Die reine Vernunft hat jederzeit ihre Dialektik, man mag sie in ihrem
speculativen oder praktischen Gebrauche betrachten; denn sie verlangt
die absolute Totalität der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten,
und diese kann schlechterdings nur in Dingen an sich selbst angetroffen
werden. Da aber alle Begriffe der Dinge auf Anschauungen bezogen werden
|107.10| müssen, welche bei uns Menschen niemals anders als sinnlich
sein können, mithin die Gegenstände nicht als Dinge an sich selbst,
sondern blos als Erscheinungen erkennen lassen, in deren Reihe des
Bedingten und der Bedingungen das Unbedingte niemals angetroffen werden
kann, so entspringt ein unvermeidlicher Schein aus der Anwendung dieser
Vernunftidee der |107.15| #193# Totalität der Bedingungen (mithin des
Unbedingten) aus Erscheinungen, als wären sie Sachen an sich selbst
(denn dafür werden sie in Ermangelung einer warnenden Kritik jederzeit
gehalten), der aber niemals als trüglich bemerkt werden würde, wenn
er sich nicht durch einen =Widerstreit= der Vernunft mit sich selbst
in der Anwendung ihres Grundsatzes, |107.20| das Unbedingte zu allem
Bedingten vorauszusetzen, auf Erscheinungen selbst verriethe. Hiedurch
wird aber die Vernunft genöthigt, diesem Scheine nachzuspüren, woraus
er entspringe, und wie er gehoben werden könne, welches nicht anders
als durch eine vollständige Kritik des ganzen reinen Vernunftvermögens
geschehen kann; so daß die Antinomie der |107.25| reinen Vernunft, die
in ihrer Dialektik offenbar wird, in der That die wohlthätigste
Verirrung ist, in die die menschliche Vernunft je hat gerathen
können, indem sie uns zuletzt antreibt, den Schlüssel zu suchen, aus
diesem Labyrinthe herauszukommen, der, wenn er gefunden worden, noch
das entdeckt, was man nicht suchte und doch bedarf, nämlich eine
Aussicht |107.30| in eine höhere, unveränderliche Ordnung der Dinge,
in der wir schon jetzt sind, und in der unser Dasein der höchsten
Vernunftbestimmung gemäß fortzusetzen, wir durch bestimmte Vorschriften
nunmehr angewiesen werden können.
Wie im speculativen Gebrauche der reinen Vernunft jene natürliche
#194# Dialektik aufzulösen und der Irrthum aus einem übrigens
natürlichen Scheine zu verhüten sei, kann man in der Kritik jenes
Vermögens ausführlich |108.5| antreffen. Aber der Vernunft in ihrem
praktischen Gebrauche geht es um nichts besser. Sie sucht als reine
praktische Vernunft zu dem praktisch Bedingten (was auf Neigungen
und Naturbedürfniß beruht) ebenfalls das Unbedingte, und zwar nicht
als Bestimmungsgrund des Willens, sondern, wenn dieser auch (im
moralischen Gesetze) gegeben worden, |108.10| die unbedingte Totalität
des =Gegenstandes= der reinen praktischen Vernunft, unter dem Namen des
HÖCHSTEN GUTS.
Diese Idee praktisch, d. i. für die Maxime unseres vernünftigen
Verhaltens, hinreichend zu bestimmen, ist die =Weisheitslehre=, und
diese wiederum als =Wissenschaft= ist =Philosophie= in der Bedeutung,
wie |108.15| die Alten das Wort verstanden, bei denen sie eine
Anweisung zu dem Begriffe war, worin das höchste Gut zu setzen, und
zum Verhalten, durch welches es zu erwerben sei. Es wäre gut, wenn
wir dieses Wort bei seiner alten Bedeutung ließen, als eine =Lehre
vom höchsten Gut=, so fern die Vernunft bestrebt ist, es darin zur
=Wissenschaft= zu bringen. Denn |108.20| einestheils würde die
angehängte einschränkende Bedingung dem griechischen Ausdrucke (welcher
Liebe zur =Weisheit= bedeutet) angemessen und doch zugleich hinreichend
sein, die Liebe zur =Wissenschaft=, mithin aller #195# speculativen
Erkenntniß der Vernunft, so fern sie ihr sowohl zu jenem Begriffe, als
auch dem praktischen Bestimmungsgrunde dienlich ist, unter |108.25|
dem Namen der Philosophie mit zu befassen, und doch den Hauptzweck, um
dessentwillen sie allein Weisheitslehre genannt werden kann, nicht aus
den Augen verlieren lassen. Anderen Theils würde es auch nicht übel
sein, den Eigendünkel desjenigen, der es wagte sich des Titels eines
Philosophen selbst anzumaßen, abzuschrecken, wenn man ihm schon durch
die |108.30| Definition den Maßstab der Selbstschätzung vorhielte, der
seine Ansprüche sehr herabstimmen wird; denn ein =Weisheitslehrer=
zu sein, möchte wohl etwas mehr als einen Schüler bedeuten, der noch
immer nicht weit genug gekommen ist, um sich selbst, vielweniger um
andere mit sicherer Erwartung eines so hohen Zwecks zu leiten; es
würde einen =Meister in |108.35| Kenntniß der Weisheit= bedeuten,
welches mehr sagen will, als ein bescheidener Mann sich selber anmaßen
wird, und Philosophie würde so wie die Weisheit selbst noch immer ein
Ideal bleiben, welches objectiv in der Vernunft allein vollständig
vorgestellt wird, subjectiv aber, für die Person, nur das Ziel seiner
unaufhörlichen Bestrebung ist, und in dessen Besitz unter dem
angemaßten Namen eines Philosophen zu sein, nur der vorzugeben
berechtigt ist, der auch die unfehlbare Wirkung derselben (in
Beherrschung |109.5| seiner selbst und dem ungezweifelten Interesse,
das er vorzüglich #196# am allgemeinen Guten nimmt) an seiner Person
als Beispiele aufstellen kann, welches die Alten auch forderten, um
jenen Ehrennamen verdienen zu können.
In Ansehung der Dialektik der reinen praktischen Vernunft, im |109.10|
Punkte der Bestimmung des Begriffs =vom höchsten Gute= (welche,
wenn ihre Auflösung gelingt, eben sowohl als die der theoretischen
die wohlthätigste Wirkung erwarten läßt, dadurch daß die aufrichtig
angestellte und nicht verhehlte Widersprüche der reinen praktischen
Vernunft mit ihr selbst zur vollständigen Kritik ihres eigenen
Vermögens nöthigen), haben |109.15| wir nur noch eine Erinnerung
voranzuschicken.
Das moralische Gesetz ist der alleinige Bestimmungsgrund des reinen
Willens. Da dieses aber blos formal ist (nämlich allein die Form der
Maxime als allgemein gesetzgebend fordert), so abstrahirt es als
Bestimmungsgrund von aller Materie, mithin von allem Objecte des
Wollens. |109.20| Mithin mag das höchste Gut immer der ganze
=Gegenstand= einer reinen praktischen Vernunft, d. i. eines reinen
Willens, sein, so ist es darum doch nicht für den =Bestimmungsgrund=
desselben zu halten, und das moralische Gesetz muß allein als der Grund
angesehen werden, jenes und dessen Bewirkung oder Beförderung sich zum
Objecte zu machen. Diese Erinnerung |109.25| ist in einem so delicaten
Falle, als die Bestimmung sittlicher #197# Principien ist, wo auch
die kleinste Mißdeutung Gesinnungen verfälscht, von Erheblichkeit.
Denn man wird aus der Analytik ersehen haben, daß, wenn man vor dem
moralischen Gesetze irgend ein Object unter dem Namen eines Guten
als Bestimmungsgrund des Willens annimmt und von |109.30| ihm dann
das oberste praktische Princip ableitet, dieses alsdann jederzeit
Heteronomie herbeibringen und das moralische Princip verdrängen würde.
Es versteht sich aber von selbst, daß, wenn im Begriffe des
höchsten Guts das moralische Gesetz als oberste Bedingung schon
mit eingeschlossen |109.35| ist, alsdann das höchste Gut nicht blos
=Object=, sondern auch sein Begriff und die Vorstellung der durch
unsere praktische Vernunft möglichen Existenz desselben zugleich der
=Bestimmungsgrund= des reinen Willens sei: weil alsdann in der That das
in diesem Begriffe schon eingeschlossene und mitgedachte moralische
Gesetz und kein anderer Gegenstand nach dem Princip der Autonomie den
Willen bestimmt. Diese Ordnung der Begriffe von der Willensbestimmung
darf nicht aus den Augen gelassen |110.5| werden: weil man sonst sich
selbst mißversteht und sich zu widersprechen glaubt, wo doch alles in
der vollkommensten Harmonie neben einander steht.