VII.

Wie eine Erweiterung der reinen Vernunft in praktischer Absicht, ohne

damit ihr Erkenntniß als speculativ |134.5| zugleich zu erweitern, zu

denken möglich sei?

Wir wollen diese Frage, um nicht zu abstract zu werden, sofort in

Anwendung auf den vorliegenden Fall beantworten. -- Um ein reines

Erkenntniß =praktisch= zu erweitern, muß eine =Absicht= _a priori_

gegeben sein, d. i. ein Zweck als Object (des Willens), welches

unabhängig von |134.10| allen theoretischen Grundsätzen durch einen

den Willen unmittelbar bestimmenden (kategorischen) Imperativ als

praktisch nothwendig vorgestellt wird, und das ist hier das =höchste

Gut=. Dieses ist aber nicht möglich, ohne drei theoretische Begriffe

(für die sich, weil sie bloße reine Vernunftbegriffe sind, keine

correspondirende Anschauung, mithin auf dem theoretischen |134.15|

#242# Wege keine objective Realität finden läßt) vorauszusetzen:

nämlich Freiheit, Unsterblichkeit und Gott. Also wird durchs praktische

Gesetz, welches die Existenz des höchsten in einer Welt möglichen

Guts gebietet, die Möglichkeit jener Objecte der reinen speculativen

Vernunft, die objective Realität, welche diese ihnen nicht sichern

konnte, postulirt; wodurch |134.20| denn die theoretische Erkenntniß

der reinen Vernunft allerdings einen Zuwachs bekommt, der aber blos

darin besteht, daß jene für sie sonst problematische (blos denkbare)

Begriffe jetzt assertorisch für solche erklärt werden, denen wirklich

Objecte zukommen, weil praktische Vernunft die Existenz derselben zur

Möglichkeit ihres und zwar praktisch schlechthin nothwendigen |134.25|

Objects, des höchsten Guts, unvermeidlich bedarf, und die theoretische

dadurch berechtigt wird, sie vorauszusetzen. Diese Erweiterung der

theoretischen Vernunft ist aber keine Erweiterung der Speculation,

d. i. um in =theoretischer Absicht= nunmehr einen positiven Gebrauch

davon zu machen. Denn da nichts weiter durch praktische Vernunft hiebei

geleistet |134.30| worden, als daß jene Begriffe real sind und wirklich

ihre (mögliche) Objecte haben, dabei aber uns nichts von Anschauung

derselben gegeben wird (welches auch nicht gefordert werden kann), so

ist kein synthetischer Satz durch diese eingeräumte Realität derselben

möglich. Folglich hilft uns #243# diese Eröffnung nicht im mindesten in

speculativer Absicht, wohl aber in |134.35| Ansehung des praktischen

Gebrauchs der reinen Vernunft zur Erweiterung dieses unseres

Erkenntnisses. Die obige drei Ideen der speculativen Vernunft sind

an sich noch keine Erkenntnisse; doch sind es (transscendente)

=Gedanken=, in denen nichts Unmögliches ist. Nun bekommen sie durch

ein apodiktisches praktisches Gesetz, als nothwendige Bedingungen der

Möglichkeit |135.5| dessen, was dieses sich =zum Objecte zu machen=

gebietet, objective Realität, d. i. wir werden durch jenes angewiesen,

=daß sie Objecte haben=, ohne doch, wie sich ihr Begriff auf ein Object

bezieht, anzeigen zu können, und das ist auch noch nicht Erkenntniß

=dieser Objecte=; denn man kann dadurch gar nichts über sie synthetisch

urtheilen, noch die Anwendung |135.10| derselben theoretisch bestimmen,

mithin von ihnen gar keinen theoretischen Gebrauch der Vernunft machen,

als worin eigentlich alle speculative Erkenntniß derselben besteht.

Aber dennoch ward das theoretische Erkenntniß =zwar nicht dieser

Objecte=, aber der Vernunft überhaupt dadurch so fern erweitert, daß

durch die praktischen Postulate jenen |135.15| Ideen doch =Objecte

gegeben= wurden, indem ein blos problematischer Gedanke dadurch

allererst objective Realität bekam. Also war es keine Erweiterung der

Erkenntniß =von gegebenen übersinnlichen Gegenständen=, aber doch

eine Erweiterung der theoretischen Vernunft und der #244# Erkenntniß

derselben in Ansehung des Übersinnlichen überhaupt, so fern |135.20|

als sie genöthigt wurde, =daß es solche Gegenstände gebe=, einzuräumen,

ohne sie doch näher bestimmen, mithin dieses Erkenntniß von den

Objecten (die ihr nunmehr aus praktischem Grunde und auch nur zum

praktischen Gebrauche gegeben worden) selbst erweitern zu können,

welchen Zuwachs also die reine theoretische Vernunft, für die alle

jene Ideen |135.25| transscendent und ohne Object sind, lediglich

ihrem reinen praktischen Vermögen zu verdanken hat. Hier werden sie

=immanent= und =constitutiv=, indem sie Gründe der Möglichkeit sind,

das =nothwendige Object= der reinen praktischen Vernunft (das höchste

Gut) =wirklich zu machen=, da sie ohne dies =transscendent= und blos

=regulative= Principien der |135.30| speculativen Vernunft sind, die

ihr nicht ein neues Object über die Erfahrung hinaus anzunehmen,

sondern nur ihren Gebrauch in der Erfahrung der Vollständigkeit zu

näheren auferlegen. Ist aber die Vernunft einmal im Besitze dieses

Zuwachses, so wird sie als speculative Vernunft (eigentlich nur zur

Sicherung ihres praktischen Gebrauchs) negativ, d. i. |135.35| nicht

erweiternd, sondern läuternd, mit jenen Ideen zu Werke gehen, um

einerseits den =Anthropomorphism= als den Quell der =Superstition=,

oder scheinbare Erweiterung jener Begriffe durch vermeinte Erfahrung,

andererseits den =Fanaticism=, der sie durch übersinnliche Anschauung

oder dergleichen Gefühle verspricht, abzuhalten; welches alles

Hindernisse #245# des praktischen Gebrauchs der reinen Vernunft

sind, deren Abwehrung also zu der Erweiterung unserer Erkenntniß in

praktischer Absicht allerdings |136.5| gehört, ohne daß es dieser

widerspricht, zugleich zu gestehen, daß die Vernunft in speculativer

Absicht dadurch im mindesten nichts gewonnen habe.

Zu jedem Gebrauche der Vernunft in Ansehung eines Gegenstandes werden

reine Verstandesbegriffe (=Kategorien=) erfordert, ohne die kein

|136.10| Gegenstand gedacht werden kann. Diese können zum theoretischen

Gebrauche der Vernunft, d. i. zu dergleichen Erkenntniß, nur angewandt

werden, so fern ihnen zugleich Anschauung (die jederzeit sinnlich ist)

untergelegt wird, und also blos, um durch sie ein Object möglicher

Erfahrung vorzustellen. Nun sind hier aber =Ideen= der Vernunft, die

in gar keiner |136.15| Erfahrung gegeben werden können, das, was

ich durch Kategorien denken müßte, um es zu erkennen. Allein es ist

hier auch nicht um das theoretische Erkenntniß der Objecte dieser

Ideen, sondern nur darum, daß sie überhaupt Objecte haben, zu thun.

Diese Realität verschafft reine praktische Vernunft, und hiebei hat

die theoretische Vernunft nichts weiter zu |136.20| thun, als jene

Objecte durch Kategorien blos zu =denken=, welches, wie wir sonst

deutlich gewiesen haben, ganz wohl, ohne Anschauung (weder sinnliche,

noch übersinnliche) zu bedürfen, angeht, weil die Kategorien im #246#

reinen Verstande unabhängig und vor aller Anschauung, lediglich als

dem Vermögen zu denken, ihren Sitz und Ursprung haben, und sie immer

|136.25| nur ein Object überhaupt bedeuten, =auf welche Art es uns auch

immer gegeben werden mag=. Nun ist den Kategorien, so fern sie auf

jene Ideen angewandt werden sollen, zwar kein Object in der Anschauung

zu geben möglich; es ist ihnen aber doch, =daß ein solches wirklich

sei=, mithin die Kategorie als eine bloße Gedankenform hier nicht leer

sei, sondern |136.30| Bedeutung habe, durch ein Object, welches die

praktische Vernunft im Begriffe des höchsten Guts ungezweifelt

darbietet, die =Realität der Begriffe=, die zum Behuf der Möglichkeit

des höchsten Guts gehören, hinreichend gesichert, ohne gleichwohl

durch diesen Zuwachs die mindeste Erweiterung des Erkenntnisses nach

theoretischen Grundsätzen zu bewirken. |136.35|

* * * * *

Wenn nächstdem diese Ideen von Gott, einer intelligibelen Welt (dem

Reiche Gottes) und der Unsterblichkeit durch Prädicate bestimmt

werden, die von unserer eigenen Natur hergenommen sind, so darf man

diese Bestimmung weder als =Versinnlichung= jener reinen Vernunftideen

(Anthropomorphismen), noch als überschwengliches Erkenntniß |137.5|

=übersinnlicher= Gegenstände ansehen; denn diese Prädicate sind keine

andere als Verstand und Wille, und zwar so im Verhältnisse gegen

einander #247# betrachtet, als sie im moralischen Gesetze gedacht

werden müssen, also nur so weit von ihnen ein reiner praktischer

Gebrauch gemacht wird. Von allem übrigen, was diesen Begriffen

psychologisch anhängt, d. i. so |137.10| fern wir diese unsere Vermögen

=in ihrer Ausübung= empirisch beobachten, (z. B. daß der Verstand

des Menschen discursiv ist, seine Vorstellungen also Gedanken, nicht

Anschauungen sind, daß diese in der Zeit auf einander folgen, daß sein

Wille immer mit einer Abhängigkeit der Zufriedenheit von der Existenz

seines Gegenstandes behaftet ist u. s. w., welches |137.15| im höchsten

Wesen so nicht sein kann) wird alsdann abstrahirt, und so bleibt von

den Begriffen, durch die wir uns ein reines Verstandeswesen denken,

nichts mehr übrig, als gerade zur Möglichkeit erforderlich ist, sich

ein moralisch Gesetz zu denken, mithin zwar ein Erkenntniß Gottes,

aber nur in praktischer Beziehung, wodurch, wenn wir den Versuch

machen, |137.20| es zu einem theoretischen zu erweitern, wir einen

Verstand desselben bekommen, der nicht denkt, sondern =anschaut=,

einen Willen, der auf Gegenstände gerichtet ist, von deren Existenz

seine Zufriedenheit nicht im Mindesten abhängt (ich will nicht einmal

der transscendentalen Prädicate erwähnen, als z. B. eine Größe der

Existenz, d. i. Dauer, die aber nicht in |137.25| der Zeit, als dem

einzigen uns möglichen Mittel uns Dasein als Größe vorzustellen,

stattfindet), lauter Eigenschaften, von denen wir uns gar keinen #248#

Begriff, zum =Erkenntnisse= des Gegenstandes tauglich, machen können,

und dadurch belehrt werden, daß sie niemals zu einer =Theorie= von

übersinnlichen Wesen gebraucht werden können und also auf dieser Seite

ein |137.30| speculatives Erkenntniß zu gründen gar nicht vermögen,

sondern ihren Gebrauch lediglich auf die Ausübung des moralischen

Gesetzes einschränken.

Dieses letztere ist so augenscheinlich und kann so klar durch die

That bewiesen werden, daß man getrost alle vermeinte =natürliche

Gottesgelehrte= (ein wunderlicher Name)[15] auffordern kann, auch

nur eine diesen |137.35| ihren Gegenstand (über die blos ontologischen

Prädicate hinaus) bestimmende Eigenschaft, etwa des Verstandes oder des

Willens, zu nennen, an der man nicht unwidersprechlich darthun könnte,

daß, wenn man alles #249# Anthropomorphistische davon absondert, uns

nur das bloße Wort übrig bleibe, ohne damit den mindesten Begriff

verbinden zu können, dadurch |138.5| eine Erweiterung der theoretischen

Erkenntniß gehofft werden dürfte. In Ansehung des Praktischen aber

bleibt uns von den Eigenschaften eines Verstandes und Willens doch noch

der Begriff eines Verhältnisses übrig, welchem das praktische Gesetz

(das gerade dieses Verhältniß des Verstandes zum Willen _a priori_

bestimmt) objective Realität verschafft. Ist dieses |138.10| nun einmal

geschehen, so wird dem Begriffe des Objects eines moralisch bestimmten

Willens (dem des höchsten Guts) und mit ihm den Bedingungen seiner

Möglichkeit, den Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, auch

Realität, aber immer nur in Beziehung auf die Ausübung des moralischen

Gesetzes (zu keinem speculativen Behuf) gegeben. |138.15|

[15] =Gelehrsamkeit= ist eigentlich nur der Inbegriff

=historischer= Wissenschaften. Folglich kann nur der Lehrer der

geoffenbarten Theologie ein =Gottesgelehrter= heißen. Wollte

man aber auch den, der im Besitze von Vernunftwissenschaften

(Mathematik und Philosophie) ist, einen Gelehrten nennen,

obgleich dieses schon der Wortbedeutung (als die jederzeit

nur dasjenige, was man durchaus =gelehrt= werden muß, und was

man also nicht von selbst, durch Vernunft, erfinden kann, zur

Gelehrsamkeit zählt) widerstreiten würde: so möchte wohl der

|138.35| Philosoph mit seiner Erkenntniß Gottes als positiver

Wissenschaft eine zu schlechte Figur machen, um sich deshalb

einen =Gelehrten= nennen zu lassen.

Nach diesen Erinnerungen ist nun auch die Beantwortung der wichtigen

Frage leicht zu finden: =ob der Begriff von Gott ein zur Physik=

(mithin auch zur Metaphysik, als die nur die reinen Principien _a

priori_ der ersteren in allgemeiner Bedeutung enthält) =oder ein

zur Moral gehöriger Begriff sei=. Natureinrichtungen, oder deren

Veränderung zu =erklären=, |138.20| wenn man da zu Gott als dem Urheber

aller Dinge seine Zuflucht nimmt, ist wenigstens keine physische

Erklärung und überall ein Geständniß, man sei mit seiner Philosophie zu

Ende: weil man genöthigt ist, etwas, wovon man sonst für sich keinen

Begriff hat, anzunehmen, um sich von der #250# Möglichkeit dessen,

was man vor Augen sieht, einen Begriff machen zu |138.25| können. Durch

Metaphysik aber von der Kenntniß =dieser= Welt zum Begriffe von Gott

und dem Beweise seiner Existenz =durch sichere Schlüsse= zu gelangen,

ist darum unmöglich, weil wir diese Welt als das vollkommenste mögliche

Ganze, mithin zu diesem Behuf alle mögliche Welten (um sie mit dieser

vergleichen zu können) erkennen, mithin allwissend sein |138.30| müßten,

um zu sagen, daß sie nur durch einen =Gott= (wie wir uns diesen Begriff

denken müssen) möglich war. Vollends aber die Existenz dieses Wesens

aus bloßen Begriffen zu erkennen, ist schlechterdings unmöglich, weil

ein jeder Existentialsatz, d. i. der, so von einem Wesen, von dem ich

mir einen Begriff mache, sagt, daß es existire, ein synthetischer Satz

ist, |139.5| d. i. ein solcher, dadurch ich über jenen Begriff

hinausgehe und mehr von ihm sage, als im Begriffe gedacht war: nämlich

daß diesem Begriffe =im Verstande= noch ein Gegenstand =außer dem

Verstande= correspondirend gesetzt sei, welches offenbar unmöglich ist

durch irgend einen Schluß herauszubringen. Also bleibt nur ein einziges

Verfahren für die Vernunft übrig, |139.10| zu diesem Erkenntnisse zu

gelangen, da sie nämlich als reine Vernunft, von dem obersten Princip

ihres reinen praktischen Gebrauchs ausgehend (indem dieser ohnedem blos

auf die =Existenz= von Etwas, als Folge der Vernunft, gerichtet ist),

ihr Object bestimmt. Und da zeigt sich nicht allein #251# in ihrer

unvermeidlichen Aufgabe, nämlich der nothwendigen Richtung |139.15| des

Willens auf das höchste Gut, die Nothwendigkeit, ein solches Urwesen

in Beziehung auf die Möglichkeit dieses Guten in der Welt anzunehmen,

sondern, was das Merkwürdigste ist, etwas, was dem Fortgange der

Vernunft auf dem Naturwege ganz mangelte, nämlich =ein genau bestimmter

Begriff dieses Urwesens=. Da wir diese Welt nur zu einem kleinen

|139.20| Theile kennen, noch weniger sie mit allen möglichen Welten

vergleichen können, so können wir von ihrer Ordnung, Zweckmäßigkeit

und Größe wohl auf einen =weisen=, =gütigen=, =mächtigen= &c.

Urheber derselben schließen, aber nicht auf seine =Allwissenheit=,

=Allgütigkeit=, =Allmacht= u. s. w. Man kann auch gar wohl einräumen:

daß man diesen unvermeidlichen |139.25| Mangel durch eine erlaubte,

ganz vernünftige Hypothese zu ergänzen wohl befugt sei; daß nämlich,

wenn in so viel Stücken, als sich unserer näheren Kenntniß darbieten,

Weisheit, Gütigkeit &c. hervorleuchtet, in allen übrigen es eben

so sein werde, und es also vernünftig sei, dem Welturheber alle

mögliche Vollkommenheit beizulegen; aber das sind keine =Schlüsse=,

wodurch |139.30| wir uns auf unsere Einsicht etwas dünken, sondern

nur Befugnisse, die man uns nachsehen kann, und doch noch einer

anderweitigen Empfehlung bedürfen, um davon Gebrauch zu machen.

Der Begriff von Gott bleibt also auf dem empirischen Wege (der

Physik) immer ein =nicht genau bestimmter #252# Begriff= von der

Vollkommenheit des ersten Wesens, um ihn |139.35| dem Begriffe einer

Gottheit für angemessen zu halten (mit der Metaphysik aber in ihrem

transscendentalen Theile ist gar nichts auszurichten).

Ich versuche nun diesen Begriff an das Object der praktischen Vernunft

zu halten, und da finde ich, daß der moralische Grundsatz ihn nur

als möglich unter Voraussetzung eines Welturhebers von =höchster

Vollkommenheit= zulasse. Er muß =allwissend= sein, um mein Verhalten

bis zum Innersten meiner Gesinnung in allen möglichen Fällen und in

alle |140.5| Zukunft zu erkennen; =allmächtig=, um ihm die angemessenen

Folgen zu ertheilen; eben so =allgegenwärtig=, =ewig= u. s. w. Mithin

bestimmt das moralische Gesetz durch den Begriff des höchsten Guts,

als Gegenstandes einer reinen praktischen Vernunft, den Begriff des

Urwesens =als höchsten Wesens=, welches der physische (und höher

fortgesetzt der metaphysische), |140.10| mithin der ganze speculative

Gang der Vernunft nicht bewirken konnte. Also ist der Begriff von Gott

ein ursprünglich nicht zur Physik, d. i. für die speculative Vernunft,

sondern zur Moral gehöriger Begriff, und eben das kann man auch von den

übrigen Vernunftbegriffen sagen, von denen wir als Postulaten derselben

in ihrem praktischen Gebrauche oben gehandelt |140.15| haben.

Wenn man in der Geschichte der griechischen Philosophie über den

#253# =Anaxagoras= hinaus keine deutliche Spuren einer reinen

Vernunfttheologie antrifft, so ist der Grund nicht darin gelegen,

daß es den älteren Philosophen an Verstande und Einsicht fehlte, um

durch den Weg der |140.20| Speculation wenigstens mit Beihülfe einer

ganz vernünftigen Hypothese sich dahin zu erheben; was konnte

leichter, was natürlicher sein, als der sich von selbst jedermann

darbietende Gedanke, statt unbestimmter Grade der Vollkommenheit

verschiedener Weltursachen eine einzige vernünftige anzunehmen, die

=alle Vollkommenheit= hat? Aber die Übel in der |140.25| Welt schienen

ihnen viel zu wichtige Einwürfe zu sein, um zu einer solchen Hypothese

sich für berechtigt zu halten. Mithin zeigten sie darin eben Verstand

und Einsicht, daß sie sich jene nicht erlaubten und vielmehr in den

Naturursachen herum suchten, ob sie unter ihnen nicht die zu Urwesen

erforderliche Beschaffenheit und Vermögen antreffen möchten. Aber

nachdem |140.30| dieses scharfsinnige Volk so weit in Nachforschungen

fortgerückt war, selbst sittliche Gegenstände, darüber andere Völker

niemals mehr als geschwatzt haben, philosophisch zu behandeln: da

fanden sie allererst ein neues Bedürfniß, nämlich ein praktisches,

welches nicht ermangelte ihnen den Begriff des Urwesens bestimmt

anzugeben, wobei die speculative Vernunft |140.35| das Zusehen hatte,

höchstens noch das Verdienst, einen Begriff, der nicht auf ihrem

Boden erwachsen war, auszuschmücken und mit einem Gefolge #254# von

Bestätigungen aus der Naturbetrachtung, die nun allererst hervortraten,

wohl nicht das Ansehen desselben (welches schon gegründet war), sondern

vielmehr nur das Gepränge mit vermeinter theoretischer Vernunfteinsicht

zu befördern.

* * * * *

Aus diesen Erinnerungen wird der Leser der Kritik der reinen

speculativen |141.5| Vernunft sich vollkommen überzeugen: wie

höchstnöthig, wie ersprießlich für Theologie und Moral jene mühsame

=Deduction= der Kategorien war. Denn dadurch allein kann verhütet

werden, sie, wenn man sie im reinen Verstande setzt, mit =Plato= für

angeboren zu halten und darauf überschwengliche Anmaßungen mit Theorien

des Übersinnlichen, |141.10| wovon man kein Ende absieht, zu gründen,

dadurch aber die Theologie zur Zauberlaterne von Hirngespenstern zu

machen; wenn man sie aber für erworben hält, zu verhüten, daß man nicht

mit =Epikur= allen und jeden Gebrauch derselben, selbst den in

praktischer Absicht, blos auf Gegenstände und Bestimmungsgründe der

Sinne einschränke. Nun aber, nachdem die |141.15| Kritik in jener

Deduction =erstlich= bewies, daß sie nicht empirischen Ursprungs sind,

sondern _a priori_ im reinen Verstande ihren Sitz und Quelle haben;

=zweitens= auch, daß, da sie =auf Gegenstände überhaupt=, unabhängig

von ihrer Anschauung, bezogen werden, sie zwar nur in Anwendung #255#

auf =empirische= Gegenstände =theoretisches Erkenntniß= zu |141.20|

Stande bringen, aber doch auch, auf einen durch reine praktische

Vernunft gegebenen Gegenstand angewandt, zum =bestimmten Denken des

Übersinnlichen= dienen, jedoch nur so fern dieses blos durch solche

Prädicate bestimmt wird, die nothwendig zur reinen _a priori_ gegebenen

=praktischen Absicht= und deren Möglichkeit gehören. Speculative

Einschränkung der |141.25| reinen Vernunft und praktische Erweiterung

derselben bringen dieselbe allererst in dasjenige =Verhältniß der

Gleichheit=, worin Vernunft überhaupt zweckmäßig gebraucht werden kann,

und dieses Beispiel beweiset besser als sonst eines, daß der Weg zur

=Weisheit=, wenn er gesichert und nicht ungangbar oder irreleitend

werden soll, bei uns Menschen |141.30| unvermeidlich durch die

Wissenschaft durchgehen müsse, wovon man aber, daß diese zu jenem Ziele

führe, nur nach Vollendung derselben überzeugt werden kann.

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der praktischen Vernunft. · 第 38 / 44 题