Zweites Hauptstück. #198#

Von der Dialektik der reinen Vernunft in Bestimmung des |110.10|

Begriffs vom höchsten Gut.

Der Begriff des =Höchsten= enthält schon eine Zweideutigkeit, die, wenn

man darauf nicht Acht hat, unnöthige Streitigkeiten veranlassen kann.

Das Höchste kann das Oberste (_supremum_) oder auch das Vollendete

(_consummatum_) bedeuten. Das erstere ist diejenige Bedingung,

|110.15| die selbst unbedingt, d. i. keiner andern untergeordnet, ist

(_originarium_); das zweite dasjenige Ganze, das kein Theil eines

noch größeren Ganzen von derselben Art ist (_perfectissimum_). Daß

Tugend (als die Würdigkeit glücklich zu sein) die =oberste Bedingung=

alles dessen, was uns nur wünschenswerth scheinen mag, mithin auch

aller unserer Bewerbung um |110.20| Glückseligkeit, mithin das

=oberste= Gut sei, ist in der Analytik bewiesen worden. Darum ist

sie aber noch nicht das ganze und vollendete Gut, als Gegenstand des

Begehrungsvermögens vernünftiger endlicher Wesen; denn um das zu sein,

wird auch =Glückseligkeit= dazu erfordert und zwar nicht blos in den

parteiischen Augen der Person, die sich selbst zum Zwecke |110.25|

#199# macht, sondern selbst im Urtheile einer unparteiischen Vernunft,

die jene überhaupt in der Welt als Zweck an sich betrachtet. Denn der

Glückseligkeit bedürftig, ihrer auch würdig, dennoch aber derselben

nicht theilhaftig zu sein, kann mit dem vollkommenen Wollen eines

vernünftigen Wesens, welches zugleich alle Gewalt hätte, wenn wir uns

auch nur ein solches zum |110.30| Versuche denken, gar nicht zusammen

bestehen. So fern nun Tugend und Glückseligkeit zusammen den Besitz des

höchsten Guts in einer Person, hiebei aber auch Glückseligkeit, ganz

genau in Proportion der Sittlichkeit (als Werth der Person und deren

Würdigkeit glücklich zu sein) ausgetheilt, das =höchste Gut= einer

möglichen Welt ausmachen: so bedeutet dieses das |110.35| Ganze, das

vollendete Gute, worin doch Tugend immer als Bedingung das oberste

Gut ist, weil es weiter keine Bedingung über sich hat, Glückseligkeit

immer etwas, was dem, der sie besitzt, zwar angenehm, aber nicht

für sich allein schlechterdings und in aller Rücksicht gut ist,

sondern jederzeit das moralische gesetzmäßige Verhalten als Bedingung

voraussetzt. |111.5|

Zwei in einem Begriffe =nothwendig= verbundene Bestimmungen müssen

als Grund und Folge verknüpft sein, und zwar entweder so, daß

diese =Einheit= als =analytisch= (logische Verknüpfung) oder als

=synthetisch= (reale Verbindung), jene nach dem Gesetze der Identität,

diese der #200# Causalität betrachtet wird. Die Verknüpfung der Tugend

mit der Glückseligkeit |111.10| kann also entweder so verstanden werden,

daß die Bestrebung tugendhaft zu sein und die vernünftige Bewerbung

um Glückseligkeit nicht zwei verschiedene, sondern ganz identische

Handlungen wären, da denn der ersteren keine andere Maxime, als zu der

letztern zum Grunde gelegt zu werden brauchte: oder jene Verknüpfung

wird darauf ausgesetzt, daß |111.15| Tugend die Glückseligkeit als

etwas von dem Bewußtsein der ersteren Unterschiedenes, wie die Ursache

eine Wirkung, hervorbringe.

Von den alten griechischen Schulen waren eigentlich nur zwei, die

in Bestimmung des Begriffs vom höchsten Gute so fern zwar einerlei

Methode befolgten, daß sie Tugend und Glückseligkeit nicht als zwei

verschiedene |111.20| Elemente des höchsten Guts gelten ließen, mithin

die Einheit des Princips nach der Regel der Identität suchten; aber

darin schieden sie sich wiederum, daß sie unter beiden den Grundbegriff

verschiedentlich wählten. Der =Epikureer= sagte: sich seiner auf

Glückseligkeit führenden Maxime bewußt sein, das ist Tugend; der

=Stoiker=: sich seiner Tugend bewußt |111.25| sein, ist Glückseligkeit.

Dem ersteren war =Klugheit= so viel als Sittlichkeit; dem zweiten, der

eine höhere Benennung für die Tugend wählte, war =Sittlichkeit= allein

wahre Weisheit.

Man muß bedauren, daß die Scharfsinnigkeit dieser Männer (die #201#

man doch zugleich darüber bewundern muß, daß sie in so frühen Zeiten

|111.30| schon alle erdenkliche Wege philosophischer Eroberungen

versuchten) unglücklich angewandt war, zwischen äußerst ungleichartigen

Begriffen, dem der Glückseligkeit und dem der Tugend, Identität

zu ergrübeln. Allein es war dem dialektischen Geiste ihrer Zeiten

angemessen, was auch jetzt bisweilen subtile Köpfe verleitet,

wesentliche und nie zu vereinigende Unterschiede |111.35| in Principien

dadurch aufzuheben, daß man sie in Wortstreit zu verwandeln sucht

und so dem Scheine nach Einheit des Begriff blos unter verschiedenen

Benennungen erkünstelt, und dieses trifft gemeiniglich solche Fälle,

wo die Vereinigung ungleichartiger Gründe so tief oder hoch liegt,

oder eine so gänzliche Umänderung der sonst im philosophischen System

angenommenen Lehren erfordern würde, daß man Scheu trägt sich in den

realen Unterschied tief einzulassen und ihn lieber als Uneinigkeit in

bloßen |112.5| Formalien behandelt.

Indem beide Schulen Einerleiheit der praktischen Principien der Tugend

und Glückseligkeit zu ergrübeln suchten, so waren sie darum nicht

unter sich einhellig, wie sie diese Identität herauszwingen wollten,

sondern schieden sich in unendliche Weiten von einander, indem die

eine ihr Princip |112.10| auf der ästhetischen, die andere auf der

logischen Seite, jene im Bewußtsein des sinnlichen Bedürfnisses, die

andere in der Unabhängigkeit #202# der praktischen Vernunft von allen

sinnlichen Bestimmungsgründen setzte. Der Begriff der Tugend lag nach

dem =Epikureer= schon in der Maxime seine eigene Glückseligkeit zu

befördern; das Gefühl der Glückseligkeit war |112.15| dagegen nach

dem =Stoiker= schon im Bewußtsein seiner Tugend enthalten. Was aber

in einem andern Begriffe enthalten ist, ist zwar mit einem Theile

des Enthaltenden, aber nicht mit dem Ganzen einerlei, und zwei Ganze

können überdem specifisch von einander unterschieden sein, ob sie

zwar aus eben demselben Stoffe bestehen, wenn nämlich die Theile in

|112.20| beiden auf ganz verschiedene Art zu einem Ganzen verbunden

werden. Der Stoiker behauptete, Tugend sei das =ganze höchste Gut=

und Glückseligkeit nur das Bewußtsein des Besitzes derselben als zum

Zustand des Subjects gehörig. Der Epikureer behauptete, Glückseligkeit

sei das =ganze höchste Gut= und Tugend nur die Form der Maxime sich um

sie zu bewerben, |112.25| nämlich im vernünftigen Gebrauche der Mittel

zu derselben.

Nun ist aber aus der Analytik klar, daß die Maximen der Tugend und

die der eigenen Glückseligkeit in Ansehung ihres obersten praktischen

Princips ganz ungleichartig sind und, weit gefehlt, einhellig zu

sein, ob sie gleich zu einem höchsten Guten gehören, um das letztere

möglich zu |112.30| machen, einander in demselben Subjecte gar sehr

einschränken und Abbruch thun. Also bleibt die Frage: =wie ist das

höchste Gut praktisch #203# möglich?= noch immer unerachtet aller

bisherigen =Coalitionsversuche= eine unaufgelösete Aufgabe. Das aber,

was sie zu einer schwer zu lösenden Aufgabe macht, ist in der Analytik

gegeben, nämlich daß Glückseligkeit |112.35| und Sittlichkeit zwei

specifisch ganz =verschiedene Elemente= des höchsten Guts sind, und

ihre Verbindung also =nicht analytisch= erkannt werden könne (daß

etwa der, so seine Glückseligkeit sucht, in diesem seinem Verhalten

sich durch bloße Auflösung seiner Begriffe tugendhaft, oder der, so

der Tugend folgt, sich im Bewußtsein eines solchen Verhaltens schon

_ipso facto_ glücklich finden werde), sondern eine =Synthesis= der

Begriffe sei. Weil aber diese Verbindung als _a priori_, mithin

praktisch nothwendig, |113.5| folglich nicht als aus der Erfahrung

abgeleitet erkannt wird, und die Möglichkeit des höchsten Guts also

auf keinen empirischen Principien beruht, so wird die =Deduction=

dieses Begriffs =transscendental= sein müssen. Es ist _a priori_

(moralisch) nothwendig, =das höchste Gut durch Freiheit des Willens

hervorzubringen=; es muß also auch die Bedingung |113.10| der

Möglichkeit desselben lediglich auf Erkenntnißgründen _a priori_

beruhen.

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der praktischen Vernunft. · 第 31 / 44 题