fast

ganz unstatthaft; dagegen sind angemessene Darstellungen aus neueren

quellenmäßigen Bearbeitungen, wenn sie sich für meinen Zweck eigneten,

ganz oder teilweise aufgenommen worden. -- Über Marc Aurel hinaus

mochte ich die Erzählungen nicht fortsetzen; auch die Zeiten des

Unterganges des Reiches sind in dem angehängten +Schluß+ nur

sehr übersichtlich berührt, weil man mit dem Auftreten der Germanen

zweckmäßiger die Geschichte des Mittelalters eröffnet.

~Dr.~ =Stacke=.

Vorwort zur 25. Auflage.

Nach denselben Gesichtspunkten, wie bei der letzten Auflage der

„Erzählungen aus der römischen Geschichte“, ist auch bei der

Bearbeitung des vorliegenden Bändchens verfahren worden. Man wird die

Tätigkeit der nachbessernden, ergänzenden oder berichtigenden Hand

auf jeder Seite gewahren. Unverändert dagegen ist die Grundanlage

und die Auswahl des Stoffes geblieben, mit der einen, schon bei dem

griechischen Teil der Erzählungen eingeführten Ausnahme, daß die seit

der 8. Auflage zugefügte „Geographische Überschrift des alten Italiens“

durch eine kurze historisch geographische Einleitung in die Geschichte

Roms ersetzt worden ist.

+Oldenburg+, im März 1898.

~Dr.~ =H. Stein=.

Vorwort zur 27. Auflage.

Die erneuerte Durchsicht hat bei dieser Auflage, außer vielfachen

kleineren, meist formalen Nachbesserungen, auch einige erhebliche

Erweiterungen und Ergänzungen zur Folge gehabt, durch welche der Umfang

des Bändchens um zehn Seiten gewachsen ist.

+Oldenburg+, im Juni 1904.

~Dr.~ =H. Stein=.

Inhalt.

Seite.

+Einleitung+ 1

+Rom unter Königsherrschaft.+

I. Gründung Roms. König Romulus (754-717 v. Chr.) 3

II. König Numa Pompilius (716-673 v. Chr.) 9

III. König Tullus Hostilius (673-641 v. Chr.) 10

IV. König Ancus Marcius (641-617 v. Chr.) 13

V. König Tarquinius Priscus (617-578 v. Chr.) 15

VI. König Servius Tullius (578-534 v. Chr.) 17

VII. König Tarquinius Superbus (534-510 v. Chr.) 20

+Rom als Republik.+

VIII. Brutus, erster Konsul der Römer (506 v. Chr.) 25

IX. Krieg mit König Porsenna 27

X. Innerer Zwist. Menenius Agrippa und C. Marcius

Coriolanus 29

XI. Untergang der Fabier (477 v. Chr.) 32

XII. Appius Claudius und die Decemvirn (451-449 v. Chr.) 35

XIII. M. Furius Camillus. Einbruch der Gallier 38

XIV. Titus Manlius Torquatus. Marcus Valerius Corvus.

-- M. Curtius 44

XV. Die Tribunen Licinius und Sextius. Gleichstellung der

Plebs 45

XVI. Die zwei ersten Samniterkriege. -- P. Decius. --

Papirius Cursor. -- Der Samniter Pontius 48

XVII. Der Krieg mit den Latinern und der dritte Samniterkrieg.

Titus Manlius. Die beiden Decius Mus 53

XVIII. Pyrrhus, König von Epirus 55

XIX. Der erste punische Krieg (264-241). Gajus Duilius.

M. Atilius Regulus 60

XX. Der zweite punische Krieg (219-201). Hannibal.

1. Hannibals erstes Auftreten 63

2. Hannibals Zug nach Italien 66

3. Hannibals Siege am Ticinus und an der Trebia 70

4. Schlacht am trasimenischen See 73

5. Hannibal gegen Fabius Cunctator 76

6. Die Schlacht bei Cannä (216) 78

7. Hannibal und Marcellus 81

8. Hannibal und Scipio. Schlacht bei Zama (202) 84

9. Hannibals und Scipios Ausgang 88

XXI. Kriege gegen Makedonien. -- Ämilius Paulus. --

Scipio Africanus der Jüngere. -- Karthagos Zerstörung 91

XXII. Die beiden Gracchen 100

XXIII. Gajus Marius. -- Jugurtha. -- Cimbernkrieg 111

XXIV. Der erste Bürgerkrieg. Sulla und Marius.

1. Sulla, Feldherr gegen Mithridates, vertreibt den

Marius 119

2. Flucht des Marius 122

3. Sullas Krieg gegen Mithridates 124

4. Cinna in Rom. Marius’ Rückkehr und Tod 127

5. Sullas Rückkehr und Proskriptionen. Sein Tod 128

XXV. Pompejus Magnus.

1. Sein erstes Auftreten 131

2. Pompejus gegen Sertorius 133

3. Pompejus besiegt die Reste des Sklavenaufstandes 136

4. Pompejus besiegt die Seeräuber 139

5. Pompejus in Asien 141

XXVI. Cicero 147

XXVII. Julius Cäsar. Der zweite Bürgerkrieg.

1. Cäsar bis zum Kampfe gegen Pompejus 151

2. Cäsars Kampf gegen Pompejus (49-48) 157

3. Cäsar in Afrika. Catos Tod 166

4. Cäsars fernere Taten und Tod 170

XXVIII. Der dritte Bürgerkrieg. Marcus Antonius und Cäsar

Octavianus 177

XXIX. Cäsar Octavianus als Augustus.

1. Augustus’ Regierung (30 v. Chr.-14 n. Chr.) 188

2. Kriege gegen die Deutschen. Arminius,

Deutschlands Befreier 191

XXX. Kaiser Tiberius (14-37 n. Chr.) 199

XXXI. Die Kaiser Gajus Caligula (37-41) und Tiberius

Claudius Cäsar (41-54) 202

XXXII. Nero (54-68) 204

XXXIII. Flavius Vespasianus (69-79). Seine Söhne Titus

(79-81) und Domitianus (81-96) 208

XXXIV. Die glücklichste Periode der römischen Kaiserherrschaft:

Nerva, Trajanus, Hadrianus und die beiden Antonine

(96-180) 213

XXXV. Bis zum Ausgange des weströmischen Reiches (180-476) 218

[Illustration]

Einleitung.

Das römische Reich (~imperium Romanum~), das zur Zeit der Geburt

Christi alle Länder am Mittelmeer umfaßte und später sich noch weiter

nach Norden und Osten ausdehnte, ist benannt nach der Stadt Rom

(~Roma~), in der es seinen Ursprung und bis zum Beginn des Mittelalters

seine Hauptstadt hatte. Wann und wie diese Stadt entstanden ist, weiß

man nicht mit Gewißheit. Die Römer selber setzten die Zeit ihrer

Gründung in das Jahr 754 vor Christi Geburt, und nannten ihren Gründer

und ersten Beherrscher Rómulus.

Ihre Lage war trefflich gewählt, sowohl zum Verkehr mit dem

Binnenlande als mit dem Meere. Da wo die Tiber (~Tiberis~), der an sich

nicht bedeutende, aber unter allen Flüssen des mittleren und unteren

Italiens bedeutendste Fluß, seinen raschen Lauf zwischen Bergen und

Hügeln beendet und in den flachen Küstenrand hinaustritt, an einer

Stelle, die in alter Zeit auch Seeschiffe erreichen konnten, drei

Meilen vom Meer, lagen die ältesten Teile der Stadt auf den Hügeln

an der linken Flußseite. Ihr Gebiet gehörte zu der fruchtbaren teils

hügeligen, teils ebenen Landschaft +Látium+, der heutigen Campagna,

über welche sie zuerst ihre Herrschaft ausdehnte. Diese Landschaft

bewohnten die Latiner (~Latini~), ein Volksstamm, der nach Abstammung,

Sprache und Sitten verwandt war mit den andern umwohnenden Stämmen des

mittlern Italiens, den Umbrern, Marsern, Sabinern, Volskern, Samniten

oder Sabellern, Oskern. Alle diese Stämme, unter denen neben dem

latinischen der samnitische der angesehenste war, gehörten einem Volke

an, das mit dem hellenischen oder griechischen stammverwandt war und

ein Glied jener alten Völkerfamilie bildete, zu der die Inder, Perser,

Germanen, Kelten und Slaven gezählt werden.

Aber nicht alle Nachbarn Roms waren gleichen Stammes. Nordwestlich

von Latium, zwischen dem Meer und den umbrischen Bergen, im heutigen

Toskana, und jenseits des Apennin bis in die Ebenen des Po (~Padus~)

saß das mächtige, betriebsame Volk der Etrusker oder Etrurier

(~Tusci~), über dessen Sprache und Herkunft man noch nichts sicheres

weiß.

An den Küsten des südlichen Italiens, in den fruchtbaren Landschaften

Campanien, Lucanien, Bruttium und Calabrien, hatten sich seit alter

Zeit zahlreiche griechische Einwanderer angesiedelt, deren Städte zu

solcher Blüte gelangten, daß man diesen Teil Unteritaliens als das

„Große Griechenland“ (~Graecia magna~) bezeichnete.

Der Name Italien (~Italia~) selbst war ursprünglich auf die kleine

Landspitze beschränkt, welche der Insel Sicilien gegenüber liegt, und

wurde erst allmählich auf die nördlichen Landschaften, zuletzt auch auf

das Gebiet zwischen Apennin und Alpen ausgedehnt.

Rom blieb in den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte den Griechen

fast unbekannt. Um die Zeit, da Athen die Welt mit dem Glanz

seiner Macht und seiner Bildung erfüllte, wußten die griechischen

Geschichtschreiber noch nichts von der zukünftigen Beherrscherin

der Welt zu berichten. Und da die Römer selber erst verhältnismäßig

spät, seit dem dritten Jahrhunderte vor Christi Geburt, anfingen sich

eine höhere Bildung anzueignen und Schriften über ihre Geschichte zu

verfassen, so sind die Nachrichten über die früheren Zeiten lückenhaft

und unsicher geblieben. Insbesondere ist das meiste von dem, was

spätere römische und griechische Geschichtschreiber über die Gründung

der Stadt und die Jahrhunderte der Königsherrschaft zu erzählen wußten,

teils dunkle und ungewisse Sage, teils willkürliche Erdichtung.

[Illustration]

Rom unter Königsherrschaft.

I.

Die Gründung Roms. König Romulus.

(754-717 v. Chr.)

Bei der Zerstörung Trojas war +Änēas+, der Sohn des Anchīses und der

Göttin Venus, dem allgemeinen Verderben entronnen. Göttersprüchen

vertrauend, durchsegelte er mit seinen Gefährten das weite Meer, um

sich im fernen Westen eine neue Heimat zu suchen. Nach jahrelangen

Irrfahrten, auf denen er wunderbare Abenteuer und Mühseligkeiten aller

Art zu bestehen hatte, landete er endlich an der Westküste Italiens,

südlich von der Tibermündung, in der Landschaft Latium. Hier wohnten

die Aboriginer (d. h. Ureinwohner), über welche König +Latīnus+

herrschte. Die göttliche Abkunft des Äneas, sein mit Heldenmut und

frommer Zuversicht ertragenes Geschick, die wackere Haltung seiner

Genossen, und ihre Bitte im Lande bleiben zu dürfen, bewogen den König

die Fremdlinge freundlich aufzunehmen und nicht lange nachher dem Äneas

seine Tochter +Lavinia+ zur Gattin zu geben. Dieser baute eine Stadt,

die er nach dem Namen seiner Gattin Lavinium nannte. Aber der Bund des

Königs mit den Fremden hatte alsbald eine harte Probe zu bestehen.

+Turnus+, König der benachbarten Rútuler, dem Lavinia früher verlobt

gewesen, ertrug es nicht, daß ihm der heimatlose Äneas vorgezogen

worden, und beschloß Rache zu nehmen. Es kam zum Krieg, auf der einen

Seite stand Turnus mit seinen Rutulern, auf der andern die Aboriginer

und Trojaner unter Latinus und Äneas. Turnus ward geschlagen, aber die

Trojaner und Aboriginer hatten den Verlust des Latinus, der im Treffen

geblieben war, zu beklagen. Nun ward Äneas König und verband Trojaner

und Aboriginer, die einander an Treue und Liebe zu ihrem Herrscher

nichts nachgaben, zu einem einzigen Volke unter dem Namen +Latiner+. Im

Vertrauen auf die Zuneigung seines Volkes konnte Äneas der Erneuerung

des Kampfes ruhig entgegensehen. Denn Turnus, an seiner eigenen

Kraft verzweifelnd, hatte sich mit +Mezentius+, dem König der damals

mächtigen Etrusker, verbunden, und beide drohten dem neuen Staate den

Untergang. Auch in diesem Kriege waren die Latiner siegreich; aber

wiederum hatten sie den Sieg mit dem Verlust ihres Königs erkauft:

Äneas war im Kampfe gefallen.

Sein Volk erwies ihm göttliche Ehren; sein Sohn +Ascánius+ folgte ihm

in der Herrschaft. Unter ihm kam der Friede zwischen Latinern und

Etruskern zustande, und die Tiber bildete fortan die Grenze beider

Völker. Die von Äneas gegründete Stadt Lavinium blühte herrlich auf und

faßte bald die Menge ihrer Bewohner nicht mehr. Da überließ Ascanius

Lavinium seiner Mutter und gründete am Fuße des Albanerberges eine neue

Stadt, die er +Alba Longa+ nannte, wo seine Nachkommen als Könige über

die ganze ringsum sich ausbreitende Landschaft herrschten.

Einer dieser Könige von Alba Longa, Procas, hinterließ zwei Söhne, von

denen der ältere +Númitor+, der jüngere +Amúlius+ hieß. Numitor folgte

anfangs seinem Vater in der Regierung; doch bald verdrängte Amulius

seinen Bruder, ließ dessen Sohn töten, die Tochter Rhea Silvia zur

Priesterin der Göttin Vesta wählen, in deren Dienst sie unvermählt bis

zum Lebensende verbleiben sollte. Denn er besorgte, daß ihre Kinder

einst den Verlust des Thrones an ihm rächen könnten. Doch Rhea Silvia

gebar zwei Knaben, +Rómulus+ und +Remus+, als deren Vater die Sage den

Kriegsgott Mars nannte. Auf diese Kunde befahl Amulius die Priesterin

in den Fluß Anio zu stürzen, in dessen Fluten sie zur Göttin ward, die

Zwillinge aber in die nahe Tiber zu werfen. Allein damals war gerade

die Tiber über ihre Ufer getreten, und die königlichen Diener setzten

die Knaben in einer Wanne in das ausgetretene Wasser am Fuße des Berges

Palatium. Als sich das Wasser verlaufen hatte, blieb die Wanne auf dem

Trockenen stehen. Da kam, durch das Gewimmer der Kinder herbeigelockt,

eine Wölfin, die sich ihrer erbarmte und sie säugte, während ein

Specht, des Mars heiliger Vogel, ihnen Speise zutrug. Dieses seltsame

Schauspiel gewahrte Faústulus, ein Hirt der königlichen Herden, er sah

darin eine göttliche Fügung, nahm die Kleinen und brachte sie seiner

Frau, Acca Larentia, um sie zu ernähren und aufzuziehen. Er forschte

ihrer Herkunft nach, erkannte, daß sie die Enkel des Numitor seien,

schwieg aber aus Furcht vor der Rache des Königs.

So wuchsen Romulus und Remus unter den Hirten am Ufer der Tiber zu

rüstigen Jünglingen heran, und übten gemeinsam mit den Hirtensöhnen

ihre Kraft in der Jagd auf wilde Tiere, bald auch in Angriffen auf die

in der Nachbarschaft hausenden Räuber, denen sie ihre Beute entrissen.

Darüber aufgebracht, stellten die Räuber den Brüder nach, und eines

Tages, als die Hirten sich den Freuden eines Festes hingaben, gelang

es ihnen beide zu überfallen. Romulus schlug sich durch; den Remus

führten sie gefangen zum König, unter der Anklage, daß er mit seinem

Bruder die Herden des Numitor beraubt habe. Der König übergab deshalb

den Gefangenen seinem Bruder, dem Numitor, den er einst vom Thron

gestoßen hatte, zur Bestrafung. Diese Gelegenheit benutzte Faustulus,

um das über der Herkunft der beiden Jünglinge ruhende Geheimnis ihrem

Großvater zu offenbaren.

Als Numitor seine Enkel anerkannt hatte, faßten diese den Entschluß,

an Amulius Rache zu nehmen. Sie drangen auf verschiedenen Wegen in die

Stadt Alba Longa, griffen die Königsburg an, erschlugen den Amulius,

und setzten ihren Großvater wieder als König ein.

Nun beschlossen beide Brüder auf dem Palatium, dem Orte, wo sie

ausgesetzt und erzogen worden waren, eine neue Stadt zu gründen.

Zahlreiche Jünglinge aus Alba Longa und anderen latinischen Städten,

auch ihre Gespielen unter den Hirten sammelten sich unter ihrer

Führung. Aber schon bevor die Stadt erbaut war, erhob sich über ihre

Benennung und Beherrschung zwischen beiden Brüdern ein heftiger Streit,

dessen Entscheidung sie den Göttern anheimstellten. Aus dem Fluge der

Vögel suchten sie, nach landesüblichem Brauche, den Willen der Götter

zu erkennen. Zu diesem Zwecke begab sich Romulus auf den palatinischen,

Remus auf den nahe gelegenen aventinischen Berg. Zuerst erschienen dem

Remus sechs Geier. Allein kaum hatte er dieses Zeichen dem Romulus

gemeldet, als diesem zwölf Geier erschienen und zugleich Blitz und

Donner folgten. Da entstand ein neuer Streit, weil jeder sein Zeichen

für das bessere hielt; Remus, weil er zuerst sechs Geier gesehen hatte,

Romulus, weil ihm die doppelte Anzahl erschienen war. Von Worten kam

es zum Kampf, und Remus fiel im Getümmel. Eine andere Sage berichtet,

Remus sei, um seinen Bruder zu verhöhnen, über die noch niedrigen

Mauern der neuen Stadt gesprungen, und deshalb habe ihn Romulus mit den

Worten erschlagen: „So geschehe jedem, der über meine Mauern springt!“

Als Jahr der Gründung Roms galt bei den späteren Römern das Jahr 754

vor Christi Geburt, und der 21. April, an dem das Hirtenfest der

Palilien gefeiert wurde, als der Stiftungstag.

Um die Bevölkerung der neuen Stadt zu vermehren, eröffnete Romulus

eine Freistätte (Asyl) für heimatlose Leute jeder Art, und nun

strömten zahlreiche Haufen von Verbannten, Verbrecher und Schuldlose,

Freie und Knechte, nach Rom. Aus der ganzen Bevölkerung wählte der

König die hundert Ältesten und Angesehensten und bildete aus ihnen

einen Senat (~senatus~, „Rat der Alten“), um mit ihm die gemeinsamen

Angelegenheiten zu beraten und zu leiten. Auch sorgte er für die

notwendigsten Gesetze und für Einrichtung des Götterdienstes.

Aber noch fehlte es der neuen Stadtgemeinde an Frauen. Um diese zu

erhalten, schickte Romulus an die benachbarten Gemeinden Gesandte und

ließ sie bitten mit seinem Volke eheliche Verbindungen einzugehen.

Allein die Gesandten wurden überall mit Hohn abgewiesen und gefragt,

warum zu Rom nicht auch eine Freistätte für heimatlose Frauen eröffnet

würde. Diese Zurückweisung kränkte den Romulus; er beschloß durch

List und Gewalt zu rauben, was man seinen Bitten abgeschlagen hatte.

Er ließ ein Fest mit Kampfspielen zu Ehren des Meergottes Neptūnus

veranstalten und alle Nachbarn dazu einladen. Und sie kamen, von der

Schaulust getrieben, in großen Haufen mit ihren Weibern und Kindern,

besonders zahlreich die Sabiner aus den benachbarten Tälern und Bergen

des Apennin. Aber mitten unter den Spielen fielen die römischen

Jünglinge mit bloßen Schwertern über die Fremden her, und während diese

überrascht und erschrocken von dannen eilten, griff sich ein jeder der

Römer eines der Mädchen und trug es als sein zukünftiges Weib nach

seinem Hause.

Die verwegene Tat brachte alle Städte, die davon betroffen waren,

unter die Waffen gegen die Räuber. Sie verbanden sich zu gemeinsamer

Rache. Aber noch ehe die Sabiner völlig gerüstet waren, begannen die

übrigen vereinzelt den Krieg, und Romulus schlug sie nach einander mit

überlegener Macht.

Viel schwerer war der Kampf mit +Titus Tatius+, dem König der Sabiner.

Dieser fiel nicht nur mit einem Heere von 25000 Mann zu Fuß und 1000

Mann zu Pferde in das römische Gebiet ein, sondern bemächtigte sich

auch der auf dem Kapitolium gelegenen Burg durch folgende List.

+Tarpeja+, die Tochter des Befehlshabers der Burg, war ausgegangen, um

Wasser zu holen, und den Feinden in die Hände gefallen. Sie versprach

ihnen die Burg zu öffnen, wenn ihr die Sabiner das gäben, was sie am

linken Arm trügen. Sie meinte damit die goldenen Armbänder und Spangen.

Nun trugen aber die Sabiner nicht nur diese, sondern auch ihre Schilde

am linken Arm. Als daher Tarpeja den Feinden die Tore geöffnet hatte,

sollen diese, um Betrug durch Betrug zu bestrafen, ihre Schilde über

die Verräterin geworfen und sie so getötet haben. Von dieser Tarpeja

ward in der Folge der steilste Teil des kapitolinischen Hügels der

tarpejische Fels genannt, und noch heutzutage herrscht zu Rom der

Volksglaube, die schöne Tarpeja hause tief im Berge verzaubert, mit

Gold und Geschmeide bedeckt.

Am Tage nach der Besetzung des Kapitoliums rückten die Römer heran,

die verlorene Burg wieder zu erobern; auch die Sabiner stiegen herab,

und der Kampf begann. Nach heftigem Widerstand wichen endlich die

Römer, und Romulus selbst ward von den Fliehenden fortgerissen. Da

erhob er seine Hände gen Himmel und gelobte dem Jupiter, wenn er die

Flucht der Seinigen hemme (~Jupiter Stator~), einen Tempel. Sofort

standen die Römer und erneuerten das Treffen; der Sieg wandte sich

auf ihre Seite. Da kamen die geraubten Sabinerinnen mit fliegenden

Haaren und zerrissenen Kleidern herbei, stellten sich zwischen ihre

Männer und Väter und machten durch ihre Tränen und Bitten dem Krieg ein

Ende. Es kam zwischen beiden Völkern nicht nur zum Frieden, sondern

auch zu einer festen Verbindung. Fortan sollten Römer und Sabiner zu

+einem+ Volke vereinigt sein, hundert Sabiner in den Senat aufgenommen

werden und beide Könige gemeinschaftlich regieren. Die Bürger der so

vereinigten Gemeinde hießen nun Quiriten (~Quirītes~). Sie bildeten

nach ihrer Abkunft zwei Stämme (~tribus~), die römischen Ramnes und die

sabinischen Tities, zu denen später ein dritter Stamm kam, die Lúceres,

welcher die Bürger anderer Herkunft enthielt. Jeder der drei Stämme

teilte sich in zehn Curien, jede Curie in zehn Decurien, und jede

Decurie enthielt eine Anzahl Familien (~gentes~). Jede der dreihundert

Decurien stellte einen „Vater“ (~pater~) in den Senat und einen Reiter

(~eques~). Väter und Reiter (Ritter) bildeten die beiden vornehmsten

Klassen der Bürgerschaft.

Doch bald war Romulus wieder Alleinherrscher, da Tatius bei einem

Aufstand in Lavinium erschlagen ward. Nach dessen Tode hatte

der kriegerische Romulus noch manchen Kampf mit den Nachbarn zu

bestehen. In allen blieb er siegreich, und seine Stadt nahm stetig

zu an Landbesitz und Kriegsmacht. Sein Ende hat die Sage wunderbar

ausgeschmückt. Als er eines Tages Heerschau über das Volk hielt, da

erhob sich plötzlich ein Sturm mit Donner und Blitz, eine schwarze

Wetterwolke umhüllte den König und entzog dem Volke seinen Anblick,

und fortan war Romulus auf Erden nicht mehr sichtbar. Der Kriegsgott

selber, so hieß es, hatte den ruhmgekrönten Sohn auf feurigem Wagen

gen Himmel gehoben. Dem Volke wußte nachher einer der Senatoren zu

erzählen, wie ihm Romulus in göttlicher Gestalt erschienen sei und zu

ihm, der anbetend dagestanden und nicht gewagt die Augen zu ihm zu

erheben, gesagt habe: „Künde den Römern, daß ich unter die Himmlischen

aufgenommen bin und fortan nicht mehr Romulus, sondern +Quirīnus+

heiße. Die Götter wollen, daß meine Roma dereinst die Hauptstadt der

Welt werde. Darum sollen die Römer den Krieg üben und gewiß sein, daß

keine menschliche Macht ihren Waffen widerstehen kann.“ Mit diesen

Worten habe er sich wieder zum Himmel erhoben.

Eine andere Nachricht erzählt, daß Romulus von den Senatoren, denen

seine Herrschaft verhaßt gewesen, durch heimlichen Mord beiseite

geschafft worden sei.

II.

König Numa Pompilius.

(716-673 v. Chr.)

Nach des Romulus Tode dauerte es ein volles Jahr, bis die Wahl eines

Königs zustande kam. Die Leitung des Staates führte inzwischen in

wechselnder Folge je einer der Senatoren. Die Wahl fiel endlich auf

einen Mann sabinischen Stammes, aus der sabinischen Stadt Cures, den

Eidam des Königs Tatius, +Numa Pompilius+, der in dem Ruf großer

Weisheit und Gerechtigkeit, friedliebenden Sinnes und tiefer Einsicht

in alle göttlichen und menschlichen Dinge stand.

Wie Romulus den jungen Staat mit Waffengewalt gegründet und befestigt

hatte, so gedachte Numa ihn auf der festen Grundlage göttlichen und

menschlichen Rechtes gleichsam neu zu gründen.

Nachdem er zuvörderst mit allen Nachbaren Frieden und Freundschaft

hergestellt, war seine vorzüglichste Sorgfalt darauf gerichtet, die

durch steten Krieg verwilderten Sitten der Römer zu mildern und ihren

kriegerischen Sinn zu besänftigen. Das beste Mittel, um dies zu

erreichen, sah er in einer neuen Ordnung des Götterdienstes. Dabei

bediente er sich geschickt des verbreiteten Gerüchtes, daß er sich

der besonderen Gunst einer vor den Toren der Stadt in einer Grotte

hausenden weisen Nymphe, der +Egéria+, erfreue, die ihm bei allen

seinen Einrichtungen ratend zur Seite stände. Als Aufseher und Leiter

des ganzen Götterdienstes bestellte er das Kollegium der Priester

(~pontífices~), an deren Spitze der König selbst als Oberpriester

(~póntifex máximus~) stand. Den Vogelschauern (~aúgures~) erteilte

er das Amt, aus dem Fluge der Vögel, aus Donner und Blitz und dem

Fressen der heiligen Hühner die Zukunft und den Willen der Götter zu

erforschen. Die Eingeweideschauer (~harúspices~) untersuchten die

Eingeweide der Opfertiere und deuteten daraus auf Glück oder Unglück.

Die Zahl der Vestalinnen, der heiligen Jungfrauen, denen die Sorge für

das Herdfeuer im Tempel der Vesta oblag, vermehrte er auf vier. Dem

Janus, einem Gotte, der mit doppeltem, nach entgegengesetzten Seiten

gewandtem Gesicht und einem Schlüssel in der Hand dargestellt wurde,

baute er einen Tempel, der in Kriegszeiten offen stehen, im Frieden

aber geschlossen sein sollte. Unter Numa selbst, dessen 43jährige

Regierung in ungestörtem Frieden verlief, blieb er stets geschlossen.

Nach Numa ist dies während der ganzen Dauer der römischen Republik

nur zweimal wieder der Fall gewesen, das eine Mal nach Beendigung des

ersten punischen Krieges, und dann wieder im Anfang der Regierung

Augustus, des ersten Kaisers. Auch für das bürgerliche Leben traf Numa

zweckmäßige Einrichtungen, wie er denn das Jahr, das bis dahin nur zehn

Monate hatte, in zwölf Mondmonate einteilte und es durch Einführung von

Schalttagen mit dem Sonnenlaufe in Übereinstimmung brachte.

Hochgeehrt und geliebt nicht nur von seinem eigenen, sondern auch von

den umwohnenden Völkern, starb der fromme König im 84. Lebensjahre.

III.

König Tullus Hostilius.

(673-641 v. Chr.)

Kurze Zeit nach seinem Tode wählte das Volk wieder einen König aus

römischem Stamme, den kriegerischen +Tullus Hostilius+. Unter seiner

Regierung ward Alba Longa, Roms Mutterstadt, zerstört. Die Veranlassung

zu diesem Kriege war folgende.

Albanische Hirten hatten im römischen, römische im albanischen Gebiete

Raub begangen. Von beiden Seiten wurden Gesandte abgeordnet, um

Genugtuung zu fordern. Aber mit dieser Forderung kamen die römischen

Gesandten den albanischen zuvor, sodaß, da die Albaner die Genugtuung

verweigerten, die Schuld des Krieges ihnen zur Last fiel. Beide

Teile rüsteten sich dazu mit aller Macht. Als die Heere einander in

Schlachtordnung gegenüber standen, machte +Mettius Fuffétius+, der

Führer der Albaner, dem römischen König den Vorschlag, den Krieg durch

einen Kampf Weniger entscheiden zu lassen. Beide Teile stimmten zu.

Nun traf es sich, daß in jedem Heere Drillingsbrüder standen, drei

+Horatier+ im römischen, drei +Curiatier+ im albanischen. Diese wurden

für den entscheidenden Kampf bestimmt und waren dazu freudig bereit.

Zuvor aber ward ein feierlicher Vertrag abgeschlossen, daß dasjenige

Volk, dessen Vorkämpfer siegen würden, über das andere herrschen sollte.

Zwischen beiden Heeren wurde eine Ebene zum Kampfplatz bestimmt, und

mit Blumen bekränzt und unter lautem Zuruf der Ihrigen gingen die

jungen Vorkämpfer mit dem Schwerte in der Faust aufeinander los. Nicht

die eigene Gefahr, nur das Schicksal ihres Vaterlandes schwebte ihnen

vor Augen. Bei beiden Heeren herrschte bange Furcht und allgemeine

Stille. Kaum aber waren sie handgemein, kaum hatten die Bewegungen

mit den Schilden und Schwertern und das aus den Wunden strömende Blut

die Augen der Zuschauer auf sich gezogen, als schon zwei Römer, einer

über den andern, tot zur Erde stürzten. Bei ihrem Fall erhob das

albanische Heer ein Freudengeschrei, während die römische Legion, fast

hoffnungslos, das Schicksal ihres einzigen noch übrigen Kämpfers mit

steigender Angst erwartete. Zum Glück war dieser noch unverwundet,

und also zwar den Gegnern, obwohl sie alle drei verwundet waren, wenn

sie vereinigt blieben, nicht gewachsen, aber noch siegesmutig genug,

um es mit jedem besonders aufzunehmen. Um sie also zu trennen, nahm

er die Flucht, indem er voraussah, daß ihm jeder nur so geschwind

folgen würde, als es seine Wunden gestatteten. Schon hatte er sich

etwas aus den Grenzen des Kampfplatzes entfernt, als er sich umwandte

und seine Gegner in weiten Zwischenräumen ihm nacheilen sah. Einen

aber erblickte er nicht weit hinter sich und ging sofort auf ihn los.

Bald hatte er ihn erlegt und drang auf den zweiten ein. Da erhoben

die Römer ein Freudengeschrei, um ihren Vorkämpfer zu ermuntern, der

denn auch den zweiten Curiatier zu Boden streckte, noch ehe ihm der

dritte zu Hilfe kommen konnte. Nun waren die Parteien zwar noch an

Zahl, aber nicht mehr an Hoffnung und Kräften gleich: der eine noch

unverwundet, zwiefach Sieger, eilte voll Mut in den dritten Kampf, der

andere aber, der seinen von Wunden und vom Lauf ermatteten Körper kaum

fortschleppte, sah sich seinem Feinde als ein gewisses Schlachtopfer

preisgegeben. Frohlockend rief der Römer: „Zwei habe ich dem Schatten

meiner Brüder geopfert, den dritten weihe ich dem Preis dieses Kampfes,

auf das Rom über Alba herrsche!“ Sprachs und stieß seinem Feinde, der

kaum noch den Schild halten konnte, das Schwert in die Kehle, streckte

ihn zu Boden und nahm ihm seine Rüstung. So wurde durch diesen Kampf

Alba Longa der Herrschaft der Römer unterworfen.

Horatius kehrte an der Spitze des Heeres, mit den Rüstungen der

erschlagenen Feinde als Beute und Zeichen seines Sieges, nach Rom

zurück. Am Capenischen Tor begegnete ihm seine Schwester, die mit

einem der Curiatier verlobt gewesen war. Als sie unter der Beute ihres

Bruders auch das Gewand erblickte, das sie für ihren Bräutigam gewebt

hatte, brach sie in laute Klagen und Verwünschungen gegen ihren Bruder

aus. Darüber geriet Horatius in solche Wut, daß er die eigne Schwester

niederstach. Wegen dieser blutigen Tat wurde er vor Gericht geladen und

von den Richtern zum Tode verurteilt. Nur die Bitten, mit denen sich

sein Vater an das Volk wandte, retteten den Schuldigen, und der König

bestrafte ihn bloß dadurch, daß er ihn unter dem Schandjoch hergehen

ließ.

Die Albaner aber unter Mettius Fuffetius ertrugen die Abhängigkeit von

Rom mit Unwillen. Um ihre Selbständigkeit wieder zu gewinnen, suchten

sie den König Tullus in einen Krieg zu verwickeln und reizten die

Stadt Fidénä zum Abfall von Rom. Den Fidenaten leistete die etrurische

Stadt Veji offene Hilfe, die Albaner aber versprachen heimlich, sie

würden während der Schlacht zu ihnen übergehen. Als Tullus gegen die

Fidenaten zu Felde zog, entbot er auch die Albaner zum Heerbann. Das

römische Heer stellte er den Vejentern, das albanische den Fidenaten

gegenüber. Aber Mettius Fuffetius zeigte sich im Kampfe untätig und

schwankend, indem er zu denen überzugehen gedachte, auf deren Seite

sich der Sieg neigen würde. So sahen denn die Albaner ruhig zu, wie

die Römer allein, unter unaufhörlichem Gefecht, erst die Fidenaten,

dann die Vejenter schlugen und einen vollständigen Sieg errangen. Als

Fuffetius dem siegreichen Tullus Glück wünschte, empfing ihn der König

scheinbar mit Güte und stellte sich, als habe er dessen treuloses

Spiel nicht bemerkt, bestellte aber beide Heere auf den folgenden Tag

zu einer Versammlung. Zuerst erschienen unbewaffnet die Albaner; das

römische Heer stellte sich bewaffnet ringsum. Darauf enthüllte Tullus

in einer an beide Heere gerichteten Rede den Verrat des Fuffetius und

verkündigte seine und seines Volkes Strafe. Fuffetius selbst ward auf

zwei Wagen festgebunden, deren Gespanne, nach verschiedenen Richtungen

getrieben, seinen Körper in zwei Stücke zerrissen. Die Stadt aber der

Albaner wurde zerstört, ihre Bewohner mußten nach Rom ziehen, wo ihnen

der cölische Hügel (~mons coelius~), nahe dem palatinischen südwärts

gelegen, zu Wohnstätten angewiesen wurde.

Auch in einem Kriege gegen die Sabiner focht Tullus glücklich; aber

das Ende seiner Regierung ward durch manche unheilverkündende Zeichen

und Unfälle getrübt. Auf dem Albanerberge regnete es Steine, und aus

dem dortigen Hain erscholl eine Stimme, die über die Vernachlässigung

des Gottesdienstes klagte. Eine Seuche brach aus, an der Tullus selbst

erkrankte. Voll Mißmut ergab er sich allen Arten von Aberglauben. Einst

fand er in den Büchern des Numa einen Zauberspruch, mit dem man den

Jupiter vom Himmel herabzubannen glaubte. Aber der König beging in der

Anwendung des Spruches einen Fehler; der empörte Gott fuhr in einem

Wetterstrahl herab, der den König samt seinem Hause verbrannte.

IV.

König Ancus Marcius.

(641-617 v. Chr.)

Der vierte König der Römer war +Ancus Marcius+, ein Tochtersohn

des Numa Pompilius. Wie sein Großvater im Innern, so war er darauf

bedacht nach außen, in den Verhältnissen zu den meist feindlichen

Nachbarvölkern, eine feste, auf Recht und Gerechtigkeit gegründete

Ordnung herzustellen. Kein Krieg wurde erklärt und begonnen, ohne zuvor

dem Feinde Gelegenheit und Frist zu friedlichem Austrage des Streites

zu geben, kein Friede geschlossen ohne Beobachtung bestimmter heiliger

Gebräuche. Für beides hatten die sogenannten Fetialen zu sorgen,

angesehene Männer, welche mit dem Rechte des Krieges und Friedens

wohl vertraut waren. Auch auf die innere Wohlfahrt verwandte dieser

König eifrige Sorge. Er legte die Hafenstadt +Ostia+ an der Mündung

der Tiber an, baute eine Pfahlbrücke über diesen Fluß zum Janiculum

hinüber, und siedelte auf dem Aventinus die +Plebejer+ (die Plebs) an,

die aus der Menge der zugewanderten oder aus den besiegten Ortschaften

verpflanzten Bewohner bestanden und den altbürgerlichen Geschlechtern,

den +Patriziern+, gegenübertraten, aber keinen Anteil an der Verwaltung

des Staates besaßen. Somit waren schon fünf Hügel bebaut, der

+palatinische+ von den ersten Ansiedlern, der +quirinalische+ von

den Sabinern, der +coelische+ von den Albanern, der +aventinische+

von den Plebejern, während das Capitolium, zwischen dem Palatinus

und Quirinalis, als Burg der Stadt und Stätte der Haupttempel, nicht

bewohnt werden durfte.

Unter der Regierung des Ancus Marcius kam ein gewisser Lúcumo nach Rom.

Er war der Sohn des Korinthiers Damarātus, der, aus seiner Vaterstadt

vertrieben, sich nach Tarquinii, einer Stadt in Etrurien, begeben und

daselbst durch seine Reichtümer Ansehen erlangt hatte. Von Jugend

auf durch das Glück begünstigt, hatte Lúcumo, der einzige Erbe aller

Reichtümer seines Vaters, die Tochter eines vornehmen Bürgers seiner

neuen Heimat, die Tanaquil geheiratet, die, wie viele ihres Volkes,

der Weissagung kundig war. Indessen konnte er doch als Ausländer

in Tarquinii zu keinen hohen Ehrenstellen gelangen. Dies schmerzte

die stolze Tanaquil so sehr, daß sie ihren Gemahl bat die Stadt zu

verlassen und nach Rom zu ziehen. Lucumo, selbst von Ehrgeiz und

Ruhmsucht gespornt, willfahrte ihr, und so machten sich beide auf die

Reise nach Rom.

Als sie nicht mehr weit von dieser Stadt entfernt waren, fuhr ein Adler

herab, nahm dem Lucumo den Hut vom Haupte, erhob sich in die Lüfte

und setzte ihn ihm bald nachher wieder auf. Tanaquil sah in diesem

Ereignis eine glückliche Vorbedeutung und erfüllte ihren Gemahl mit

der Hoffnung, daß ihm in Rom die Herrschaft zufallen würde. Und diese

Hoffnung täuschte sie nicht. Denn Lucumo, der in Rom den Namen +Lucius

Tarquinius+ angenommen hatte, erwarb sich bald durch Leutseligkeit und

Freigebigkeit die Liebe und Achtung seiner neuen Mitbürger. Die Kunde

von ihm gelangte auch an den Hof. Der König Ancus Marcius gewann den

reichen Etrusker lieb und bediente sich seines Rates und Beistandes

in allen Angelegenheiten; ja er bestellte ihn sogar vor seinem Tode

zum Vormund seiner Kinder. Als aber Ancus starb, sandte Tarquinius

dessen beide Söhne zur Zeit, als die Wahl des neuen Königs vollzogen

werden sollte, auf die Jagd; er selbst bat in der Versammlung das Volk,

das er an die vielen von ihm erhaltenen Wohltaten erinnerte, um die

Königswürde. Das Volk willfahrte seiner Bitte, und Tarquinius ward

König. Er erhielt später, zum Unterschied von seinem gleichnamigen

Nachfolger, den Beinamen +Priscus+ (der Alte).

V.

Tarquinius Priscus.

(617-578 v. Chr.)

Um sich zum Kriege gegen die Sabiner zu rüsten, wollte Tarquinius den

bisherigen drei Abteilungen (Centurien) der Reiter noch drei neue

Centurien mit neuen Namen hinzufügen. Aber einer der Augurn, +Attus

Navius+, erklärte, dies könne nicht eher geschehen, als bis die

Augurn mit ihrer Kunst den Willen der Götter erforscht hätten, denn

jede Einrichtung des Staates, welche unter Befragung der Vogelzeichen

(Auspicien) getroffen sei, dürfte nicht ohne neue Befragung geändert

werden. Dieser Ausspruch des Augurn verdroß den eigenmächtigen

Sinn des Königs, und er beschloß seine Sehergabe auf eine Probe zu

stellen. Spöttisch fragte er ihn: „Kann das geschehen, was ich in

diesem Augenblicke denke?“ „Gewiß“, antwortete der Augur, nachdem er

darüber die Auspicien befragt hatte. „Wohlan“, rief der König, „so

zerschneide mir diesen Kiesel mit einem Schermesser.“ Und ohne Zögern

-- so berichtet die Sage -- vollbrachte der Augur das Wunder, und

der König sah sich genötigt von seinem Vorhaben abzustehen. Indessen

verdoppelte er doch die Anzahl der vorhandenen Reiter, obgleich er

keine neuen Centurien bildete, sondern die alten Namen beibehielt.

Dieser Vorfall erhob das Ansehen der Augurn außerordentlich, und noch

in späteren Zeiten sah man zu Rom die Bildsäule des Attus, unter

welcher der zerschnittene Stein vergraben liegen sollte. -- Auch den

Senat vermehrte der König auf 300 Mitglieder.

Die reiche Beute aus seinen glücklichen Kriegen gegen die Sabiner und

Latiner, sowie die Einnahmen aus dem ihnen entrissenen Landbesitz

verwandte der König auf großartige Bauten. Durch mächtige unterirdische

Kanäle (Kloaken), von denen der größte noch heute benutzt wird, ließ er

die sumpfigen Niederungen zwischen den Hügeln trocken legen und eine

derselben, zwischen Palatin und Capitol, zum Markt- und Gerichtsplatz

(~forum~) einrichten. In einer anderen, auf der westlichen Seite des

Palatin bis zum Aventin, legte er den +Circus Maximus+ an, einen

weiten, ovalen, rings von Bühnen für die Zuschauer umgebenen Platz für

Wagen- und Pferderennen und Gladiatorenkämpfe. Die Stadt schloß er mit

einer Mauer von Backsteinen ein und begann den Bau des Tempels des

capitolinischen Jupiter.

Aber ein blutiges Ende beschloß seine Regierung. Die Söhne des

früheren Königs konnten es nicht vergessen, daß er sie durch List um

ihr väterliches Erbe gebracht hatte. Ja, sie mußten sogar fürchten,

daß der Schwiegersohn des Königs, +Servius Tullius+, nach ihm zur

Regierung gelangen würde. Sie machten deshalb den Anschlag, den König

zu töten und sich des Thrones zu bemächtigen. Sie stifteten zwei

Hirten zum Meuchelmorde an. Diese gingen mit Äxten, die sie zu tragen

gewohnt waren, in den königlichen Palast, fingen daselbst Streit an und

verlangten, daß der König ihn schlichten sollte. Tarquinius ließ sie

vor sich kommen, um ihre Sache zu hören. Anfangs suchten beide durch

ihr Geschrei den König zu verwirren, doch Tarquinius befahl, daß einer

nach dem anderen reden sollte. Als sich nun der König, ohne etwas Arges

zu ahnen, aufmerksam zu dem einen hinwandte, versetzte ihm der andere

mit der Axt einen tödlichen Schlag, daß er entseelt zu Boden sank.

Allein die Söhne des Ancus erreichten ihre Absicht nur halb. Sobald

nämlich der König getötet worden war, ließ Tanaquil, die Königin, die

königliche Burg verschließen und forderte den Servius Tullius auf

sich der Herrschaft zu versichern. Darauf öffnete sie das Fenster

und kündete selber dem Volke, das sich auf die Nachricht von dem

Mordanfall vor dem Palaste versammelt hatte, Tarquinius lebe noch und

befehle dem Volke, inzwischen seinem Eidam zu gehorchen. Darauf trat

dieser in königlicher Kleidung und von Amtsdienern (Lictoren) umgeben

hervor, um, wie er vorgab, die Stelle des noch lebenden Königs zu

vertreten. Als nach einigen Tagen der Tod des Königs bekannt wurde,

fiel es dem Servius nicht schwer den Thron zu behaupten, den er zwar

mit Bewilligung des Senats, aber nicht mit Beistimmung des Volkes in

Besitz nahm. Die Söhne aber des Ancus waren bereits von den ergriffenen

Mördern als Anstifter der Tat verraten und, mutlos geworden, aus der

Stadt entflohen und fanden in der Fremde ein ruhmloses Ende.

VI.

König Servius Tullius.

(578-534 v. Chr.)

Der neue König war von unfreier Herkunft. Unter der Regierung des

Tarquinius Priscus, so wird erzählt, eroberten die Römer die sabinische

Stadt Corniculum. Hierbei ward Tullus, einer der angesehensten Bürger

der Stadt, getötet, und seine Frau als Gefangene nach Rom abgeführt. Im

Hause des Königs gebar sie einen Knaben, der wegen der Knechtschaft,

in welche seine Mutter geraten war, +Servius+ (von ~servus~ „Knecht“),

nach seinem Vater aber +Tullius+ genannt wurde und unter dem Gesinde

der Königin aufwuchs. Da geschah es, daß in einer Nacht, während das

Kind schlief, plötzlich ein heller Flammenschein sein Haupt umloderte.

Tanaquil, die solche Dinge zu deuten verstand, verbot den Dienern das

Feuer zu löschen, und es verschwand von selbst, als der Knabe erwachte.

Von dieser Zeit an glaubten der König und die Königin, der junge

Servius sei zu hohen Dingen berufen, und nahmen ihn an Kindes Statt an.

Er ward in allen edlen Künsten unterrichtet, und da sich seine Gaben

vortrefflich entwickelten, gab ihm der König seine eigene Tochter zur

Ehe. Wie er nach dem Tode des Tarquinius Priscus selbst König wurde,

ist bereits erzählt worden.

Unter seiner Regierung erhielt die Stadt ihre letzte Erweiterung und

einen neuen Mauerring. Er zog die zwei letzten der sieben Hügel, von

denen Rom die „Siebenhügelstadt“ genannt wird, den Esquilinus und den

Viminalis, die auf der Ostseite der Stadt lagen, in ihren Umkreis, und

umgab das Ganze mit einer Mauer aus mächtigen Quadersteinen, wovon noch

heute einzelne Reste das Staunen der Beschauer erregen.

Nach außen wußte er durch kluge und friedliche Verhandlungen mit den

anderen noch selbständigen latinischen Städten für Rom die erste Stelle

in ihrem Bunde zu gewinnen, und sie zu bewegen auf dem Aventin einen

gemeinsamen Tempel der Göttin Diana zu erbauen. Ja, durch eine List

des Priesters dieses Tempels gelang es, wie eine Sage ging, auch den

Anspruch auf die Oberherrschaft über ganz Latium für Rom zu gewinnen.

Ein Sabiner nämlich trieb einst ein Rind von ungewöhnlicher Größe und

Schönheit nach Rom, um es daselbst im Tempel der Diana zu opfern,

in der festen Überzeugung, daß er dadurch, nach dem Ausspruch der

Seher, seiner Vaterstadt die Obergewalt verschaffen würde. Denn die

Augurn hatten gesagt, daß dasjenige Volk die Oberherrschaft erhalten

sollte, dessen Bürger jenes Rind der Diana opfern würden. Allein dieser

Ausspruch war auch zu den Ohren jenes römischen Priesters gekommen, und

dieser suchte sich des Opfers zu bemächtigen. Er befahl dem Sabiner

sich vor dem Opfer in fließendem Wasser zu baden, aber während der

Sabiner dies tat, opferte der Priester selber das Rind.

Die größte Tätigkeit wandte Servius den inneren Angelegenheiten zu.

Er ordnete eine allgemeine Schatzung (~Census~) und Musterung des

Volkes an, welche fortan alle fünf Jahre vollzogen werden sollte. An

dem dazu bestimmten Tage erschienen alle wehrfähigen Bürger auf der

vor dem Capitol sich nordwärts erstreckenden Ebene vor der Stadt, dem

später sogenannten Marsfelde (~campus Martius~). Da mußte jeder seinen

und seines Vaters Namen, Alter, Wohnort und Vermögen eidlich angeben.

Nach der Verschiedenheit des Vermögens wurde die gesamte Bevölkerung

Roms, Patrizier und Plebejer, in fünf Klassen, diese wieder in eine

Anzahl Centurien eingeteilt, so daß auch die Plebejer das Recht

erhielten die Waffen zu führen und in der nach Centurien geordneten

und stimmenden Volksversammlung (~comitia centuriata~) mitzustimmen.

Mit dem 17. Jahre wurde der Bürger in die Bürgerlisten eingetragen.

Nach geendigter Schatzung stellte sich die ganze Bürgerschaft bewaffnet

auf dem Marsfeld zur großen Heerschau; dann wurden unter Gebeten drei

Tiere, ein Schwein, ein Schaf und ein Rind, um das ganze Volk dreimal

herumgeführt und darauf geopfert, zur Sühne aller Sünden, die das Volk

in den letzten fünf Jahren begangen hatte.

Nach der Schatzung richtete sich die Steuer, die jeder Bürger

zu entrichten hatte, und der Kriegsdienst. Alle Bürger waren

kriegspflichtig; vom 17. bis 46. Jahre dienten sie im Felde, vom 46.

bis 60. Jahre als Besatzung der Stadt. Die Bürger der ersten Klasse

waren mit einem Helme, Panzer, großem Schilde und Beinschienen von Erz

gerüstet, und führten als Waffen Speer und Schwert. In der Schlacht

standen sie, als die am schwersten Bewaffneten, in der ersten Linie.

Die Bürger der zweiten Klasse hatten keinen Panzer und einen kleinen

Schild, sonst alles wie jene; sie standen in der zweiten Linie. Die

in der dritten Klasse, welche in der dritten Linie standen, waren

gerüstet wie die in der zweiten, nur fehlten die Beinschienen. Die

Bürger der vierten Klasse hatten außer einem kleinen Schilde gar

keine Schutzwaffen, sie führten Speer und Wurfspieß und standen in

der letzten Linie. Die der fünften endlich dienten als Schleuderer

und standen außerhalb der Linie. Alle mußten sich Rüstung, Waffen und

Unterhalt aus eigenen Mitteln beschaffen; nur den Rittern gab der Staat

Geld zum Ankauf eines Streitrosses, sowie zum Unterhalt desselben und

eines Reitknechts nebst dessen Pferde.

Durch alle diese Einrichtungen, die neue Ordnung und Einigung des

Volkes, die Erweiterung und Befestigung der Stadt, die Stellung, welche

Rom an der Spitze der latinischen Städte einnahm, erwarb sich der König

die Liebe und Dankbarkeit der Römer und machte den unberechtigten

Ursprung seiner Herrschaft vergessen. Gleichwohl traf ihn, nach

44jähriger glücklicher Regierung, ein schreckliches Ende.

Seine beiden Töchter hatte er mit den beiden Söhnen seines Vorgängers

und Schwiegervaters, des Tarquinius Priscus, vermählt. Diese waren

an Denkungsart und Sitten ebenso verschieden als des Königs Töchter.

Lucius Tarquinius war wild, ungestüm und herrschsüchtig, und ebenso die

jüngere Tullia. Aruns Tarquinius hingegen und die ältere Tullia waren

sanft und gutherzig. Darum hielt es Servius für das Beste, wenn er die

entgegengesetzten Charaktere mit einander verbände, damit die Sanftmut

des einen die Heftigkeit des anderen mäßigen könnte. Er gab daher die

ältere Tullia dem Lucius Tarquinius, die jüngere Tullia aber dem Aruns

Tarquinius zur Ehe. Aber der Erfolg fiel ganz gegen seine Hoffnung aus.

Erzählungen aus der Römischen Geschichte in biographischer Form · 第 1 / 21 段