Zweiter Theil.
Methodenlehre der reinen praktischen Vernunft.
Unter der =Methodenlehre= der reinen =praktischen= Vernunft kann
#269# man nicht die Art (sowohl im Nachdenken als im Vortrage) mit
reinen praktischen Grundsätzen in Absicht auf ein =wissenschaftliches=
Erkenntniß derselben zu verfahren verstehen, welches man sonst im
=Theoretischen= eigentlich allein Methode nennt (denn populäres
Erkenntniß bedarf einer |151.5| =Manier=, Wissenschaft aber einer
=Methode=, d. i. eines Verfahrens =nach Principien= der Vernunft,
wodurch das Mannigfaltige einer Erkenntniß allein ein =System= werden
kann). Vielmehr wird unter dieser Methodenlehre die Art verstanden,
wie man den Gesetzen der reinen praktischen Vernunft =Eingang= in
das menschliche Gemüth, =Einfluß= auf die Maximen |151.10| desselben
verschaffen, d. i. die objectiv praktische Vernunft auch =subjectiv=
praktisch machen könne.
Nun ist zwar klar, daß diejenigen Bestimmungsgründe des Willens,
welche allein die Maximen eigentlich moralisch machen und ihnen einen
sittlichen Werth geben, die unmittelbare Vorstellung des Gesetzes und
die |151.15| objectiv nothwendige Befolgung desselben als Pflicht, als
die eigentlichen Triebfedern der Handlungen vorgestellt werden müssen,
weil sonst zwar =Legalität= der Handlungen, aber nicht =Moralität= der
Gesinnungen bewirkt #270# werden würde. Allein nicht so klar, vielmehr
beim ersten Anblicke ganz unwahrscheinlich muß es jedermann vorkommen,
daß auch subjectiv |151.20| jene Darstellung der reinen Tugend =mehr
Macht= über das menschliche Gemüth haben und eine weit stärkere
Triebfeder abgeben könne, selbst jene Legalität der Handlungen zu
bewirken und kräftigere Entschließungen hervorzubringen, das Gesetz aus
reiner Achtung für dasselbe jeder anderen Rücksicht vorzuziehen, als
alle Anlockungen, die aus Vorspiegelungen von |151.25| Vergnügen und
überhaupt allem dem, was man zur Glückseligkeit zählen mag, oder auch
alle Androhungen von Schmerz und Übeln jemals wirken können. Gleichwohl
ist es wirklich so bewandt, und wäre es nicht so mit der menschlichen
Natur beschaffen, so würde auch keine Vorstellungsart des Gesetzes
durch Umschweife und empfehlende Mittel jemals Moralität der Gesinnung
hervorbringen. Alles wäre lauter Gleißnerei, das Gesetz würde |152.5|
gehaßt, oder wohl gar verachtet, indessen doch um eigenen Vortheils
willen befolgt werden. Der Buchstabe des Gesetzes (Legalität) würde
in unseren Handlungen anzutreffen sein, der Geist desselben aber in
unseren Gesinnungen (Moralität) gar nicht, und da wir mit aller unserer
Bemühung uns doch in unserem Urtheile nicht ganz von der Vernunft los
machen |152.10| können, so würden wir unvermeidlich in unseren eigenen
Augen als nichtswürdige, verworfene Menschen erscheinen müssen, wenn
wir uns gleich #271# für diese Kränkung vor dem inneren Richterstuhl
dadurch schadlos zu halten versuchten, daß wir uns an den Vergnügen
ergötzten, die ein von uns angenommenes natürliches oder göttliches
Gesetz unserem Wahne |152.15| nach mit dem Maschinenwesen ihrer
Polizei, die sich blos nach dem richtete, was man thut, ohne sich um
die Bewegungsgründe, warum man es thut, zu bekümmern, verbunden hätte.
Zwar kann man nicht in Abrede sein, daß, um ein entweder noch
ungebildetes, oder auch verwildertes Gemüth zuerst ins Gleis des
moralisch |152.20| Guten zu bringen, es einiger vorbereitenden
Anleitungen bedürfe, es durch seinen eigenen Vortheil zu locken, oder
durch den Schaden zu schrecken; allein so bald dieses Maschinenwerk,
dieses Gängelband nur einige Wirkung gethan hat, so muß durchaus der
reine moralische Bewegungsgrund an die Seele gebracht werden, der
nicht allein dadurch, daß er der einzige |152.25| ist, welcher einen
Charakter (praktische consequente Denkungsart nach unveränderlichen
Maximen) gründet, sondern auch darum, weil er den Menschen seine eigene
Würde fühlen lehrt, dem Gemüthe eine ihm selbst unerwartete Kraft
giebt, sich von aller sinnlichen Anhänglichkeit, so fern sie herrschend
werden will, loszureißen und in der Unabhängigkeit seiner |152.30|
intelligibelen Natur und der Seelengröße, dazu er sich bestimmt sieht,
für #272# die Opfer, die er darbringt, reichliche Entschädigung zu
finden. Wir wollen also diese Eigenschaft unseres Gemüths, diese
Empfänglichkeit eines reinen moralischen Interesse und mithin die
bewegende Kraft der reinen Vorstellung der Tugend, wenn sie gehörig ans
menschliche Herz gebracht |152.35| wird, als die mächtigste und, wenn
es auf die Dauer und Pünktlichkeit in Befolgung moralischer Maximen
ankommt, einzige Triebfeder zum Guten durch Beobachtungen, die ein
jeder anstellen kann, beweisen; wobei doch zugleich erinnert werden
muß, daß, wenn diese Beobachtungen nur die Wirklichkeit eines solchen
Gefühls, nicht aber dadurch zu Stande gebrachte sittliche Besserung
beweisen, dieses der einzigen Methode, die objectiv praktischen Gesetze
der reinen Vernunft durch bloße reine Vorstellung der |153.5| Pflicht
subjectiv praktisch zu machen, keinen Abbruch thue, gleich als ob sie
eine leere Phantasterei wäre. Denn da diese Methode noch niemals in
Gang gebracht worden, so kann auch die Erfahrung noch nichts von ihrem
Erfolg aufzeigen, sondern man kann nur Beweisthümer der Empfänglichkeit
solcher Triebfedern fordern, die ich jetzt kürzlich vorlegen und
darnach |153.10| die Methode der Gründung und Cultur ächter moralischer
Gesinnungen mit wenigem entwerfen will.
Wenn man auf den Gang der Gespräche in gemischten Gesellschaften,
die nicht blos aus Gelehrten und Vernünftlern, sondern auch aus
Leuten #273# von Geschäften oder Frauenzimmer bestehen, Acht hat,
so bemerkt man, |153.15| daß außer dem Erzählen und Scherzen noch
eine Unterhaltung, nämlich das Räsonniren, darin Platz findet: weil
das erstere, wenn es Neuigkeit und mit ihr Interesse bei sich führen
soll, bald erschöpft, das zweite aber leicht schal wird. Unter allem
Räsonniren ist aber keines, was mehr den Beitritt der Personen, die
sonst bei allem Vernünfteln bald lange Weile |153.20| haben, erregt und
eine gewisse Lebhaftigkeit in die Gesellschaft bringt, als das über den
=sittlichen Werth= dieser oder jener Handlung, dadurch der Charakter
irgend einer Person ausgemacht werden soll. Diejenige, welchen sonst
alles Subtile und Grüblerische in theoretischen Fragen trocken und
verdrießlich ist, treten bald bei, wenn es darauf ankommt, den
moralischen |153.25| Gehalt einer erzählten guten oder bösen Handlung
auszumachen, und sind so genau, so grüblerisch, so subtil, alles, was
die Reinigkeit der Absicht und mithin den Grad der Tugend in derselben
vermindern, oder auch nur verdächtig machen könnte, auszusinnen, als
man bei keinem Objecte der Speculation sonst von ihnen erwartet. Man
kann in diesen Beurtheilungen |153.30| oft den Charakter der über
andere urtheilenden Personen selbst hervorschimmern sehen, deren einige
vorzüglich geneigt scheinen, indem sie ihr Richteramt vornehmlich über
Verstorbene ausüben, das Gute, was von #274# dieser oder jener That
derselben erzählt wird, wider alle kränkende Einwürfe der Unlauterkeit
und zuletzt den ganzen sittlichen Werth der Person |153.35| wider den
Vorwurf der Verstellung und geheimen Bösartigkeit zu vertheidigen,
andere dagegen mehr auf Anklagen und Beschuldigungen sinnen, diesen
Werth anzufechten. Doch kann man den letzteren nicht immer die
Absicht beimessen, Tugend aus allen Beispielen der Menschen gänzlich
wegvernünfteln zu wollen, um sie dadurch zum leeren Namen zu machen,
sondern es ist oft nur wohlgemeinte Strenge in Bestimmung des ächten
sittlichen Gehalts nach einem unnachsichtlichen Gesetze, mit welchem
und |154.5| nicht mit Beispielen verglichen der Eigendünkel im
Moralischen sehr sinkt, und Demuth nicht etwa blos gelehrt, sondern
bei scharfer Selbstprüfung von jedem gefühlt wird. Dennoch kann man
den Verteidigern der Reinigkeit der Absicht in gegebenen Beispielen
es mehrentheils ansehen, daß sie ihr da, wo sie die Vermuthung der
Rechtschaffenheit für sich hat, auch den |154.10| mindesten Fleck
gerne abwischen möchten, aus dem Bewegungsgrunde, damit nicht, wenn
allen Beispielen ihre Wahrhaftigkeit gestritten und aller menschlichen
Tugend die Lauterkeit weggeleugnet würde, diese nicht endlich gar für
ein bloßes Hirngespinst gehalten und so alle Bestrebung zu derselben
als eitles Geziere und trüglicher Eigendünkel geringschätzig |154.15|
gemacht werde.
Ich weiß nicht, warum die Erzieher der Jugend von diesem Hange #275#
der Vernunft, in aufgeworfenen praktischen Fragen selbst die subtilste
Prüfung mit Vergnügen einzuschlagen, nicht schon längst Gebrauch
gemacht haben, und, nachdem sie einen blos moralischen Katechism zum
|154.20| Grunde legten, sie nicht die Biographien alter und neuer
Zeiten in der Absicht durchsuchten, um Beläge zu den vorgelegten
Pflichten bei der Hand zu haben, an denen sie vornehmlich durch die
Vergleichung ähnlicher Handlungen unter verschiedenen Umständen die
Beurtheilung ihrer Zöglinge in Thätigkeit setzten, um den mindern
oder größeren moralischen Gehalt |154.25| derselben zu bemerken, als
worin sie selbst die frühe Jugend, die zu aller Speculation sonst noch
unreif ist, bald sehr scharfsichtig und dabei, weil sie den Fortschritt
ihrer Urtheilskraft fühlt, nicht wenig interessirt finden werden, was
aber das Vornehmste ist, mit Sicherheit hoffen können, daß die öftere
Übung, das Wohlverhalten in seiner ganzen Reinigkeit zu kennen |154.30|
und ihm Beifall zu geben, dagegen selbst die kleinste Abweichung von
ihr mit Bedauern oder Verachtung zu bemerken, ob es zwar bis dahin
nur als ein Spiel der Urtheilskraft, in welchem Kinder mit einander
wetteifern können, getrieben wird, dennoch einen dauerhaften Eindruck
der Hochschätzung auf der einen und des Abscheues auf der andern Seite
|154.35| zurücklassen werde, welche durch bloße Gewohnheit, solche
Handlungen als beifalls- oder tadelswürdig öfters anzusehen, zur
Rechtschaffenheit im #276# künftigen Lebenswandel eine gute Grundlage
ausmachen würden. Nur wünsche ich sie mit Beispielen sogenannter
=edler= (überverdienstlicher) Handlungen, mit welchen unsere
empfindsame Schriften so viel um sich werfen, zu verschonen und alles
blos auf Pflicht und den Werth, den ein Mensch sich in seinen eigenen
Augen durch das Bewußtsein, sie nicht übertreten |155.5| zu haben,
geben kann und muß, auszusetzen, weil, was auf leere Wünsche und
Sehnsuchten nach unersteiglicher Vollkommenheit hinausläuft, lauter
Romanhelden hervorbringt, die, indem sie sich auf ihr Gefühl für das
überschwenglich Große viel zu Gute thun, sich dafür von der Beobachtung
der gemeinen und gangbaren Schuldigkeit, die alsdann ihnen |155.10| nur
unbedeutend klein scheint, frei sprechen.[18]
[18] Handlungen, aus denen große, uneigennützige, theilnehmende
Gesinnung und Menschlichkeit hervorleuchtet, zu preisen, ist ganz
rathsam. Aber man muß hier nicht sowohl auf die =Seelenerhebung=,
die sehr flüchtig und vorübergehend ist, als vielmehr |155.30| auf
die =Herzensunterwerfung= unter =Pflicht=, wovon ein längerer
Eindruck erwartet werden kann, weil sie Grundsätze (jene aber nur
Aufwallungen) mit sich führt, aufmerksam machen. Man darf nur ein
wenig nachsinnen, man wird immer eine Schuld finden, die er sich
irgend wodurch in Ansehung des Menschengeschlechts aufgeladen hat
(sollte es auch nur die sein, daß man durch die Ungleichheit der
|155.35| Menschen in der bürgerlichen Verfassung Vortheile genießt,
um deren willen andere desto mehr entbehren müssen), um durch die
eigenliebige Einbildung des =Verdienstlichen= den Gedanken an
=Pflicht= nicht zu verdrängen.
Wenn man aber frägt, was denn eigentlich die =reine= Sittlichkeit ist,
#277# an der als dem Probemetall man jeder Handlung moralischen Gehalt
prüfen müsse, so muß ich gestehen, daß nur Philosophen die Entscheidung
dieser Frage zweifelhaft machen können; denn in der gemeinen
Menschenvernunft |155.15| ist sie, zwar nicht durch abgezogene
allgemeine Formeln, aber doch durch den gewöhnlichen Gebrauch,
gleichsam als der Unterschied zwischen der rechten und linken Hand,
längst entschieden. Wir wollen also vorerst das Prüfungsmerkmal der
reinen Tugend an einem Beispiele zeigen und, indem wir uns vorstellen,
daß es etwa einem zehnjährigen Knaben |155.20| zur Beurtheilung
vorgelegt worden, sehen, ob er auch von selber, ohne durch den Lehrer
dazu angewiesen zu sein, nothwendig so urtheilen müßte. Man erzähle
die Geschichte eines redlichen Mannes, den man bewegen will, den
Verleumdern einer unschuldigen, übrigens nichts vermögenden Person (wie
etwa Anna von Bolen auf Anklage Heinrich _VIII._ von England) |155.25|
beizutreten. Man bietet Gewinne, d. i. große Geschenke oder hohen
Rang, an, er schlägt sie aus. Dieses wird bloßen Beifall und Billigung
in der Seele des Zuhörers wirken, weil es Gewinn ist. Nun fängt man
es mit Androhung des Verlusts an. Es sind unter diesen Verleumdern
#278# seine besten Freunde, die ihm jetzt ihre Freundschaft aufsagen,
nahe Verwandte, die ihn (der ohne Vermögen ist) zu enterben drohen,
Mächtige, die ihn in jedem Orte und Zustande verfolgen und kränken
können, ein |156.5| Landesfürst, der ihn mit dem Verlust der Freiheit,
ja des Lebens selbst bedroht. Um ihn aber, damit das Maß des Leidens
voll sei, auch den Schmerz fühlen zu lassen, den nur das sittlich gute
Herz recht inniglich fühlen kann, mag man seine mit äußerster Noth
und Dürftigkeit bedrohte Familie ihn um =Nachgiebigkeit anflehend=,
ihn selbst, obzwar rechtschaffen, |156.10| doch eben nicht von festen,
unempfindlichen Organen des Gefühls für Mitleid sowohl als eigener
Noth, in einem Augenblick, darin er wünscht den Tag nie erlebt zu
haben, der ihn einem so unaussprechlichen Schmerz aussetzte, dennoch
seinem Vorsatze der Redlichkeit, ohne zu wanken oder nur zu zweifeln,
treu bleibend vorstellen: so wird mein jugendlicher Zuhörer |156.15|
stufenweise von der bloßen Billigung zur Bewunderung, von da zum
Erstaunen, endlich bis zur größten Verehrung und einem lebhaften
Wunsche, selbst ein solcher Mann sein zu können (obzwar freilich
nicht in seinem Zustande), erhoben werden; und gleichwohl ist hier
die Tugend nur darum so viel werth, weil sie so viel kostet, nicht
weil sie etwas einbringt. |156.20| Die ganze Bewunderung und selbst
Bestrebung zur Ähnlichkeit mit diesem Charakter beruht hier gänzlich
auf der Reinigkeit des sittlichen #279# Grundsatzes, welche nur dadurch
recht in die Augen fallend vorgestellt werden kann, daß man alles,
was Menschen nur zur Glückseligkeit zählen mögen, von den Triebfedern
der Handlung wegnimmt. Also muß die |156.25| Sittlichkeit auf das
menschliche Herz desto mehr Kraft haben, je reiner sie dargestellt
wird. Woraus denn folgt, daß, wenn das Gesetz der Sitten und das Bild
der Heiligkeit und Tugend auf unsere Seele überall einigen Einfluß
ausüben soll, sie diesen nur so fern ausüben könne, als sie rein,
unvermengt von Absichten auf sein Wohlbefinden, als Triebfeder ans Herz
|156.30| gelegt wird, darum weil sie sich im Leiden am herrlichsten
zeigt. Dasjenige aber, dessen Wegräumung die Wirkung einer bewegenden
Kraft verstärkt, muß ein Hinderniß gewesen sein. Folglich ist alle
Beimischung der Triebfedern, die von eigener Glückseligkeit hergenommen
werden, ein Hinderniß, dem moralischen Gesetze Einfluß aufs menschliche
Herz zu verschaffen. |156.35| -- Ich behaupte ferner, daß selbst
in jener bewunderten Handlung, wenn der Bewegungsgrund, daraus sie
geschah, die Hochschätzung seiner Pflicht war, alsdann eben diese
Achtung fürs Gesetz, nicht etwa ein Anspruch auf die innere Meinung
von Großmuth und edler, verdienstlicher Denkungsart, gerade auf das
Gemüth des Zuschauers die größte Kraft habe, folglich Pflicht, nicht
Verdienst den nicht allein bestimmtesten, sondern, wenn sie im rechten
Lichte ihrer Unverletzlichkeit vorgestellt wird, |157.5| #280# auch den
eindringendsten Einfluß aufs Gemüth haben müsse.
In unsern Zeiten, wo man mehr mit schmelzenden, weichherzigen Gefühlen,
oder hochfliegenden, aufblähenden und das Herz eher welk als stark
machenden Anmaßungen über das Gemüth mehr auszurichten hofft, als
durch die der menschlichen Unvollkommenheit und dem Fortschritte
im |157.10| Guten angemeßnere trockne und ernsthafte Vorstellung der
Pflicht, ist die Hinweisung auf diese Methode nöthiger als jemals.
Kindern Handlungen als edele, großmüthige, verdienstliche zum Muster
aufzustellen, in der Meinung, sie durch Einflößung eines Enthusiasmus
für dieselbe einzunehmen, ist vollends zweckwidrig. Denn da sie noch in
der Beobachtung |157.15| der gemeinsten Pflicht und selbst in der
richtigen Beurtheilung derselben so weit zurück sind, so heißt das
so viel, als sie bei Zeiten zu Phantasten zu machen. Aber auch bei
dem belehrtern und erfahrnern Theil der Menschen ist diese vermeinte
Triebfeder, wo nicht von nachtheiliger, wenigstens von keiner ächten
moralischen Wirkung aufs Herz, die man dadurch doch |157.20| hat
zuwegebringen wollen.
Alle =Gefühle=, vornehmlich die, so ungewohnte Anstrengung bewirken
sollen, müssen in dem Augenblicke, da sie in ihrer Heftigkeit sind, und
ehe sie verbrausen, ihre Wirkung thun, sonst thun sie nichts: indem das
Herz natürlicherweise zu seiner natürlichen, gemäßigten Lebensbewegung
|157.25| #281# zurückkehrt und sonach in die Mattigkeit verfällt, die
ihm vorher eigen war, weil zwar etwas, was es reizte, nichts aber, das
es stärkte, an dasselbe gebracht war. =Grundsätze= müssen auf Begriffe
errichtet werden, auf alle andere Grundlage können nur Anwandelungen
zu Stande kommen, die der Person keinen moralischen Werth, ja nicht
einmal eine Zuversicht |157.30| auf sich selbst verschaffen können,
ohne die das Bewußtsein seiner moralischen Gesinnung und eines solchen
Charakters, das höchste Gut im Menschen, gar nicht stattfinden kann.
Diese Begriffe nun, wenn sie subjectiv praktisch werden sollen, müssen
nicht bei den objectiven Gesetzen der Sittlichkeit stehen bleiben,
um sie zu bewundern und in Beziehung auf die |157.35| Menschheit
hochzuschätzen, sondern ihre Vorstellung in Relation auf den Menschen
und auf sein Individuum betrachten; da denn jenes Gesetz in einer
zwar höchst achtungswürdigen, aber nicht so gefälligen Gestalt
erscheint, als ob es zu dem Elemente gehöre, daran er natürlicher
Weise gewohnt ist, sondern wie es ihn nöthigt, dieses oft nicht ohne
Selbstverleugnung zu verlassen und sich in ein höheres zu begeben,
darin er sich mit unaufhörlicher Besorgniß des Rückfalls nur mit
Mühe erhalten kann. |158.5| Mit einem Worte, das moralische Gesetz
verlangt Befolgung aus Pflicht, nicht aus Vorliebe, die man gar nicht
voraussetzten kann und soll.
Laßt uns nun im Beispiele sehen, ob in der Vorstellung einer Handlung
#282# als edler und großmüthiger Handlung mehr subjectiv bewegende
Kraft einer Triebfeder liege, als wenn diese blos als Pflicht in
Verhältniß |158.10| auf das ernste moralische Gesetz vorgestellt wird.
Die Handlung, da jemand mit der größten Gefahr des Lebens Leute aus
dem Schiffbruche zu retten sucht, wenn er zuletzt dabei selbst sein
Leben einbüßt, wird zwar einerseits zur Pflicht, andererseits aber
und größtentheils auch für verdienstliche Handlung angerechnet, aber
unsere Hochschätzung derselben |158.15| wird gar sehr durch den Begriff
von =Pflicht gegen sich selbst=, welche hier etwas Abbruch zu leiden
scheint, geschwächt. Entscheidender ist die großmüthige Aufopferung
seines Lebens zur Erhaltung des Vaterlandes, und doch, ob es auch
so vollkommen Pflicht sei, sich von selbst und unbefohlen dieser
Absicht zu weihen, darüber bleibt einiger Scrupel übrig, |158.20| und
die Handlung hat nicht die ganze Kraft eines Musters und Antriebes
zur Nachahmung in sich. Ist es aber unerlaßliche Pflicht, deren
Übertretung das moralische Gesetz an sich und ohne Rücksicht auf
Menschenwohl verletzt und dessen Heiligkeit gleichsam mit Füßen tritt
(dergleichen Pflichten man Pflichten gegen Gott zu nennen pflegt, weil
wir uns in |158.25| ihm das Ideal der Heiligkeit in Substanz denken),
so widmen wir der Befolgung desselben mit Aufopferung alles dessen,
was für die innigste aller unserer Neigungen nur immer einen Werth
haben mag, die allervollkommenste #283# Hochachtung, und wir finden
unsere Seele durch ein solches Beispiel gestärkt und erhoben, wenn
wir an demselben uns überzeugen |158.30| können, daß die menschliche
Natur zu einer so großen Erhebung über alles, was Natur nur immer an
Triebfedern zum Gegentheil aufbringen mag, fähig sei. =Juvenal= stellt
ein solches Beispiel in einer Steigerung vor, die den Leser die Kraft
der Triebfeder, die im reinen Gesetze der Pflicht als Pflicht steckt,
lebhaft empfinden läßt: |158.35|
_Esto bonus miles, tutor bonus, arbiter idem
Integer; ambiguae si quando citabere testis
Incertaeque rei, Phalaris licet imperet, ut sis
Falsus, et admoto dictet periuria tauro,
Summum crede nefas animam praeferre pudori
Et proper vitam vivendi perdere causas._
Wenn wir irgend etwas Schmeichelhaftes vom Verdienstlichen in |159.5|
unsere Handlung bringen können, dann ist die Triebfeder schon mit
Eigenliebe etwas vermischt, hat also einige Beihülfe von der Seite der
Sinnlichkeit. Aber der Heiligkeit der Pflicht allein alles nachsetzen
und sich bewußt werden, daß man es =könne=, weil unsere eigene Vernunft
dieses als ihr Gebot anerkennt und sagt, daß man es thun =solle=, das
heißt sich |159.10| gleichsam über die Sinnenwelt selbst gänzlich
erheben, und ist in demselben Bewußtsein des Gesetzes auch als
Triebfeder eines =die Sinnlichkeit beherrschenden= Vermögens
unzertrennlich, wenn gleich nicht immer #284# mit Effect verbunden,
der aber doch auch durch die öftere Beschäftigung mit derselben und
die anfangs kleinern Versuche ihres Gebrauchs Hoffnung |159.15| zu
seiner Bewirkung giebt, um in uns nach und nach das größte, aber reine
moralische Interesse daran hervorzubringen.
Die Methode nimmt also folgenden Gang. =Zuerst= ist es nur darum zu
thun, die Beurtheilung nach moralischen Gesetzen zu einer natürlichen,
alle unsere eigene sowohl als die Beobachtung fremder freier Handlungen
|159.20| begleitenden Beschäftigung und gleichsam zur Gewohnheit zu
machen und sie zu schärfen, indem man vorerst frägt, ob die Handlung
objectiv =dem moralischen Gesetze=, und welchem, =gemäß sei=; wobei
man denn die Aufmerksamkeit auf dasjenige Gesetz, welches blos einen
=Grund= zur Verbindlichkeit an die Hand giebt, von dem unterscheidet,
welches in der That |159.25| =verbindend= ist (_leges obligandi a
legibus obligantibus_), (wie z. B. das Gesetz desjenigen, was das
=Bedürfniß= der Menschen, im Gegensatze dessen, was das =Recht=
derselben von mir fordert, wovon das Letztere wesentliche, das
Erstere aber nur außerwesentliche Pflichten vorschreibt) und so
verschiedene Pflichten, die in einer Handlung zusammenkommen, |159.30|
unterscheiden lehrt. Der andere Punkt, worauf die Aufmerksamkeit
gerichtet werden muß, ist die Frage: ob die Handlung auch (subjectiv)
=um des moralischen Gesetzes willen= geschehen, und also sie nicht
allein #285# sittliche Richtigkeit als That, sondern auch sittlichen
Werth als Gesinnung, ihrer Maxime nach, habe. Nun ist kein Zweifel, daß
diese Übung und |159.35| das Bewußtsein einer daraus entspringenden
Cultur unserer blos über das Praktische urtheilenden Vernunft ein
gewisses Interesse selbst am Gesetze derselben, mithin an sittlich
guten Handlungen nach und nach hervorbringen müsse. Denn wir gewinnen
endlich das lieb, dessen Betrachtung uns den erweiterten Gebrauch
unserer Erkenntnißkräfte empfinden läßt, welchen vornehmlich dasjenige
befördert, worin wir moralische Richtigkeit antreffen: weil sich die
Vernunft in einer solchen Ordnung |160.5| der Dinge mit ihrem Vermögen,
_a priori_ nach Principien zu bestimmen, was geschehen soll, allein
gut finden kann. Gewinnt doch ein Naturbeobachter Gegenstände, die
seinen Sinnen anfangs anstößig sind, endlich lieb, wenn er die große
Zweckmäßigkeit ihrer Organisation daran entdeckt und so seine Vernunft
an ihrer Betrachtung weidet, und Leibniz brachte ein |160.10| Insect,
welches er durchs Mikroskop sorgfältig betrachtet hatte, schonend
wiederum auf sein Blatt zurück, weil er sich durch seinen Anblick
belehrt gefunden und von ihm gleichsam eine Wohltat genossen hatte.
Aber diese Beschäftigung der Urtheilskraft, welche uns unsere eigene
Erkenntnißkräfte fühlen läßt, ist noch nicht das Interesse an den
Handlungen |160.15| #286# und ihrer Moralität selbst. Sie macht blos,
daß man sich gerne mit einer solchen Beurtheilung unterhält, und giebt
der Tugend oder der Denkungsart nach moralischen Gesetzen eine Form der
Schönheit, die bewundert, darum aber noch nicht gesucht wird (_laudatur
et alget_); wie alles, dessen Betrachtung subjectiv ein Bewußtsein
der Harmonie unserer |160.20| Vorstellungskräfte bewirkt, und wobei
wir unser ganzes Erkenntnißvermögen (Verstand und Einbildungskraft)
gestärkt fühlen, ein Wohlgefallen hervorbringt, das sich auch andern
mittheilen läßt, wobei gleichwohl die Existenz des Objects uns
gleichgültig bleibt, indem es nur als die Veranlassung angesehen wird,
der über die Thierheit erhabenen Anlage der |160.25| Talente in uns
inne zu werden. Nun tritt aber die =zweite= Übung ihr Geschäft an,
nämlich in der lebendigen Darstellung der moralischen Gesinnung an
Beispielen die Reinigkeit des Willens bemerklich zu machen, vorerst
nur als negativer Vollkommenheit desselben, so fern in einer Handlung
aus Pflicht gar keine Triebfedern der Neigungen als Bestimmungsgründe
|160.30| auf ihn einfließen; wodurch der Lehrling doch auf das
Bewußtsein seiner =Freiheit= aufmerksam erhalten wird, und, obgleich
diese Entsagung eine anfängliche Empfindung von Schmerz erregt, dennoch
dadurch, daß sie jenen Lehrling dem Zwange selbst wahrer Bedürfnisse
entzieht, ihm zugleich eine Befreiung von der mannigfaltigen
Unzufriedenheit, |160.35| darin ihn alle diese Bedürfnisse verflechten,
angekündigt und das Gemüth #287# für die Empfindung der Zufriedenheit
aus anderen Quellen empfänglich gemacht wird. Das Herz wird doch von
einer Last, die es jederzeit ingeheim drückt, befreit und erleichtert,
wenn an reinen moralischen Entschließungen, davon Beispiele vorgelegt
werden, dem Menschen ein inneres, ihm selbst sonst nicht einmal recht
bekanntes Vermögen, =die innere Freiheit=, aufgedeckt wird, sich
von der ungestümen Zudringlichkeit der |161.5| Neigungen dermaßen
loszumachen, daß gar keine, selbst die beliebteste nicht, auf eine
Entschließung, zu der wir uns jetzt unserer Vernunft bedienen sollen,
Einfluß habe. In einem Falle, wo =ich nur allein= weiß, daß das Unrecht
auf meiner Seite sei, und, obgleich das freie Geständniß desselben
und die Anerbietung zur Genugthuung an der Eitelkeit, dem |161.10|
Eigennutze, selbst dem sonst nicht unrechtmäßigen Widerwillen gegen
den, dessen Recht von mir geschmälert ist, so großen Widerspruch
findet, dennoch mich über alle diese Bedenklichkeiten wegsetzen
kann, ist doch ein Bewußtsein einer Unabhängigkeit von Neigungen und
von Glücksumständen und der Möglichkeit sich selbst genug zu sein
enthalten, welche mir überall |161.15| auch in anderer Absicht heilsam
ist. Und nun findet das Gesetz der Pflicht durch den positiven Werth,
den uns die Befolgung desselben empfinden läßt, leichteren Eingang
durch die =Achtung für uns selbst= im Bewußtsein unserer Freiheit.
Auf diese, wenn sie wohl gegründet ist, #288# wenn der Mensch nichts
stärker scheuet, als sich in der inneren Selbstprüfung |161.20| in
seinen eigenen Augen geringschätzig und verwerflich zu finden, kann nun
jede gute sittliche Gesinnung gepfropft werden: weil dieses der beste,
ja der einzige Wächter ist, das Eindringen unedler und verderbender
Antriebe vom Gemüthe abzuhalten.
Ich habe hiemit nur auf die allgemeinsten Maximen der Methodenlehre
|161.25| einer moralischen Bildung und Übung hinweisen wollen. Da die
Mannigfaltigkeit der Pflichten für jede Art derselben noch besondere
Bestimmungen erforderte und so ein weitläuftiges Geschäfte ausmachen
würde, so wird man mich für entschuldigt halten, wenn ich in einer
Schrift wie diese, die nur Vorübung ist, es bei diesen Grundzügen
bewenden |161.30| lasse.
Beschluß.
Zwei Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender
Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken
damit beschäftigt: =der bestirnte Himmel über mir und das |161.35|
moralische Gesetz in mir=. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten
verhüllt, oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise suchen
und blos vermuthen; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar
#289# mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem
Platze an, den ich in der äußern Sinnenwelt einnehme, und erweitert
die Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich Große mit Welten
über Welten |162.5| und Systemen von Systemen, überdem noch in
grenzenlose Zeiten ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und
Fortdauer. Das zweite fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner
Persönlichkeit, an und stellt mich in einer Welt dar, die wahre
Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande spürbar ist, und mit welcher
(dadurch aber auch zugleich mit allen jenen |162.10| sichtbaren Welten)
ich mich nicht wie dort in blos zufälliger, sondern allgemeiner und
nothwendiger Verknüpfung erkenne. Der erstere Anblick einer zahllosen
Weltenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit, als eines
=thierischen Geschöpfs=, das die Materie, daraus es ward, dem Planeten
(einem bloßen Punkt im Weltall) wieder zurückgeben muß, nachdem
|162.15| es eine kurze Zeit (man weiß nicht wie) mit Lebenskraft
versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meinen Werth, als einer
=Intelligenz=, unendlich durch meine Persönlichkeit, in welcher
das moralische Gesetz mir ein von der Thierheit und selbst von der
ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens so viel
sich aus der zweckmäßigen Bestimmung |162.20| meines Daseins durch
dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens
eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, #290# abnehmen läßt.
Allein Bewunderung und Achtung können zwar zur Nachforschung reizen,
aber den Mangel derselben nicht ersetzen. Was ist nun zu thun,
|162.25| um diese auf nutzbare und der Erhabenheit des Gegenstandes
angemessene Art anzustellen? Beispiele mögen hiebei zur Warnung,
aber auch zur Nachahmung dienen. Die Weltbetrachtung fing von dem
herrlichsten Anblicke an, den menschliche Sinne nur immer vorlegen
und unser Verstand in ihrem weiten Umfange zu verfolgen nur immer
vertragen kann, |162.30| und endigte -- mit der Sterndeutung. Die
Moral fing mit der edelsten Eigenschaft in der menschlichen Natur an,
deren Entwicklung und Cultur auf unendlichen Nutzen hinaussieht, und
endigte -- mit der Schwärmerei, oder dem Aberglauben. So geht es allen
noch rohen Versuchen, in denen der vornehmste Theil des Geschäftes
auf den Gebrauch der Vernunft ankommt, |162.35| der nicht so wie der
Gebrauch der Füße sich von selbst vermittelst der öftern Ausübung
findet, vornehmlich wenn er Eigenschaften betrifft, die sich nicht so
unmittelbar in der gemeinen Erfahrung darstellen lassen. Nachdem aber,
wiewohl spät, die Maxime in Schwang gekommen war, alle Schritte vorher
wohl zu überlegen, die die Vernunft zu thun vorhat, und sie nicht
anders als im Gleise einer vorher wohl überdachten Methode ihren Gang
machen zu lassen, so bekam die Beurtheilung des Weltgebäudes |163.5|
#291# eine ganz andere Richtung und mit dieser zugleich einen ohne
Vergleichung glücklichern Ausgang. Der Fall eines Steins, die Bewegung
einer Schleuder, in ihre Elemente und dabei sich äußernde Kräfte
aufgelöst und mathematisch bearbeitet, brachte zuletzt diejenige klare
und für alle Zukunft unveränderliche Einsicht in den Weltbau hervor,
die bei fortgehender |163.10| Beobachtung hoffen kann, sich immer nur
zu erweitern, niemals aber zurückgehen zu müssen fürchten darf.
Diesen Weg nun in Behandlung der moralischen Anlagen unserer Natur
gleichfalls einzuschlagen, kann uns jenes Beispiel anräthig sein
und Hoffnung zu ähnlichem guten Erfolg geben. Wir haben doch die
Beispiele |163.15| der moralisch urtheilenden Vernunft bei Hand. Diese
nun in ihre Elementarbegriffe zu zergliedern, in Ermangelung der
=Mathematik= aber ein der =Chemie= ähnliches Verfahren der =Scheidung=
des Empirischen vom Rationalen, das sich in ihnen vorfinden möchte,
in wiederholten Versuchen am gemeinen Menschenverstande vorzunehmen,
kann uns Beides |163.20| =rein= und, was Jedes für sich allein leisten
könne, mit Gewißheit kennbar machen und so theils der Verirrung einer
noch =rohen=, ungeübten Beurtheilung, theils (welches weit nöthiger
ist) den =Genieschwüngen= vorbeugen, durch welche, wie es von Adepten
des Steins der Weisen zu geschehen pflegt, ohne alle methodische
Nachforschung und Kenntniß der |163.25| #292# Natur geträumte
Schätze versprochen und wahre verschleudert werden. Mit einem Worte:
Wissenschaft (kritisch gesucht und methodisch eingeleitet) ist die enge
Pforte, die zur =Weisheitslehre= führt, wenn unter dieser nicht blos
verstanden wird, was man =thun=, sondern was =Lehrern= zur Richtschnur
dienen soll, um den Weg zur Weisheit, den jedermann gehen |163.30|
soll, gut und kenntlich zu bahnen und andere vor Irrwegen zu sicheren;
eine Wissenschaft, deren Aufbewahrerin jederzeit die Philosophie
bleiben muß, an deren subtiler Untersuchung das Publicum keinen
Antheil, wohl aber an den =Lehren= zu nehmen hat, die ihm nach einer
solchen Bearbeitung allererst recht hell einleuchten können. |163.35|
Anmerkungen.
Die Zahlen an den Seiten geben die Originalpaginirung der dem Text zu
Grunde gelegten Ausgaben (1788 und 1793) wieder.
Kritik der praktischen Vernunft.
Herausgeber: =Paul Natorp=.
Einleitung.
B. Erdmann (in der Einleitung zur _Kr. d. r. V._, Bd. IV S. 573ff.)
hat bereits darauf aufmerksam gemacht, daß die _Kritik der reinen
Vernunft_ nach der ursprünglichen Absicht Kants die kritische
Grundlegung zur reinen _praktischen Weltweisheit_ oder _Metaphysik der
Sitten_ mitenthalten sollte. Der Plan einer =besonderen= _Kritik der
praktischen Vernunft_ taucht erst spät auf; und es verlohnt wohl der
Mühe, seinem Ursprung nachzuforschen.
Schon die frühste deutliche Ankündigung des kritischen Unternehmens
die _Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen in dem
Winterhalbenjahre von 1765-1766_, spricht von einer _Kritik und
Vorschrift der gesammten Weltweisheit als eines Ganzen_, welche
_Betrachtungen über den Ursprung ihrer Einsichten sowohl, als ihrer
Irrthümer anstellen und den genauen Grundriß entwerfen_ soll, _nach
welchem ein solches Gebäude der Vernunft dauerhaft und regelmäßig soll
aufgeführt werden_ (II 310). Und wenig später (an Lambert, 31. Dec.
1765, X 53) verheisst Kant eine Untersuchung über _die eigenthümliche
Methode der Metaphysick und vermittelst derselben auch der gesammten
Philosophie_. Er will aber _dieses Werk, als das Hauptziel aller
dieser Aussichten, noch ein wenig aussetzen_, weil es ihm noch an
_Beyspielen_ mangle, an denen er +in concreto+ _das eigenthümliche
Verfahren zeigen_ könnte. Aus diesem Grunde will er _einige kleinere
Ausarbeitungen voranschicken, deren Stoff vor mir fertig liegt,
worunter die =metaphysische Anfangsgründe der natürlichen Weltweisheit=
und die =metaph: Anfangsgr: der praktischen Weltweisheit= die ersten
seyn werden, damit die Hauptschrift nicht durch gar zu weitläuftige und
doch unzulängliche Beyspiele allzu sehr gedehnet werde_.
Zu diesen Ausarbeitungen kam es damals nicht. Der Brief an Mendelssohn
vom 8. April 1766 (X 66ff.) über die inzwischen erschienenen _Träume
eines Geistersehers_ zeigt Kant gewillt und gerüstet, direct auf
sein _Hauptziel_ loszugehen. Der Eifer, mit dem ein Lambert auf den
entscheidenden Gedanken einging, die Metaphysik von der Seite der
Methode in sicheren Gang zu bringen, hat dazu jedenfalls kräftig
mitgewirkt. Kant konnte sich, wie er am 2. Sept. 1770 (mit Übersendung
der Dissertation) an Lambert schreibt (X 92f.), _nicht entschließen
etwas minderes, als einen deutlichen Abris von der Gestalt, darinn ich
diese Wissenschaft erblicke, und eine bestimte Idee der eigenthümlichen
Methode in derselben_ dem redlich um Verständigung bemühten Manne
vorzulegen. Die Dissertation selbst aber genügt ihm nicht einmal
als Unterlage der brieflichen Verhandlung mit Lambert, sondern er
stellt diesem einen neuen _Abris dieser ganzen Wissenschaft ... in
einigen wenigen Briefen_ in Aussicht; will sich aber dazu noch etwas
Zeit nehmen und inzwischen -- zur Erholung! -- _diesen Winter seine
Untersuchungen über die reine_ +morali+_sche Weltweisheit, in der
keine_ +empi+_rische_ +principi+_en anzutreffen sind und gleichsam
die_ +metaphysic+ _der Sitten, in Ordnung bringen und ausfertigen_,
um dadurch zugleich _den wichtigsten Absichten bey der veränderten
Form der Metaphysick den Weg zu bahnen_; dies offenbar in der früher
bekundeten Meinung: um bei der neuen methodologischen Grundlegung der
Philosophie auf die concreten Beispiele schon hinweisen zu können.
Wir wundern uns nicht, dass die Ausführung dieser Absicht auch diesmal
unterblieb. Die noch ungelöste Hauptaufgabe musste wohl auf Kant eine
stärkere Anziehungskraft ausüben, seitdem er eingesehen, dass (nach dem
kräftig aufklärenden Worte der Diss. § 23) in +philosophia pura ...
Methodus antevertit omnem scientiam, et quidquid tentatur ante huius
praecepta probe excussa et firmiter stabilita, temere conceptum et
inter vana mentis ludibria reiiciendum videtur+.
So finden wir ihn im Briefe an Herz, 7. Juni 1771 (X 117) wieder
ganz dabei, _ein Werk, welches unter dem Titel: =Die Grentzen der
Sinnlichkeit und der Vernunft= das Verhältnis der vor die Sinnenwelt
bestimten Grundbegriffe und Gesetze zusammt dem Entwurfe dessen,
was die Natur der Geschmackslehre, Metaphysick u. Moral ausmacht,
enthalten soll, etwas ausführlich auszuarbeiten. Den Winter
hindurch_ -- denselben Winter, in dem er die Metaphysik der Sitten
hatte _ausfertigen_ wollen -- ist er _alle_ +materiali+_en dazu
durchgegangen_, hat _alles gesichtet, gewogen, an einander gepaßt_; ist
aber mit dem Plane _nur erst kürzlich fertig geworden_; welcher Plan
aus der obigen losen Aneinanderreihung: Grundbegriffe und Gesetze der
Sinnenwelt _zusammt_ Geschmackslehre, Metaphysik und Moral, freilich
nicht deutlich wird.
Genauere Auskunft giebt der Brief an Herz vom 21. Februar 1772 (X
123ff.). Wir vernehmen hier von zwei verschiedenen Plänen. Nach dem
ersten sollte das Werk von den Grenzen der Sinnlichkeit und der
Vernunft =zwei Theile= erhalten, einen =theoretischen= und einen
=praktischen=; deren Inhalt und weitere Gliederung angegeben werden.
Als er dann zwar daran ging, den theoretischen Theil vollständig
zu durchdenken, thaten sich neue Schwierigkeiten auf. Er glaubt
dieser aber in der Hauptsache Herr geworden und nunmehr im Stande
zu sein, _eine =Critick der reinen Vernunft=, welche die =Natur der
theoretischen so wohl als_ +pract+_ischen Erkentnis=, so fern sie
blos_ +intellectual+ _ist, enthält vorzulegen_, und zwar will er _den
=ersten Theil=, der die Quellen der_ +Metaphysic+, _ihre_ +Methode+ _u.
Grentzen enthält, zuerst und =darauf= die reinen_ +principien+ _der
Sittlichkeit ausarbeiten._
Die Gliederung der _Kritik der reinen Vernunft_ in einen
theoretischen und einen praktischen Theil scheint aber wieder
aufgegeben in dem nächsten Zeugniss, dem Brief von (Oct.?) 1773 an
Herz (X 138), wo wieder ganz deutlich, wie früher, der =einzigen=
_Transscendentalphilosophie oder Critik der reinen Vernunft_ die
=zwei Theile der Metaphysik=: Metaphysik der Natur und der Sitten,
gegenüberstehen; von diesen beabsichtigt er noch immer die letztere
zuerst herauszugeben. Sie war ja seit langem vorbereitet: bereits 1765
lag der _Stoff vor ihm fertig_; am 9. Mai 1767 (X 71) schreibt er an
Herder, dass er daran arbeitet; im Winter 1770/71 hatte er sie, bloss
zur Erholung von der schwereren Arbeit an dem Methodenwerk, fertig
zu machen gedacht; auch nach dem Briefe von 1772 (X 124) hatte er es
in diesem Felde _schon vorher ziemlich weit gebracht_, hatte er die
Principien dafür _schon vorlängst zu seiner ziemlichen Befriedigung
entworfen_. Aber auch jetzt kam es zur Ausführung nicht; alle andern
Ausarbeitungen wurden durch seine Hauptarbeit an der _Kr. d. r. V. wie
durch einen Damm zurückgehalten_ (X 185).
Jene Grunddisposition aber, wonach der einen ungetheilten _Kritik_ die
zweitheilige _Metaphysik_, der Natur und der Sitten, gegenübersteht,
scheint auch in den weiteren Documenten, die sich leider nicht ganz
direct hierüber aussprechen, festgehalten zu werden. Der Brief vom 24.
Nov. 1776 an Herz (X 185, worüber Erdmann a. a. O. 576) widerspricht
dieser Annahme keineswegs, wie wir hernach sehen werden; der andre vom
28. Aug. 1778 (Erdm. 582) bestätigt sie eher. Völlig klar aber lässt
der Brief an Mendelssohn, 16. Aug. 1783 (X 325) erkennen, dass in der
inzwischen erschienenen _Kritik der reinen Vernunft_ die _Vorarbeitung
und sichere Bestimmung_ der Grenze und des =gesammten Inhalts der
ganzen menschlichen Vernunft= seiner Meinung nach gegeben war und nur
die Ausarbeitung der Metaphysik selbst _nach obigen_ (d. h. den in der
_Kr. d. r. V._ dargelegten) _critischen Grundsätzen_ noch fehlte. Diese
gedachte er in Lehrbuchform (vgl. auch den Brief von 1778, X 224) und
in _mehrer Popularität_ als sein Hauptwerk nach und nach auszuarbeiten;
und zwar hoffte er im nächsten Winter bereits den =ersten Theil seiner
Moral= _wo nicht vollig, doch meist_ zu Stande zu bringen.
Es ist demnächst die _=Kritik der reinen Vernunft=_ selbst ins Auge
zu fassen: aus ihr muss doch eine klare Antwort auf die Frage zu
gewinnen sein, ob die kritische Bodenbereitung zur Metaphysik nach des
Verfassers Meinung mit diesem Werk abgeschlossen, oder erst zur Hälfte
geleistet war. Ein Hinweis auf die fehlende andre Hälfte konnte, da
doch reine Vernunft nach Kants Begriffen eine vollkommene Einheit,
ein nicht in sich, sondern nur in der Betrachtung theilbares Ganzes
darstellt, unmöglich unterbleiben.
Ein solcher Hinweis aber findet sich an =keiner einzigen Stelle= der
_Kritik der reinen Vernunft_ von 1781; sondern durchweg wird, wie es ja
auch diesem Titel entspricht, das =ganze= Geschäft der Kritik als in
diesem Werke beendet angesehen; es wird daher keine fernere =Kritik=,
sondern nur, wie immer bisher, die =Metaphysik= der Natur und der
Sitten in Aussicht gestellt.
1. Nach der =Vorrede= (IV 9 dieser Ausgabe) bedeutet die _Kritik der
reinen Vernunft: die des =Vernunftvermögens überhaupt= in Ansehung
=aller= Erkenntnisse, zu denen sie unabhängig von aller Erfahrung
streben mag_ u. s. f. Die einzige übrigbleibende philosophische Aufgabe
ist die Metaphysik selbst, oder das =System=. _Ein solches System der
reinen (speculativen) Vernunft hoffe ich unter dem Titel =Metaphysik
der Natur= selbst zu liefern_ (13). Hier deutet der Zusatz in Klammern
ohne Zweifel auf den ebenso wesentlichen andern Theil des Systems,
die Metaphysik der Sitten; aber nichts deutet darauf, dass die Kritik
selbst noch einer Ergänzung in Hinsicht des praktischen Gebrauchs
der Vernunft bedürfte. Der Verleger Hartknoch (19. Nov. 1781, X 261)
rechnet auf eben diese beiden Werke, »da dies zur =Vollendung Ihres
Plans= gehört u. ein Ganzes ausmacht.« Keiner denkt, und Kant selbst
denkt in dieser Zeit nicht an eine zweite Kritik. Daher »brennt« z. B.
Schütz (10. Juli 1784, X 371) »vor Begierde und Sehnsucht« nach seiner
=Metaphysik der Natur=, der er »doch auch gewiss eine =Metaph. der
Sitten= folgen lassen« werde.
2. Der Schlussabschnitt der Einleitung, der von der Eintheilung
der Transscendentalphilosophie handelt, schränkt zwar den Begriff
der letzteren und damit den der _Kritik der reinen Vernunft_ ein
auf das Gebiet der _reinen, =blos speculativen= Vernunft_ (25).
Aber diese Einschränkung wird nur dadurch begründet, dass bei den
obersten Grundsätzen und Grundbegriffen der Moralität, obgleich sie
Erkenntnisse +a priori+ sind, doch Begriffe =empirischen= Ursprungs
(der Lust und Unlust, der Begierden und Neigungen, der Willkür etc.)
=vorausgesetzt= werden müssten. Dies bedarf der Erklärung, da Kant
mindestens seit 1770 (Diss. § 9) annimmt und unerschütterlich daran
festhält, dass die Principien der Moral der reinen Vernunft entstammen
und also zur reinen Philosophie gehören. (S. bes. an Lambert, 1770, X
93: _reine_ +morali+_sche Weltweisheit, in der keine_ +empi+_rische_
+principi+_en anzutreffen sind_, und an Herz, 1772, X 126: _die Natur
der theoretischen sowohl als_ +pract+_ischen Erkenntnis, so fern sie
blos_ +intellectual+ _ist_). Aber die Erklärung liegt nicht fern: auch
bei den obersten, völlig _reinen_ Grundsätzen und Grundbegriffen der
Moral müssen dennoch die empirischen Begriffe der Lust, Unlust etc.
insofern _vorausgesetzt_ werden, als ein menschlicher Wille niemals
ohne _Materie_ ist. Aber diese Materie geht nicht als _Princip_ oder
_Bedingung_ in die reinen sittlichen Grundsätze oder Grundbegriffe
mit ein. So _Kr. d. r. V.,_ III 384: _Moralische Begriffe sind nicht
gänzlich reine Vernunftbegriffe, weil ihnen etwas empirisches (Lust
oder Unlust) zum Grunde liegt, Gleichwohl können sie in Ansehung des
=Princips= ... (also wenn man bloß auf ihre Form Acht hat) gar wohl zum
Beispiele reiner Vernunftbegriffe dienen_. Durch diese wohlbekannte
Distinction erklären sich scheinbar empiristische Äusserungen wie im
Brief an Herz 1773 (X 138) oder _Kr_. III 520 Anm.
Aber kann denn eine =Metaphysik= der Sitten, kann die Aufstellung
=reiner= Principien der Moral einer voraufgehenden Kritik entrathen?
Gilt hier etwa nicht, dass +Methodus antevertit omnem scientiam+?
Gewiss bedarf sie der kritischen Bodenbereitung: aber =diese ist in der
_Kritik der reinen (speculativen) Vernunft_ zugleich gegeben=. Eben sie
hat (III 249) _den Boden zu jenen majestätischen =sittlichen= Gebäuden
eben und baufest zu machen_. Sie thut es durch Sicherung der =Idee=,
besonders der Idee der =Freiheit=, welche, obwohl selbst eine rein
speculative, doch schon von der Dissertation (1770) an (§ 9. Anm.) die
Grundidee der =praktischen Erkenntnis= ist, ja überhaupt den Begriff
des Praktischen erst giebt: _Kr._ III 246f. _Plato fand seine Ideen
vorzüglich in allem, was =praktisch ist, d. i. auf Freiheit beruht=,
welche ihrerseits unter Erkenntnissen steht, die ein eigenthümliches
Product der Vernunft sind_; III 384 _Ideen, ... die =praktische= Kraft
... haben und der Möglichkeit der Vollkommenheit gewisser =Handlungen=
zum Grunde liegen_. Die »transscendentalen« Ideen aber, insbesondere
die der Freiheit, erhalten ihre Sicherung durch die _Kritik der
reinen Vernunft_ und erwarten sie nicht erst von einer zweiten, noch
ausstehenden _Kritik der praktischen Vernunft_. Name und Begriff einer
solchen ist in der 1. Aufl. der _Kr. d. r. V_. ganz unbekannt. Was noch
aussteht, ist nicht eine zweite Kritik, sondern nur die Ausführung der
Moral selbst, welche empirischer Begriffe (der Lust, Unlust etc., kurz
der Materie des Willens) nicht entrathen kann und deshalb nicht zur
Aufgabe der _Kritik_, der einzigen, nämlich der der in sich einigen
_reinen Vernunft_, gehört.
3. Dies ist =durchweg= die Auffassung der _Kr. d. r. V_. von 1781.
Allerdings steht (nach III 332) die _reine Moral_ -- gleich der
reinen Mathematik, auch diese Vergleichung ist zu beachten -- ausser
der Transscendentalphilosophie; doch werden die _transscendentalen
Vernunftbegriffe_ oder _Ideen ... vielleicht von den Naturbegriffen zu
den praktischen einen =Übergang= möglich machen ..._ (255); sie machen
die _=theoretische Stütze=_ der moralischen Ideen und Grundsätze aus,
mit der diese (stehen und) fallen (325). Denn auf die transscendentale
Idee der Freiheit =gründet sich= der praktische Begriff derselben;
die Aufhebung der ersteren würde zugleich die letztere _vertilgen_
(363f.). Es wird dann die Deduction der Möglichkeit der Freiheit auf
Grund der Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich, mitsammt der
allgemeinen Erklärung des Sollens (371), das eine _ganz andere Regel
und Ordnung, als die Naturordnung ist_, einführt (373), wenn auch kurz,
gegeben, also der Kerngedanke der _Grundlegung_ wie der _Kritik der
praktischen Vernunft_ vorweggenommen, ohne dass doch der Boden der rein
speculativen Untersuchung damit verlassen würde, denn überall handelt
es sich hier um die _theoretische Stütze_ der Moral, noch nicht um
diese selbst.
Es werden auch die praktischen Postulate bereits angedeutet (421ff.,
518); es wird endlich im _Kanon der reinen Vernunft_, der als
wesentlicher Bestandtheil der Transscendentalphilosophie schon
im Briefe an Herz 1776, X 186, bezeichnet worden war,[19] der
Übergang ins praktische Gebiet ganz offen vollzogen; denn der Kanon
=betrifft ausdrücklich den praktischen und nicht den speculativen
Vernunftgebrauch= (III 518). Man versteht, dass es hier Kant selbst
um die _Einheit des Systems_ fast bange wird (520); es kommt die
Gefahr hinzu, von dem _neuen Stoffe_ oder dem _Gegenstand, der der
transscendentalen Philosophie fremd ist_, zu wenig zu sagen und es so
an Deutlichkeit oder Überzeugung fehlen zu lassen (ebenda). In der
That aber ist die Grenze der bloss speculativen Untersuchung auch hier
in aller Strenge eingehalten. Gehören einerseits -- wie hier wiederum
betont wird -- die praktischen Begriffe, eben als praktische, d. h. auf
Lust und Unlust (der Materie nach) bezogen, _nicht in den Inbegriff der
Transscendentalphilosophie_ (520 Anm.), so gehört umgekehrt das Problem
der transscendentalen Freiheit nicht für die Vernunft im praktischen
Gebrauch, sondern betrifft bloss das speculative Wissen; es kann,
sofern es ums Praktische zu thun ist, sogar als _ganz gleichgültig_
bei Seite gesetzt werden (522); Moral braucht (unmittelbar) nur die
Freiheit _im praktischen Verstande_, die sogar _durch Erfahrung
bewiesen werden_ kann (521). So auch (523): Die Frage _Was soll ich
thun? ist =bloß= praktisch. Sie kann als eine solche zwar der reinen
Vernunft angehören, ist aber alsdann =doch nicht transscendental,
sondern moralisch=, mithin kann sie unsere Kritik an sich selbst
nicht beschäftigen_. Nur bei oberflächlichem Lesen könnte man hier in
_=unsere= Kritik_ die Hindeutung auf eine andere Kritik, nämlich die
der praktischen Vernunft, finden. Die schroffe Entgegensetzung _nicht
transscendental, sondern moralisch_ kann aber nach allem Frühern (bes.
nach IV 24) nur so verstanden werden, dass im Begriff des Moralischen
die Hinzunahme empirischer Begriffe mitgedacht ist. Also nicht im
Gegensatz zu einer andern Kritik, sondern nur im Gegensatz zur Moral
selbst als einem Theil des Systems der Philosophie ist der Ausdruck
_unsere Kritik_ zu verstehen.
[19] Also widerspricht dieser Brief nicht der Voraussetzung, dass
es nur =eine= Kritik der Vernunft giebt.
4. Noch bleibt übrig die _Architektonik der reinen Vernunft_, in
der doch am ehesten eine endgültige Entscheidung unserer Frage zu
finden sein sollte. Was ergiebt sie? III 543f.: _Die Gesetzgebung
der menschlichen Vernunft (Philosophie) hat zwei Gegenstände, Natur
und Freiheit, und enthält also sowohl das Naturgesetz, als auch das
Sittengesetz, anfangs in zwei besonderen, zuletzt aber in einem
einzigen =philosophischen System=.... Die Philosophie der reinen
Vernunft ist nun entweder Propädeutik ... und heißt =Kritik=, oder
zweitens das System der reinen Vernunft (Wissenschaft) ... und heißt
=Metaphysik=..... Die Metaphysik theilt sich in die des =speculativen=
und =praktischen= Gebrauchs der reinen Vernunft und ist also entweder
=Metaphysik der Natur=, oder =Metaphysik der Sitten=._ Auch hier kein
Wort von einer entsprechenden Eintheilung der Kritik; vielmehr muss man
sagen, eine solche wird durch diese Erklärung geradezu ausgeschlossen,
da zum wenigsten hier, fast am Ende des Werks, von dem noch fehlenden
andern Theil der Kritik, wenn ein solcher vorausgesetzt wäre, nicht
hätte geschwiegen werden können. Aber es heisst nochmals am Schluss
desselben Hauptstücks (549): _=Metaphysik= also sowohl =der Natur=,
als =der Sitten=, vornehmlich die =Kritik= der sich auf eigenen
Flügeln wagenden Vernunft, welche vorübend (propädeutisch) vorhergeht,
machen eigentlich allein dasjenige aus, was wir im ächten Verstande
Philosophie nennen können._ Auch hier nicht die entfernteste Andeutung
eines noch fehlenden praktischen Theils der »Propädeutik«.
Nach diesem allen ist es ganz, was man erwartet, dass Kant nach dem
Erscheinen der _Kritik der reinen Vernunft_ alsbald die Abfassung der
Metaphysik und zwar des Theils, dessen Fertigstellung er sich so oft
schon vorgenommen und immer wieder zurückgestellt hatte, der Metaphysik
der Sitten ins Auge fasst (s. Hamann an Hartknoch 7. Mai und 23. Okt.
1781, 11. Jan. 1782, Gildemeister II 368, und Hamanns Werke VI 222,
236; Hartknoch an Kant 19. Nov. 1781, X 261; Erdmann IV 602f., Menzer
625; und besonders den schon erwähnten Brief Kants an Mendelssohn 16.
Aug. 1783, X 325).
Aber auch das ist nur, was wir erwarten, dass die mit der _Kritik_
eingeschlagene neue Gedankenrichtung ihn noch nicht losliess; dass,
eben als er nun an die Ausarbeitung der Metaphysik der Sitten ernstlich
herantrat, die für diese in der _Kritik der reinen Vernunft_ geleistete
kritische _Vorarbeitung_ ihm noch nicht ganz genügen wollte. Denn
sie enthielt zwar dem Kerne nach die kritische Grundlegung auch zur
reinen Moral, aber nur in knapper, mehr gelegentlicher und noch manchem
Einwand ausgesetzter Ausführung. So versteht es sich, dass aus dem
_ersten Theil seiner Moral_ (im Brief an Mendelssohn) ein _Prodromus_
oder _Plan_ (X 373) zur Metaphysik der Sitten, und endlich eine
_Grundlegung_ zu dieser wurde (Menzer 626f.); die in der That nichts
anderes als eine vollständigere, von der Kritik der reinen, bloss
speculativen Vernunft soviel möglich losgelöste, mit den Problemen
der Moral selbst in deutlichere und vollständigere Beziehung gesetzte
kritische Bodenbereitung zur reinen Moral oder Metaphysik der Sitten
ist.
In der (leider nicht datirten) Vorrede dieser Schrift nun -- deren
Manuscript am 19. Sept. 1784 abgeschickt wurde, und deren erste
Exemplare Kant am 7. April 1785 erhielt (Menzer 628) -- tritt überhaupt
zum ersten Mal der Name und Begriff einer _=Kritik der praktischen
Vernunft=_ auf. Was soll sie denn noch, neben der _Kritik der reinen
Vernunft_ und der _Grundlegung zur Metaphysik der Sitten_? Was kann
eine _Kritik der praktischen Vernunft_ anders sein als eben die
(kritische) _Grundlegung_ zur Metaphysik der Sitten?
Die Vorrede selbst giebt darauf Antwort (IV 391): _Im Vorsatze nun,
eine =Metaphysik der Sitten= dereinst zu liefern, lasse ich diese
=Grundlegung= vorangehen. Zwar giebt es eigentlich keine andere
Grundlage derselben, als die =Kritik einer reinen praktischen
Vernunft=, so wie zur Metaphysik_ (der Natur) _die schon gelieferte
Kritik der reinen speculativen Vernunft_. Und jeder Leser beider
Schriften weiss ja, dass die _Grundl._ und die _Kr. d. pr. V._
sich wirklich dem Hauptinhalt nach decken, dass sie sich fast nur
formal, und zwar so unterscheiden, dass die Gedankenentwicklung in
der _Grundlegung_ mehr einen analytischen, in der _Kr. d. pr. V._
einen synthetischen Gang befolgt. Es wird ja im 3. Abschnitt der
_Grundlegung_ direct der _Übergang_ zur Kritik der reinen praktischen
Vernunft vollzogen, und von dieser die _zu unserer Absicht hinlängliche
Hauptzüge_ bereits dargestellt (IV 445). Nur in =Vollständigkeit= ist
diese Kritik auch hier noch nicht geliefert; zu ihrer =Vollendung=
nämlich wird noch erfordert (391), dass die =Einheit= der praktischen
mit der speculativen Vernunft =in einem gemeinschaftlichen Princip=
aufgezeigt werde, _weil es doch =am Ende= nur eine und dieselbe
Vernunft sein kann, die bloß in der Anwendung unterschieden sein muß_.
Und hieraus endlich glauben wir zu verstehen, weshalb Kant auch nach
Vollendung der _=Grundlegung=_ (sowie der _Metaphysischen Anfangsgründe
der Naturwissenschaft) ungesäumt zur völligen Ausarbeitung_, =nicht=
der _Kritik der praktischen Vernunft_, sondern der _Metaphysik der
Sitten_ geht (an Schütz, 13. Sept. 1785, X 383). Auch noch in dem
Brief an Bering vom 7. April 1786 (X 418) will er die Bearbeitung des
=Systems der Metaphysik= (in engern, theoretischen Sinne) noch _etwas
weiter hinaussetzen, um für das =System der practischen Weltweisheit=
Zeit zu gewinnen, welches mit dem ersteren vergeschwistert ist und
einer ähnlichen Bearbeitung bedarf, wiewohl die Schwierigkeit bey
demselben nicht so groß ist_. Kant gedachte also alles Ernstes die
_Kritik der praktischen Vernunft_, welche =zum Abschluss des ganzen
kritischen Systems= die Einheit der speculativen und praktischen
Vernunft darthun sollte, erst nach Vollendung des Systems der
Metaphysik der Natur sowohl als der Sitten vorzulegen. Nur so begreift
sich, dass noch am 14. Mai 1787, kurz vor dem Erscheinen der _Kr. d.
pr. V._ (nach dem Briefe von Jenisch an Kant, X 463) _alles nur mit
Sehnsucht_ seiner =Metaphysik der Sitten=, und nicht der Kr. d. pr. V.
entgegensah.
Von dieser Absicht nun aber doch wieder abzugehen bestimmte ihn, so
scheint es, hauptsächlich die Rücksicht auf die =Beurtheilungen= sowohl
der _Kr. d. r. V._ als der _Grundlegung_, welche gerade das, was er der
_Kr. d. pr. V._ vorbehalten hatte: den überzeugenden Beweis der Einheit
der speculativen und der praktischen Vernunft vermissten, namentlich
Anstoss nahmen an der _im theoretischen Erkenntniß geleugneten und
im praktischen behaupteten objectiven Realität der auf Noumenen
angewandten Kategorien_ und an der _paradoxen Forderung, sich als
Subject der Freiheit zum Noumen, zugleich aber auch in Absicht auf die
Natur zum Phänomen in seinem eigenen empirischen Bewußtsein zu machen_
(_Kr. d. pr. V., Vorrede_, oben S. 6f.). Diesen immer wiederholten
Einwänden gründlich zu begegnen, entschloss er sich, so scheint es, nun
doch die _Kritik der praktischen Vernunft_ der Metaphysik der Sitten
vorauszuschicken. Diese Motivation ergiebt
1. die Vorrede der _Kr. d. pr. V._ selbst (S. 6f.): _Nur eine
ausführliche Kritik der praktischen Vernunft kann alle diese Mißdeutung
heben und die consequente Denkungsart, welche eben ihren größten Vorzug
ausmacht, in ein helles Licht setzen._ (Nur eine =ausführliche= Kritik:
die _Hauptzüge_ enthielt ja schon die _Grundlegung_.)
2. Kurz vor der Vollendung des Buches der Brief an Schütz vom 25. Juni
1787, X 467: _Ich habe meine =Kritik der praktischen Vernunft= so
weit fertig, daß ich sie denke künftige Woche nach Halle zum Druck zu
schicken. Diese wird besser, als alle Controversen mit Feder und Abel
... die Ergänzung dessen, was ich der spekulativen Vernunft absprach,
durch reine praktische, und die Möglichkeit derselben beweisen und
faßlich machen, welches doch der eigentliche Stein des Anstoßes ist,
der jene Männer nöthigt, lieber die unthunlichsten, ja gar ungereimte
Wege einzuschlagen, um das spekulative Vermögen bis aufs Übersinnliche
ausdehnen zu können, ehe sie sich jener ihnen ganz trostlos scheinenden
Sentenz der Kritik unterwürfen._
3. Gleich nach dem Erscheinen des Buches der Brief an Reinhold vom 28.
Dec. 1787, X 487: _In diesem Büchlein werden viele Widersprüche, welche
die Anhänger am Alten in meiner Critik zu finden vermeinen, hinreichend
gehoben; dagegen diejenigen, darin sie sich selbst unvermeidlich
verwickeln, wenn sie ihr altes Flickwerk nicht aufgeben wollen, klar
genug vor Augen gestellt._
Dazu kommen 4. die in unsrer Schrift besonders zahlreichen und
directen Beziehungen auf gegnerische Beurtheilungen: auf den
Mendelssohn-Jacobi-Streit, an dem Kant betheiligt war durch die Schrift
_Was heißt sich im Denken orientiren?_ und Wizenmanns Entgegnung; auf
die Tübinger Recension der _Grundlegung_ (von Flatt; Grundgedanke:
»Inconsequenz«) und Tittels Widerlegung (_neue Formel_, nicht neues
Princip, und wieder die Inconsequenz); auf den _wahrheitliebenden
Recensenten_ (Vorr. S. 8: Pistorius in der Allg. Deutschen Bibliothek)
und _manche andere Einwürfe_, von denen in den sachlichen Erläuterungen
zu reden sein wird; endlich
5. die jedenfalls nach Kants eignen Angaben abgefasste Ankündigung
der _Kr. d. pr. V._, im Verein mit der 2. Aufl. der _Kr. d. r. V._,
in der Allgemeinen Literaturzeitung vom 21. November 1786 (abgedruckt
bei Erdmann, III 556), in welcher es heisst: »Auch wird, zu der in der
ersten Auflage enthaltenen =Kritik der reinen speculativen Vernunft=
in der zweyten noch eine =Kritik der reinen practischen Vernunft=
hinzukommen, die dann ebenso das Princip der Sittlichkeit =wider die
gemachten oder noch zu machenden Einwürfe zu sichern=, und =das Ganze=
der kritischen Untersuchungen, die vor dem System der Philosophie
der reinen Vernunft vorhergehen müssen, zu =vollenden= dienen kann.«
Auf diese Ankündigung bezieht sich wohl Hamanns Äusserung im Briefe
an Jacobi vom 30. Jan. 1787 (Gildemeister, J. G. Hamanns Leben und
Schriften, 1857ff. V 452): »Aus der Zeitung habe ersehen, dass
selbige«, nämlich die neue Ausgabe der _Kr. d. r. V._, deren Manuscript
kurz zuvor abgegangen war,»mit =einer Kritik der praktischen Vernunft
vermehrt werden wird=.« Diese allerengste Verbindung, in der die beiden
Kritiken gradezu als =ein= Werk gedacht waren, ist dann wohl schon aus
äusseren Gründen aufgegeben worden; die neue Ausgabe der _Kr. d. r.
V._ erschien, ohne die angekündigte Vermehrung, im Frühjahr 1787 (die
Vorrede ist unterzeichnet im _Aprilmonat_ 1787). Doch war die _Kr. d.
pr. V._ bereits am 25. Juni desselben Jahres (nach dem schon erwähnten
Briefe an Schütz unter diesem Datum, X 467) nahezu druckfertig; sie war
nach einem Briefe an Jakob (X 471), den Reicke (allerdings zweifelnd)
auf den 11. Sept. desselben Jahres ansetzt, bei Grunert im Druck; auch
hier heisst es: _Sie enthält manches, welches die Mißverständnisse der
der theoretischen heben kann._ Unter demselben Datum giebt Kant bereits
dem Drucker Anweisung über die zu versendenden Freiexemplare (X 483).
Immerhin schob sich der Druck dann noch etwas hinaus, weil Grunert das
Werk mit neuen und scharfen Lettern drucken lassen wollte, die erst 8
Tage nach der Michaelismesse ihm geliefert wurden (ebenda). Doch waren
kurz vor Weihnachten 6 Exemplare auf Schreibpapier (X 483) in Kants
Händen; in Briefen an Herz (24. Dec., X 485) und an Reinhold (28. Dec.,
X 487) stellt er diesen solche in Aussicht, die durch Grunert ihnen
zugestellt werden sollen. Der letzterwähnte Brief nennt zum ersten
Mal die drei Kritiken, welche für die =drei Theile der Philosophie=
die Principien a priori nachweisen; während noch die Vorrede der 2.
Aufl. der _Kr. d. r. V._ nur die Ausführung der »_Metaphysik der Natur
sowohl als der Sitten, als Bestätigung der Richtigkeit der Kritik der
speculativen sowohl als praktischen Vernunft_« noch in Aussicht stellte
(III 26).
An den =Neuauflagen= der Schrift hat Kant allem Anschein nach in keiner
Weise mitgewirkt. Die 2. Auflage sollte (nach den Briefen des jüngern
Hartknoch vom Aug. u. Sept. 1789, XI 71 u. 88) schon zur Ostermesse
1790 fertig werden; wirklich erschien sie erst mit der Jahrzahl 1792.
Dieser zweiten folgte 1797 nicht die dritte, sondern die vierte; von
einer dritten ist bisher keine Spur gefunden. Ich vermuthe, dass der
Verleger die thatsächlich dritte Auflage als vierte hat bezeichnen
lassen, nachdem die zweite (nach X 71) sogleich in 2000 (statt wie
sonst 1000) Exemplaren gedruckt worden war. Mitgewirkt hat Kant bei
dieser Auflage (nach dem Briefe an Hartknoch vom 28. Jan. 1797, XII
146) nicht. Eine fünfte Auflage erschien 1818, eine sechste 1827.
Nachdrucke sind 1791 und 1795 zu Frankfurt und Leipzig und 1796 zu
Grätz erschienen.
Lesarten.
Für die Textgestaltung konnte von den Originalausgaben ausser der
ersten höchstens noch die zweite in Frage kommen. Die vierte ist
ein genauer Wiederabdruck der ersten, mit der sie, bis auf seltene
Versehen, auch die Besonderheiten der Sprache, Orthographie,
Interpunction, durchweg auch die Abtheilung der Seiten und meist die
der Zeilen gemein hat. Die Verbesserungen der 2. Auflage haben in ihr
so wenig Berücksichtigung gefunden wie das Druckfehlerverzeichniss von
Grillo. Nur =eine= richtige Änderung der 2. Aufl. (79{27}) und eine
falsche (38{30}) findet sich ebenfalls in der vierten. Einige neue
Fehler sind hinzugekommen (25{26}, 28{24}, 85{25}). Die fünfte und sechste
Auflage, lange nach Kants Tode erschienen, sind genaue Wiederabdrücke
der vierten, einschliesslich der obbemerkten Abweichungen dieser von
der ersten. Der Satz ist enger; aus den 292 Seiten der 1., 2. und 4.
Auflage sind 285 in A^5, 236 in A^6 geworden. A^6 hat noch einige neue
Versehen aufzuweisen (25{16}, 32{9}, 36{3}4); was nur deshalb erwähnt
wird, weil Hartenstein diese Auflage zu Grunde gelegt und ihre Fehler
wiederholt hat. In wenigen Fällen (50{31}, 54{34}, 58{26}) sind kleine
Versehen von A^1-4 (Interpunctionsfehler) in A^5-6 übereinstimmend
mit A^2 verbessert, aber diese Verbesserungen sind sicher nicht aus
A^2 geschöpft, da andere, viel wichtigere Verbesserungen der 2.
Auflage unbeachtet geblieben sind. In einem Fall (52{12}) ist ein
Interpunctionsversehen von A^1-2-4 in A^5-6, in einem weiteren
(11{19.20}) ein ebenfalls unbedeutender Fehler von A^1 5 in A^6
verbessert.
Aber auch an den Abweichungen der 2. von der 1. Auflage hat Kant selbst
wahrscheinlich keinen Antheil. Die besonders auf den ersten Bogen
zahlreichen Verschiedenheiten in Schreibung, Interpunction und Gebrauch
der Schwabacher Lettern kommen jedenfalls nur auf Rechnung der Setzer
oder Correctoren. Sachlich aber bringt zwar die 2. Auflage eine Anzahl
zweifelloser Berichtigungen (23{17}, 52{32}, 55{6}, 73{33}, 79{27},
120{19}, 127{23} und {29}, 128{27}, 142{7}, 161{33}), von denen eine
(79{27}) mit einer Randbemerkung in Kants Handexemplar zusammentrifft.
Aber die drei weiteren Correcturen des letzteren (24{35}, 26{32},
132{15}) haben in A^2 keine Aufnahme gefunden; eine beträchtliche Zahl
auch solcher Versehen, die der Autor bei eigener Durchsicht schwerlich
stehen gelassen hätte, ist geblieben, eine Anzahl neuer hinzugekommen
(10{5} _nichts_ st. _nicht_; 38{30} der hässliche Fehler _Seelenruhe_
st. _Seelenunruhe_; 47{21} _Widersinniges_ st. _Widersinnisches_;
49{17} _Grenze_ st. _Grenzen_; 76{18} _zu_ st. _zur_, während eher auch
Z. 17 _zur_ zu schreiben gewesen wäre; 85{11} fehlt _besteht_; 92{34}
_im_ st. _in_; 94{12} _nichts_ st. _nicht_; 100{37} fehlt _auch_); und,
was besonders beweisend ist, in wenigstens zwei Fällen (37{13} und
besonders 125{15}) ist die erste Auflage falsch corrigirt. (Dazu ist
auch 38{30} zu rechnen, wenn dort etwa nicht ein Druckversehen, sondern
eine vermeintliche Berichtigung vorliegt.)
Auch nach dem Briefwechsel Kants ist nicht anzunehmen, dass dieser
bei der Textgestaltung der 2. oder 4. Auflage irgendwie betheiligt
gewesen wäre. Für die vierte geht das Gegentheil direct hervor aus den
Briefen XII 145, 146, wonach Kant den unveränderten Wiederabdruck mit
Rücksicht auf seine _jetzige Unpäßlichkeit_, die ihm _alle Kopfarbeit
sehr erschwert_, genehmigte. Aber auch für die 2. Auflage hat Kant,
nach XI 71 und 88, nicht etwa ein von ihm durchgesehenes Exemplar an
den Drucker (Mauke in Jena, da Grunert in Halle nicht Zeit hatte)
gesandt, sondern offenbar hat, eben weil keinerlei Änderungen von Kant
beabsichtigt waren, Hartknochs Vertreter in Leipzig, Hertel, Exemplare
der vorigen Auflagen der beiden gleichzeitig neu zu druckenden Kritiken
(_Kr. d. r. V._, 3. Aufl., und _Kr. d. pr. V._, 2. Aufl.) dem Drucker
als Druckvorlagen übersandt, und der Neudruck ist dann einfach nach
diesen bewirkt worden. Auch von einer sachverständigen Überwachung des
Drucks, wie die Urausgabe der _Kritik der Urtheilskraft_ sie erfahren
hat, hören wir nichts. Zwar könnten die zum Theil von Nachdenken
zeugenden Verbesserungen eine solche vermuthen lassen. Aber auch dann
würden diese eine höhere Autorität als die der späteren Herausgeber
nicht beanspruchen können. Zu beachten ist auch, dass beim Druck der
vierten Auflage nicht, was doch am nächsten lag, die zweite, sondern
die erste als Vorlage gedient hat.
Bei dieser Sachlage war es angezeigt, dem gegenwärtigen Abdruck die
=erste= Auflage zu Grunde zu legen, alle nicht ganz belanglosen
Abweichungen der zweiten und der folgenden aber im Apparat wenigstens
zu verzeichnen.
Von den späteren Herausgebern hat Hartenstein, wie schon gesagt, die
6., Rosenkranz die 2., Kehrbach die 1. Auflage zu Grunde gelegt;
doch haben Hartenstein und Kehrbach die 2. auch zu Rathe gezogen,
die wesentlichsten Verbesserungen daraus aufgenommen, in Nebendingen
aber sich je an ihre Vorlage gehalten. Weit die meisten eigenen
Verbesserungen hat, wie stets, Hartenstein aufzuweisen. Grillos
Druckfehlerverzeichniss (Philos. Anzeiger, 1. Jahrg., 1795, 41.--48.
Stück) enthält neben vielem Werthlosen immerhin über ein Dutzend
wirklicher Berichtigungen, die zwar fast alle auch von den späteren
Herausgebern, ohne Kenntniss dieses Verzeichnisses, gemacht worden sind.
Bei allem blieb dem Herausgeber noch genug zu thun übrig. Er sah sich
bei seiner Arbeit in dankenswerther Weise unterstützt durch drei
jüngere Gelehrte, =A. Görland= in Hamburg, =A. Nolte= in Cassel und =K.
Vorländer= in Solingen, die fast jede der nachstehend verzeichneten
Stellen, zum Theil wiederholt, mit ihm geprüft, manche sichere oder
mögliche Verbesserung selbst gefunden oder auf vorhandene Schäden
hingewiesen haben. Solches Zusammenarbeiten hat besonders das Gute,
gegen die eignen Vermuthungen misstrauisch zu machen. Aus diesem
Misstrauen ist eine ziemliche Zahl mehr oder minder wahrscheinlicher
Verbesserungen nicht in den Text gesetzt, sondern nur im Apparat
mitgetheilt worden. Besonders bei den so häufigen Fehlern und
Freiheiten der Satzconstruction ist darüber, was Kant geschrieben
oder zu schreiben beabsichtigt habe, volle Sicherheit meist nicht zu
erreichen, und thut man daher besser nicht zu ändern, auch wenn das
Überlieferte sicher falsch ist.
Erst nach dieser gemeinsamen Durcharbeitung erschienen die »Correcturen
und Conjecturen zu Kants ethischen Schriften« von =E. Adickes=
(Kantstudien V; zur _Kr. d. pr. V._ S. 211--214) und die »Conjecturen
zu Kants Kritik der praktischen Vernunft« von =E. Wille= (ebenda VIII
467--471). Beide dienten in mehreren Fällen zu erwünschter Bestätigung
des von uns bereits Gefundenen, in andern zu weiterer Aufhellung.
Einige neue Verbesserungsvorschläge finden sich in Vorländers Ausgabe
1906, S. XLVII. Für diese neue Ausgabe konnten noch benutzt werden die
Besprechungen der vorhergehenden Ausgabe von =E. v. Aster= (Kantstudien
XIV 468 ff.), O. Schöndörffer (Altpreuss. Monatsschr. XLVIII 1 ff.) und
K. Vorländer (Ztschr. f. Philos. u. philos. Kritik CXXXVIII 137 ff.).
5{26} _ihnen_] _ihm_ Erdmann, Kants Kriticismus 1878 S. 243 || 5{30}
_des letzeren_] auch Adickes; _der letzteren_ A || 7{23} _um_]
Hartenstein _und_ A (möglich auch: _und -- einsehen lassen_) || 7{27}
_derselben_] A^1.4-6 _desselben_ A^2 || 9{41} _einen Gebrauch der
Vernunft_] _der Vernunft einen Gebrauch?_ || 10{5} _nicht_] A^1
_nichts_ A^2 || 10{7} _Elemente_] _Erkenntniß_ Vorländer 1906 || 11{28}
_konnte_] _könnte_? || 14{11} _Gegenstände äußerer Dinge_] schwerlich
richtig: entweder _Gegenstände_ oder allenfalls _Gegenstände (äußere
Dinge)_ || 14{13} _anhänge_] A^1.4-6] _anhängt_ A^2 ||
15{18} _derselben_] _desselben_? || 16{32} _ihrer_] _und ihre_ Natorp,
_ihre_ Vorländer, Adickes || 20{11} _der Handlung_] _zur Handlung_
Adickes || 21{20} _zu machen_] Grillo, Rosenkranz, Hartenstein
_machen_ A || 21{36} _ihrer -- diese_] _seiner -- dieses_ liegt nahe
(so auch Wille), doch ist der Übergang in den Pluralis bei Kant
möglich || 23{17} _es_] A^2, Rosenkranz, Hartenstein _er_ A^1.4-6
|| 24{35} _kein oberes_] Kants Handexemplar, Hartenstein _kein_ A ||
25{16} _Selbstgenugsamkeit_] A^1.2.4.5 _Selbstgenügsamkeit_ A^6 ||
25{26} _so ist_] A^1.2 _ist_ A^4-6 || 26{32} _allein sie ist_]
Kants Handexemplar, Hartenstein^1 _allein_ A _allein sie enthält_
Hartenstein^2 || 28{7} _es_] _sie_ Adickes, aber _es_ dürfte nach
dem Prädicat construirt sein wie im Lateinischen, vgl. z. B. 34{33}
|| 28{24} _sein_] A^1.2 _ein_ A^4-6, doch _sein_ auch A^4 auf S.
50, Z. 31 || 29{22} _des Willens_] _des freien Willens_ Hartenstein
(dem Sinne nach richtig, doch ist das Überlieferte haltbar, wenn man
verstehen darf: _des Willens =in diesem Falle=_) || 29{28.29} _unsere
-- es_] _unser -- es_ oder _unsere -- sie_? Doch ist ein Wechsel bei
Kant wohl möglich || 29{30} _ihr_] Hartenstein _sein_ A || 30{8.9} _den
ersteren -- dem letzteren_] Es liegt nahe, beidemal _den_ (nämlich
_Grundsätzen_ oder _Gesetzen_) zu schreiben; möglich aber ist auch
beidemal _dem_ (nämlich _Bewußtwerden_ und dabei _Achthaben_) --
und so am Ende auch der Wechsel || 30{24} _unwiderstehlich: ob_]
_unwiderstehlich, ob_ A. Die geänderte Interpunction erledigt wohl den
Anstoss, den man an der Satzconstruction nehmen könnte || 31{11.12}
_mithin -- gedacht_] das erste _als_ ist dem zweiten untergeordnet
(Nolte); daher war das zweite nicht etwa zu streichen, sondern nur
nach _mithin_ Komma zu setzen || 32{9.10} _Verschiedenheiten_] A^1-5
_Verschiedenheit_ A^6 Hartenstein || 32{25} _deren_] Hartenstein
_dessen_ A || 32{32} _objectiv_] _objectives_ läge nahe, doch lässt
sich das Überlieferte vertheidigen || 32{32} _könnte_] Hartenstein
_konnte_ A || 33{19} _der Freiheit_] _die Freiheit_? || 34{8} _ihr_]
_ihnen_? Doch vgl. z. B. 32{16-22} _alle endliche Wesen -- an jenem --
vernünftigem -- afficirtem -- bei jenen_ || 34{27} _welches_] _welche_?
|| 34{29} _vorauszusetzen_] _voraussetzen_? | 34{33} _dieses_] nach
dem Prädicat construirt (vgl. zu 28{7}), oder auf den Infinitiv _zu
befördern_ bezüglich? _diese_ Vorländer || 35{5} _konnte_] Natorp
_könnte_ A || 35{27} _davon_] nach Kantischem Sprachgebrauch möglich ||
36{18} _gelegt_] erg. _werden_ (doch der Ausfall bei Kant möglich) ||
36{19} _empfiehlt_] A _empfindet_ Hartenstein. Ich habe nicht ändern
wollen, da das Überlieferte sich nach Z. 25 _räth an_, 27 _anräthig
ist_ vielleicht deuten lässt || 36{34} _gestimmte_] A^1-5 _bestimmte_
A^6 Hartenstein || 36{36} _zu der_] _die_? || 37{13} _will_] A^1.4-6
_thun will_ A^2 || 38{30} _Seelenunruhe_] A^1 zweifellos richtig nach
Z. 15; _Seelenruhe_ A^2- || 39{8.9} _einem einzigen formalen_] ist
schwierig. Mindestens erwartet man _dem einzigen formalen_ (ungenau
statt: _dem einzigen Fall des formalen Princips_). So v. Aster
Kantstud. XIV 474. Vielleicht genügt aber eine blosse Änderung der
Interpunction: _einem einzigen (formalen)_. Vielleicht war _formalen_
nachträglich von Kant zwischen die Zeilen oder an den Rand geschrieben
|| 43{33} _Form_] _Form derselben_ (nämlich der Verstandeswelt)?
Oder darf man verstehen: _Der Sinnenwelt die Form, als einem Ganzen
vernünftiger Wesen, zu ertheilen_? || 44{29} _desselben_] ist
schwierig; am einfachsten zu streichen || 45{3} _Maximen als Gesetzes_]
vgl. 27{15-19} (oder soll _Gesetzes_ sich auf _Allgemeingültigkeit
ihrer Maximen_ beziehen?) || 45{11} _speculativen_] Grillo, Kehrbach
_practischen_ A || 45{20} _Vorstellungen_] Hartenstein _Vorstellung_
A || 46{34} _dieselbe_] _dasselbe_ Hartenstein, doch s. o. zu
29{28.29} || 47{15} _könnte_] A^2 _konnte_ A^1.4-6 || 47{18} _durch
Erfahrung_] _durch keine Erfahrung_ Grillo _auch durch Erfahrung
nicht_ Adickes, der auch Z. 16 _keine_ st. _alle_ lesen möchte. Doch
ist nach Kantischem Sprachgebrauch möglich die Negation aus dem
Anfang des Satzes hinzuzudenken || 47{21} _Widersinnisches_] A^1.4
_Widersinniges_ A^2.5.6 || 47{24} _beweisen_] _beweisen kann_
oder _konnte_? || 47{27} _das der Freiheit_] man erwartet _des der
Freiheit_ (Natorp); doch ist der Accusativ _das_ bei Kant wohl möglich
als abhängig von _annehmen_ (Nolte) || 48{16} _Ursachen_] _Ursache_
Hartenstein (nicht zwingend) || 49{17} _Grenzen_] A^1.4-6 _Grenze_
A^2 || 49{37} _den sie_] _den sie sich_? || 50{27} _der letzteren_]
Hartenstein _des letzteren_ A. -- Der Satz ist schwierig, aber,
wie Adickes bemerkt hat, schliesslich möglich, indem die Participia
_gedacht -- bestimmt -- erweitert_ zu _haben wir_ Z. 18 zu beziehen
sind. Auch _praktischer Gebrauch_ Z. 29 ist bei Kant möglich ||
50{32-34} _alle Anfechtung -- welche -- machten_] entweder sollte
beidemal Sing. oder beidemal Plur. stehen (so auch Wille); doch kommen
Freiheiten solcher Art auch sonst bei Kant vor || 51{8.9} _Verbindung,
die zwischen einem Dinge und einem =anderen=_] _Verbindung zwischen
&c._ Rosenkranz _Verbindung, die -- besteht_ Kehrbach || 52{10}
_dennoch_] _sie dennoch_? || 52{19} _erwarten_] _zu erwarten_? ||
52{32} _will ich_] A^2 Grillo, Rosenkranz, Hartenstein _will_ A^1.4-6
|| 55{6} _um_] A^2 Rosenkranz, Hartenstein _und_ A^1.4-6 || 55{23}
_seiner_ {24} _seine_] auf _Willens_ bezüglich. Man erwartet _ihrer
ihre_ nach Z. 21 _die nicht ...,_ doch ist solcher Beziehungswechsel
bei Kant nichts Unerhörtes || 55{30.31} _Realität_] _Realität nach_
Hartenstein, doch lässt das Überlieferte sich wohl halten || 55{33}
_theoretischer bestimmter_] es läge nahe umzustellen, doch sind solche
Wortstellungen bei Kant nicht ganz selten, z. B. 86{18.19} _moralischen
geträumten Vollkommenheiten_ || 55{34} _wollte_] _sollte_? || 55{35}
_könne_] _könnte_ Vorländer || 56{13} _theoretischen_] Schöndörffer
_praktischen_ A || 57{9} _bedienen_] _bedienen, annimmt_ Hartenstein ||
57{17} _dem Begriffe eines Gegenstandes_] _einem Begriffe_ A. Diese
Verbesserung, die d. Her. schon in der vorhergehenden Ausgabe
vorschlug, aber nicht in den Text aufzunehmen wagte, wird auch
befürwortet durch v. Aster und Schöndörffer; _einem Begriffe eines
Gegenstandes_ Vorländer 1906 || 58{28} _Subjecte_] _Objecte_ A ||
60{31} _verringert_] _verringerte_? || 60{35} ihn_]_ Hartenstein
_sie_ A || 61{7} _unmittelbar_] _für unmittelbar_ A _für unmittelbar
gut_ Hartenstein || 62{7} _der letzteren_] Nolte, _des letzteren_
A || 63{1} _er_] Hartenstein _es_ A || 63{15} _hatte_] _hätte_
Hartenstein^1, doch _hatte_ Hartenstein^2, welches sich in der That
vertheidigen lässt || 64{13-15} _sollte], -- bestimmte_.] Hartenstein
_sollte, -- bestimmete]._ A || 64{17} _Gefühle_] _Gesetze_ A
_Gefühl_ Hartenstein || 66{5.6} _(des praktischen Vermögens) der
=Ausführung seiner Absicht=_] _der =Ausführung seiner Absicht= (des
praktischen Vermögens)?_ || 68{6} _widersinnisch_] A, nach Kantischem
Sprachgebrauch; _widersinnig_ Rosenkranz, Hartenstein || 69{1} _die_]
Hartenstein _der_ A || 69{23} _sie du_] _du sie_ Grillo, doch ist die
betonte Stellung des _du_ vielleicht beabsichtigt || 70{7} _bei Hand_]
A _bei der Hand_ Grillo, Rosenkranz, aber _bei Hand_ ebenfalls 147{15},
163{16} || 70{14} _gemeinsten_] Hartenstein (vgl. Z. 2) _reinsten_ A ||
70{37} _welcher_] Hartenstein _welche_ A || 71{10} _weil_] Hartenstein
_womit_ A || 71{15-25} Die Construction ist schwierig, aber bei Kant
vielleicht doch denkbar. Adickes will Z. 23 _da sie_ streichen. Ich
würde lieber _die_ st. _da sie_ schreiben, ziehe aber vor, nichts zu
ändern ||
72{7} _könne_] Adickes fordert _dürfe_, doch ist _könne_ möglich im
Hinblick auf den nachfolgenden Bedingungssatz || 72{19} _sie es_]
_es sie_ Adickes, doch ist das Überlieferte möglich, in dem Sinne:
_indem sie_ (diese Triebfeder, das moralische Gesetz) _es_ (nämlich
eben Triebfeder) _ist_. Der Wechsel des Subjects erklärt sich ähnlich
wie Z. 26, wo man auch _es_ st. _sie_ erwarten könnte || 73{26}
_Sinnlichkeit_] Görland, Nolte, Adickes, Wille _Sittlichkeit_ A ||
73{33} _Gefühls, das_] A^2 Rosenkranz, Hartenstein _Gefühls des_
A^1.4-6 || 74{15} _sei_] _ist_ Vorländer || 74{22.23} _der ersteren_]
Adickes, Wille _des ersteren_ A || 75{6} _auf_] _aufs_? || 75{12.13}
_derselben, das Gesetz_] Hartenstein _derselben das Gesetz_ A ||
75{25} _Sinnlichkeit_] Nolte, Wille (vgl. 76{10}) _Sittlichkeit_ A
|| 76{10} _es_] _sie_ Vorländer, doch ist _es_ allenfalls haltbar,
indem vorschwebt, dass Achtung nicht bloss eine Wirkung aufs Gefühl,
sondern eben damit selbst ein Gefühl ist || 76{17} _zu_] _zur_ Kehrbach
|| 76{18} _zur_] A^1.4-6 _zu_ A^2 || 78{4-8} das Anakoluth (_daß
-- so stellt uns -- vor_) nicht zu ändern || 78{12} _sein_] _ihr_
Hartenstein, doch ist das Masc. bei Kant durchaus möglich, bezüglich
auf »den betreffenden« || 79{27} _beruht_] A^2.4-6 Grillo, Kants
Handexemplar _braucht_ A^1 || 80{10} _derselben_] A _desselben_
Hartenstein, der angibt, dass A^2 so habe; in meinem Exemplar steht
aber _derselben_, was sehr wohl haltbar als auf _Achtung_ bezüglich ||
80{11} _ist es_] Hartenstein _ist_ A || 82{5} _könnten_] Nolte _können_
A || 82{23} _und_] Rosenkranz, Hartenstein _und uns_ A || 82{29}
_abzukürzen_] Kehrbach _abkürzen_ A || 83{30} _ihn_] _es_ Hartenstein,
doch s. o. zu 78{12} || 84{3} _es_] Grillo, Rosenkranz, Hartenstein,
vgl. Z. 2 u. 4 _er_ A || 84{8} _dieselbe_] als starker Plural nicht
zu ändern; _dieselben_ Rosenkranz || 84{26} _und_] _um_? || 85{7}
_würden_] Hartenstein _würde_ A || 85{11} _welches_] _welches es_
Rosenkranz, Hartenstein (das Überlieferte bei Kant möglich) || 85{11}
_besteht_] A^{1.4-6} fehlt A^2 || 85{22} _seine_] vgl. zu 78{12}
|| 85{25} _diese_] A^{1.2} _die_ A^{4-6} Hartenstein || 86{18.19}
_moralischen geträumten_] vgl. zu 55{33} || 86{26} _von selbst_] _nicht
von selbst_ Romundt Kantstudien XIII, 313, doch s. daselbst 315. 316 ||
89{34} _Kritik der Analytik derselben_] ist jedenfalls falsch, aber die
Verbesserung nicht sicher. Ich vermuthe: _Kritik derselben ... (welches
die eigentliche Aufgabe der Analytik ist)_, indem _der Analytik_ erst
vergessen war, am Rand oder zwischen den Zeilen nachgetragen wurde
und im Satz an die falsche Stelle geriet. Nolte möchte _Kritik der_
streichen || 90{10} _mit der_] _mit der der?_ Aber die Auslassung
ist bei Kant möglich, vgl. z. B. 89{18}, wo auch _der der anderen_
genauer wäre || 90{24,27} _Auch -- auch_] wohl nicht zu ändern.
Rosenkranz streicht das zweite _auch_ || 91{12} _konnte_] Grillo,
Hartenstein _könnte_ A || 91{23} _seines_] nämlich des Menschen; nicht
zu ändern || 92{26.27} (_reinem Noumen_)] keinesfalls richtig. Ich
vermuthe (_seinem Noumen_); Adickes (_von einem Noumen_); vielleicht
habe Kant geschrieben _v. einem_, woraus dann beim Abschreiber oder
Setzer _reinem_ geworden sei || 92{34} _in_] A^{1.4-6} _im_ A^2
|| 93{32} _aber_] _oben_? || 94{12} _nicht_] A^{1.4-6} _nichts_
A^2 || 94{28} _im_] Rosenkranz, Hartenstein _in_ A || 97{3} _nun
als_] _nun_ A || 97{4} _äußeren Sinne_] st. _äußerer Sinne_ bei Kant
sprachlich möglich; _des äußeren Sinnes_ Grillo _äußeren Sinnes_
Rosenkranz, Hartenstein^1 _der äußeren Sinne_ Hartenstein^2,
Kehrbach || 97{27} _denen_] Vorländer _dem_ A _den_ Hartenstein ||
98{8.10.11} ER] _auf das vernünftige Wesen_ bezüglich, s. zu 78{12} ||
100{24-27} _unsere vornehmste Voraussetzung -- abzugehen_] _u. v. V.
-- aufzugeben_ Hartenstein _von unserer vornehmsten Voraussetzung --
abzugehen_? || 100{37} _auch_] A^{1.4-6} fehlt A^2 || _einräumen,
die_] Hartenstein _einräumen: Die_ Grillo _einräumen. Die_ A ||
101{17} _diejenige_] vgl. 84{8} _diejenigen_ Rosenkranz, Hartenstein
|| 102{11} _als_] Hartenstein fehlt A || 102{12} _zu ihm_] _als zu
ihm_ Hartenstein (nicht nothwendig) || _gehörig_] Hartenstein fehlt A
|| 102{14} _geschieht_] A^{2-6} _geschicht_ A^1 (wohl Druckfehler)
|| 102{28} _dem_] A^{1.4-6} _den_ A^2, doch _dem_ S. 183 unter dem
Text || 103{31} _daß_] Rosenkranz, Hartenstein _daß ich_ A || 104{8}
_wiederum bedingt_] _wieder unbedingt_ A _wieder bedingt_ Hartenstein
|| _müßte_] Hartenstein^1 _mußte_ A Hartenstein^2 || 104{18}
_sollte_] Hartenstein _solle_ A || 104{27} _widerspreche_] wohl nicht
in _widersprechen_ zu ändern; der Sing. bezieht sich auf den Satz _z.
B. -- zu denken_ (Z. 24-27) Nolte. -- Das scheinbare Anakoluth Z. 27-31
löst sich auf, wenn man Z. 30 nach _gehörig ist_, nochmals _gehörig_
aus Z. 28 hinzudenkt || 105{9} _den sie_] fällt aus der Construction;
doch nicht zu ändern || 106{27} _dieses Geschäfte_] Grillo _diese
Geschäffte_ oder _diese Geschäfte_ A _dies Geschäft_ Hartenstein ||
107{22} _verriethe_] Rosenkranz, Hartenstein _verrieth_ Grillo
_verriethen_ A || 110{4} _Diese_] A^{1.2} _Die_ A^{4-6} (Druckfehler)
|| 111{14} _der ersteren -- zu der letztern_] _zu_ zu streichen läge
nahe, doch kommt Ähnliches auch sonst vor || 114{23} _seinem_] vgl.
zu 78{12} || 117{15-19}] Die Construction ist verwirrt, aber schwer
zu sagen, wo der Fehler liegt. Hartenstein und Kehrbach setzen Z. 18
_und_ st. _als_, aber _Achtung -- als Bewußtsein_ hat guten Sinn,
also ist der Fehler an früherer Stelle zu suchen. Ich vermuthe Z. 16
_als_ st. _ist also_, oder: _ist, als_, in welchem Falle _ist_ Z.
19 zu streichen wäre || 117{19} _durch_] _durchs_ Vorländer 1906 ||
118{22} _ihrer_] _seiner_? Vorländer, doch ist der Plural möglich in
Beziehung auf _Mitleid =und= Theilnehmung_ || 120{19} _nichts_] A^2
Grillo, Rosenkranz _nicht_ A^{1.4-6} || 121{6-13}] fehlt das Subject
_sie_, entweder nach _daß_ Z. 6, oder nach _widersprechen_, Zeile 8
Vorländer, Wille || 125{15} _oberste Ursache der_] Grillo, Hartenstein
_oberste der_ A^{1.4-6} _oberste_ A^2 ||127{23} _desselben_] A^2
_dessen_ A^{1.4-6} || 127{27} _über die_] Hartenstein über A || 127{29}
_erhaben_] A^2 wohl richtig, _erhoben_ A^{1.4-6} || 128{27} _der
=Christen=_] A^2 _des =Christen=_ A^{1.4-6} || 128{34} _es_] nämlich
_das Zutrauen_? Natürlicher wäre _ihn_ (den Menschen) || 129{19.20}
_=willkürliche -- zufällige=_] _=willkürlicher -- zufälliger=_
Hartenstein, doch solche Construction bei Kant möglich; vgl. Z. 17 _als
das Objekt und den Endzweck_, wo man auch Gen. erwartet || 129{23-27}
das scheinbare Anakoluth (Nolte, Wille) nicht zu ändern || 132{10}
_unmittelbar_] Hartenstein _mittelbar_ A || 132{15} _nicht_] Kants
Handexemplar, fehlt A _das speculative Erkenntniß nicht_ Hartenstein
|| 133{11.12} _die =kosmologische= Idee -- und das Bewußtsein_]
man erwartet den Dativ (Nolte); doch nicht zu ändern || 134{11}
_theoretischen_] Hartenstein _theologischen_ A _teleologischen_ Grillo
|| 135{28} _sind, das_] Grillo, Hartenstein _sind. Das_ A || 136{6}
_ohne_] Hartenstein _oder_ A || 136{29-34}] der Satz hat zwei Subjecte:
_daß -- habe_ und _die Realität der Begriffe_. Vielleicht ist ein _d.
i._ vor _die Realität_ Z. 32 ausgefallen || 140{2} _ihn_] der Sinn
scheint _es_ zu fordern (Nolte), doch sind solche Incongruenzen bei
Kant nicht selten || 140{29} _zu_] _zum_ Hartenstein (nicht zwingend)
|| 141{13} _zu verhüten_] fällt aus der Construction, ist jedoch
nicht zu ändern; es lehnt sich dem Sinne nach an den vorausgehenden
Satz an: die Deduction der Kategorien war nöthig, um zu verhüten ||
141{15-25}] fehlt ein Nachsatz || 142{7} _Urgrundes_] A^2 Grillo
_Ungrundes_ A^{1.4-6} || 143{16.17} _und gründet sich nicht etwa auf
Neigung_] correct wäre: _und sich -- gründet_ || 144{8} _und man wird_]
Rosenkranz, Hartenstein _und wird man_ A || 146{31} Besitz] A^{1.4-6}
_Besitze_ A^2 ||
151{25}--152{1} _die aus -- zählen mag_] es fehlt ein Verbum || 152{8}
_desselben_] Nolte _derselben_ A || 154{12.13} _nicht -- nicht_] nicht
zu ändern, vgl. 90{24.27} _Auch -- auch_; 157{7.9} _mehr -- mehr_
Nolte || 154{33} _als_] Hartenstein fehlt A || 156{29.31} _sie --
sie -- sie_] _es -- es -- es_? Vorländer; mir schien richtig nicht
zu ändern; als Subject ist (aus dem vorigen Satz) _die Sittlichkeit_
gedacht || 156{30} _unvermengt von_] so A || 157{7.9} _mehr -- mehr_]
Hartenstein streicht das erste _mehr_, doch s. o. zu 154{12.13} ||
157{29} _auf alle andere Grundlage_] so A; zu ändern schiene mir nicht
richtig ||159{11-13} _und ist in demselben Bewußtsein des Gesetzes --
unzertrennlich_] ist nicht bloss schwierig wegen der Verbindung _ist
unzertrennlich in_, sondern es ist auch nicht klar, was das Subject zu
_unzertrennlich_ und _verbunden_ sein soll. Ich vermuthe: _und ist von
demselben das Bewußtsein des Gesetzes_ oder: _und ist von demselben
Bewußtsein das des Gesetzes_ oder: _und ist von demselben Bewußtsein
das Bewußtsein des Gesetzes_ u. s. f. || 159{15} _derselben_] lässt
sich auf _Triebfeder_ beziehen, ist also haltbar. Im übrigen ist der
Relativsatz zwar wunderlich construirt (_der Effect giebt Hoffnung zu
seiner Bewirkung_), aber schliesslich zu verstehen || 159{17} _reine
moralische_] _rein moralische_? || 161{33.34} _zunehmender_] A^2
_zunehmenden_ A^{1.4-6} ||
Sachliche Erläuterungen.
Eine erschöpfende Untersuchung über die polemischen Rücksichten, die
bei der Abfassung der _Kr. d. pr. V._ mitgewirkt haben und in ihr
zum Ausspruch gekommen sind, ist nicht dieses Orts; doch scheint es
nützlich die wichtigsten Daten zusammenzustellen.
1. Hamann schreibt an Jacobi am 13. Mai 1786 (Gildem. V 322) über
einen Besuch bei Kant: »Eine Autorangelegenheit ging ihm auch im
Kopf herum, die er mir sogleich mittheilte. Es ist die =Tübingische
Recension= seiner Moral. Schütz hatte ihn auf eine Widerlegung eines
Kirchenraths =Tittel= vorbereitet, der ein Commentator des Feders sein
soll, der mir bisher ganz unbekannt geblieben ist. Vielleicht ist die
ganze Widerlegung diese kahle Recension, die Kanten nicht anficht,
aber für wichtig genug von schwachen Freunden gehalten worden, sie
ihm zu Gefallen hier nicht cirkuliren zu lassen.« Die Tübingische
Recension der _Grundlegung_ (Tüb. gel. Anz. 1786, 14. Stück, 16.
Febr., S. 105 ff.) ist nicht von Tittel, sondern (wie sich unschwer
beweisen lässt) von dem Tübinger Professor =J. Fr. Flatt=, der aber
mit Tittels Ansichten sehr übereinstimmt. Er war ständiger Recensent
philosophischer Schriften in genannter Zeitschrift; er hat namentlich
eine grosse Zahl von Schriften, die sich direct oder indirect,
freundlich oder feindlich mit Kant beschäftigen, daselbst besprochen
und dabei unermüdlich dieselben Einwände wiederholt.
Die »Widerlegung« des Kirchenraths =Gottlob August Tittel= in Carlsruhe
ist die Schrift Ȇber Herrn Kants Moralreform. Frankfurt u. Leipzig bey
den Gebrüdern Pfähler. 1786.« Als »Commentator des Feders« wird er von
Hamann mit Grund bezeichnet, da er »Erläuterungen der theoretischen
und practischen Philosophie nach Herrn Feder's Ordnung in fünf
Abtheilungen« 1783--94 erscheinen liess (Adickes, Kant-Bibliogr. n.
297); den schwachen Schatten des schwachen F(eder) nennt ihn Biester
in einem Briefe an Kant (11. Juni 1786, X 434), aus dem man ersieht,
dass Kant ernstlich daran dachte eine Vertheidigung gegen die Angriffe
von Feder und Tittel bekannt zu machen. Auch Jakob thut der Schrift
gegen Kant Erwähnung (17. Juli 1786, X 438), und dieser läßt sie
sich dann durch Schütz schicken (s. dessen Brief v. 3. Nov., X 445).
Sie ist in der Vorrede der _Kr. d. pr. V._ ausgiebig berücksichtigt.
Schon im Vorwort seiner Schrift tadelt Tittel den »gar zu häufigen
Gebrauch abstrakter Terminologien« (S. 4). Er vertheidigt gegen ihn
»jenes unschuldige und liebenswürdige System, das Glückseligkeit und
Sittlichkeit aufs innigste zusammenverknüpft« (S. 5), wirft mehrmals
Kant »Mystik« vor und wiederholt besonders oft die Behauptung, dass
dieser »längstbekannte Dinge in einer unvernehmlichen Sprache,
=als neu=, verkündiget« (so S. 25). »Soll denn die ganze Kantische
Moralreform etwa nur auf ein =neue Formel= sich beschränken?« (35).
»Herr Kant, nachdem er auf diese Art sein vermeintes =neues Princip=
der Sittenlehre ausgeführt und befestiget zu haben glaubt ...« (55).
»Man sollte kaum denken, dass so =gemeine und bekannte Sätze= einer
so kunstreichen Verdunkelung fähig wären ... Warum muss ich erst den
Menschen in zwei Welten versetzen? Warum die fremdlautende -- und
darum etwas neues versprechende, und doch nichts neues enthaltende
Nahmen von Autonomie und Heteronomie so tief herausführen? Wozu so
viel technische Imperativen? Wozu, bei einer =so leichten Sache=, der
ganze schwerfällige Gang?«(82) u. s. f. Hiernach gehen vorzugsweise
auf Tittel die kritischen Bemerkungen der Vorrede Kants, 8{28} ff.,
10{23} ff. (mit einem Seitenblick auf Garve-Feders bekannte Recension
der _Kr. d. r. V._, vgl. 13{34} ff.); aber auch die Kritik 28{4} ff.
passt besonders auf Tittel, der keine Schwierigkeit darin fand, dass
das Gesetz, seine eigene und Andrer Glückseligkeit zu befördern,
wirklich als allgemeines Gesetz für alle vernünftige Naturen, in
unbedingter praktischer Nothwendigkeit, gelte (S. 56 s. Schrift); sie
passt allerdings auch auf Flatt, der sich (wie Tittel S. 31) besonders
darauf beruft, dass Kant selbst, im Widerspruch mit seiner These, dass
überhaupt keinem empirischen Princip Allgemeinheit zukomme, in der
_Grundlegung_ zugestanden habe, die Absicht auf Glückseligkeit komme
allen vernünftigen Wesen »nach einer Naturnothwendigkeit« zu. Und
so wird sonst noch manches sich auf diese beiden zunächst beziehen,
obgleich es daneben auch Andre trifft; z. B. spottet über die neue
Terminologie auch die Besprechung der _Grundlegung_ in den »Kritischen
Beyträgen zur neuesten Geschichte der Gelehrsamkeit« I. 202 ff.
(Adickes n. 236), wie schon früher namentlich Feder; auch =Meiners= in
der Vorrede seines »Grundrisses der Seelenlehre«, deren Zurückweisung
Kant seinen Freunden überliess (X 446, 456). So ist der allgemeine
Vorwurf der »Inconsequenz« -- 4{28}, 5{36} -- natürlich von vielen
ausgesprochen worden; mit besonderer Vorliebe aber von Flatt in seinen
zahlreichen Recensionen.
2. Kant selbst nennt mit Namen, im Briefe an Schütz vom 25. Juni 1787
(X 467), =Feder= und =Abel=, deren der erste _=gar keine Erkenntniß=_
+a priori+, _der andere eine, die zwischen der empirischen und einer_
+a priori+ _das Mittel halten soll, behauptet_. Beider hatte kurz
vorher gegen ihn Bering Erwähnung gethan (28. Mai, X 465). Auf den
ersteren bezieht sich ersichtlich der Schluss der Vorrede (12{6} ff.):
_Was Schlimmeres könnte aber diesen Bemühungen wohl nicht begegnen, als
wenn jemand die unerwartete Entdeckung machte, daß es =überall gar kein
Erkenntniß=_ +a priori+ _gebe, noch geben könne_; obgleich auch schon
früher =C. G. Selle= (Berl. Monatsschr. 1784, Dec.) mit dem »Versuch
eines Beweises, dass es keine reinen, von der Erfahrung unabhängigen
Vernunftsbegriffe gebe«, gegen Kant aufgetreten war. Die Schrift
Feders, die Kant in jenem Briefe im Auge hat, ist wohl sicher: Ȇber
Raum und Caussalität zur Prüfung der Kantischen Philosophie. Göttingen
1787«, deren Vorrede das Datum 31. Januar 1787 trägt und die wohl zur
Ostermesse erschien, also Kant früh genug bekannt werden konnte, um in
einem Nachtrag zu seiner Vorrede noch Berücksichtigung zu finden. Kants
Ausführung trifft genau auf jene Schrift (bes. § 9, S. 35 ff.) zu.
Dagegen sind Abels Schriften (»Plan zu einer systematischen Metaphysik«
und »Versuch über die Natur der speculativen Vernunft zur Prüfung
des Kantischen Systems«, beide 1787) in der _Kr. d. pr. V._ nicht
berücksichtigt; Kant hielt ja eigentlich _alle Controversen_ mit diesen
Gegnern für überflüssig (vgl. X 487 über _die Anhänger am Alten_);
nur ihres sachlichen Interesses halber hat er jene weitestgehende
»_Entdeckung_« Feders doch der Berücksichtigung werth gehalten.
3. Und so hat er jedenfalls nicht diese Männer im Auge, wenn er (6{18})
auf jene _erheblichsten Einwürfe wider die Kritik_, die ihm bisher
vorgekommen seien, Bezug nimmt: _nämlich einerseits im theoretischen
Erkenntniß geleugnete_ etc. Auch nicht an =Ulrich= ist hierbei zu
denken, der in seinen »Institutiones logicae et metaphysicae« (Jena
1785), die er selbst Kant zusandte (X 378. 398), S. 233 die Frage der
Anwendbarkeit der Kategorien auf das »transcendentale Object« (das er
dem »Ding an sich« gleichsetzt) nur in theoretischer Hinsicht berührt.
Sondern Kant hat schon hier den hernach (8{25}) deutlicher bezeichneten
_wahrheitliebenden und scharfen, dabei also doch immer achtungswürdigen
Recensenten_ seiner _Grundlegung_ im Auge, der ihm auch den Einwurf
gemacht hatte, dass der Begriff des Guten vor dem moralischen Princip
hätte festgesetzt werden müssen. Es ist der Recensent der »Allgemeinen
deutschen Bibliothek«, nach Jenischs richtiger Angabe (an Kant, 14.
Mai 1787, X 463) »Probst =Pistorius= auf Femarn, der Übersezzer des
Hartley«. Es kommt aber hier nicht nur die Recension der _Grundlegung_
(A. d. B., Bd. 66 S. 447 ff.), sondern, gerade was die tiefergehenden
Einwände wegen der Anwendbarkeit der Kategorien auf Noumena und der
Doppelnatur des Menschen als Phaenomenon und Noumenon betrifft, die
umfänglichere Besprechung von Schultz' Erläuterungen (ebenda S. 92
ff.) in Frage, wo diese Einwürfe eingehend und verständig entwickelt
werden; nicht ohne ein Compliment an den »ebenso wahrheitliebenden als
tiefdenkenden Weltweisen«, welches dieser mit dem Wort 8{25} also nur
erwiedert. Pistorius hat dann in seiner Besprechung der _Kr. d. pr. V._
(A. d. B., Bd. 117, S. 78 ff., auf S. 96) auf Kants Bemerkung wiederum
Bezug genommen.
4. Der einzige Beurtheiler, der in der _Kr. d. pr. V._ selbst mit Namen
genannt ist (143{33}), ist =Thomas Wizenmann=, der Verfasser der in
Leipzig 1786 ohne Autornamen erschienenen Schrift »Die Resultate der
Jacobi'schen und Mendelssohn'schen Philosophie, kritisch untersucht von
einem Freywilligen«; ein intimer Freund und Gesinnungsgenosse Jacobis,
aus dessen Briefwechsel mit Hamann man Näheres über ihn erfährt. Auf
die genannte, damals viel beachtete Schrift hatte Kant Bezug genommen
in der Abhandlung der »Berliner Monatsschrift«: _Was heißt: sich im
Denken orientiren?_ (Oct. 1786), welche Wizenmann beantwortete durch
die im »Deutschen Museum« (1787, I 116--156) erschienene Abhandlung:
»An den Herrn Professor Kant von dem Verfasser der Resultate
Jacobi'scher und Mendelssohn'scher Philosophie.« Wizenmann, der eine
Zeitlang bei dem Freunde in Pempelfort lebte, starb am 22. Februar 1787
in Mülheim (Jacobi an Hamann 12.--27. Febr., Gildem. V 455). -- Die
Erwähnung Wizenmanns steht in Zusammenhang mit dem bekannten Streit
zwischen Mendelssohn und Jacobi über den Spinozismus Lessings. Einen
ferneren Nachhall dieses Streits erkennen wir in der Bezugnahme auf
den _sonst scharfsinnigen =Mendelssohn=_, 101{20}; wo die Warnung vor
der Consequenz des Spinozism (102{1.8}), wenn man sich zum Kriticismus
nicht entschliessen kann, zu beachten ist.
5{17.18} +Quid -- beatis.+] Hor. Sat. I 1, 19.
12{14} (+ex pumice aquam+)] aquam a pumice postulare (sprichw.: von
jemand etwas verlangen, was er seiner Natur nach nicht leisten kann).
Plaut. Pers. I, 1, 42.
13{6} ff. _=Hume=_] vgl. 50{32} ff. Kants Meinung, daß Hume die Sätze
der Mathematik für analytisch und apodiktisch gehalten habe (13{15},
52{4}), fußt auf dessen Inquiry concerning Human Understandig, Sect.
IV. Aber in Sect. XII,{2} derselben Schrift werden Zweifel darüber
angedeutet, und im älteren, ausführlicheren Werk, dem Treatise on
Human Nature, sieht Hume wenigstens die Sätze der Geometrie offenbar
für synthetisch und von Erfahrung abhängig, mithin nicht apodiktisch,
an. Kant hat demnach das ältere Werk nicht gekannt oder nicht genauer
beachtet.
13{28} _Der Blinde des Cheselden_] der Bericht des Anatomen W.
Cheselden über einen operirten Blinden (aus den +Phil. Transactions+,
1728, XXXV 447) mag Kant bekannt geworden sein durch Kästners
Bearbeitung von Rob. Smith »Vollständigem Lehrbegriff der Optik«
(1755), wo dieser Bericht deutsch wiedergegeben ist. Vgl. Apelt
Metaphysik S. 520 ff.
31{34} (Sic volo, sic iubeo)] Juvenal Sat. VI v. 223; doch lauten die
Worte des Originals: Hoc volo, sic iubeo, sit pro ratione voluntas.
40{7} =_Crusius_=] Chr. Aug. Crusius (Professor der Theologie in
Leipzig) z. B. im »Entwurf der nothwendigen Vernunft-Wahrheiten« (2.
Aufl. 1753) § 283, 284, 286.
50{52} ff. _=David Hume= ..._ 52{4} ff. _=Die Mathematik= ..._] vgl. zu
13{6} ff.