Von einer Dialektik der reinen praktischen Vernunft überhaupt. |107.5|

Die reine Vernunft hat jederzeit ihre Dialektik, man mag sie in ihrem

speculativen oder praktischen Gebrauche betrachten; denn sie verlangt

die absolute Totalität der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten,

und diese kann schlechterdings nur in Dingen an sich selbst angetroffen

werden. Da aber alle Begriffe der Dinge auf Anschauungen bezogen werden

|107.10| müssen, welche bei uns Menschen niemals anders als sinnlich

sein können, mithin die Gegenstände nicht als Dinge an sich selbst,

sondern blos als Erscheinungen erkennen lassen, in deren Reihe des

Bedingten und der Bedingungen das Unbedingte niemals angetroffen werden

kann, so entspringt ein unvermeidlicher Schein aus der Anwendung dieser

Vernunftidee der |107.15| #193# Totalität der Bedingungen (mithin des

Unbedingten) aus Erscheinungen, als wären sie Sachen an sich selbst

(denn dafür werden sie in Ermangelung einer warnenden Kritik jederzeit

gehalten), der aber niemals als trüglich bemerkt werden würde, wenn

er sich nicht durch einen =Widerstreit= der Vernunft mit sich selbst

in der Anwendung ihres Grundsatzes, |107.20| das Unbedingte zu allem

Bedingten vorauszusetzen, auf Erscheinungen selbst verriethe. Hiedurch

wird aber die Vernunft genöthigt, diesem Scheine nachzuspüren, woraus

er entspringe, und wie er gehoben werden könne, welches nicht anders

als durch eine vollständige Kritik des ganzen reinen Vernunftvermögens

geschehen kann; so daß die Antinomie der |107.25| reinen Vernunft, die

in ihrer Dialektik offenbar wird, in der That die wohlthätigste

Verirrung ist, in die die menschliche Vernunft je hat gerathen

können, indem sie uns zuletzt antreibt, den Schlüssel zu suchen, aus

diesem Labyrinthe herauszukommen, der, wenn er gefunden worden, noch

das entdeckt, was man nicht suchte und doch bedarf, nämlich eine

Aussicht |107.30| in eine höhere, unveränderliche Ordnung der Dinge,

in der wir schon jetzt sind, und in der unser Dasein der höchsten

Vernunftbestimmung gemäß fortzusetzen, wir durch bestimmte Vorschriften

nunmehr angewiesen werden können.

Wie im speculativen Gebrauche der reinen Vernunft jene natürliche

#194# Dialektik aufzulösen und der Irrthum aus einem übrigens

natürlichen Scheine zu verhüten sei, kann man in der Kritik jenes

Vermögens ausführlich |108.5| antreffen. Aber der Vernunft in ihrem

praktischen Gebrauche geht es um nichts besser. Sie sucht als reine

praktische Vernunft zu dem praktisch Bedingten (was auf Neigungen

und Naturbedürfniß beruht) ebenfalls das Unbedingte, und zwar nicht

als Bestimmungsgrund des Willens, sondern, wenn dieser auch (im

moralischen Gesetze) gegeben worden, |108.10| die unbedingte Totalität

des =Gegenstandes= der reinen praktischen Vernunft, unter dem Namen des

HÖCHSTEN GUTS.

Diese Idee praktisch, d. i. für die Maxime unseres vernünftigen

Verhaltens, hinreichend zu bestimmen, ist die =Weisheitslehre=, und

diese wiederum als =Wissenschaft= ist =Philosophie= in der Bedeutung,

wie |108.15| die Alten das Wort verstanden, bei denen sie eine

Anweisung zu dem Begriffe war, worin das höchste Gut zu setzen, und

zum Verhalten, durch welches es zu erwerben sei. Es wäre gut, wenn

wir dieses Wort bei seiner alten Bedeutung ließen, als eine =Lehre

vom höchsten Gut=, so fern die Vernunft bestrebt ist, es darin zur

=Wissenschaft= zu bringen. Denn |108.20| einestheils würde die

angehängte einschränkende Bedingung dem griechischen Ausdrucke (welcher

Liebe zur =Weisheit= bedeutet) angemessen und doch zugleich hinreichend

sein, die Liebe zur =Wissenschaft=, mithin aller #195# speculativen

Erkenntniß der Vernunft, so fern sie ihr sowohl zu jenem Begriffe, als

auch dem praktischen Bestimmungsgrunde dienlich ist, unter |108.25|

dem Namen der Philosophie mit zu befassen, und doch den Hauptzweck, um

dessentwillen sie allein Weisheitslehre genannt werden kann, nicht aus

den Augen verlieren lassen. Anderen Theils würde es auch nicht übel

sein, den Eigendünkel desjenigen, der es wagte sich des Titels eines

Philosophen selbst anzumaßen, abzuschrecken, wenn man ihm schon durch

die |108.30| Definition den Maßstab der Selbstschätzung vorhielte, der

seine Ansprüche sehr herabstimmen wird; denn ein =Weisheitslehrer=

zu sein, möchte wohl etwas mehr als einen Schüler bedeuten, der noch

immer nicht weit genug gekommen ist, um sich selbst, vielweniger um

andere mit sicherer Erwartung eines so hohen Zwecks zu leiten; es

würde einen =Meister in |108.35| Kenntniß der Weisheit= bedeuten,

welches mehr sagen will, als ein bescheidener Mann sich selber anmaßen

wird, und Philosophie würde so wie die Weisheit selbst noch immer ein

Ideal bleiben, welches objectiv in der Vernunft allein vollständig

vorgestellt wird, subjectiv aber, für die Person, nur das Ziel seiner

unaufhörlichen Bestrebung ist, und in dessen Besitz unter dem

angemaßten Namen eines Philosophen zu sein, nur der vorzugeben

berechtigt ist, der auch die unfehlbare Wirkung derselben (in

Beherrschung |109.5| seiner selbst und dem ungezweifelten Interesse,

das er vorzüglich #196# am allgemeinen Guten nimmt) an seiner Person

als Beispiele aufstellen kann, welches die Alten auch forderten, um

jenen Ehrennamen verdienen zu können.

In Ansehung der Dialektik der reinen praktischen Vernunft, im |109.10|

Punkte der Bestimmung des Begriffs =vom höchsten Gute= (welche,

wenn ihre Auflösung gelingt, eben sowohl als die der theoretischen

die wohlthätigste Wirkung erwarten läßt, dadurch daß die aufrichtig

angestellte und nicht verhehlte Widersprüche der reinen praktischen

Vernunft mit ihr selbst zur vollständigen Kritik ihres eigenen

Vermögens nöthigen), haben |109.15| wir nur noch eine Erinnerung

voranzuschicken.

Das moralische Gesetz ist der alleinige Bestimmungsgrund des reinen

Willens. Da dieses aber blos formal ist (nämlich allein die Form der

Maxime als allgemein gesetzgebend fordert), so abstrahirt es als

Bestimmungsgrund von aller Materie, mithin von allem Objecte des

Wollens. |109.20| Mithin mag das höchste Gut immer der ganze

=Gegenstand= einer reinen praktischen Vernunft, d. i. eines reinen

Willens, sein, so ist es darum doch nicht für den =Bestimmungsgrund=

desselben zu halten, und das moralische Gesetz muß allein als der Grund

angesehen werden, jenes und dessen Bewirkung oder Beförderung sich zum

Objecte zu machen. Diese Erinnerung |109.25| ist in einem so delicaten

Falle, als die Bestimmung sittlicher #197# Principien ist, wo auch

die kleinste Mißdeutung Gesinnungen verfälscht, von Erheblichkeit.

Denn man wird aus der Analytik ersehen haben, daß, wenn man vor dem

moralischen Gesetze irgend ein Object unter dem Namen eines Guten

als Bestimmungsgrund des Willens annimmt und von |109.30| ihm dann

das oberste praktische Princip ableitet, dieses alsdann jederzeit

Heteronomie herbeibringen und das moralische Princip verdrängen würde.

Es versteht sich aber von selbst, daß, wenn im Begriffe des

höchsten Guts das moralische Gesetz als oberste Bedingung schon

mit eingeschlossen |109.35| ist, alsdann das höchste Gut nicht blos

=Object=, sondern auch sein Begriff und die Vorstellung der durch

unsere praktische Vernunft möglichen Existenz desselben zugleich der

=Bestimmungsgrund= des reinen Willens sei: weil alsdann in der That das

in diesem Begriffe schon eingeschlossene und mitgedachte moralische

Gesetz und kein anderer Gegenstand nach dem Princip der Autonomie den

Willen bestimmt. Diese Ordnung der Begriffe von der Willensbestimmung

darf nicht aus den Augen gelassen |110.5| werden: weil man sonst sich

selbst mißversteht und sich zu widersprechen glaubt, wo doch alles in

der vollkommensten Harmonie neben einander steht.

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der praktischen Vernunft. · 第 30 / 44 题