IX.

Von der der praktischen Bestimmung des Menschen weislich angemessenen

Proportion seiner |146.15| Erkenntnißvermögen.

Wenn die menschliche Natur zum höchsten Gute zu streben bestimmt

ist, so muß auch das Maß ihrer Erkenntnißvermögen, vornehmlich ihr

Verhältniß unter einander, als zu diesem Zwecke schicklich angenommen

werden. Nun beweiset aber die Kritik der reinen =speculativen= Vernunft

|146.20| die größte Unzulänglichkeit derselben, um die wichtigsten

Aufgaben, die #264# ihr vorgelegt werden, dem Zwecke angemessen

aufzulösen, ob sie zwar die natürlichen und nicht zu übersehenden Winke

eben derselben Vernunft, imgleichen die großen Schritte, die sie thun

kann, nicht verkennt, um sich diesem großen Ziele, das ihr ausgesteckt

ist, zu näheren, aber doch, ohne |146.25| es jemals für sich selbst

sogar mit Beihülfe der größten Naturkenntniß zu erreichen. Also scheint

die Natur hier uns nur =stiefmütterlich= mit einem zu unserem Zwecke

benöthigten Vermögen versorgt zu haben.

Gesetzt nun, sie wäre hierin unserem Wunsche willfährig gewesen und

hätte uns diejenige Einsichtsfähigkeit oder Erleuchtung ertheilt,

die |146.30| wir gerne besitzen möchten, oder in deren Besitz einige

wohl gar =wähnen= sich wirklich zu befinden, was würde allem Ansehn

nach wohl die Folge hievon sein? Wofern nicht zugleich unsere ganze

Natur umgeändert wäre, so würden die =Neigungen=, die doch allemal

das erste Wort haben, zuerst ihre Befriedigung und, mit vernünftiger

Überlegung verbunden, ihre größtmögliche und daurende Befriedigung

unter dem Namen der =Glückseligkeit= verlangen; das moralische Gesetz

würde nachher sprechen, um jene in ihren geziemenden Schranken zu

halten und sogar sie alle insgesammt einem höheren, auf keine Neigung

Rücksicht nehmenden Zwecke zu unterwerfen. |147.5| Aber statt des

Streits, den jetzt die moralische Gesinnung mit den Neigungen zu

führen hat, in welchem nach einigen Niederlagen doch #265# allmählig

moralische Stärke der Seele zu erwerben ist, würden =Gott= und

=Ewigkeit= mit ihrer =furchtbaren Majestät= uns unablässig =vor Augen=

liegen (denn was wir vollkommen beweisen können, gilt in Ansehung der

|147.10| Gewißheit uns so viel, als wovon wir uns durch den Augenschein

versichern). Die Übertretung des Gesetzes würde freilich vermieden,

das Gebotene gethan werden; weil aber die =Gesinnung=, aus welcher

Handlungen geschehen sollen, durch kein Gebot mit eingeflößt werden

kann, der Stachel der Thätigkeit hier aber sogleich bei Hand und

=äußerlich= ist, die |147.15| Vernunft also sich nicht allererst empor

arbeiten darf, um Kraft zum Widerstande gegen Neigungen durch lebendige

Vorstellung der Würde des Gesetzes zu sammeln, so würden die mehrsten

gesetzmäßigen Handlungen aus Furcht, nur wenige aus Hoffnung und gar

keine aus Pflicht geschehen, ein moralischer Werth der Handlungen

aber, worauf doch allein |147.20| der Werth der Person und selbst der

der Welt in den Augen der höchsten Weisheit ankommt, würde gar nicht

existiren. Das Verhalten der Menschen, so lange ihre Natur, wie sie

jetzt ist, bliebe, würde also in einen bloßen Mechanismus verwandelt

werden, wo wie im Marionettenspiel alles gut =gesticuliren=, aber in

den Figuren doch =kein Leben= anzutreffen |147.25| sein würde. Nun, da

es mit uns ganz anders beschaffen ist, da wir mit aller Anstrengung

unserer Vernunft nur eine sehr dunkele und zweideutige #266# Aussicht

in die Zukunft haben, der Weltregierer uns sein Dasein und seine

Herrlichkeit nur muthmaßen, nicht erblicken, oder klar beweisen läßt,

dagegen das moralische Gesetz in uns, ohne uns etwas mit Sicherheit

|147.30| zu verheißen, oder zu drohen, von uns uneigennützige Achtung

fordert, übrigens aber, wenn diese Achtung thätig und herrschend

geworden, allererst alsdann und nur dadurch Aussichten ins Reich

des Übersinnlichen, aber auch nur mit schwachen Blicken erlaubt: so

kann wahrhafte sittliche, dem Gesetze unmittelbar geweihte Gesinnung

stattfinden und das vernünftige |147.35| Geschöpf des Antheils am höchsten

Gute würdig werden, das dem moralischen Werthe seiner Person und nicht

blos seinen Handlungen angemessen ist. Also möchte es auch hier wohl

damit seine Richtigkeit haben, was uns das Studium der Natur und des

Menschen sonst hinreichend lehrt, daß die unerforschliche Weisheit,

durch die wir existiren, nicht minder verehrungswürdig ist in dem, was

sie uns versagte, als in dem, was sie uns zu theil werden ließ. |148.5|

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der praktischen Vernunft. · 第 40 / 44 题