I. #204#

Die Antinomie der praktischen Vernunft.

In dem höchsten für uns praktischen, d. i. durch unsern Willen wirklich

|113.15| zu machenden, Gute werden Tugend und Glückseligkeit als

nothwendig verbunden gedacht, so daß das eine durch reine praktische

Vernunft nicht angenommen werden kann, ohne daß das andere auch zu ihm

gehöre. Nun ist diese Verbindung (wie eine jede überhaupt) entweder

=analytisch=, oder =synthetisch=. Da diese gegebene aber nicht

analytisch sein kann, wie |113.20| nur eben vorher gezeigt worden,

so muß sie synthetisch und zwar als Verknüpfung der Ursache mit der

Wirkung gedacht werden: weil sie ein praktisches Gut, d. i. was durch

Handlung möglich ist, betrifft. Es muß also entweder die Begierde nach

Glückseligkeit die Bewegursache zu Maximen der Tugend, oder die Maxime

der Tugend muß die wirkende Ursache der |113.25| Glückseligkeit sein.

Das erste ist =schlechterdings= unmöglich: weil (wie in der Analytik

bewiesen worden) Maximen, die den Bestimmungsgrund des Willens in dem

Verlangen nach seiner Glückseligkeit setzen, gar nicht moralisch sind

und keine Tugend gründen können. Das zweite ist aber =auch unmöglich=,

weil alle praktische Verknüpfung der Ursachen und der |113.30|

Wirkungen in der Welt als Erfolg der Willensbestimmung sich nicht nach

#205# moralischen Gesinnungen des Willens, sondern der Kenntniß der

Naturgesetze und dem physischen Vermögen, sie zu seinen Absichten zu

gebrauchen, richtet, folglich keine nothwendige und zum höchsten Gut

zureichende Verknüpfung der Glückseligkeit mit der Tugend in der Welt

durch die pünktlichste |113.35| Beobachtung der moralischen Gesetze

erwartet werden kann. Da nun die Beförderung des höchsten Guts,

welches diese Verknüpfung in seinem Begriffe enthält, ein _a priori_

nothwendiges Object unseres Willens ist und mit dem moralischen Gesetze

unzertrennlich zusammenhängt, so muß die Unmöglichkeit des ersteren

auch die Falschheit des zweiten beweisen. |114.5| Ist also das höchste

Gut nach praktischen Regeln unmöglich, so muß auch das moralische

Gesetz, welches gebietet dasselbe zu befördern, phantastisch und auf

leere eingebildete Zwecke gestellt, mithin an sich falsch sein.

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der praktischen Vernunft. · 第 32 / 44 题