Von der Dialektik der reinen Vernunft in Bestimmung des |110.10|
Begriffs vom höchsten Gut.
Der Begriff des =Höchsten= enthält schon eine Zweideutigkeit, die, wenn
man darauf nicht Acht hat, unnöthige Streitigkeiten veranlassen kann.
Das Höchste kann das Oberste (_supremum_) oder auch das Vollendete
(_consummatum_) bedeuten. Das erstere ist diejenige Bedingung,
|110.15| die selbst unbedingt, d. i. keiner andern untergeordnet, ist
(_originarium_); das zweite dasjenige Ganze, das kein Theil eines
noch größeren Ganzen von derselben Art ist (_perfectissimum_). Daß
Tugend (als die Würdigkeit glücklich zu sein) die =oberste Bedingung=
alles dessen, was uns nur wünschenswerth scheinen mag, mithin auch
aller unserer Bewerbung um |110.20| Glückseligkeit, mithin das
=oberste= Gut sei, ist in der Analytik bewiesen worden. Darum ist
sie aber noch nicht das ganze und vollendete Gut, als Gegenstand des
Begehrungsvermögens vernünftiger endlicher Wesen; denn um das zu sein,
wird auch =Glückseligkeit= dazu erfordert und zwar nicht blos in den
parteiischen Augen der Person, die sich selbst zum Zwecke |110.25|
#199# macht, sondern selbst im Urtheile einer unparteiischen Vernunft,
die jene überhaupt in der Welt als Zweck an sich betrachtet. Denn der
Glückseligkeit bedürftig, ihrer auch würdig, dennoch aber derselben
nicht theilhaftig zu sein, kann mit dem vollkommenen Wollen eines
vernünftigen Wesens, welches zugleich alle Gewalt hätte, wenn wir uns
auch nur ein solches zum |110.30| Versuche denken, gar nicht zusammen
bestehen. So fern nun Tugend und Glückseligkeit zusammen den Besitz des
höchsten Guts in einer Person, hiebei aber auch Glückseligkeit, ganz
genau in Proportion der Sittlichkeit (als Werth der Person und deren
Würdigkeit glücklich zu sein) ausgetheilt, das =höchste Gut= einer
möglichen Welt ausmachen: so bedeutet dieses das |110.35| Ganze, das
vollendete Gute, worin doch Tugend immer als Bedingung das oberste
Gut ist, weil es weiter keine Bedingung über sich hat, Glückseligkeit
immer etwas, was dem, der sie besitzt, zwar angenehm, aber nicht
für sich allein schlechterdings und in aller Rücksicht gut ist,
sondern jederzeit das moralische gesetzmäßige Verhalten als Bedingung
voraussetzt. |111.5|
Zwei in einem Begriffe =nothwendig= verbundene Bestimmungen müssen
als Grund und Folge verknüpft sein, und zwar entweder so, daß
diese =Einheit= als =analytisch= (logische Verknüpfung) oder als
=synthetisch= (reale Verbindung), jene nach dem Gesetze der Identität,
diese der #200# Causalität betrachtet wird. Die Verknüpfung der Tugend
mit der Glückseligkeit |111.10| kann also entweder so verstanden werden,
daß die Bestrebung tugendhaft zu sein und die vernünftige Bewerbung
um Glückseligkeit nicht zwei verschiedene, sondern ganz identische
Handlungen wären, da denn der ersteren keine andere Maxime, als zu der
letztern zum Grunde gelegt zu werden brauchte: oder jene Verknüpfung
wird darauf ausgesetzt, daß |111.15| Tugend die Glückseligkeit als
etwas von dem Bewußtsein der ersteren Unterschiedenes, wie die Ursache
eine Wirkung, hervorbringe.
Von den alten griechischen Schulen waren eigentlich nur zwei, die
in Bestimmung des Begriffs vom höchsten Gute so fern zwar einerlei
Methode befolgten, daß sie Tugend und Glückseligkeit nicht als zwei
verschiedene |111.20| Elemente des höchsten Guts gelten ließen, mithin
die Einheit des Princips nach der Regel der Identität suchten; aber
darin schieden sie sich wiederum, daß sie unter beiden den Grundbegriff
verschiedentlich wählten. Der =Epikureer= sagte: sich seiner auf
Glückseligkeit führenden Maxime bewußt sein, das ist Tugend; der
=Stoiker=: sich seiner Tugend bewußt |111.25| sein, ist Glückseligkeit.
Dem ersteren war =Klugheit= so viel als Sittlichkeit; dem zweiten, der
eine höhere Benennung für die Tugend wählte, war =Sittlichkeit= allein
wahre Weisheit.
Man muß bedauren, daß die Scharfsinnigkeit dieser Männer (die #201#
man doch zugleich darüber bewundern muß, daß sie in so frühen Zeiten
|111.30| schon alle erdenkliche Wege philosophischer Eroberungen
versuchten) unglücklich angewandt war, zwischen äußerst ungleichartigen
Begriffen, dem der Glückseligkeit und dem der Tugend, Identität
zu ergrübeln. Allein es war dem dialektischen Geiste ihrer Zeiten
angemessen, was auch jetzt bisweilen subtile Köpfe verleitet,
wesentliche und nie zu vereinigende Unterschiede |111.35| in Principien
dadurch aufzuheben, daß man sie in Wortstreit zu verwandeln sucht
und so dem Scheine nach Einheit des Begriff blos unter verschiedenen
Benennungen erkünstelt, und dieses trifft gemeiniglich solche Fälle,
wo die Vereinigung ungleichartiger Gründe so tief oder hoch liegt,
oder eine so gänzliche Umänderung der sonst im philosophischen System
angenommenen Lehren erfordern würde, daß man Scheu trägt sich in den
realen Unterschied tief einzulassen und ihn lieber als Uneinigkeit in
bloßen |112.5| Formalien behandelt.
Indem beide Schulen Einerleiheit der praktischen Principien der Tugend
und Glückseligkeit zu ergrübeln suchten, so waren sie darum nicht
unter sich einhellig, wie sie diese Identität herauszwingen wollten,
sondern schieden sich in unendliche Weiten von einander, indem die
eine ihr Princip |112.10| auf der ästhetischen, die andere auf der
logischen Seite, jene im Bewußtsein des sinnlichen Bedürfnisses, die
andere in der Unabhängigkeit #202# der praktischen Vernunft von allen
sinnlichen Bestimmungsgründen setzte. Der Begriff der Tugend lag nach
dem =Epikureer= schon in der Maxime seine eigene Glückseligkeit zu
befördern; das Gefühl der Glückseligkeit war |112.15| dagegen nach
dem =Stoiker= schon im Bewußtsein seiner Tugend enthalten. Was aber
in einem andern Begriffe enthalten ist, ist zwar mit einem Theile
des Enthaltenden, aber nicht mit dem Ganzen einerlei, und zwei Ganze
können überdem specifisch von einander unterschieden sein, ob sie
zwar aus eben demselben Stoffe bestehen, wenn nämlich die Theile in
|112.20| beiden auf ganz verschiedene Art zu einem Ganzen verbunden
werden. Der Stoiker behauptete, Tugend sei das =ganze höchste Gut=
und Glückseligkeit nur das Bewußtsein des Besitzes derselben als zum
Zustand des Subjects gehörig. Der Epikureer behauptete, Glückseligkeit
sei das =ganze höchste Gut= und Tugend nur die Form der Maxime sich um
sie zu bewerben, |112.25| nämlich im vernünftigen Gebrauche der Mittel
zu derselben.
Nun ist aber aus der Analytik klar, daß die Maximen der Tugend und
die der eigenen Glückseligkeit in Ansehung ihres obersten praktischen
Princips ganz ungleichartig sind und, weit gefehlt, einhellig zu
sein, ob sie gleich zu einem höchsten Guten gehören, um das letztere
möglich zu |112.30| machen, einander in demselben Subjecte gar sehr
einschränken und Abbruch thun. Also bleibt die Frage: =wie ist das
höchste Gut praktisch #203# möglich?= noch immer unerachtet aller
bisherigen =Coalitionsversuche= eine unaufgelösete Aufgabe. Das aber,
was sie zu einer schwer zu lösenden Aufgabe macht, ist in der Analytik
gegeben, nämlich daß Glückseligkeit |112.35| und Sittlichkeit zwei
specifisch ganz =verschiedene Elemente= des höchsten Guts sind, und
ihre Verbindung also =nicht analytisch= erkannt werden könne (daß
etwa der, so seine Glückseligkeit sucht, in diesem seinem Verhalten
sich durch bloße Auflösung seiner Begriffe tugendhaft, oder der, so
der Tugend folgt, sich im Bewußtsein eines solchen Verhaltens schon
_ipso facto_ glücklich finden werde), sondern eine =Synthesis= der
Begriffe sei. Weil aber diese Verbindung als _a priori_, mithin
praktisch nothwendig, |113.5| folglich nicht als aus der Erfahrung
abgeleitet erkannt wird, und die Möglichkeit des höchsten Guts also
auf keinen empirischen Principien beruht, so wird die =Deduction=
dieses Begriffs =transscendental= sein müssen. Es ist _a priori_
(moralisch) nothwendig, =das höchste Gut durch Freiheit des Willens
hervorzubringen=; es muß also auch die Bedingung |113.10| der
Möglichkeit desselben lediglich auf Erkenntnißgründen _a priori_
beruhen.