Von der der praktischen Bestimmung des Menschen weislich angemessenen
Proportion seiner |146.15| Erkenntnißvermögen.
Wenn die menschliche Natur zum höchsten Gute zu streben bestimmt
ist, so muß auch das Maß ihrer Erkenntnißvermögen, vornehmlich ihr
Verhältniß unter einander, als zu diesem Zwecke schicklich angenommen
werden. Nun beweiset aber die Kritik der reinen =speculativen= Vernunft
|146.20| die größte Unzulänglichkeit derselben, um die wichtigsten
Aufgaben, die #264# ihr vorgelegt werden, dem Zwecke angemessen
aufzulösen, ob sie zwar die natürlichen und nicht zu übersehenden Winke
eben derselben Vernunft, imgleichen die großen Schritte, die sie thun
kann, nicht verkennt, um sich diesem großen Ziele, das ihr ausgesteckt
ist, zu näheren, aber doch, ohne |146.25| es jemals für sich selbst
sogar mit Beihülfe der größten Naturkenntniß zu erreichen. Also scheint
die Natur hier uns nur =stiefmütterlich= mit einem zu unserem Zwecke
benöthigten Vermögen versorgt zu haben.
Gesetzt nun, sie wäre hierin unserem Wunsche willfährig gewesen und
hätte uns diejenige Einsichtsfähigkeit oder Erleuchtung ertheilt,
die |146.30| wir gerne besitzen möchten, oder in deren Besitz einige
wohl gar =wähnen= sich wirklich zu befinden, was würde allem Ansehn
nach wohl die Folge hievon sein? Wofern nicht zugleich unsere ganze
Natur umgeändert wäre, so würden die =Neigungen=, die doch allemal
das erste Wort haben, zuerst ihre Befriedigung und, mit vernünftiger
Überlegung verbunden, ihre größtmögliche und daurende Befriedigung
unter dem Namen der =Glückseligkeit= verlangen; das moralische Gesetz
würde nachher sprechen, um jene in ihren geziemenden Schranken zu
halten und sogar sie alle insgesammt einem höheren, auf keine Neigung
Rücksicht nehmenden Zwecke zu unterwerfen. |147.5| Aber statt des
Streits, den jetzt die moralische Gesinnung mit den Neigungen zu
führen hat, in welchem nach einigen Niederlagen doch #265# allmählig
moralische Stärke der Seele zu erwerben ist, würden =Gott= und
=Ewigkeit= mit ihrer =furchtbaren Majestät= uns unablässig =vor Augen=
liegen (denn was wir vollkommen beweisen können, gilt in Ansehung der
|147.10| Gewißheit uns so viel, als wovon wir uns durch den Augenschein
versichern). Die Übertretung des Gesetzes würde freilich vermieden,
das Gebotene gethan werden; weil aber die =Gesinnung=, aus welcher
Handlungen geschehen sollen, durch kein Gebot mit eingeflößt werden
kann, der Stachel der Thätigkeit hier aber sogleich bei Hand und
=äußerlich= ist, die |147.15| Vernunft also sich nicht allererst empor
arbeiten darf, um Kraft zum Widerstande gegen Neigungen durch lebendige
Vorstellung der Würde des Gesetzes zu sammeln, so würden die mehrsten
gesetzmäßigen Handlungen aus Furcht, nur wenige aus Hoffnung und gar
keine aus Pflicht geschehen, ein moralischer Werth der Handlungen
aber, worauf doch allein |147.20| der Werth der Person und selbst der
der Welt in den Augen der höchsten Weisheit ankommt, würde gar nicht
existiren. Das Verhalten der Menschen, so lange ihre Natur, wie sie
jetzt ist, bliebe, würde also in einen bloßen Mechanismus verwandelt
werden, wo wie im Marionettenspiel alles gut =gesticuliren=, aber in
den Figuren doch =kein Leben= anzutreffen |147.25| sein würde. Nun, da
es mit uns ganz anders beschaffen ist, da wir mit aller Anstrengung
unserer Vernunft nur eine sehr dunkele und zweideutige #266# Aussicht
in die Zukunft haben, der Weltregierer uns sein Dasein und seine
Herrlichkeit nur muthmaßen, nicht erblicken, oder klar beweisen läßt,
dagegen das moralische Gesetz in uns, ohne uns etwas mit Sicherheit
|147.30| zu verheißen, oder zu drohen, von uns uneigennützige Achtung
fordert, übrigens aber, wenn diese Achtung thätig und herrschend
geworden, allererst alsdann und nur dadurch Aussichten ins Reich
des Übersinnlichen, aber auch nur mit schwachen Blicken erlaubt: so
kann wahrhafte sittliche, dem Gesetze unmittelbar geweihte Gesinnung
stattfinden und das vernünftige |147.35| Geschöpf des Antheils am höchsten
Gute würdig werden, das dem moralischen Werthe seiner Person und nicht
blos seinen Handlungen angemessen ist. Also möchte es auch hier wohl
damit seine Richtigkeit haben, was uns das Studium der Natur und des
Menschen sonst hinreichend lehrt, daß die unerforschliche Weisheit,
durch die wir existiren, nicht minder verehrungswürdig ist in dem, was
sie uns versagte, als in dem, was sie uns zu theil werden ließ. |148.5|