VI. #238#

Über die Postulate der reinen praktischen Vernunft überhaupt.

Sie gehen alle vom Grundsatze der Moralität aus, der kein Postulat,

sondern ein Gesetz ist, durch welches Vernunft unmittelbar den Willen

bestimmt, |132.10| welcher Wille eben dadurch, daß er so bestimmt ist,

als reiner Wille, diese nothwendige Bedingungen der Befolgung seiner

Vorschrift fordert. Diese Postulate sind nicht theoretische Dogmata,

sondern =Voraussetzungen= in nothwendig praktischer Rücksicht,

erweitern also zwar nicht das speculative Erkenntniß, geben aber den

Ideen der speculativen |132.15| Vernunft im =Allgemeinen= (vermittelst

ihrer Beziehung aufs Praktische) objective Realität und berechtigen sie

zu Begriffen, deren Möglichkeit auch nur zu behaupten sie sich sonst

nicht anmaßen könnte.

Diese Postulate sind die der =Unsterblichkeit=, der =Freiheit=,

positiv betrachtet (als der Causalität eines Wesens, so fern es zur

intelligibelen |132.20| Welt gehört), und des =Daseins Gottes=.

Das =erste= fließt aus der praktisch nothwendigen Bedingung der

Angemessenheit der Dauer zur Vollständigkeit der Erfüllung des

moralischen Gesetzes; das =zweite= aus der nothwendigen Voraussetzung

der Unabhängigkeit von der Sinnenwelt und des Vermögens der Bestimmung

seines Willens nach dem Gesetze einer |132.25| #239# intelligibelen

Welt, d. i. der Freiheit; das =dritte= aus der Nothwendigkeit der

Bedingung zu einer solchen intelligibelen Welt, um das höchste Gut zu

sein, durch die Voraussetzung des höchsten selbstständigen Guts, d. i.

des Daseins Gottes.

Die durch die Achtung fürs moralische Gesetz nothwendige Absicht

|132.30| aufs höchste Gut und daraus fließende Voraussetzung der

objectiven Realität desselben führt also durch Postulate der

praktischen Vernunft zu Begriffen, welche die speculative Vernunft zwar

als Aufgaben vortragen, sie aber nicht auflösen konnte. Also 1. zu

derjenigen, in deren Auflösung die letztere nichts als =Paralogismen=

begehen konnte (nämlich der Unsterblichkeit), weil es ihr am Merkmale

der Beharrlichkeit fehlte, um den psychologischen Begriff eines letzten

Subjects, welcher der Seele im Selbstbewußtsein nothwendig beigelegt

wird, zur realen Vorstellung einer Substanz zu ergänzen, welches die

praktische Vernunft durch das Postulat einer |133.5| zur Angemessenheit

mit dem moralischen Gesetze im höchsten Gute, als dem ganzen Zwecke der

praktischen Vernunft, erforderlichen Dauer ausrichtet. 2. Führt sie zu

dem, wovon die speculative Vernunft nichts als =Antinomie= enthielt,

deren Auflösung sie nur auf einem problematisch zwar denkbaren, aber

seiner objectiven Realität nach für sie nicht erweislichen |133.10| und

bestimmbaren Begriffe gründen konnte, nämlich die =kosmologische= Idee

einer intelligibelen Welt und das Bewußtsein unseres #240# Daseins in

derselben, vermittelst des Postulats der Freiheit (deren Realität sie

durch das moralische Gesetz darlegt und mit ihm zugleich das Gesetz

einer intelligibelen Welt, worauf die speculative nur hinweisen, ihren

|133.15| Begriff aber nicht bestimmen konnte). 3. Verschafft sie dem,

was speculative Vernunft zwar denken, aber als bloßes transscendentales

=Ideal= unbestimmt lassen mußte, dem =theologischen= Begriffe des

Urwesens, Bedeutung (in praktischer Absicht, d. i. als einer Bedingung

der Möglichkeit des Objects eines durch jenes Gesetz bestimmten

Willens) als dem |133.20| obersten Princip des höchsten Guts in einer

intelligibelen Welt durch gewalthabende moralische Gesetzgebung in

derselben.

Wird nun aber unser Erkenntniß auf solche Art durch reine praktische

Vernunft wirklich erweitert, und ist das, was für die speculative

=transscendent= war, in der praktischen =immanent=? Allerdings, aber

=nur in |133.25| praktischer Absicht=. Denn wir erkennen zwar dadurch

weder unserer Seele Natur, noch die intelligibele Welt, noch das

höchste Wesen nach dem, was sie an sich selbst sind, sondern haben nur

die Begriffe von ihnen im =praktischen= Begriffe des =höchsten Guts=

vereinigt, als dem Objecte unseres Willens, und völlig _a priori_ durch

reine Vernunft, aber nur vermittelst |133.30| des moralischen Gesetzes

und auch blos in Beziehung auf dasselbe, in Ansehung des Objects, das

es gebietet. Wie aber auch nur die Freiheit #241# möglich sei, und wie

man sich diese Art von Causalität theoretisch und Positiv vorzustellen

habe, wird dadurch nicht eingesehen, sondern nur, daß eine solche sei,

durchs moralische Gesetz und zu dessen Behuf postulirt. So |133.35| ist

es auch mit den übrigen Ideen bewandt, die nach ihrer Möglichkeit kein

menschlicher Verstand jemals ergründen, aber auch, daß sie nicht wahre

Begriffe sind, keine Sophisterei der Überzeugung selbst des gemeinsten

Menschen jemals entreißen wird.

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der praktischen Vernunft. · 第 37 / 44 题