Die Antinomie der praktischen Vernunft.
In dem höchsten für uns praktischen, d. i. durch unsern Willen wirklich
|113.15| zu machenden, Gute werden Tugend und Glückseligkeit als
nothwendig verbunden gedacht, so daß das eine durch reine praktische
Vernunft nicht angenommen werden kann, ohne daß das andere auch zu ihm
gehöre. Nun ist diese Verbindung (wie eine jede überhaupt) entweder
=analytisch=, oder =synthetisch=. Da diese gegebene aber nicht
analytisch sein kann, wie |113.20| nur eben vorher gezeigt worden,
so muß sie synthetisch und zwar als Verknüpfung der Ursache mit der
Wirkung gedacht werden: weil sie ein praktisches Gut, d. i. was durch
Handlung möglich ist, betrifft. Es muß also entweder die Begierde nach
Glückseligkeit die Bewegursache zu Maximen der Tugend, oder die Maxime
der Tugend muß die wirkende Ursache der |113.25| Glückseligkeit sein.
Das erste ist =schlechterdings= unmöglich: weil (wie in der Analytik
bewiesen worden) Maximen, die den Bestimmungsgrund des Willens in dem
Verlangen nach seiner Glückseligkeit setzen, gar nicht moralisch sind
und keine Tugend gründen können. Das zweite ist aber =auch unmöglich=,
weil alle praktische Verknüpfung der Ursachen und der |113.30|
Wirkungen in der Welt als Erfolg der Willensbestimmung sich nicht nach
#205# moralischen Gesinnungen des Willens, sondern der Kenntniß der
Naturgesetze und dem physischen Vermögen, sie zu seinen Absichten zu
gebrauchen, richtet, folglich keine nothwendige und zum höchsten Gut
zureichende Verknüpfung der Glückseligkeit mit der Tugend in der Welt
durch die pünktlichste |113.35| Beobachtung der moralischen Gesetze
erwartet werden kann. Da nun die Beförderung des höchsten Guts,
welches diese Verknüpfung in seinem Begriffe enthält, ein _a priori_
nothwendiges Object unseres Willens ist und mit dem moralischen Gesetze
unzertrennlich zusammenhängt, so muß die Unmöglichkeit des ersteren
auch die Falschheit des zweiten beweisen. |114.5| Ist also das höchste
Gut nach praktischen Regeln unmöglich, so muß auch das moralische
Gesetz, welches gebietet dasselbe zu befördern, phantastisch und auf
leere eingebildete Zwecke gestellt, mithin an sich falsch sein.